

1. EINLEITUNG 2
2. DIE BEIDEN TEXTE 3
3. LESSINGS ERZIEHUNG DES MENSCHENGESCHLECHTS 4
3.1 DIE ROLLE DER WAHRHEIT IN DER BIBEL 4
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3.2 KRITERIEN FÜR EIN NEUES ELEMENTARBUCH
4. MILLS UTILITARIANISM 11
4.1 MILLS BEGRIFF DER „FREUDE“ 1
4.2 QUANTITÄT, QUALITÄT UND DER „BEWEIS“ 13
4.3 MILLS UTILITARIANISM IN LESSINGS KRITERIEN FÜR EINE NEUE MORAL 16
5. FAZIT 19
6. BIBLIOGRAPHIE 21
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1. Einleitung
Gotthold Ephraim Lessing und John Stuart Mill gehören zu den grossen Philosophen der Neuzeit. Während Lessing vom 22. Januar 1729 bis zum 15. Februar 1781 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation lebte 1 , wurde Mill erst am 20. Mai 1806 in London geboren, starb am 8. Mai 1873 in Avignon 2 und verfasste während seines 66 jährigen Lebens eine Vielzahl an moralischen, logischen, naturwissenschaftlichen und politischen Schriften. Lessing wirkte auf einem ähnlichen Gebiet, schuf Werke zu Moral und vor allem zu soziologischen Themen, war aber im Gegensatz zu Mill, der während vier Jahren sogar im englischen Parlament sass, kein Politiker, sondern viel mehr ein Poet, der Theaterstücke und Gedichte schrieb.
Lessing und Mill sind also nicht nur zeitlich und geographisch, sondern auch methodisch keine unmittelbaren Nachbarn. Es wird mir in dieser Arbeit aber nicht darum gehen, die Menschen Mill und Lessing miteinander zu verbinden, sondern ihre Gedanken. Ihr moralphilosophisches Schaffen ist nämlich, so eng miteinander verwandt, dass ich hier versuchen möchte zwei ihrer Schriften miteinander zu verbinden. Konkret handelt es sich dabei um Lessings Erziehung des Menschengeschlechts (EdM) und Mills Utilitarianism. Das Ziel soll es sein durch diese Verknüpfung einerseits beide Texte besser verstehen zu können und sie andererseits unter einem jeweils neuen Blickwinkel zu illustrieren. Konkret soll die Interpretation von Mills Utilitarianism im Lichte von Lessings EdM helfen zu verstehen, was dieser unter einem „neuen ewigen Evangelium“ 3 versteht (welches ich von hier an ein „drittes Testament“ nennen werde) und umgekehrt soll durch die Untersuchung von Utilitarianism nach Lesssings Kriterien Mill zugänglich gemacht werden. Es geht also nicht um eine systematische Darstellung aller Prämissen und Annahmen, welche die Autoren in ihre beiden Werke legten, sondern viel mehr um eine Interpretation der Kernaussagen der Texte aus dem Gesichtspunkt des jeweils Anderen.
In einem ersten Schritt werden wir uns kurz mit der Entstehung der beiden Texte beschäftigen, um dann in Kapitel drei und vier auf ihre Inhalte eingehen zu können. Aus der Untersuchung des EdM wird sich zeigen, dass es für Lessing fünf Kriterien gibt, welche ein „drittes Testament“ zu erfüllen hat. Nach einer kurzen Darlegung der Hauptaussagen Mills in
1 DER GROSSE HERDER, „Nachschlagewerk für Wissen und Leben“., 5. Neubearbeitete Auflage, 5. Band, Italiker bis Lukrez., 1954, Freiburg im Breisgau.
2 DER GROSSE HERDER, „Nachschlagewerk für Wissen und Leben“., 5. Neubearbeitete Auflage, 6. Band, Luksor bis Paderborn., 1955, Freiburg im Breisgau.
3 LESSING GOTTHOLD EPHRAIM., „Die Erziehung des Menschengeschlechts“, K. Rossmann (Hrsg.), in: Deutsche Geschichtsphilosophie von Lessing bis Jaspers, Birsfelden-Basel, § 86.
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Utilitarianism werde ich seine Schrift anhand von diesen Kriterien untersuchen um zu sehen, in wiefern sie diese Anforderungen an ein neues Testament erfüllt und was uns das über beide Werke sagt.
2. Die beiden Texte
Lessings Erziehung des Menschengeschlechts ist eine religionsphilosophische Schrift, verfasst in 100 Paragraphen, die sich mit dem Alten Testament (AT), dem Neuen Testament (NT) und deren Entwicklung auseinandersetzt. Dabei steht nicht eine historische Untersuchung im Fordergrund, sondern die Entwicklung der christlichen Moral, wie sie in den beiden Testamenten überliefert ist.
Dieses Werk Lessings wurde in zwei Schritten publiziert. Die ersten 53 Thesen erschienen 1777 in Lessings eigener Zeitschrift Beiträge zur Geschichte und Literatur aus der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, als Anhang zu den so genannten Fragmente eines Ungenannten, den Schriften von Hermann Samuel Reimarus, die Lessing ebenfalls publizierte. Die gesamten 100 Thesen veröffentlichte er erst 1780. Aus verschiedenen politischen Gründen, die mit Zensur und einer Auseinandersetzung Lessings mit der katholischen Kirche zu tun haben, wurde die Autorschaft auch dieser zweiten Publikation anonym gehalten. 4
Das Werk Utilitarianism, zu deutsch „Utilitarismus“, wurde von John Stuart Mill 1861 zum ersten Mal in einer Zeitschrift namens Fraser’s Magazine veröffentlicht. Zwei Jahre später, 1863 erschien diese Schrift als selbstständiges Werk in Buchform.
Das utilitaristische Ideal, welches menschliches Glück als obersten Wert vertritt, war zu Mills zeit nicht neu, seine Anfänge liegen bereits im antiken Griechenland und den Philosophen des Hedonismus. Mill bezweckte mit seiner Schrift Utilitarianism vor allem die Verteidigung der utilitaristischen Moralphilosophie Jeremy Benthams und die Erstellung einer Theorie gegen den so genannten „Intuitionismus“, einer andern moralphilosophischen Strömung. 5 Bentham war für Mills Schaffen ausschlaggebend, schon im Alter von 18 Jahren arbeitete der junge Mill unter Anleitung seines Vaters an den Fragmenten Benthams, diese führten ihn zur humanistischen Überzeugung, dass das Glück der Menschen als höchster Wert zu Verteidigen
4 HAYDEN-ROY, PRISCILLA., „Refining the Metaphor in Lessing’s ‚Erziehung des Menschengeschlechts’“, University of Wisconsin Press (Hrsg.), in: Monatshefte, Vol. 95, No. 3 (Herbst 2003), S. 393f.
5 HEYDT COLIN., „Mill, John Stuart“, in: The Internet Encyclopedia of Philosophy (24.8.09), James Fieser und Bradley Dowden (Hrsg.).
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sei. 6
3. Lessings Erziehung des Menschengeschlechts
Neben seiner Tätigkeit als Philosoph war Lessing vor allem auch ein Poet und Dramaturg. Er schrieb Theaterstücke und Gedichte von grossem dichterischem Wert (Nathan der Weise, Minna von Branhelm, Emilia Galotti, etc.) dies macht ihn heute zu einer schillernden Figur der deutschen Literaturgeschichte.
In dieser Expressionsform, der Dichtkunst, liegt auch seine Art des Philosophierens verwurzelt, die sich im EdM zeigt. 7 Lessing macht gebrauch von Metaphern und rhetorischen Stielmitteln um seinen Standpunkt nicht nur rational, sondern auch intuitiv seinem imaginierten Leser zu vermitteln. Rhetorische Fragen, Ausrufe und fiktive Charaktere 8 sind einige dieser Mittel, die im literarischen Bereich gang und gäbe sind und die Lessing auch im EdM verwendet. Das aller wichtigste Instrument, von dem Lessing in dieser Schrift gebrauch macht, ist und bleibt aber die Metapher. Das Bild, dass die Menschheit eine Person ist, die eine Entwicklung durchmacht und die erzogen werden kann, ist das allumspannende Thema, auf das Lessing aufbaut.
Eine Metapher ist eine Gleichsetzung zweier Dinge, die aber, und das erst ist der Clou einer Metapher, eben gerade nicht das Selbe sind. So kann mit den Konzepten eines Denkbereiches ein anderer Bereich umschrieben und verständlich gemacht werden. Dieses Instrument gilt es nun zu untersuchen, um klar zu machen, was Lessing genau meint, wenn er seine Metaphern anwendet.
3.1 Die Rolle der Wahrheit in der Bibel
Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass Lessing kein katholischer Theologe, sondern ganz im Gegenteil, eine Leitfigur der deutschen Aufklärung des 18 Jahrhunderts war. Er brach eine Lanze für die menschliche Vernunft, die er als weit wichtiger einstufte, als jegliche Art des Glaubens. Ausserdem gehörte er zu den Förderern eines neuen Toleranzbegriffes, für die
6 WILSON FRED., „John Stuart Mill“, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Sommer 2009 Edition), Edward N. Zalta (Hrsg.).
7 HAYDEN-ROY, PRISCILLA., op. cit., S. 406.
8 Lessing stellt zum Beispiel seinen 100 Paragraphen eine kurze Erzählung eines Wanderers vor, der „auf einen Hügel gestellt, von welchem er etwas mehr als den vorgeschriebenen Weg seines heutigen Tages zu übersehen glaubt.“ Auch dies ist eine Metapher. Sie nimmt Bezug auf Lessing selbst, der diesen Text verfasst und in eine nahe Zukunft zu blicken glaubt.
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verschiedenen monotheistischen Glaubensrichtungen des Westens. 9 Darüber hinaus war eines seiner Hauptanliegen der Kampf gegen dogmatisch verteidigte absolute Wahrheitsansprüche von allen Seiten her. Das gilt nicht nur für religiöse Kreise, sondern auch für ihre Gegenspieler. Lessing stellte sich vehement gegen Meinungen, die a priori der Bibel jeglichen Wahrheitsgehalt absprachen. Es war seine Überzeugung, dass absolute Wahrheiten (also auch die Behauptung von reinem Fehlgehen der Bibel) nichts seien, was Menschen für sich beanspruchen könnten. Lediglich das Streben nach Wahrheit läge in unserer Macht. In diesem Sinne gestaltete Lessing auch sein EdM.
Seine allegorische Lesung des Alten und Neuen Testamentes bezweckt nicht jeglichen Wahrheitswert aus diesen Schriften heraus zu drängen. Lessings Interpretation der beiden Testamente als Erziehung, respektive als „Elementarbücher“, wie er sie nennt, verschiebt lediglich den Fokus des Lesers von den externen, auf die internen Wahrheiten die in diesen Büchern zu finden sind. Seine Interpretation sieht so aus, dass „when read as fiction the Bible is more capable of yielding these higher truths than when read as historcial account.“ 10 Das soll heissen, es sind nicht die historischen Elemente, die Wunderwerke Moses’ oder Jesu und auch nicht die geschichtlichen Begebenheiten, auf die ein Leser sich konzentrieren soll. Diese können stimmen oder nicht, genau wie in jeder geschichtlichen Erzählung. Das spielt aber auch gar keine Rolle, denn viel wichtiger als diese historischen Erzählungen, die Schrift externen Begebenheiten, sind die internen Wahrheiten, die in den Allegorien der Bibel stecken. Es ist viel wichtiger die Kernthemen der erzählten Geschichten zu erfassen, die abstrahierten Wahrheiten zu begreifen, die das menschliche Leben betreffen. Diese gewinnen nicht aus Wundererzählungen ihre Gültigkeit, sondern aus Schlüssen, die aus Prämissen gefolgert werden, welche mit dem gesunden Menschenverstand nachvollzogen werden können. Die Wahrheiten im AT und NT sind also weder die Wunder die behauptet werden, noch die historischen Zusammenhänge, die vielleicht sogar stimmen, sondern das, was man mit dem Märchensatz „und die Moral von der Geschicht“ beschreiben könnte. 11
Was aber ist die „Moral von der Geschicht“ in der Bibel? Das versucht uns Lessing schon im ersten Paragraph der Erziehung des Menschengeschlechts zu beantworten: „Was die Erziehung bei dem einzelnen Menschen ist, ist die Offenbarung bei dem ganzen
9 Ein Paradebeispiel für diese Förderung der Toleranz ist sein 1779 erschienenes Theaterstück Nathan der Weise. Das Stück propagiert die Gleichberechtigung der drei westlichen monotheistischen Glauben, dem Judentum, dem Islam und dem Christentum.
10 HAYDEN-ROY., op. cit., S. 401.
11 Vgl. MATTHIJS JOLLES., „Lessing’s Conception of History“, The University of Chicago Press (Hrsg.), in: Modern Philology, Vol. 43, No. 3 (Februar 1946) S. 187 ff.
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Menschengeschlechte.“ Die Hinführung der Menschheit zu einer selbstständigen, „erwachsenen“ Moral also ist die alles überspannende interne Wahrheit der Bibel. Nicht die spirituellen, transzendenten Aspekte der Bibel sind es, die wertvoll an ihr sind, sondern die ethisch/moralische Erziehung welcher sie die Menschheit als ganzes unterzieht. Diese Erziehung hat ihr Ziel, welches Lessing in der Erschaffung einer von göttlichen Offenbahrungen unabhängigen Moral sieht. Diese wäre dann, weil aus der Vernunft gefolgert, nicht mehr falsch interpretierbar, sondern jedem Menschen auf Grund seines moralischen Vermögens klar und einsichtig. Eine solche Moral, so Lessing, ist das Tun des Guten, „weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind.“ So schreibt dies Lessing in Paragraph 85 des EdM. Im nachfolgenden Paragraphen nennt er eine solche Moral der Menschen gar „die Zeit eines neuen ewigen Evangeliums, die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen wird.“ 12
Diese zentrale Passage ist gleich in mehrerer Hinsicht das Kernstück des EdM. Zunächst wiederholt sie, dass das neue und alte Testament als „Elementarbücher“, das heisst Schullehrbücher, verstanden werden müssen. Dieses Konzept über das Wesen der beiden heiligen Schriften, dass sie Elementarbücher seien, etabliert Lessing bereits in den Paragraphen 26 und 27. In diesem Abschnitt 85 macht er lediglich wieder Gebrauch von dieser eigens eingeführten Metaphorik von „Lehrbüchern“. Dass er an diese Stelle dann ein neues Testament in Aussicht stellt, welches die Moral des „Guten für das Gute an sich“ sein soll, ist seine Interpretation einer „erwachsenen“ Moral die für die gesamte Menschheit Gültigkeit hat und nicht nur für Christen. Diese Vorstellung einer noch zu etablierenden, höheren Moral stellt Lessing bereits in Paragraph 82 in Aussicht, wo er sagt: „Die Erziehung hat ihr Ziel; bei dem Geschlechte nicht weniger als bei dem Einzelnen. Was erzogen wird, wird zu Etwas erzogen.“ Gehen wir also davon aus, dass dem Menschengeschlecht durch die Testamente tatsächlich Erziehung widerfährt, so muss die Schlussfolgerung sein, dass sie erst im Erwachsenenstadium ihr Ende erreicht. Das wäre das menschliche Entwicklungsstadium, in dem nicht mehr von der Erziehung eines Menschen gesprochen wird, sondern von dessen Mündigkeit. Dementsprechend ist also auch das letzte Entwicklungsstadium der Menschheit das der Mündigkeit, der wohlreflektierten Entscheide ohne elterliche Anleitung. Diese Metapher nun ausformuliert in Thermen der Moral, ist das Tun des Guten um des Guten willen.
12 LESSING G. E.., op. cit., § 86.
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Die Menschheit wartet also auf eine neue, verfeinerte Moral als die christliche, die wir schon besitzen. Das ist die Bedeutung, die interne Wahrheit, die Lessing aus den beiden Testamenten herauszulesen können glaubt. Zu diesem Schluss gelangt er, nachdem er die Entwicklung der Moral im AT und NT auslegt. Das alte Testament ist nach ihm ein rein repressiver, normativer Moralkodex, der nur mit Geboten und Verboten funktioniert, wie man einem Kind gebietet und verbietet ohne an seine Vernunft zu appellieren. 13 Im neuen Testament, mit dem neuen „Pädagogen“, Jesus Christus ändere sich diese Situation aber bereits. Christus lehre die Menschen diese bereits durch Strafe und Belohnung gelernte Moral auf rationellere Beine zu stellen, sie auf Verstandeseinsichten zu basieren und nicht mehr nur auf das geschriebene Wort. 14 Es lässt sich im Sinne Lessings argumentieren, dass nämlich das Zentrum der christlichen Moral, der Leitspruch „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ 15 schon beträchtliche reflexive Fähigkeiten voraussetzt. Er spricht den Menschen Verantwortung zu, über sich selbst und über Andere richtig zu urteilen. Das ist, trotz der noch immer sehr streng gehaltenen Form des NT eine Übertragung von moralischen Kompetenzen, was das Zusammenleben mit anderen Menschen angeht, an jedes einzelne Individuum. Diese neuen Kompetenzen oder Handlungsspielräume werden laut Lessing erst durch das NT dem Menschen selbst überlassern. Im AT seien diese eben noch strikte vorgegeben. Aus dieser Überlegung einer Evolution oder graduell gesteigerten Übertragung der Selbstverantwortung in moralischen Belangen in den Testamenten des christlichen Glaubens folgert Lessing dann, dass der Endzustand, das Ziel der Erziehung, die absolute Selbstständigkeit der menschlichen Moral sein muss.
3.2 Kriterien für ein neues Elementarbuch
Für eine „erwachsene“ Moral wird es aber nicht genügen einfach einen neuen Kodex mit normativen Richtlinien zu erstellen, die den Prinzipien der Aufklärung entsprechend dem Menschen moralische Gebote vorsetzen. In der Evolution des Menschengeschlechts sind diese Zeiten ja schliesslich schon vorbei. Stellen wir also die Frage, was Lessings Kriterien für eine neue Moral sind?
Zu aller erst gilt es festzuhalten, dass Lessing die Vernunft als diejenige Fakultät benennt, die den Zugang zur Moral gewährt. Auch wenn moralisches Handeln antrainiert oder anerzogen werden kann, so ist die Einsicht dessen, was moralisch ist, eine Tätigkeit des menschlichen
13 Vgl. LESSING G. E., op. cit., § 55.
14 Vgl. ibid., § 70.
15 Matthäus 22, 39.
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Verstandes. „Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst haben könnte; (…) Also gibt auch die Offenbarung dem Menschengeschlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde.“ 16 Das heisst für unsere Untersuchung, dass eine neue Moral, ein „drittes Testament“, eine der Vernunft entsprechende Theorie sein muss. Sie muss dem Menschen nachvollziehbar und einsichtig sein. Sie darf auf keinen Fall auf normativen Prämissen aufbauen, die wieder einer Doktrin gleichkämen, sondern soll nach Prinzipien funktionieren, die dem Verstand begreiflich sind. Nennen wir dies den Grundsatz der Verständlichkeit.
Zweitens beschreibt Lessing in Paragraph 26, dass „Ein Elementarbuch für Kinder darf gar wohl dieses oder jenes wichtige Stück der Wissenschaft oder Kunst, die es vorträgt, mit Stillschweigen übergehen, (…). Aber es darf schlechterdings nichts enthalten, was den Kindern den Weg zu den zurückbehaltenen wichtigen Stücken versperre oder verlege.“ 17 Lessing betrachtet das AT und NT als solche Elementarbücher, die weder essenzielles zur Entwicklung weglassen, noch falsches beinhalten. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass eine kompatible neue Moral nicht den bereits existierenden widersprechen darf, weil dies sonst eine Unterstellung der Fehlerhaftigkeit der internen Wahrheiten der Bibel wäre. Kurz gesagt heisst das, dass eine neue Moral mit der alten, der jüdisch-christlichen, kompatibel sein muss. Sie darf ihr nicht in essenziellen Punkten widersprechen. Es ist klar, dass dies eine sehr schwammig definierte Anforderung ist, weil natürlich in einer allegorischen Auslegung der Bibel ein enorm grosser Spielraum für Interpretationen liegt, durch welchen beide Testamente mit sehr viel neuen Theorien prinzipiell kompatibel gemacht werden könnten. Diese Feststellung ist wichtig und wurde wahrscheinlich auch von Lessing bedacht, weil er in späteren Paragraphen auf „Fingerzeige“ hinweist. Diese seien Hinweise auf in späteren Zeiten noch nachfolgende, komplettere Wahrheiten als die existierenden. In beiden Testamenten seien solche „Fingerzeige“ schon drinnen. 18 Die im AT verwiesen auf das NT und die im NT seien Hinweise auf das nächste Testament. Lessing geht leider nicht weiter darauf ein, was solche Fingerzeige sein könnten. Wir dürfen aber schliessen, dass, wenn wir in einer andern Schrift eine Theorie finden, die Grundgedanken aus dem NT aufgreifen und tiefgehender ausarbeitet, diese Grundgedanken des NT dann „Fingerzeige“ sind. Nennen wir dise zweite Anforderung also den Grundsatz der Kompatibilität.
Ein weiterer solcher Grundsatz findet sich in Paragraph 55. Hier meint Lessing, dass das Volk, das es für Gott zu erziehen galt (die Juden also), nach einer gewissen Zeit ein Stadium
16 LESSING G. E., op. cit., § 4.
17 Ibid., § 26.
18 Ibid., § 46.
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erreicht hätten, das eine neue Moral, ein neues Elementarbuch erfordere. „Das Kind wird Knabe“ 19 ist die Metapher die er hier verwendet um diesen Prozess zu versinnbildlichen. Es ist also nicht nur die Erziehung, welche die Menschheit, respektive einzelne Völker, dazu befähigen, sich in ihrer Moral weiter zu entwickeln, sondern auch das Vergehen von Zeit, das „Aufwachsen“ müssen wir es nennen, wenn wir in der Metapher bleiben wollen. Die älter werdende Menschheit wird also ganz natürlich, in verschiedenen Altersabschnitten, nach neuen moralischen Richtlinien streben. Wenn dem so ist, dass das jüdische Volk ein Bedürfnis für ein neues Testament verspürte (der Übergang von AT zum NT), so muss dies auch für den Übergang vom NT zum dritten Testament gelten. Es muss ein Bedürfnis in der Menschheit oder dem betreffenden Volke geben für eine neue Form, eine neue Art des Testaments oder der Moral. Das ist der Grundsatz des natürlichen Bedürfnisses. Es bleiben nun noch zwei Punkte, die in diese Suche nach den Anforderungen Lessings an eine nächste Moral darzustellen sind. Der erste hier ist nun auch der schwierigere, weil er sich mit dem Transzendenten der Heiligen Schrift befasst. In der EdM hält Lessing nämlich deutlich fest: „(…) die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftswahrheiten ist schlechterdings notwendig, (…).“ 20 Auf den ersten Blick sieht dieser Satz aus, als würde er lediglich wieder auf unseren Punkt zwei anspielen, dass die allegorisch ausgelegten Wahrheiten der Bibel zu den Wahrheiten einer neuen Moral passen müssen (Grundsatz der Kompatibilität). Dem ist aber nicht so. Die Paragraphen 72 bis 77 befassen sich nämlich nicht nur mit den moralischen Komponenten der Bibel, sondern mit ihren transzendenten, spirituellen Aussagen. Es geht um die „Dreieinigkeit Gottes“, die „Erbsünde“ und die „Genugtuung des Sohnes“. Dies sind die Aussagen, die Lessing mit „geoffenbahrte“ Wahrheiten umschreibt und von denen er verlangt, dass sie in einem dritten Testament zu Vernunftwahrheiten werden müssen. Sie dürften in einem dritten Testament also nicht einfach als ungültig, falsch oder anachronistisch zurückgewiesen werden, sondern müssten integriert werden, aber so, dass sie (dem ersten Grundsatz gerecht) mit dem Verstand nachvollzogen werden können und nicht mehr nur Glaubenssätze sind.
Dies ist offenbar eine Anforderung, die über eine reine neue Moral hinausgeht. Sie betrifft die Ganzheitlichkeit eines „dritten Testaments“, das in dem Sinne auch transzendente, spirituelle Komponenten enthalten müsste, damit es seinen beiden älteren Versionen, dem AT und NT in nichts nachsteht. Lessing ist im EdM also nicht nur dabei seine Anforderungen an einen neuen moralischen Standard darzulegen, sondern auch an eine Theorie, die für die alten übernatürlichen Konzepte der Religionen Platz hat. Es geht um einen Ersatz des NTs, der
19 LESSING G. E., op. cit., § 55.
20 Ibid., § 76.
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sowohl die moralische als auch die transzendente Komponente dieser Schrift dem Verstand gemäss verbessert. Ein solches Kriterium müsste man, so denke ich, am besten Grundsatz der ersetzten Spiritualität nennen.
Im letzten Kriterium nun geht es um das Herzstück der neuen Moral die Lessing in Aussicht stellt. Es geht um den Menschen der „(...) das Gute tun wird, weil es das Gute ist, (...)“ 21 und nicht aus irgend niederen Beweggründen, wie die Hoffnung auf Belohnung oder die Angst vor Strafe. Die reine und unverfälschte moralische Handlung, die aus dem Bestreben nach moralischem Handeln selbst stammt, stellt Lessing seinen Lesern in Paragraph 81 und 88 in Aussicht und bezeichnet dies als das „neue ewige Evangelium“. Ohne zu konkretisieren was denn nun das Gute sein soll, wie man es ergründen könnte, oder was dazu nötig ist, macht er schlicht die Vorhersage, dass der Tag, an dem alle notwendigen Kriterien für solches Handeln bekannt sein werden tatsächlich kommen wird. Damit hätten wir also auch das fünfte und für eine neue Moral nach Lessing wichtigste Kriterium; den Grundsatz des Guten um des Guten willen.
Halten wir für die Erziehung des Menschengeschlechts also folgendes fest: Lessing spricht nicht von einer reinen Moraltheorie, welche als dritte Stufe das Neue Testament der Christen ersetzen soll, sondern von einer ganzen Offenbarung, die neben einem moralischen, auch einen spirituellen Teil enthalten muss. Dieser soll aber nicht als Glaubenssatz formuliert sein, sondern, wie auch die Komponente der Moral, mit dem Verstand nachvollziehbar sein. Dabei sind es fünf Grundsätze, die eine „dritte Offenbarung“ mindestens erfüllen muss, um in Lessings Sinne als solche gelten zu dürfen: 1. Grundsatz der Verständlichkeit 2. Grundsatz der Kompatibilität 3. Grundsatz des natürlichen Bedürfnisses 4. Grundsatz der ersetzten Spiritualität 5. Grundsatz des Guten um des Guten willen.
Der einzige Grundsatz der nicht von einer Theorie erfüllt werden kann, sondern einen externen Faktor beschreibt ist Nummer drei. Nichtsdestotrotz ist er ein wichtiger Bestandteil, eine Anforderung, welche eine Gesellschaft zu erfüllen hat, die ein „neues Testament“ erhalten soll. Ist eine Gesellschaft nämlich nicht nach diesem Punkt bereit für eine solche Schrift oder Theorie, so bleibt diese ein wertloser Anachronismus.
21 LESSING, G. E., op. cit., §85.
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Wie eine Antwort auf diese fünf Punkte aussehen könnte, darum wird es im zweiten Teil dieser Arbeit gehen. Anhand von Mills Utilitarianism werden wir sehen, inwiefern diese „moderne“ Moraltheorie Lessings Anforderungen entspricht. Dabei wird Mills Text einerseits ganz generell dargestellt und andererseits spezifisch auf diese fünf Punkte hin untersucht werden.
4. Mills Utilitarianism
Dem oben Gesagten entsprechend wollen wir nun zuerst versuchen einen Eindruck von Mills Schrift zu gewinnen. Um dies im begrenzten Umfang dieser Arbeit tun zu können, sei sein Utilitarianism an dieser Stelle an Hand zentraler und unter seinen Kritikern kontrovers diskutierter Stellen präsentiert. Sehen wir uns die Passagen an, die quasi die Eckpfeiler der Theorie bilden und konzentrieren wir uns auch darauf zu sehen, was denn an diesen Eckpfeilern beanstandet wird. Dadurch lässt sich meiner Meinung nach ein Bild davon gewinnen, wie reichhaltig an bedeutungsgeladenen Thesen dieser Text eigentlich ist. In Utilitarianism ergründet Mill, in fünf unterschiedlich langen Kapiteln, die Moraltheorie des Utilitarismus. Einerseits verteidigt er diese gegen verschiedene Angriffe und andererseits baut er ihn in seinem Sinne aus, um eine möglichst ganzheitliche Theorie aufzustellen.
4.1 Mills Begriff der „Freude“
Konkret heisst dies, dass er Utilitarismus definiert als „The creed which accepts as the foundation of morals, Utility, or the Greatest Happiness Principle, holds that actions are right in proportion as they tend to promote happiness, wrong as they tend to produce the reverse of happiness.“ 22 Dabei definiert Mill Glück (also „happiness“) als Freude 23 und die Abwesenheit von Schmerz und er hält fest, dass nur diese beiden Dinge einen Wert für sich haben (das heisst, dass nur diese Dinge einen intrinsischen Wert haben und nicht Mittel zum Zweck
22 MILL J. S., „Utilitarianism - Der Utilitarismus“., D. Birnbacher (Übers. & Hrsg.), Stuttgart, S. 22.
23 Mill benutzt im englischen Original die Begriffe „pleasure“ und „pain“. In der deutschen Version von Birnbach werden dafür die Worte „Lust“ und „Unlust“ als Übersetzung verwendet. Ich halte dies aber für eine wenig optimale Lösung, weil Lust im Deutschen zu sehr mit rein „körperlicher Lust“ assoziiert ist, Mills Begriff beinhaltet aber auch das, was wir generell „Freude“ nennen. Eigentlich, denke ich, ist Mills „pleasure“ eine Zwischenform aus dem deutschen „Lust“ und „Freude“ ist. Etwas eindeutiger wird der Fall bei der Übersetzung von „pain“ mit „Unlust“. Diese ist schlicht fehl am Platz, denke ich, da dieses im heutigen Sprachgebrauch lediglich eine Motivationslosigkeit, oder allenfalls ein Widerstreben gegen einen physischen oder psychischen Umstand beschreibt. „Pain“ in Mills sinne bedeutet aber ganz konkret „Schmerz“. Der Zustand in dem ein menschliches Wesen Leidet, ob geistig, emotional, oder körperlich. Deshalb verwende ich die Begriffe „Freude“ für „pleasure“ und „Schmerz“ für „pain“.
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sind). Als moralisch gut gilt, was Glück schafft oder Unglück verhindert und schlecht ist, was Unglück schafft oder Glück verhindert. Respektive ist es so, dass immer diejenige Handlung die bessere ist, welche mehr Freude schafft.
Mill vertritt also eine auf den ersten Blick typisch hedonistische Auffassung von Utilitarismus, in dem Freude als Hauptmotivation für die moralische Bewertung von Handlungen auftritt. Schon im selben Kapitel aber relativiert Mill diesen hedonistischen Ansatz nach kurzem wieder und zwar in einer Passage in der er feststellt, dass trotz der zentralen Bedeutung von Freude, es besser wäre ein unzufriedener Sokrates zu sein, als ein zufriedenes Schwein. 24 Dieses Argument muss er anfügen, um der Behauptung entgegentreten zu können, Utilitarismus sei nur für Schweine geeignet, die nichts ausser Freude begehren. Ein solches Argument verkenne, laut Mill, die Tatsache, dass der Mensch zu wesentlich höheren, intellektuellen Freuden fähig sei als Schweine. Solche Freuden höherer Ordnung seien es auch absolut wert, die niederen Freuden den Schweinen zu überlassen und für die höheren Freuden auch potentielles Leiden, oder Unlust in kauf zunehmen. Hier werfen Kritiker Mill vor, er sei sich selber untreu, denn er vertrete gleichzeitig eine hedonistische und eine nichthedonistische Grundhaltung. Es sei ein Paradox zu behaupten, dass die Erfüllung von Freude (und Vermeidung von Schmerz) ein oberstes Gut sein soll und gleichzeitig zu sagen, dass die vollkommene Erfüllung von Freuden, wenn dies nur niedere Freuden sind, nicht erstrebenswert sei. Respektive lautet der Vorwurf darauf, dass Mill ausdrücklich nur der Erfüllung von Freude (dem Gehirnzustand) einen intrinsischen Wert zuschreibt, später aber doch auch eingesteht, dass höhere Freuden den niederen vorzuziehen seien, dass also doch gewisse Arten von Freuden selbst einen intrinsischen Wert hätten. 25 Meiner Meinung nach ist dies nur ein vermeintlicher Widerspruch. Leider ist an dieser Stelle kein Platz näher darauf einzugehen. Dieser Vorwurf soll lediglich zeigen, dass Mill, egal ob er sich nun wiederspricht oder nicht, eine differenzierte Meinung von Freude vertrat und nicht auf einen eindimensionalen Hedonismus reduzierbar ist.
24 MILL J. S., op. cit., S. 32.
25 Vgl. DAICHES RAPHAEL., „Fallacies in and about Mill’s ‚Utilitarianism’“, Cambridge University Press on behalf of Royal Institute of Philosophy (Hrsg.), in: Philosophy, Vol. 30, No. 115 (Oct., 1955), S. 344 - 357.
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4.2 Quantität, Qualität und der „Beweis“
Zu diesem vielschichtigen Bild, das Mill von seinem „Prinzip der grössten Freude“ zeichnet, gehört auch, dass er nicht nur die Freude eines Einzelnen in einer gegebenen Situation meint, sondern „Freude“ als abstrakte Einheit definiert, die quantitativ und qualitativ wahrzunehmen ist. Das heisst, es gibt qualitativ abstufbahre Freuden (wie wir das gerade mit den „höheren Freuden“ gesehen haben) die mehr wert sind als andere. Andererseits gilt es bei der Bewertung von Handlungen auch die Quantität an Freude in Betracht zu ziehen. Denn mehr Freude, also viele Menschen die Freude empfinden, ist natürlich weniger Freude, also nur wenigen Freude empfindenden Menschen, vorzuziehen. Dabei ist nun, laut Mill, die Gesamtheit von erzeugter Freude in einem beliebigen Fall ein Gut für die ganze Gruppe und nicht nur die individuelle Freude für das entsprechende Individuum. Dies ist eine Konsequenz des „Prinzips der grössten Freude“, welche dazu führt, dass ein Einzelner zwar nach seinem eigenen Glück streben darf, dabei aber nicht die Gesamtheit des Glücks für Alle aus den Augen verlieren soll. Auch dieses Diktum Mills ist Gegenstand heftiger Kritik, da ihm vorgeworfen wird eine ungültige Verallgemeinerung (vom Einzelnen auf Alle) vorzunehmen. 26 Die konkrete Passage, die debattiert wird, sieht so aus: Um zu beweisen, dass Freude das fundamentalste Kriterium für menschliches Handeln ist, argumentiert er dass: „The only proof capable of being given that an object is visible, is that people actually see it. The only proof that a sound is audible, is that people hear it and so of the other sources of our experience. In like manner, I apprehend, the sole evidence it is possible to produce that anything is desirable, is that people do actually desire it.“ Daraus folgert er, weil Glück von jedem Menschen ersterbt wird, dass „(...) each person's happiness is a good to that person, and the general happiness, therefore, a good to the aggregate of all persons. Happiness has made out its title as one of the ends of conduct, and consequently one of the criteria of morality.“ 27 Diese Passage nun, so der Vorwurf, enthalte Fehler wie den vorhin erwähnten, dass eine unerlaubte Verallgemeinerung begangen werde. Wiederum kann es uns hier aber nicht darum gehen dieses Problem in seiner Tiefe darzustellen, oder gar zu lösen. Es ist für uns lediglich wichtig zur Kenntnis zu nehmen, dass auch Mills zentrale Argumente in philosophischen Debatten unter Beschuss stehen, sogar Herzstücke seiner Theorie, wie dieses hier, von denen die ganze Theorie des Mill’schen Utilitarismus abhängt. Würde man dieses Argument, das Mill seinen „Beweis“ nennt, widerlegen, so wäre sein Ziel, die utilitaristische Moral auf
26 Vgl. SETH JAMES., „The Alleged Fallacies in Mill’s ‚Utilitarianism’“, Duke University Press on behalf of Philosophical Review (Hrsg.), in: The Philosophical Review, Vol. 17, No. 5 (Sep., 1908), S. 470.
27 MILL J. S., op. cit., S. 104f.
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Überlegungen der Vernunft zu gründen, gescheitert.
Lässt man dieses Argument aber gelten, dass Glück das einzige Ende menschlichen Handelns ist, weil nur es (Glück) von allen Menschen begehrt wird, kann Mill daraus ableiten, dass andere Dinge, nach denen Menschen streben, nur Mittel zu diesem Zwecke sind. Geld, Berühmtheit, Nervenkitzel oder materielle Güter fallen unter diese Kategorie. Dabei stellt Mill fest, dass diese Dinge nicht schlecht sind, nur weil sie kein Ende für menschliches Handeln sind, sondern in dem Masse annehmbar sind, wie sie eben Glück produzieren und keinen Schmerz verursachen. 28 Andererseits verteidig Mill aber die Auffassung, dass es auch Dinge wie zum Beispiel „die Tugend“ gibt, welche zwar nicht aus sich heraus Teil des Glücks sind, aber dazu werden können und so einen höheren Wert haben, als nur ein Mittel zum Zweck, sondern dass sie ein ganz konkreter Teil des Zweckes (also Glück) sein können. 29 Mit dieser Unterscheidung von „Mittel zum Zweck“ und „Teil des Zwecks“ begeht Mill wieder einen Spagat, bei dem man ihm vorwerfen könnte halbherzig hedonistisch zwischen Stuhl und Bank zu sitzen, weil er die Prinzipien seiner auf Freude basierenden Theorie so zurecht biegt, um allgemein akzeptierte Standpunkte (wie die, dass Tugend ein Gut ist, auch wenn sie keine Freude erzeugt) in diese einzunähen.
Meiner Meinung nach zeigt sich gerade an dieser Stelle aber viel mehr, wie nahe Mills Theorie dem menschlichen Leben ist. Er versucht nicht zu argumentieren, dass die Freude an der Tugend, oder an Geld wenn sie nicht mehr „Mittel zum Zweck“ sondern „Teil des Zwecks“ wird, unvernünftig oder abnormal ist. Sondern er will diesen Gefühlen und Regungen des Menschen, die einfach existieren und keinen Schaden verursachen, ein moralisches Fundament geben. Gängige, intuitive Moralvorstellungen bringt er in seiner Theorie unter, weil sie ein Teil der Lebenswelt der Menschen sind und als solcher nach Erklärung verlangen. Es geht Mill gerade darum zu zeigen, dass der Utilitarismus nicht eine an den Haaren herbeigezogene Theorie ist, sondern sich direkt aus dem Leben und der Natur des Menschen ableitet. Mills „Beweis“ ist ein exemplarischer Fall für dieses Vorgehen. Er wird aufgestellt aus der Beobachtung, ist sozusagen „quasi empirisch“, weil er eine Abstraktion aus der Alltagserfahrung der Menschen ist und dort im abstrakten Sinne auch „beobachtet“ werden kann.
Um hier noch ein letztes Beispiel dafür anzufügen, was ich mit der Aussage meine, dass Mill die Erfahrungswelt der Menschen als Basis seiner Philosophie nimmt, sei hier das letzte, das fünfte Kapitel von Utilitariansim genannt. In diesem geht Mill die Frage an, wie Gerechtigkeit und Nützlichkeit, also das Prinzip des Utilitarismus, zusammenhängen. Dazu
28 Vgl. MILL J. S., op. cit., S. 106.
29 MILL J.S., op. cit., S. 111.
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untersucht er zu aller erst die verschiedenen Eigenschaften von Gerechtigkeit im menschlichen Leben. Es handelt sich um die Fragen, wie unsere Vorstellung von Gerechtigkeit mit juristischem Recht zusammenhängt, welche Taten wir als belohnens- oder strafenswert erachten, was die notwendigen Voraussetzungen für Gerechtigkeit sind, wo und wieso aus moralischen Pflichten moralische Rechte erwachsen, warum wir Schlechtes mit Schlechtem und Gutes mit Gutem zu vergelten trachten und einiges mehr. 30 Diese Untersuchung tätigt er, um in einem zweiten Schritt zu zeigen, dass der alltägliche Umgang mit Gerechtigkeit eigentlich auf den Kriterien der Nützlichkeit beruht. Sie, die Nützlichkeit, liege allen Prinzipien der Gerechtigkeit, aus denen juristisches Recht sich eigentlich ableiten, zu Grunde. Zu diesem Schluss gelangt er durch die Untersuchung von verschiedenen Grundsätzen der Gerechtigkeit, die er als gerecht einstuft. 31 So zum Beispiel das Prinzip der Gleichheit des Menschen vor dem Gesetz und in einer Gesellschaft. Überlegungen welche die Natur des einzelnen, einzigartigen Individuums und dessen Verdienste an der Gesellschaft hervorheben erlauben es ihm, dieses „Prinzip“ der Gleichheit, das er in seiner Schrift „das oberste allgemeine Prinzip der sozialen oder austeilenden Gerechtigkeit“ 32 nennt, als wahres, echtes Prinzip der Gerechtigkeit zu proklamieren. Doch obwohl Gleichheit ein Prinzip der Gerechtigkeit sei, will Mill noch einen Schritt weiter gehen und dieses Fundament auf die Moral gründen, so sagt er zu diesem Punkt: „But this great moral duty rests upon a still deeper foundation, being a direct emanation from the first principle of morals, and not a mere logical corollary from secondary or derivative doctrines. It is involved in the very meaning of Utility, or the Greatest Happiness Principle.“ 33 Ohne nun auf die genaue Argumentation Mills einzugehen sollte aus dieser Passage doch hervorgehen, dass Mill mit der „Gerechtigkeit“ (respektive mit dem, was er unter Gerechtigkeit versteht) das selbe Macht wie mit der Freude der Menschen an Tugendhaftigkeit oder der Freunde am Geld. Er versucht durch logische Argumente zu beweisen, dass sie sich ganz natürlich auf das Prinzip der Nützlichkeit (Prinzip des grössten Glücks) stützen, das er vorher per „Beweis“ als Gültiges, erstes Prinzip für Moral dingfest gemacht hat.
30 Vgl. MILL J. S., op. cit., S.183 ff.
31 Zu Bemerken ist, dass seine Untersuchung auf seiner subjektiven Wahrnehmung von dem was Gerecht ist beruht und diese subjektive Meinung zu belegen versucht. Mills Überzeugungen sind zentral für seine Untersuchung der Gerechtigkeit. So erklärt sich, dass er keine religiösen Dogmen mit dem Utilitarismus zu untermauern versucht, weil Religion für seine persönliche Überzeugung schlicht keine grosse Reolle gespielt hat. Soziale Gerechtigkeit taucht dafür sehr viel häufiger auf, weil er soziale Grundsätze hatte, die er auch politisch als Parlamentsmitglied verfolgte.
32 MILL J. S., op. cit., S.185.
33 Ibid., S.184.
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4.3 Mills Utilitarianism in Lessings Kriterien für eine neue Moral
Untersuchen wir nun, anhand der bisher getätigten Darstellung von Mills Utilitarianism und der Analyse von Lessings Anforderungen an ein „drittes Testament“, ob und inwiefern Mills Moralphilosophie Lessings Kriterien erfüllt.
Was den Grundsatz der Verständlichkeit angeht, dass ein drittes Testament dem Verstand entsprechen muss, so denke ich, ist es bisher hervorgegangen, dass Mill genau dies in seinem Utilitarianism zu tun versucht. Er belegt seine Grundprämisse, dass Gut ist, was Freude fördert und Schmerz verhindert, anhand seines „Beweises“ über das menschliche Bedürfnis nach Freude. Ein jedem Leser legt Mill genau dar, wie er auf diese Erkenntnis kommt und was sich für Folgen daraus ergeben. Seine Schrift beruht von Anfang bis Ende darauf, dass sie die Prinzipien einer Moral zu erforschen sucht, die mit dem Verstand nachvollzogen werden können soll. Dies sagt er selbst in seinem ersten Kapitel: „I shall, without further discussion of the other theories, attempt to contribute something towards the understanding and appreciation of the Utilitarian or Happiness theory, and towards such proof as it is susceptible of.“ 34 Mill will eben gerade, dass die Moraltheorie des Utilitarismus verstanden wird. Seine Überzeugung ist es, dass durch die Beweise die geliefert werden können es nicht nötig ist, dass „its acceptance or rejection must depend on blind impulse, or arbitrary choice.“ Der menschliche Verstand ist dazu in der Lage den Utilitarismus von Mill zu verstehen und damit, denke ich, erfüllt diese Theorie Lessings erste Anforderung an eine neue Moral. Stimmt dies auch für die zweite Anforderung, die der Kompatibilität mit dem AT und NT? Ich denke schon. Der Utilitarismus ist nämlich durchaus mit der klassischen christlichen Moral zu vereinbaren. Aus seinen Prinzipien ergeben sich keine fundamentalen Gegensätze zu den moralischen Imperativen welche das AT oder NT proklamieren. Der Leitsatz des Utilitarismus, das Prinzip des grössten Glücks, widerspricht zum Bespiel keinem der 10 Gebote, er schweigt höchstens zu denen, welche sich zur Liebe zu Gott äussern. Aber die Gebote, welche das Leben der Menschen betreffen, unterstützt auch der Utilitarismus, auch aus ihm leitet sich ab, dass man generell nicht töten, stehlen oder lügen soll. Mills Utilitarismus bietet höchstens die Gelegenheit, dass es möglich ist, sich Situationen auszudenken unter denen eine solche Tat nicht moralisch schlecht ist. Diese moralischen Zwickmühlen sind aber meistens auch für unser intuitives Verständnis von Moral unauflösbare Konflikte (wie zum Beispiel, ob es gut ist einen Menschen zu töten, um zehn zu retten) und könnten auch durch die Befolgung eines christlichen Gebotes nicht gelöst werden.
34 MILL J. S. op. cit., S. 16.
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Und auch für das neue Testament gilt hier das Selbe. Der Utilitarismus widerspricht in seinem Kern mit Nichten der christlichen Moral wie Jesus sie lehrt. Mill selbst schreibt, dass das „In the golden rule of Jesus of Nazareth, we read the complete spirit of the ethics of utility. To do as you would be done by, and to love your neighbour as yourself, constitute the ideal perfection of utilitarian morality.“ 35 Diese Formulierung, dass die goldene Regel von Jesus den „Geist“ der utilitaristischen Ethik widerspiegle, ist ein perfektes Beispiel dafür, wie ein „Fingerzeig“ im Sinne Lessings im NT aussehen könnte. Da der Utilitarismus die „goldene Regel“ zwar im Kern beinhaltet, sie aber erklärt und tief philosophisch ausführt, wird sie zu einer nur mehr rudimentären Form des Prinzips des grössten Glücks, zu einem „Fingerzeig“ in die richtige Richtung eben.
Des Weiteren meint Mill auch, dass der Utilitarismus nicht im geringsten eine gottlose Moral sei nur weil sie auf Gott als Motor aller Entscheidungsfindung verzichte. Viel mehr sei es eine logische Folge, dass, wenn Gott tatsächlich der Allgütige ist, wie behauptet wird, und er lediglich das Beste für die Menschen will, also ihr Glück und ihre Freude, der Utilitarismus darum gerade in Übereinstimmung ist mit dem göttlichen Willen. 36 Es lässt sich also annehmen, dass der Utilitarismus mit der jüdisch/christliche Moral zu mindest in seinen Prinzipien übereinstimmt. Dass sich in Details, den verschiedenen Ableitungen der Moraltheorien Widersprüchlichkeiten ergeben könnten, ist nicht zu bezweifeln. Andererseits sind in den Details der Moral auch in reformierten, evangelischen und katholischen Vorstellungen Unterschiede festzustellen, die sich alleine aus einer unterschiedlichen Interpretation des NTs ergeben. Begnügen wir uns also dementsprechend mit dem Resultat, dass die Prinzipien des Utilitarismus mit denen der Moral des ATs und NTs übereinstimmen.
Kommen wir also zum dritten Punkt, der einzigen Voraussetzung für ein drittes Testament, welches einer Theorie oder einer Schrift nicht inhärent sein kann. Der Anspruch Lessings, dass ein natürliches Bedürfnis des Menschengeschlechts für ein neues Testament gegeben sein muss, ist eine Anforderung, die sich an eine Gesellschaft und nicht an ein Stück Papier mit Worten drauf richtet. Also läst sich dieser Punkt nicht durch eine Untersuchung von Mills Text beantworten, sondern bedürfte einer Analyse der Gesellschaft heute, oder allenfalls der Gesellschaft zu Mills Zeiten. Zu dieser Herausforderung gesellt sich das Problem, dass ja eine Untersuchung über den Zustand der Gesellschaft des ganzen Menschengeschlechts anstehen würde und nicht nur eines bestimmten Teils daraus. Diese Anforderung die Lessing stellt kann an dieser stelle nicht zufrieden stellend beantwortet werden. Um aber doch wenigstens
35 MILL J. S., op. cit., S. 52.
36 Vgl. MILL J. S., op. cit., S. 64.
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eine oberflächliche Antwort zu geben sei gesagt, dass einige Tendenzen unserer Gesellschaft darauf hinweisen, dass sie eine Moraltheorie braucht, die nicht mehr von Glaubenssätzen abhängen. Die Säkularisierung im Zuge der Aufklärung, die Internationalität und damit verbundene heterogene Glaubenssituation der modernen Gesellschaften, der Abfall von Kirche und Glauben der westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaft, so wie die Notwendigkeit von überstaatlicher Rechtssprechung und Menschenrechten sind für mich starke Zeichen für das Bedürfnis einer global verbundenen Gesellschaft nach einer für alle Menschen verbindlichen, neuen Moraltheorie. Lassen wir diesen Punkt aber weitgehend bei Seite, denn er liegt ausserhalb des gestreckten Rahmens, die Schriften Mills und Lessings zu kombinieren.
Schauen wir uns besser den viert Punkt an, ob Mills Utilitarismus denn der Vorgabe Lessings gerecht wird, dass ein drittes Testament auch den spirituellen Teil des ATs und NTs zu übernehmen und in Verstandeseinsichten umzuwandeln hat. Ich denke nicht, dass Mills Schrift auch diesem Anspruch gerecht werden kann, weil sie sich schlicht nicht mit diesen Themen befasst. Mill wollte keinen ganzheitlichen Ersatz für die Religion erschaffen, sondern konzentrierte sich in Utilitariansim lediglich auf einen Bereich des menschlichen Lebens, der auch von der Heiligen Schrift abgedeckt wird, dem guten Handeln, respektive der Moral. Wenn Lessing aber von einem „neuen Elementarbuch“ redet, so scheint er, wie es aus dieser vierten Anforderung hervorgeht, mehr zu meinen, als lediglich ein Werk, das die Moral der Menschen behandelt. Er spricht von einer grösseren Theorie, die auch Aspekte des menschlichen Leben umfasst, die über moralisches hinaus gehen und Fragen behandeln würden, wie ein Leben nach dem Tode aussieht, was die Unsterblichkeit der Seele ist, oder die Allmacht Gottes? Eine dementsprechende Theorie dürfte laut Lessing aber den bisher durch das AT und NT gelieferten Antworten nicht widersprechen, sondern dürfte (und müsste) ihre Bedeutung als allegorisch nachweisen und in eine den Tatsachen der Welt entsprechende Form bringen. Denn Lessing scheint davon auszugehen, dass das was in der Bibel steht schon der Wahrheit entspricht, aber lediglich in metaphorischer Sprache ausgedrückt ist. So müsste ein drittes Testament diese Metaphern zu deuten Wissen und mit den eigenen, durch den Verstand erkennbaren Einsichten, in Einklang bringen können. So weit geht Mills Utilitarianism aber nicht, er beschränkt sich lediglich auf die Moral der Menschen. Deswegen kann der Punkt vier von Lessings Anforderungskatalog auch nicht als durch diese Schrift erfüllt gelten.
Hingegen denke ich, darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass Lessings letztes Kriterium, dass eine erwachsene Moral zeigen muss, dass das Gute getan werden soll, weil es
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das Gute ist, von Mills Utilitarismus voll und ganz erfüllt wird. Akzeptiert man nämlich den utilitaristischen Grundsatz dass das Gute diejenige Handlung ist, die Glück fördert und Schmerz verhindert und akzeptiert man Mills Beweis, dass Glück an sich erstrebenswert und ein oberstes Ziel menschlichen Handelns ist, so folgt daraus, dass das gute Handeln (also die Förderung von Glück und die Verhinderung von Schmerz) erstrebenswert ist, weil es das Gute (das oberste Gut = Glück) fördert. 37 Somit wird das Tun des Guten erstrebenswert, weil es das Gute ist. Das nun ist die im oberen Teil festgelegte fünfte Anforderung Lessings an eine erwachsene Moral.
Damit ergibt sich, dass Mills Utilitarianism mindestens drei er fünf Kriterien Lessings erfüllt. Dasjenige, welches sich an die Gesellschaft und nicht an eine Theorie richtet, lasse ich offen stehen, womit lediglich Lessings Anforderung (Nummer 4) an eine rationale Erklärung der Allegorien, welche den spirituellen Teil der Bibel und der Tora ausmachen, nicht in Mills Schrift enthalten ist.
5. Fazit
Als Abschluss dieser Arbeit lässt sich also folgendes feststellen: Gotthold Ephraim Lessing und John Stuart Mill lebten zwar zu verschiedenen Zeiten auf verschiedenen Teilen des europäischen Kontinents, doch ihr Denken verbindet die Beiden für immer. Obwohl Lessing für gewöhnlich eher als Poet betrachtet wird, ist sein philosophisches Schaffen von bemerkenswerter Aufgeschlossenheit gezeichnet und mit interessantesten Ideen versetzt. Alleine seine Erziehung des Menschengeschlechts ist nicht nur geschichts- sondern auch religionsphilosophisch reich an inspirierenden Ideen für alle die das Alte und das Neue Testament als Allegorie verstehen und nicht wortwörtlich. Die von Lessing in einem grossen Bogen gespannte Interpretation der Tora und der Bibel als eine metaphorische Hinführung der Menschheit zu einer von der Religion emanzipierten Moral, ist eine elegante Leseart der beiden Schriften, die dem Geist der Aufklärung entspricht und demzufolge mit vielen Gedanken von nachfolgenden Philosophen kompatibel ist.
Wir haben gesehen, was Lessings Anforderungen an ein „drittes Testamet“ sind. Ein solches soll zwar vor allem eine „erwachsene“ (also nicht von religiösen Dogmen abhängige) Moraltheorie sein aber darüber hinaus auch eine wissenschaftliche Erklärung („Verstandeseinsicht“) für das, was Lessing als die spirituellen „Wahrheiten“ des Alten und
37 Oder anders formuliert: 1.) Glück ist Gut. 2.) Glück ist erstrebenswert an sich. Damit folgt, dass das Gute erstrebenswert an sich ist.
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Neuen Testaments ansieht, beinhalten. Mills Utilitariansim erfüllt meiner Ansicht nach den ersten Teil dieser Anforderung, seine Schrift ist eine selbstständige Moraltheorie, die auf Argumenten basiert, die rational verstanden werden können. Die zahlreiche und häufige Kritik an Mills Argumenten ist dafür der beste Beweis. Lässt man seine Argumente aber gelten, so folgen aus ihnen eine kompakte und schnittige Theorie über das gute Handeln. Sie stellt einerseits Prinzipien aus Alltagsbeobachtungen auf, fügt diese aber auch in das Leben der Menschen ein, so dass allgemeine und bereits vorhanden gesellschaftliche Institutionen wie das juristische Recht aber auch jedem Einzelnen von uns inhärierende Intuitionen über Gerechtigkeit bedient werden. Aus den vielen Ansprüchen denen Mill in Utilitarianism gerecht werden will erwächst wahrscheinlich auch die viele Kritik, gerade weil sich Mill nicht eindeutig in einer Denkrichtung festnageln lässt. Er verarbeitet hedonistisch motivierte Argumente genau so wie gegenläufige Prinzipien. Zum Beispiel, dass auch gewisse Werte die keine Freude bringen intrinsisch gut sein können, wenn sie für den Einzelnen so wichtig werden, dass sie zu einem Teil seines persönlichen Glücks mutieren. Mills Utilitarismus schafft es also zu einer Moraltheorie zu werden, die sowohl die so dringend erforderlichen ersten Prinzipien auf denen sie fusst aufzubringen vermag um generelle Gültigkeit zu erlangen und gleichzeitig das Individuum als solches respektiert und ihm seinen Platz im Ganzen lässt.
Damit zeigt sich für mich, dass Mill ein Vertreter und ein wichtiger Vertreter einer „erwachsenen“ Moral im Sinne Lessings ist. Der Utilitarismus ist nach dessen Definition zwar kein „drittes Testament“, dafür fehlt Mills Text die konsequente Deutung der spirituellen Allegorien der Bibel. Als ein solch ganz neues Testament war Mills Utilitarianism aber auch nicht ausgelegt, die Theorie des Utilitarismus ist viel mehr ein Exempel für das, was Lessing gemeint haben könnte als er in Paragraph 82 schrieb: „Die Erziehung hat ihr Ziel; bei dem Geschlechte nicht weniger als bei dem Einzeln. Was erzogen wird, wird zu Etwas erzogen.“ - zum moralischen Handeln nach rationellen Prinzipien, wie zum Beispiel den utilitaristischen.
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6. Bibliographie
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Enzyklopädie:
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DER GROSSE HERDER, „Nachschlagewerk für Wissen und Leben“., 5. Neubearbeitete Auflage, 6. Band, Luksor bis Paderborn., 1955, Freiburg im Breisgau.
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