Im vorliegenden Essay werden unterschiedliche Analysekonzepte und Theorien zur Entwicklung und sozialen Konstruktion von Techniken dargestellt und einer Beurteilung unterzogen.
Zunächst soll auf das Analysemodell von Delphine Gardey dargestellt werden. Gardey untersuchte dazu die soziale Konstruktion von „stereotypen“ Frauenberufen in der Zeit der 1920er Jahre in vergleichender Perspektive zwischen Frankreich und den USA. Tayloristisches Arbeitsprinzip und „social construction“ von neuen Berufen werden dabei als Erklärungsmuster verwendet.
Gardey skizziert dazu die Herausbildung und Festigung von Bildern bestimmter Arbeitssituationen der Frauen ab 1900 in den USA und Frankreich. Neu strukturierte Produktionsprozesse und eine neue Managementkultur veränderten die sozialen Beziehungsmuster. Als Beispiel wird unter anderem die Schreibmaschine genommen. In diesem Falle wurden der Frau die nötigen Eigenschaften zu deren Bedienung zugeschrieben, woraus sich das allgemeingültige Bild ergab, dass nur Frauen für den Stenographistenberuf geeignet waren. Die Autorin will den deterministischen Erklärungsansatz nicht generell in Frage stellen, führt aber andere Aspekte an, die dieses Bild letztendlich suggerierten. Demnach war es der technische Artefakt (die Schreibmaschine), der eine neue soziale Konfiguration zwischen Mann und Frau am Arbeitsplatz entstehen ließ, jedoch maßgeblich bedingt durch die Zuweisung von Eigenschaften durch Werbung und die kulturelle Entwicklung der männlichen Angestellten. Die Werbung personifizierte bestimmte neue Technologien und die Männer erachteten es als unangemessen an der Schreibmaschine zu arbeiten. Die Begabungen und Befähigungen der Frauen wurden durch diese Situation überdeckt. Die Männer blieben, wie im 19. Jahrhundert, Industriearbeiter, oder machten in einer übergeordneten Position als Vorgesetzter von einzelnen Gruppen oder einem Unternehmen Gebraucht von den Technologien, die ihre Macht und Kontrolleinfluss verstärkten. Die Frauen wurden durch diese Arbeitssituation, geprägt durch die Rahmenbedingung des tayloristischen Produktionsprinzips, in eine dominierte und Technikbedienende Rolle gedrängt worden.
Der Aufsatz Gardey’s soll nun kritisch beleuchtet werden. Die Autorin hat den Text klar mit Überschriften strukturiert. Nach der Erläuterung der Fragestellung und den Annahmen die es zu überprüfen gilt, geht sie systematisch an die Thematik heran. Zunächst wird die Rolle von Artefakten bei der Entstehung von sozialen Rollen dargestellt. Daraufhin wird der Verlauf bei der Zuweisung von Eigenschaften von Objekten zu Menschen herausgearbeitet und am
Beispiel der Schreibmaschine festgemacht. Auf dieser Grundlage baut Gardey die zentrale These auf, dass soziale Beziehungen und Wahrnehmungsmuster entscheidend sind bei der Konfiguration von sozialen Rollen. Dazu untersucht sie die wirtschaftliche Organisation der 20er Jahre, die durch das tayloristische Arbeitsprinzip eben diese Konfiguration der Mannfrau Rolle in der Arbeitswelt verursachte. Hinzu kommt das kulturelle Merkmal, unabhängig von organisatorischen Strukturen. 1 Interessant ist hierbei die Feststellung, dass die Männer eher die Techniken instrumentalisierten oder eben als Industriearbeiter des 19. Jahrhunderts weiterhin beschäftigt waren und Frauen 70% (1920) der Büroangestellten ausmachten. Sie bedienten die Techniken. Diese Situation macht die Logik deutlich, dass die weiblichen Erwerbtätigen in die Rolle der Telefonistin oder Sekretärin gedrängt wurden das Bild suggeriert wurde, dass Frauen aufgrund ihrer natürlichen Eigenschaften für diese Aufgaben bestimmt waren. Vielmehr waren es demnach die äußeren Umstände, Taylorismus und männliche Dominanz, sowie Wahrnehmungsmuster, die diese soziale Konfiguration zuließen. Allerdings birgt diese logisch erscheinende Erklärung dieser Phänomene auch Schwächen. Es ist zwar richtig, dass Männer die Techniken benutzen „…or rather are served by them -standing up, mobile, in communication with the outside world, with the possibility of going out there as well“ 2 , jedoch ist zu fragen ob dies nicht einer einseitig psychologischen Perspektive zu sehr entgegen kommt. Es ist fraglich ob man in der Lage ist, dies aus der Rückschau zu beurteilen, oder ob nicht die soziale Herkunft über die Arbeitssituation darüber entschied. Zudem wird damit wiederum ein Stereotyp entworfen, wenn Gardey der Frau besondere Fähigkeiten zuschreibt, die durch eine männerdominierte Umwelt überdeckt seien. Empirisch lässt sich dies wohl nicht halten. Die Frauen waren Ende des 19. und auch Anfang des 20. Jh. gesellschaftlich unterprivilegiert. Hinzu kommt die zeitliche Ansiedlung der Argumentation. In den 1920er Jahre, kurz nach dem Krieg, ist es nicht verwunderlich, dass Frauen auf den Arbeitsmarkt drängten, da die Männer nicht mehr alle freien Stellen füllen konnten. Ihre schlechteren Bildungschancen lassen es als logisch erscheinen, dass sie nicht zahlenmäßig gleichgestellt mit den Männern Unternehmen gründeten oder administrative Führungspositionen einnahmen, sondern derartige, einfache Aufgaben übernahmen und ihnen dadurch eine Möglichkeiten gegeben wurde sich selbst zu versorgen. Gardeys These der
1 Gardey, Delphine: Culture of Gender and Culture of Technology. The Gendering of Things in France’s Office
Spaces between 1890 and 1930, in: Helga Nowotny (Hrsg.): Cultures of Technology and the quest for
innovation, New York 2006, S. 73-94.
Gardey beschreibt damit unter anderem die Wahrnehmung von Aufgaben der Frauen, die auf andere Techniken
übertragen werden, wie z.B. im Falle des Comptometers, vgl. Gardey: Culture of Gender, S. 84.
2 Ebenda, S. 88.
Arbeit zitieren:
Julian Ostendorf, 2009, Theorien Sozialer Konstruktion von Techniken - Überblick und Beurteilung, München, GRIN Verlag GmbH
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