1. Einleitung 1 2. Zur Pragmatik der Sprechsituation im natürlichen und 1 dramatischen Dialog 2.1. Das natürliche Gespräch 2 2.2. Das Gespräch auf der Bühne 3 3. Zur Schwierigkeit eines Vergleichs von spontaner Alltagssprache 4 und Bühnensprache 3.1. Charakterisierung der Corpora 5 3.2. Vorstellung einer Methode 7 4. Statistische Analyse zur Syntax 9 5. Eine textuell-pragmatische Analyse zu Gesprächswörtern 12 5.1. Die Gliederung 13 5.1.1. Anfangssignale 13 5.1.2. Schlußsignale 14 5.2. Der Sprecherwechsel 15 5.2.1. Die turn-Übernahme 15 5.2.2. Das turn-Ende 17 5.3. Der Kontakt 18 5.3.1. Sprechersignale 18 5.3.2. Hörersignale 19 5.4. Die Überbrückung und die Korrektur 21 5.4.1. Überbrückungsphänomene 21 5.4.2. Korrektursignale 23
5.5. Die Emotionalität 24
5.6. Die Abtönung 25
6. Bewertung 27
7. Schlußbemerkung 28
8. Anhang - 29
Jean -Paul Sartre, Huis Clos, Scène V, S.136-137
Denise François, Corpus d’Argenteuil, 836-837
9. Bibliographie 31
1. Einleitung
Die Vielseitigkeit gesprochener Sprache bietet der Diskursanalyse eine reichhaltige Basis zur linguistischen Beschreibung einzelsprachlicher Phänomene.
Im Folgenden soll versucht werden, spontan gesprochene Sprache unter textuell-pragmatischem Gesichtspunkt im Vergleich zur Bühnensprache isoliert von der inhaltlichen Aussage zu betrachten. Zur Materialbasis der Untersuchung gehören sowohl Denise François' linguistisch motiviertes Corpus d'Argenteuil, eines der nach Koch/Oesterreicher (1990 : 34) ergiebigsten Corpora spontaner Alltagssprache, als auch als Ausdruck literarisch stilisierter Mündlichkeit Jean-Paul Sartre's zeitgenössisches Stück Huis Clos. Nach kurzen Überlegungen zur Theorie der Sprechsituation und einer statistischen Syntaxbewertung, stellen Gesprächswörter laut Koch/Oesterreicher in ihrer Eigenschaft als "ausgesprochen sparsame, auf kommunikative Nähe zugeschnittene Versprachlichungsmittel" das Zentrum der zu diskutierenden nähesprachlichen Funktionsbereiche Gliederung, turn-taking, Kontakt, Überbrückung, Korrektur, Emotionalität und Abtönung dar.
2. Zur Pragmatik der Sprechsituation im natürlichen und dramatischen Dialog
Die moderne Gesprächstheorie hat formale Bedingungen, die den reibungslosen Ablauf eines Dialogs oder, um das deutsche Wort zu gebrauchen, eines 'Gesprächs' garantieren, entwickelt. An einem Gespräch sind, so schreibt Wilhelm von Humboldt (Kiel, 1992 : 12-13), mindestens zwei Personen beteiligt, die sich bezüglich ihrer Sprecher- und Hörerrolle im ständigen Wechsel befinden. Die Sprecher/Hörer bedienen sich hierbei eines
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sprachlichen Symbolsystems, welches, so sagt er, im allgemeinen jedem von ihnen bekannt sei und es ihnen somit ermögliche, sich in ihren Beiträgen aufeinander zu beziehen.
Beide, natürlicher und dramatischer Dialog, erfüllen die Gesprächsbedingungen, doch aufgrund ihrer unterschiedlichen Redezugehörigkeit existieren zwischen ihnen nicht nur in sprechsprachlicher, sondern auch in formaler Hinsicht bestimmte Differenzen.
2.1. Das natürliche Gespräch
In Anlehnung an die bereits von Kiel zitierte Definition Schank/Schoenthal (Kiel, 1992 : 22), ist das natürliche Gespräch ein "frei formuliertes, spontanes Sprechen aus nicht gestellten, natürlichen Kommunikationssituationen." Die Gesprächspartner orientieren sich hier meist an Daten einer gemeinsamen Interaktionsgeschichte, kennen die Lebensumstände und Handlungsgewohnheiten des jeweiligen Partners. Dies trifft besonders auf das im Corpus d'Argenteuil vertretene Alltagsgespräch im Familien-/Freundeskreis zu. Damit sind sich die Gesprächsteilnehmer eines großen Teils der ihre Handlung konstituierenden und durch sie konstituierten lebensgeschichtlichen Zusammenhänge bewußt und müssen diese pragmatische Ebene nicht erst zur Sprache bringen. Ähnliche Gespräche sind vorausgegangen und weitere werden folgen.
Ein nicht beteiligter Rezipient kann, so behauptet Kiel (1992 : 14-16), ein Gespräch demnach nur nachvollziehen, wenn er Einblick in diese pragmatischen Zusammenhänge hat, d.h., die subjektiven Erfahrungs- und Deutungsmuster der Gesprächsteilnehmer wenigstens zum Teil kennt. Wie pragmatische Zusammenhänge im einzelnen aussehen, vermag er auf theoretischer Ebene kaum oder gar nicht zu erkennen.
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2.2. Das Gespräch auf der Bühne
Im Gegensatz zum natürlichen Gespräch gewährt der Theaterdialog dem Rezipienten einen besseren Einblick in pragmatische Zusammenhänge, erklärt Kiel (1992 : 19). Elemente der pragmatischen Ebene werden explizit zur Sprache gebracht, zum Beispiel durch geschickte Wahl der Gesprächspartner und des Gesprächsanlasses, die das Erwähnen bestimmter Sachinformationen notwendig erscheinen läßt. Die Frage, was mit einer bestimmten Äußerung gemeint ist, tritt kaum auf.
Das 'Mehr' an Information ist deshalb möglich, weil es sich im Drama nicht um Äußerungen handelt, die tatsächlich Interaktionen zwischen zwei oder mehreren Individuen regeln, sondern eine solche Interaktion lediglich vorgeführt wird. Nicht für die fiktiven Figuren, sondern für den Rezipienten hat der dramatische Dialog die Funktion, Sinn zu konstituieren. Theaterdialoge sind nach Henne und Rehbock (1982 : 34) fiktional und inszeniert. Sie konstituieren eine zweite Wirklichkeit. Burkhardt
(Cherubim/Henne/ Rehbock, 1984 : 82) spricht an dieser Stelle von der sogennaten doppelten Symbolstruktur fiktionaler Texte. Danach ist die vordergründig primäre fiktionale Dialogebene der über den unmittelbaren Dramendialog hinausgehenden Kommunikationsbeziehung zum Rezipienten untergeordnet.
Anne Betten (Hess-Lüttich, 1980 : 206) fasst dies treffend mit folgenden Worten zusammen:
"Da der Dialog auf dem Theater letztlich Medium der einseitigen Kommunikation eines Autors mit seinem stumm bleibenden [Publikum] ist, konstituiert sich sein Sinn nicht unmittelbar aus der Rekonstruktion der Mitteilung, die der Autor mit der Gesamtheit der demonstrierten verbalen und nicht-verbalen Interaktionsabläufe beabsichtigt. Die Sprecherbei-
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träge werden nicht kontrolliert durch spontane Bekundungen von Verstehen, Mißverstehen, Rückfragen u.ä. des Gesprächspartners; die sprachlichen Formulierungen zielen daher nicht auf das von der Situation mitbedingte Verständnis des unmittelbaren Gegenübers auf der Bühne ab, sondern auf die wirkungsvollste Übermittlung der Worte an die Hörer im Zuschauerraum."
Zwischen Autor und Leser wird ein gemeinsames Diskurswissen geschaffen, das meist über das jeweilige Diskurswissen der Figuren hinausgeht. "Die Darstellung instrumentellen und kommunikativen Handelns," schreibt Burkhardt, "wird auf diese Weise zur Botschaft sekundärer Kommunikation."
3. Zur Schwierigkeit eines Vergleichs von spontaner Alltagssprache und Bühnensprache
Ein linguistischer Vergleich von Bühnensprache mit spontaner Alltagssprache scheint aufgrund so unterschiedlicher situationeller Vorraussetzungen auf den ersten Blick eher fraglich. Entsprechungen können, so glaubt man, kaum erwartet werden. Um jedoch die beiden Typen gesprochener Sprache linguistisch noch näher bestimmen zu können, soll eine rein textuellpragmatische Analyse mit dem Schwerpunkt 'Gesprächswörter' in dieser Arbeit Ergänzung durch eine kurze Untersuchung zur Länge und Beschaffenheit der entsprechenden Syntax finden. Letzteres unterstreicht, den
Untersuchungsergebnissen vorweggreifend, die Unterschiedlichkeit der beiden Dialogformen, während sich im Hinblick auf die textuell-pragmatische Analyse der Verdacht aufdrängt, daß der Theaterdialog in Sartre's Huis Clos sprechsprachliche Aspekte des Alltagsdialogs widerspiegeln. Das am Alltagsgespräch gewonnene Inventar schafft - so auch die Meinung Henne und Rehbock (1982 : 234) - die Möglichkeit, den Stil literarischer Texte sprechsprachlicher erscheinen zu lassen.
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Arbeit zitieren:
Kirsten Vera van Rhee, 1996, Spontan gesprochene Sprache im linguistischen Vergleich mit der Theatersprache bei Jean-Paul Sartre, München, GRIN Verlag GmbH
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