Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
S. 2 - 3
2. Die Grammatologie - Derridas Schrift-Begriff als
S. 4 - 21
Dekonstruktion der abendländischen Metaphysik
a) Logozentrismus als spezifisches Wort-Schrift-Schema S. 4 - 7
der Metaphysik
b) Saussure und die Epoche des Zeichens S. 7 - 14
c) Ur-Schrift/ différance/ Spur/ Spiel S. 14 - 21
- Die Grammatologie und ihre Bausteine
3. Inhaltsverzeichnis
S. 22
1
1. Einleitung
Derridas Schrift-Begriff gestaltet sich aus einem komplexen terminologischen Feld heraus. Begriffe, wie etwa différance/ Spur/ archi-écriture/ Spiel etc., stellen ein filigranes Netz und Bezugssystem dar, innerhalb dessen die Theorie/ das Modell der Grammatologie Konturen gewinnt. Gleichzeitig eröffnen sie einen weitreichenden Problemhorizont. Zur Debatte stehen die abendländisch-metaphysische Philosophie und ihre Komponenten von der Rhetorik bis hin zu den konstitutiven Elementen des Systems (Bspw. Identität/ Subjektivität/ Präsenz/ Substanz/ Signifikat etc.). Die Problematik überspannt damit die Wissenschaftlickeit selbst und erschüttert ihr Fundament: die episteme. Wissenschafts-/ System-/ Theorie- und Strukturbegriff werden fragwürdig. Nur in diesem Kontext, in Relation zum metaphysischen Diskurs formiert sich die Grammatologie zu dem, was sie ist: zur Kritik der Metaphysik. 1 Die terminologischen, strukturellen und strategischen Koordinaten, die Derridas Schrift-Begriff verorten, sind hierbei einer kritischen Untersuchung zu unterziehen. Als Primärquelle dient bei der Analyse des begrifflichen Bezugssystems Derridas Text De la grammatologie. 2 Zur ausführlichen Betrachtung der Argumentationsstruktur werden weitere Schriften von Derrida ergänzend hinzugezogen.
Blickt man auf die einleitenden Passagen aus De la Grammatologie - Erster Teil, Kapitel 2 -, so kann Derridas Modell einer Grammatologie zunächst negativ definiert werden: einerseits in Abgrenzung zur positiven und klassischen Wissenschaft von der Schrift und ihrer Methodik, spezifische Entitäten von Schriftsystemen auf historische und typologische Fakten hin zu befragen [vgl. S. 50]; andererseits als Gegenmodell und Korrektiv zu einer semiologischen, bzw. linguistischen Theoriebildung, deren Begriffe und Konzepte sich dem Logozentrismus der
1 Derrida zur Diskursgebundenheit kritischer Operationen: „[E]s ist sinnlos, auf die Begriffe der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik erschüttern will. Wir verfügen über keine Sprache - über keine Syntax und keine Lexik -, die nicht an dieser Geschichte beteiligt wäre. Wir können keinen einzigen destruktiven Satz bilden, der nicht schon der Form, der Logik, den impliziten Erfordernissen dessen sich gefügt hätte, was er gerade in Frage stellen wollte“, vgl. Jacques Derrida: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen; 2003, S. 305.
2 Jacques Derrida: Grammatologie; 1983. Im Folgenden wird bei Zitaten aus der Grammatologie die Seitenzahl in eckigen Klammern angegeben (z. Bsp. [S. 7]).
2
abendländischen Metaphysik entlehnen und geprägt sind durch ein historisch und philosophisch verfestigtes Schema von der Schrift als bloßem Derivat des gesprochenen Wortes, - ein determiniertes System von „Verhältnissen zwischen dem »lebendigen« Wort und der Ein-Schreibung“ [S. 49], wie es Derrida exemplarisch im Denken von Platon und Aristoteles bis hin zu Rousseau und Saussure diagnostiziert. Schrift-Begriff und Grammatologie als Wissenschaft von der Schrift werden von Derrida dagegen in einem umfassenderen und fundamentaleren Sinn verstanden, als die klassischen Theoreme und linguistischen Klassifikationen zugestehen. Wenn er konstatiert, dass a) „die Idee der Wissenschaft selbst in einer bestimmten Epoche der Schrift entstanden“ [S. 49], der Wissenschaftsbegriff dem Prinzip Schrift also inhärent sei, dass b) Schrift nicht bloß ein Instrument der Wissenschaft, sondern allererst Bedingung und Voraussetzung der episteme darstelle [vgl. S. 49], und dass schließlich c) „Geschichtlichkeit [d.h. Zeitlichkeit/ das
Werden] an die Möglichkeit der Schrift gebunden sei“ [S. 50], dann gesteht Derrida dem Prinzip Schrift einen basalen Status zu und erhebt die Grammatologie zu einer Fundamentaldisziplin. 3
Die Grammatologie ist somit keine empirische Wissenschaft bereits konstituierter Schrift-/ (Zeichen-)Systeme, sondern vielmehr die Reflektion deren Bedingung [vgl. S. 109]. Als Korrektiv eines tradierten Schrift-/ Zeichen-Verständnisses dekonstruiert sie die klassischen Theoreme der Metaphysik und eröffnet den Blick auf einen alternativen Schrift-/ Zeichen-Begriff. Genau in diesem Spannungsfeld verortet Derrida auch die Saussure`sche Semiologie. Indem diese aber ihre tradierten Wurzeln letztlich akkreditiert, verbaut sie das kritische Potential, das sich in ihr ankündigt. Die Grammatologie als radikale anti-metaphysische Zeichentheorie formuliert dagegen rigoros die ausstehenden Konsequenzen des Saussure`schen Ansatzes.
3 Prinzip/ basal/ Fundamentaldisziplin etc. können als Vokabular des metaphysischen Systems nur unter Vorbehalt und implizierter Einschränkung Verwendung finden, sind aber gleichwohl unumgänglich (siehe Fußnote 1).
3
2. Die Grammatologie - Derridas Schrift-Begriff als Dekonstruktion der
abendländischen Metaphysik
Im Folgenden soll zunächst und in aller Kürze das Schrift-/ Zeichen-Konzept metaphysischer Systeme erörtert werden. Daraufhin wird sich die Analyse mit der Saussure`schen Zeichentheorie auseinander setzen, um daran anschließend - als zentraler Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit - den Schrift-Begriff der Grammatologie zu umreißen.
a) Logozentrismus als spezifisches Wort-Schrift-Schema der Metaphysik
Mit dem Terminus Logozentrismus bezeichnet Derrida eine sich in der abendländischen Geistesgeschichte spiegelnde Privilegierung des Wortes - als Verlautbarung der Seele in ihrer Präsenz - gegenüber der Schrift - als dessen bloßer Re-Präsentant. Als klassische Paradigmen eines hierarchisch verfestigten Wort-Schrift-Schemas gelten ihm dabei Platon und Aristoteles. So erinnert Derrida an die Diskreditierung und Abwertung der Schrift in Platons Phaidros [vgl. S. 61]. Eine ausgewählte Passage soll hier exemplarisch für die Klassifizierung, bzw. Disqualifizierung der Schrift einstehen:
„Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. […] Und
4 von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst.“
Die Schrift ist das Äußerliche und Fremde, das die Innerlichkeit und Unmittelbarkeit der Seele (das Selbst) nicht berührt; sie ist nur Schein (Abglanz/ Repräsentant), nicht die Sache selbst, die sie lediglich bezeichnet. Auch die aristotelische Definition, die Derrida zitiert, steht in ähnlichem Tenor, akzentuiert jedoch stärker die hierarchische Rangordnung von Wort und Schrift:
4 Platon: Phaidros; 1993, S. 275a.
4
„Es ist also das in der Stimme Verlautende Zeichen für die in der Seele hervorgerufenen Zustände,
5 und das Geschriebene Zeichen für das in der Stimme Verlautende.“
Die Schrift ist demnach ein Zeichensystem zweiter Ordnung. Als Repräsentant des Repräsentanten potenziert sie die Distanz zu den Regungen der Seele, ist gegenüber einer inneren Fülle nur inadäquates Ausdrucksmedium. In den zitierten Passagen klingt - wenn auch dezent und nur im Hintergrund - das klassische Schema der Metaphysik an. Es gibt eine Substanz, ein unveränderliches und in sich ruhendes Wesen hinter aller Mannigfaltigkeit und Wechselhaftigkeit der Erscheinungen. Damit ist bereits die zentrale Oppositionsfigur der metaphysischen Tradition aufgerufen: die Unterscheidung von Substanz und Akzidens. Das Unbedingte/ Ungeschiedene/ Ideelle etc. ist als Gravitationszentrum und Ruhepol der Garant stabiler Wahrheitsverhältnisse und transzendenter Rückversicherung im bewegten Chaos von Verschiedenartigkeit/ Wechselhaftigkeit/ Differenz. Diese Spur lässt sich durch die gesamte abendländische Philosophiegeschichte hindurch verfolgen, von der klassischen Antike über die christliche Theologie bis hin zur Moderne: bei Heraklit ist das ordnende Prinzip des Kosmos der Logos; auch die Stoa greift diesen Terminus zur Bezeichnung einer Alles durchdringenden Gesetzmäßigkeit auf; Platons Ideenlehre identifiziert hinter der Erscheinung ein unveränderliches Wesen, an dem alle Dinge partizipieren; die gesamte christliche Theologie basiert auf diesem Modell und transponiert antike Philosopheme in ihre Lehre (z. Bsp. in Form des Neuplatonismus oder der auf Aristoteles als verbindliche Autorität rekurrierenden Scholastik) - ein göttliches Wesen als Schöpfer und Weltenordner tritt hier an die Stelle einer eher abstrakten metaphysischen Kraft wie etwa dem Logos (bezeichnenderweise formuliert der Prolog des Johannes-Evangeliums noch die Identität von Logos und Gott 6 ); schließlich muss im Zusammenhang metaphysischer Konzepte noch an Kants Ding an sich erinnert werden, jene Eigentlichkeit der Dinge, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen durch ein kategoriales Defizit verschlossen bleibt.
Die Substanz als der absolute und objektive Bezugspunkt verleiht den Dingen der Erscheinungswelt in ihrer Vielfalt und Verschiedenartigkeit also erst Wert und Würde - Nähe und Distanz zum Unbedingten werden damit zu Beurteilungskriterien.
5 Zitiert nach Jacques Derrida: Grammatologie; 1983, S. 54.
6 „Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott“, Johannes Evangelium; 1,1.
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Arbeit zitieren:
Christian Rausch, 2011, Die Grammatologie - Derridas Schriftbegriff als Dekonstruktion der abendländischen Metaphysik, München, GRIN Verlag GmbH
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