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Die Entstehung des Staates nach Thomas Hobbes
Die Überwindung des Naturzustands, die Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft
Das Leben von Thomas Hobbes war gezeichnet durch den Bürgerkrieg in seiner Heimat England. Verräter konspirierten gegen den König und zerstörten die politische Ordnung. Hobbes selbst war gezwungen seine Heimat zu verlassen. Dieser Umriss lässt erahnen aus welchem Grund der englische Denker sein wohl berühmtestes Werk Leviathan erschaffen hat. 1 Darin begründet er eine ganz eigene Theorie von der richtigen Gesellschaft, die auf den ersten Blick mit der heutigen Zeit vielleicht nicht mehr allzu viel zu tun hat. Untersucht man sie genauer, so wird doch klar, dass Hobbes seine Ideen aus dem anthropologischen Problem heraus entwickelte, was der Mensch für ein Wesen ist. Jene Gedanken sollen nun Gegenstand dieses Essays sein. Es soll erörtert werden aus welchem Zusammenhang der Staat entsteht, wie sich dieses Konstrukt definiert und was an der Darstellung von Thomas Hobbes so problematisch ist.
Zuerst muss festgehalten werden, wie Hobbes sich den Staat vorstellt. Eine allgemeine, kurze Beschreibung würde wohl so aussehen: Der Staat ist der freiwillige Zusammenschluss von Menschen unter einem positivistischen Gesetzeswerk. An der Spitze des Staates steht ein Herrscherapparat, genannt Souverän (Monarch oder Versammlung 2 ), der die absolute Macht besitzt, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, was dessen Hauptaufgabe darstellt. Der liberale Aspekt von Hobbes Theorie bezieht sich auf den Rahmen, den der Souverän bietet: Er hat zwar die Möglichkeit sich in alle Belange einzumischen (und soll dies auch tun um z.B. Eigentum der Bürger zu schützen oder auf Einhaltung von Verträgen zu achten), macht dies jedoch nur aus der Ordnung heraus. Ansonsten gilt eine Art „laissez-faire“-Prinzip: Die Bürger eines Staates, voreinander geschützt durch einen gemeinsamen Gesellschaftsvertrag, sollen ihrem Leben nachgehen und persönliches Glück finden. Darüber hinaus ist unter dem Souverän jeder Bürger des Staates gleich. 3 Für die Begründung dieser Idee lässt sich, wie anfangs schon angedeutet, Hobbes Wahrnehmung des Bürgerkriegs heranziehen.
1 vgl. Martinich, 1999, Kapitel 6 & 7: So befand sich Hobbes z.B. 10 Jahre lang im Exil. Eine Analyse liefert er im thematisch zum Leviathan verwandten Werk Behemoth, or the long Parliament.
2 In meinem anderen Essay „Warum benötigt der Staatssouverän bei Thomas Hobbes derart absolute Macht?“ habe ich bei der Interpretation festgestellt, dass Hobbes durchaus eine Einzelperson für die Rolle des Souveräns favorisiert. Da dies jedoch nicht Gegenstand dieses Aufsatzes hier ist, wird beim Sprechen vom Herrscher auch die Möglichkeit einer solchen Versammlung einbezogen.
3 Das gesammelte Wissen bzgl. dieser Beschreibung entstammt aus der Anaconda-Ausgabe des Leviathan.
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Was Hobbes Verständnis vom Staat kennzeichnet, kann man als widersprüchliche Position deuten, wie man im Falle der Bürgerrechte (die er in positivistischer Hinsicht als einer der ersten für eine Staatstheorie formulierte) und deren gleichzeitigen Bruch durch den Souverän erkennen kann. Doch dazu später. Um die Entstehung des Staates zu verstehen, muss man sich dem Konzept des Naturzustands Gewahr werden. Ohne ihn gäbe es auch keinen Staat.
Der Naturzustand wurde in der früheren Philosophie oft untersucht. Hobbes war nicht Erfinder dieser Idee, wohl aber wahrscheinlich deren bedeutendster Vertreter. Bei ihm bedeutet der Naturzustand, dass sich die Menschen ohne eine staatliche Ordnung in einer ewigen Konkurrenz befinden und rational und egoistisch handeln, um ihr eigenes Leben in allen Belangen zu verbessern, wenn nötig ohne Rücksicht auf andere. Sie leben in einem Krieg „aller gegen alle“. 4 Nach Hobbes These handelt jeder so. Zum Wohle aller ist es das gemeinsame Ziel den Naturzustand zu überwinden. 5 Über die Art und Weise wie der Naturzustand zu interpretieren ist, gibt es ebenfalls mehrere Ideen. Eine Frage lautet beispielsweise, ob Hobbes „seinen“ Naturzustand nur als Gedankenspiel aufgezeigt hat, um für seine Vorstellungen des idealen Staates zu mahnen. Oder hat der Naturzustand einen realen, historisch fundamentierten Hintergrund? 6 Eggers hat in seinem Buch die Betrachtungsweisen in drei Gruppen eingeordnet. 7 In jedem Fall ist es das Ziel der Menschen den Naturzustand zu überwinden, da er für die meisten nur Misstrauen und ein paranoides Leben aufgrund der Furcht vor Mitbewerbern bedeutet. Daher schließen sie gemeinsam den Vertrag. Die Problematik an dieser Stelle wird von mehreren Autoren benannt. Ein bekannter Entwurf kommt von Wolfgang Kersting. 8 Warum zum Beispiel sollte der eigensinnig handelnde Mensch in einen Staatenvertrag eintreten? Was sollte ihn davon überzeugen, dass die größtmögliche Sicherheit (das Leitmotiv für Hobbes) mit dieser
4 Hobbes 2009, S. 135
5 vgl. ebd. S. 171ff: Hier bekommt man die Intention für die Gründung des Staates. Darüber hinaus befasst sich Hobbes nicht nur im Leviathan mit der Naturzustandsthese, sondern auch in wichtigen anderen Werken. Darauf geht Eggers in seinem Buch auf Seite 20ff. ein.
6 ebd. z.B. S. 104: Bei seinen Beschreibungen nennt Hobbes u.a. „wilde Indianervölker“ oder die Bewohner „des alten Deutschlands“. Außerdem herrscht auch zwischen verschiedenen Staaten eine Form des Naturzustands. Zweifelsohne existieren zu dieser Forschungsfrage ebenfalls kontroverse Ansichten.
7 Eggers 2008, 31.ff: Historisch, anthropologisch und juridisch, die sich aber nicht untereinander ausschließen müssen. Ähnlich wie Eggers glaube ich, dass Hobbes den Naturzustand auf Basis der Hintergründe aller drei beschrieben hat: Historisch, weil er Andeutungen eines gelebten Naturzustands in seinen Werken nennt. Anthropologisch, weil er untersucht, wie sich Menschen sowohl ohne staatliche Ordnung als auch als Mitglieder eines Staates verhalten. Und juridisch, weil er im Rahmen seiner Abhandlung auch Rechte formuliert, nämlich sowohl das Naturrecht im Naturzustand selbst, als auch das positivistische Recht nach dem Eintritt in den Gesellschaftsvertrag.
8 vgl. Kersting 2002, S. 186ff.
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bürgerlichen Gesellschaft gegeben ist? Hobbes beschreibt im Leviathan den Menschen umfassend und gibt mit dessen Bogen an Eigenschaften das Gegenargument preis: Nach diesem Bild würde er kaum den Naturzustand aufgeben. Sobald er sich dann nämlich im Staat befindet, wird der Mensch zahlreichen Einschränkungen auferlegt und verliert ein großes Stück an Individualität - etwas, dass den Naturzustand attraktiv macht. 9
Am bedrückendsten dürfte die Allmacht des Leviathans sein. Der Mensch würde freiwillig in Furcht vor diesem leben ohne aber den Nutzen der Aufgabe seiner Freiheit wirklich zu erkennen. Hobbes attestiert den Untertanen nämlich nur durch „Vergrößerungsgläser“ zu sehen, wenn es beispielsweise um Abgaben geht. Den längerfristigen Nutzen für die Gesamtgesellschaft erkennen sie, aufgrund ihrer Natur, nicht. 10
Weiterhin steht die Definition des Naturzustandes diesem selbst im Wege: Da es im Naturzustand keine Verträge geben kann (da keine Macht da ist, die für dessen Einhaltung sorgt), könnte unmöglich einer zwischen den Menschen geschlossen werden. 11 Dies ist ein Paradox.
Die Probleme bezüglich seiner Gründung außen vor gelassen, entsteht der Staat durch einen Gesellschaftsvertrag der Menschen miteinander. Dabei geben sie ihre Freiheitsrechte auf und treten unter die Herrschaft des Souveräns. Laut Hobbes ist diese Rolle nötig, da die Menschen immer wieder aufgrund ihrer Leidenschaften in den Naturzustand zurückdrängen, der Gesellschaftsvertrag daher allein nicht ausreicht und die Furcht als Mittel, eingesetzt vom Souverän, die Ordnung zum Wohle aller wahren muss. 12 Das Leben der Menschen läuft, wie auch schon erwähnt, relativ frei von Zwängen und unterstützt durch ein Rechtswerk ab, solange der Souverän nicht beschließt diese Gesetze zum Wohle aller zu brechen. Ein besonderes Augenmerk soll nun erst auf die Verpflichtungen, dann auf die Rechte der Bürger gelegt werden. Nach seiner Beschreibung des Leviathans, benennt Thomas Hobbes die
9 Diese These soll hier als Gegenargument aufgeführt werden, obgleich diese Frage höchst diskutabel bleibt, da sie im Zusammenhang mit der Frage nach dem hobbesschen Menschenbild steht und ob man dieses als pessimistisch ansehen kann, wie es ihm immer unterstellt wird. Gleichwohl würde der genannte Fall bei jeder Art der Betrachtung zukommen: Durch den Argwohn ist der Mensch gezwungen zu misstrauen.
10 vgl. Hobbes 2009, S. 187
11 ebd. S. 144: Nach einer Beschreibung wie Verträge geschlossen werde können, stellt Hobbes diesen Verträgen im Naturzustand den Staat gegenüber und sagt, dass es dort keinen Vertragsbruch geben kann, weil der Staat die Einhaltung dieser überwacht. Im Naturzustand hingegen sind Verträge sogleich ungültig, da die eine Partei immer vermuten wird die andere Seite erfülle ihre Bedingungen nicht.
12 ebd., S. 171
Arbeit zitieren:
Ole Karnatz, 2010, Die Entstehung des Staates nach Thomas Hobbes, München, GRIN Verlag GmbH
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