durch die gesamten zwölf Sequenzen. 2 Die Besonderheit liegt aber nicht nur darin, dass jede Romansequenz in drei Erzählperspektiven geschrieben ist, sondern jeder einzelnen Sequenz auch noch eine ganz bestimmte Tempora zugeordnet ist. Der erste Teil eines jeden Abschnittes, die Ich-Erzählung, wird im Präsens geschrieben. Diese Darstellung stellt den subjektivsten Teil der Persönlichkeit Artemio Cruz´ dar, da es das unmittelbare Erleben und Empfinden der Hauptfigur widerspiegelt. Das Sterben wird aus eigener Sichtweise als innerer Monolog dargestellt.
Während die Du-Perspektive in Futur zum Ausdruck kommt, wird die Erzählperspektive der dritten Person in Vergangenheitsform
niedergeschrieben. Die Form des Präsens erfasst eine unmittelbare Wirklichkeit am Krankenbett, die Zukunftsform der Du-Perspektive dagegen verweist auf eine innere, warnende Stimme des Protagonisten. Vom Ich ins Du gewechselt, handelt es sich dennoch um dieselbe Person, nämlich den Protagonisten Artemio Cruz. Was den Leser des Romans zuerst stutzig macht, ist die Beschreibung von Erinnerungen und bereits vergangenen Geschehnissen, die jedoch in Futur wiedergegeben werden. Auch hier soll es sich um einen weiteren inneren Monolog des Protagonisten handeln. 3 Sein Unterbewusstsein warnt ihn selbst vor Ereignissen, die bereits geschehen sind, so als ob er noch Einfluss auf die Zukunft hätte. Der sich stets wiederholende, dritte Teil der Sequenz ist die Er-Perspektive. In Vergangenheitsform werden Erinnerungen, oft auch unter Angabe eines bestimmten Datums, in dritter Person geschildert. In diesem Teil werden aus objektiver Sicht vergangene Ereignisse beschrieben.
In jedem der zwölf Sequenzen wird ein einschneidendes Erlebnis aus Artemios Leben geschildert. Dass es sich bei der Zahl zwölf nicht um einen Zufall in Carlos Fuentes´ Roman handelt, wird deutlich, da sich auch die Zeit bis zum letztendlichen Tod Artemios bis auf zwölf Stunden hinzieht. In diesen Stunden resümiert der Protagonist sein Leben und seine entscheidenden und
2 Vgl. Franz K. Stanzel, Theorie des Erzählens, S.98ff.
3 Vgl. Klaus-Dieter Ertler, “La muerte de Artemio Cruz von Carlos Fuentes”, in: ebd., Kleine Geschichte
des lateinamerikanischen Romans. Strömungen. Autoren. Werke., S.220.
3
wichtigen Erlebnisse und Entscheidungen. 4 Trotz der bleibenden Reihenfolge der Erzählperspektiven wird durch das ständige Wechseln von subjektiver zu objektiver Sichtweise, sprachlicher Nähe und Distanz, die Verwirrung des geschwächten Mannes deutlich. “De esta forma, la materia narrativa se organiza entorno a una cadencia continua en la que se alternan los tres niveles de conciencia de la mente de Cruz: el „yo-ahora-consciente“, el „tú- atemporal-subconsciente“, yel „él sueño-memoria“. 5 Auch, dass der Roman nicht in Kapitel unterteilt wurde, liegt in Carlos Fuentes´ Absicht. Es lag der Wille dahinter, den Roman als einen langen, inneren Monolog zu konzipieren. “[...] el hecho de que no existan capítulos no es algo arbitrario, sino que responde a la concepción de la novela como un solo bloque, o, si quiere, monólogo.” 6
3 Die mexikanische Revolution und die Stellungnahme Fuentes´
mit seinem Roman „La muerte de Artemio Cruz“
3.1. Zusammenfassung historischer und zeitgeschichtlicher Fakten in der mexikanischen Revolution
Die Revolution fand hauptsächlich in den Jahren von 1910 bis 1917 statt, bevor Lenin zur Macht kam. Sie wurde ausgelöst, indem der von den Vereinigten Staaten kommende Francisco I. Madero, hundert Jahre nach der Unabhängigkeit, den seit 1887 regierenden General und Diktator Porfirio Díaz stürzte. 7 Nach dem Tod Maderas trat General Venustiano Carranza auf, der bis 1920 regierte. Sein Name tritt auch in dem Roman La muerte de Artemio Cruz auf, da Artemio den Truppen Carranzas unter Obregón diente. Wie weit der Roman Bezug auf die revolutionären Fakten nimmt, wird im folgenden Kapitel thematisiert.
4 Vgl. ebd., S.221.
5 Francisco Javier Ordiz Vázquez, El mito en la obra narrativa de Carlos Fuentes, S.45.
6 José Carlos González Boixo, “Imaginar el pasado, recordar el futuro”, in: Carlos Fuentes, La muerte de
Artemio Cruz, S.29.
7 Vgl. Germán Arciniegas, Geschichte und Kultur Lateinamerikas. Entdeckung, Eroberung,
Unabhängigkeit, S.574.
4
Weitere Führer der mexikanischen Revolution waren Namen wie Emiliano Zapata oder Pancho Villa. Mit der anschließenden Regierung Plutarca Elias Calles´ sowie Lázaro Cárdenas´ wurde die Revolution gefestigt. Sie verteilten Millionen Hektar Land an Bauern und bekämpften somit den Großgrundbesitz und das Ungleichgewicht des Besitzes. 8 Dennoch schafften alle Revolutionäre nicht vollkommen das, was die Revolution erforderte: Madero vernichtete zwar den Porfirismus (abgeleitet vom Namen des General Porfirio Díaz) und somit die Unterordnung eines Diktators, schuf aber keine Demokratie in Mexiko. Obwohl Calles und Cárdenas zwar Land verteilten und den Großgrundbesitz bekämpften, schufen sie keine neue mexikanische Landschaft. Nichts desto trotz brachte die Revolution auch Positives hervor: Es wurden neue Einrichtungen geschaffen, wie beispielsweise neue Schulen, Industrien, ein bedeutendes Straßennetz oder hervorragende landwirtschaftliche Zonen. Politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit, sowie der Kampf um soziale Gerechtigkeit, um Nahrung, Kleidung, Wohnung und Bildung waren immer Ziele, die in der Revolution angestrebt wurden. Dennoch gab es nur wenige Fortschritte. 9
3.2. Der inhaltliche Bezug des Romans auf die revolutionären Ereignisse Die Revolution wurde in dem Roman La muerte de Artemio Cruz nicht in vollem Umfang wiedergegeben. Dennoch kann man sagen, dass nicht nur die Lebensgeschichte des Protagonisten, sondern durch ihn auch die Geschichte seines Landes geschildert wird. Der Roman thematisiert Bruchstücke aus der mexikanischen Revolution. Er geht auf die Aufstandsbewegung des Emiliano Zapata ein, auf Pancho Villa und den Kampf für Carranza, für den der Protagonist Artemio Cruz als Verfechter der neuen Ideale, für Gleichheit und gegen Porfirio Díaz antritt. Die wirtschaftlichen und politischen Erfolge, die zu der Zeit erzielt werden konnten, werden ebenfalls am Leben des Protagonisten veranschaulicht. Die eigennützigen Geschäfte mit Don Gamaliel, seinem zukünftigen Schwiegervater, repräsentieren die
8 Vgl. ebd., S.576.
9 Vgl. ebd., S.577.
5
wirtschaftlichen und politischen Fortschritte, die meist zugunsten der Revolutionskämpfer ausfielen. Auch die politischen und wirtschaftlichen Kontakte und Verbindungen, die wichtig für die Aufrechterhaltung des Stands eines Großgrundbesitzers waren, werden auf die Romangeschichte übertagen. Artemio Cruz pflegte seine Kontakte, sodass sein weiterer Erfolg nahezu gesichert war.
Das gegenwärtige Bild der mexikanischen Realität sieht jedoch trist aus. Es scheinen keine wirklichen Ideale der Revolution existiert zu haben. Machtstreben und Egoismus haben die Revolution noch vor den Idealen dominiert. Das Scheitern der Revolution und die verloren gegangenen Prinzipien, wie das Schaffen wirtschaftlicher Gleichheit, wird mit Fuentes´ Roman zum Ausdruck gebracht. 10 Es herrscht im Roman weder Gleichheit noch wirtschaftliche Unabhängigkeit des gesamten Volkes. Die Schere zwischen Arm und Reich scheint nach wie vor groß.
4 Die Krisenvorstellungen im Roman
4.1. Liebe und Ehe in Carlos Fuentes´ Revolutionsroman Artemio Cruz wurde als Sohn des Atanasio Menchaca und Isabel Cruz geboren. Da der Vater die Sklavin geschwängert hat und keinerlei Liebe im Spiel war, spielt auch die väterliche Liebe keine Rolle für Atanasio. Dies mag auch daran liegen, dass die Mutter eine Sklavin ist und sie vermutlich sogar von Atanasio vergewaltigt wurde. Akzeptanz Mutter und Sohn gegenüber ist daher vollkommen auszuschließen. Das gesellschaftliche Ansehen schien einen höheren Stellenwert zu haben als moralisches Verhalten. Im jungen Erwachsenenalter verliebt sich Artemio das erste Mal. Seine große Liebe heißt Regina, mit der er eine intensive Liebesbeziehung führt. Nach seinen Truppeneinsätzen unter der Führung von Álvaro Obregón trifft er sich regelmäßig mit ihr. Ob er sie entjungferte oder sie gar als Geisel bei ihm blieb,
10 Vgl. Rosa María Sauter de Maihold, Del silencio a la palabra: Mythische und symbolische Wege zur Identität in den Erzählungen von Carlos Fuentes, S. 174f.
6
Arbeit zitieren:
Luise Ostendoerfer, 2011, Soziale und wirtschaftliche Krisenvorstellungen in Carlos Fuentes "La Muerte de Artemio Cruz", München, GRIN Verlag GmbH
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