„Immer hat Geschichte zwei Komponenten: das, was geschehen ist, und den, der das Geschehene von seinem Orte in der Zeit sieht und zu verstehen sucht. Nicht nur korrigieren neue sachliche Erkenntnisse die alten; der Erkennende selber wandelt sich. Die Vergangenheit lebt; sie schwankt im Lichte neuer Erfahrungen und Fragestellungen.“ Anhand dieses treffenden Zitats von Golo Mann, einem deutsch-schweizerischen Historiker, wird die Aufgabe der Geschichtswissenschaft klar. Einerseits versucht, sie die Zusammenhänge des Vergangenen zu verstehen, andererseits fließen neue Erkenntnisse der Gegenwart in die Historie ein. Golo Mann präzisiert seine Vorstellung von Geschichte, indem er die Vergangenheit als selbstständiges Konstrukt darstellt. Jener Komplex wirkt auf die Menschen, welche sich mit eben jenem auseinandersetzen, sodass sie durch diese Behandlung zur Erkenntnis gelangen. Somit steht die Vergangenheit unter ständiger Beobachtung und letztlich auch Bearbeitung der Historiker, wodurch ihr ein vitaler Charakter zugeschrieben werden kann.
Es soll nun versucht werden, gegenwärtige Spuren der mittelalterlich-höfischen Kultur zu finden, wodurch Rückschlüsse auf den Einfluss der mittelalterlichen Kultur auf die Gegenwart gezogen werden können. Eine Analyse der Phänomene des Mittelalters ist daher auf drei verschiedenen Ebenen vorzunehmen, um mögliche Einflussfaktoren auf die Gegenwart bestimmen zu können. So müssen das politische Leben, der gesellschaftliche Umgang sowie die Ablenkung vom Alltag des Mittelalters auf mögliche Einwirkungen auf unsere Zeit geprüft werden.
Zunächst ist festzustellen, dass sich weder der gesellschaftliche Aufbau noch die Staatsform des Mittelalters in der Gegenwart nachweisen lassen. Die Gesellschaft des dritten Jahrtausends kennt keinerlei Eigenschaften der Ständegesellschaft und erkennt die Menschen als Individuen gleichen Rechts an, sodass darüber hinaus auch demokratische Züge gesichert werden. Im Mittelalter folgte man dem Feudalismus, welcher als Treue- und Fürsorgeverhältnis zwischen Lehnsherrn und Lehnsmann zu verstehen ist, wobei der König oberster Lehnsherr war. Auch diese Eigenschaft des Mittelalters wurde durch den Übergang in die Frühe Neuzeit überwunden. Als weiteres Phänomen des Mittelalters im Bereich der Politik ist der ortsungebundene Hof zu benennen. Der Fürstenhof des Mittelalters war ortsunabhängig und konstruierte sich in jedem Itinerarort neu, wobei nur der Fürst und die höchsten Ministerialen die Konstanten des Hofes darstellten. Ebenso waren die engsten Vertrauten des Fürsten stets mit ihm auf Reisen, dem sogenannten Umritt durch das Land, sodass die Politik als eine Synthese mehrerer Orte zu verstehen ist. Schlussendlich lässt sich konstatieren, dass diese politischen Phänomene des Mittelalters keine Wirkung auf die
Gegenwart haben, da die Politik dieser Tage ein ortsgebundenes und komplexes System darstellt, welches sich keinesfalls beliebig durch die Lande transportieren lässt. Ebenso haben weder die strikt unterteilte Ständegesellschaft, noch die politische Organisation als Personenverbandsstaat heute im demokratischen Westeuropa ihren Platz. Als einziges Relikt des Mittelalters im politischen Bereich, welches heute in einer stark abgewandelten Form vollzogen wird, ist der Umritt durch das Land zu nennen, der in groben Zügen dem Antrittsbesuch der Staatsoberhäupter entspricht. Geht man von der mittelalterlichen Denkweise aus, so reist der König samt seines Hofes durch seine belehnten Ländereien, wo er die Huldigung der Großen entgegen nahm und zu Gericht saß. Vor allem aber übte der König während dieser Reise seine Herrschaft aus, was dem heutigen Verständnis vom Antrittsbesuch entschieden entgegen gesetzt werden muss, da diese Antrittsbesuche einzig repräsentativen Ursprungs sind. So kann man eindeutig feststellen, dass die Politik des Mittelalters keinerlei Einfluss auf die Politik der Gegenwart hat, wenn man von dem stark modifizierten Akt des Antrittsbesuchs eines Staatsoberhauptes absieht.
Was uns vielmehr geblieben ist, sind wesentliche Elemente der „hövescheit“, die auch gegenwärtig eine zentrale Rolle des täglichen Miteinanders einnehmen. Zunächst sollte der Begriff „hövescheit“ in seiner Entstehungsgeschichte und Bedeutung analysiert werden. Die ältesten Belege führen in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück und beschreiben das Wesen der höfischen Damen. Noch heute existiert eine Abwandlung des Wortes „hövescheit“ im neuhochdeutschen Sprachgebrauch unter dem Begriff „Höflichkeit“. Sind noch im Mittelalter die Verhaltensweisen zunächst nur gegenüber den Damen entscheidend, so kommt dem höflichen Verhalten untereinander, egal ob im privaten oder geschäftlichen Umgang, auch in der Gegenwart eine hohe Bedeutung zu. Es gilt für Männer, damals als auch heute, sich respektvoll, zuvorkommend und höflich gegenüber den Damen zu verhalten. Folgt man den Vorstellungen zur Gewichtung der Geschlechter, so lässt sich feststellen, dass die Frauen auch gegenwärtig als das „schwache Geschlecht“ beschrieben werden, wohingegen den Männern das „starke Geschlecht“ zugeschrieben wird. Es zeigt sich also eine Parallele zur mittelalterlichen Auffassung vom Verhalten der Geschlechter untereinander. Erst seit relativ kurzer Zeit ändert sich diese Vorstellung, sodass dem Mann bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein die Rolle des Draufgängers in gefährlichen Situationen zugeschrieben wurde, sodass es den Frauen untersagt war, körperlich anstrengende oder gefährliche Dienste, wie etwa bei der Bundeswehr, auszuführen. Ebenso muss an dieser Stelle auch auf die Umgangsregeln des Knigge verwiesen werden, wenngleich diese als etwas angestaubt gelten. So zählen die respektvolle Anrede ranghöherer Personen, etwa mit ihrem Titel oder akademischen Grad,
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Stefan Gnehrich, 2010, Welchen Einfluss hat die Kultur des hohen Mittelalters auf die Gegenwart?, München, GRIN Verlag GmbH
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