Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Der Ästhetiker als romantische und als moderne Figur - Kierkegaards
„Entweder - Oder“ in kultur-historischer Perspektive. 3
2.1. Vorüberlegung: der metaphysische Unterbau - ideelles und empirisches
Dasein. 3
2.2. Tagebuch des Verführers - der Ästhetiker in pointierter Form. 6
2.3. Der Ästhetiker: eine romantische Figur? 7
2.4. Der Ästhetiker: eine moderne Figur 13
2.5. Der Ethiker: das moralische Gegengewicht 19
3. Resümee - die Aporien der Freiheit und Unmittelbarkeit 21
Literaturverzeichnis. 23
1
1. Einleitung
Sören Kierkegaards Schrift Entweder - Oder 1 nimmt aus kultur-historischer Perspektive eine bedeutende Stellung ein. Im Jahre 1843 erschienen, steht Kierkegaards Hauptwerk in ästhetischer und philosophischer Hinsicht auf der Schwelle von Aufklärung und Spätromantik einerseits und geistes-geschichtlicher Moderne andererseits. Die Resonanz romantischer Ästhetik und Theoriebildung ist in der Auseinandersetzung mit der Kernthematik von Poesie und Ganzheit/ Unmittelbarkeit/ Ursprünglichkeit deutlich spürbar. Gleichzeitig antizipiert Kierkegaard mit dem Psychogramm und Charakterbild des Ästhetikers, wie er es zeichnet, einen Typus von schlagender Modernität. Dekadence-Syndrom und Ästhetizismus der Jahrhundertwende als Reflexbilder einer allgemeinen Lebens- und Wirklichkeits-Erfahrung ideeller und existentieller Verlassenheit sind hier vorweggenommen. Eingebunden im epochalen und systematischen Spannungsfeld von Romantik und Moderne soll Kierkegaards Begriff des Ästhetischen definiert werden. Spezifisch zeit-historische Diskurse und literarische Paradigmen werden hierzu herangezogen. Als text-immanenter Bezugspunkt stützt sich die Analyse dabei weitestgehend auf das Tagebuch des Verführers als prägnantester Ausdruck der ästhetischen Lebenshaltung. Kontrastiert oder vervollständigt - das wird die Untersuchung zeigen - wird die Bertachtung der ästhetischen Existenzform schließlich durch die Beschreibung des Ethischen. Ziel ist es, beide Begriffe - ästhetisch und ethischstrukturell und inhaltlich präzise zu durchleuchten, um ihre gegenseitige Beziehung zueinander darlegen zu können.
1 Sören Kierkegaard: Entweder - Oder; 2005. Im Folgenden wird bei Zitaten aus dieser Ausgabe die Seitenzahl in eckigen Klammern im Fließtext angegeben (z. Bsp. [S. 20], bzw. [vgl. S. 20]).
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2. Der Ästhetiker als romantische und als moderne Figur - Kierkegaards
„Entweder - Oder“ in kultur-historischer Perspektive
2.1. Vorüberlegung: der metaphysische Unterbau - ideelles und empirisches Dasein
Die ideologische Gliederung von Entweder- Oder nach ästhetischer und ethischer Existenzform korrespondiert strukturell mit der abendländisch-metaphysischen Tradition und ihren Diskursen. Zur präzisen Bestimmung der systematischen Grundlagen soll zunächst das klassische Schema der Metaphysik erörtert werden. Nach den Prämissen der Präsenz-Philosophie gibt es also eine Substanz, ein unveränderliches und in sich ruhendes Wesen hinter aller Mannigfaltigkeit und Wechselhaftigkeit der Erscheinungen. Damit ist die zentrale Oppositionsfigur der metaphysischen Tradition benannt: die Unterscheidung von Substanz und Akzidens. Das Unbedingte/ Ungeschiedene/ Ideelle etc. ist als Gravitationszentrum und Ruhepol der Garant stabiler Wahrheitsverhältnisse und transzendenter Rückversicherung im bewegten Chaos von Verschiedenartigkeit/ Wechselhaftigkeit/ Differenz. Diese Spur lässt sich durch die gesamte abendländische Philosophiegeschichte hindurch verfolgen, von der klassischen Antike über die christliche Theologie bis hin zur Moderne: bei Heraklit ist das ordnende Prinzip des Kosmos der Logos; auch die Stoa greift diesen Terminus zur Bezeichnung einer Alles durchdringenden Gesetzmäßigkeit auf; Platons Ideenlehre identifiziert hinter der Erscheinung ein unveränderliches Wesen, an dem alle Dinge partizipieren; die gesamte christliche Theologie basiert auf diesem Modell und transponiert antike Philosopheme in ihre Lehre (z. Bsp. in Form des Neuplatonismus oder der auf Aristoteles als verbindliche Autorität rekurrierenden Scholastik) - ein göttliches Wesen als Schöpfer und Weltenordner tritt hier an die Stelle einer eher abstrakten metaphysischen Kraft wie etwa dem Logos (bezeichnenderweise formuliert der Prolog des Johannes-Evangeliums noch die Identität von Logos und Gott 2 ); schließlich muss im Zusammenhang metaphysischer Konzepte noch an Kants Ding an sich erinnert werden, jene Eigentlichkeit der Dinge, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen durch ein kategoriales Defizit verschlossen bleibt. Die Substanz als der absolute und objektive Bezugspunkt verleiht den Dingen der Erscheinungswelt in ihrer Vielfalt und Verschiedenartigkeit also erst Wert und Würde
2 „Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott“, Johannes Evangelium; 1,1.
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- Nähe und Distanz zum Unbedingten werden damit zu Beurteilungskriterien. Diesem Maßstab sind auch der Mensch und sein Denken und Handeln unterworfen. Kommt dem Menschen aus theologischer Perspektive als dem Geschöpf Gottes zunächst eine fundamentale Würde zu, so ist er als körperliches, an der Sinnenwelt partizipierendes Wesen auch der Nichtigkeit ausgesetzt. 3 Die Problematik der Erkenntnis- und Fassungsvermögen des Menschen steht im selben Kontext. Die Dichotomie von Substanz - Akzidens spiegelt sich hier in der Denkfigur Intuition -Diskursivität. Wie kann also das Unbedingte und Unmittelbare der menschlichen Ratio als einem begrifflichen Denken nach bestimmten diskursiven Grundregeln (Logik/ Kausalität etc.) zugänglich sein, wenn die Reflexion notwendig auf Zergliederung und Unterscheidung beruht. Bei Sebastian Frank etwa ist diese Kluft absolut: Das Vollkommene ist das Inkommensurable und entzieht sich unausweichlich dem diskursiven Erkenntnisvermögen in seiner begrifflichen
Beschränktheit. 4 Im Gegensatz zu dieser Extremposition und ihrer radikalen Ausformung der Erkenntniskritik (sowohl Wort als auch Schrift werden bei Frank als unzulänglich klassifiziert) erfasst bspw. Derridas Begriff Logozentrismus Philosopheme, die sich in einem graduellen Zwischenfeld bewegen: die Privilegierung von Wort und Stimme als Verlautbarung der Seele und Ausdruck von Präsenz auf der einen Seite, andererseits die Einengung der Schrift auf eine
zweitrangige und instrumentale, d.h. repräsentative Funktion. 5 Das Wort-Schrift-Schema, das Derrida hier fokussiert, bildet somit die klassischen Oppositionsfiguren der traditionellen Metaphysik ab, von der Unterscheidung Substanz - Akzidens bis hin zu deren Konfigurationen Präsenz - Repräsentation/ Sein - Schein/ Natur -Kultur/ Innen - Außen. Als Projektionsfläche einer sentimentalischen Sehnsucht
3 Vgl. bspw. die neuplatonische Partizipationslehre mit ihrem Teilhabe-Gedanke des Menschen am göttlichen Wesen; oder Meister Eckhart, der in seiner These vom duplex esse zwei ontologische Modi des Menschen unterscheidet: den modus identitatis (das Sein in Gott als Idee) und den modus differentiae (das Sein in der Unterscheidung der äußeren Wirklichkeit).
4 „Dann wie man reden mag/ so ist Gott vil ain anders in der warhait/ vnd der ding kains inn Gott. Der Mensch redet Creaturlich vonn Gott/ dicht jm an/ menschliche Affect/ Gestalt/ willen/ sinn/ zeit/ stadt/ person/ der ding doch kains inn Gott ist. […] [D]ann den leiblosen leiblicht auß z[uo]sprechen/ vnd das volkomen mit dem onuolkomen begreiffen/ ist nit m[oe]glich“, Sebastian Franck: Die vier Kronbüchlein; 1992, S. 149. Die Ohnmacht des Wortes dem Absoluten gegenüber zeigt sich hier bspw. im unbeholfenen Rückgriff auf anthropomorphe Vorstellungen. Der diskursiv-logischen
Erkenntnismethode setzt Frank dann eine intuitive und intrinsische Gotteserkenntnis gegenüber. Hier betritt Franck das Feld des Spiritualismus (die unmittelbare Verbindung mit dem göttlichen Prinzip wird angestrebt) und greift folgerichtig auf Topoi aus der Mystik zurück: Ekstase („[…] sonder weil sie jr selbs nit sind/ auch nichts von jn selbs wissen/ frei auß Gott/ Ja Got selbs hat durch sie geredt“ (S.142-143)), „verzuckung/ stille/ contemplation/ vnd außgang des gem[ue]ts von dem leib“ (S.149) sind Vorstellungen, die aufgerufen werden.
5 Vgl. Jacques Derrida: Grammatologie; 1983, S. 19.
4
nach Ursprünglichkeit und Präsenz verkörpert das Wort also das Lebendige und Authentische, während die Kehrseite, der Gegenpol auf die Schrift abgewälzt wird. Im Topos vom toten Buchstaben ist diese Stellung als Antagonist des lebendigen Wortes deutlich wirksam. Zur Debatte stehen damit einerseits die Kommunizierbarkeit des Ideellen und andererseits die generelle Frage nach der moralischen Integrität des Menschen. Der Selbstentwurf des Menschen als ein Vernünftiger betont dabei Moralität und Freiheit als ideellen Kern seines Wesens. Dem diametral entgegengesetzt ist der empirische Wesensanteil, d.h. die physische und soziale Determiniertheit des Individuums. Instinkt/ Emotion/ kulturelle Prägung/ Zweckrationalität (ökonomisches Kalkül) sind Elemente des Bedingten. Freiheit und Determination erweisen sich dabei als disparat, die Annahme des Einen dementiert den Anspruch des Anderen, so radikal formuliert Kant. Sein berühmter Paragraph (59) aus der Kritik der Urteilskraft weist dem Schönen dabei eine bloß symbolische (Kants typisches als ob) Mittlerfunktion zu. Das Schöne kann zum Symbol des Sittlich-Guten also nur über eine defizitäre Analogie werden. Während die ästhetische Anschauung nach Kant jede begriffliche Fixierung übersteigt (sie ist inexponibel), transzendiert der Begriff/ bzw. die Idee der Moral/ Freiheit jede Anschauung (Moral/ Freiheit sind also indemonstrabel). Empirie und die Welt der Ideen stehen hier in ihrer wechselseitigen Unerfülltheit füreinander ein, der Brückenschlag ist damit aber rein symbolischer Natur. Darüber hinaus finden sich in der abendländischen Kulturgeschichte jedoch zahlreiche Topoi, die eine Verbindung und Vermittlung proklamieren und anstreben. Etwa Lessings Vorstellung vom Mitleid als der im Trauerspiel evozierten moralischen Emotion. Oder die Grazie als natürlicher/ instinkthafter Hang zum moralisch Guten. Auch Schiller entwickelt mit seiner ästhetischen Pädagogik in Über die ästhetische Erziehung des Menschen ein ambitioniertes Programm den modernen Menschen in seiner sozialen und physischen Bedingtheit zur Freiheit zu erziehen. Die Romantik wiederum nimmt eine skeptische Position ein. Allegorie und romantische Ironie sind explizite Formen eingestandener Unvollkommenheit. Sie sind poetische Verweisungsfiguren ex negativo. Die Sehnsucht nach einer Sinn durchdrungenen Welt und der Klagelaut schmerzlich empfundener Trennung sind ihre Treibmittel. Das Realitätsprinzip und seine mechanische Rationalität sind das prosaische, die Poesie dagegen versucht das Geheimnis der Welt neu zu entdecken. Eine dezidiert romantische Vermittlungs-Figur ist auch die unendliche Progression. Sie ist ein Synthese-Prozess ad infinitum,
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Arbeit zitieren:
Christian Rausch, 2011, Der Ästhetiker als romantische und als moderne Figur, München, GRIN Verlag GmbH
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