Inhalt
1. Einleitung 3
2. Die äußeren Handlungen: Resümees der Texte 4
2.1. Madame de Lafayette: „La Princesse de Clèves“ 4
2.1.1. Die Vorgeschichte zum Roman: kurzer Einblick in das Leben der Mme de
Lafayette 4
2.1.2. Zum Roman „La Princesse de Clèves“: Der Handlungsablauf 4
2.2. Jean Racine: „Phèdre“ 6
2.2.1. Das Leben des Jean Racine 6
2.2.2. Die Tragödie „Phèdre“: Inhaltliche Analyse und Handlungsablauf 7
3. l’aveu: Die Geständnisszenen im Vergleich 9
3.1. Wie kommt es zur Beichte? 9
3.1.1. La Princesse de Clèves’ Weg zum Geständnis. 9
3.1.2. Phèdres dreifache Beichte 12
3.2. Gemeinsamkeiten und Unterschiede 14
4. Schluss: Zusammenfassung 16
Literaturverzeichnis 17
1. Einleitung
„Le ciel mit dans mon sein une flamme funeste“ so klagt Phèdre im letzten Akt Jean Racines gleichnamigen Werk von 1677. Diese Äußerung spiegelt wieder, was Racines Hauptfigur und die der Madame de Lafayette, die Princesse de Clèves, um die es im Folgenden gehen wird, zu tragischen Figuren werden lässt: beide erleben die passion zu einem Mann, den sie nicht lieben dürfen, beide kämpfenmehr oder weniger stark - für ihre raison. Die Geschichte der Princesse de Clèves versteht sich als „heroischer, doch vergeblicher Kampf eines leidenschaftlich bewegten Willens um innere Klarheit, Autonomie und Moralität“ 1 . Wie die Tragödie Racines „[bringt sie] die pathologische Natur der Liebe zum Ausdruck“ 2 , welche die uns vorliegenden Erzählungen zu literarischgeschichtlichen Wendepunkten macht.
„Phèdre“ von Racine und „La Princesse de Clèves“ von Madame de Lafayette gelten als maßstäbliche Vertreter ihrer Gattungen für das 17. Jahrhundert in Frankreich. Die Tragödie „Phèdre“ und Lafayettes Roman haben formal nur wenige (allerdings erstaunliche) Gemeinsamkeiten, und sind noch gegensätzlicher bezüglich ihres Ansehens im klassischen Frankreich. Die Tragödie galt als das „vorbildhafteste“, einflussreichste Genre, während Madame de Lafayette den Roman einer wesentlichen Wandlung unterzieht. So war der heroisch-galante Barockroman „zu dickleibig“ 3 , der Roman der Klassik wird zudem zu einem „psychologische[n] Roman in historischem Gewand“ 4 . Racine gilt als „magicien des unités“ 5 , er perfektioniert die drei aristotelischen Einheiten und wird oft in Konkurrenz zu seinem Zeitgenossen Pierre Corneille gestellt. Was beide umso mehr, allerdings nur inhaltlich, verbindet, ist die Szene der Beichte über eine Liebschaft an den eigenen Mann. In dieser Arbeit soll die Schlüsselszene beider Werke, die des Geständnisses, vergleichend analysiert und interpretiert werden. Zunächst gehe ich auf grundlegende Aspekte der beiden Texte ein um das Verständnis für den Höhepunkt der Handlungen zu schärfen. Anschließend stelle ich die beiden Szenen inhaltlich und formal gegenüber um wichtige Gemeinsamkeiten und grundlegende Unterschiede herauszuarbeiten.
1 Ansmann, Liane: Madame de Lafayette. La Princesse de Clèves, in: Der französische Roman. Vom höfischen bis zum realistischen Roman, hg. von Klaus Heitmann, Düsseldorf: Bagel 1975, S. 121
2 ebd.
3 Von Stackelberg, Jürgen: Die französische Klassik, München: Fink 1996, S.158
4 ebd., S. 161
5 Maulnier, Thierry: Racine. Paris: Gallimard, 1988, S. 81
2. Die äußeren Handlungen: Resümees der Texte
2.1. Madame de Lafayette: „La Princesse de Clèves“
2.1.1. Die Vorgeschichte zum Roman: kurzer Einblick in das Leben der
Mme de Lafayette
Als Madame de Lafayette schrieb Marie-Madeleine Pioche de la Vergne (1634 - 1693, Paris) den „besten Roman“ 6 zur Zeit der französischen Klassik. Beachtlich ist die Tatsache, dass sie als Fürstin von Lafayette eigentlich von zu hohem sozialen Rang war, um als Schriftstellerin tätig zu sein. Ihr Vater Marc Pioche war Offizier und Festungsbauer für das Militär, er starb allerdings schon 1649. Durch die zweite Ehe ihrer Mutter lernte sie die Marquise de Sévigné kennen, die ihre langjährige Freundin wird. 1655 heiratet sie den Comte de Lafayette, mit dem sie eine Vernunftehe eingeht und zwei Söhne von ihm bekommt. Ihre ersten Novellen „La Princesse de Montpensier“ (1662) und „La Comtesse de Tende“ (posthum 1724) erschienen noch anonym, Hilfe beim Verfassen erhielt sie damals schon von Pierre Daniel Huet, einem Geistlichen und Gelehrten, und Jean Regnault de Segrais, einem französischen Dichter, der auch Mitglied der Académie Française war. In beiden Texten spricht sie von der leidenschaftlichen Liebe, die von der gesellschaftlichen Restriktion der Vernunftehe verhindert wird. In den 1660er Jahren trifft sie den Schriftsteller Duc de La Rochefoucauld und sympathisiert mit dem Jansenismus, den wir nachher bei Racine noch näher kennen lernen werden. 1668/1669 erscheint unter Segrais’ Namen ihr dritter Roman „Zayde“, der ebenfalls wieder das Thema der großen unerfüllten Liebe behandelt. Drei Jahre später schließlich wird der von uns betrachtete kurze Roman „La Princesse de Clèves“ veröffentlicht, allerdings auch noch unter Segrais’ Namen; man vermutet weiterhin die Mithilfe von La Rochefoucauld. Zunächst soll der Roman auch nur die Mémoiren der Lafayette darstellen, da sie, wie anfangs erwähnt, es einer Gräfin unwürdig empfand, Romane zu schreiben. 7
2.1.2. Zum Roman „La Princesse de Clèves“: Der Handlungsablauf
Der relativ kurze Roman (circa 150 Seiten im Original) ist formal in vier Teile gegliedert; bei der weiteren Analyse werden wir auch formale Ähnlichkeiten mit Racines „Phèdre“ bemerken, wie zum Beispiel die Exposition und die Peripetie.
6 vgl. Pinkernell, Gert: Vorlesungsskripte und Begleitmaterialien. Namen, Titel und Daten der französischen Literatur. Ein chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Texte von 842 bis ca. 1960,. http://www.pinkernell.de/romanistikstudium/Internet1.htm. Stand: 28.12.2006
7 vgl. ebd.
Im „Tome premier“ stellt Madame de Lafayette zunächst wie im klassischen Dramenaufbau die mitwirkenden Figuren, die Szenerie und die Zeit, in der die Handlung stattfindet, vor. Es wird sehr detailreich der Hof Henri II. von 1558 beschrieben; der erste Satz stellt schon allein das Leben zu dieser Zeit dar:
„La magnificence et la galanterie n’ont jamais paru en France avec tant d’éclat que dans les dernières années du règne Henri second.“ 8
Lafayette überträgt dabei das Leben des Hofes ihrer Zeit auf den historischen Hof Henri II. und erzeugt somit eine Art „Mischcharakter der Erzählung“ 9 , die auch auf die Ereignisse im Roman übertragen wird, wenn immer wieder kleine Geschichten zur Erinnerung in das Schicksal der einzelnen Personen eingeflochten werden.
Die Hauptfigur Mademoiselle de Chartres wird im ersten Teil in den Hof eingeführt; sie genoss eine moralische Erziehung ihrer Mutter Madame de Chartres. Sie ist von Schönheit und Anmut gesegnet, sodass sie am Hof als „Neuankömmling“ sogleich auffällt und das Interesse der Leute an ihr weckt. Der Prince de Clèves ist von ihr besonders angetan, ist er doch auch im heiratsfähigen Alter; und sieht sie das erste Mal in einem Juweliergeschäft. Der Prince ist so überwältigt („surpris“) von ihrer Schönheit, „qu’il ne put cacher sa surprise“ 10 . Schließlich wird die Ehe im Louvre vollzogen, doch ist die Liebe nur einseitig, da Madame de Clèves, wie sie von nun an heißt, keine aufrichtige Liebe für den Prince empfinden kann. Auf einem königlichen Ball lernt sie nun den Duc de Nemours kennen, von dem sie schon viel gehört hat, und erkennt ihn auch sogleich als diesen. Als er sie sieht, ist er wie der Prince „tellement surpris de sa beauté“ 11 . Ihr geht es gleich, und sie bemerkt, dass sie für den Duc andere, vor allem aber leidenschaftliche, Gefühle hegt, als für den Prince, dem sie eigentlich gelten sollten. So versucht sie Nemours immer wieder auszuweichen um nicht gegen die bienséance am Hofe zu verstoßen. Ihrem Mann und ihrer Mutter, der sie am meisten vertraut, gesteht sie zunächst nichts über ihre verbotene Liebe. Im stillen Bewusstsein um die Gefühle ihrer Tochter stirbt jedoch Madame de Chartres bald an einer Krankheit.
Am Anfang des zweiten Teils erzählt der Prince seiner Frau die Geschichte der Madame de Tournon, die er während einer Reise auf das Land erfahren hat . Madame de Tournon stand vorher hoch in seiner Gunst, doch als der Prince von ihren vielen Liebschaften erfuhr, teilt er der Princesse die Gründe seiner Enttäuschung mit. Diese verspürt sogleich Reue, da sie sieht, in welch ähnlicher Situation sie sich befindet: „Elle y trouva un certain rapport avec l’état où elle
8 Vgl. Lafayette, Madame de: La Princesse de Clèves, Paris: Librairie Générale Francaise, 1958, S. 5
9 Hess, Gerhard: Madame de Lafayette und ihr Werk, in: (ders.): Gesellschaft, Literatur, Wissenschaft, Gesammelte Schriften, München: Fink, 1967, S.105
10 Vgl. Lafayette, Madame de: La Princesse de Clèves, Paris: Librairie Générale Francaise, 1958, S. 28
11 ebd., S. 47
Arbeit zitieren:
Ulrike Hager, 2007, Zwei Geständnisszenen der französischen Klassik, München, GRIN Verlag GmbH
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