2
Inhaltsverzeichnis
1 Entwicklung des utopischen Romans als literarische Gattung. 4
1 4
2 Wird im Roman „Wir“ von Jewgenij Samjatin eine politische Dystopie oder mögliche
Realit ät aufgezeigt? 5
Realit 5
2.1 Realistische Darstellung einer Gesellschaft 5
2.1 5
2.1.1 Gemeinsamkeiten mit späteren diktatorischen Systemen. 5
2.1.1 5
2.1.1.1 Ähnlichkeiten mit der Situation in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
(UdSSR) 5
2.1.1.1.1 Gesellschaftliche und außenpolitische Abschottung zur Erhaltung des Systems 5
2.1.1.1.2 Zensur von kulturellen Medien am Beispiel der Schriftsteller 6
2.1.1.1.3 Entwicklung zum modernisierten Industriestaat. 7
2.1.1.1.4 Revolutionen in der Sowjetunion als Zeichen der Unzufriedenheit. 9
2.1.1.1.4 9
2.1.1.2 Ähnlichkeiten mit der Situation im Dritten Reich 10
2.1.1.2.1 Entindividualisierung und Gleichschaltung von Menschen als
Machtdemonstration 10
2.1.1.2.2 Faschistische Züge mit besonderer Akzentsetzung auf den Stellenwert des
diktatorischen Lenkers 11
2.1.1.2.3 Kindererziehung als Vorsorge für die Zukunft 12
2.1.1.2.3 12
2.1.1.3 Ähnlichkeiten mit der Situation in der DDR 14
2.1.1.2.1 Forderungen des sozialistischen Staates an seine Bürger. 14
2.1.1.2.2 Errichtung von Mauern als letzte Konsequenz der Durchsetzung eigener Ideale. 15
2.1.1.2.3 Vollständige staatliche Überwachung der Bürger als Kontrollmittel des Regimes 16
2.1.1.2.4 Missbrauch der Justiz durch den Staat als Mittel zum Einsatz von Willkür. 18
2.1.1.2.4 18
2.1.2 Ähnlichkeiten mit der aktuellen globalen Situation 20
2.1.2.1 Wandel der Architektur von Originalität zur Gleichförmigkeit. 20
2.1.2.2 „Gläserner Bürger“ als Zukunftsvision des Staates von heute 21
2.2 Dystopische Darstellung einer Gesellschaft 22
2.2.1 Taylorismus zur Optimierung des gesamten Alltags 22
2.2.2 Vorhandensein eines Finanz- und Wirtschaftswesens als wichtiger Faktor in
Bezug auf einen funktionierenden Staat. 23
2.2.3 Diktat des gesamten Tagesablaufs als Kontrollmittel der Bürger. 24
2.2.4 Überwachung des Geschlechtslebens als Gegenpol zu Persönlichen Stunden. 25
2.2.5 Schaffung von paradiesischen Zuständen zur Steigerung des Wohlbefindens 28
2.2.6 Entfernung der Phantasie als finale Entmenschlichungsmethode. 28
2.2.7 Unverhältnismäßige Dominanz des Kollektivs über das Individuum 30
2.2.7 30
3
3 Folgerungen für die Zukunft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .32 3.1 Weisungen der Zukunft ohne Fundament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .32 3.2 Präventive Nutzung von Lehren aus der Vergangenheit als Möglichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . 32 3.3 Immer vorhandener Widerstand gegen totalitäre Regimes aufgrund fehlender Humanität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 4 Epilog - Die Gesellschaft der Zukunft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
4
1 Entwicklung des utopischen Romans als literarische Gattung
Schon immer stellten sich Menschen Orte vor, die ihre Hoffnungen auf Veränderung der unbefriedigenden politischen oder gesellschaftlichen Zustände ihrer Zeit erfüllten. Den Anfang stellte Platon mit seinem Werk „Politeia“ 1 dar, in welchem der erste, seiner Meinung nach perfekte Staat in so einer Weise errichtet wurde, dass eine höher gestellte Kaste von Philosophen über eine niedrigere regierte und jegliches Privateigentum negiert wurde. Dieses ansatzweise kommunistische Prinzip entwickelte Thomas Morus 1516 in seinem Roman „De optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia“ 2 weiter, indem er die Ausgangssituation auf eine von der Zivilisation entlegene Insel namens Utopia verlegt und außerdem vom homo faber ausgeht, d. h. vom arbeitenden Menschen, der sich seine ihm angenehmen Lebensumstände selbst schaffen muss. Gleichzeitig gab dieser Roman der neu entstandenen literarischen Gattung auch ihren Namen: Utopie, was aus dem Griechischen übersetzt soviel wie „Nicht-‐Ort“ 3 bedeutet; trotzdem sind diese utopischen Zustände nicht von vorneherein unerreichbar, sondern haben die Möglichkeit, realisiert zu werden. Eine einheitliche Definition für utopische Literatur gibt es nicht, aber Gemeinsamkeiten sind, dass die dargestellten Staaten hoch modernisiert und mechanisiert sind, meist ein totalitäres, aber zugleich auch kommunistisches Staatsregime vorliegt und vor allem soziale Gerechtigkeit geschaffen werden soll.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wandten sich die positiven, erstrebenswerten Utopien immer mehr in sogenannte Dystopien oder Anti-‐Utopien, die Horrorszenarien der Gleichschaltung und Machtlosigkeit des Volkes gegenüber der Regierung ausmalen und bedingt durch die
gesellschaftlichen Umstände ihrer Zeit wie z. B. Krieg verfasst wurden. So wird die Dystopie auch als „eine Kritik der Zukunft im Namen der Gegenwart“ 4 bezeichnet.
In diesem Zusammenhang entstand 1920 das Werk „Wir“ (Originaltitel „My“) von Jewgenij Samjatin (1884 - 1937). Dieser war revolutionärer Anhänger der russischen Sozialdemokraten, den Bolschewiki, und engagierter Teilnehmer zahlreicher Aufstände. Als der Schiffsbauingenieur seinen utopischen Roman veröffentlichte, war er vom Staat gezwungen, sein Werk im Ausland zu
veröffentlichen und schließlich selbst ins Exil zu gehen, wo er letztlich auch starb. Sein Beitrag zur utopischen Weltliteratur aufgrund seines verloren gegangenen Fortschrittsoptimismus, der später für viele nachfolgende Autoren als Vorlage diente, durfte erst 1988 in der Sowjetunion veröffentlicht werden. 5
1 Gnüg, Hiltrud: Utopie und utopischer Roman. Stuttgart 1999. S.20ff
2 Ebd. S.29ff
3 Ebd. S.8
4 Minois, Georges: Geschichte der Zukunft. Düsseldorf und Zürich 1998. S.686
5 Samjatin, Jewgenij: Wir. Aus dem Russischen von Gisela Drohla. Köln 2008 10 , S. 213-‐224
5
Der Protagonist des Romans, D-‐503, ist Bewohner des Einzigen Staates, einem Staat, in dem jeder Bürger eine uniformierte Nummer ist und ohne Individualbewusstsein sich selbst und alle anderen nur als Teil des Ganzen sieht. Seine Heimatstadt ist durch eine Mauer von der Außenwelt abgeriegelt und besteht komplett aus Glas, sodass jedwede Privatsphäre von vorneherein ausgeschaltet ist. Zusätzlich wird jede Bewegung der Nummern rund um die Uhr bewacht und mathematisch ausgewertet.
Um nun andere, unzivilisierte Planeten zu erreichen und diesen die Philosophie des Einzigen Staates zu bringen, wird eine Rakete mit von Bürgern verfassten, das System preisenden Texten ins Weltall geschickt. Zu diesem Anlass schreibt D-‐503, der gleichzeitig der Konstrukteur der Weltraumrakete ist, ein Tagebuch, in dem sein täglicher Rhythmus und schließlich auch sein fast unfreiwilliger Wandel von einer Nummer zum Individuum niedergelegt wird, nachdem er durch eine eigentlich vom Staat verbotenen Liebschaft zu eine revolutionär gesinnten Frau, I-‐330, in eine Widerstandsorganisation hineingerät.
Letztlich wird D jedoch wieder in das System integriert, seine Krankheit, die „Seele“, geheilt und alles geht seinen gewohnten Gang.
Dabei ergibt sich die Frage, ob solch ein Bündnis von politischer und wissenschaftlicher Macht, das zu einem technisierten Superstaat führt, wirklich als realistische Möglichkeit dargestellt denkbar ist oder doch nur als die dystopische Schöpfung eines von einer Revolution enttäuschten Schriftstellers. 2 Wird im Roman „Wir“ von Jewgenij Samjatin eine politische Dystopie oder mögliche Realität aufgezeigt? 2.1 Realistische Darstellung einer Gesellschaft 2.1.1 Gemeinsamkeiten mit späteren diktatorischen Systemen
Zunächst werden auffällige Gemeinsamkeiten mit später aufgetretenen diktatorisch gelenkten Systemen an Beispielen, die keineswegs Vollständigkeit beanspruchen, untersucht und damit der Realitätsgehalt des vorliegenden Werkes durchleuchtet.
2.1.1.1 Ähnlichkeiten mit der Situation in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR)
2.1.1.1.1 Gesellschaftliche und außenpolitische Abschottung zur Erhaltung des Systems Um das eigene Volk von Fehlern eines Staatsapparates abzulenken, bedarf es einer gewissen Abschottung von anderen Ländern, was sowohl im zu behandelnden Roman, als auch in der ehemaligen Sowjetunion der Fall ist bzw. war. Denn ohne das Ausland als Vergleich bemerken die Bürger nicht, dass anderswo eine andere, bessere Situation möglich ist, und revoltieren weniger gegen das bestehende System oder anders ausgedrückt: „Das Vergleichen ist das Ende
6
des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“ (Søren Kierkegaard) 6 . Dies geschieht im Roman durch die aus „unzerbrechlichem ewigen Glas gegossen[en]“ Grüne Mauer (7) 7 , die die Bürger des Einzigen Staates von ihrer gesamten Umwelt, die außerhalb der Stadt liegt, trennt. In der UdSSR erreichte man dasselbe Ziel, indem man durch Einführung des Sozialismus sämtliche Akzente auf innerpolitische Angelegenheiten setzte. Die neue russische Regierung entfernte sich im ersten Weltkrieg in solch einer Weise von den Westmächten, dass sie sich weigerte, die Schulden aus der zaristischen Zeit zu tragen, wodurch sich ein angespanntes Verhältnis zu diesen und somit eine sowohl gesellschaftliche, als auch politische Entfremdung zwischen den beiden Parteien ergab. 8 Die
Folge war, dass es zwischen den Alliierten und der UdSSR von 1918 bis 1921 keinerlei wirtschaftliche Relationen gab, somit weder Import noch Export auf russischer Seite, was die innergesellschaftliche Lage doch sehr anspannte. Die angestrebte Integration der anderen Staaten ins kommunistische System ließ Stalin aufgrund von fehlendem Willen und regem dagegen Sträuben fallen, konzentrierte sich immer stärker auf sein eigenes Land und verfolgte deshalb lediglich den „Sozialismus im eigenen Land“ 9 . Die Abspaltung von anderen Ländern ging schließlich so weit, dass Russland sogar der Weltwirtschaftskrise von 1929 entging, die dessen Meinung nach vor allem durch Privatbesitz, der im Sozialismus ja weitgehend abgeschafft ist, verursacht wurde. Nachdem auch innerpolitisch größtenteils alle staatsmännischen Gegner des Regimes beseitigt wurden, konnten auch extremere Maßnahmen durchgesetzt werden, wie z. B. die Einführung des Verbots von Heiraten mit Ausländern 1947 10 . Durch weitere, ähnliche Gesetze schaffte es die ehemalige Sowjetunion, sich das Ausland abspenstig zu machen, und dadurch eine wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Abspaltung vom Rest der Welt zu erreichen. 2.1.1.1.2 Zensur von kulturellen Medien am Beispiel der Schriftsteller
„Und diese Dichter waren mächtiger als die gekrönten Häupter jener Zeit. Warum hat man sie nicht isoliert, nicht ausgerottet?“ (31), schreibt D in seinen Aufzeichnungen. Denn zur vollständigen Kontrolle eines Volkes gehört auch die Kontrolle der künstlerisch schaffenden Menschen, deren Einfluss auf den unzufriedenen Geist enorm sein kann. So wie es im Einzigen Staat nur die genau überwachten „Staatsdichter“ (47) gibt, wurden die Schriftsteller der UdSSR ab 1932 genötigt, in einen „einheitlichen sowjetischen Schriftstellerverband“ einzutreten, andernfalls drohte ihnen der Ausschluss aus Verbänden, Schreibverbot oder gar die Lossprechung von ihren Bürgerrechten oder
6 Fichtl, Gisela: Zitate für Beruf und Karriere. München 2002. S. 33
7 Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf Jewgenij Samjatins Werk „Wir“, das hier behandelt wird.
8 Ballhausen, Hans-‐W.: Historisch-‐politische Weltkunde: Aufstieg und Zerfall der Sowjetunion. Stuttgart 1997. S.61
9 Ebd. S.68
10 Ebd. S.94
7
die Einweisung in eine Psychiatrie 11 . Viele Autoren, wie auch Jewgenij Samjatin selbst, flüchteten sich deshalb schon frühzeitig ins Exil und publizierten ihre Werke im Ausland. Von den Schriftstellern, die dem Verband angehörten, wurde Konformität für den Sozialismus gefordert, denn „originell sein heißt, sich von den anderen unterscheiden. Folglich zerstört die Originalität die Gleichheit…“ (I zu D, 31). Das Resultat daraus war, dass keine neuen Künste oder Kunstrichtungen entstehen konnten, da man nicht experimentieren durfte, sondern am Alten festhalten musste, dem, was die Partei und - unter deren Einfluss - die Gesellschaft wollte. Dies wurde immer weiter getrieben, bis man schließlich Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) sein musste, um Werke auf den Markt bringen zu können. Beginn der 1960er Jahre wurde das Drucken im Selbstverlag („Samizdat“), d. h. ohne die vorherige Kontrolle durch staatliche Stellen und somit ohne deren Erlaubnis, mit Haftstrafen und Zwangsarbeit in Arbeitslagern geahndet 12 . Durch diese vollkommene Kontrolle im eigenen Land und dem Verbot, kritische ausländische Literatur zu importieren, gelang es dem Sowjetregime so, fast die absolute Kontrolle über die schaffenden Medien und damit über die kulturelle Bildung seines Volkes zu erlangen.
„Wie hatten die Menschen von einst nicht erkennen können, dass ihre ganze Literatur und Dichtung ein einziger Unsinn war? (…) Jeder schrieb, was ihm gerade einfiel. (…) Unsere Dichter schweben nicht mehr in höheren Regionen, sie sind zur Erde herabgestiegen. Im gleichen Schritt marschieren sie mit uns unter den Klängen der strengen, mechanischen Marschmusik der Musikfabrik.“ (D,67) 2.1.1.1.3 Entwicklung zum modernisierten Industriestaat
Eine andere bedeutungsvolle Ähnlichkeit zwischen dem Einzigen Staat und der UdSSR ist ihr Aufschwung vom Agrarstaat zum modernen, industrialisierten Staat. Denn die Menschen der alten Welt „kannten sich [zwar] in Gartenbau, Geflügelzucht, Fischzucht aus“ (D, 17), gelangten jedoch nicht auf das technische Niveau des Einzigen Staates, der maschinell so ausgereift ist, dass Roboter die Kindererziehung übernommen haben und sogar Flüge zu anderen Planeten mithilfe des „Raketenflugzeugs Integral“ (5) möglich geworden sind. Davon konnten die Bewohner der Sowjetunion Anfang des 20. Jahrhunderts nur träumen, doch wollten sie die „wirtschaftliche Unabhängigkeit vom kapitalistischen Ausland“ 13 erreichen, sodass jeder Bürger im Zuge einer angestrebten Produktionssteigerung seine Arbeitsdisziplin anziehen musste. Zur zusätzlichen Optimierung wurde so gut wie alle Privatwirtschaft, vor allem im agrarwirtschaftlichen Sektor, verstaatlicht - bis 1937 schon 93% −, um die Versorgungslage in den Städten zu verbessern, die immer überfüllter wurden aufgrund der steigenden Urbanisierung. Wer sich weigerte, Privatbesitz zu Gunsten des Staates aufzugeben, wurde mit dem Titel „Feind des Sozialismus“ 14 ins Exil verbannt.
11 Ebd. S.75
12 vgl. Ballhausen, Hans-‐W.: Historisch-‐politische Weltkunde: Aufstieg und Zerfall der Sowjetunion. Stuttgart 1997 . S.104
13 Ebd. S.69
14 Ebd. S.70
8
Bekanntermaßen war zu dieser Zeit die industrielle Revolution im vollem Lauf, sodass sich viele gigantische Industriezentren nahe der Metropolen bildeten, was natürlich Arbeiter anzog, und zwar in der Art, dass innerhalb von zehn Jahren die Arbeitslosigkeit in der Sowjetunion komplett verschwand. Zusätzlich entstand z. B. am Fluss Dnjepr 1932 das größte europäische Wasserkraftwerk, um den neu entstandenen Energiebedarf zu decken, was eine weitere Parallele zum Roman darstellt, wo man gleichfalls „aus dem verliebten Geflüster der Wellen Elektrizität gewonnen, (…) die rasende, schäumende Bestie zum Haustier gemacht [hat]“ (67). Auch den Traum vom Raumfahren konnten sich die Russen 1957 mit ihrem ersten Satelliten „Sputnik“ erfüllen; vier Jahre später brachten sie sogar als erste Nation der Welt - vor den Amerikanern - einen Menschen ins All: Jurij Gagarin umkreiste als Erster die Erde 15 . Dass dies alles erst nach dem Schreiben des Romans stattfand, erkennt man u. a. an der fehlerhaften Annahme Samjatins, dass ein Raumschiff bei Stillstand im Weltraum „wie ein Stein hinunter“ (185) Richtung Erde fällt und nicht aufgrund der Schwerelosigkeit nur im Raum hängt.
Im industrialisierten Staat wird jeder Arbeiter mit seiner ganzen Kraft gebraucht, d. h. er soll nicht wertvolle Arbeitsenergie auf seinen Glauben, einen anderen Glauben als den an den Sozialismus, vergeuden, sodass sowohl in der ehemaligen Sowjetunion, als auch im Einzigen Staat Religion gleichbedeutend mit dem Staat ist. Hier wie dort werden im Religionsunterricht an Schulen „nicht die Zehn Gebote unserer Vorfahren gelernt, sondern die Gesetze des (…) Staates“ (43), um diese Moral auch schon den Kindern beizubringen. Die Religionsfreiheit wurde 1929 in Russland abgeschafft, später sogar kurzzeitig der Sonntag als arbeitsfreier Tag 16 . Diese Maßnahme war wichtig für das Vorankommen im Sozialismus, denn „[S]ie [das Volk] dienten einem dummen, unbekannten Gott - und wir [die Sozialisten] verehren eine weise, bis in die kleinsten Einzelheiten bekannte Gottheit - (…) de[n] Einzigen Staat“ (46). Das optimierte das Prinzip des arbeitenden und nur auf die Arbeit konzentrierten Menschen im neuen technisierten Staat. 2.1.1.1.4 Revolutionen in der Sowjetunion als Zeichen der Unzufriedenheit
Die jüngere russische Geschichte ist geprägt von Revolutionen, wobei die bekannteste wohl die Oktoberrevolution 1917 war, in Folge deren das zaristische System von den Bolschewiki, den russischen Sozialdemokraten oder auch „Kommunisten“, gestürzt und das Russische Reich zur Sowjetunion wurde. Danach folgten Revolutionen z. B. gegen die Schließung der Kirchen, die so erfolgreich waren, dass nach einem Jahr die Kirchen in Russland wiedereröffnet wurden; der freie Sonntag wurde jedoch erst wieder 1940, d. h. zehn Jahre später, anerkannt 17 . Revolutionen wurden
15 Ballhausen, Hans-‐W.: Historisch-‐politische Weltkunde: Aufstieg und Zerfall der Sowjetunion. Stuttgart 1997. S. 98
16 Vgl. Ebd. S. 75
17 Vgl. Ebd. S. 75
9
natürlich von Seiten der Regierung wenig gebilligt, denn diese bedrohten ihre Macht. Gewünscht war demnach keine Veränderung mehr, ebenso wie vonseiten der Obrigkeit des Einzigen Staates, die zwar erkennt, dass ihr Volk „noch einige Schritte vom Ideal entfernt [ist, denn d]as Ideal ist dort, wo nichts mehr geschieht (das ist klar)“ (D, 26), aber jede Regung der Unzufriedenheit sofort unterdrückt. Denn auch im perfekten Staat gibt es immer Menschen, die unzufrieden sind. Hier sieht man das am Beispiel der MEPHI, der Widerstandsbewegung gegen den Einzigen Staat, unter der Führung von I-‐330, in die sich D verliebt und so ebenfalls Teil der Revolution wird. „Permanente Revolution“ 18 forderte Stalin zum Zweck des Fortschritts in der Industrie, denn sonst steht ein Land still; dagegen steht der Glaube der Nummern des Einzigen Staates, dass „[ihre] Revolution die letzte war [und es] (…) keine weitere Revolution mehr geben [kann]. Das wissen alle.“ (D zu I, 162). I fragt darauf, „was für eine letzte Revolution [er wolle.] Es gibt keine letzte Revolution, die Anzahl der Revolutionen ist unendlich.“, genauso wie es keine letzte Zahl gibt (I, 162). Und so war es auch in der Sowjetunion: Nach der Unterzeichnung eines Vertrags in Helsinki bildeten sich sogenannte Helsinki-‐ Truppen, die für die in der Konvention zugesicherten Menschenrechte kämpften 19 ; Kommunisten, die Reformen von der Regierung verlangten und so sogar gegen ihre eigene politische Richtung revoltierten, setzten sich während des „Prager Frühlings“ 20 im Jahr 1968 für die Multiparteien-‐ Gesellschaft, freie Wahlen und das Ende der Zensur ein. Obwohl die meistens Demonstrationen und Revolutionen schon im Ansatz militärisch zerschlagen wurden, wie auch im Einzigen Staat, hatten sie doch eine Wirkung: Denn 1953, nach Stalins Tod, entschloss man sich, zur restlichen Weltgesellschaft wieder zurückzukehren, Jahre später wurde die KPdSU verboten, Gorbatschow trat als neuer Oberster Sowjet zurück und die UdSSR zerfiel 1990 in ihrer sozialistischen Gesamtheit unter Bildung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Denn „[w]ie die Kinder muss man immer fragen: Und wie geht es weiter?“ (I, 162).
2.1.1.2 Ähnlichkeiten mit der Situation im Dritten Reich
Weitere tiefgreifende Parallelen gibt es zum nationalsozialistischen Dritten Reich unter Adolf Hitler im Zeitraum von 1933 bis 1945.
2.1.1.2.1 Entindividualisierung und Gleichschaltung von Menschen als Machtdemonstration Um die Macht des obersten Führers zu demonstrieren, wandte man jede Art von Gleichschaltung und Entmenschlichung an, die nur möglich war, um die einzelnen, individuellen Menschen zu einer „zustimmende[n] und entmenschlichte[n] Masse [zu machen] (…), aus der jede Individualität
18 Ballhausen, Hans-‐W.: Historisch-‐politische Weltkunde: Aufstieg und Zerfall der Sowjetunion. Stuttgart 1997. S. 66
19 Vgl. Ebd. S. 105
20 Ebd. S. 111
Arbeit zitieren:
Sabrina Brehm, 2010, Jewgenij Samjatins Roman "WIR" - Politische Dystopie oder Realität?, München, GRIN Verlag GmbH
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