Inhaltsverzeichnis
Einleitung 5
1. Arbeitshypothese 7
2. Definitionen 7
2.1. Definition „Landgemeinschaften“ 7
2.2. Definition „Zukunftsfähigkeit“: 9
2.2.1 Zur Kritik des Begriffs der „Nachhaltigkeit“ 10
3. Historische Entwicklung der Landgemeinschaften 13
4. Gegenwärtige Situation der Landgemeinschaften 19
5. Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Probleme 24
5.1. Ökonomie Soziales 24
5.1.1 Entwicklung des Neoliberalismus 24
5.1.2 Auswirkungen des Neoliberalismus 27
5.1.3 Die Zinsdynamik 33
5.1.4 Wachstum 34
5.1.3 Weitere soziale Auswirkungen 36
5.2. Ökologie 38
5.3. Fazit 44
6. Untersuchung der Auswirkungen der Landgemeinschaften
auf die Gesellschaft 45
6.1. Vorstellung der untersuchten Landgemeinschaften 46
6.1.1 Das Ökodorf Sieben Linden 47
6.1.2 ZEGG (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung ) 51
6.1.3 Kommune Niederkaufungen 54
6.2. Darstellung der Auswertungsergebnisse 57
6.2.1 Einfluss der Landgemeinschaften auf das nähere Umfeld 57
6.2.1.1 Das Dorf/die Region: 57
3
6.2.1.2 Besucher, Gleichgesinnte 64
6.2.2 Resonanz im Bereich Medien, Politik und Wissenschaft 68
6.2.2.1 Medien 68
6.2.2.2 Institutionalisierte Politik 69
6.2.2.4 Wissenschaft 72
6.2.3. Konkrete Projekte/Aktionen und politisches Engagement 76
6.2.4. Bekanntheitsgrad 78
6.2.5 Zusammenfassung 79
7. Schluss 82
7.1. Diskussion der Forschungsfragen 82
7.1.1 Bedarf die derzeitige gesellschaftliche Situation einer
grundlegenden Veränderung? 82
7.1.2 Stellen Landgemeinschaften überhaupt sinnvolle Modelle
fundamentaler Veränderungen dar? 86
7.1.3 Welche konkreten Auswirkungen Resonanzen lassen sich in
der Gesellschaft wiederfinden? 93
7.2. Fazit 96
Literaturverzeichnis 102
Anhang: Interviewleitfaden
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Einleitung
Seit biblischen Zeiten warnen Menschen vor menschheitsbedrohenden Katastrophen. Apokalyptische Vorahnungen scheinen zu einer anthropologischen Konstante geworden zu sein. Seit den 70er Jahren, insbesondere seit dem Erscheinen des Berichtes an den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ (1972), haben diese Befürchtungen eine neue Qualität bekommen, denn sie werden nun u.a. von wissenschaftlicher Seite mit immer unleugbareren Fakten bestätigt. Die Menschheit scheint sich auf die globale Zerstörung der Lebensgrundlagen zuzubewegen. In Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung, kam ich dazu, mich der Frage der Erhaltung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Lebensgrundlagen. zuzuwenden Da auch Landgemeinschaften dieses Thema als zentrales Anliegen und das Ziel verfolgen - und in der Praxis erprobte Auswege aus dieser Entwicklung aufzeigen, beschäftige ich mich seit 1994 mit solchen Projekten. 1999 habe ich mich dann dafür entschieden, in ein Landgemeinschaftsprojekt in Brandenburg mit einzusteigen. Aufgrund dieses Erfahrungshintergrundes hat sich meine Motivation entwickelt, mich mit der Frage zu beschäftigen, welche Relevanz die Landgemeinschaften für die Gesellschaft besitzen.
Man kann die gesellschaftliche Relevanz von Landgemeinschaften unter vielfältigen sozialen, ökonomischen, ökologischen, politischen und kulturellen Aspekten untersuchen. Da eine Untersuchung all dieser Aspekte den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde, habe ich mich entschlossen, meine Untersuchung auf die Bereiche zu konzentrieren, welche die Überlebensfähigkeit der Gesellschaft betreffen, Entwicklungen in den Bereichen Ökonomie, Ökologie und soziale Entwicklung.
In diesem Sinne werde ich in dieser Arbeit drei Aspekte gesellschaftlicher Rele-
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vanz von Landgemeinschaften unterscheiden. Die Relevanz von Landgemeinschaften muss sich daran bemessen lassen,
- ob sie notwendig sind: Ihre Relevanz bemisst sich u.a. daran, inwiefern es eine
gesellschaftliche Notwendigkeit für eine andere Lebensweise gibt.
Bedarf die derzeitige gesellschaftliche Situation tatsächlich grundlegender Veränderungen?
- ob sie brauchbar sind: Auch die Frage, ob sie brauchbare Modelle für notwendige
Veränderungen repräsentieren, beeinflusst ihre Relevanz.
Stellen Landgemeinschaften zukunftsfähige Modelle zum derzeitigen gesellschaftlichen System dar?
- ob sie wirksam sind: Um gesellschaftlich relevant zu sein, bedarf es verändernder
Welche Auswirkungen haben Landgemeinschaften auf die Gesellschaft? Welche Resonanzen lassen sich feststellen?
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1. Arbeitshypothese
Gegenwärtig sind die Landgemeinschaften in ihren konkreten Auswirkungen gesamtgesellschaftlich nicht von besonderer Bedeutung. Da die Gesellschaft jedoch langfristig ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört, werden Landgemeinschaften als zukunftsfähige Alternative immer wichtiger werden.
2. Definitionen
2.1. Definition „Landgemeinschaften“
Es hat sich noch kein aussagekräftiger Oberbegriff für die vielfältigen Arten der Gemeinschaften herausgebildet. Meist belässt man es verallgemeinernd bei „Gemeinschaften“, „Kommunen“ oder man spricht von „Gemeinschaftsprojekten“. Natürlich können sämtliche Lebensgemeinschaften und überhaupt alle Formen gemeinschaftlichen Handelns als Gemeinschaftsprojekte bezeichnet werden. Der Begriff der Landgemeinschaften hat sich allerdings speziell für den in meiner Untersuchung beschriebenen Typ durchgesetzt, so dass auch ich ihn in dieser Weise verwende
Die Bezeichnung „Kommune“ verallgemeinert einen bestimmten Typ von Landgemeinschaften (s.u.), der in den 70er Jahren vorherrschend war, mit dem sich aber mittlerweile immer weniger Landgemeinschaften identifizieren. Im englischsprachigen Raum hat sich der Begriff „intentional communities“ 1 eingebürgert, was als „intentionale Gemeinschaften“ allmählich Eingang in den deutschsprachigen Diskurs findet.
Mit diesen Begriffen wird der Umstand bezeichnet, dass eine Gruppe von Menschen sich freiwillig entschieden hat, gemeinschaftlich eine Alternativ zum
1 Ausgehend von der Umbenennung des größten US-Netzwerks für Gemeinschaftsprojekte von "Inter-Community Exchange in "Fellowship of Intentional Communities" in 1986
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Mainstream existierende Lebensweise in der Stadt oder auf dem Land zu kreieren und zu leben. Sie entscheiden sich bewusst dafür, zusammenzuleben und tun dies nicht nur, weil es sich aufgrund kultureller Faktoren ergeben hat. Dadurch ergibt sich eine Abgrenzung beispielsweise zu den traditionellen Dorfgemeinschaften, die ansonsten nicht von Ökodörfern zu unterscheiden wären. Das Gemeinschaftliche daran bezieht sich auf einen alltäglichen Lebensstil, bei dem relativ viel miteinander geteilt wird. Das erstreckt sich beispielsweise auf Mahlzeiten, Kinderbetreuung, soziales Leben, Ideen und Weltanschauungen bzw. Glaube und den Besitz von Geldmitteln, Gärten und Häusern. Dieses Miteinander-Teilen ist frei gewählt und geht über Gründe bloßer Praktikabilität oder Bequemlichkeit hinaus.
Am einen Ende des Spektrums finden sich Gruppen, welche die Gemeinschaft über eventuelle Untereinheiten (Familie, Wohngruppe) stellen und einen sehr hohen Grad an sozialer und ökonomischer Verbindlichkeit haben (z.B. gemeinsame Kasse). Der Unterschied zwischen Persönlichem und Gemeinschaftlichem löst sich hier tendenziell symbiotisch auf. Solche Gemeinschaften werden meistens als „Kommunen“ bezeichnet.
Im Unterschied dazu stehen Gruppen, die sich als Gemeinschaft sehen, aber in individuellen Haushalten oder weitgehend selbstbestimmten Wohngruppen bzw. Nachbarschaften leben und Entscheidungen subsidiär mit sowenig Mitgliedern wie nötig treffen (wobei die Institution des Gesamtplenums weiterhin existiert). Statt einer gemeinsamen Kasse gibt es die gemeinsame Finanzierung bestimmter Bereiche. Ein klarer Begriff für diese Gemeinschaften fehlt. Versuche von Autoren, dafür die Bezeichnung „kommunitäre Gemeinschaften“ einzuführen, haben sich bislang nicht durchgesetzt. Diese Gemeinschaften können Hunderte oder auch Tausende von Mitgliedern haben. Kommunen seien in der Regel mit weniger als 20 Mitgliedern viel kleiner, wie der Soziologe Bill Metcalf schreibt (vgl. Met-
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calf/Blömer 1996). Sehr große, als Kommune funktionierende Gruppen gäbe es selten und „nur mit Hilfe eines starken charismatischen Anführers und einem Glaubens- und Wertesystem, das die Gruppe über das Individuum stellt und aktive Gemeinschaftlichkeit belohnt“ (ebd. S.9). 2 Eine Ausnahme davon stellen z.B. die sozialistischen Kibbuzim dar, z.B. das Kibbuz Givat Brenner mit rund 2000 Mitgliedern. Den entscheidenden Grund für die „natürliche“ Größenbegrenzung von Kommunen sieht er in der sozialen Komplexität bzw. in der Unmöglichkeit, in einer solchen Gruppe enge persönliche Verbindungen zu einer Menge von Menschen aufzubauen und aufrecht zu erhalten.
Zwischen Kommunen und kommunitären Gemeinschaften gibt es unzählige Über-gangsformen. Landgemeinschaften sind in diesem Spektrum nicht spezifisch ver-ortet (lediglich geographisch).
Bei den religiösen bzw. spirituellen Gemeinschaften muss man differenzieren zwischen jenen, denen es primär um ihr eigenes Seelenheil geht und jenen, die letztlich eine Verbesserung der gesamten Gesellschaft im Sinn haben, wobei die Übergänge fließend sind.
Erstere haben zwar trotzdem die Gesellschaft in der Vergangenheit z.T. deutlich beeinflusst. Die größten und ältesten heutigen Gemeinschaften in Deutschland gehören zu diesem Bereich. Ich möchte sie hier jedoch ungeachtet ihrer Qualitäten vernachlässigen, ebenso wie Behindertendörfer und therapeutische Gemeinschaften (im engeren Sinne), da die zwangsläufig sozial unausgewogene Zusammensetzung und die eigene Zielsetzung von vornherein keine gesamtgesellschaftliche Perspektive beinhaltet.
2.2. Definition „Zukunftsfähigkeit“:
Ich verwende den Begriff „Zukunftsfähigkeit“ bzw. „zukunftsfähig“ analog zu der
2 Die größte derartige Gemeinschaft im Eurotopia-Projekteverzeichnis ist die „Ecopolis Tiberkul“ in
Russland mit 3000 Mitgliedern, die von dem christlich orientierten Führer Vissarion geleitet wird.
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naturwissenschaftlichen Definition der Nachhaltigkeit. Sie orientiert sich an dem Kriterium der Bestandserhaltung eines Systems im Sinne einer Stoffstrombetrachtung. Demzufolge ist ein System dann nachhaltig, wenn infolge von Umsätzen nicht mehr Stoffe abfließen als zufließen (vgl. Fritz/Huber/Levi 1995). Damit ist die Voraussetzung für langfristige Stabilität gegeben. 3 Im gesellschaftspolitischen Nachhaltigkeitsdiskurs ist der Begriff „Nachhaltigkeit“ jedoch auf eine Weise konnotiert, die ihn zur Bezeichnung von Stabilität im Sinne der Erhaltung der Le-bensgrundlagen zweifelhaft macht.
2.2.1 Zur Kritik des Begriffs der „Nachhaltigkeit“
Der Begriff ist schon über 200 Jahre alt. Forstwirte bezeichneten so die Form des Wirtschaftens, bei der langfristig nicht mehr Holz geschlagen wird als wieder nachwächst. Damit ging aber auch die Entstehung einer „modernen“ Forstwirtschaft einher, in deren Folge die Wälder weiterhin verschwanden. Sie wurden ersetzt durch anfällige, monokulturelle, „besenreine“ Holzplantagen, auf denen großflächig dichtstehende gleichaltrige Bestände schnellwachsender Sorten (normalerweise Fichten) meist außerhalb ihrer natürlichen Verbreitungsgebiete angebaut wurden. Dauerhafte Maximalerträge waren Zweck dieser Nachhaltigkeit, die für die Waldökologie eine Katastrophe bedeutete. (vgl. Stern 1989) Ebenso ambivalent ist das heutige Verständnis des Begriffs. 1987 wurde der Begriff wieder aktuell, als die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung im sogenannten Brundtland-Bericht „sustainable development“ (in der deutschen Fassung mit „dauerhaft“ übersetzt) als umwelt- und entwicklungspolitisches Konzept einführte.
Laut Definition geht es um eine Entwicklung, die „die Bedürfnisse der heutigen Menschen erfüllt, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu beschrän- 3 DiesesVerständnis von Stabilität schließt Entwicklung und qualitatives Wachstum nicht aus.
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ken, ihre Bedürfnisse zu erfüllen“. Dabei wird weder zwischen den Bedürfnissen im Norden und Süden unterschieden, noch zwischen menschlichen Lebensnotwendigkeiten und dem Konsumverhalten, das im wesentlichen auf das Verbrauchsverhalten des Nordens ausgerichtet ist. Diese Definition ist somit in dieser Form gar nicht anwendbar, da sie in sich widersprüchlich ist, denn gerade die Bedürfnisse des Nordens lassen sich nicht erfüllen, ohne die Bedürfniserfüllung zukünftiger Generationen zu beschränken. Somit erlaubt diese Definition eine Auslegung, nach der weiterhin die Interessen der zukünftigen Generationen zugunsten der heutigen vernachlässigt werden können, ohne sich mangelndes Verantwortungsbewusstsein nachsagen lassen zu müssen. Möglicherweise war das die Voraussetzung dafür, dass dieser Begriff vor allem seit der Rio-Konferenz 1992 zu einer Lieblingsvokabel der Politiker geworden ist. Selbst die chemische Industrie oder der Bauernver-band - der sich zur Zeit im Konflikt um die Ökologisierung der Landwirtschaft wieder als Verfechter der industriellen Landwirtschaft profiliert - nehmen schon ein „nachhaltiges Wirtschaften“ für sich in Anspruch.
„Normative Setzungen dieser Art sind selbst im globalen Raum konsensfähig, auch über die verschiedenen Kulturkreise, politischen Positionen und wissenschaftlichen Schulen hinweg - freilich nur solange, wie die ethischen Implikationen der Norm nicht expliziert werden müssen. (Altvater 1992: 224) Die „nachhaltige Entwicklung“ im Verständnis der Agenda 21 beinhaltet auch Gen- und Atomtechnik (Kap 16.1, 22.1), eine weitere Liberalisierung des Handels (Kap.2.7) und zwingend weiteres (permanentes) Wirtschaftswachstum. Für Wirtschaftsexperten, von welchen die Politiker die behauptete Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums übernommen haben, besitzt jedoch die Frage des Erhalts der Lebensgrundlagen keine Relevanz. Sie taucht nicht in ihrer Agenda auf (vgl. Kapitel Ökonomie).
In der Agenda 21 findet sich auch die Zieldefinition „in geringerem Maße auf die erschöpfbaren Ressourcen der Erde zurückgreifen und mit der Tragfähigkeit der Erde besser im Einklang stehen“ (Kap. 4.11). Worte wie „geringer“ und „besser“
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zeigen an, dass es nur um eine womöglich gewissensberuhigende Minderung der Vernichtung der Lebensgrundlagen geht, nicht um ihre Beendigung. Die Bundesregierung konkretisiert in ihrem Entwurf für die „Nationale Nachhaltigkeitsstrategie“ 21 Indikatoren für eine „nachhaltige Entwicklung“, u.a. auch: Finanzierungssaldo des Staatssektors, Investitionsquote, Bruttoinlandprodukt, Private und öffentliche Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Zahl der Wohnungseinbruchsdiebstähle, Ganztagsbetreuungsangebote, Verhältnis der Bruttojahresverdienste von Frauen und Männern, Zufriedenheit mit der Gesundheit, Zahl der ausländischen Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss, Einfuhren der EU aus Entwicklungsländern. 4 Aus diesen Kriterien wird deutlich, wie flexibel und vieldeutig der Begriff der Nachhaltigkeit angewendet wird.. Im politischen Diskurs sind „Nachhaltige Entwicklung“ bzw. „Nachhaltigkeit“ also unscharfe Begriffe, die inhaltlich primär mit einer kurz- bis mittelfristig ausgelegten Politik gefüllt werden, die sich am Leitbild eines modernisierten Industriekapitalismus orientiert.
Aus diesen Gründen halte ich es für notwendig, einen anderen Begriff zu verwenden, wenn man eine Politik beschreiben will, die tatsächlich auf langfristige Überlebensfähigkeit ausgerichtet ist. In der Verwendung des Begriffes „Zukunftsfähigkeit“ sehe ich eine eindeutigere Alternative.
“Nachhaltigkeit“ benutze ich im Folgenden daher nur im Zusammenhang mit „nachhaltiger Regionalentwicklung“, da dieses ein feststehender Ausdruck geworden ist.
4 http://www.dialog-nachhaltigkeit.de/html/infos.htm, 09.12.2001
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3. Historische Entwicklung der Landgemeinschaften
Die moderne säkulare Geschichte der Landgemeinschaften hatte ihre konkreten Anfänge in den USA, die ja auch für religiöse Gemeinschaften aller Art ideale Freiräume bot. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten sich dort die ersten Gemeinschaften auf der Grundlage sozialer Utopien mit dem Anspruch, eine menschengerechte Gesellschaftsform populär zu machen. Vor allen Dingen deutsche, französische und englische Auswanderer brachten soziale Ideale mit in die USA. Die Sozialutopisten wie Charles Fourier, Robert Owen und Charles Saint-Simon formulierten Sozialphilosophien und gründeten Gemeinschaften zur Umsetzung und Bekanntmachung ihrer Ideen. 1869 haben schätzungsweise 60 solcher utopisch-sozialistischen Gemeinschaften existiert („History of American Socialism“, John Humphrey Jones). Die Vorteile für Gemeinschaftsgründungen dieser Art lagen in der Verfügbarkeit von großen Mengen billigen Landes, in weitgehender politischer Freiheit und in der Möglichkeit, sich von der industrialisierten Welt zurückzuziehen.
In den Jahren 1825 bis 1830 gründete Robert Owen die ersten Kommunen zur Umsetzung seiner sozialen Theorie. Anfang des 19. Jahrhunderts begann Owen die soziale Sanierung eines völlig desolaten Industriedorfes in Schottland und erlangte später dank seiner Erfolge Bekanntheit in ganz Europa. Über seine Ergebnisse kam er zu dem Schluss, dass ein „gleicher Grad der Sittlichkeit und des Glücks die Gleichheit aller materiellen Lebensbedingungen voraussetzt“ (Utopische Kommunen in den USA, H. Morris).
Owen entwickelte sich zum Kommunisten mit dem Anspruch, sein Modell zu einem gesamtgesellschaftlichen Versuch zu machen. Als wahrhafter Utopist wandte er sich an das Wohlwollen der Reichen und unterbreitete seine Pläne sogar dem Zar Nikolaus von Russland und dem Aachener Fürstenkongress von 1818, allerdings ohne Erfolg. Da er in den USA bessere Möglichkeiten für das Umsetzen seiner Ideen sah, hielt er Vorträge vor dem Repräsentantenhaus in Washington und initiierte mehrere große kommunistische Gemeinschaften mit bis zu 1000 Men-
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schen aus allen europäischen Ländern. Am bekanntesten wurde „New Harmony“. Dort gab es erstmals in den USA einen Kindergarten und eine freie und gemischtgeschlechtliche Schule. Männer und Frauen waren gleichberechtigt an Entscheidungen beteiligt, Sklaven wurden freigekauft und gleichberechtigt integriert. Produktionsmittel und Geld wurden gemeinsam verwaltet. Die Bewegung, die durch die Schriften von Charles Fourier ins Leben gerufen wurde („ Neue Industrielle Welt“, „Falsche Industrie und ihr Gegenmittel, die natürliche anziehende Industrie“) erlangte ebenfalls nationale Bedeutung in den USA. Fourier war kein erklärter Kommunist; er stellte göttliche Gesetzmäßigkeiten von Harmonie und Freiheit in das Zentrum seiner Philosophie. „Das allgemeine Gedeihen und Glück der Menschheit ist nur eine Begleiterscheinung der universellen Harmonie seines Systems, nicht dessen erstes Ziel. Gott schuf das All nach einem einheitlichen und harmonischen Plane“, so Fourier (Linse 1983: 16). Daher gäbe es „einen harmonischen Zusammenhang zwischen allem was besteht, zwischen organischem und unorganischem Stoff, zwischen Menschen und Gott, zwischen Menschen und Erdball, zwischen Erdball und Universum. Als Gott den Menschen mit gewissen Trieben und Leidenschaften ausstattete, hatte er die freie und ungehemmte Ausübung dieser Triebe und Leidenschaften im Auge und nicht ihre Unterdrückung. Daher sind alle menschlichen Leidenschaften berechtigt und nützlich, und ideal ist derjenige Zustand der Gesellschaft, der ihren Mitgliedern ungehinderte Gelegenheit zu ihrer Befriedigung bietet“ (ebd.:16). Marx und Engels kritisierten die Ideen von Fourier, Owen und ähnlicher Frühsozialisten als „irrealen Utopismus“, weil sie an den tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnissen vorbeigingen (Demele 1979: 19).
Der Ursprung der „Alternativbewegung“ der Jahrhundertwende in Deutschland lag in der Kombination des Sozialutopismus mit der deutschen Romantik des 19. Jahr-hunderts. Mit dem zunehmenden Einfluss der Industrialisierung auf Individuum und Gesellschaft kam bereits die Sorge um naturzerstörerische Konsequenzen hin-
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zu. Die romantische Sehnsucht nach einem Leben in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen und den eigenen Gefühlen, das urchristliche Ideal sozialer und wirtschaftlicher Gemeinschaft und die Abwendung von „seelenloser Mechanisierung und egoistischem Geschäftsgeist“ (Demele 1979: 41) fand ihren Ausdruck in zahlreichen meist vegetarisch-lebensreformerischen Gemeinschaften. Es gab auch mehr sozialistisch ausgerichtete Gemeinschaften, die sich an Proudhon, Kropotkin und Landauer orientierten. Sie hatten die Ideen der Frühsozialisten weiterentwickelt, indem sie bspw. ein größeres Gewicht auf die Notwendigkeit der Veränderung des Bewusstseins legten. Dabei ging es letztlich immer um eine Veränderung der gesamten Gesellschaft. „Wir wollen Vorausgehende sein, wir wollen uns in Bewegung setzen und durch unsere Bewegung wollen wir die Massen bewegen“ (Gustav Landauer: Entstaatlichung - Für eine herrschaftslose Gesellschaft. Westbevern 1976: 50).
Um 1920 gab es rund 100 Landgemeinschaften, meist hierarchisch strukturiert. Anarchistisch-sozialistische, lebensreformerische und anthroposophische Gemeinschaften erprobten die Erneuerung aller Lebensbereiche vom Tanz über die Sexualität, die Ökonomie, die Rechtschreibung bis zur Kleidung und der Ernährung. Was sie miteinander teilten, war ihr Bedürfnis nach einer kollektiven Lebensweise, nach dem „Geist der Gemeinschaft“ 5 .
Von den Nationalsozialisten wurden dann die Sehnsüchte mancher dieser Gruppen in Verbindung mit dem faschistischen Gedankengut pervertiert und vereinnahmt. Die anderen, sich in dieser Zeit entwickelnden lebensreformerischen Gemeinschaftsmodelle, waren größtenteils entweder mit der Weltwirtschaftskrise zerfallen, scheiterten an sozialen Konflikten 6 oder wurden von den Nationalsozialisten zerschlagen. In der linken Literatur wird die damalige romantische Irrationalität häufig zum Wegbereiter des Faschismus erklärt.
5 Demele 1979: 40
6 meistens gründeten die Probleme in der Unfähigkeit, den eigenen hohen Idealen zu entsprechen
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Das Jahr 1967, das Jahr der außerparlamentarischen Opposition und subkultureller Initiativen, war der Beginn nicht nur der Stadtguerillabewegung, sondern auch der Beginn der Neubelebung eines Bewusstseins, in dem das Eigene und das Kollektive nicht mehr Anderen zur Fremdbestimmung überlassen werden sollte. Diesen Ideen von „Befreiung von äußeren und inneren Zwängen“ und vom Konkretisieren von Utopien folgte eine neue Welle von Kommune-Experimenten, deren Grundstein bereits 1966 mit der Gründung der K1 in Berlin gelegt wurde. Ihr Ziel war die Überwindung der Privatsphäre als Merkmal des verabscheuten Bürgertums, die gemeinsame Durchführung politischer Aktionen und die Abschaffung von Privateigentum und monogamer Beziehungen. Die Kommunardinnen der K1 lebten spontan und lustbetont, doch als das Interesse der geschockten Öffentlichkeit nachließ und die Interviewhonorare, mit denen sie sich finanzierten, weniger wurden, zerbrach die Gruppe nach kurzer Zeit, ohne jemals zu einem inneren Zusammenhalt gefunden zu haben. So wurden sie zwar nicht glücklich, aber immerhin berühmt als Pioniere der Entstehung alternativer Lebenszusammenhänge, deren Praxis kein Vorbild sein konnte, die aber neue Perspektiven zugänglich machten. In abgewandelter Form wurde die Idee der Wohngemeinschaft seither zur bestimmenden Lebensform im studentischen Bereich.
In jener Zeit lieferten die Werke von Wilhelm Reich und Erich Fromm die psychoanalytischen Demaskierungen des „Kleinbürgers“ und gaben Erklärungen für eigene Verhaltens- und Sexualprobleme, die als Neurosen identifiziert wurden. Mit Reichs Schriften diagnostizierte man 2faschistoide Gesellschaftsstrukturen“. Wissenschaftlich untermauert wurde die Suche nach Alternativen durch die „Frankfurter Schule“, die die marxistische Gesellschaftstheorie mit der Psychoanalyse verband (vgl. Groß 1977). Das trug zu zwei auseinanderdriftenden Auffassungen der Lebenspraxis der „Neuen Linken“ bei:
Einerseits Widerstand, für welchen die individuellen Situationen der Akteure nicht relevant sind, da das zu Verändernde „oben“ ist. Andererseits das subjektive Befreiungskonzept, d.h. Weltveränderung durch Selbstveränderung, politische Aktio-
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nen müssen Spaß machen, das Private ist politisch. Es war mit anderen Worten der Konflikt zwischen den Philosophien „das Sein verändert das Bewusstsein“ und „das Bewusstsein verändert das Sein“.
„Selbstveränderer“ wie die K1 wurden nicht nur unpolitischer Nabelschau bezichtigt, sondern oft auch faschistoider Tendenzen, wenn Spiritualität mit ins Spiel kam, während umgekehrt der Vorwurf lautete, dass die patriarchalen bürgerlichen Strukturen in den Köpfen die konventionellen zwischenmenschlichen und politischen Strukturen nur reproduzieren könne.
Der Sprung von der Stadt aufs Land wurde zunächst von der amerikanischen Hippie-Bewegung vorgelebt. Ab 1965 gründeten sich dort zahlreiche Landkommunen, die sich vor allem von der westlichen Zivilisation mit ihrem Konkurrenz-, Leistungs- und Konsumzwang lösen wollten und großen Wert auf Spiritualität und eine emotionale Beziehung zu Mutter Erde legten. Marcuses Schlagwort von der „Grossen Verweigerung“ wurde oft benutzt, um die grundsätzliche Dissidenz mit dem kapitalistischen System auszudrücken.
Nicht zuletzt durch den Internationalismus der neuen sozialen Bewegungen kam es bald auch in der BRD zu ähnlichen Projekten. Die ersten Vertreter einer Aussteigergesinnung traten um 1968/69 auf, als einige 68er wegen einem als trost- und perspektivlos empfundenen Leben in der Stadt aber auch aus antikapitalistischer Überzeugung die Konsequenz zogen, die großen Städte zu verlassen, ein vorindustrielles Landleben zu propagieren und Landkommunen zu gründen. Ihr Ideal war eine alternative, chemielose, kleinbäuerliche Landwirtschaft, die auf einem Selbstversorgungssystem beruht und auf das Maschinenwesen der letzten 150 Jahre so weit wie möglich verzichtet.
Um 1970 entstanden so einige landwirtschaftliche Kooperativen, in denen neben dem anarchischen Ausleben der Gefühle und der Sexualität auch die bäuerliche Arbeit eine große Rolle spielte, was sich in damaligen Alternativblättern mit Namen wie „Der grüne Zweig“, „Kompost und Humus“, „Sanfter Weg“ und „Middle Earth“ ausdrückte. In diesen Kommunen wollte man nach den Erfahrungen des technisierten Großstadtlebens wieder „ganzheitlich“ leben, wieder in der Natur
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aufgehen und autark sein. Maximale Selbstverwirklichung stand im Vordergrund. Auf eine politische oder erzieherische Wirkung nach außen kam es weniger an (vgl. Demele 1979: 55).
Doch häufig hielt die Idee von der romantischen Idylle auf dem Land der Realität nicht stand, da sich das „einfache Leben“ bald als das harte Leben entpuppte, zumindest was die körperliche Arbeit betraf. Viele Kommunen scheiterten an gruppendynamischen Prozessen, manche an der fehlenden Akzeptanz der Bevölkerung. Bei den meisten machte sich die Unerfahrenheit in landwirtschaftlichen Fragen negativ bemerkbar bzw. fehlte die ökonomische Perspektive völlig. Dennoch gaben manche Kommunen nicht gleich wieder auf und einige versuchten, mit anderen Siedlergruppen ein auf Tauschhandel basierendes Netzwerk zu schaffen, auf das sie in Notzeiten zurückgreifen konnten.
Trotz der anfänglichen Widrigkeiten entwickelte sich um die Mitte der siebziger Jahre doch so etwas wie ein „grünes Leben“ auf genossenschaftlicher Basis. Am langlebigsten erwiesen sich dabei die Projekte, die sich in Stadtnähe befanden und sich nicht völlig in der Alternativökonomie des eigenen Betriebes isolierten, sondern auch einen menschlichen und kulturellen Kontakt zur städtischen Gegenwelt aufrecht erhielten (vgl. Jarchow/Klugmann 1980). In dieser Zeit erschienen relativ viele Bücher zum Thema Landleben bzw. Landkommunen, doch es ging meistens nur um alternative Konzepte des menschlichen Zusammenlebens, kaum um spezifisch ökologische Aspekte. Es war viel von sozialer Erneuerung oder neuer Lebensqualität die Rede, die Frage ökologisch angepasster Lebensweisen war noch wenig in der Diskussion.
Dementsprechend konzentrierten sich einige der damaligen Kommunen auf zum Teil sehr radikale soziale Experimente, wie z.B. die von Otto Mühl 1972 gegründete und straff geführte berüchtigte AAO („Aktionsanalytische Organisation)“, deren Mitglieder versuchten, ohne Privateigentum, ohne Zweierbeziehungen und ohne technische Geräte auszukommen. Mühls extreme therapeutische Methode der
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Aktionsanalyse sollte die Befreiung des Individuums fördern. Neben Mühls Lieblingsthemen „scheißen, pissen, kotzen, ficken“ bestand sie aus Schlägen und Schreien bis hin zum rituellen symbolischen Elternmord und sollte der Bewältigung der in der Sozialisation erfahrenen Schädigungen dienen. Mühl nutzte gruppendynamische Prozesse (z.B. Konformitätsdruck), um sich an die Spitze einer Hierarchie zu setzen. Bald war durch bloßen sozialen Druck ein totalitäres System entstanden. Die Kommune zerbrach erst 1990, als Mühl wegen „Unzucht mit Minderjährigen“ zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde (vgl. Brumann 1998).
Im Gesamten waren die Gemeinschaften jedoch - im Gegensatz zu den meisten Vorkriegsgemeinschaften - nur sehr selten hierarchisch strukturiert. 7 Das in der Szene viel diskutierte Beispiel der AAO erfüllte zumindest insofern seinen Zweck, als es die Sensibilität für die Gefahr von Herrschaftsstrukturen in Gemeinschaften schärfte.
4. Gegenwärtige Situation der Landgemeinschaften
Es spricht nicht viel dafür, die Nachkriegs-Landgemeinschaften in eine Traditionslinie mit den Gemeinschaften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu stellen. Die heutigen Gemeinschaften entstanden bzw. entstehen vor einem ganz anderen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergrund. Es gibt nur selten eine Auseinandersetzung mit den Vorläufern oder deren Utopien bzw. Theorien. Auch beziehen sie sich in ihren Selbstdarstellungen nicht auf ihre damaligen Vorgänger. Auch spielt materielle Not für die Mitgliedschaft keine Rolle mehr. Der gegenwärtige Pluralismus und Liberalismus erfordert für die Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft keinen sozialen Ausstieg aus der Gesellschaft mehr. Anders leben ist mittlerweile ein fester, oft staatlich geförderter Bestandteil westlicher
7 zumindest nicht formell
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Gesellschaften geworden. Die staatliche Politik sowie das gesellschaftliche Klima sind nicht mehr so konservativ, repressiv und inhuman. Es hat entsprechend den politischen Lagern auch in den Gemeinschaftsprojekten eine Bewegung zum Gemäßigteren hin stattgefunden. Die Gemeinschaften sind mittlerweile ideologisch meist nicht mehr so fundamentalistisch bzw. sektiererisch ausgerichtet. Übereinstimmungen zu den Vorkriegs-Landgemeinschaften sind trotzdem unverkennbar. Eine engagierte Suche nach werteorientierten, menschengerechteren Lebensweisen, als Reaktion insbesondere auf die Erfahrung der Lebensrealität der großen Städte, die schon damals Ausgangspunkt der Kritik war, führt m.E. fast zwangsläufig in ähnliche Richtungen. Das zentrale Charakteristikum dabei ist das kollektive, kooperative Element.
Hier lassen sich zwei Dimensionen, die Gemeinschaftsprojekte und ihre Mitglieder wesentlich auszeichnen, unterscheiden:
Zum einen kennzeichnet sie - als Projekte - die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben, die Suche nach anderen, „mitwelt“-verträglicheren Lebensweisen. Deshalb probieren sie neue Leitideen aus, die sich von den Ausrichtungen und Verfahrensweisen herkömmlicher Lebensstile oder Gesellschaftsordnungen deutlich unterscheiden. Um Visionen und Strategien für andere Lebensweisen zu verwirklichen, suchen und beschreiten sie alternativ-innovative Wege, die häufig in gleich mehreren Hinsichten die gewohnten Verhältnisse transzendieren. Zum anderen - als Gemeinschaften - charakterisiert sie der Wunsch nach einem Leben in lebendiger Gemeinschaft mit anderen, eine Suche nach Lebensformen, die der Beziehung und dem Miteinander mit Menschen, auch mit Tieren und Pflanzen, einen besonderen Wert geben. Im praktischen Alltag integrieren Gemeinschaftsmitglieder daher häufig zentrale Lebensbereiche in ihr Gemeinschaftsleben: vielfach essen, wohnen und arbeiten sie zusammen. War die erste Generation der Nachkriegslandgemeinschaften (bis etwa Mitte der Achtziger) noch relativ klar weltanschaulich ausdifferenziert (Anarchospontis,
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Sozialisten, Ökos, Hippies, Anthroposophen, Christen, New Age-Spirituelle), so ist die jetzige Generation nicht mehr so deutlich gegeneinander abzugrenzen. Man trifft sich auf gemeinsamen Veranstaltungen und vernetzt sich lagerübergreifend, auch über Medien („Eurotopia“, Internet) und man lernt voneinander (z.B. Soziales Forum (s.u.), Radikale Therapie, „Sabbatical“).
Für ihre bewusste Entscheidung, nicht herkömmlich in der Gesellschaft zu leben, sondern ein Leben in einer Gemeinschaft zu wählen, die an bestimmten Leitideen orientiert ist, gibt es bei den Mitgliedern eine Vielzahl von Motivationen. Während einige das Anliegen haben, möglichst unabhängig zu sein von gewöhnlichen, als defizitär empfundenen Lebensstilen und dem herrschenden Gesellschaftssystem, dominiert bei den anderen der Wunsch, auf diese Einfluss zu nehmen und sie prägend zu verändern. Andere wiederum suchen Gemeinschaftsprojekte hauptsächlich wegen der erweiterten Spielräume für eine individuelle Lebensgestaltung und persönliche Selbstentfaltung auf. Für wieder andere hingegen sind die Möglichkeiten für ein innigeres und erfüllteres soziales Zusammensein ausschlaggebend, die sie als wichtig empfinden, um die eigene Persönlichkeit entwickeln zu können. Gewöhnlich finden sich Anteile aller dieser Motivationen bei den Mitgliedern. Sie alle verbindet das Bedürfnis danach, mit anderen in Gemeinschaft zu leben und „das Bestreben nach einer Integration von sozialen und ökologischen Zielen“ 8 (Eurotopia 2000: 345).
Der Gemeinschaftsprojekte-Aktivist und -Theoretiker Dieter Halbach schreibt über das heutige Gemeinschaftverständnis:
„Bisher wurden Gemeinschaften aufgrund von Tradition, kollektiver Anpassung, Ideologie und Identifikation aufgebaut. Die eigene Familie, Stammesorganisation, Nation, Partei , Fußballmannschaft oder auch politische und spirituelle Vision wurde zum kollektiven Mutterbauch, die „anderen“ draußen zum Feindbild, vor dem man sich ge-
8 Ausder gemeinsamen Erklärung des Come Together Netzwerkes
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meinsam schützen musste. Diese vorbewusste Gemeinschaftsform ist somit Ursache für alle Formen des gesellschaftlichen Krieges. Erst wir „Kinder von Marx und Coca Cola, Internet und östlicher Weisheit“ sind so frei von dem Gewicht traditioneller Kulturen und verdreht genug durch den globalen Supermarkt unbegrenzter Ideale und grenzenloser Illusionen, dass wir eine umfassende Identität suchen können.
Dieser neue Gemeinschaftsansatz ist planetarisch und bezieht alle Lebewesen mit ein. Er gründet auf dem freien und veränderbaren Willen seiner Mitglieder. Er ist ein Raum für Selbsterkenntnis und persönliche Entwicklung. Seine Strukturen gleichen dem Systembild der Ökologie: Jeder Einzelne ist sowohl ein Ganzes als auch Teil eines größeren Ganzen. Neue Gemeinschaften sind weder strukturlose Haufen noch hierarchische Kollektive. Sie sind sowohl „ganzheitlich“ als auch „individualistisch“ und verbinden Chaos, egalitäre Kommunikation und geschichtete komplexe Ordnung. Ihre Vernetzungen machen nicht Halt an der eigenen Gruppengrenze, sondern beziehen bewusst andere Gruppen mit ein“ (Eurotopia 2000: 24).
Bei einem Vergleich der Landgemeinschaften wird deutlich, dass - bei allen sonstigen Unterschieden zwischen den Gemeinschaften - Übereinstimmung darin besteht, dass kollektive Strukturen mit kooperativen Beziehungen (in auffallendem Widerspruch zur eigenen Sozialisation) als notwendig empfunden werden. Das kommt beispielsweise auch in der Erklärung zum Selbstverständnis des „Come Together“-Netzwerkes 9 zum Ausdruck.
Unter der Überschrift „Gemeinschaftsmodelle als Entwicklungsmodelle für eine zukunftsfähige Gesellschaft“ heißt es:
„Die gegenwärtige Umweltkrise ist für uns untrennbar verbunden mit der sich zuspitzenden Zerstörung sozialer Bezüge. Die Umweltkrise ist
9 Ein Netzwerk von rund 40 deutschen Gemeinschaften, die sich seit 1994 jeden Sommer treffen
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somit auch eine Inweltkrise. Sie hängt zusammen mit der wachsenden Isolation der Menschen untereinander und von der Natur und mit dem Mangel an erlebbarer Verantwortung und sinngebender Tätigkeit. (...) Der prozesshafte, ganzheitliche und kooperationsbetonte Charakter gemeinschaftlichen Lebens ist für uns der Kern einer anpassungsfähigen natur- und menschengemäßen Lebensweise, die sich nicht an Gewinn- und Konsummaximierung orientiert“ (eurotopia 2000: 345). Eine antikapitalistische Grundhaltung ist für alle Gemeinschaften selbstverständlich. Das Konkurrenzprinzip wird zugunsten einer solidarischen Ausrichtung abgelehnt. Übereinstimmungen bestehen auch in der großen Bedeutung von Mitsprache und gemeinsamem Eigentum, wobei letzteres abnimmt und z.T. auf wenig mehr als den Grundbesitz beschränkt ist. In der Regel besteht der Anspruch, die Spaltung des Lebens in Arbeit und Freizeit aufzuheben, indem man selbstbestimmte, gemeinsame und sinnvolle Arbeit leistet. Gewöhnlich gibt es jedoch ein derartiges Übermaß an Arbeit, dass in Selbstdarstellungen von Mitgliedern meistens darüber geklagt wird.
Was die Häufigkeit der Gemeinschaften anbelangt, ist festzustellen, dass es - laut FIC - noch nie so viele Gemeinschaften wie heute gegeben hat. Das aktuelle europäische Gemeinschaftsverzeichnis („eurotopia-Projekteverzeichnis) weist 333 Gemeinschaften aus, davon 107 in Deutschland (mit über 2300 Mitgliedern). Die Dunkelziffer ist schwer zu schätzen, dürfte aber viel höher liegen. Der Informationsleiter des Fellowship For Intentional Communities-Netzwerks (FIC), dessen Verzeichnis über 627 amerikanische Gemeinschaften aufführt, schätzt die Dunkelziffer auf das 10fache.
Ein Mitarbeiter von Eurotopia schätzt die Anzahl der Gemeinschaften, die nicht im eurotopia-Verzeichnis auftauchen, auf mindestens das Doppelte. Dies deutet nebenbei auf ein Problem für die politische Relevanz hin, nämlich mangelnde Vernetzung (viele Gemeinschaften wollen aber auch gar nicht veröffentlicht werden).
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Die Zahlen des FIC für Japan: 250, für Australien und Neuseeland: 200. Israel hat in Relation zur Einwohnerzahl die meisten Gemeinschaften (1998: 267 Kibbutzim mit 115.500 Mitgliedern), an zweiter Stelle steht Deutschland. Rund 1/3 der Projekte im europäischen Projekteverzeichnis befinden sich in Deutschland und damit mit großem Abstand die meisten in Europa. Einen Boom an Neugründungen gab es durch den Anschluss der DDR in den Neunzigern. Durch einen entscheidenden Vorteil bei der schwierigsten Gründungshürde für neue Projekte - die Kosten für einen Standort - wurde dies möglich.
5. Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Probleme
Um die Frage nach der Notwendigkeit von grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderungen beantworten zu können, soll im Folgenden zunächst einmal skizziert werden, ob bzw. inwiefern gesellschaftliche Probleme eine solche Notwendigkeit begründen.
Ich werde mich dabei im Folgenden auf die drei Bereiche Ökologie, Ökonomie und Soziales konzentrieren. Ausführungen zur Rolle der Politik und des gesellschaftlichen Bewusstsein können aus pragmatischen Gründen lediglich oberflächlich angedeutet werden. Eine tiefergehende Analyse wäre zwar wünschenswert, würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
5.1. Ökonomie & Soziales
“It seems like it makes sense to open up other people's markets so we can sell our products around the world.” George W. Bush
5.1.1 Entwicklung des Neoliberalismus
Eine Betrachtung der Ökonomie kann man heutzutage weniger als je zuvor auf die
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nationale Ebene beschränken. Nicht nur der Handel mit Gütern und Dienstleistungen ist weltumspannend, besonders das Kapital kennt aufgrund seiner Mobilität und Rentabilität sowie dem Abbau von Handelsbarrieren keine Grenzen mehr. Zinssätze, Wechsel- und Aktienkurse sind global eng miteinander verbunden und die Weltfinanzmärkte, deren Handelsvolumen um ein vielfaches größer ist als das des Welthandels mit Gütern und Dienstleistungen (1995 bereits das 70fache allein im Devisenhandel (Schott 1998: 96)), üben entscheidenden Einfluss auf die nationale Wirtschaftspolitik aus.
Unter Führung und Druck der USA findet eine globale Öffnung der Märkte statt, die im Namen wachsenden Wohlstands Profitinteressen oberste Priorität einräumt. Bereits Marx und Engels haben 1848 im „Kommunistischen Manifest“ die ökonomische Eigendynamik in Richtung einer Globalisierung beschrieben. Der spezifischen Ausprägung der gegenwärtigen Globalisierung liegt eine Theorie der Selbstregulation freier Märkte zugrunde, deren Grundlagen auf Adam Smith (1723-1790) zurückgehen. Sie wurde in der Reagan-Ära in einer von Friedrich August von Hayek weiterentwickelten Version durch seinen Schüler Milton Friedman (Universität Chicago) unter dem Namen „Monetarismus“ wieder aktuell (auch als „Reaganomics“ bezeichnet, bzw. von den Kritikern als Neoliberalismus). Hauptkritikpunkt der Monetaristen war die inflationäre also stabilitätsgefährdende Geldpolitik der USA und die damit einhergehende Politik staatlichen Haushaltsdefizits, finanziert über Geldschöpfung. Diese am Wirtschaftstheoretiker J.M. Keynes orientierte Politik war dazu gedacht, bei zyklischen Akkumulationskrisen über zusätzliche Staatsausgaben die Nachfrage und darüber die Konjunktur anzukurbeln und dadurch Arbeitsplätze zu schaffen. Als nach dem Zusammenbruch des Weltwährungssystems 1973 10 die inflationären Lasten dieser Politik nicht mehr über die Währung auf andere Länder abgeschoben werden konnte 11 , bot die neue Theorie
10 Die Bindung der anderen Währungen an den Dollar konnte wegen dessen Schwäche nicht mehr aufrecht-
erhalten werden
11 Die steigende Geldmenge ließ den Geldwert sinken, was im Außenhandel nicht ins Gewicht fiel, solange
die anderen Währungen durch die Dollarbindung auch fielen. Im übrigen mehrten sich in allen Indust-
riestaaten die Symptome der Überakkumulation.
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der antikeynesianischen Monetaristen für die Wirtschaftsinteressen der USA einen Ausweg. 12 Es geht dabei im wesentlichen um den Mythos einer krisenfreien Selbstregulierung und automatisch optimalen Ressourcenallokation des frei agierenden Kapitalismus, angetrieben von der Verfolgung des Eigeninteresses jedes Individuums. In Friedmans populärsten Buch „Kapitalismus und Freiheit“ beschreibt er, wie schädlich staatliche Eingriffe in die Ökonomie seien und nennt die Konsequenz: „Was wir dringend brauchen, um ökonomische Stabilität und Wirtschaftswachstum zu erreichen, ist eine Rückführung des staatlichen Einflusses“ (Friedman 1971: 36). Er listet einen 14-Punkte-Plan auf, in dem er von der Streichung von Subventionen und Sozialausgaben über Privatisierungen bis zur Rücknahme gesetzlicher Restriktionen im ökonomischen Bereich eine umfassende Deregulierung fordert. Dabei geht es ihm nicht nur um die Ökonomie: „Wirtschaftliche Freiheit ist eine notwendige Voraussetzung für politische Freiheit“ (ebd.: 18). Die Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der es Wohlstand für alle gibt, die - auch dank der katholischen Soziallehre - noch bis weit in konservative Kreise hinein anzutreffen ist, lehnt der Monetarismus als ökonomisch kontraproduktiv und - im sozialdarwinistischen Sinn - unnatürlich ab. Deshalb wird diese Hoffnung von Monetaristen sogar als ungerecht und unsozial betrachtet, da die Menschen nicht gleich viel leisten. Wer mehr leistet, muss in diesem Sinne auch mehr Wohlstand erreichen, wer nicht „genug“ leistet, soll dies zu spüren bekommen. Auch unter den heutigen Verhältnissen gibt es für Friedman in den USA immer noch zu viel Wohlfahrtsstaat und er beklagt, dass „wir (...) kapitalistischen Wettbewerb predigen, aber Sozialismus praktizieren.“ 13
Der Monetarismus bzw. Neoliberalismus, wird von vielen Kritikern als Ideologie bzw. Glaube eingestuft, da seine Anhänger ähnlich den Marxisten an den Fakten widersprechenden, quasi naturwissenschaftlich analysierbaren und voraussagbaren Eigenkräften der Wirtschaft festhalten und gegen jegliche Kritik immunisierende Argumentationsmuster konstruiert haben. So wird suboptimale Ressourcenalloka- 12 Überden Hauptgrund für das Ende des Keynesianismus gibt es allerdings verschiedene Hypothesen
13 http://www.archiv.ZEIT.de/daten/pages/199943.biblio.hayek_.html, 03.05.1999
26
tion - konkret: Armut - pauschal mit mangelnder Leistungsbereitschaft, mangelnder Marktliberalisierung oder einfach durch „exogene Faktoren“ erklärt. Alternativen zur Liberalisierung seien per se schädlich. 14
5.1.2 Auswirkungen des Neoliberalismus
George Soros, der bekannteste und erfolgreichste Aktienspekulant und gleichzeitig größter Geldgeber für Demokratisierungsprojekte im ehemaligen Ostblock sowie Schüler Karl Poppers, listet in seinem Buch „Die Krise des globalen Kapitalismus“ (Soros 1999) zahlreiche Ereignisse des internationalen Wirtschaftsgeschehens auf, die der neoliberalen Theorie widersprechen. Er kritisiert den Glauben an die sich selbst korrigierende Gleichgewichtstendenz der Märkte und veranschaulicht, dass die Finanzmärkte aufgrund der vom Neoliberalismus ausgeblendeten psychologischen Dynamik der Marktteilnehmer „ihrem Wesen nach instabil“ (ebd.) sind. Er warnt davor, dass ein „globaler Zusammenbruch des kapitalistischen Weltsystems“ (ebd.) nur eine Frage der Zeit sei und wirbt für ihre politische Kontrolle. Selbst ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Thomas Fischer, verantwortlich für das Anlagerisiko, gibt zu: „Ein Crash, also ein nachhaltiger Kursverfall bei Wertpapieren auf breiter Front, ist nie völlig auszuschließen“ (Fischer 2000: 60). Soros (1999) hält die „Ausgleichs- und Interventionspolitik demokratischer Länder“ für den Hauptgrund dafür, dass sich die düsteren Kapitalismusprognosen von Marx und Engels bislang noch nicht bewahrheitet haben. Der drohende Zusammenbruch könne nur durch die Einschränkung der Freiheit der Märkte verhindert werden, durch „fehlerkorrigierende Mechanismen“ (ebd.), wie sie in den politischen Systemen offener Gesellschaften (i.S. Karl Poppers) üblich seien. Sowohl Demokratie als auch die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse sieht er durch den von ihm als „Marktfundamentalismus“ bezeichneten Neoliberalismus bedroht. „Die Marktfundamentalisten wollen alles gesellschaftliche, zwischenmenschliche Tun als tauschorientierte, geldwerte Beziehung betrachten. (...) Das Prinzip der
14 "There is no alternative", Standardformel von Margret Thatcher
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profitmaximierenden Konkurrenz erhebt sich über wertorientierte und kollektive Entscheidungen und wirkt demoralisierend“ (ebd.: 137). Soziale und ökologische Werte einer Gesellschaft werden weniger durch individuelle, als durch kollektive Entscheidungen wirksam. Gleichzeitig haben sie jedoch immer auch ökonomische Konsequenzen, stellen also einen zwangsläufigen Antagonismus zur Doktrin der Deregulierung dar. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich die neoliberale Aushebelung demokratischer Politikgestaltung, die sich in Form von internationalen Regeln manifestiert, welche die Politik in dem Masse reguliert, wie sie die Wirtschaft dereguliert. „Der heutige Marktfundamentalismus ist eine wesentlich größere Bedrohung für die offene Gesellschaft als jede totalitäre Ideologie“ (ebd.: 21).
Ähnlich der französische Soziologe Pierre Bourdieu: „Die Lehre von der Allmacht des Marktes leugnet die Existenz von Gesellschaft, reduziert soziale Beziehungen auf den Austausch zwischen Wirtschaftobjekten und hält Politik letztlich für eine Art Metaphysik, die sich störend gegen die vorgeblichen Naturgesetze des Wirtschaftlichen stellt“ (vgl. Bourdieu 1998). Ihm zufolge ist der Neoliberalismus schwer zu bekämpfen, weil er so tue, als ginge es ihm um Freiheit, um die Befreiung des Individuums, obwohl er nur eine konservative Revolution zur Ermächtigung der Kapitaleigner sei. Er gebe sich als Avantgarde aus und jede Opposition dagegen wirke wie eine veraltete Ideologie. Hinter dieser Maske werde der Staat als Umverteilungs- und Ausgleichsinstanz zerstört und in eine bloße Verwaltungs-und Repressionsinstanz verwandelt. So blähe sich dann der Polizei- und Justizapparat auf, um den Besitz abzusichern und niemand beschwere sich darüber, dass das mit der Forderung nach dem schlanken Staat ja nicht zusammenpasse. (vgl. Bourdieu 1998)
Auch Ulrich Beck sieht einen selbstzerstörerischen Mechanismus in diesen Entwicklungen. Der globalisierte Kapitalismus „fegt die Errungenschaften der Moderne weg, die alten Ideen der Demokratie, und sägt sich damit den eigenen Ast ab“ (vgl. Beck 1998), weil er politische Freiheit und soziale Mindeststandards brau-
28
che.
Ein weiteres Problem liegt beim sog. „Shareholder Value“. Da die Märkte sich inzwischen weltweit ausdehnen, haben Firmen in Privatbesitz einen Nachteil im Kampf um neue Marktanteile oder bei der Verteidigung einer bestehenden Position. Eine Folge davon ist, dass der Markt zunehmend von Aktiengesellschaften dominiert wird. Die eigentliche Macht über die Richtungsentscheidungen dieser Unternehmen liegt oft nicht mehr bei den Managern und Vorständen, bei denen noch ein relativ großes Potential zur Identifikation mit ihrem Unternehmen gegeben ist. 15
In den führenden Industriestaaten sind über 6 Billionen Euro in Fonds angelegt (1990: knapp 3 Billionen DM). Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Rolf Breuer, räumt ein: „Die Finanzmärkte übernehmen die Kontrolle“ (vgl. von Blumencron/Pauly 1999). Langfristig angelegte Unternehmenspolitik wird auf diese Weise häufig unmöglich. Zudem können sich die Vorstände durch renditeträchtige Massenentlassungen ihren Job sichern (vgl. Ries 1997), bzw. noch umfangreichere Entlassungen verhindern, die folgen könnten, wenn die Fondsverwalter aufgrund enttäuschter Renditeforderungen den Aktienkurs abstürzen lassen. Sinkende Kurse wiederum mindern das Vertrauen von potentiellen Anlegern 16 und erhöhen das Risiko, die Beute eines Konkurrenten zu werden. 17 So findet eine schleichende, anonymisierende Verschiebung der ökonomischen und letztlich politischen Gestaltungsmacht von der Politik über die Konzerne hin zu den Fondsmanagern statt, deren Aufgabe es ist, lediglich die Anlegerinteressen zu vertreten.
Den Politikern bleibt, ob freiwillig oder nicht, nur übrig, den gegebenen Weltmarktbedingungen hinterherzulaufen, 18 so der Londoner Wirtschaftsberater David
15 Soros zufolge fühlten sich insbesondere die Manager deutscher Konzerne den Arbeitern und der Öffent-
lichkeit verpflichtet), sondern bei den Haltern der Aktien, insbesondere den meist amerikanischen Akti-enfondsverwaltern. Deren einziger Auftrag ist jedoch der größtmögliche Profit in der kürzestmöglichen
Zeit (vgl. Soros 1999)
16 => Nachteil im Wettbewerb um Investitionskapital
17 Stichwort "feindliche Übernahme"
18 „Der Trend zu sich selbst steuernden Wirtschaftssystemen wird die Politiker außen vor lassen.“
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Roche auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum zur künftigen Rolle des Staates (Der Tagesspiegel, 2.2.1998).
Länder, die sich der „finanziellen Repression“ (Elmar Altvater, 1992) unterordnen, werden vom Finanzkapital und den transnationalen Konzernen bevorzugt, „während andere, die die bestehenden Gesetze aufrecht zu erhalten suchten - vor allem Frankreich und Deutschland - das Nachsehen haben“ (Soros 1999: 151). Der Wettlauf um die profitabelsten Standortfaktoren - niedrige Steuern, Löhne, soziale und ökologische Standards - ist in vollem Gange. 19 Die Steuerlast wird „vom Kapital auf die Bürger übertragen, (...) dieses Ergebnis ist genau das, was die Verfechter eines freien Marktes immer schon wollten“ (Soros 1999: 153). Umweltpolitische Normen, von einer demokratischen Öffentlichkeit oftmals nach jahrelangen Auseinandersetzungen für den Schutz von Natur und Menschen durchgesetzt, werden unter den gewandelten Bedingungen von Wirtschaft und Politik verstärkt als Wettbewerbsfesseln wahrgenommen und bekämpft. Die Konkurrenzinteressen gewinnen Vorherrschaft über die Schutzinteressen. Insofern wird es immer schwieriger, bspw. Waldgebiete in Kanada vor Abholzung zu schützen, die Aufschließung von Mineralvorkommen auf den Philippinen zu verhindern, den Straßenbau in Deutschland zurückzufahren, Ökosteuern in Europa einzuführen oder ökologische Produktnormen in Schweden aufrechtzuerhalten (vgl. Sachs 2000). Für die sozialen Errungenschaften sehen die Konsequenzen ganz ähnlich aus. „Alles gehört auf den Prüfstand - von der Sozialhilfe bis zum Rentensystem. Die Eingriffe müssen so umfassend sein, dass im Ergebnis jeder davon betroffen sein wird“ (Hans-Peter Stihl, Sprecher des Deutschen Industrie- und Handelstags). Oder, wie Ulrich Beck (1998) sagt: „Globalisierung ist ein neuer Begriff für Klassenkampf von oben“, wobei „oben“ wohl eher als Vermittlungsinstanz für die Marktzwänge betrachtet werden muss. „Herrscher über die neue Welt ist nicht ein
19 z. B. zahlte Siemens 1995 bei einem Gewinn von 2,3 Milliarden DM keine einzige Mark Gewinnsteuer
(Frankfurter Rundschau, 30.10.1997
30
Mensch, sondern der Markt. (...) Wer seine Gesetze nicht befolgt, wird vernichtet“ (H.-O. Henkel, ehemaliger BDI-Chef, SZ 30.5.96).
Statt nun aber seitens der Politik zu versuchen, über internationale Organisationen wie den IWF, WTO, G8 oder OECD soziale und ökologische Regeln zu unterstützen, werden sie von den reichen Staaten unter politischer, wirtschaftlicher und geistiger Führung der USA zur Durchsetzung der neoliberalen Standards in allen Winkeln der Erde benutzt. Eine Motivation dabei ist, „die Kreditgeber zu retten“ (Soros 1999: 227), also die Staaten zu schützen, die den IWF finanzieren. Hochverschuldet und abhängig von den Kreditspritzen der Industrienationen müssen sich die Kreditnehmerländer an die Kreditvergabekriterien halten. 20 Das bedeutet zumeist: Unternehmenssteuern, Sozialausgaben und Nahrungsmittelsubventionen senken, Entlassungen im öffentlichen Dienst, Privatisierung der Unternehmen (die aufgrund finanzieller Überlegenheit natürlich meist von Westkonzernen aufgekauft werden) und radikale Exportorientierung, d.h. Ausbeutung jeglicher devisenbringender Ressourcen, Zerstörung von Subsistenzstrukturen zugunsten von industrieller Landwirtschaft für den Bedarf des Nordens (vgl. Narr 1994). Die verheerenden Folgen für Mensch und Natur kann man - aus dem Zusammenhang gerissen - täglich den Medien entnehmen.
Die Länder der „Dritten Welt“ wurden seit langem als billige (zunehmend billigere) Rohstoffquellen benutzt. Seit den 70ern werden sie zusätzlich auch als ausgelagerte Produktionsstandorte mit billigen Löhnen benutzt, als Absatzmarkt für z.T. subventionsgestützte Exporte, die oft die einheimischen Märkte zerstören (vgl. Pastowski 1997) und als weitere Profitquelle für freies Kapital, das in den Aufbau einer Industrialisierung investiert wird, u.a. auch mit der Absicht, angesichts der sich verschärfenden Akkumulationskrise des „alten“ Kapitalismus neue Märkte zu schaffen. Letzteres gelingt jedoch immer weniger, denn die Kaufkraft sinkt, wie
20 Wichtig für die Rentabilität ist, "dass Schuldner Schuldner bleiben, um zu gewährleisten, dass Geldver-
mögensbesitzer Geldvermögenbesitzer bleiben" Altvater 1992: 153
31
auch der Anteil der armen Länder am Welthandel seit jahrzehnten sinkt (Die Gruppe von Lissabon 1997: 110). Die Einkommensrelation zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern ist seit 1960 von 30 zu 1 auf 75 zu 1 gesunken (Die Zeit 2001/41). Ihr Kapitalabfluss übersteigt die Einfuhr und das Pro-Kopf-Einkommen stürzt immer weiter ab (Boxberger/Klimenta 1998: 145). Vor allem die chronische Schuldenkrise hat die armen Länder ökonomisch, ökologisch und sozial völlig ruiniert 21 (vgl. Altvater 1992; Boxberger/Klimenta 1998) Die neoliberale Globalisierung bedeutet keine horizontale globale Vernetzung der Wirtschaft, sondern ist eher mit einer globalen Streuung von Tochtergeschwulsten in Form von wenigen reichen Zentren bzw. Regionen zu vergleichen, die sich von der Masse der zurückbleibenden Regionen ernähren (vgl. Birkhölzer 1997). Da aber der Renditehunger der immer gigantischeren Akkumulation von Finanzkapital alleine durch Profite aus Produktion, Handel und Dienstleistungen trotz sich verschärfender Ausbeutungsverhältnisse schon längst nicht mehr bedient werden kann, flüchtet das Kapital zunehmend in die virtuellen Finanzmärkte. Virtuell, weil sie mit der realen Wirtschaft nichts mehr zu tun haben, d.h. die dort gehandelten Summen sind überwiegend durch keine realen Werte mehr gedeckt. So wuchs alleine das Börsenkapital der Aktienmärkte zwischen 1980 und 1997 um mehr als das 20fache im Vergleich zum Wachstum der Wirtschaftleistung der beteiligten Unternehmen. 22 So haben sich gewaltige Spekulationsblasen gebildet, die schon öfters regional „geplatzt“ sind, bislang aber in ihren Folgen noch begrenzt werden konnten. 23 Wenn jedoch die USA davon erfasst werden, kann es mit einiger Wahrscheinlichkeit per Dominoeffekt zu dem kommen, was Soros den „globalen Zusammenbruch des kapitalistischen Weltsystems“ nennt.
21 Allerdings hätten die meisten dieser Länder auch ohne Schuldenkrise wegen der gigantischen Korruption
und der mangelnden Sensibilität für soziale und ökologische Belange seitens der Machthaber schlechte
Entwicklungsperspektiven. (vgl. Nuscheler: 1987
22 weit höhere Spekulationssummen stecken jedoch in den Anleihe-, Devisen- und Derivatmärkten, die
noch viel virtueller sind
23 im Fall der Asienkrise nur mit Mühe
32
5.1.3 Die Zinsdynamik
So betreibt der Kapitalismus seine eigene Selbstzerstörung. Er drängt zur Umverteilung von unten nach oben, obwohl das Gegenteil die Krise entschärfen würde. „Kapitalismus braucht Umverteilung!“ (Beck 1998). Durch die Umverteilung würde jedoch das Problem des Wachstumszwangs nicht gelöst werden, da dieserneben ideologischen Gründen - aus dem Zins bzw. Zinseszins resultiert. Er wird durch das Beispiel mit dem Josephspfennig drastisch veranschaulicht: Ein Pfennig, bei Christi Geburt zu einem Zinssatz von 3% angelegt, wäre bis 2000 zu einem Gegenwert von 2,16 Billionen Goldkugeln vom Gewicht der Erde angewachsen (zum Goldpreis von 1990)! Darin zeigt sich deutlich, dass das System des Zinseszinses auf Dauer gar nicht störungsfrei funktionieren kann. Es entfaltet „eine Dynamik, die es der Produktion in der realen Welt begrenzter Ressourcen gar nicht möglich macht, seinen Anforderungen auf Dauer zu genügen“ (Senf 1996: 87). Wie jedes expotentielle Wachstum muss auch dieses irgendwann an seine Grenzen stoßen. Es muss immer wieder Einbrüche geben, bei denen sich die Geldforderungen bzw. das Geld insgesamt entwerten. 24
Da die Geldvermögen aufgrund der Zinsdynamik schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung, fallen die Arbeitseinkommen bei der Aufteilung des Wirtschaftskuchens im Vergleich immer mehr zurück. Täglich wachsen die Geldvermögen in Deutschland alleine aufgrund der Zinseinkünfte um über eine halbe Milliarde Euro. Alleine für die in Produktpreisen, Personal- und Materialkosten, Steuern und Gebühren versteckten Zinskosten, also für den leistungsfreien Profit einer reichen Minderheit, muss jeder Erwerbstätige rund ein Vierteljahr arbeiten. 25 Bei Mieten macht der Zinskostenanteil bereits ca. 75% aus.
Verrechnet man die Zinslasten und die Zinseinkünfte gegeneinander, ist der Saldo nur noch bei 10% der Haushalte positiv (vgl. Creutz: 1996). Das ist die Hauptursa-
24 Kriege,Börsencrashs, Währungskrisen
25 1950 noch drei Wochen
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che dafür, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Im Staatshaushalt stellt die Zinslast bereits den zweitgrößten Posten dar, 26 mit entsprechenden Konsequenzen für den politischen Gestaltungsspielraum. Bei vier Millionen Arbeitslosen stünden z.B. für die Schaffung von Arbeitsplätzen von dieser Summe für jeden Einzelnen über 10.000 € zur Verfügung! Die armen Länder des Südens sehen sich aufgrund der Zinsdynamik vor der Situation, schon mehr Geld (Zinsen) an die „Geberländer“ bezahlt zu haben, als sie je an Krediten erhalten haben und trotzdem immer tiefer in der Schuldenfalle zu stecken.
5.1.4 Wachstum
Das Wachstum des Bruttosozialprodukts (BSP), wird als korrelierend mit steigendem Wohlergehen betrachtet, wofür es - bezogen auf Industrieländer - keine bestätigende Studien gibt, jedoch einige Studien, die diese Korrelation in Frage stellen (Daly 2001: 9). Aspekte wie angemessene Beschäftigung, Gesundheit, soziale Anerkennung, Bildung, Freiheit von Gewalt, Soziale Sicherheit, Freizeit und gleiches Recht für alle kommen im BSP nicht vor. Selbst Arbeitslosigkeit kommt darin nicht vor. Sie steigt seit den Siebzigern ähnlich wie das BSP (Schmidt-Bleek 1997: 13), was kein Zufall ist, denn der Anstieg des BSP wird auch von der Arbeitsproduktivität bestimmt, deren Anstieg weitere Arbeitskräfte überflüssig macht. Soziale und ökologische Zerstörungen wirken sich in der Regel auf das Wachstum förderlich aus, denn der Reparaturbedarf zieht ökonomische Aktivitäten nach sich, deren Kosten in der Regel von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Jeder Betrieb bilanziert getrennt Kosten und Nutzen, im BSP dagegen werden sie entweder addiert oder die Kosten werden ignoriert. Wenn beispielsweise ein Land seine
26 41 Milliarden € ohne Tilgung, die - von der Allgemeinheit erarbeitet - ohne reale Gegenleistung von
unten nach oben geschichtet werden)
34
Wälder abholzt, so schlagen die Kosten für die Maßnahmen gegen die Erosion und die Grundwasserabsenkung positiv für das BSP zu Buche, ebenso der Verkauf des Holzes, der Verlust des Sachkapitals Wald taucht darin jedoch nicht auf. In der herrschenden Wirtschaftswissenschaft wird die Wirtschaft nicht als Subsystem des Ökosystems angesehen, sondern im Gegenteil das Ökosystem als Subsystem der Wirtschaft. Da die Wirtschaft die Gesamtheit ist, erfolgt ihr Wachstum in dieser Logik nicht auf Kosten von etwas anderem außerhalb von ihr befindlichen (Daly 2001: 9). Allerdings kommt die Natur auch als Subsystem nur insofern vor, als sie Herkunftsort der Rohstoffe und Zielort für Abfälle ist. Ihre Unwichtigkeit wird aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht dadurch bestätigt, dass die Rohstoffe relativ gesehen immer billiger werden und ihr Anteil am BSP sinkt. Da der Anteil der Landwirtschaft am BSP auf 3% gesunken ist, betrachten Ökonomen Daly zufolge die Sorgen über globale Erwärmung als unbegründet, denn die Landwirtschaft ist der einzige klimasensible Wirtschaftssektor. Die Endlichkeit der Rohstoffe ist der herrschenden Theorie zufolge kein Problem, da der Fortschritt der Technik für Lösungen sorgen wird.
Es gibt nach Ansicht einer wachsenden Minderheit von Wirtschaftswissenschaftlern auch materielle und ökologische Grenzen des Wachstums, 27 wo diese aber liegen, „ist menschlichem Wissen nicht zugänglich“ (Luks 2001: 217). Sie beruhen auf „Endlichkeit, Entropie und ökologischer Interdependenz“ (ebd.: 61). Objektive Wachstumsgrenzen zu ermitteln sei nicht möglich, so Luks, da man die Grenzwerte der Stabilität der physikalischen und ökologischen Systeme nicht genau definieren könne. „Deshalb ist eine soziale Konstruktion ökologischer Grenzen erforderlich (...) [um] „Überraschungen“ zu verhindern“ (ebd.: 217). „Wir werden die Tragfähigkeit erst kennen, wenn wir sie überschritten haben“ (Underwood/King in Luks 2001: 219).
27 Selbst ein Nullwachstum läuft u.U. langfristig auf den Kollaps zu (vgl. Georgescu-Roegens 1976
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5.1.3 Weitere soziale Auswirkungen
Die ohnehin schon Benachteiligten sind die hauptsächlich Leidtragenden neoliberaler Strategien. Ein zunehmender Spaltungsprozess zwischen Arm und Reich findet sowohl innerhalb einzelner Länder als auch zwischen den Staaten statt. Die globale Konkurrenz um die profitabelsten Standortfaktoren drückt auf Löhne und Sozialleistungen. Folge der Sozialstaatsdemontage in den USA sind beispielsweise, dass 7 % der männlichen Erwerbsbevölkerung Probleme mit der Justiz hat, 2 % sitzen im Gefängnis (Gorz 1999: 27).
Die ökonomischen Verhältnisse erfordern von den Menschen eine Umformung zum flexiblen, mobilen Leistungsträger. „Lernen muss zum Beruf werden“ erklärte Wirtschaftsminister Werner Müller, nicht mit dem Ziel umfassenderer Bildung, sondern optimierter Verwertbarkeit. Der Mensch werde „bis in sein Subjekt-Sein Cyborg und Produktionsmittel, also zugleich Kapital, Ware und Arbeit. Und insoweit seine Fähigkeiten im Verwertungsprozess des Geldkapitals nicht gefragt sind, wird er zurückgewiesen, ausgeschlossen, als nicht existent betrachtet“ (Gorz 1999: 15). Lebenslange Weiterentwicklung, früher ein von der Linken verfochtenes humanistisches Ideal, wird heute unter den Zwängen zur Marktanpassung umgedeutet zum „neoliberalen Imperativ“ (Dribbusch 2001: 216). Die Folgen des Anpassungsdrucks zeigen sich auch in einer Hinwendung zu individualisierenden Ideologien. War man einst stolz auf die kulturelle Errungenschaft der Überwindung des kalten Selektionsprinzips der Natur durch das Prinzip der Mitmenschlichkeit, so kehrt es in Gestalt des biologistischen Konkurrenzdogmas der Ökonomie zurück. Es höhlt die solidarischen Werte aus, lässt sie obsolet erscheinen. Haben bislang Religionen, Ideologien Philosophien und der Common Sense zumindest intendiert, dem latenten Egoismus im Menschen kulturelle Grenzen zu setzen, so beginnt er erstmals in der Menschheitsgeschichte zu einem posi-
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tiven Wert zu werden. 28 Mit dem Bekenntnis zu einem „gesunden“ Egoismus setzt man nun nicht mehr dem Eigeninteresse, sondern den gesellschaftliche Erwartungen an das Sozialverhalten Grenzen. In der Tendenz erfüllt sich Nietzsches „Umwertung aller Werte“ nicht nur als bloßer Wandel der Werte, sondern als grundsätzlicher Bruch mit Werten im Sinne von sozial vereinbarten Regeln, die die dauerhafte Vergemeinschaftung des Menschen auf kooperativer Basis ermöglichen. Über die politischen Lager hinweg setzt sich ein „neuer Sozialdarwinismus“ 29 durch. Beispielhaft für dieses Denken ist das Schröder/Blair-Papier. Es plädiert für ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit als bloßer Chancengleichheit, gewissermaßen als Startgleichheit aller im Kampf aller gegen alle. Dabei werden weder Bedarfsgerechtigkeit 30 noch Leistungsgerechtigkeit 31 berücksichtigt. Wer im Kampf gegen die Konkurrenten „seine Chancen nicht geschickt genug genutzt hat, ist selber schuld und muss sich mit Almosen zufrieden geben“ (Zeuner 2001: 238). Das Schröder/Blair-Papier erwartet lediglich „Fairness gegenüber denen“, 32 die diese Almosen bezahlen. Rudimente kollektiver, Solidarität stiftender Strukturen zum Schutz vor Kapitalinteressen, wie sie die Gewerkschaften darstellen, sollen sich nicht mehr um die Durchsetzung gemeinschaftlicher Bedürfnisse kümmern, sondern nur mehr „den Einzelnen gegen Willkür schützen und in Kooperation mit den Arbeitgebern den Wandel gestalten“ (ebd.).
Der entsolidarisierte, sozialdarwinistische Blick auf die Verlierer lässt sie als moralisch gerechtfertigte Verlierer erscheinen, befreit dadurch von Verantwortung, von inneren Konflikten mit den Verhältnissen und von schlechtem Gewissen auf-grund eigener Privilegiertheit.
28 Parfum "Egoiste", Lifestyle-Magazin "Ego"
29 Der Politologieprofessor Bodo Zeuner 2001: 235 f
30 Berücksichtigung unterschiedlichen Bedarfs
31 ein angemessenes Verhältnis von Arbeitsleistung und Arbeitslohn
32 Schröder/Blair-Papier vom 8.6.1999
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5.2. Ökologie
„Die Anforderungen an die Nachhaltigkeit sind in der Wirtschaft doch schon übererfüllt.“ Hans Olaf Henkel
Schon auf der ersten UN-Umweltkonferenz 1972 wurde die Notwendigkeit ausgesprochen, Maßnahmen zu ergreifen, um eine drohende Umweltkatastrophe abzuwenden. Umweltstrategien wurden angekündigt und Aktionsprogramme verabschiedet. Auf der Nachfolgekonferenz - 10 Jahre danach - konstatierte man eine dramatisch verschärfte Umweltsituation und stellte den Bedarf nach neuen Strategien fest. Man konnte sich lediglich darauf einigen, eine Kommission zu berufen, um präziser festzustellen, was eigentlich getan werden müsste. Das Ergebnis war der Brundtland-Bericht, der die Zuspitzung der Krisensituation in drastischer Offenheit aussprach und als Gründe neben der Armut auch das Wirtschaftswachstum nannte. Der Bericht hielt jedoch zum Zweck der Armutsverminderung am Konzept des Wirtschaftswachstums fest. „Ein solches Wachstum ist [...] unabdingbar, wenn die in großen Teilen der Dritten Welt um sich greifende Armut gelindert werden soll“ (S. 2), wenn auch verknüpft mit der Forderung nach einer veränderten Wachstumsqualität, was jedoch kaum Konsequenzen nach sich zog, ebenso wenig wie die Forderungen nach einer Preispolitik, die die Knappheit der Ressourcen reflektiert, nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse oder nach der Beeinflussung der Konsummuster. Ein Erfolg war zumindest, dass das Thema „Umwelt und Entwicklung“ seitdem einen festen Platz auf der internationalen Tagesordnung hat. Der Brundtland-Bericht gab den Anstoß zu der zweiten internationalen Umweltkonferenz (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro, die der UNCED-Generalsekretär Maurice Strong als „die letzte Chance, den Planeten zu retten“ bezeichnete. Sie war eine der bedeutendsten umwelt- und entwicklungspolitischen Weichenstellungen der vergangenen Jahrzehnte mit 120 Staatschefs und einer großen Zahl von Umwelt- und Entwicklungsministern aus 179 Ländern. Die „nachhaltige Entwick-
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lung“ wurde zum internationalen Leitbild erklärt. Der Versuch, ökonomische Effizienz, soziale Verteilungsgerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit miteinander in Einklang zu bringen, war „in der bisherigen Menschheitsgeschichte einmalig“ (Altvater 1992: 235). Es gab eine überwältigende Einmütigkeit sowohl innerhalb des Lagers der Regierungen als auch gegenüber den Nichtregierungsorganisationen, was die generelle Diagnose der Probleme anging. Doch die Übereinstimmung endete, als es um Fragen der eindeutigen Bestimmung der Größenordnungen, der Dringlichkeit, der wissenschaftlichen Reichweite der Problemerfassung und schließlich um konkrete Maßnahmen ging. Die „Bremser“, allen voran die USA, beriefen sich auf mangelnde wissenschaftliche Präzision der Datengrundlagen, mangelnde Kenntnisse über die Zusammenhänge und nachteilige ökonomische Konsequenzen von Schutzmaßnahmen. Altvater (1992) beschreibt diese Herangehensweise so: „Mit kleinen Lösungen, mit geringen finanziellen Mitteln und institutionellen Reformen oder Verhaltensänderungen kann ein ausreichender Beitrag zur Problembewältigung beigesteuert werden, um beruhigt das überkommene Entwicklungsmodell mit eher kosmetischen Modifikationen fortsetzen zu können“ (S. 237).
Aus dieser Konferenz resultierten - im Rahmen dieser limitierenden Faktoreneine Reihe von Vereinbarungen: - die Rio-Deklaration, - das globale Aktionsprogramm „Agenda 21“,
- die Konventionen zum Klimaschutz, zum Erhalt der Biodiversifität und zur Desertifikationsbekämpfung sowie - die Waldprinzipien.
Damit hat die Rio-Konferenz zumindest dazu beigetragen, dass Umweltschutz und „nachhaltige Entwicklung“ in vielen Ländern der Welt stärker in die Gestaltung und Umsetzung von Politik Eingang gefunden haben. In der Folge der Rio-Konferenz wurden weitere Abkommen zur Konkretisierung der Rio-
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Vereinbarungen zum Schutze des Klimas (Kyoto-Protokoll) und im Rahmen der Biodiversitätskonvention (Cartagena-Protokoll) getroffen. Auf dem vier Wochen später in München durchgeführten Weltwirtschaftsgipfel haben die gleichen Regierungen, die sich gerade zu der Verflochtenheit der Themen Ökonomie, Ökologie und Soziales bekannt hatten, wieder nur noch über Wachstum geredet.
Im Vergleich zu den Erwartungen der UNCED erbrachte das bei der Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen 1997 („Rio+5“) gezogene Resümee des bereits Erreichten enttäuschende Ergebnisse:
- Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander - in und zwischen
Staaten
- 20% der Weltbevölkerung leben in absoluter Armut 33 - Weiterhin verbrauchen 20% der Weltbevölkerung 80% der Ressourcen - Viele Drittweltländer steigern rapide ihren pro Kopf-Konsum - Die Urwaldvernichtung geht unvermindert weiter (ca. die Fläche Nepals jährlich) - 1/5 der Menschheit hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser (mit stark stei-
gender Tendenz)
- Rund 800 Millionen Menschen leiden an Hunger und Unterernährung - Unangepasste Landwirtschaft hat mittlerweile 300 Millionen Hektar Ackerland
unfruchtbar zurückgelassen (das sind ca. 2% der globalen Landfläche) - Die Desertifikation betrifft mittlerweile 25% der globalen Landfläche - Fischbestände sind überfischt bzw. leergefischt und stehen zum Teil vor der Aus-
rottung
- Die Meeresverschmutzung nimmt zu
- Die Situation bei radioaktivem und chemischem Giftmüll hat sich nicht verbes-
sert
- Die Rate des Artensterbens und Lebensraumverlusts hat Rekordhöhen erreicht
die als „moderat“ bezeichnete Schätzung geht von einem jährlichen Verlust von
50.000 Arten aus
- Entgegen der Rio-Zusage sanken die Gelder für Entwicklungszusammenarbeit
33 weniger als 1$ pro Kopf/Tag
40
(Rio-Zusage: 0,7%, Ergebnis: 0,27%)
Der Verbrauch fossiler Energie, der Ausstoß von CO² und anderer Treibhausgase nimmt weiter zu und nur wenige Länder engagieren sich für regenerative Energiequellen. Auch wird die Arbeit der UN-Institutionen durch die chronische Finanzkrise behindert. Der einzige Lichtblick in der Bilanz der Konferenz: der Bevölkerungszuwachs erhöht sich etwas weniger stark als erwartet. 34 Der im September 99 veröffentlichte Bericht des United Nations Environmental Program (UNEP) „GEO2000“ zieht eine weitere düstere Bilanz der globalen Umweltsituation und prognostiziert die weitere Entwicklung. Obwohl er die Fortschritte, die auf politisch administrativer Seite in der Umweltpolitik der 90er Jahre gemacht wurden, anerkennt, trifft er die Feststellung, dass diese Fortschritte durch die ökonomische Entwicklung und das Bevölkerungswachstum weit überholt werden. Eine Kernaussage des Berichts ist, dass der Trend weiterhin in Richtung auf „eine größere Divergenz zwischen denen, die von der ökonomischen und technologischen Entwicklung profitieren, und denen, die das nicht tun“ geht. Weiter heißt es: „Die nichtnachhaltige Zunahme der Extreme von Wohlstand und Armut bedroht die Stabilität von Gesellschaft als Ganzem und damit der globalen Umwelt“. Im Februar diesen Jahres hat UNO-Generalsekretär Kofi Annan bei der Vorstellung seines Berichtes „Umsetzung der Agenda 21“ in New York beklagt, dass es 10 Jahre nach dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro weder beim Umweltschutz noch bei der Armutsbekämpfung entscheidende Fortschritte gegeben habe. Die Erde sei „chronisch krank“. Als besonders unbefriedigend nannte er die politischen Maßnahmen für den Umweltschutz. Die Treibhausgase seien seit Rio weltweit um 9% , der Energieverbrauch um 10% gestiegen. In den Tropen würden jährlich 15 Millionen Hektar Wald vernichtet, die Meere würden leergefischt. Vor allem in Afrika seien Umweltzerstörung, Armut und Hunger gewachsen. Es gebe heute genauso viele Unterernährte wie Überernährte - jeweils 1,1 Milliarde, und noch
34 http://www.un.org/ecosocdev/geninfo/sustdev/5years.htm, 16.11.2001
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immer verbrauchten die wenigen reichen Länder einen Grossteil der Ressourcen. 35
Doch auch wenn die Bereitschaft und die politische Handlungsfähigkeit vorhanden wäre, die Grenzen ökologischer Tragfähigkeit nicht zu überschreiten, stünden die notwendigen Instrumente nicht zur Verfügung, um kritische Schwellenwerte benennen zu können. Denn die Umweltprobleme, die man erkannt hat bzw. erkannt zu haben glaubt, sind lediglich „Symptome einer in ihrer Gesamtheit nicht erfassbaren Veränderung des globalen Ökosystems“ (Bringezu/Schütz in: Luks 1998: 219). Darüber hinaus muss der Aspekt der eingeschränkten Möglichkeit der Gegensteuerung mit bedacht werden. Aufgrund der Komplexität der ökosystemischen Zusammenhänge und der Hunderttausenden von im Wirtschaftsprozess geschaffenen weitgehend unbekannten Stoffe muss man „es als illusorisch erkennen, mit Hilfe der schrittweisen Untersuchung von Einzelsubstanzen jemals komplexe Umweltprobleme erklären, geschweige denn verlässlich vorhersagen zu können. (...) Wis-senschaftstheoretisch ist es naheliegend, dass der Mensch niemals in der Lage sein wird, alle denkbaren Folgen, alle Synergismen und Antagonismen von Stoffen und Stoffkombinationen in der Umwelt und schon gar nicht die Auswirkungen dieser Zusammenhänge in Raum und Zeit so vorherzusehen, dass politisch rechtzeitig gegengesteuert werden kann“ (Schmidt-Bleek 1994: 63). „Kleine Schwankungen können zu drastischen Veränderungen des Verhaltens makroskopischer Systeme führen" (Prigogine/Stengers 1993: 23). Dies bedeutet, daß schon kleine Unsicherheiten über Anfangsbedingungen nach kurzer Zeit eine weitgehende Unkenntnis über den Systemzustand zur Folge haben (ebd.). Darüber hinaus führen diese Eigenschaften selbstorganisierender Systeme zu sprunghaften Gleichgewichtswechseln, die für Pflanzen, Tiere und Menschen negative Folgen haben können. Diese sogenannten Threshold-Effekte können dazu
35 Rabe Ralf, 3/2002
42
führen, daß das Überschreiten kritischer Schwellen den Verlust von Resilienz 36 und Selbstorganisationsfähigkeit zur Folge hat (vgl. Luks 1998: 220). Der Politikwissenschaftler Luks (1998: 220) bestreitet die Kontrollierbarkeit der Tragfähigkeitsgrenzen: Der „Wahn der Naturbeherrschung [sei] durch die Erkenntnisse der modernen Chaosphysik endgültig desavouiert (...) Das Problem globaler Umweltveränderungen liegt (...) darin, daß die Grenzen der natürlichen Anpassungsmöglichkeiten kaum vorherzusehen sind. Neue Theorien zur Beschreibung und Erklärung des Verhaltens komplexer Systeme, sogenannte Selbstorganisations- oder Chaos-Theorien, machen uns dies sehr deutlich (...) Die Komplexität natürlicher Prozesse macht es unmöglich, Wachstumsgrenzen exakt zu bestimmen oder erfolgreich steuernd einzugreifen.“
Das Wissen über Nichtwissen lege einen „vorsichtigen Umgang mit der Natur“ nahe, der auch eine „Abkehr von der Illusion des Machbarkeitsglaubens heutiger Politik“ impliziere (Hinterberger et al. 1996: 82). Daraus folge, so Luks, (1998: 221) „eine Politik, die auf die Vermeidung potentieller Schäden gerichtet ist, die also nicht lediglich die Bekämpfung bereits entstandener Schäden anstrebt. Die übliche Definition des Vorsorgeprinzips geht davon aus, dass Maßnahmen zum Umweltschutz dann gerechtfertigt sind, wenn Unsicherheiten hinsichtlich der Gefährdung bestehen und wenn irreversible Schäden nicht auszuschließen sind. Implizit wird dabei oft angenommen, dass die Unsicherheit eine vorübergehende Ungenauigkeit sei, die verschwinde, wenn zu der Frage genug geforscht werde. Ökologisches Nichtwissen und ökologische Unsicherheit lassen sich jedoch nicht einfach durch mehr Forschung beseitigen, womit die Hoffnung auf eine wissenschaftlich fundierte „Lösung“ der Wissensprobleme unrealistisch wird“ (ebd.: 273). „Doch alles werden wir sowieso erst wissen, wenn eine wissenschaftlich gesicherte Umkehr unmöglich ist und in jedem Fall zu spät erfolgen würde, um Klimakatastrophe und Artenvernichtung noch abzuwenden“ (Altvater 1992: 236).
36 Eigenschaft eines (Öko-)Systems, sein Gleichgewicht trotz Störungen aufrecht zu erhalten
43
Es darf also nicht darum gehen, die vermuteten ökologischen Grenzen auszureizen, sondern es bedarf einer grundsätzlich anderen, umweltschonenden Wirtschaftsbzw. Lebensweise, um nicht - wie bei der Atomenergienutzung - mit dem Risiko der Unberechenbarkeit Roulette zu spielen.
Die bisher in Kapitel 6 aufgezeigten Aspekte stellen eine Bestandsaufnahme einiger wichtiger Aspekte der Krisenerscheinungen der Gesellschaft dar. Diese soll nun abgeschlossen und ein kurzes Resümee gezogen werden.
5.3. Fazit
Die erste Forschungsfrage, ob die derzeitige gesellschaftliche Situation einer grundlegenden Veränderung bedarf, kann aufgrund der bisherigen Ausführungen m.E. eindeutig bejaht werden. Es besteht offensichtlich dringender und umfassender Handlungsbedarf (vgl. hierzu Kapitel 7.1).
Landgemeinschaften behaupten nun, Lösungen für die als notwendig erachteten gesellschaftlichen Veränderungen zur Bewältigung der Krise gefunden zu haben. Deswegen werde ich im Folgenden eine Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen von Landgemeinschaften vornehmen, denn u.a. daran bemisst sich ihre tatsächliche Bedeutung.
44
6. Untersuchung der Auswirkungen der Landgemeinschaften
auf die Gesellschaft
Zur Beurteilung der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Landgemeinschaften ist es notwendig, zu prüfen, auf welche Weise die Landgemeinschaften in die Gesellschaft hineinwirken, welche Resonanzen und tatsächlichen Veränderungen sie in der Gesellschaft bewirken. Dabei muss jedoch zwischen den Versuchen der Landgemeinschaften, auf die Gesellschaft einzuwirken (z.B. durch gezielte Aktionen, politisches Engagement, ihre Lebensweise) unterschieden werden von etwaigen Resonanzen bzw. Veränderungen, die sich in der Gesellschaft (z.B. im dörflichen Umfeld oder gesamtgesellschaftlich) zeigen. Da bislang kaum Fachliteratur noch wissenschaftliche Forschungsprojekte zu dieser Fragestellung existieren, habe ich zur Beantwortung dieser Frage eine empirische Untersuchung durchgeführt. Im Rahmen dieser Untersuchung habe ich fünf Experteninterviews 37 geführt, transkribiert und die Auswirkungen auf die folgenden gesellschaftlichen Bereiche hin untersucht: - Dorf/Region - Vernetzung - Wissenschaft, Politik & Medien
Die Auswahl der untersuchten Landgemeinschaften begründet sich wie folgt: Sie stellen Leitprojekte und Vorreiter für die drei Hauptrichtungen der Bewegung dar: 38
- die Kommune Niederkaufungen für die häufig als 'politische Kommunen' bezeichneten Projekte mit linkem Politikverständnis,
- das Ökodorf Sieben Linden für die vor allem ökologisch orientierten Gemein-
schaften und
37 vgl. Dexter (1970). Meuser, M & Nagel, U. (1991) Zum Leitfaden vgl. Anhang
38 ohne Anspruch darauf zu erheben, dass man dabei tatsächlich im strengen Sinne von einer Bewegung
sprechen kann
45
- das ZEGG (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung) für die vor allem spirituell orientierten Gemeinschaften.
Um Aussagen über diese Landgemeinschaften treffen zu können, habe ich folgende Interviews herangezogen:
1. mit einem Mitarbeiter des G.E.N. (Global Ecovillage Network), 2. einem Mitarbeiter von „eurotopia“ (beide leben in Gemeinschaften) und 3. mit drei im Bereich Öffentlichkeitsarbeit langjährig aktiven Gründungsmitgliedern der drei bekanntesten deutschen Gemeinschaftsprojekte Im Folgenden werde ich zunächst die drei Projekte durch eine eingehende Beschreibung vorstellen. Dies dient, neben ihrer Vorstellung, dazu, in der im Schlussteil wieder aufgegriffenen Frage, ob Landgemeinschaften eine Alternative zum derzeitigen gesellschaftlichen System darstellen, eine Antwort geben zu können. Daran anschließend soll der Frage nach den tatsächlichen Auswirkungen der untersuchten Landgemeinschaften nachgegangen werden. Zur Beantwortung dieser Frage werden die empirischen Ergebnisse meiner Untersuchung vorgestellt und im Schlussteil vergleichend zur Beurteilung der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz herangezogen.
6.1. Vorstellung der untersuchten Landgemeinschaften
Als exemplarische Modellprojekte der verschiedenen Ausrichtungen der Landgemeinschaften sollen sie im Folgenden eingehender hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen betrachtet werden. Zunächst jedoch werden die einzelnen Projekte vorgestellt.
46
6.1.1 Das Ökodorf Sieben Linden
39
"Es kommt nicht so sehr darauf an, wogegen wir sind, sondern wofür!" Geboren wurde die Idee eines Ökodorfs 1989 in Heidelberg von Menschen aus dem Umkreis der Zeitschrift „ÖKODORF-Informationen“ 40 , die versuchen wollten, eine Synthese aus den Erfahrungen vieler ökologischer Landprojekte zu ziehen und ein Ökodorf als Gegenmodell zur Industriegesellschaft zu entwickeln. Erste Mitstreiter wurden über Annoncen in bundesweiten Zeitungen gesucht, sodass schnell eine bundesweite Gruppe entstand, die das Projekt realisieren wollte. Es wurden Leitsätze formuliert, die die inhaltliche Grundlage der Gruppe darstellten. Die zum Teil schon verwirklichte Vision: Der Aufbau einer nachhaltigen Modellsiedlung für 300 Menschen, bei dem eine Integration aller Bereiche (Wohnen, Arbeiten, Ver- und Entsorgung, Kultur) unter sozial-ökologischen Gesichtspunkten angestrebt wird. Die Gemeinschaft strebt „eine weitgehende Selbstversorgung in allen Lebensbereichen von der Nahrung, den Gütern des täglichen Bedarfs, dem Hausbau, der Energieversorgung bis hin zu eigenen sozialen, medizinischen und pädagogischen Einrichtungen an“. Dies wird u.a. als Beitrag zu einer „schrittweisen Überwindung der globalen Ausbeutungsstrukturen“ verstanden und zu einer ressourcenschonenden Lebensweise. Auch die Kooperation unter den Mitgliedern soll dadurch gefördert werden. Die selbstversorgende Tätigkeit wird auch als Gelegenheit gesehen, „die eigene Arbeit wieder als Quelle der Selbstentfaltung zu entdecken“. 41
Entscheidungen werden im Konsens getroffen. „Konsens ist für uns die Konsequenz aus der Entscheidung miteinander zu leben: alle Beteiligten sollten wenigstens mit den Beschlüssen leben können, auch wenn sie nicht unbedingt völlig einer Meinung sind.“ Um den Konsens bei Gemeinschaftsentscheidungen vor dem 39 Leitspruch auf der Ökodorf-Homepage
40 später "Eurotopia - Zeitschrift für Leben in Gemeinschaft"
41 Bioanbau, freie Schule und Kindergarten, Chor, Musik, biologischer Hausbau, Forstwirtschaft
47
Machtmissbrauch Einzelner zu schützen, gilt der „Konsens minus Eins“ : das Veto einer Person gilt nur, wenn es nach einer Woche von mindestens einer weiteren Person mitgetragen wird.
Es wird ausdrücklich Wert auf Offenheit und Vielfalt gelegt: „Wir möchten ein weltoffenes und gastfreundliches Dorf sein und mit Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, Altersgruppen und sozialen Schichten zusammenleben.“ 42 Das heißt jedoch nicht, dass jeder aufgenommen wird. Erwartet wird „Auseinandersetzungsbereitschaft und Transparenz auf der Suche nach einer ökologischen Lebensweise“ und „Offenheit für die Erprobung undogmatischer spiritueller und kultureller Wege und Methoden, die uns eine Erfahrung der ursprünglichen Einheit von Mensch und Natur geben können“. Die grenzt notwendigerweise den Kreis der Interessenten ein.
Im Sinne einer vielfältigen Gemeinschaftskultur soll das Dorf aus kleineren Lebensgemeinschaften mit unterschiedlichen Lebenskonzepten 43 zusammengesetzt sein, die in sogenannten Nachbarschaften kooperativ nebeneinander existieren. Weitere Ziele sind die materielle und ideelle Vernetzung mit gleichgesinnten Projekten und der soziale und kulturelle Austausch mit der Umgebung. Der Außenwirkung wird sehr große Bedeutung beigemessen: „Wir möchten unseren Teil zu einer nachhaltigen Entwicklung unserer Region beitragen. Wir suchen die Kooperation und Auseinandersetzung mit der bestehenden Gesellschaft. Wir wollen durch unser eigenes Beispiel und zusammen mit Menschen aus anderen Projekten und Bewegungen am Aufbau einer gesellschaftlichen Alternative arbeiten“ (ebd.). Nach drei Jahren Konzeptentwicklung und gegenseitigem Kennenlernen begann die Standortsuche. Wegen verschiedener Probleme sah die Gruppe jedoch bald die Notwendigkeit für einen Zwischenschritt, ein Projektplanungszentrum:
42 Broschüre "Ökodorf Sieben Linden, Sozial-Ökologische Modellsiedlung bei Poppau/Altmark - Eine
Information für Siedlungsinteressierte der Siedlungsgenossenschaft Ökodorf e.G."
43 z.B. Vegan sich Ernährende vs. Fleischesser
48
Ein Ort, an dem eine feste Gruppe von Menschen kontinuierlich gemeinsam lebt und an dem Projekt arbeitet, wo alle Aktenordner des Projekts gesammelt stehen; eine Anlaufstelle für alle Projektinteressierten, ein Gästehaus für alle bundesweit verstreuten Vereinsmitglieder; ein Ort, wo schon Betriebe aufgebaut werden, die dann ins Ökodorf mit umziehen können und so eine wirtschaftliche Basis für das Projekt sein können. Von dort sollte die weitere Planung vorangebracht und ein Ökodorf-Standort gesucht und besiedelt werden. Im Herbst 1993 wurde dann in Groß Chüden bei Salzwedel (nördliches Sachsen-Anhalt) ein Resthof mit zwei Nebengebäuden und 4,3 ha Land für diesen Zweck gekauft. In und um das Zentrum entstanden Initiativen und Betriebe, auch eine freie Schule wurde gegründet, die vom Kultusministerium als Modellprojekt anerkannt wurde. 1997 war das Gelände für das Ökodorf 25 km entfernt von Groß Chüden bei Poppau gefunden. Die „Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft Ökodorf e.G.“, bereits Trägerin des Projektszentrums, kaufte das 22 ha große Gelände mit drei Gebäuden. Die Genossenschaft organisiert die gemeinsame Dorfökonomie, betreibt die Infrastruktur, die Gemeinschaftseinrichtungen und evtl. weitere Betriebe, an denen alle Siedler finanziell und arbeitsmäßig beteiligt sind. Darüber hinaus werden die einzelnen Haushalte, Betriebe und Einrichtungen im Rahmen der Verträge mit der Genossenschaft eigenverantwortlich betrieben. Der „Freundeskreis Ökodorf e.V.“ ist als gemeinnütziger Verein der Träger der Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, der Regionalentwicklungs- und Naturschutzarbeit und er bündelt alle am Ökodorf Interessierten.
Derzeit leben 45 Erwachsene und 13 Kinder auf dem Gelände, zumeist noch in Bauwägen. Daneben wohnen noch ca. 15 Menschen übergangsweise im 1km entfernten Poppau und einige in gemieteten Wohnungen in der Umgebung. Damit auch finanziell schwächere Menschen sich an der Siedlung beteiligen können und zu starke Einkommensgefälle vermieden werden, wird versucht, z.B. über sozialen Wohnungsbau, spezielle Fördermittel, gegenseitige Kredite und interne Fonds einen Ausgleich zu schaffen.
49
Bislang gibt es drei Nachbarschaften mit unterschiedlicher Ausrichtung, darunter eine radikal ökologische mit gemeinsamer Ökonomie, die das erste genehmigte Strohballenhaus Deutschlands gebaut hat: ohne Maschinen, ohne Chemie, nur mit regionalen Baustoffen. Das Holz wurde mit der Axt gefällt, mit Pferden aus dem Wald gezogen, von Hand geschält und gesägt. Zusammengehalten wird das Holz ausschließlich mit Holznägeln. Die Wände bestehen aus baubiologisch perfektem Stroh. Der Lehmputz stammt aus dem Bodenaushub der Pflanzenkläranlage. Der beim Bau des ganzen Hauses anfallende Müll passt in einen gelben Sack. Fenster und Dachziegel sind gebraucht und stammen aus der Gegend. Für das 180 m² -Haus sollen nur 20.000 € an Kosten anfallen.
Es gibt keine Gemeinsame Ökonomie 44 auf der Ebene des gesamten Projekts. Die Genossenschaft betreibt die Verwaltung, die Infrastruktur und die Gemeinschaftseinrichtungen, woran die Mitglieder sich ehrenamtlich oder als ABMler beteiligen. Es gibt also eine gemeinsame Finanzierung bestimmter Bereiche. 45 Darüber hinaus werden die einzelnen Haushalte, Betriebe und Einrichtungen im Rahmen der Verträge mit der Genossenschaft eigenverantwortlich betrieben. Die einzelnen Nachbarschaften entscheiden sich ggf. untereinander für eine gemeinsame Ökonomie. Damit sich auch finanziell schwächere Menschen an der Siedlung beteiligen können und zu starke Einkommensgefälle vermieden werden, soll versucht werden z.B. über sozialen Wohnungsbau, spezielle Fördermittel, gegenseitige Kredite und interne Fonds ein Ausgleich zu finden.
Es wird - wie in den anderen Gemeinschaften - großer Wert auf gebrauchswertorientierte Angebote gelegt. (bislang realisiert: Seminare, Buchversand, Forstwirtschaft, Töpferei, Schmuckwerkstatt).
44 Gemeinsame Ökonomie meint ein Wirtschaften, bei dem es für alle Einnahmen und Ausgaben der Betei-
ligten eine gemeinsame Kasse gibt.
45 u.a. 200 € im Monat für die Versorgung durch die Gemeinschaftsküche
50
Aus dem Zweig der 68er, die sich viel mit Psychoanalyse und Wilhelm Reich u.ä. beschäftigt hatten, entwickelten sich später auch einige Gemeinschaftsprojekte, u.a. die 1978 von dem Soziologen und Psychoanalytiker Dieter Duhm („Angst im Kapitalismus“) gegründete und geleitete „Bauhütte“ und später das Netzwerk MEIGA („Modell einer internationalen gewaltfreien Alternative“). Aus diesen Denk- und Aktionszusammenhängen heraus wurde 1991 das ZEGG, maßgeblich auf der Grundlage von Ideen Duhms, auf einem 15 ha großen Gelände bei Belzig gegründet. Viele der Gründungsmitglieder hatten gemeinsam von der „Bauhütte“ zum ZEGG gewechselt und verfolgten ihre Vision nun in weiterentwickelter nichthierarchischer Version weiter.
Das ZEGG sieht sich vor allem als Bildungs- und Forschungseinrichtung. Bildungsziel ist, „das geistige und praktische Wissen für eine humane, lebendige und gewaltfreie Kultur zu erforschen, umzusetzen und weiterzugeben“. 46 Zu den Forschungsfragen gehören z.B.:
„- Wie schaffen wir ein Zusammenleben von Mensch und Natur, das nicht auf
Konkurrenz und Angst beruht, sondern auf Neugier, Kontakt, Wissen und Lie-
be?
- Wie sieht eine spirituelle Lebensweise aus, die uns verbindet mit dem Lebendi-gen und mit unserer eigenen inneren Stimme?
- Welche inneren Qualitäten und welches Know-how braucht der Mensch, um öko-
logisch und gewaltfrei leben zu können?“ 47
Das ZEGG möchte als internationaler Treffpunkt und Vernetzungsort für Menschen fungieren, die sich für diese Fragen interessieren. Die weltanschaulichen Grundlagen im ZEGG setzen sich aus verschiedenen spirituellen Richtungen zusammen. Neben den Arbeiten Dieter Duhms und der Theo-
46 http://www.zegg.de/2001a/deutsch/wasist/daszegg.htm,05.02.2002
47 (ebd.)
51
login Sabine Lichtenfels sind es vor allem Zen-Buddhismus, Urchristentum, Elemente der Anthroposophie und des indianischen Schamanismus, wobei die einzelnen Mitglieder ihre jeweils eigenen Schwerpunkte haben. Man geht von der These aus, dass Gewaltlosigkeit und Frieden im globalen Zusammenhang nicht entstehen bzw. dauerhaft bestehen kann, solange die persönlichen Beziehungen zwischen den Menschen, insbesondere in Liebesbeziehungen, von Gewalt und Unfreiheit geprägt sind. „Es kann keinen Frieden auf der Erde geben, solange es Krieg zwischen den Geschlechtern gibt“ ist ein zentraler Slogan des ZEGG. Angestrebt wird daher die Fähigkeit zu freier Liebe, d.h. die von Besitzzwängen, Verlustängsten und Vergleich befreite Liebe. Die Erlangung der Fähigkeit zu einem angstbefreiten Umgang mit der eigenen Sexualität wird in diesem Zusammenhang als sehr wichtig betrachtet, jedoch verschiebt sich der Fokus allmählich von der Sexualität hin zur allgemeinen Liebesfähigkeit.
Dem Leben in Gemeinschaft wird für die eigene Weiterentwicklung große Bedeutung beigemessen, weil man dort die geistigen Bedürfnisse breitestmöglich abdecken könne und sich im Wachstum unterstütze. Es wachse die „Fähigkeit, sich im menschlichen Zusammenhang der Gruppe und im ökologischen Zusammenhang der Erde zu wissen. Die Anteilnahme und soziale Kompetenz, die sich daraus entwickeln, sind die wohl wesentlichsten Fähigkeiten, die wir in der heutigen Zeit brauchen.“ 48
Es wird besonderer Wert darauf gelegt, dass man dabei nicht in der Gruppe aufgeht, sondern gerade dadurch gemeinschaftsfähig wird, indem man zu seiner eigenen Individualität und Authentizität findet. Den Raum für Erfahrung und Experiment bieten u.a. eine große Bandbreite an therapeutischen Methoden, eine Sommeruniversität, Kunstwerkstätten und -ateliers. Außerdem trifft man sich regelmäßig im „Sozialen Forum“: Die Teilnehmer sitzen im Kreis und wer etwas sagen oder darstellen will, geht in die Mitte und versucht, so authentisch, offen und ehrlich wie möglich zu sein. Im geschützten Rahmen der Gemeinschaft werden die Gefüh- 48 (ebd.)
52
le und Gedanken mitgeteilt, wird das Private öffentlich, ob es um Freundschaft, Liebe, Sex, Geld, Konkurrenz oder Macht geht. Das investierte Vertrauen soll das Wachstum und die Liebesfähigkeit 49 innerhalb der Gemeinschaft unterstützen, d.h. konkret z.B.:
Abbau der subjektiven Selbstisolation, mehr Verständnis, Offenheit, Verbindlichkeit und Verantwortungsgefühl füreinander. „Herzöffnung“ ist ein oft benutztes Wort in diesem Zusammenhang.
Das Soziale Forum ist sozusagen der soziale Reaktor der Gemeinschaft. Es findet normalerweise dreimal pro Woche in zwei Gruppen statt.
Die ca. 80 Mitglieder (und ca. 20 Kinder und Jugendliche) leben in kleinen Wohngemeinschaften zusammen. Es gibt keine Gemeinsame Ökonomie, aber gemeinsame Kassen für die Gemeinschaftsküche, für die Infrastruktur und einige andere Zwecke, z.B. auch für die Unterstützung von politischen Aktionen einzelner Mitglieder.
Ca. die Hälfte der Mitglieder arbeitet im ZEGG. Entscheidungen werden seit kurzem in einem 13er-Rat getroffen, der sich aus Vertretern der Arbeitbereiche und der Forumsgruppen zusammensetzt. Sie werden der Gemeinschaft bekannt gegeben. Es kann dann aber jeder ein Veto einlegen. Ein Plenum gibt es nur noch bei Bedarf.
Diese Variante des Konsensprinzips hat bei solch einer großen Gruppe den Vorteil, viel Zeit zu sparen und die Plenumsverdrossenheit zu mindern. Sie funktioniert aber nach der Erfahrung des ZEGG nur in Zusammenhang mit vertrauen- und transparenzschaffenden Methoden wie dem Sozialen Forum. In Bezug auf die in allen Gemeinschaften existierenden informellen Hierarchien ist das ZEGG wie auch das gesamte MEIGA-Netzwerk stark frauendominiert. Auch Besuchern fallen oft die „starken Frauen“ im ZEGG auf.
49 nicht im erotischen Sinne gemeint
53
6.1.3 Kommune Niederkaufungen
1983 versammelte sich in Hamburg ein Kreis von ca. 100 Leuten, meist Akademiker in gut bezahlten Stellungen, zwecks Planung einer Kommune. Motive waren vor allem Unzufriedenheit mit der Gesellschaft und dem Wirtschaftssystem sowie Stadtmüdigkeit. Nachdem man sich auf ein Grundsatzpapier geeinigt hatte, das Motivation und Zweck des Projekts ausdrückte, begann die Suche nach einem Grundstück. Als man Mitte ´86 nach ca. 300 Objektbesichtigungen den Kaufvertrag abschloss, waren noch 15 Erwachsene übrig. 20 Leute waren in 2 andere Projekte gegangen. Die Kommune entstand in Niederkaufungen, einem Vorort von Kassel.
Folgende Passage aus dem Grundsatzpapier der Kommune zeigt etwas über die Motivation der Gruppe: „Ich will nicht mehr konkurrieren, beziehungslos und vereinzelt durch die Welt laufen. Ich will nicht mehr unter den herrschenden Bedingungen meine Arbeitskraft, meine Gesundheit, meine Energie ausbeuten lassen. Ich will mich nicht mehr in der Kleinfamilie verkriechen, die mich wieder fit macht für die Arbeit. Ich will nicht mehr konsumieren und all meine unerfüllten Wünsche vergessen. Ich will heute und hier das alles verändern. Ich will nicht warten auf eine neue, bessere Gesellschaft, ich will sie heute entwickeln, ich will heute anfangen zu leben. Natürlich habe ich Angst, an vielen Stellen, mein Leben zu verändern, aber ich habe noch mehr Angst, mein Leben lang so weiter machen zu müssen; einsam, lust- und lieblos.
(...) Wir befinden uns zur Zeit nicht in einer vorrevolutionären Phase, so dass wir nicht davon ausgehen können, dass sich in absehbarer Zeit ein großer Teil der Bevölkerung an einer gesellschaftlichen Veränderung beteiligt.(...) Wir sehen es als persönliches Experiment, in dem wir die Lebensumstände des einzelnen verändern, ohne sofort etwas gesamtgesellschaftliches verändern zu können. Im Projekt wird es keinen privaten Besitz an Produktionsmitteln geben. Und genau diese Verände-
54
rung, die Gemeinwirtschaft, bietet uns den Hebel, nicht entfremdete Arbeit kennenzulernen, unsere Beziehungen und unseren Lebensalltag zu verändern.“ Für die Praxis haben sich daraus folgende Leitlinien ergeben: 50
- zusammen leben und kollektiv arbeiten
- Gemeinsame Ökonomie, d.h. jede Person erwirtschaftet nach ihren Möglichkei-ten und Fähigkeiten in die gemeinsame Kasse und nimmt nach ihren Bedürfnis-
sen heraus
- Entscheidungsfindung im Konsens, d.h. Entscheidungen, die alle betreffen, müs-sen von allen getragen werden
- keine Hierarchien und geschlechtsspezifischen Machtstrukturen, sondern ge-
meinsame Verantwortung füreinander, was die gemeinsame Verantwortung für
Kinder miteinschließt
- nachhaltige (ressourcenschonende) Wirtschaftsweise.
Heute leben dort 55 Erwachsene und 19 Kinder, aufgeteilt in Wohngruppen. Das Dach der Organisation bildet ein Verein, unter dem einzelne Gruppen als GmbH, GbR und gemeinnütziger Verein organisiert sind. Alle Einkünfte der Mitglieder bzw. Arbeitsbereiche (auch das Vermögen von Einsteigern) gehen in eine gemeinsame Kasse. Aus ihr wird die Versorgung der Mitglieder mit Wohnraum und Nahrung und Energie finanziert (gemeinsame Ökonomie). Für die Deckung des persönlichen Bedarfs kann sich jeder aus ihr bedienen, erst bei Einzelsummen ab 100 € bedarf es einer vorherigen Bekanntmachung. Die Kommune kommt auch für die Krankenversicherungen ihrer Mitglieder auf.
Aufgrund der gemeinsamen Ökonomie gibt es keine Arbeitslosigkeit und alle Arbeiten - auch die reproduktiven - sind auch materiell gleichbewertet. Durch diese Strukturen und weil die Kommune zudem ein zusätzliches staatsunabhängiges Rentensystem entwickelt hat, sind die Mitglieder sozial extrem gut abgesichert.
50 Aus dem Seminarprogramm 1999
55
Bei Entscheidungen gilt das Konsensprinzip. Dessen konkrete Umsetzung wurde über einen langen Zeitraum weiterentwickelt, um den Schwierigkeiten bei dessen Anwendung in solch einer großen Gruppe gerecht zu werden. Die Kommune hat vom ZEGG die Technik des Sozialen Forums übernommen, um zwischenmenschlichen Problemen und Vertrauensdefiziten zu begegnen, jedoch nimmt nur ca. ein Drittel der Gemeinschaft daran teil.
Fast alle Mitglieder arbeiten innerhalb der Kommune. Es gibt dort 12 Arbeitsbereiche: Baufirma, Schreinerei, Schlosserei, (integrative) Kita, Tagungshaus, Gemüseanbau, Viehwirtschaft, Näh- und Lederwerkstatt, Energie- und Baustoffberatung, Küche, Architekturbüro und Verwaltung. Demnächst eröffnet ein weiterer Arbeitsbereich eine Pflegeeinrichtung für alte Menschen. Auch sonst gibt es immer wieder Veränderungen in der Kommune, aber man kann sie eigentlich nicht mehr als Experiment bezeichnen, da sie in Bezug auf ihre sozialen, ökonomischen und ökologischen Ziele sehr erfolgreich und gefestigt ist. Allerdings meint Uli Barth dazu, „zumindest die GründerInnengeneration muss die Chance haben eines natürlichen, altersbedingten Todes in ihr sterben, bevor ich von einem erfolgreichen Modell sprechen würde - bis dahin ist sie für mich ein Experiment.“ 51 Einige der ökologischen Vorteile des Projekts sind: Zentrale Nahrungsversorgung über die Gemeinschaftsküche (Energie- und Wassereinsparung), Lebensmittel nur aus biologischem Anbau (zum großen Teil aus eigener Produktion), Lager für gebrauchte Möbel und Kleidung, gemeinsame Nutzung der Fahrzeuge (8 PKW, 2 Motorräder), Sanierung und Dämmung nach baubiologischen Kriterien, Wärme-versorgung mit zentraler Holzheizung. Es wird auf generell sehr auf umweltschonendes Alltagsverhalten geachtet, was sich auch in einem diesbezüglichen Kodex mit 10 Geboten wiederspiegelt (z.B. „Vermeidung von Kunststoffen“).
51 http://www.leibi.de/takaoe/s98_18.htm
56
6.2. Darstellung der Auswertungsergebnisse
Im Folgenden wird die Frage, welche tatsächlichen Auswirkungen die untersuchten Landgemeinschaften im Hinblick auf die gesellschaftlichen Bereiche - Dorf, Region - Besucher, Gleichgesinnte - Wissenschaft, Politik und Medien
haben, untersucht.
6.2.1 Einfluss der Landgemeinschaften auf das nähere Umfeld
Das nähere Umfeld ist hier einerseits räumlich gemeint, andererseits sozial, in Bezug auf Menschen, die direkten Kontakt zur Gemeinschaft haben. Ich verwende für das Ökodorf Sieben Linden die Abkürzung Ö7L und für die Kommune Niederkaufungen KN. Bei Zitaten der Interviewten Uli Barth, Georg Lohmann und Dieter Halbach steht Uli für die KN, Georg für das ZEGG und Dieter für das Ö7L.
6.2.1.1 Das Dorf/die Region:
Die drei Gemeinschaften bemühen sich sehr um ein gutes Verhältnis zu den in der Umgebung lebenden Menschen. Sie laden sie regelmäßig ein zu einem jährlichen Fest (KN), zum Sonntagskaffee mit Kulturprogramm (Ö7L), zum Tag der offenen Tür und zu Führungen. Dabei lernen die Besucher auch die vielen ökologischen Maßnahmen der Projekte kennen: regenerative Beheizung, biologischer Anbau, alternative Antriebe, Regenwassernutzung, energiesparende biologische Bauweisen u.a.. Bei der KN gibt es viele Kontakte zum Dorf über die Arbeitsbereiche (besonders durch den Hofladen, den auch das Ö7L bald haben wird). Jedoch ist nach den bisherigen Erfahrungen bei den „normalen“ Menschen kaum mehr zu erreichen als eine freundliche Akzeptanz. Die KN hatte eigens zur Information der ortsansässigen Bevölkerung Info-Nachmittage eingeführt, jedoch sind die Teilnehmenden „eben nicht die Dorfbevölkerung oder die Normalbevölkerung aus
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Kassel, sondern doch eher die Szeneleute“ (Uli). Es besteht praktisch kein Interesse an den Strukturen der Gemeinschaft, wie das Zusammenleben und die Ökonomie ohne Chef funktioniert, wie Entscheidungen unter Einbeziehung aller Mitglieder getroffen werden, was das Leben in Gemeinschaft zwischenmenschlich mit sich bringt oder was die weltanschaulichen Hintergründe sind. „Das ist zu weit weg von den Leuten“ (Uli).
Allerdings ist schon das Erreichen der Akzeptanz keine Selbstverständlichkeit gewesen. Allen drei Gemeinschaften wurde zunächst mit Misstrauen begegnet. In der KN ist das Misstrauen 52 durch die Offenheit (und wahrscheinlich auch, weil das Projekt sehr zugänglich mitten im Dorf liegt) mit der Zeit verschwunden, das Ö7L war mit größerem Druck konfrontiert, weil ein kurzfristig zum „Sektenbeauftragten“ des Kirchenkreises ernannter Pfarrer das Projekt im Visier hatte und ihm u.a. auch Kindesmissbrauch vorwarf und damit das Interesse der Medien weckte (eine Schlagzeile: „Schlimmer Verdacht: Sekte im Ökodorf?“). Das Genehmigungsverfahren für das Ökodorf wurde sofort gestoppt, Fördermittel gesperrt, die vorher aufgeschlossene und kooperative Gemeinde wollte nichts mehr mit dem Projekt zu tun haben. Das Ökodorf stand kurz vor dem Aus. Prominente Unterstützer bis in die Landesregierung hinein wirkten auf die Landeskirche ein, die sich dann von der Haltlosigkeit der Vorwürfe überzeugte und den Pfarrer 'zurückpfiff'. Nachdem sie eine Widerrufserklärung veröffentlichte und eine klärende Informationsveranstaltung mit den Bewohnern Poppaus durchführte, beruhigte sich die Lage wieder. Jedoch warnte der Landessektenbeauftragte nachträglich öffentlich das Ö7L vor Kontakten mit dem ZEGG - diese Kontakte waren die Ursache für die Kampagne gegen das Ö7L gewesen.
Das ZEGG hatte die größten Probleme mit dem Sektenvorwurf, da es insbesondere durch den Fokus auf die Auseinandersetzung mit dem Tabuthema befreiter Sexua-
52 EinMitarbeiter der Gemeindeverwaltung: „Am Anfang, als die Kommune den Hof kaufte, hatten wir
alle Berührungsängste“ (Shalmon 1998: 30
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lität erhebliche Ängste und Aggressionen auf sich zog. Das ZEGG hatte von Anfang an mit Angriffen zu kämpfen, eine totalitäre „Sexsekte“ zu sein, mit Dieter Duhm als „Guru“, obwohl das ZEGG weder hierarchisch strukturiert ist noch Duhm jemals Mitglied im ZEGG war. Von Seiten einiger Kirchenvertreter und linker bzw. feministischer Gruppen (im Rahmen der Ökofaschismus-Debatte) wurden Zitate in sinnentstellende Zusammenhänge gebracht, Fakten erfunden, es wurde „durchschaut“, welche finsteren, faschistoiden Absichten „in Wirklichkeit“ vom ZEGG verfolgt werden, die wildesten Phantasien wurden auf das ZEGG projiziert (Vergewaltigungen, Sklavenhaltung, Sexorgien mit Kindern usw.). Ursprung und Angelpunkt der Kritik: Das ZEGG wurde (und wird) mit Duhm und Duhm wiederum mit dem berüchtigten Otto Mühl (AAO,s.o.) gleichgesetzt 53 wodurch gegenüber dem ZEGG der Vorwurf der Pädophilie u.a.m. insinuiert oder direkt behauptet wurde. Allerdings trug das ZEGG in der Anfangszeit durch provokante Aussagen und manch ideologische Fixierung zu ablehnenden Haltungen mit bei.
Bald folgte eine Flut entsprechender Artikel in den Medien. Von Reportern, die wahrheitsgemäß berichten wollten, erfuhren sie, dass positive Berichte abgelehnt wurden, weil der Auftrag lautete, einen Verriss zu schreiben. Häufig wurden die Artikel manipuliert. 54 Einige der Folgen der Hetze waren, dass keine Fördergelder bewilligt wurden, dass ZEGG-Vereinen die Gemeinnützigkeit entzogen wurde und dass einzelnen Personen mit Kündigung gedroht wurde, falls sie weiter eine Verbindung zum ZEGG aufrechterhielten. Eine ZEGG-Info-Gruppe wurde beim „Auf- 53 demer bis 1979 nahe stand, von dem er sich jedoch danach deutlich distanzierte, vor allem wegen der,
53 , "Gruppengehorsam...kollektiver Gleich-
so Duhm (1997) "absolutistischen Strukturen"
schritt...Anpassung nach oben", TAZ 30.07.93: 23
54 z.B. vom "Stern": Er hatte 1996 Journalisten beauftragt, für eine Artikelserie über Landgemeinschaften
zu recherchieren. Sie haben das Ökodorf Sieben Linden, die Kommune Niederkaufungen, das Lebens-
gut Pommritz und das ZEGG besucht, mit dem Auftrag, etwas über die Gemeinschaften als Pioniere ei-
ner nachhaltigen Lebensweise schreiben. Das ZEGG bekam danach den Entwurf für den Artikel zuge-schickt. Statt dieser Serie erschien dann aber ein Artikel über "Sekten in Deutschland" mit einem Ab-
schnitt über das ZEGG, überschrieben mit "Gruppensex für den Guru" und entsprechendem Inhalt sowie
einem Foto von nackten Körpern, das die Journalisten vom ZEGG erbeten hatten, um deren Betonung
des Themas Sexualität zu illustrieren.
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takt“-Umweltfestival 1993 des Platzes verwiesen 55 und häufig gab es auf Veranstaltungen Redeverbote. Noch immer (zuletzt im April 2002 an der FU Berlin) sorgen linke Gruppen dafür, dass das ZEGG nicht in Universitätsräumen auftreten kann, dass es keine Möglichkeit erhält, zu den Vorwürfen Stellung zu beziehen, um der „Selbstdarstellung möglichst wenig Raum zu lassen“ (in „ZEGGSISMUS“ (1994: 33), der neben Jutta Ditfurths Kritiken bekanntesten ZEGG-kritischen Schrift, von der FU-Gruppe „Die rosaroten PantherInnen“ 56 Die Kritik am ZEGG und das Misstrauen bei der Belziger Bevölkerung sind mittlerweile jedoch abgeflaut. Diejenigen, die das ZEGG besuchen (auch Kritiker), berichten in der Regel von positiven Eindrücken, die (häufigen) Berichte in der Belziger Regionalzeitung sind inzwischen nur noch positiv oder neutral und auch in der Gemeinschaftsszene sind die Vorbehalte durch Besuche, Vernetzungstreffen, persönliche Kontakte und den ohnehin tendenziell offenen Umgang miteinander abgeflaut. Dem Landrat des Kreises gefiel die Vision des ZEGG von Anfang an. Er habe, so sagte er anlässlich des zehnten ZEGG-Geburtstages, im ZEGG „neben neuen Perspektiven und achtbaren Projekten interessante, ausgeglichene Menschen kennengelernt“, die er im normalen Tagesgeschäft nicht antreffe. Er bezeichnete das ZEGG als Experiment, das Antworten auf „drängende Fragen des Überlebens der Menschheit auf diesem Planeten“ suche. 57 Konkrete politische Aktionen werden in der Regel nicht von der ganzen Gemeinschaft, sondern aufgrund der Eigeninitiative Einzelner oder kleiner Gruppen geplant und durchgeführt, aber von der Gemeinschaft mit ideeller, fachlicher und finanzieller Unterstützung mitgetragen. Man engagiert sich gegen problematische Entwicklungen in der Region, beispielsweise gegen geplante Autobahnen (KN,
55 aufgrund einer vor Ort-Kampagne Jutta Ditfurths)
56 "Es gibt da eine gemeinsame Voraussetzung der Sektenpfarrer und der linken 'Emanzipatoren': ihren
festen Glauben an die Verführbarkeit der kleinen Männer und kleinen Frauen, die sie doch gern weiter
unter ihrer eigenen seelsorgerischen Zuständigkeit hätten. Es gibt den festen Betreuerglauben an die Un-
aufhebbarkeit der Subalternität des Menschen durch ihn selbst." Bahro 1990: 458
57 ZEGG-Homepage
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Ö7L), gegen industrielle Massentierhaltungsanlagen (Ö7L) oder gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit (KN,ZEGG). Besonders ZEGG-Mitglieder engagierten sich in diesem Bereich sehr stark, nachdem ZEGG-Kinder in den Schulen Belzigs als „linke Zecken“ beschimpft und gewalttätig bedroht wurden. Das war Mitte der 90er, als Belzig noch international als abschreckendes Beispiel in den Medien war. Mitglieder des ZEGG sind seitdem maßgeblich am „Belziger Forum gegen Rechtsextremismus und Gewalt“ und seinen Initiativen beteiligt, z.B. an Kulturfesten, Diskussionsveranstaltungen, Flüchtlingsberatung, Mahnwachen und am „Info-Cafe“ im Stadtzentrum, dass zur Aktivierung, Ermutigung und In-formation der Bürger multikulturelle Veranstaltungen, Diskussionen, Vorträge, Musik, Tanz, Filme und Diavorträge veranstaltet. Mittlerweile „ist Belzig in letzter Zeit häufiger als Positivbeispiel in den Medien erwähnt worden“ (Georg), da die Gewalt tatsächlich deutlich weniger geworden ist, wie auch der Leiter der Belziger Polizeiwache feststellt, der auch die Arbeit des Forums und des Info-Cafes dafür mitverantwortlich macht. 58 Dieses Engagement und andere sozialpolitische Aktivitäten habe dem ZEGG bei lokalen Politikern und Behörden „ein anderes Standing gegeben“ (Georg). Andere Aktivitäten waren beispielsweise Einladungen an die Bewohner eines nahegelegenen Asylantenwohnheims, Aktionen gegen deren Abschiebung (auch das Ö7L hat Asylbewerber unterstützt), Mahnwachen und Demonstrationen gegen die Kriegspolitik der USA.
Mitglieder der KN nutzen den Vorteil, eine große Stadt in der Nähe zu haben (Kassel), beteiligen sich dort an einigen politischen Initiativen, pflegen freundschaftliche und/oder ökonomische Kontakte zu einigen Projekten und haben auch die Kasseler Attac-Gruppe mit aufgebaut. Auch ZEGG und Ö7L sind zumindest Mitglied bei Attac.
58 In der Broschüre: "Zum Beispiel Belzig", Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und
Schule e.V., Belzig 1999
61
Zur z.B. von Elmar Altvater als Gegenstrategie zur neoliberalen Globalisierung empfohlenen Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe bekennen sich auch die Gemeinschaften („mit Wort, Schrift und Tat“ (Uli)). Eine Initiative des ZEGG plant eine Vernetzung und Integration verschiedener Projekte und Initiativen in das Konzept einer ökologischen “Modellregion Fläming”, mit dem Schwerpunkt dezentraler Energie- und Nahrungsmittelversorgung. Dazu gehört z.B. ein von einem ZEGG-Mitglied mitgegründeter Verein zur Förderung einer nachhaltigen Regionalentwicklung durch eine ökologische, regionale Kreislaufwirtschaft, 59 eine Initiative zur Nutzung von Pflanzenöl als Treibstoff und das ZEGG selbst, dass u.a. eine vollständige Umstellung auf die Versorgung durch erneuerbare Energien plant. Die nachhaltige Regionalentwicklung wird auch vom ZEGG als eine „Ant-wort auf die Globalisierung“ 60 betrachtet.
Die Bedeutung des Ö7L für die Regionalentwicklung ist sozusagen offiziell bestätigt. Angesichts der extrem strukturschwachen Neuen Bundesländer hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Urbanistik dort von 1995 bis 1999 das Projekt „TAT-Orte - Gemeinden im ökologischen Wettbewerb“ durchgeführt. Es wurden beispielhafte Umweltvorhaben mit ökonomischer und sozialer Bedeutung für kleinere Gemeinden ermittelt, dokumentiert und jährlich prämiert. Gefragt waren „machbare Lösungen zur Entwicklung von Gemeinden als Lebens- und Wirtschaftsraum, die dem Prinzip der nachhaltigen Entwicklung folgen“. 61 1996 wurde die Ökodorf-Genossenschaft zusammen mit fünf von sechzig Bewerbern mit dem „TAT-Orte-Preis“ als „vorbildliche ökologische Gemeindeinitiative“ ausgezeichnet. Aus der Begründung:
59 Wesentliche Aspekte sind dabei: der Ersatz fossiler Energieträger durch nachwachsende Rohstoffe,
ökologische Land- und Forstwirtschaft, die Umgestaltung der dortigen Kiefermonokulturen in standort-
gemäßen Mischwald und die regionale Weiterverarbeitung von land- und forstwirtschaftlichen Produk-
ten und somit auch die Schaffung von Arbeitsplätzen
60 http://www.zegg.de/2001a/deutsch/zeggrundbrief/special/sc2001/Vortraege/bill.htm, 05.02.2002
61 http://www.difu.de/tatorte/, 12.02.2002
62
„Die Orientierung auf die Eigenständigkeit von Wohnen, Arbeit, Ver- und Entsorgung sowie Kultur bei weitgehender Selbstverantwortung und Selbstversorgung ist besonders bemerkenswert am Konzept der sozialökologischen Modellsiedlung. Dieser von der Siedlungsgenossenschaft entwickelte Ansatz ist auf Teile des ländlichen Raumes übertragbar und weist eine Alternative zum Dorf als reinem Wohn-standort. Durch zahlreiche Kooperationen in der Region und mit Institutionen im gesamten Bundesgebiet sowie durch eine intensive ökologische Vernetzungsarbeit werden wichtige ökologische Erkenntnisse und Erfahrungen gebündelt und an viele Interessenten weitergegeben.“ 62
Im Jahr 2000 gab es „TAT-Orte“-Prämierungen für die besten unter den Gewinnern seit 1995. Wieder wurde die Ökodorf-Genossenschaft ausgezeichnet (und hat 25.000 DM bekommen). Bezog sich die Auszeichnung 1996 noch auf das Ausgangsprojekt des Ö7L, das damalige Ökodorf-Projektzentrum in Groß Chüden (das Ö7L war noch in Planung), so waren nun beide Standorte gemeint. Nach Meinung der Jury „gelang es besonders vorbildlich, innovative Ideen mit persönlichem Engagement zu verbinden und so zur Verbesserung der Lebensqualität ihrer Region beizutragen. ... Das Gesamtprojekt ist beispielgebend für eine Siedlung, die in einem demokratischen, kommunikativen Planungsprozess nach ökologischen Kriterien konzipiert und gemeinsam realisiert wird, ohne dabei soziale und wirtschaftliche Aspekte außer Acht zu lassen“. 63 Die Prämierung beinhaltete auch eine Fachtagung „Kooperative Planung im ländlichen Raum“, die das Deutsche Institut für Urbanistik im Ö7L durchführte. Ein weiteres Seminar zur Regionalentwicklung fand dort in Zusammenarbeit mit dem Landesministerium für Raumordnung, Landwirtschaft und Umwelt statt.
62 aus der „TAT-Orte“ Projektdokumentation 1996
63 http://www.difu.de/tatorte/, 12.02.2002
63
6.2.1.2 Besucher, Gleichgesinnte
Die qualitativ größte Außenwirkung ihres Schaffens sehen die Gemeinschaften in ihrer Bildungsarbeit. Fast das ganze Jahr über, vor allem aber in den warmen Monaten, finden dort verschiedenste Veranstaltungen statt. Ob zu gewaltfreier Kommunikation, therapeutischen Methoden, Friedensarbeit, Leben in Gemeinschaft, Frau-sein/Mann-sein, „Wege aus der Globalisierungsfalle“, selbstversorgerische Fähigkeiten, Eltern-Kind-Beziehung, Liebe, Tiefenökologie, Zukunftswerkstatt, Achtsamkeit, Kunst, Selbstausdruck und Kreativität oder alternativen Heilweisen, fast immer geht es um ein Empowerment zu innerem Wachstum und Gemeinschaftsfähigkeit, weil man darin den Beitrag sieht, den man aufgrund der eigenen Erfahrungen und Kompetenzen leisten kann, um zu der notwendigen politischen Handlungsfähigkeit der Menschen etwas beizutragen. Dabei haben die Gemeinschaften ihre individuellen Schwerpunkte: in der KN die Ökonomie, im Ö7L die Selbstversorgung (z.B. Hausbau, Töpfern, Ernährung) und im ZEGG das innere Wachstum. Dabei lässt man sich auch voneinander inspirieren; so haben verschiedene Gemeinschaften (auch Ö7L und KN) vom ZEGG die Methode des Sozialen Forums übernommen und im ZEGG widmet man sich zunehmend dem Thema Ökonomie, sowohl in Bezug auf die Gemeinschaftsökonomie als auch hinsichtlich der herrschenden Ökonomie; z.Zt. werden dort Seminare und Aufklärungsaktionen über die neoliberale Globalisierung geplant.
Es werden in den Projekten nicht nur eigene Seminare gegeben, sondern es kommen auch Gruppen, die ihr eigenes Seminar durchführen, weil sie das Setting dort schätzen oder weil sie nebenbei die Projekte kennenlernen wollen. Das ist besonders für Gruppen aus dem Umweltbereich interessant, die dann (weitgehend) gelebte Nachhaltigkeit erleben können. In den Gemeinschaften freut man sich einerseits über den regen Zuspruch auf die Angebote, bewegt sich bezüglich der vielen Gäste aber andererseits manchmal am Rande des Erträglichen. Im Ö7L waren im ersten Halbjahr 2001 173 Gäste, mit stark steigender Tendenz (doppelt soviel wie
64
im vorhergehenden Halbjahr) und das ZEGG hatte 2001 13.000 Übernachtungen zu bewältigen.
Im ZEGG finden regelmäßig Treffen des „ZEGG-Netzwerk“ statt. Darin treffen sich Mitglieder mit engagierten Freunden und Gleichgesinnten aus der Region (beim letzten Treffen 80 Gäste), arbeiten in Arbeitsgruppen an verschiedenen Themen (z.B. Aufbau eines Netzwerks für politische Aktionen), tauschen sich über ihre Vorhaben aus und suchen nach Möglichkeiten gegenseitiger Unterstützung. Weiteres Ziel der Netzwerktreffen ist, „dass jede/r sein Projekt im globalen Kontext sehen kann und seine/ihre Wirksamkeit vor allem auch mit anderen Projekten zusammen begreifen kann“. 64
Jeden Sommer veranstaltet das ZEGG ein zweiwöchiges „spirituell-politisches Sommercamp“ (2001: 400 Gäste). Zahlreiche Fachleute referieren zu den verschiedenen Forschungsthemen des ZEGG, Mitglieder berichten über ihre Erfahrungen, es gibt Trainings, Workshops, kreative Aktionen und viele Selbsterfahrungsübungen in Kleingruppen. Inspiriert von den oft sehr intensiven Erfahrungen im ZEGG gibt es mittlerweile in vielen Großstädten Gruppen, die miteinander mit den erlernten Übungen an ihrer Weiterentwicklung arbeiten. Zwischen dem ZEGG und den Gemeinschaften Findhorn (Schottland), Tamera (Portugal) und Damanhur (Italien) gibt es Freundschaft und Kooperation und intensiviert sich ständig bis hin zu konkreten Projekten wie Jugendaustausch, Austausch von Architekten, Referenten oder anderen Fachkräften. „Die Vision hierfür könnte heißen, dass ein Rat der Gemeinschaften der Erde entsteht.“ 65 Die KN unterhält internationale Verbindungen zu Projekten in Dänemark, Portugal, Israel, den USA und Neuseeland.
64 http://www.zegg.de/2001a/deutsch/zeggrundbrief/rundbrief17/artikel/netzwerkpl.htm, 05.02.2002
65 Vortrag im ZEGG - Sommercamp,04.08.2000,
http://www.zegg.de/2001a/deutsch/zeggrundbrief/rundbrief15/standartseite/all_rb15.htm), 05.02.2002
65
Die KN veranstaltet seit 1999 zu Pfingsten das mehrtägige „Los geht´s“-Treffen für Menschen, die Gemeinschaften gründen wollen oder eine suchen und für Gemeinschaften, die neue Mitglieder suchen. Bei Podiumsdiskussionen, Vorträgen 66 und in Kleingruppen werden verschiedenste Themen des Gemeinschaftslebens und der Gemeinschaftsbewegung diskutiert oder einzelne Projekte stellen ihre Lösungen für bestimmte Probleme vor (vor allem zwischenmenschliche Konflikte). Das „Los geht´s“ zählt mit seinen 250 bis 300 Teilnehmern - darunter Vertreter von ca. 30 Gemeinschaften (2002) - neben dem „Come together“-Netzwerktreffen zu den bedeutendsten Events der deutschen Gemeinschaftsszene. Das Ö7L hat vor allem im Medienbereich die wichtigste Vernetzungsfunktion eingenommen, denn dort sitzen die Macher von Eurotopia - der Homepage, dem Buch und der Zeitschrift. Homepage und Buch sind die einzigen auf größtmögliche Vollständigkeit bedachten Verzeichnisse von Gemeinschaften in Europa. Das Buch bietet u.a. Kurzbeschreibungen und Kontaktadressen von über 300 Gemeinschaften und ist das wichtigste Medium in diesem Bereich. Die Zeitschrift berichtet über aktuelle gemeinschaftsrelevante und politische Veranstaltungen, stellt einzelne Projekte ausführlicher vor und diskutiert gesellschaftlich relevante Aspekte der Gemeinschaften und gemeinschaftsrelevante Aspekte der Gesellschaft. Ab Mitte der 90er gingen die Beiträge verstärkt in die spirituelle Richtung, gegenwärtig ist ein deutlicher Trend zur Verknüpfung der Themen mit der politischen Relevanz zu sehen; es ist viel von Aufbruch die Rede, auch im Namen der unter Beteiligung des Ö7L gemeinsam mit einer alternativökonomischen Initiative gegründeten Initiative „Aufbruch - anders besser leben“, die wie ihr amerikanisches Pendant, die „Seeds of Simplicity“-Bewegung, dazu dienen soll, dass Gleichgesinnte sich gegenseitig auf dem Weg zu einem einfacheren Leben zu unterstützen (i.S. von Qualität statt Quantität). Ein Leitspruch der Initiative: „Wer politische Forderungen stellt, ohne sein eigenes Leben zu verändern, ist ein Heuchler; wer nur sein eigenes Leben verändert, ohne politische Forderungen zu stellen, ist ein Träumer.
66 Mai 2002 mit Ingrid Kurz-Scherf, Rolf Schwendter und Maria Mies
66
Hinsichtlich der Vernetzungsarbeit ist außerdem dem Ökodorf-Projekt die Initiierung des Come Together Netzwerks und des „Netzwerk des Guten Rates“ (Austausch von Erfahrungen und gegenseitige Beratung zwischen den Gemeinschaften) zu verdanken. Bei den „Come Together“-Treffen geht es darum, sich in kleinen Arbeitsgruppen zu gemeinschaftsrelevanten Themen auf einer sehr persönlichen Ebene kennenzulernen und auszutauschen. Die Aktivitäten des Netzwerks umfassen außerdem ein Treffen zum Austausch über Heilung, die „Come Together News“, die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinschaftsnetzwerken, die Teilnahme an gemeinschaftsrelevanten Veranstaltungen und die Vermittlung von Referenten zu allen Themen des Gemeinschaftslebens. Alle drei Gemeinschaften sind Mitglieder in dem Netzwerk. Auch das Global Ecovillage Network (s.o.) hat im Ö7L eine wichtige Stütze.
In der Nähe des ZEGG und des Ö7L siedeln sich immer mehr diesen Gemeinschaften nahestehende Menschen an, auch eigenständige Gemeinschaften, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht direkt in den Projekten leben möchten, aber deren Nähe schätzen, weil sie die Menschen und die Atmosphäre mögen, weil sie die vielfältigen Angebote nutzen möchten und zunehmend auch wegen der Anziehungskraft der Vision alternativer Regionen (ähnlich dem Wendland). Das ZEGG schätzt die Anzahl der unmittelbar oder mittelbar Zugezogenen auf 120, Dieter vom Ö7L nennt als Indikator, dass in der Umgebung „der Anteil der GRÜNEN-Wähler extrem viel höher ist“.
Ingrid Kurz-Scherf schätzt die Gemeinschaften auch als Fluchtort für Menschen, das Leben in der Normalgesellschaft nicht mehr ertragen. Diese Funktion werde aber erst dann bedeutsam, wenn diese Menschen sich dann umso mehr politisch engagieren. Darüber lässt sich jedoch nur mutmaßen. Wenn man aber bereits die Beteiligung an einer Gemeinschaft als Beitrag zu einer gesellschaftlichen Alternative betrachtet, trifft das natürlich zu.
67
6.2.2 Resonanz im Bereich Medien, Politik und Wissenschaft
6.2.2.1 Medien
Die drei Gemeinschaften tauchen oft in den Regionalzeitungen auf, meistens auf-grund von dort durchgeführten Veranstaltungen. Überregionale Medien interessieren sich auch für die KN und das Ö7L (das ZEGG ist möglicherweise wegen der früheren Berichterstattung (s.o.) ein zu heikles Thema). Überregionale Zeitungen berichten selten über die KN (ungefähr einmal im Jahr), bedeutend öfter finden sich Artikel in sozial oder ökologisch ausgerichteten Zeitschriften (z.B. Politische Ökologie, Contraste, Ökumenischer Rundbrief). Über die KN gibt es immer wieder mal Beiträge im Fernsehen (ca. 3-4 Anfragen im Jahr) und im Radio. TV-Beiträge sind jedoch ein sehr umstrittenes Thema in der Gemeinschaft, „weil das, was wir wollen, häufig nicht rüberkommt, weil es oft eine Effekthascherei ist“ (Uli), vermutlich weil solche Inhalte nicht so mediengerecht sind. Deswegen werden manche Anfragen von der KN abgelehnt. Die Macher der Beiträge treten zwar zunächst so auf, „als ob sie auf unserer Wellenlänge sind und alles genau so darstellen, wie wir es gerne hätten“ (Uli), aber wenn die Beiträge dann gesendet werden, sei das Ergebnis oft enttäuschend. So habe es z.B. in einem Beitrag plötzlich eine dramatisch große Rolle gespielt, was während der Dreharbeiten als kleine Randerscheinung mit einfloss: dass eine Frau mit viel Geld einsteigen wollte, was ja bedeutet, dass ihr ganzes Geld in die Kommunekasse fließt. Neben diesem Kleinbürgergrusel seien die wichtigen Aspekte in den Hintergrund getreten. Auch neigten die Beiträge dazu, die Kommune mit einer Aura larmoyanter Landromantik zu versehen. Das Filmmaterial wird offensichtlich so bearbeitet, dass es die Zuschauer ohne viel Nachdenken in vorhandene Schubladen einordnen können. Diese Probleme hat das Ö7L nicht. Möglicherweise hat es eine innovativere Ausstrahlung und bietet mit seiner 'Corporate Identity' eher eine Identifikationsbasis. Es gibt dort ein stark zunehmendes Medieninteresse. „Das mediale Interesse ex-
68
plodiert, alle paar Tage sind irgendwelche Medien da“ (Dieter). Bislang gab es ca. 15 - 20 TV-Sendungen, Arte zeigt demnächst eine Dokumentation mit eingehenden Portraits von Mitgliedern, deren Lebensweg und warum sie so leben wollen. Insgesamt ist eine Abnahme der Medienpräsenz von Landgemeinschaften auf dem Büchermarkt zu verzeichnen. Von Mitte der 70er Jahre bis Anfang der 80er Jahre erschienen relativ viele Bücher über Landgemeinschaften. Danach werden Neuerscheinungen zu diesem Thema sehr spärlich. Für die 90er Jahre haben meine Recherchen nur sechs deutsche Bücher zum Thema Landgemeinschaften ergeben und dieser Trend scheint gegenwärtig anzudauern.
6.2.2.2 Institutionalisierte Politik
Auf Landes- und Bundesebene sind die Landgemeinschaften für die Politik praktisch kein Thema. Lediglich die GRÜNEN engagierten sich früher in diesem Bereich. In den 80ern hatten sie eine „Bundesarbeitsgemeinschaft Kommune-Bewegung“ und organisierten 1984 ein bundesweites Kommune-Treffen. Sie verfolgten bis Anfang der 90er die Ökodorf-Vision: „Wir verbinden damit also die Vorstellung von Großgemeinschaften, die sich nicht an den vom herkömmlichen System vorgegebenen Strukturen orientieren, sondern auf der Grundlage von Gemeinschaftseigentum sowie ökologischer und sozialer Fundamentalansprüche einen ganz neuen Typ sozialer Basisorganisation entwickeln. Sie sollen damit zu Keimzellen einer neuen sozial und ökologisch verantwortlichen Gesellschaft werden. Die GRÜNEN fördern daher alle Bemühungen, die darauf gerichtet sind, ein erstes, in dieser Weise integriertes Gemeinschaftsprojekt als Ökodorf in der Bundesrepublik zu errichten. Sie werden sich aktiv am
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Aufbau eines Pilotprojektes und der erforderlichen Vorstufenprojekte beteiligen“ (aus dem Sindelfinger Programm der GRÜNEN, 1983). Ein Ökodorf - also mehr als nur eine ökologische Landgemeinschaft - verwirklichte sich in dieser Form trotz der Bereitschaft der GRÜNEN 67 nicht. Nach der Wende gab es noch einmal für kurze Zeit eine intensive Aufbruchstimmung, 1990 beteiligten sich die GRÜNEN an der „Ost-West-Begegnung Selbstorganisierte Landgemeinschaften“ 68 , aber da lag der systemkritische Flügel bei den GRÜNEN schon in den letzten Zügen. Es gab in dieser Zeit auch eine Initiative der GRÜNEN, die versuchte, in Zusammenarbeit mit der PDS zahlreiche große Ländereien und Immobilien aus dem Parteivermögen in eine Stiftung für die Ökodorf-Vision zu übertragen. Das Vorhaben scheiterte an Theo Waigel.
1991 schaffte es der Rudolph Bahro, der in den 80ern noch dem radikalökologischen Flügel der GRÜNEN angehörte, den sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf davon zu überzeugen, ein praktisches Zukunftsexperiment zu wagen. Kurt Biedenkopf erklärte sich bereit, die äußeren Rahmenbedingungen für den Start eines solchen Projektes zu schaffen, indem das Land geeignete Flächen und Gebäude zur Verfügung stellt und eine Anschubfinanzierung gewährt. Bald darauf entstand das „Lebensgut Pommritz“, eine Landgemeinschaft mit mittlerweile ca. 50 Mitgliedern. 69
Aufgrund ihrer Bekanntheit und ihrer beabsichtigten Modellwirkung müssten die drei hier vorgestellten Gemeinschaften ein guter Indikator für das Interesse an dieser Lebensweise seitens der Politik sein. Uli von der KN meint, es „geht gegen Null“. Beim ZEGG kann das Desinteresse damit zu tun haben, „dass die Politiker
67 konkret: des radikal-ökologischen Flügels
68 an den Worten kann man erkennen, dass die spezielle Form der Kommune bereits begann, in den Hin-
tergrund zu treten),
69 1997 unterstrich er nochmals seine Unterstützung für die in dem Projekt lebenden " ... Menschen, die
den wichtigen Versuch unternehmen, nach Wegen zu suchen, wie unsere Kultur und Zivilisation überle-
ben kann." (Brief an Bahro, 17.06.1997
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das Gefühl haben, sie verbrennen sich die Hände“ (Georg) aufgrund der früheren Sektenkampagne, und weil das ZEGG keine Fördergelder bekommt, haben sich auch auf diesem Wege keine institutionalisierten Kontakte entwickelt. Nur das Ö7L scheint größeres Interesse bei einzelnen Politikern (der GRÜNEN und der PDS) zu wecken, angeregt durch persönliche Kontakte aufgrund politischer Zusammenarbeit.
„Da wo wir uns in der Region engagieren, ist immer eine gute Kooperation da“, so Dieter, und „als die Grünen noch mit an der Regierung waren (in Sachsen-Anhalt), haben wir eine hervorragende Zusammenarbeit gehabt, wie sie im Westen kaum möglich gewesen wäre“.
So gibt es zumindest eine Basis, auf der sich mehr entwickeln könnte, je näher das Ö7L seiner anvisierten Vision eines vollständigen Gemeinwesens mit 250 - 300 Bewohnern kommt. Das Interesse der Politik ist natürlich auch davon bestimmt, inwiefern die Projekte ökonomisch eine Alternative vorzuweisen haben. Die Frage nach der ökonomischen Alternative sei jedoch, so Dieter, „das schwierigste Thema von allen. Da müsste es eine Schnittstelle mit der Politik geben. In dem Moment, wo die Politik erkennt, dass sie das Arbeitslosigkeitsproblem nicht löst, auf der einen Seite durch ABM, durch Verwaltung von Arbeitslosigkeit und auf der anderen Seite durch Warten auf Wirtschaftswachstum“, könne sich da etwas ändern. „Wir machen soviel Aufbauarbeit, Entwicklungsarbeit“, dass es angebracht sei, solche Arbeiten im Sinne von Bürgerarbeit langfristig zu fördern. Was zum Teil auch schon geschieht: bei der Bildungsarbeit, der Kulturarbeit, bei der Arbeit für die freie Schule und für den Kindergarten.
Durch die Gemeinwesenorientierung solcher Projekte ist es natürlich schwer, auf sich allein gestellt neben einem ressourcenplündernden, auf Profitmaximierung und Konkurrenzkampf eingestellten „Raubtierkapitalismus“ (Oskar Lafontaine) zu bestehen. Auch Dieter glaubt nicht an ein ökonomisches Überleben von solidarisch organisierten Inseln innerhalb einer immer mehr neoliberal entfesselten Wirtschaft.
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Daher erhofft er sich für die Zukunft einen Brückenschlag auch zu höheren politischen Ebenen, um deren Unterstützung zu erhalten. Doch noch fehlt nicht nur in den Parteien die Vision einer Gesamtschau von nachhaltig entwickelten Regionen mit relativ unabhängigen Gemeinwesenökonomien einerseits und den kapitalistischen Megastrukturen andererseits, die zumindest bis zu ihrem Zusammenbruch ja noch fortbestünden.
Zu der Frage nach der Relevanz von Landgemeinschaften für die etablierte Politik ist festzustellen, dass diese wenn schon nicht bzw. kaum aufgrund ihrer eigentlichen Anliegen die Aufmerksamkeit erregen, so doch wenigstens im Hinblick auf isolierte Teilaspekte. So hat das hessische Wirtschaftsministerium die Kommune Niederkaufungen bei einem Wettbewerb für einen „familienfreundlichen Städtebau“ ausgezeichnet. In ihrer Begründung wurde die räumliche Nähe von Wohnung und Arbeitsplatz, kulturelle und soziale Einbindung in das dörfliche Leben, Einbeziehung der Kinder in das Gemeinschaftsleben und Vorortbetreuung in der eigenen Kita angeführt.
6.2.2.4 Wissenschaft
Das ZEGG sieht sich selbst u.a. auch als „freie Forschungseinrichtung für die Er-forschung des notwendigen Überlebenswissens“, aber „die Geschichte dieses Projekts hat mit verursacht, dass dieser Anspruch mit dem üblichen universitären Wissenschaftsbegriff kaum verkoppelt ist. (...) Der übliche universitäre Wissenschaftsbetrieb hat uns aber seit langem in eine Ecke gesteckt, in die wir unseres Erachtens nicht hineingehören, in die Ecke der esoterischen Spinner“ (Georg). Das hängt wohl auch mit den oft unkonventionellen Themen zusammen: freie Energie, Mat-riarchatsforschung, Tiefenökologie, Friedensarbeit in Konfliktherden, Geomantie, Kommunikation mit Pflanzen und Tieren, Kinderaufwachsen, Heilung, Traumforschung, Gebetsforschung, gewaltfreie Kommunikation, „heilende Technologie“.
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„Auf internationaler Ebene findet das ZEGG viel mehr Resonanz als auf nationaler Ebene; da wissen wir von verschiedensten Beiträgen in Fachzeitschriften, wo übers ZEGG berichtet wurde. Aber in Deutschland gibt es Berührungsängste, weil man das Gefühl hat, man macht sich die Finger schmutzig, wenn man sich wissenschaftlich mit einem Projekt wie unserem auseinandersetzt“ (Georg). So gibt es nur ca. ein bis zwei Anfragen im Jahr wegen Diplomarbeiten und gelegentliche Besuche von Studentengruppen. Das wird aber nicht als großer Verlust betrachtet, denn „die Gesellschaftswissenschaften beobachten und sortieren Trends, aber sie machen sie nicht“, z.B. in Bezug darauf, dass „gemeinschaftliches Leben ein nicht unbedeutender Faktor für eine naturverträgliche Gesellschaftsperspektive“ ist. (Georg)
Ein Beispiel internationaler Resonanz war die letztjährige Konferenz der ICSA (International Communal Studies Association) im ZEGG. Die ICSA will die Erfahrungen historischer und zeitgenössischer Gemeinschaftsprojekte in die sozialwissenschaftliche Forschung und die öffentliche Sozialplanung einbringen. Sie lädt seit 1985 alle drei Jahre zu einer Konferenz ein und wählte mit dem ZEGG erstmals eine Gemeinschaft als Tagungsort. Es kamen 180 Teilnehmer aus 20 Ländern: Soziologen, Psychologen und Historiker, Architekten, Stadtplaner und Mitarbeiter von Gemeinschaftsnetzwerken.
Im Ö7L sollen - im Gegensatz zu den beiden anderen Gemeinschaften - modellhaft alle Lebensbereiche eines vollständigen Dorfes angesprochen werden: Wohnen, Arbeit, Ver- und Entsorgung, Heilung, Kultur, Politik.... Es ist das erste mal in der jüngeren Geschichte Deutschlands, dass ein eigenständiges Dorf planvoll entsteht. „Das interessiert Leute, die sich mit Raumordnung und Stadtplanung befassen, wie der Mensch mit der Natur wirtschaftet und lebt, da kommen immer wieder Leute mit solchen Forschungsthemen hierher und sehen sich das an“, so Dieter. Es geht um „eben diese Frage, wie kann man den Organismus Dorf in die natürlichen Kreisläufe integrieren“. Auch Studentengruppen sind in diesem Zusammenhang
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oft zu Besuch und diverse Diplomarbeiten zu Ö7L sind verfasst worden. Das Ö7L scheint Vorreiter eines Trends zu einer nachhaltigen Regionalentwicklung zu sein, wie sie auch in der Agenda 21 gefordert wird. Es gibt z.B. zunehmend Wettbewerbe mit dieser Zielvorgabe, an der sich immer mehr Gemeinden beteiligen. In diesem Zusammenhang gab es ein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördertes Forschungsprojekt Ökodorfplanung für das Ö7L, dessen Ergebnisse jetzt in verschiedenen Best-Practice-Handbüchern erwähnt sind. „Ziel des geförderten Projektes ist nach der im März 1997 getroffenen Standortentscheidung die eingehende Untersuchung des Gebietes nach vielfältigen ökologischen Kriterien und die Ableitung von Vorgaben für die Siedlungsstruktur, um einen ökologisch bestverträglichen und dauerhaft funktionierenden Organismus zu schaffen.“ 70 Diese Arbeit wurde zu einer wichtigen Grundlage der Siedlungsplanung des Ö7L. In der Ergebnisdarstellung der Arbeit heißt es u.a.: „Durch die genossenschaftliche Einbindung aller Projektteile ist es möglich, ökologische Qualitätsziele weit über die Möglichkeiten der baurechtlich zulässigen Festsetzungen hinaus zu erreichen“ (ebd.).
Mitglieder der Gemeinschaft halten gelegentlich Gastreferate über ihre siedlungsplanerischen Elemente, z.B. auf dem internationalen Kongress der ICSA in Amsterdam (Juli `98) oder in einer Tagung des Instituts für Entwicklungsplanung und Strukturforschung zur nachhaltigen Regionalentwicklung (Hannover, Nov. 1996). Wegen baubiologischer Innovationen interessieren sich auch Architekten für das Ökodorf Sieben Linden, z.B. für die Holzrahmenbauweise, neuartige Komposttoiletten und das erste genehmigte Strohballenhaus Deutschlands, das in diesem Jahr fertiggestellt wird. Außerdem wird es zu diesem Haus ein Forschungsprojekt geben.
70 aus der Projektdarstellung, http://datenbanken.wiminno.com/cgi-shl/xworks.exe, 14.06.2002
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Über die Kommune Niederkaufungen gibt es bislang etwa 15 Diplomarbeiten zu diversen Themen, aber darüber hinaus noch keine wissenschaftlichen Arbeiten. Die Kommune Niederkaufungen war früher ablehnender gegenüber wissenschaftlichem Interesse (eine Studie wurde abgelehnt), hat sich dann aber geöffnet. Viele andere linke Projekte haben immer noch große Vorbehalte gegen das Untersuchtwerden, weil sie befürchten, dass sie von dem Sinn derartiger Arbeiten nicht überzeugt sind („... verschwinden doch wieder in der Schublade“). Derzeit arbeitet die Gesamthochschule Kassel an einer aufwendigen wissenschaftlichen Studie über die Ökobilanz der Kommune Niederkaufungen. Das Forschungsprojekt wird sich über einen Zeitraum von zwei Jahren erstrecken und ist mit über 300.000 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Ihr Titel lautet: „Gemeinschaftliche Lebens- und Wirtschaftsweisen und ihre Umweltrelevanz -Realisierung lokaler und regionaler Veränderungspotentiale“. Gesucht wird u.a. nach verallgemeinerbaren Elementen einer nachhaltigen Lebensweise. In dem Text der Projektbeschreibung heißt es:
„Im Zentrum des Projekts steht die Durchführung einer Ökobilanz in den Bedarfsfeldern Mobilität, Ernährung und Wohnen der seit einigen Jahren konsolidierten „Kommune Niederkaufungen e.V.“ In der Bearbeitung werden Analysen zu Stoff- und Energieflüssen, Konsummustern und Aspekten der Organisation des gemeinschaftlichen Zusammenlebens und Wirtschaftens kombiniert. Als Kontrast nach der Seite der Durchschnittskonsummuster werden Referenzfälle definiert und um zudem das Spektrum an Alternativansätzen ebenfalls zumindest ansatzweise zu berücksichtigen, werden weitere Alternativmodelle - das Lebensgut Pommritz und das Ökodorf Sieben Linden - mit in das Vorhaben einbezogen....Beispielhafte, in der Praxis langjährig erprobte und an Nachhaltigkeit orientierte Lebensweisen können einen wichtigen Betrag zur Auflösung von Akzeptanzproblemen nachhaltiger Konsummuster - die bei breiten Schichten der Bevölkerung
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noch vorhanden sind -leisten, indem sie einerseits zeigen, dass an Nachhaltigkeit orientierte Lebensstile ohne Einbußen, wenn nicht gar mit Zugewinn an Lebensqualität möglich sind, und indem sie andererseits die Größenordnung für eine erreichbare Senkung der Verbräuche und die hieraus resultierenden Auswirkungen auf den Erhalt natürlicher Ressourcen darlegen.“ 71
Auffallend ist, dass Landgemeinschaften in der Soziologie der Neuen Sozialen Bewegungen praktisch nicht thematisiert werden (vgl. Joachim Raschke: Soziale Bewegungen, Frankfurt 1985; Roland Roth: Neue soziale Bewegugnen in der BRD, Bonn 1991; Karl-Werner Brand: Neue soziale Bewegungen, Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen)
6.2.3. Konkrete Projekte/Aktionen und politisches Engagement
Charakteristisch für die Landgemeinschaften ist eine Haltung, die mit „global denken, lokal handeln“ umschrieben werden könnte. Die planetarische Perspektive ist fester Bestandteil der Weltwahrnehmung dieser Bewegung. Daher bedeutet das Engagement für eine nachhaltige Regionalentwicklung keine bioregionalistische Verengung, wie sie in Teilen des Kommunitarismus-Diskurses aufgekommen ist, sondern es ist die lokale Konsequenz der globalen Verantwortung. Natürlich gibt es Probleme, die auf der regionalen Ebene - sozusagen vor der eigenen Haustürnicht gelöst werden können. Deswegen setzen sich die Gemeinschaften daneben auch für überregionale bzw. globale Ziele ein.
Weiteres Engagement der Gemeinschaften erstreckt sich z.B. auf die Suche nach neuen, gemeinschaftlichen Wohnformen für alte Menschen. 72 Das ZEGG betätigt sich außerdem beim Schutz der Rechte von Ureinwohnern (Indien, Kolumbien,
71 http://www.gsf.de/ptukf/bmbf/laufSchwp/nur/nur02.html, 26.05.2002
72 ZEGG: das Projekt „Selbstbestimmtes Leben im Alter“, Kommune Niederkaufungen: der neue Arbeits-
bereich Seniorenbetreuung
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Nordamerika), sowie auf regionaler Ebene im politischen Bereich (vgl. Kapitel 6.3.1).
Zwei der drei untersuchten Landgemeinschaften (ZEGG und Niederkaufungen) veranstalten regelmäßig sogenannte „Infotouren“ durch deutsche Großstädte, um ihre Lebensform einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Kommune Niederkaufungen führt diese (gut besuchten) „Infotouren“ zusammen mit einem Netzwerk linker Kommunen durch.
Die drei Gemeinschaften sind - wie bereits erwähnt - Mitglied bei Attac und arbeiten teilweise in diesen Zusammenhängen mit. Es gibt Fahrten zu globalisierungskritischen Demonstrationen bei Treffen von G7, WTO, IWF und Weltbank und eine Beteiligung an Friedensdemonstrationen. Zu diesem Zweck wird derzeit im ZEGG eine “Gewaltfreie Direkte Aktionsgruppe” aufgebaut, um möglichst wirksame Aktionsformen bzw. konkrete Aktionen zu konzipieren. Die KN bietet auch Seminare zum Thema Globalisierung an.
Ein Friedensaktivist des ZEGG hat die internationale Initiative „Balkan Sunflowers“ zur Unterstützung von Flüchtlingen und sozialem Wiederaufbau im Balkan gegründet. Sie organisiert in Zusammenarbeit mit NGO´s beispielsweise Stadtteilkomitees, Feste, Fortbildungskurse, medizinische Versorgung oder Veranstaltungen zur Erziehung der Kinder zur Gewaltlosigkeit. Außerdem unterstützt das ZEGG das humanitäre Projekt „Eine Zukunft für Kosovo“. Es engagiert sich für die israelisch-palästinensischen Verständigung bei Reisen in das Konfliktgebiet und durch Einladungen dortiger Friedensaktivisten und durch die Unterstützung der israelischen feministischen Friedensinitiative „Bat Shalom“.
Weiteres Engagement der Gemeinschaften erstreckt sich z.B. auf die Suche nach neuen, gemeinschaftlichen Wohnformen für alte Menschen. 73 Das ZEGG betätigt sich außerdem beim Schutz der Rechte von Ureinwohnern (Indien, Kolumbien,
73 ZEGG: das Projekt „Selbstbestimmtes Leben im Alter“, Kommune Niederkaufungen: der neue Arbeits-
bereich Seniorenbetreuung
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Nordamerika), sowie auf regionaler Ebene im politischen Bereich (vgl. Kapitel 6.3.1).
Zwei der drei untersuchten Landgemeinschaften (ZEGG und Niederkaufungen) veranstalten regelmäßig sogenannte „Infotouren“ durch deutsche Großstädte, um ihre Lebensform einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Kommune Niederkaufungen führt diese (gut besuchten) „Infotouren“ zusammen mit einem Netzwerk linker Kommunen durch.
Es gibt zahlreiche Aktivitäten im Bereich der Zusammenarbeit mit sozial engagierten Gruppierungen. Beispielsweise gab bzw. gibt es eine Zusammenarbeit zwischen der Kommune Niederkaufungen und der Erich-Fromm-Gesellschaft, Paritätischem Wohlfahrtsverband und der Stiftung Mitarbeit, beim Ökodorf Sieben Linden mit der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Gewerkschaftskongress (Referat von Dieter), dem Forum Umwelt und Entwicklung, der „Akademie ländlicher Raum“ der Ländlichen Erwachsenenbildung Sachsen-Anhalt und anderen Organisationen und „Basisbewegungen für einen anderen Lebensstil“ (Dieter)
6.2.4. Bekanntheitsgrad
Wissenschaftliche Erhebungen über den Bekanntheitsgrad der Landgemeinschaften konnten nicht ermittelt werden. Erwähnt sei hier zumindest die Verbreitung von Internetverweisen auf die Gemeinschaften. Über die Suchmaschinen ‚Google‘ ergab sich folgendes Bild: Die Kommune Niederkaufungen wird auf 341 deutschen Internetseiten erwähnt, das ZEGG auf 1580 und das Ökodorf Sieben Linden auf 274 (zum Vergleich: die ‚Stiftung mitarbeit‘ kommt auf 1790 Seiten, die AG SPAK auf 970 und die TAK AÖ auf 302 Seiten).
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6.2.5 Zusammenfassung
Politik, Ökologie und Spiritualität bzw. inneres Wachstum haben in allen drei Gemeinschaften eine mehr oder weniger große Bedeutung. Alle drei sind große Gemeinschaften (45, 55 und 80 Mitglieder) und legen, vor allem in Hinblick auf die drängenden sozialen und ökologischen Probleme, viel Wert darauf, durch ihre Lebensweise und ihr Handeln einen sinnvollen Beitrag für ein zukunftsfähiges Kulturmodell zu leisten. Auch eine Untersuchung von 22 deutschen Gemeinschaftsprojekten 74 (fast nur Landgemeinschaften) ergab, dass sich alle Projekte von sozialen und ökologischen Ideen leiten lassen (außerdem folgen 12 spirituellen und 7 kulturellen Ideen).
Sie wollen „Entwicklungsprojekte für eine zukunftsfähige Lebensweise“ (Dieter) sein und sich für dessen Propagierung einsetzen. Sie versuchen dabei persönliche Bedürfnisse mit den politischen Erfordernissen in Einklang zu bringen. Sie klammern nicht dogmatisch an bestimmten Vorstellungen, sondern zeigen Lernbereitschaft und Entwicklungspotential durch permanente Veränderungen der Strukturen, ohne sich dabei von ihren Zielen zu entfernen. Die individuelle Fähigkeit zur Gemeinschafts- und Zukunftsfähigkeit wird nicht als gegeben vorausgesetzt, sondern als etwas zu Erlernendes betrachtet, jedoch werden diesbezügliche Vorstellungen in sehr unterschiedlichem Maß in die Praxis umgesetzt. In der KN ist das Feld der persönlichen Entwicklung weitgehend eine Privatangelegenheit der einzelnen Mitglieder.
Das Demokratieverständnis in den Gemeinschaften setzt das Konsensprinzip als Selbstverständlichkeit voraus. Es ist die wichtigste strukturelle Voraussetzung dafür, dass das gemeinsame Leben, Wohnen und Arbeiten in einem Geist des solidarischen Miteinanders geschieht.
Durch die hohe Mitgliederzahl und die dadurch bedingte Spannbreite an Fähigkeiten erreichen sie (mit unterschiedlichen Schwerpunkten) einen hohen Grad an ma- 74 Donath/Fortmann...
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terieller, sozialer und kultureller Subsistenz. Trotzdem vermeiden sie durch große Offenheit nach außen und weitreichende Vernetzungsbemühungen bewusst ein Inseldasein und Eigenbrötlerei. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte haben sie offensichtlich hervorragende Ökobilanzen.
Sie versuchen, durch vielfältiges lokales, regionales und überregionales Engagement in die Gesellschaft hineinzuwirken. Mit einer globalen Perspektive und unter Maßgabe sozialökologischer Kriterien setzen sie sich für das Ideal einer überlebensfähigen Gesellschaft ein und versuchen, Gleichgesinnte zu aktivieren. Hervorzuheben ist hierbei ihr beim „normalen“ grün-alternativen Spektrum eher vernachlässigtes Engagement für eine nachhaltige Regionalentwicklung. Sie geben ihre Erfahrungen, Erkenntnisse und ihren „Spirit“ weiter durch Seminare, Artikel, Vorträge und bei politischen Aktionen und der Mitarbeit in verschiedensten Initiativen.
Nennenswerte Resonanz gibt es weder seitens der institutionalisierten Politik, noch seitens der Wissenschaft. Die gegenwärtige Nachhaltigkeitsstudie über die KN (unter Einbeziehung des Ö7L und des Lebensgut Pommritz) könnte jedoch auf-grund ihrer empirischen Betrachtung auch der kaum untersuchten sozialen Vorraussetzungen der Nachhaltigkeit - insbesondere mit Blick auf die Gemeinschaftlichkeit - einige Bedeutung erlangen.
Beim Ö7L zeichnet sich mit zunehmendem Wachstum ein steigendes Interesse an diesem Modellfall nachhaltiger Regionalentwicklung ab. Eine gehäufte Medienpräsenz zeichnet sich nur beim Ö7L ab.
Zum Bekanntheitsgrad bzw. zur allgemeinen gesellschaftlichen Resonanz in der Bevölkerung fehlt es an empirischen Material. Aus persönlicher Erfahrung ist der Bekanntheitsgrad solcher Projekte verschwindend gering und die Probleme mit dem Sektenverdacht deuten auf gewisse Ängste hin, sich unvoreingenommen mit radikal anderen Lebensweisen auseinander zu setzen. Es herrscht jedoch aus Sicht
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der Befragten der Eindruck eines Wandels der Haltungen bei den Menschen eines
dementsprechend zunehmenden Interesses und vor.
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7. Schluss
In dem nun folgenden Schlussteil werde ich die Ergebnisse aus der Literatur und die eigenen empirischen Ergebnisse vergleichend unter den bisher ausgeführten Forschungsfragen hin diskutieren:
- Bedarf die derzeitige gesellschaftliche Situation einer grundlegenden Veränderung?
- Stellen Landgemeinschaften überhaupt sinnvolle Modelle solch fundamentaler Veränderungen dar?
- Falls ja, lassen sich Auswirkungen auf das derzeitige gesellschaftliche System feststellen? Welche konkreten Auswirkungen, Resonanzen gibt es? Abschließend werden diese Ergebnisse schlussfolgernd zur Beantwortung der eigentlichen Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Landgemeinschaften führen.
7.1. Diskussion der Forschungsfragen
7.1.1 Bedarf die derzeitige gesellschaftliche Situation einer
grundlegenden Veränderung?
In Bezug auf die Frage, ob die derzeitige gesellschaftliche Situation tatsächlich grundlegender Veränderungen bedarf, habe ich einige wichtige ökonomische, ökologische und soziale Probleme untersucht.
Wie die Ausführungen in Kapitel 5 deutlich machen, können besorgniserregende globale Entwicklungen in diesen drei Bereichen festgestellt werden, die mehr oder weniger direkt mit den Strukturprinzipien und dem Verständnis der Ökonomie zusammenhängen. Diese basiert maßgeblich auf dem Prinzip profitmaximierender Konkurrenz und erhebt die Verfolgung des persönlichen Vorteils, die kämpferische Durchsetzung der „Ich AG“ gegen die Konkurrenten zum Leitmotiv nicht nur ökonomischen Denkens und Handelns, sondern letztlich aller Lebensvollzüge des
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Homo Oeconomicus. Diese Politik reflektiert und verstärkt die innere Logik des kapitalistischen Systems, das demjenigen Vorteile verschafft, der der Verfolgung des persönliche Vorteils Vorrang vor wertorientierten, kollektiven Entscheidungen einräumt. Die Vorstellung vom Menschen als sozialem Wesen mit solidarischen Motivationen wird als ein naives Relikt larmoyanter Ideologien denunziert. Stattdessen soll die „unsichtbare Hand“ des freien Marktes für die optimale Allokation und somit für das größtmögliche Wohlergehen aller sorgen. Negative soziale Entwicklungen wie Armut, Arbeitslosigkeit oder Schuldenkrise werden einer ungenügenden Liberalisierung oder individuellem Versagen zugeschrieben. Maßnahmen gegen drohende (und bereits eingetretene) ökologische Katastrophen stehen im kurzfristigen ökonomischen Denken der Entscheidungsträger hinter den momentanen ökonomischen Bedürfnissen zurück. Zudem treten sich die Staaten bei den Verhandlungen über globale Probleme nicht als Mitbewohner eines gemeinsamen Planeten gegenüber, sondern als die Konkurrenten, die sie im kapitalistischen System tatsächlich sind.
Die Kurzfristigkeit der marktwertorientierten ökonomistischen Perspektive in Verbindung mit der ideologischen Verengung des Denkens verhindert offenbar einen freien Blick auf die Endlichkeit der gegenwärtigen Entwicklungen, sei es in Bezug auf die Umwelt, die Zinsdynamik oder das Wachstum der Wirtschaft und des Finanzkapitals.
Gelegentliche Entscheidungen, die sich gegen den neoliberalen Trend richten, sind oft Einzelmaßnahmen auf kosmetischem Niveau (z.B. Dosenpfand) Die Dynamik der Megamaschine bleibt davon jedoch unberührt. Viele der heutigen Einzelprobleme sind zudem viel zu kompliziert und abstrakt, um für deren Lösung auf demokratischem Wege Mehrheiten zu gewinnen. „Welche Gewerkschaft könnte schon breit vermitteln, wieso der Handel mit Derivaten ungerechtfertigte Währungsbewegungen auslösen und damit eine nationale Volkswirtschaft schwächen kann?“ (Dribbusch 2000: 12).
Auch fehlt es an gesellschaftlicher Bereitschaft, Verantwortung für zukünftige Generationen zu übernehmen bzw. hinter den einmal erreichten Lebensstandard wie-
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der zurückzufallen. „Nichts läuft dem Klimaschutz gegenwärtig so zuwider wie der zunehmende Auto- und Flugverkehr. Gerade in jüngster Zeit haben vermehrt überdimensionierte Großraum- und Geländewagen sowie schnelle Limousinen Käufer gefunden, die von einem hohen Treibstoffverbrauch offenbar nicht abgeschreckt wurden. Sparsame Kleinwagen werden vermutlich erst dann Liebhaber in großer Zahl finden, wenn der Sprit abschreckend teuer wird. Aber werden die vielen begeisterten Autofahrer Politiker wählen und wieder wählen, die ihnen derart den Spaß verderben?“ (Weder 2000: 43) In den Umfragen für das „ZDF-Politbarometer“ 75 liegt das Thema Umwelt seit Jahren an letzter Stelle. 76 Doch selbst wenn dieses Thema ernster genommen würde, so haben zahlreiche empirische Untersuchungen doch gezeigt, dass es keine hohe Korrelation zwischen hohem Umweltbewusstsein und umweltgerechterem Verhalten gibt . 77 So beurteilten bei einer Befragung 93,2% die durch Autos verursachte Luftverschmutzung als mehr oder weniger gefährlich für die Umwelt, 87,1% der Befragten hielten es für eher wahrscheinlich bis sicher, „dass in Deutschland in den nächsten zehn Jahren gesundheitliche Schädigungen bei Stadtbewohnern durch die von Autos verursachte Luftverschmutzung stark zunehmen werden“. In der gleichen Befragung stimmten jedoch nur 39,4% einer Erhöhung der Benzinsteuer zu. 78 Wenn in Umfragen nicht nach den Gefahren des Verkehrs, sondern lediglich nach einer Benzinsteuererhöhung gefragt wird, ergibt sich eine Ablehnung von fast 90% (ebd.: 33). Die GRÜNEN haben 1998 durch die Verabschiedung ihres „5 Mark-Beschluss“ fast die Hälfte ihrer Wähler verloren (ebd.: 31) und sich bis heute nicht davon erholt. Dass dabei die Medien eine maßgebliche Rolle gespielt haben, verstärkt noch den Eindruck, dass den Problemdimensionen entsprechende Lösungen keine Mehrheiten finden, sofern sie etwas kosten bzw. eine Einschränkung abverlangen. „Wir haben uns psychisch so eingerichtet, dass alle notwendigen Eingriffe
75 "Was ist Ihrer Meinung nach gegenwärtig das wichtigste Problem in Deutschland? Und was ist ein
weiteres wichtiges Problem?"
76 http://www.forschungsgruppe-wahlen.de, 04.06.2002
77 vgl. Diekmann/Preisendörfer 1992, ebenso die Arbeiten von Gerhard de Haan und Hans-Joachim Fiet-
kau
78 Umfrage des International Social Survey Program unter Westdeutschen in: ZA-Information 45. Köln
1999: 46, Herausgeber: Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung Köln
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und Selbstbeschränkungen zwangsläufig gegen die Freiheit verstoßen, die wir gerade meinen“ (Bahro 1990: 83). Es scheint daher unrealistisch zu sein, auf einen grundlegenden Wandel der institutionalisierten Politik zu hoffen. Zudem unterliegt sie aufgrund der Einbindung in die globale Ökonomie und der daraus resultierenden Internationalisierung politischer Entscheidungen zunehmend formellen und informellen Grenzen (vgl. Altvater 1992: 225 ff.). Ein möglicher Wandel kann sich somit m.E. nur von unten her entwickeln.
Tatsächlich kann man zahlreiche progressive Entwicklungen entdecken: Neue Formen des Widerstands, die globale Vernetzung von NGO´s und von Opferbewegungen, ein zunehmendes Interesse an global relevanten Themen, die Mobilisierung von Menschen, die nicht dem klassischen linksalternativen Widerstandspektrum angehören, auch von progressiven Teilen der Eliten. „Nachhaltige Entwicklung, Umgang mit Ressourcen, Lebens- und Umweltqualität, Globalisierung, Solidarität, Emanzipation, Menschen- und Bürgerrechte, Multikultur, Zukunft der Arbeit - die ehemals „exklusiven“ taz-Themen stehen heute im Zentrum gesamtgesellschaftlicher Diskussionen“ (Karl-Heinz Ruch, Geschäftsführer der taz, 1991: 81).
Auch globalisierungskritische Vordenker setzen auf eine Globalisierung sozialer Bewegungen (z.B. Ulrich Beck, Pierre Bourdieu, Ricardo Petrella). Altvater erwartet, dass von ihnen die „Prinzipien der Solidarität ... gegen die Systemimperative thematisiert und den Entscheidungsträgern aufgeherrscht werden müssen“ (1992: 25).
Bei der Benennung der Ursachen der Probleme gibt es auch eine Weiterentwicklung. War man noch in den 70ern sehr auf einzelne Repräsentanten des Systems fixiert (siehe RAF), sind in den 80ern zunehmend Institutionen ins Blickfeld gerückt, und mittlerweile scheint das Wissen um die zugrundeliegenden strukturellen Ursachen der Krise immer klarer zu werden. Letztlich sind aber auch diese Struk-
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turen nicht von alleine entstanden, werden sie von den Menschen mit Leben erfüllt. 79
Damit wird gleichzeitig deutlich, wie überwältigend groß die Aufgabe ist, die Megamaschine wird nicht alleine von einem Präsident Bush oder dem IWF oder der Wallstreet angetrieben. Auch mit arbeitnehmerfreundlichen Tarifabschlüssen, mit Tobinsteuer und 3 Liter-Auto bewegt sich das System (vielleicht etwas langsamer) auf den ökologischen und ökonomischen Kollaps zu.
Gefragt ist daher eine ganzheitliche Alternative, ein neues Kulturmodell, bei dem die Bedürfnisse des Menschen befriedigt werden können, ohne - in welchem Tempo auch immer - auf die Selbstzerstörung zuzusteuern. Dieser Anspruch einer ganzheitlichen Alternative findet sich bei den Landgemeinschaften. Im Folgenden soll nun diskutiert werden, ob sie diesem Anspruch gerecht werden.
Gemeinschaftsprojekte können als experimentelle Lebensgemeinschaften angesehen werden, in denen Menschen nicht nur versuchen, alternativ-innovative Lebensweisen und gemeinschaftsorientierte Lebensentwürfe zu entwickeln, sondern auch, diese selbst aktiv umzusetzen.
Sie wollen bestimmten zukunftsfähigen Ideen oder Idealen einen höheren Stellenwert und größeren Raum geben und damit andere, neue Wege beschreiten, als sie in den herkömmlichen individualistisch ausgerichteten Lebensstilen der Gesellschaft gegangen werden.
79 "Wenn die Brechtschen "Fragen eines lesenden Arbeiters" stimmen, zum Beispiel, ob denn die Könige
allein die Paläste gebaut haben, die sie bewohnen, dann muß auch erlaubt sein, zu fragen, wer es eigent-lich ist, der uns Erde, Wasser, Luft und Feuer vergiftet? "Die" allein?" (Bahro 1990: 83
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Die untersuchten Gemeinschaften legen - vor allem in Hinblick auf die drängenden sozialen und ökologischen Probleme - viel Wert darauf, durch ihre Lebensweise und ihr Handeln einen sinnvollen Beitrag für ein zukunftsfähiges Kulturmodell zu leisten. Auch eine Untersuchung von 22 deutschen Gemeinschaftsprojekten (Do-nath/Fortmann 1999) ergab, dass sich alle Projekte von sozialen und ökologischen Leitideen leiten lassen (außerdem folgen 12 spirituellen und 7 kulturellen Ideen). Sie wollen „Entwicklungsmodelle für eine zukunftsfähige Gesellschaft“ (Selbstverständniserklärung des Come Together Netzwerkes) sein und sich für deren Propagierung einsetzen. Sie versuchen, dabei persönliche Bedürfnisse mit den politischen Erfordernissen in Einklang zu bringen.
Sie klammern nicht dogmatisch an bestimmten Vorstellungen, sondern zeigen Lernbereitschaft und Entwicklungspotential durch permanente Veränderungen der Strukturen, ohne sich dabei von ihren Zielen zu entfernen. Schon als Gemeinschaften, in denen Menschen miteinander wohnen, zusammen essen und oft auch gemeinsam arbeiten, bergen sie vielfältige zukunftsfähige Aspekte, die sich kaum vollständig aufzählen lassen. Darüber hinaus setzt die kommunitäre Lebensform zahlreiche Potentiale frei, die es ermöglicht, zukunftsfähige Projekte zu entwickeln und auch selbst umzusetzen. Im Folgenden werden einige dieser Aspekte und Potentiale kurz vorgestellt.
Soll sich die Gesellschaft auf gegenwärtig und zukünftig Wünschbares hinentwickeln, dann gibt es eine Vielzahl von Faktoren zu beachten. Es gilt, ganzheitlich sowohl Ökonomie, Ökologie und Soziales, aber auch Kulturelles und Spirituelles in den Blick zu nehmen. Von Ganzheitlichkeit wird dabei gesprochen, weil diese Dimensionen sämtliche menschlichen Motivations-, Bedürfnis- und Handlungsfelder mit einschließen sollen. Wichtig ist nun, dass diese Dimensionen nicht gegen-einander ausgespielt werden, sondern dass nach Wegen gesucht wird, die sie auf-einander abstimmen und für alle jeweils möglichst zuträgliche oder zumindest wenig abträgliche Konsequenzen erwarten lassen. Zukunftsfähige Ansätze und Pro-
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jekte zeichnen sich also dadurch aus, dass sie der Verantwortung für die Zukunft gerecht werden und Entwicklungen ausloten, die unter den vielfältigen obigen Gesichtpunkten im Ganzen vorteilhaft sind.
Das Leben in Landgemeinschaften ist sehr auf soziale Förderlichkeit angelegt. Das zeigt sich an der Freude an Geselligkeit, den gemeinsam verbrachten Zeiträumen und der Art des Umgangs miteinander (z.B. auch die Anwendung von Konfliktlösungsstrategien) ebenso wie an den Entscheidungsverfahren (Konsensprinzip) und den egalitären Eigentumsverhältnissen.
Die Landgemeinschaften fungieren als soziales Netz, denn Sinn für das Kommunitäre und das gemeinsame Wohl haben in Landgemeinschaften einen großen Stellenwert. Als „praktizierende Kommunitaristen“ sind Gemeinschaftsmitglieder mehr als durchschnittliche Gesellschaftsangehörige an intensiven und erfüllenden Beziehungen zu ihren Mitmenschen interessiert. Sie pflegen ihre gemeinschaftliche Verbundenheit in Festen und diversen sonstigen Aktivitäten und Veranstaltungen in verstärktem Maße sind sie aber auch bereit, in Notfällen Verantwortung füreinander zu übernehmen und füreinander einzustehen. Ingrid Kurz-Scherf (2002) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Landgemeinschaften zudem eine Alternative für die Menschen, die es „einfach nicht mehr ertragen“ und für Menschen, „die ansonsten einfach keine Chance mehr haben, in dem System zu einigermaßen akzeptablen Bedingungen unterzukommen“ darstellen. 80
Die Landgemeinschaften fordern zu Gemeinschaftsfähigkeit heraus. Je nachdem, wie viele Lebensbereiche in das Gemeinschaftsleben integriert sind, sind die Mitglieder aufgefordert, sich der Gemeinschaft anzupassen. In einer Wahlgemeinschaft geht es immer wieder darum, die eigenen Wünsche mit den Orientierungen der Gemeinschaft auszubalancieren. Dieser Umstand stellt jedoch auch eine Her-
80 Podiumsdiskussionin der Kommune Niederkaufungen am 17.05.2002
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ausforderung dar. Gerade die erhöhten Ansprüche an die Kooperations- und Kompromissfähigkeit der Einzelnen bewirken ja andererseits, dass Gemeinsinn hier besonders gut als im eigenen Interesse liegend bzw. als eigenes Bedürfnis erlebt und erlernt werden kann. Zudem erfährt man aufgrund der Besitz- und Nutzungsverhältnisse psychologisch eine permanente Identifikation mit Überpersönlichem; der Gedanke „unser“ ist zwangsläufig weitaus häufiger präsent als „mein“. In Zeiten, in denen ein weitverbreiteter individualistischer Atomismus, nicht nur gesellschaftliche Probleme erzeugt, sondern zugleich auch deren Lösung erschwert, wird Gemeinschaftsfähigkeit zu einer wichtigen Kompetenz. Die Landgemeinschaften überwinden Spaltungen zwischen Arbeit und Familie. Durch die Integration verschiedener Lebensbereiche in das gemeinschaftliche Leben - das gemeinsame Wohnen, z.T. Arbeiten und Essen - findet in Landgemeinschaften eine Trennung von Arbeits- und Freizeit deutlich weniger oder überhaupt nicht statt. An die Stelle der unzusammenhängenden bzw. gegensätzlichen Lebensbereiche Beruf oder Familie, die für den gesellschaftlichen Alltag noch so typisch sind, treten in den Gemeinschaften häufig Tagesabläufe, die den Mitgliedern gestatten, häufiger und umfassender mit Familienangehörigen und Freunden in Kontakt zu sein.
Die Landgemeinschaften verbinden Privatsphäre und öffentlichen Raum. Sie helfen, Anonymität, soziale Isolation und Einsamkeit zu verhüten. Denn das gemeinschaftliche Leben bringt es mit sich, dass zahlreiche soziale Elemente in das Private integriert werden und vieles in der Öffentlichkeit stattfindet. Andererseits geht dies mit einer stärkeren sozialen Beobachtung und Kontrolle einher, die als nachteilig empfunden werden kann.
Mit der gemeinschaftlichen Lebensform sind neben sozial zukunftsfähigen Aspekten aber auch ökonomische und ökologische verbunden:
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Gemeinschaftsprojekte optimieren die Dienstleistungs- und Güterausschöpfung. Schon die Gleichberechtigung reproduktiver Tätigkeiten, die Arbeitsaufteilung auf mehrere Personen, die Bündelung der Fähigkeiten und die Fähigkeit, ein Erzeugnis von Anfang bis Ende selbst herzustellen und sich selbst zu versorgen, können ökonomisch und/oder ökologisch von Nutzen sein. Außerdem gestatten Sharing-Strategien eine Steigerung der Ressourceneffektivität und -schonung.
Die Landgemeinschaften optimieren Raum- und Zeitnutzung. Durch ihre infrastrukturelle Verdichtung erzielen sie zweifache ökonomische Vorteile - sie gewinnen Raum und sparen Zeit - und wirken damit gleich doppelt als effizienz- und suffizienzsteigerndes Modell für zukunftsfähige Entwicklung.
In Bezug auf kommunitäre Raummuster ist es die räumliche Integration von unterschiedlichen Lebensbereichen (z.B. Arbeiten und Wohnen) sowie verschiedener sozialer Lebensbezüge (z.B. Arbeits- und Freundeskreis) an einem Ort, die einen anderen Umgang mit Räumen ermöglichen. Räume werden intensiver und effektiver genutzt, indem sie für vielfältige Zwecke verwandt werden und einer Vielzahl von Personen zur Verfügung stehen. Gemeinschaftsprojekte effektivieren also die Raumnutzung und mindern einen exzessiv individualorientierten Raumkonsum. Auf kommunitäre Zeitmuster bezogen, ermöglichen schon die äußeren Strukturen (z.B. Arbeitsteilung und kurze Wege) einen anderen Umgang mit Zeit (eigene Motivationen, die auf eine bewusste Entschleunigung zielen, können hinzukommen): weniger Zeitverbrauch, mehr Zeitgebrauch. Denn weniger Zeit wird verbraucht für „Mittel-zum-Zweck-Aktivitäten“ (z.B. Vorbereitungen, kochen, Verkehr). Statt dessen kann mehr Zeit für die eigentlich bezweckte Aktivität gebraucht werden. Gemeinschaftsprojekte reduzieren also unnötigen Zeitkonsum, effektivieren die Zeitnutzung und nähren auf diese Weise den persönlichen Reichtum an Zeit. Die Landgemeinschaften sind Poole von Kapital und Kompetenz. Die personelle Vernetzung gestattet nicht nur, dass die Projektmitglieder ihr Geld und Kapital
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zusammenlegen und sich damit ihre Spielräume beträchtlich ausweiten. Sie ermöglicht zudem die Bündelung der Erfahrungs- und Wissensressourcen, die die einzelnen Projektmitglieder einbringen. Beide Effekte stärken die Handlungsmöglichkeiten der Gemeinschaften im Allgemeinen und damit auch ihr Potential, sich selbst zukunftsorientiert auszurichten und zu organisieren. Viel besser als der Einzelne oder einzelne Familienhaushalte können die Gemeinschaftsprojekte globalen Her-ausforderungen mit lokalen Lösungen begegnen. Denn durch die Fähigkeit zur gezielten Umsetzung zukunftsweisender Leitideen eignen sie sich besonders dafür, „Graswurzel-Nachhaltigkeit“ zu praktizieren.
Die Landgemeinschaften sind Orte der Praxis. Darin liegt vielleicht die eigentlich herausragende Leistung der Gemeinschaften. Letztlich hängt der Wert von zukunftsfähigen Konzepten und Projekten nicht von der Qualität der ursprünglichen Idee, sondern von ihrer Umsetzbarkeit und realen Umsetzung ab, also davon, inwieweit sie in der Lebenswelt verwirklicht werden (können). Mitglieder von Landgemeinschaften predigen nicht nur, sie praktizieren in erster Linie. Die kommunitären Aktionspotentiale ermöglichen es ihnen, ihre Ideen in hohem Masse in die Tat umzusetzen. Dabei kann sich das engere Miteinanderleben, das eben auch eine stärkere soziale Beobachtung mit einschließt, psychologisch durchaus als vorteilhaft erweisen. Häufig fällt es nämlich leichter, einer gemeinsam getroffenen Absprache nachzukommen (die auch persönliche Einschränkungen oder gar ein Verzichten beinhalten kann), wenn die Beteiligten wissen, dass die anderen Vereinbarungsteilnehmer einen Verstoß bemerken würden und dass auch sie sich an die Absprachen halten. Somit stellt die Vergemeinschaftung auch eine Lösung für das Allmendedilemma dar.
Lediglich die KN mit ihrer gemeinsamen Ökonomie bietet umfassende soziale Sicherheit. Da jedoch auch in den anderen beiden Gemeinschaften gebrauchswert-und gemeinwohlorientiert produziert wird und nicht geringe Abgaben für Gemeinschaftsaufgaben entrichtet werden, entsprechen alle Projekte auch zentralen Krite-
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rien der Gemeinwesenökonomie, deren Ziel es ist, eine „eigenständige, ökologisch und sozial zukunftsfähige Wirtschaftskultur“ (Elsen,1998: 59) zu entwickeln. Das Konzept der Gemeinwesenökonomie wird als mögliche Antwort auf zahlreiche ökonomische Probleme zunehmend in den Kreisen diskutiert, die im Bereich des dritten Sektors nach Alternativen zur kapitalistischen Ökonomie suchen. Entsprechend diesem Konzept legen die Gemeinschaften wert auf kurzgeschlossene Wirtschaftskreisläufe, in denen das Kapital nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck ist. (vgl. TechNet 1996) Übereinstimmend begreifen sie Wirtschaften als Wirtschaft für das Wohlergehen aller Menschen im lokalen bzw. regionalen Umfeld, als ökologisch sinnvolles Wirtschaften und beziehen Wirtschaft und Arbeit in demokratische Prozesse mit ein (vgl. Möller 1998: 10). Wie im Konzept der Gemeinwesenökonomie beziehen die Gemeinschaften die Betrachtung der gesamtgesellschaftlichen Kosten und Nutzen in das Wirtschaften ein. Auch auf dem Feld der lokalen Ökonomie bzw. nachhaltiger Regionalentwicklung finden sich also Lösungsansätze bei den Landgemeinschaften. Mangels empirischer Erfahrungen lässt sich jedoch nicht sagen, inwiefern es tatsächlich möglich ist, im gegenwärtigen Stadium des Kapitalismus 81 auf regionaler Ebene eigenständige überlebensfähige Strukturen aufzubauen.
In Bezug auf die Problematik des Wirtschaftswachstums entzieht die Leitidee der Gebrauchswertorientierung (statt Profitorientierung) dem Wachstum einen wichtigen Teil seiner Basis. Auch die Zinsdynamik wird dadurch massiv abgebremst, da das Geld in einer gebrauchswertorientierten Ökonomie ein Tauschmittel bleibt und nicht als Ware zur Kapitalakkumulation eingesetzt wird. Jedoch können sich die Gemeinschaften aufgrund ihres besonders in der Aufbauphase hohen Kreditbedarfes nicht ganz der Einbindung in die Kapitalmärkte entziehen.
Auch wenn dem Übertragen der zukunftsfähigen Ansätze von Landgemeinschaften auf die Gesellschaft beträchtliche Hürden aufgestellt sind - eines ist deutlich ge-worden: Gemeinschaft ist ein Prinzip, das zukunftsfähige Entwicklungen erheblich
81 Gemeint sind nicht nur die ökonomischen, sondern auch die Bewusstseinsverhältnisse.
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begünstigt. Neben einem effektiverem Produzieren (im Sinne der Effizienzstrategie) und einem eingeschränkten, an Lebensqualität und sozialökologischen Kriterien orientierten Konsum (im Sinne der Suffizienzstrategie) kann auch eine kommunitäre Lebenspraxis als ein Weg angesehen werden, der Zukunftsfähigkeit befördert. Das gemeinschaftliche Ausgestalten der Lebensweise erzeugt etliche Aspekte und Potentiale für zukunftsfähige Entwicklungen. Das gilt nicht nur für Gemeinschaftsprojekte, in denen das Prinzip Gemeinschaft ganzheitlich umgesetzt wird, weil sie zentrale Lebensbereiche wie Wohnen, Essen und Arbeiten ins Gemeinschaftsleben integrieren. Auch schon in Wohn- und Hausgemeinschaften, Nachbarschafts- und Dorfgemeinschaften sowie in vielfältigen anderen Formen gemeinschaftlichen Tuns kann man von zukunftsweisenden Elementen der Projekte profitieren. Die langfristig tiefgreifendsten Wirkungen einer kommunitären Zukunftsstrategie dürften aufgrund der o.g. Ganzheitlichkeit allerdings in Landgemeinschaften zu erwarten sein.
Im Folgenden soll nun der Frage nachgegangen werden, welche konkreten Auswirkungen und Resonanzen sich in der Gesellschaft wiederfinden lassen.
Daran gemessen, wie klein die untersuchten Gemeinschaften in Relation zur Gesamtgesellschaft sind, treffen sie - in unterschiedlichem Maße - auf beachtliches Interesse seitens der Medien, insbesondere und zunehmend das Ö7L. Welche weiteren Wirkungen dies zur Folge hat, lässt sich nur vermuten. Es ist jedoch anzunehmen, dass dadurch zumindest die Vertrautheit mit der relativ unbekannten Le-bensform der Landgemeinschaften zunehmen wird.
Es gibt zunehmend mehr Persönlichkeiten aus dem akademischen Bereich, die
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sich öffentlich kritisch zu den sich lokal und global verschärfenden Bedingungen und deren Ursachen äußern und z.T. ein enormes mediales Echos erfahren. Schon aus diesem Grund ist es von Bedeutung, wenn das Wissen um konkrete, funktionierende Modelle gemeinschaftlichen Lebens als zukunftsfähige Alternative sich auch in akademischen Kreisen ausbreitet.
Zudem zeigt sich bei den o.g. Forschungsprojekten im Ö7L und in der KN, dass gerade das gemeinschaftliche Element besondere Beachtung bei der Untersuchung der ökologischen, raumplanerischen bis hin zu baurechtlichen Aspekten findet. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Ökodorf Sieben Linden als Modelldorf für nachhaltige Regionalentwicklung. Mit zunehmender Annäherung an die geplante Größe und damit an das Ziel, ein gesamtes Dorf mit sozial, ökologisch und ökonomisch wegweisenden Ergebnissen zu verwirklichen, wird es voraussichtlich über das derzeitige akademische Interesse hinaus in den Schnittpunkt von Wissenschaft und Politik geraten. Denn das Potential an übertragbaren Elementen steigt mit zunehmender Größe und Komplexität Gerade in Zeiten “sterbender” Regionen, in welche aus Ratlosigkeit gewaltige Summen für ausgesprochen wenig zukunftsträchtige Maßnahmen (ABM, SAM) investiert wurden bzw. werden, könnten einzelne etwas langfristiger denkende Politiker 82 primär aus sozioökonomischen Gründen einen Sinn darin sehen, solche kooperativ strukturierten Projekte gezielt zu unterstützen. Das würde nicht bedeuten, dass weitere Ökodörfer nach dem Vorbild des Ö7L entstehen, denn dieser konkrete Fall war die Ausnahme von der Regel, da Siedlungsneugründungen nicht genehmigt werden. Es könnte daher (auch im Sinne des Ö7L) nur darum gehen, die Strukturen bestehender Ortschaften am Leitbild des Ö7L umzugestalten. Seitens der institutionalisierten Politik scheint es abgesehen von diesem lediglich potentiellen Interesse bislang keine ernstzunehmende Beschäftigung mit Modellen kommunitärer Lebensformen zu geben.
82 wie Kurt Biedenkopf, s. Kapitel 6.3.2.2
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Wichtiger als das Interesse von Institutionen für die Verbreitung kooperativer, kommunitärer Lebensweisen ist jedoch das Interesse von Menschen, die ihre Lebensweise dementsprechend zu verändern und den irdischen Bedingungen anzupassen versuchen. Doch die im Umfeld der Gemeinschaften lebenden Menschen bieten dafür keinerlei Hinweise.
Zur Beurteilung der allgemeinen gesellschaftlichen Resonanz in der Bevölkerung fehlt es an empirischem Material. M.E. ist der Bekanntheitsgrad solcher Projekte verschwindend gering. Zudem deuten die Probleme mit dem Sektenverdacht ohnehin auf verbreitete Ängste hin, sich unvoreingenommen mit radikal anderen Lebensweisen auseinander zu setzen.
Was die Neigung zu gemeinschaftlichen Lebensformen angeht, ergab eine länger zurückliegende Gallup - Umfrage in westlichen Industriestaaten, dass sich nur 4 -8% der Befragten vorstellen konnten, in einer Wohn- oder Arbeitsgemeinschaft zu leben (Welt am Sonntag, 17.6.84).
Es scheint bei der überwältigenden Mehrheit der Menschen keine nennenswerten Anzeichen für ein Bedürfnis bzw. eine empfundene Notwendigkeit einer grundsätzlichen Änderung der Lebensweise in sozialer oder ökologischer Hinsicht zu geben.
Lediglich aus individualökonomischer Motivation heraus ist die Bereitschaft zu einer tiefgreifenderen Veränderung der Lebensumstände evident, was sich z.B. an der Migration zehntausender Ostdeutscher nach Westdeutschland zeigt.
Bei der Frage nach den Gründen für die Beteiligung an Gemeinschaftsprojekten spielen also offenbar die spezifischen Persönlichkeitsstrukturen der Gemeinschaftsmitglieder eine nicht unerhebliche Rolle. Erfahrungsgemäß setzen sich die Mitglieder der Gemeinschaften nicht aus der durchschnittlichen Normalbevölkerung zusammen. Neben anderen Auffälligkeiten ist bei ihnen eine ungewöhnlich altruistische Motivationslage festzustellen. Ungewöhnlich sind auch ihre Bereitschaft zum Teilen, zum Verzicht auf materiellen Überfluss, zu sozialökologisch
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förderlichen Verhaltensweisen. Ihre Lebensweise zeugt von hoher Flexibilität und einer ausgeprägten Fähigkeit, sich von Sozialisation, Konvention und Tradition loszusagen. Es ist also davon auszugehen, dass die Mitglieder der Landgemeinschaften tendenziell solche Charakterstrukturen haben, die besonders gut zu deren Lebensweise passen. Von daher ist es fraglich, ob ein “Durchschnittsmensch” solch ein kommunitäres Kulturmodell bzw. Elemente davon übernehmen kann und will.
7.2. Fazit
Meine Arbeitshypothese lautete:
„Gegenwärtig sind die Landgemeinschaften in ihren konkreten Auswirkungen gesamtgesellschaftlich nicht von besonderer Bedeutung. Da die Gesellschaft jedoch langfristig ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört, werden Landgemeinschaften als zukunftsfähige Alternative immer wichtiger werden.“ Diese Hypothese enthält vier Annahmen: 1. Die Gesellschaft zerstört langfristig ihre Lebensgrundlagen. 2. Landgemeinschaften sind eine zukunftsfähige Alternative. 3. Sie sind gegenwärtig in ihren konkreten Auswirkungen gesamtgesellschaftlich
nicht von besonderer Bedeutung. 4. Sie werden als Alternative immer wichtiger werden. Eindeutig konnte lediglich die erste Annahme verifizieren werden. Sie wurde in vollem Umfang bestätigt.
Die zweite Annahme trifft nur insofern zu, als den untersuchten Landgemeinschaften Zukunftsfähigkeit zugesprochen werden kann. Ob sie jedoch eine Alternative
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darstellen, d.h. ob sie dem Kriterium der Übertragbarkeit standhalten können, muss stark in Zweifel gezogen werden. Eine Übertragbarkeit des Lebensmodells der Landgemeinschaften sehe ich weder mit Blick auf die Disposition der Mehrheitsbevölkerung noch mit Blick auf die Strukturen der Städte. Es bestehen begründete Zweifel daran, dass die Bereitschaft und Fähigkeit der durchschnittlichen Bevölkerung in nennenswertem Maße vorhanden ist, sich auf solch eine Lebensweise einzulassen. Dies wird in der Quantität und Qualität des Interesses deutlich, dem die Landgemeinschaften begegnen. Dieser Befund ist insofern nachvollziehbar, als es in Bezug auf die Voraussetzungen für eine kommunitäre Lebensweise nicht nur um die Bereitschaft zu Verhaltensänderungen, sondern auch um ein verändertes Denken und Empfinden geht. Die Mitglieder der untersuchten Gemeinschaften kommen ganz überwiegend aus dem akademisches Milieu. Allerdings kamen die Pioniere von - später allgemein anerkannten - Leitideen ebenfalls häufig aus dieser Schicht (Menschenrechte, kulturelle Liberalisierung (68er), Umweltschutz).
Aber auch was die Übertragbarkeit der kommunitären Wirtschaftsweise auf die gesamtgesellschaftliche Ökonomie anbelangt, sind starke Zweifel angebracht. Eine flächendeckende Übertragung hätte einen Wegfall des Großteils des heutigen Waren- und Dienstleistungsangebotes zur Folge. Die Bereitschaft der Menschen zu einem freiwilligen Verzicht auf Handys, Fernseher, private und öffentliche Verkehrsmittel, Computer, CDs, Fernreisen usw. ist nicht vorstellbar. Und eine mögliche Kombination kommunitärer Lebensweisen mit industrieller Produktion hat am konkreten Beispiel der Kibbuzim gezeigt, dass diese zwar immer noch „Schrittmacher sozialen Fortschritts“ (Busch-Lüty 1989: 12) sind, jedoch eine ökologische Orientierung vermissen lassen. Ihre ökonomischen Strukturen sind zwar nach innen nach wie vor solidarisch, nach außen aber profitorientiert, expansiv und sie „stehen in dem Ruf, eine höchst aggressive Verkaufs- und Exportpolitik zu betreiben“ (ebd.: 75).
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Eine Übertragbarkeit lässt sich jedoch für andere alternativökonomische Projekte annehmen. Nach dem „Oppenheimerschen Transformationsgesetz“ können Inseln im kapitalistischen System nicht überleben, sondern müssen sich anpassen.
Das Gesetz besagt:
„Ein alternatives Projekt - bei Oppenheimer eine Produktionsgenossenschaft - geht immer entweder pleite oder verwandelt sich in ein Projekt, das von in die herrschende Gesellschaft integrierten Projekten nicht mehr zu unterscheiden ist“ (Schwendter 1994: 56).
Dieses Gesetz hat sich im Bereich der Alternativen Ökonomie häufig bewahrheitet. Landgemeinschaften bieten aber offenbar einen Rahmen, um dieser Dynamik zu entgehen. Das bestätigt sich insbesondere bei der Kommune Niederkaufungen, die trotz (oder wegen) ihrer besonders kapitalismusfernen Gemeinsamen Ökonomie einen stabilen, konsolidierten Finanzhaushalt vorzuweisen hat. Wie schon der Name sagt, sind Landgemeinschaften nicht auf Städte übertragbar. Dies gilt in besonderer Weise für die Großstädte. Die Lebensweise kommunitärer Stadtgemeinschaften unterscheidet sich in zentralen Punkten von jenen der Landgemeinschaften (Ausnahme: Ufa). Meist haben sie einen kulturellen Schwerpunkt und die Mitglieder arbeiten nicht im Projekt. Die urbane Lebensweise steht der Einfachheit und Naturverbundenheit in den Landgemeinschaften entgegen. Das gemeinschaftliche Miteinander gestaltet sich weniger verbindlich, man ist nicht so sehr aufeinander angewiesen.
In Zusammenhang mit der mangelnden Übertragbarkeit muss auch die dritte Annahme gesehen werden. Sofern ein Interesse beispielsweise seitens der Medien festgestellt werden kann, so ist dieses wahrscheinlich in der Regel auf die innovative Ausstrahlung der zukunftsfähigen Aspekte zurückzuführen, nicht auf eine mögliche Rolle als Alternative.
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Daher ist die gesellschaftliche Relevanz der Landgemeinschaften bei ihrem Potential zu suchen, gemeinsam mit den anderen progressiven Kräften der Gesellschaft ihren spezifischen Beitrag zu einem kulturell-politischen Aufbruch zu leisten. Dieter vom Ökodorf Sieben Linden hat den Eindruck, „es sind ganz viele Menschen auf dem Weg, auf der Suche nach einer anderen Lebensweise.“ Deshalb setzt er derzeit große Hoffnungen auf die Initiative „Aufbruch - anders besser leben“ (siehe Kap. 6.2.1.2).
„Das könnte eine Ebene sein, wenn das wirklich den Zeitgeist trifft“, wo jeder zwar an dem Ort bleibe, wo er ist, aber „den Geist ein Stück weit aufnimmt, dann könnte das auch wieder Auswirkungen auf Politik haben“. Denn „für die notwendigen Veränderungen könnten auch die Menschen in den Städten eine Menge beitragen, wenn sie auch auf der materiellen Ebene anfangen, sich anders zu verhalten. (...) Bisher sieht man es nur punktuell, was der Verbraucher für eine Macht hat und dann wird es wieder zugedeckt; und wenn man das massiv und langfristig umsetzen könnte, dann würden natürlich auch andere wirtschaftliche Strukturen entstehen“ und das würde schließlich „auch Auswirkungen darauf haben, wie eine Stadt organisiert ist und so weiter. (...) Die Spielräume sind noch lange nicht ausgenutzt und die eigene Macht ist noch lange nicht so erkannt, weil jeder dann doch in seinem Alltag ein Stück mitschwimmt, egal welche politischen Visionen er so im Kopf hat“.
Deshalb sei die Frage, „was kann ich in meinem Leben tun?“, immer wieder Thema bei den Seminaren, wo die Gemeinschaft versucht, „eine Art Katalysatorfunktion“ zu übernehmen, in der Hoffnung, „dass die Menschen, wenn sie wieder zurückgehen, davon ein Stück verwirklichen.“
Inwiefern das klappt, lasse sich nicht sagen, aber „man merkt, dass die Menschen hier so stark angesprochen werden, dass sie immer wieder kommen und dass sie dann auch davon berichten, wie sie da, wo sie leben, damit umgehen, also ich glaube, dass es auf jeden Fall Auswirkungen hat. Deswegen versuchen wir jetzt eben auch, an so einer Bewegung mitzuarbeiten [s.o.], wo dann ein bundesweites Netz entsteht, wo Menschen dann auch zuhause Gruppen aufbauen können, wo
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dann auch ein Informationsfluss da ist und didaktische Materialien, und Workshops und Filme und Festivals usw.“
Die zahlreichen Kontakte durch die eigenen Veranstaltungen, durch das intensive politische Engagement der Gemeinschaften und das Interesse von Medien und aus der Wissenschaft eröffnet den Gemeinschaften vielfältige Möglichkeiten, „einen neuen Geist in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen“ (Dieter) und das weiterzugeben, was sie zu bieten haben:
„...die gelebte Erfahrung, dass ein anderes Leben möglich ist und das Wissen darüber, wie es möglich ist. Diese Erfahrung und dieses Wissen sind im Alltag erprobt und zwar in der ganzen Bandbreite: von dem sozialen Zusammenleben mit neuen Formen der Konfliktlösung, der Selbstorganisation und des Gemeinschaftseigentums über die Ökologie mit angemessenen Konsummustern, über neue Arbeitsinhalte und -formen, Kindererziehung, selbst gestaltete Kunst und Kultur, persönliche Entwicklung, bis hin zur Suche nach befriedigenderen Formen der Liebe. (...) Gemeinschaften sind alleine nicht die Lösung, sie sind aber der paradigmatische Teil der Lösung, d.h. sie bieten eine ganzheitliche Problemwahrnehmung, neue Muster der Lösung und Methoden für kooperative Prozesse der Umsetzung“ (Dieter in: eurotopia 2000: 29,32). Auch Rolf Schwendter sieht die Relevanz der Gemeinschaften nicht in ihrer Eigenschaft als Alternative. Als alternativer Lebensentwurf könne von ihnen „keine Rede sein“, diese Modellversuche würden jedoch zur Sprache bringen, „dass es auch anders geht, als nach den kapitalistischen Normen des Privateigentums, der Unterordnung, der Vernutzung von Mensch und Natur“ (Vortrag in der KN, 17.05.2002).
Die untersuchten Landgemeinschaften scheinen zwar nicht als Alternative, jedoch als Impulsgeber in der Tat eine nennenswerte Relevanz zu besitzen. Es können allerdings keine harte Kriterien für eine Bejahung oder Verneinung von Relevanz
100
aufgestellt werden, noch lässt sich die Tragweite der gesellschaftlichen Impulse konkret fassen.
In Bezug auf die vierte Annahme über die angesichts der drohenden Zerstörung der Lebensgrundlagen zunehmende Relevanz der Landgemeinschaften als Alternative stelle ich zunächst in Anlehnung an das bisher Gesagte fest, dass es sich bei der Frage nach der Relevanz, nur um ihre Relevanz als Implusgeber handeln kann. Aus der sich stetig vergrößernden Aufmerksamkeit für Initiativen (z.B. Attac), wegen der immer bedrohlicher werdenden Zerstörung der Lebensgrundlagen, dem wachsenden Unmut über die sozialen Folgen des globalisierten Kapitalismus, vor welchen auch immer häufiger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Systemrepräsentanten warnen, schließe ich, dass auch die Relevanz von Landgemeinschaften zunehmen wird.
Kofi Annan hat ein mal gesagt: „Die Herausforderung der Nachhaltigkeit übersteigt unsere heutigen politischen Konzepte.“ Der Vorsitzende des Rates für Nachhaltigkeit, Volker Hauff, hat dieses Zitat in einer Rede aufgegriffen und bekräftigt: „Die Politik tut zu wenig und sie tut das Wenige zu spät. Es ist Zeit für neue Initiativen.“
Mein Eindruck ist, dass das allmählich von immer mehr Menschen so empfunden wird. Bei der Suche nach Lösungen für die anstehenden Herausforderungen wird ein Geist des Miteinanders von entscheidender Bedeutung sein.
Das letzte Wort soll ein engagierter Exponent dieses Geistes haben, nämlich Dieter Halbach vom Ökodorf Sieben Linden:
„Nur wenn die Menschheit zu einer Weltgemeinschaft zusammenwächst, wird sie überleben. Das ist ein Traum und eine Notwendigkeit.“
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Interviewleitfaden ___________________________________________
Experteninterviews mit Mitgliedern von Landgemeinschaften
________________________________________________ Interessierende Themenbereiche:
1. Entwicklung der Landgemeinschaft 1.1 Geschichte, Entwicklung, Mitglieder 1.2 Anzeichen für Bewusstseinsveränderung bei den Mitgliedern? 1.3 Elite? Ist die angestrebte Lebensweise nicht nur für eine Minderheit von
reifen Menschen lebbar? 1.4 Bleiben die Kinder, wenn sie groß sind
1.5 Fluktuation: Gehen die Aussteiger eher in die Normalität zurück oder eher
Vergleichbares?
1.6 Inwiefern beschäftigt man sich damit, vorbereitet zu sein auf Zusammen-
brüche ökonomischer, ökologischer bzw. sozialer Art (Überlebensfähig-keit)?
1.7 Welche Entwicklungen/Kontakte sind besonders vielversprechend?
1.8 Was steht einer stärkeren Modellwirkung im Wege? 2. Auswirkungen, Resonanzen, Kontakte, Vernetzung 2.1 Interesse an/von Wissenschaft, Gesellschaft, Politik, Medien? 2.2 Welche regionalen/überregionalen Auswirkungen lassen sich feststellen
(Selbsteinschätzung)?
2.3 Wo ist die Außenwirkung am Stärksten: Beziehungen, Seminare, Business...?
2.4 Wie oft sind Wissenschaftler/politisch Aktive bzw. Multiplikatoren da? 2.5 Vernetzung zu anderen Landgemeinschaften?
2.6 Zu welchen Organisationen, Verbänden, Gruppierungen.... gibt es eine Ver-
netzung?
107
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Bijan Fatemi, 2002, Zur gesellschaftlichen Relevanz von Landgemeinschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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