Inhaltsverzeichnis.
1. Vorwort. 2
2. Synästhesie ein Begriff mit 11 Buchstaben. 5
2.2. Erklärungsmodelle. 13
2.3. Über die Häufigkeit des Auftretens von Synästhesie. 18
2.4. Synästhesie ist (k)eine Krankheit. 22
3. Audiovisuelle Wahrnehmung, Synästhesie und Gesamtkunstwerk. 31
3.1. Film, Gesamtkunstwerk und Synästhesie. 35
3.2. Synästhesie, intermodale Analogie und Paradigma. 41
3.3. Audiovisualität. 46
4. Die Synmodalästhetik. 68
4.1. Zur Standortbestimmung einer Synmodalästhetik. 74
5. Die Ästhetik der Atmosphären. 86
5.1. Subjekt und Objekt in der Atmosphäre. 93
5.2. Subjektiv, Objektiv, Synjektiv. 98
5.3. Synästhet und Synästhetiker. 103
5.4. Die Eigenschaft eines Objekts als dessen Bestimmung. 105
5.5. Die Wahrnehmung der ästhetischen Atmosphären. 116
5.6. Musik und Atmosphäre. 120
5.7. Kommunikative Atmosphären. 133
6. Resümee. 138
7. Literaturverzeichnis. 141
8. Selbstständigkeitserklärung. 159
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1. Vorwort.
Der ungewöhnliche Titel dieser Magisterarbeit beinhaltet alle fünf grundlegenden Sinne menschlicher Wahrnehmung, wenn man bereit ist, das Schmecken dem Riechen zu subsumieren. Will der geneigte Leser das Gustatorische als eigenständigen Sinn betrachtet wissen, dann sei darauf verwiesen, daß nach dem zweiten Bild des zweiten Aktes der Oper La Traviata von Giuseppe Verdi, also genau in dem Moment als die Existenz von Alfredos Eklat auf dem Fest von Flora eingefroren wird, 1 ein Gang an das Büffet zu Stärkung und zu Genuß anempfohlen wird. Allerdings reichen cirka 20 Minuten Pause selten um das erhoffte Glas Champagner zu ergattern, zumal wenn man nur die billigen Karten des vierten Rangs sein eigen nennen kann. Dafür kann die Hoffnung auf ein distinguiertes Abendessen nach der Vorstellung, also nach der Rückkehr der Personen und der Handlung in das Kontinuum der Geschichtlichkeit, oder einfacher: nachdem der rote Vorhang, natürlich nach Stürmen des Applauses, gefallen ist, aufkeimen. Nicht selten kommt es dann vor, daß nach kulturellem Genuß, oder Konsum - je nachdem - der Streß des Arbeitstages dem Gefühl der Erholung Platz machen muß. Dann noch ein gutes Gespräch über die stimmlichen Qualitäten der Violetta und des Alfredos, natürlich auch über die Inszenierung, das Bühnenbild, die Beleuchtung und man ist sich einig: ein Opernbesuch kann viel mehr Kunstgenuß bieten als der perfekte Pavarotti aus der Retorte. Gerade die kleinen Unsauberkeiten in der Höhe sind ja geradezu die Expertise für das Erleben des Originals. Hat man leider keine Begleitung für den Opernbesuch und das nachfolgende Abendessen, schließlich gelangen Opern nicht morgens um Viertel Zehn zur Aufführung, gefunden, dann schreibt man seine Erlebnisse in einem Brief nieder oder flüchtet sich nach Hause vor den heimischen Fernseher. Dann bleibt aber wenigstens die Erinnerung an eine Opernaufführung und die Erinnerung an die Atmosphäre, die in der Garderobe herrschte, als alle Operngäste, meist zu zweit, sich eilig auf den Weg machten. Vielleicht war es die Atmosphäre der Einsamkeit, schließlich hüllten sich die meisten Paare in ihr feinstes Tuch. Oder aber es war eine Atmosphäre der Erhabenheit - der Stuck an den Wänden wurde so feinsinnig ausgeleuchtet und man atmete ja pure Geschichte: denn die Skulpturen an der Wand sind aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert.
besitzen. Das Verklingen löst die Musik von ihrem Material und ihre Ontologie überführt sich damit in
die metaphysische Kenntnis, in das Wissen von ihrer Existenz.
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Wurde die Beschreibung eines Opernbesuches und nicht allein die Deskription und Analyse einer Oper an den Anfang dieser Arbeit gestellt, dann geschah dies aus der Einsicht heraus, daß alle musikalischen Gattungen, ob komponiert oder improvisiert, nicht ‚für die Schublade hergestellt wurden’. Der den Werken, Kunstartefakt oder Kulturprodukt, inhärente Zweck, zur Aufführung zu gelangen und damit der Öffentlichkeit zugänglich zu werden, nährt eine andere Einsicht. Die Einsicht, daß jedwede Art von Rezeption oder Konsum nicht allein an das Werk sondern vielmehr auch an die externen Begleitumstände gebunden ist. Alle ästhetische Betrachtung verfehlt ihre Bestimmung, wenn sie allein werkimmanent vollzogen wird: sie verharrt in Analyse. Das Kunstwerk oder das Kulturprodukt wirkt nicht in einem Vakuum sondern ist abhängig von äußerlichen Variablen. Diese Variablen können ihrer Struktur nach eher objektiv oder subjektiv sein. So fällt bei einem Opernbesuch nicht minder als die Inszenierung bspw. die Temperatur des Zuschauerraumes ins Gewicht. Objektiv kann diese für die Allgemeinheit zu hoch sein, subjektiv wird sie von jedem einzelnen Zuschauer anders empfunden und bewertet. Dieses sicherlich übertriebene Beispiel verdeutlicht aber die Konsequenzen, die eine Beschreibung aller Umstände von Rezeption zu tragen hat. Das Mittel, das so etwas zu leisten in der Lage sein soll, ist das der Synmodalästhetik. Ihr Zentralbegriff ist der der Atmosphäre.
Verstand Immanuel Kant, in der Tradition Alexander Baumgartens, noch Ästhetik als sinnliche Erkenntnis aus der ästhetischen Erfahrung, so hat in der Geschichte der Ästhetik eine Verschiebung zugunsten der Theorie der Künste, des Schönen und der Urteile stattgefunden. Diese Verlagerung weg von den sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten hatte durchaus Berechtigung innerhalb festgefügter Kunst-, Werk- und Formbegriffe. An dieser Stelle hat aber der Hebel der Moderne und der Postmoderne ganze Arbeit geleistet und es ist abzusehen, daß die Entwicklung der Auflösungstendenzen weiter voranschreitet. Zum einen ist hier technologischer Fortschritt aber auch vor allem schwindende Bindungskraft von Werten und Normen als Ursache zu sehen. Die Wahrnehmung und Beobachtung sollte ob dieser schnellen Entwicklungen wieder in den Vordergrund treten. Dabei soll eine tradierte Urteilsästhetik keinesfalls verleugnet werden; sie kann allerdings nur zu Ergebnissen gelangen, wenn eine Theorie von Kunst und Kultur sich auch als Theorie der sinnlichen Wahrnehmung versteht. Nun ist aber Wahrnehmung ihrerseits wiederum an eine Materialhaftigkeit des ihr Präsentierten gebunden. Beides kann der erwähnte Begriff der Atmosphäre integrieren. Die angesprochenen Auflösungstendenzen der Formen und der enorme technologische Fortschritt machen es aber erforderlich, daß mit einem holistischen Verständnis von Wahrnehmung operiert wird. Dieses lastet sich der Begriff der
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Synmodalästhetik an, der in diesem Verständnis auf eine Basis des Anerkennens aller Sinne gestellt wird. Daß in vorliegenden rezeptiven Situationen einzelne Sinne stärker angesprochen werden als andere, in der Oper wären dies der auditive und der visuelle, sollte nicht darüber hinweg täuschen, daß die anderen Sinne nicht auch ihre Dienste tun. Zumindest ist es denkbar, daß in der Zukunft mit geeigneten Mitteln in einer Opernaufführung auch der olfaktorische Sinn, zur Verdeutlichung des Duftes der Kamelie, die Violetta Alfredo übergibt, herangezogen wird. In Anbetracht der technologischen Entwicklungen sei nur auf die nicht unvorstellbaren Utopien von Virtualität verwiesen. Die Bedeutung der Wahrnehmung in solch einer Vorstellung ist ebenso eminent wie in der realen Welt. Auf dem Weg zur methodologischen Verdeutlichung eines die Wahrnehmungssinne verdeutlichenden Systems liegt das Phänomen der Synästhesie. Es wird nicht verhehlt, daß die Synästhesie einen entscheidenden Einfluß auf die Konstitution dieser Gedanken gehabt hat. Das Wissen um eine von der Allgemeinheit abweichenden Wahrnehmungsform, bspw. die der audiovisuellen Rezeption versus die des synästhetischen Farbenhörens, hat die Idee und Vorlage für eine alle Sinne integrierende Struktur geliefert. Deshalb wird dieses Phänomen wie der aus ihr hervorgegangene ästhetische Begriff, der die physiologische Tatsache bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt(e), betrachtet.
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2. Synästhesie - ein Begriff mit 11 Buchstaben. Oder:
der Versuch einer Begriffslokalisierung.
Eine klare und eindeutige Begriffsbestimmung von Synästhesie ist notwendig. Gerade im Kontext der vorliegenden Arbeit muß ein eindeutiger Begriff, von dem was Synästhesie ist, gewährleistet sein. Daß in der Literatur verschieden weitgefaßte Begriffe von Synästhesie existieren ist nicht nur das Dilemma dieses Begriffes, leider. Die verständlichste Begriffsklärung soll hier nicht neu erfunden werden sondern wird deshalb angeboten:
„Unter Synästhesie versteht man, daß es bei Stimulation einer Sinnesqualität, beispielsweise des Hörens oder des Riechens, in einer anderen Sinnesqualität wie zum Beispiel dem Sehen von Farben oder von geometrischen Figuren zu einer Sinneswahrnehmung kommt.“ 2
Es erscheint hier nicht zweckmäßig die einzelnen Begriffe quasi nach Autoren tabelliert aufzuzählen. Nur einige Beispiele für die angeführten Differenzen zwischen den Autoren sollen an dieser Stelle genügen.
Gerade im beginnenden 20. Jahrhundert erfuhr Synästhesie eine starke wissenschaftliche Beachtung. Diese Spur führt zu Georg Anschütz, dessen Stellenwert unter anderem darin zu sehen ist, daß er in Hamburg von 1927-1936 vier Kongresse zur Farbe-Ton-Forschung veranstaltete. 3 Jörg Jewanski 4 sieht in Georg Anschütz die Hauptgestalt der von ihm als „Phase der Synästhesie-Euphorie“ bezeichneten Zeit zwischen 1925 und 1930. 5 Anschütz wird von Jewanski als in der „Rolle des Vaters“ für die beiden anderen Hauptvertreter der Synästhesie-Forschung dieser Zeit, Friedrich Mahling und Albert Wellek,
der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (= Schriftenreihe Forum., Band 8),
Göttingen 1998, S. 128.
der wechselseitigen Beziehung zwischen Ton und Farbe. Von Aristoteles bis Goethe. (= Berliner Musik
Studien. Schriftenreihe zur Musikwissenschaft an den Berliner Hochschulen und Universitäten.,
herausgegeben von Rainer Cadenbach et al., Band 17; zugleich: Berlin, Hochschule der Künste, Diss.
1996), 1999, S. 13; insbesondere Anmerkung 22.
Darstellung der Beziehungen zwischen Farbe und Ton in der Zeit, wie es der Titel bereits aussagt,
zwischen Aristoteles und Goethe. Diese Quellensammlung und Quellenstudie umfaßt, über das Thema
der Synästhesie hinausgehend, die Geschichte dieser Wechselbeziehung.
Musikpsychologie. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie., Band 12,
Wilhemshaven 1995, S. 134.
6
gesehen. 6 Der von Anschütz vertretene Synästhesiebegriff differiert in erheblicher Weise von dem soeben eingeführten, der sich auf die rein physiologischen Tatsachen beruft:
„ G. ANSCHÜTZ vertritt eine weite Begriffsauffassung, insofern er neben den primären Sinneseindrücken auch Gefühle und abstrakte Begriffe als Auslöser für synästhetische Eindrücke ansieht; [...]“ 7
Dieser hier dargestellte Begriff ist in seiner Ungenauigkeit sicherlich den Anfängen der Synästhesieforschung und den noch nicht in ausführlichen Maßen stattgefundenen Diskussionen zu schulden. Einen Versuch der Differenzierung unternimmt aber bereits Albert Wellek.
„ [...] sein Schüler A. WELLEK [von Georg Anschütz] differenziert zwischen der (selten anzutreffenden) echten S. [Synästhesie], der Verbindung zweier wirklicher Sinnesempfindungen in der Wahrnehmung, und der (häufiger vorkommenden) unechten S., einer ‚Verschmelzung zweier oder mehrerer Sinnessphären (-modi) in einem übergreifenden Akt der ... Vorstellung’ [Albert Wellek, Musikpsychologie und Musikästhetik., 1963, S. 103.].“ 8
Die Unterscheidung, die sich unter anderem auch bei Maria C. Bos findet, sollte entscheidenden Anteil an der Ausprägung verschiedener Ansichten über Synästhesie gewinnen. 9 Jewanski kritisiert zu Recht den zweiten, die allgemeinen Tendenzen Anschütz fortführenden Teil des definitorischen Versuchs.
„Eine Verbindung, ja Verschmelzung zweier Sinnessphären findet aber auch bei der Rezeption eines Fernseh- oder Kinofilmes statt und ist somit wesentlicher Bestandteil unserer alltäglichen Umweltwahrnehmung. Damit verliert aber die Definition das Kriterium der Abgrenzbarkeit, Synästhesie verkommt zu einem reinen Schlagwort. Im Grenzbereich von Musik, Malerei und Video wird die Kategorisierung synästhetisches Kunstwerk heute [1995] schon als unreflektiertes Gütesiegel per se verwendet.“ 10
Synästhesie als Gemeinplatz - ein ernsthaftes Problem, das bereits hier an erster Stelle angedeutet werden soll. Aber dieser zitierte Artikel von Jewanski erlaubt einen interessanten Blick auf die wissenschaftliche Methode Albert Welleks. Das von Jewanski angeführte Hauptargument besteht darin, daß Welleks 700-seitige Dissertation über Synästhesie niemals veröffentlicht wurde und somit einen ‚Steinbruch’ für seine gesamte wissenschaftliche
Joachim Ritter und Karl Gründer, Basel 1998, Band 10, Spalte 770. Hervorhebung im Original.
S. 321-401.
7
Laufbahn abgeben konnte. Dieser Steinbruch sei dann immer wieder zu Selbstzitaten ausgebeutet worden, die „als heutiger Leser von Wellek s Schriften ermüden [...]“, so das Urteil Jewanskis über die ‚Methode’ Welleks. 11
Ungeachtet dessen, hat Albert Wellek sich mit der Bedeutung von Synästhesie in Epoche und Kultur beschäftigt. Hierzu sollen lediglich die bibliographische Verweise angebracht sein: für die Beschäftigung mit Synästhesie im Orient steht der Aufsatz Das Farbenhören im Lichte der vergleichenden Musikwissenschaft - Urgeschichte des Doppelempfindens im Geistesleben der Orientalen. 12 Der Aufsatz Renaissance- und Barock-Synästhesie soll Nachweis über Farbe/Licht-Ton-Beziehungen als Synopsie führen, dessen Spannweite von Keplerschen Ansichten der Sphärenharmonie bis zu Textunterlegungen in den Gattungen der Vokalmusik reicht. 13
Es erscheint schwierig diese Ausführungen zu kommentieren. Mit der oben angeführten weiten Begriffsauffassung von Synästhesie, die ohne Abgrenzung zu Begriffen wie Metapher, Assoziation, Illusion etc. auskommt, gehen Welleks Ausführungen sicherlich konform. Es erhärtet sich aber der Verdacht, daß eben dieser Begriff von Synästhesie exegetisch ausgenutzt wird. Die erforderliche Schärfe wird hier nicht zuletzt auch durch den Begriff der ‚Ursynästhesie’ genommen, der bei den genannten Aufsätzen im Mittelpunkt steht. Dieses von Wellek eingeführten Konstrukt meint, daß festgefügte Relationen zwischen den Ausdrücken verschiedener Sinneswahrnehmungen existieren und interkulturell sind. Dies ist unter anderem ein Kritikpunkt: Wellek verwendet die sprachlichen Ausdrücken zur Bildung der Relationen.
„Der Sinn dieser Aufstellun g ist, kurz gesagt, der, die allgemeinmenschlichen (gemeinverständlichen) [!] und dementsprechend ältesten Sinnenentprechungen in ihrer entwicklungsgeschichtlichen Ordnung festzulegen.“ 14
So klassifiziert Wellek sechs Archetypen von Sinnentsprechungen, in dem er die auditive Wahrnehmung der Tonhöhe, -folge, -dauer, -lautstärke zu den Sprachausdrücken der visuellen und taktilen Wahrnehmung in Beziehung setzt. 15 Ohne in eine detaillierte Diskussion um dieses Konstrukt einsteigen zu wollen, soll bemerkt werden, daß ebenso die Evolution der
Doppelempfindens im Geistesleben der Orientalen.“ in: Zeitschrift für Musikwissenschaft.,
herausgegeben von der Deutschen Musikgesellschaft, 11, 1929, S. 470-497.
und 17. Jahrhundert.“ in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte.,
herausgegeben von Paul Kluckhohn und Erich Rothacker, Band 9, Halle 1931, S. 534-584.
8
Sprache, die einerseits an die sinnliche Wahrnehmung gebunden ist aber andererseits auch an Gesetze wie des Rotazimusses, Verantwortung für diese Ursynästhesien zeichnen könnte. 16 Jewanski erläutert dann auch folgerichtig, daß der Begriff der Ursynästhesie als Ableitung von Synästhesie irreführend ist, 17 da Ursynästhesien Entsprechungen zwischen Sinnesmodalitäten abzubilden versuchen, die aufgrund der Ratio formuliert wurden. Nochmals sei Jewanski zitiert, der die beiden symptomatischen Begriffslokalisationen allgemein zusammenfaßt:
„Somit stehen sich zwei verschiedene Definitionen gegenüber: Synästhesien im Sinne WELLEKs mit einem sehr weit gefaßten und Synästhesien im Sinne CYTOWICs mit einem sehr eng angelegten Begriff (BEHNE verwendet den Ausdruck Synästhesie sensu Cytowic) und einer Häufigkeit, die verschwindend gering ist.“ 18
Unnötig zu betonen, daß diese hohe Verwendungsrate eines weiten Begriffes entgegen jeglicher Begriffsökonomie steht. Bedeutsam ist hier auch die Verwendung des Begriffes der Synästhesie im literaturwissenschaftlichen Kontext als Kennzeichnung eines literarischen Stilmittels. Synästhesie als Problem der Literatur hat einen entscheidenden Anteil an der Trübung des Begriffes. Dies ist ganz allgemein wohl mit dem Fakt der kommunikativen Äußerung - also Sprache - zu begründen, die notwendig ist um synästhetische Berichte mitzuteilen wie auch Kunstvolles, also Literatur, hervorzubringen. Zur (literarischen) Synästhesie wird immer wieder Ludwig Schraders Habilitationsschrift aus dem Jahre 1967 zur Begriffsgeschichte herangezogen. In der Tat ist die knappe Darstellung der Terminusgeschichte zu bewundern. 19 So eruiert Schrader:
„Wo immer man die Entstehung des Terminus ‚synesthésie’ auf das Jahr 1874 zurückführt, hat man übersehen, daß das Adjektiv ‚synesthétique’ schon zwei Jahre vor Vulpians Artikel in der ersten Auflage von Littrés Dictionnaire erscheint; es wird dort ebenfalls als ‚Terme de physiologie’ erläutert, und Littré weist auf ‚die synästhetischen Teile de r Retina’ hin. Man darf annehmen, daß Littré (selbst ursprünglich Mediziner) Kenntnis von Vulpians physiologischen Vorlesungen hatte, die 1864 gehalten und 1866 in Buchform herausgegeben wurden: hier taucht
„In Sachen Synästhesie war Wellek kein Au tor, sondern eine Institution. Die Folgen davon waren
verheerend. [...] Wer sich in seiner Dissertation (Schad 1950; Hurte 1982) oder Habilitation (Schrader
1967/1969) auf Wellek berufen konnte, ging kein Risiko ein. Dadurch erschienen seine Thesen immer
wieder an unterschiedlichen Stellen, auch in der neuesten Fachliteratur, alternative Ansätze oder
kritische Anmerkungen kamen nicht auf. Schrader ersetzte dann 1967 Welleks Dissertation durch eine
noch umfangreichere historische Studie, übernahm aber dessen Anschauungen zur Synästhesie.“
Jewanski, „Die Institution.“, a. a. O., S. 139.
9
‚synesthésie’ wohl wirklich zum erstenmal auf, un d zwar in der 20. Vorlesung vom 21. Juli 1864; [...] Vulpian bildete ‚synesthésie’ wohl analog zu ‚anesthésie’, ‚thermesthésie’, ‚hyperesthésie’ . Es sei immerhin bemerkt, daß das griech. óõí áßóèçóé ò - óõí áé óèçóßá er s t i m Neugriechischen als physiologischer Neologismus - ebenfalls der Terminologie der Medizin angehörte. ‚Mit-Empfindung’ bedeutet bei den griechischen Ärzten allerdings etwas anderes als die moderne ‚synesthésie’. Mit óõí áßóèçóé ò bez ei chnete man teils die unangenehmen Begleiterscheinungen bei Krankheiten, teils allgemein das Bewußtsein eines Schmerzes oder einer Krankheit.“ 20
Der Terminus der Synästhesie selbst ist also in erster Linie physiologisch medizinischer Art. Die oben angeführten Varianten stellen einen mehr oder weniger angepaßten Bedeutungswandel der originären Form dar. Interessant erscheint für den geschichtlichen Hintergrund das folgende:
„Für das XIX. und XX., bis zu ein em gewissen Grade auch für das XVIII. Jh. ließ sich eine Parallelität zwischen der Synästhesie als tatsächlichem psychischem Phänomen einerseits und als literarisch gestalteter oder spekulativ postulierter Vorstellung andererseits konstatieren. In früheren Jahrhunderten lagen die Dinge anders: daß Sinne und Sinnesbereiche wirklich vertauscht oder vermischt werden könnten, wurde allgemein bezweifelt.“ 21
Die Vorstellung, daß die Sinnesbereiche getrennt sein müssen ist demzufolge ein alter Umstand, der nicht allein auf den Okzident beschränkt war.
„Betrachtungen über die Unmöglichkeit der Vertauschung von Sinneseindrücken sind auch im islamischen Bereich angestellt worden. Ibn Hazam (994-1063), der Verfasser des Halsbandes der Taube, behandelt in einem Kapitel seiner Religionsgeschichte (des Fis• al) die Debatte über die Sinnesorgane Gottes, die sich an einem Koran-Vers entzündet hatte (XLII,9: Gott ist ‚der Hörende, der Sehende’).“ 22
Die Studie sucht mit Ausführungen zu Synästhesien im Schrifttum der verschiedensten Autoren, wie bspw. von Aristoteles, Lukrez, Thomas von Aquin - aber auch mit epochalen Verweisen wie auf das jüdische Mittelalter, ihren Anspruch auf umfassende Darstellung zu begründen. Schrader betrachtet in seiner Habilitation die Synästhesie im literatur- und sprachwissenschaftlichen Kontext. Auch innerhalb dieser Wissenschaft kann keine eindeutige Verwendung festgestellt werden.
Synästhesie und zur Bewertung der Sinne in der italienischen, spanischen und französischen Literatur.,
Heidelberg 1969, S. 47 f. Hervorhebung im Original.
10
„Die für uns entscheidende Bedeutungserweiterung, die Anwendung von ‚synethésie’ auch auf literarische Phänomene, erfolgte 1892 durch Millet, und der Terminus ist rasch Allgemeingut der literarischen Forschung geworden, in der seine Definition allerdings keineswegs eindeutig festliegt.“ 23
Sonach wird zur unbedingten Beachtung gegeben, daß es sich bei der Klassifikation der Synästhesien nach Schrader um ausnahmslos literarische Synästhesien handelt. Die von ihm verwendeten fünf Klassen der literarischen Synästhesie verteilen sich auf drei für Verknüpfungen zwischen mehreren Sinnesbereichen und zwei auf Verknüpfungen zwischen einem Sinnesbereich und einem außersinnlichen. Letzteres meint etwa die Verbindung zu einem Gefühl oder abstrakten Begriff. Die Bezeichnungen für die verschiedenen Abarten sind: 1. transponierend-identifizierender Typ, 2. korrespondierender Typ und 3. summierender Typ, wobei die ersten beiden auch als Titel für die literarische Verknüpfung von einem Sinnenbereich mit einem außersinnlichen dienen. 24 Trotz des großen Verdienstes Schraders um die Etymologie des Synästhesiebegriffes und in Anbetracht der eigentlichen Intention dieser literaturwissenschaftlichen Habilitation ist Hauskellers Bemerkung nicht vorzuenthalten, die in ihrer Ambivalenz gleichermaßen geteilt wie kritisiert wird. Denn eine sprachwissenschaftliche Habilitation arbeitet mit dem von ihr zu benutzenden Synästhesiebegriff.
mehreren Sinnenbereichen vorgestellt. Diverse Inkonsequenzen in der Terminologie sind beobachtbar.
Den transponierend-identifizierender Typ definiert Schrader wie folgt: „Die Sinnessphären werden so
verknüpft, als gingen die Eindrücke der einen in die der anderen über [...]“ (S. 49) und „[...] formal
gesehen handelt es sich um Metaphern, daneben ließen sich synästhetische Katachresen [In der antiken
Rhetorik bezeichnet dieser Terminus den unlogischen Gebrauch eines verwandten Ausdrucks statt des
nicht vorhandenen Ausdrucks für einen Begriff.], gelegentlich synästhetische Zeugmata [Dies ist eine
grammatische Figur, bei der ein Prädikat auf mehrere Subjekte bezogen wird, während es nur zu einem
paßt. Auch bezeichnet der Terminus jede Vermischung eigentlicher und bildhafter Wortverwendung.]
auffinden.“ (S. 50).
In dem korrespondierender Typ werden die Sinnesbereiche nicht als identisch beschrieben, sondern als
miteinander korrespondierend, als vergleichbar.
Der summierender Typ „[...] im Vordergrun d stehen dort [bei Typ 1 und 2] jedoch Übergang und
Identifikation bzw. Korrespondenz. Mit den summierenden Typ meinen wir die Fälle, in denen die
gewissermaßen parataktische Gleichzeitigkeit das Primäre ist.“ (S. 51)
Einschränkend ist jedoch auch Schrader gezwungen zu bemerken:
„Die Möglichkeit einer Unterscheidung von Typen und Aspekten darf nicht zu dem Irrtum führen, daß
diese Typen und Aspekte stets in völliger Reinheit erscheinen oder daß man diese Reinheit gar zum
Kriterium einer Wertung machen könnte. In Wirklichkeit ergeben sich vielfache, oft komplizierte
Verschränkungen [...]“ (S. 52)
Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf:
Ebenda.
11
„Insgesamt werden von Schrader fünf Typen unterschieden, die für die literaturwissenschaftliche Untersuchung fruchtbar sein mögen, aber die konkrete (und nicht literarisch vermittelte) synästhetische Erfahrung nicht berühren.“ 25
Wie bereits bis hierher die unterschiedlichen Verständnisse des Synästhesiebegriffes demonstrieren, muß wohl nicht mehr angeführt werden, daß eine endgültige Einigung auf einen Begriff nicht möglich ist. Jede Wissenschaft verlangt gierig, so scheint es, nach dem Vokabular der anderen Kolleginnen. Nur an einen anderen Begriff, der des ‚Gesamtkunstwerks’, sei erinnert, der ein gleiches Schicksal erlitt. Wird hier von ‚Leid’ gesprochen so ist dies auch wörtlich zu verstehen. Es bleibt schließlich denn nur eine Möglichkeit: die der Indizierung eines jeweiligen Begriffes in seiner Verwendungsweise. Daß Synästhesie in erster Linie, wie dies auch Schrader zeigte, ein Begriff der physiologischen Wahrnehmung ist bzw. war, kann als erwiesen erachtet werden. Es wäre deshalb angebracht, solche Äquivokationen zu vermeiden, die im übrigen noch 1992 genutzt wurden:
„Die Verwendung von ‚Synästhesie’ anstelle von ‚synästhetischer Metapher’ hat sich indes eingebürgert, und ich [Paul Hadermann] verwende die beiden Ausdrücke daher im Folgenden synonym.“ 26
Zu überdenken wäre demnach der folgende Vorschlag:
„In der neueren Diskussion werden Assoziationen und Metaphern als Pseudosynästhesien bezeichnet.“ 27
Aufgrund der Tatsache, daß Assoziationen, infolge von Wahrnehmung, des menschlichen Geistes nun durchaus in Metaphern geäußert werden, diese zumindest manchmal synästhetisch anmuten, soll einmal nachgesehen werden, inwieweit der Assoziationsbegriff nicht auch allein tragfähig ist. Werner Abraham gibt systematisch die Grundüberlegung vor, in dem er zwei Arten, die oberflächlichen und inhaltlich bestimmten, einander abgrenzt.
„Neben den oberflächlichen Assoziationen nach dem Klang (Leben - neben) interessieren uns vor allem die inhaltlich bestimmten Assoziationen.“ 28
Berlin 1995, S. 57.
bildende Kunst. Ein Handbuch zur Theorie und Praxis eines komparatistischen Grenzgebietes.,
herausgegeben von Ulrich Weisstein, Berlin 1992, S. 56.
Europaeae, 21, Austria 1987, S. 165. Hervorhebung im Original.
12
Inhaltlich bestimmte Assoziation folgen, so Abraham, primären und sekundären
Gesetzm äßigkeiten, wobei die Trennung in primär und sekundär nicht sehr statisch gedacht
scheint :
„Der Assoziationsbegriff wird (zurückgehend aus Aristoteles) auf primäre und sekundäre
Bedingungen zurückgeführt. Zu den primären Bedingungen oder primären
Assoziationsgesetzen ’ (nach einem durch Thomas Brown eingeführten Terminus) zählen die
Bedingungen der Ähnlichkeit, des Kontrasts und der räumlichen und zeitlichen Kontiguität zu
den sekundären Assoziationsgesetzen zählen: 1. die Dauer des ursprünglichen Eindrucks, 2.
seine Lebhaftigkeit, 3. die Häufigkeit seiner Wiederholung, 4. seine Frische, 5. das Fehlen
konkurrierender Eindrücke, 6. deren jeweilige Gemütslage, 8. deren körperlicher Zustand und 9.
deren Lebensgewohnheiten (Hofstätter 1957: 24 ff.) “ 29
Dabei machen alle hier aufgeführten Bedingungen der Assoziationsbildung deutlich, daß es
sich nicht um ursprüngliche Wahrnehmungen handeln kann, da ja mit Hilfe dieser Momente
erst versucht wird bzw. sie eine Voraussetzung darstellen, eine Verbindung herzustellen.
Damit ist eine wichtige Differenzierungsmöglichkeit zur Abgrenzung gegenüber der
Syn ästhesie an der Hand, den diese ist, neben dem Auslöser unwillkürlich und in ihrer
Qualit ät abstrakt. Außerdem werden synästhetische Wahrnehmungen projiziert. An der
Bedingung des Kontrastes kann der Unterschied zur Synästhesie sehr gut dargestellt werden.
Abraham führt aus, daß das Bedürfnis nach Präzisionierung der Wahrnehmungsinhalte
dadurch geschieht, „ insofern nämlich Begriffe sehr stark durch ihre Abhebung von
ihren Gegenteilen, also in einer Art von Dialektik “ aufgefaßt werden. 30 So stellt sich eine
äußerst brauchbare Erklärung für Assoziationen dar:
„Wir könnten umgekehrt argumentierend a lso sagen, daß das für den Erwachsenen erhobene
Pr äzisierungsbedürfnis ein Schlüssel für das steigende Bedürfnis nach dem Gebrauch von
Metaphern und einer nuancierten Ausdrucksweise ist.“ 31
Diese am Kontrast hier exemplifizierte Erklärung von literarisch gebrauchten Assoziationen
bzw. Metaphern, 32 die ja die inhaltlich Erklärung ist, äußert sich auch in der formalen
Gestaltung. Denn um sich metaphorisch oder assoziativ auszudrücken muß die sprachliche
Syntaktik und Semiotik entsprechend eingesetzt werden. Zur formalen Darstellung von
Syn ästhesie in der Literatur führt Wanner-Meyer daher aus:
29
Ebenda.
30
Ebenda , S. 166.
31
Ebenda.
32
Vergleich dazu die Typeneinteilung von Schrader weiter oben. Dort finden sich auch diese Strukturen.
13
„ [...] wenn disparate Sinnesempfindungen einander grammatikalisch und/oder semantisch gleichgeschaltet werden. Dies kann geschehen durch verknüpfende Konjunktionen, durch ein gemeinsames übergeordnetes Prädikat oder auch durch syntaktische Parallelismen. 33
Soweit die Beleuchtung sprachlich und literarischer Synästhesien. Allenfalls kann, wie gezeigt, von sprachlicher Synästhesie, mit den angegebenen formalen Zügen, gesprochen werden, wenn es sich um die Äußerung einer Wahrnehmungssynästhesie handelt. Im Bereich der Literatur, dort wo der Einsatz stilistischen und artifiziellen Gründen folgt, sollten die Begriffe wie ‚metaphorische Sprach- bzw. Literatursynästhesie’, ‚Pseudosy nästhesie’ oder anderes bevorzugt werden. 34 So kann denn hier auch nur aufgrund der Geschichte eine angemessene Legitimation von Synästhesie in der Literatur erkannt werden, wie bereits auch schon konstatiert wurde:
„Klaus -Ernst Behne hat zwar recht, wenn er bemerkt: ‚Ich gehe davon aus, daß in der Synästhesieforschung bisher vollkommen disparate Phänomene untersucht worden sind, disparat vor allem hinsichtlich der sie konstituierenden perzeptuellen, kognitiven und emotionalen Aktivitäten.’ Eine Verdrängung bzw. Ausgrenzung des literaturwissenschaftlichen Synästhesiebegriffs ist jedoch angesichts der langen Tradition seiner Verwendung und der Bedeutung literarischer Synästhesien für die musikwissenschaftliche Arbeit nicht von Nutzen.“ 35
2.2. Erklärungsmodelle.
Nach dieser Beleuchtung von literarischer Synästhesie steht nun die Frage, wie es zu diesem Wahrnehmungsmodus kommen kann. Vielfältige Erklärungsversuche wurden unternommeneinige sollen hier kurz angedeutet werden. Für tiefergehende Betrachtungen dieser Versuche kann ruhig auf die Literatur verwiesen werden.
(zugleich: Stuttgart, Univ., Diss., 1997), S. 48.
„Synästhetische Berichte hören sich an wie Metaphern (‚A -Dur ist rot’) und legen deshalb eine
Verwechslung nahe. Worin besteht der Unterschied zwischen beiden? Ein Synästhetiker erzählt sein
Leben lang, daß A-Dur rot sei, ein Literat aber darf jede Metapher nur einmal verwenden, sonst ereilt
ihn jener Spott, den man erntet, wenn man ständig bekannte Witze erzählt.“
Klaus-Ernst Behne, „Über die Untauglichkeit der Synästhesie als ästhetisches Paradigma.“ in: Der Sinn
der Sinne., herausgegeben von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (=
Schriftenreihe Forum., Band 8), Göttingen 1998, S. 112.
Aus weiter Ferne. Zur Musiksprache und Assoziationsvielfalt György Ligetis. (= Zwischen-Töne.,
herausgegeben von Hans-Werner Heister, Band 6), Hamburg 1997, S. 31.
14
Die sogenannte Kontiguitätsthese geht davon aus, daß Synästhesien lediglich Produkte des Geistes der Subjekte, wie Assoziationen, sind. Hiernach wird gewissermaßen die lerntheoretische Annahme gemacht, daß zwei eng benachbarte Reize und Reaktionen auch später gemeinsam erinnert werden können. Allerdings hat diese Form des Trainings, nichts gemein mit der Wahrnehmungserscheinung der Synästhesie, die vollkommen unwillkürlich auftritt.
„Die psycholog ischen Theorien der Synästhesie haben sich nun durch die empirische Forschung schrittweise selbst aufgelöst. So wurde zum Beispiel gezeigt, daß sich zwei Phänomene aus verschiedenen Sinnesgebieten nicht durch oftmalige simultane Darbietung synästhetisch koppeln lassen.“ 36
Immer wieder taucht in der Diskussion auch das Konzept des ‚sensus communis’ 37 als Erklärung von Synästhesie auf. Der sensus communis stellt einen quasi gedachten Sinn dar, der zusätzlich zu den ‚normalen’ fünf Sinnen angenommen wird. Dieser Gemeinsinn soll als Repräsentant der einzelnen Sinne dienen. Allerdings wäre die primäre und unvermittelte Wahrnehmungssituation dieses konstruierten Sinnes ungeklärt, da er auf die einzelsinnlichen Qualitäten zurückgreifen müßte. Auch wäre in diesem Fall eine weitere Form von Synästhesie zu denken: nämlich die der Verbindung dieses Gemeinsinns mit den einzelnen Sinnen. Cytowic hat ebenfalls diese Hypothese in seine Untersuchungen einbezogen. Als ernsthafter Erklärungsversuch zum Zustandekommen der Synästhesie trägt sie heute (2002) allenfalls kursorischen Charakter.
„Ja, Synästhesie war fast das genaue Gegenteil von Aristoteles, ging mir [Cytowic] plötzlich auf. Sie war alles andere als eine Substraktionswahrnehmung. Sie bestand nicht darin, Tastempfindungen, Geschmack, und Geruch durch einen Kaffeefilter zu gießen, der einige Qualitäten zurückhielt und nur abstrakte Ideen wie Länge, Tiefe oder Spitzigkeit durchließ. Nein, Synästhesie war eine additive Wahrnehmung, ohne daß diese ihre eigenen Identitäten verloren.“ 38
Außerdem:
„ [...] d. h. einen über die fünf Sinne hinausgehenden Sinn angenommen, einen Sinn quasi höherer Ordnung, in dem die einzelnen Sinnesbereiche zusammenfallen. [...] aber die Annahme
„Die Lehre vom Gemeinsinn wird, wie sich inzwischen herausgestellt hat, fälschlich auf Aristoteles
zurückgeführt.“
Ebenda, S. 91.
Schickert, München 1996, S. 95 f. Hervorhebung im Original.
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eine zusätzlichen Sinnes ist die Lösung jedenfalls nicht. Dann könnte sich nämlich wieder die Frage von Synästhesien zwischen diesem, sechsten, Sinn und den anderen Sinnen stellen.“ 39
Richard Cytowic zählt zu den bekanntesten Wissenschaftlern die sich der Erforschung von Synästhesie gewidmet haben. Dies ist sicherlich auch in gewisser Weise seinem populärwissenschaftlicher Publikationsstil geschuldet. Er zeichnet sich durch einen leichten Schreibstil aus, der unter anderem dialogische und anekdotische Züge beinhaltet. Noch zu bemerken ist, daß Cytowic nicht allein reine Forschungsberichte vorlegt, sondern darin auch wissenschaftstheoretische und gesellschaftspolitische Betrachtungen anstellt. 40 Cytowic geht sehr, gemäß seiner wissenschaftlichen Heimat der Medizin - er ist Neurologe -, klinisch pathologisch vor. Eine Idee von ihm als Erklärung der Synästhesie wurde noch gar nicht in Erwägung gezogen. Er äußert, daß Synästhesie durchaus ein Reflex bspw. wie die Synkinese, bei frühkindlichen Entwicklungsstadien des Menschen, sein könnte. 41 Cytowic bemerkt aber selbst, daß eine Reflexcharakter von Synästhesie aufgrund der Seltenheit und Unbeständigkeit nicht gegeben sein kann. Cytowics eigentliche These ist, daß bei der Synästhesie das limbische System des Menschen eine dominante Funktion gegenüber dem rational-corticalen System einnimmt. Das limbische System ist Sitz der Emotionalität, steuert also Affekte, Triebe, Gefühle und ist Bewertungszentrum. Wichtig ist hier, daß das limbische System damit eine biologisch-organische Voraussetzung für die Bedeutungserstellung ist bzw. sein soll. Cytowic vermutet, daß die Wahrnehmung von Synästhesien durch eine überdurchschnittliche Aktivität dieses Systems ausgelöst wird und das der Hippocampus dabei eine entscheidende Rolle spielt. Die Rationalität werde durch diese Überfunktion des limbischen Systems nicht zugelassen.
„Das Überraschende am gustofazialen Reflex ist nun, daß der untere Hirnstamm zwischen verschiedenen sensorischen Signalen unterscheiden und ‚entscheiden’ kann, welche als unangenehm oder schädlich zurückgewiesen werden müssen. Normalerweise sollte man
„Historisch betrachtet, hat das Abendland immer großen Wert auf Institutionen gelegt und die
individuelle gnostische Erfahrung gefürchtet. Als ‚gnostisch’ bezeichne ich etwas, da s ‚mit dem inneren
Wissen zu tun hat’, eine Art von Erkenntnis, die sich der Klassifizierung entzieht und jenseits der
Grenzen gewöhnlicher Erfahrung liegt. Ein entscheidender Punkt, [...] ist nämlich, daß wir verstehen,
was wir intuitiv wissen, auch wenn es vielleicht unmöglich ist, auszudrücken, was wir wissen.
Institutionen stehen im Gegensatz zum Individuum und zur gnostischen Erkenntnis. Sie sind Produkte
menschlicher Zivilisation, wogegen das innere Wissen ein Produkt menschlicher Erfahrung ist.
Institutionen, einschließlich Wissenschaft, Medizin und Religion, sind mehr daran interessiert, sich als
Institutionen per se selbst zu erhalten als einem individuellen Leben zu dienen, geschweige denn es zu
verstehen. Außer an sich selbst sind Institutionen nur an Konformität mit ihren eigenen Werten
interessiert.“
Cytowic, Farben hören, Töne schmecken., a. a. O., S. 56. Hervorhebungen im Original.
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meinen, die Unterscheidung zwischen Gut und Schlecht sei eine kognitive Funktion, die sich auf Lebenserfahrung, Erziehung, emotionale Einstellungen sowie auf Sitten und Gebräuche stützt. Dem ist nicht so. Daß schon Strukturen des Hirnstamms auf völlig unbewußter Ebene unterscheiden können, ließ mich erkennen, daß sich Synästhesie sogar auf so tiefen Ebenen des Nervensystems abspielen könnte. [...] Genauso hatten sich bislang Hinweise darauf ergeben, daß Synästhesie sich vermutlich nicht auf der sprachlichen Ebene, der höchsten Stufe der abstrakten Gehirntätigkeit, abspielt.“ 42
Gerhard Roth beurteilt in seiner Rezension über Cytowics Buch diese pathologische Erklärung äußerst kritisch und stellt seine eigen Ansicht vor:
„Über haupt ist die Grundidee, bei der Synästhesie handle es sich um eine limbische (Über-) Funktion, kaum mit dem, was man über den (sehr genau untersuchten) Hippocampus weiß, in Übereinstimmung zu bringen. Viel wahrscheinlicher ist, daß bei der Synästhesie Vorgänge aus (meist bewußtlosen) primären und sekundären sensorischen corticalen Verarbeitungsarealen in die bewußtseinsfähigen assoziativen Areale durchschlagen - vergleichbar einem elektrischen Kurzschluß. Eine elektrische Stimulation ersterer Areale bringt nämlich Erlebniszustände hervor, die den Synästhesien stark ähneln.“ 43
Heinz Werner hingegen vertritt eine anthropologische Erklärung der Synästhesie. Danach sei die Ausdifferenzierung in einzelne Wahrnehmungsqualitäten eine Leistung der Kulturevolution des Menschen. Synästhesie bekommt danach einen Rudimentstaus zuerkannt.
„Man kann interessanterweise [...] Schichten beim Kulturmenschen bloßlegen, die genetisch vor den Wahrnehmungen stehen und die als ursprüngliche Erlebnisweise beim sachlichen Menschentyp teilweise verschüttet sind. In dieser Schicht kommen die Reize der Umwelt nicht als sachliche Wahrnehmungen, sondern als ausdrucksmäßige Empfindungen, welche das ganze Ich erfüllen, zum Bewußtsein. In dieser Schicht ist es tatsächlich so, daß Töne und Farben vielmehr empfunden als wahrgenommen werden.“ 44
Diese angenommene frühere phylogenetische Einheit der Sinne veranlaßte im übrigen Max Nordau zu einem heftigen Vergleich von Mensch und Auster. Er wendet sich damit massiv gegen Synästhesie als Paradigma der Kunst.
Wissenschaft, September 1997, S. 118 f.
1. Band: Allgemeine Psychologie. I. Der Aufbau des Erkennens. 1. Halbband: Wahrnehmung und
Bewußtsein., herausgegeben von K. Gottschaldt et. al., Göttingen 1966, S. 297.
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„Die Verknüpfung, die Umsetzung, die Verwechslung der Gehörs - und Gesichtswahrnehmungen zu einem Kunst-Grundsatze erheben, in ihm Zukunft sehen zu wollen heißt die Umkehr vom Menschen- zum Austernbewußtsein als Fortschritt zu bezeichnen.“ 45
Zu beachten ist hierbei allerdings, daß Nordau an der Deutung bzw. ‚Nutzung’ des Phänomens Kritik übt. Eine solche Präfomationsthese, wie die von Werner geäußerte, steht allerdings nicht unbedingt im Einklang mit den biologischen Gegebenheiten. Denn wenn tatsächlich ein einheitlicher Ursinn synästhetische Wahrnehmungsfunktion gehabt haben sollte, dann ist schlichtweg, im Sinne evolutionstheoretischer Überlegung, die Frage nach dem Sinn von getrennten Wahrnehmungsstimuli zu stellen. Denn dann müßte es ja nur eine Reizqualität gegeben haben, die als Archetypus sich erst mit der Entwicklung getrennter Sinnesmodalitäten aufgefächert hat. Dieser Gedanke steht dem Konzept eines undifferenzierten Ursinns, der synästhetisch wahrnähme, entgegen und plädiert eher für ein Epigenesis-Modell der sinnphysiologischen Ausbildung. Alles andere würde bedeuten, daß es universelle Prädikate für die Beschreibung der Wahrnehmungsqualitäten geben müßte, das heißt am Beispiel, nur Rauhigkeit gleich ob die akustische oder taktile Dimension gemeint ist. An dieser Stelle ist die Einheit der Prädikate in einer veränderten Dingontologie zu suchen, die weiter unten beleuchtet werden soll. Bereits Maurice Merleau-Ponty schrieb:
„Als unvergleichliche Qualitäten genommen, gehören die Gegebenheiten d er verschiedenen Sinne ebenso vielen verschiedenen Welten zu; insofern aber eine jede ihrem eigensten Wesen nach eine Weise der Modulation der Dinge ist, kommunizieren sie sämtlich miteinander durch ihren Bedeutungskern.“ 46
Insofern kann dies bereits als Gedankensplitter für die weiter unten zu beschreibende Synmodalästhetik memoriert werden. Eines sollte dies auch deutlich gemacht haben: der Erklärung von Synästhesie als rudimentärer Ursinn, welcher bei Synästhetikern anscheinend aktiviert sein müßte, wird hier mit Skepsis begegnet.
Ein anderer Erklärungsversuch von Synästhesie folgt einem ähnlichen Motiv. Danach bildet sich die Trennung der einzelsinnlichen Modalitäten erst in der Phase der Adoleszenz heraus. Diese Entgrenzung in einzelne Sinne durch ‚Trennwände’ zwischen den Sinnen sei bei Synästhetikern eben nicht vorhanden bzw. unvollständig. Kleinkinder müßten demnach synästhetisch wahrnehmen. Mit dem eben eingeführten Argument ist diese Sichtweise ebenfalls eher skeptisch zu betrachten.
1966, S. 269.
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Ferner teilt Helmut Rösing in der Musik in Geschichte und Gegenwart noch einige kuriose Erklärungsversuche für Synästhesie mit:
„Insgesamt gesehen machte sich jedoch Ernüchterung breit, zumal den nach wie vor propagierten metaphysisch-spekulativen Theorien (z.B. Synästhesie als Offenbarung höchster metaphysischer Zusammenhänge: E. Gruber 1893; Synästhesie als Abbild der Harmonie des Universums: A. Grafé, 1898) nur weniges an wissenschaftlich abgesicherten Fakten entgegengesetzt werden konnte. Mit dem Aufkommen der Psychoanalyse schließlich geriet Synästhesieforschung vorübergehend in die Abhängigkeit von Untersuchungen zum Unterbewußten, zur Traumdeutung und zur frühkindlichen Erotik (z. B. H. von Hug-Hellmuth, 1912; O. Pfister 1912).“ 47
Warum werden bzw. wurden solche Deutungen überhaupt in Erwägung gezogen?
„Menschen neigen dazu, ungewöhnliche Erfahrungen übernatürliche Bedeutung zu unterstellen; dies rührt daher, daß das Wesen der Wahrnehmung immer in Sinnsuche besteht und sie stark emotionale Wirkungen ausübt. [...] wäre es vermessen, solchen Bildern kosmische Bedeutung zu unterstellen.“ 48
2.3. Über die Häufigkeit des Auftretens von Synästhesie.
Über die Häufigkeit des Auftretens von Synästhesie gibt es unterschiedliche Angaben. Statistisch zuverlässige Zahlen sind nur schwerlich auszumachen, da nicht zuletzt das Phänomen Synästhesie von ‚Betroffenen’ als nicht unbedingt besonders bemerkenswert erachtet wird. Zeigen doch einige Berichte, daß Synästhetiker regelrecht verwundert darüber sind, daß Synästhesie etwas nicht der Norm entsprechendes ist. Und genau diese Verwunderung, diese Normalität die Synästhetiker ob ihrer Anlage empfinden, findet sich in fast jedem Erlebnisbericht.
„Bis zur Pubertät lebte ich in der Meinung, das ‚Farbensehen’ gehöre zur Normalität eines jede n Menschen. Mit Erschrecken und Komplexen reagierte ich darauf, dass, als ich davon sprach, meine Umwelt mich als schizothym bezeichnete.“ 49
der Musik., herausgegeben von Ludwig Finscher, 2. Auflage, Kassel etc. 1998, Sachteil Band 9, Spalte
171 f.
Zedler, Welche Farbe hat der Montag? Synästhesie: das Leben mit verknüpften Sinnen., Stuttgart
2001, S. 136.
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Zugleich wird hier die Form von Synästhesie angesprochen, die sogenannte ‚audition colorée oder ‚coloured-hearing’, die am zahlreichsten beobachtet wurde.
„Die meisten Abhandlungen beschäftigten sich mit dem Farbenhören, das, wie ich [R. E. Cytowic] herausfand, die häufigste Form der Synästhesie ist.“ 50
Die musikalische Synästhesie setzt hauptsächlich an der Rezeptionsseite an. Dennoch haben sich berühmte Namen wie bspw. Alexander Skrjabin (1872-1915) und György Ligeti (1923) in die Musikgeschichte als Synästhetiker eingeschrieben. Skrjabins einsätzige Symphonie Prométhée. Poème du feu., op. 60 mit Klavier, Orgel und Chor, entstanden in den Jahren 1908-1910, ist dabei mit ihrer Luce-Stimme ein Beispiel, wie Farben tönend komponiert wurden. 51 Die New Yorker Erstaufführung fand dementsprechend auch unter Einsatz eines Farbenklaviers statt. Näher soll hier darauf nicht eingegangen werden. Interessanter ist vielmehr die Frage, welche musikalischen Elemente als auslösender Stimulus für Synästhesie gelten können. Helga de la Motte-Haber führt dazu aus:
„Große Unterschiede existieren im Hinblick darauf, welche musikalischen Eigensc haften farblich interpretiert werden, ob Einzeltöne, Intervalle, Tonarten etc. Merkwürdig wenige Berichte betreffen Instrumentalfarben, obwohl diese sehr stark modifizierend wirken, wenn ein Hörer einen Farbe-Ton-Zusammenhang ausgebildet hat.“ 52
Neben dem Farbenhören finden sich in den Erfahrungsberichten alle möglichen Kombinationsmöglichkeiten von gekoppelten Sinneswahrnehmungen.
„Neben Hören und Sehen können grundsätzlich alle anderen Sinne miteinander verknüpft sein, in seltenen Fällen sind sogar mehr als zwei Sinne betroffen (‚polymodale’ Synästhesie).“ 53
Auch eine geschlechtsspezifische Abhängigkeit wird immer wieder konstatiert:
komponiert hat, sind im folgenden die Töne angegeben.
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„ [...] bei Frauen tritt Synästhesie siebenmal häufiger als bei Männern auf, was mit Emotionalität zusammenhängt.“ 54
Eine speziellere Angabe wird aus Hannover gegeben:
„Synästhesie ist offensichtlich - zumindest teilweise - anlagebedingt, denn einerseits ist das Geschlechterverhältnis deutlich 8:1 zugunsten der Frauen verschoben, zum anderen gibt es familiäre Häufungen von bis zu 3 Synästhetikern in einer Familie über 3 Generationen hinweg. Deshalb wird vermutet, dass das Phänomen durch eine Anlage auf dem X-Chromosom ausgelöst werden könnte oder aber dass hormonelle Faktoren bei der Steuerung der Gehirnentwicklung beteiligt sind.“ 55
Besonders hervorgehoben werden muß, daß sich die in Hannover etablierte Forschungsgruppe ebenfalls einer begrifflichen Konfusion des Synästhesiebegriffes ausgesetzt sieht und sich zu einer Unterscheidung in „genuine Synästhetiker“ und „Randgruppen -Synästhetikern“ bzw. „metaphorische Synästhetiker“ gezwungen sah. 56 Bei letzteren handele es sich um Probanden, bei denen Gefühle selbst Inhalt einer synästhetischen Wahrnehmung werden. 57 Damit bekommt eine normalerweise intrapersonale Qualität, die normalerweise die Folge einer Wahrnehmung ist, den Status einer Wahrnehmungsqualität.
„Sie empfinden Gefühle einfach nicht nur, sondern sie sehen sie in einem inneren Schema noch einmal vor sich, sie können sich ihre Emotionen bewusst machen und haben dadurch die Möglichkeit, sich noch einmal in einer bestimmten Weise zu verhalten - sie zu verändern, abzulehnen, abzuwandeln, zu verstärken oder sich stärker auf sie einzulassen.“
Es ist verständlich, daß diese Probanden in der Regel aus den Untersuchungen zur Synästhesie ausgeschlossen werden, 58 da hier ja kein Objekt bzw. objektiver Stimulus zu einer Wahrnehmungsqualität führt. An anderer Stelle schreibt Emrich allerdings:
„Eine - zumindest partielle Legitimation -, die metaphorischen Synästhetiker nicht aus der Untersuchung völlig auszuschließen, ergab sich dann insbesondere durch die Erkenntnis, daß eine Subgruppe von Probanden existiert, die eindeutig beiden zuzuordnen ist, deren Mitglieder also sowohl genuin synästhetische Eigenschaften als auch gefühlssynästhetische Eigenschaften zeigten.“ 59
Elfrun Holtmann, „Gefühls -Synästhesie.“ in: ebenda, S. 110-115.
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Nach dieser Einführung einer nicht die Wahrnehmungssinne verlangenden ‚Synästhesie’, soll nun der Blick auf die Häufigkeit des Auftretens von ‚echter’ Synästhesie oder Synästhesie im engeren Sinne gelenkt werden.
„Bleuler und Lehrmann (1881) stellten in einer Befragung fest, daß 76 von 596 Personen, also 12,7%, die Fähigkeit zur Doppelempfindung besitzen. Das entspricht den Angaben von Colman (1898), der auch eine Schätzung von 12% angibt. Eine systematische Behandlung dieses Phänomens ist trotz der großen Wahrscheinlichkeit des Auftretens nur schwer möglich, weil die visuellen Erscheinungen mannigfaltig sind und verschiedene Personen nicht einmal auf den gleichen akustischen Reiz reagieren. So bleibt nur die Einzelfallbeschreibung.“ 60
Jewanski macht die folgende Angabe:
„Über die Häufigkeit des Auftretens von Synästhesien gibt es in den letzten Jahren neuere Zahlen. CYTOWIC (1989) hatte 1:300.000 angenommen, diese Zahl aber 1995 auf 1:25.000 korrigiert. Im Augenblick (1998) [...] wurde als Häufigkeit 1:500 genannt, [...]“ 61
In etwa der gleiche Rahmen wird an anderer Stelle genannt:
„Synästhesie i.e.S. kommt extrem selten vor. Genaue Zahlen sind nicht verfügbar, Schätzungen schwanken zwischen 1 von 100.000 [nach: Hinderk Emrich, Karen Trocha, „Synästhesie: Multimedia der Seele.“ in: Psychologie heute., 09/1996, S. 28.] und 1 von 2000 [nach: Alison Motluk, „How Many People Hear in Color?“ in: New Scientist., 27. Mai 1995, S. 18.] Menschen. Die bisherigen Studien zeigen, daß das Phänomen bei Frauen häufiger als bei Männern auftritt und daß es familiäre Häufungen gibt, Synästhesie also möglicherweise vererbt wird.“ 62
Die Schätzungen tragen eher den Charakter von Spekulationen. Es wurde nie mitgeteilt, auf welcher Grundlage sie entstanden sind. Eine verläßliche Angabe wäre sehr hilfreich und wünschenswert, um abschätzen zu können, inwieweit der Synästhesie tatsächlich die Bedeutung eines der ‚normalen’ Wahrnehmungsweise entgegengesetzten Modus zugesprochen werden kann. Es wäre anhand eines solchen Nachweises zu erkennen, ob mit Kleinen gesagt werden kann:
„Synästhesie als empirisches Phänomen gehört zur alltäglichen Wahrnehmung.“ 63
Perspektiven zu Musikpädagogik und Musikwissenschaft., herausgegeben von Walter Gieseler,
Siegmund Helms, Reinhard Schneider, Band 21), Kassel 1994, S. 69.
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Dies ist auch das Stichwort für die folgenden Ausführungen. Denn Synästhesie wurde zuweilen als biologische Veranlagung in ihrer Geschichte als abnormer körperlicher Zustand gewertet. Interessante Einblicke ergeben sich soziologischer Hinsicht, wann etwas als ‚krank’ oder ‚abnorm’ klassifiziert wird. Gesellschaftskritisch, dies sei vorausgeschickt, ist anzumerken, daß es anscheinend eine Errungenschaft der modernen Medizin darstellt, einen festen Kanon von Krankheitskriterien formuliert zu haben. Dieser muß aber auch nicht für alle Zeiten unabhängig und autonom sein, sondern kann durchaus Verhältnissen unterworfen werden.
2.4. Synästhesie ist (k)eine Krankheit.
In der Literatur wird stets darauf verwiesen, daß Synästhesie keine Krankheit ist. Obgleich auch stets darauf verwiesen wird, daß Synästhesie, bzw. Synopsie als älteren, einen Spezialfall der Synästhesie bezeichnenden Begriff, 64 als Krankheit bewertet wurde.
„Zusammen mit dem 1893 von Théodore Flournoy im Auftrag der Kommission herausgegebenen Buch über Phänomene der Synopsie widerlegen sie das gerade in medizinischen Kreisen seinerzeit noch weitverbreitete Vorurteil, daß es sich bei Synästhesie um eine krankhafte bzw. pathologische Erscheinung handele (visuelle Störung: C. A. Cornaz 1848: Ideenkonfusion: Chabalier 1864; abnorme Nervenverbindung: Pouchet/Tourneux 1878; Atavismus: M. Nordau, 1892, S. 217 ff.: Literaturangaben s. F. Mahling in G. Anschütz 1927, S. 321 und 401 ff.).“ 65
Allerdings erscheint es geboten das Kriterium einer Krankheit, sei es nun die Therapiewürdigkeit, medizinisch behandelbare Normabweichungen, oder etwas anderes, zu bestimmen, um auch mit Sicherheit auszuschließen zu können, daß es sich nicht tatsächlich um eine Krankheit handelt. Zudem bietet sich an dieser Stelle die günstige Gelegenheit zu überprüfen, ob die früheren Einstufungen der Synästhesie auch tatsächlich auf der Grundlage der jeweilig geltenden Ansicht von ‚Krankheit’ vorgenommen wurde oder ob es sich, wie es bedauerlicherweise oft der Fall ist, um eine reine Frage der Beurteilung aufgrund von, wie auch immer aufgestellten, Normen handelte. 66
Unter Photismus ist die Licht- und/oder Farbempfindung bei Reizung anderer, unspezifischer
Sinnesorgane zu verstehen.
20. Jahrhunderts reichte, daß Homosexualität auch eine Krankheit sei. Hier sei auch auf die oben
aufgeführte soziologische Definition von Krankheit verwiesen.
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Eine hilfreiche Handgabe für diese Problematik ist in Emanuel Berghoffs Entwicklungsgeschichte des Krankheitsbegriffes zu finden. 67 Danach finden die vielfältigsten Faktoren, je nach geschichtlicher Epoche, 68 Eingang in den jeweilig gültigen Krankheitsbegriff. Zur Demonstration sei an dieser Stelle zitiert:
„Dem primitiven Denken galt die Krankheit, wo die Ursache nicht grob sinnlich wahrnehmbar war, als Ausfluß einer dämonischen Macht. Die Krankheit ist ein Wesen, ein Dämon, ein Tier oder Geist [...] oder die Strafe der Götter [...] oder nichts anderes als - Zauber.“ 69
Heute (2002) sind gewiß solche Ansichten nicht mehr weit verbreitet und wenn, dann zumindest nur noch in mehr oder weniger stark esoterischen Ansichten zu finden. Ein anderes, nicht naturwissenschaftliches, Phänomen, das nicht geringeren Einfluß auf den Krankheitsbegriff hatte, ist in dem folgenden Ausschnitt zu sehen.
„Auch die Volksmedizin hat äußerst mannigfaltige Beziehungen zu den Krankheitstheorien.“ 70
Eben dieses Problem wird auch von Otto Döhner, sowie in der gesamten hierzu gesichteten Literatur, angesprochen:
„Auf eine weitere Differenzierung des Krankheitsbegriffes mit entsprechenden Konsequenzen für das Krankheitsverhalten verschiedener Bevölkerungsgruppen muß noch hingewiesen werden. Gemeint ist die Unterscheidung zwischen volkstümlichen Auffassungen und Einstellungen der medizinischen Laien zu Gesundheit und Krankheit [...]“ 71
Hier zeigt sich auf nicht ungefährlichem Gebiet, daß nicht nur Aberglaube sondern auch der mögliche Irrtum einer Gemeinschaft erheblichen Schaden in physischer sowie psychischer Hinsicht anrichten kann. Treffen unter Umständen noch beide Elemente, Aberglaube und Druck der Gemeinschaft, zusammen, dann sind rationale Argumente nicht mehr von Bedeutung. Die mittelalterliche Hexenverfolgung aber auch die Judenverfolgung im Dritten Reich zwischen 1933 und 1945 legen davon beredtes Zeugnis ab. Auch Berghoff wird unter
der Medizin., herausgegeben von demselben, Band 1), 2., vollständig neubearbeitete und erweiterte
Auflage, Wien 1947.
Oder auch:
G. B. Gruber, H. Schadewaldt, „Der Krankheitsbegriff, seine Geschichte und Problematik.“ in:
Handbuch der allgemeinen Pathologie., herausgegeben von H.-W. Altmann et al., Band 1, Berlin,
Heidelberg, New York 1969, S. 1-50.
Jahrhundert. Eine historisch-medizinsoziologische Untersuchung anhand von gedruckten
Leichenpredigten., Diss. Medizinische Hoschschule Hannover 1977, S. 20. Hervorhebungen im
Original.
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der Einsicht, daß Aberglaube und zivilisatorischer Massendruck unanhängig von angenommenem zivilen und mündigen Fortschritt zu sehen ist, zu folgendem veranlaßt:
„Man weiß heute, daß Empirie und logisches Kausaldenken ebenso in früheren Kulturen zu finden sind, wie sich andererseits praelogisches Denken auch in unserem, modernen wissenschaftlichen Zeitalter noch behauptet hat.“ 72
Von diesem und von dem Fakt des akademischen Egoismussees wird noch zu berichten sein. Unmißverständlich soll aber auch an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht werden, und die Warnung ausgesprochen sein, daß politische, ethische und moralische Sicherheit nie als Selbstverständlichkeit aufgefaßt werden darf und daß sich vermeintliche Stabilitäten jederzeit ändern können.
In der Berghoffschen Publikation läßt sich denn auch der lange Weg zu einer modernen Auffassung des Krankheitsbegriffes, wie ihn unter anderem auch die World Health Organisation pflegt, nachvollziehen. Demnach ist zu zitieren:
„Also: was ist der offizielle Krankheitsbegriff unserer Zeit? Wie Sie wissen, hat sich die Weltgesundheitsorganisation - WHO - darüber Gedanken gemacht. Mir scheint, daß sie an dem Krankheitsbegriff gescheitert ist und einen Ausweg gesucht hat - und das war denn: Krankheit - das ist fehlende Gesundheit. Damit ist es nötig, ‚Gesundheit’ zu definieren. Man sieht geradezu die sich auftürmenden Schwierigkeiten für die WHO-Väter - die ja aus aller Herren Länder stammen, aus den verschiedensten Kulturkreisen, mit den mannigfaltigsten geistesgeschichtlichen Hintergründen: Und da kommt die Definition zustande: ‚Gesundheit ist der Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens - und nicht allein Freiheit von Krankheit und Gebrechen.’“ 73
Daß eine solche offizielle Sichtweise auf Krankheit in der heutigen Zeit (2002) enorme Konsequenzen mit sich bringt, zeigt der Bericht Beckers sehr deutlich. So sei nur darauf verwiesen, daß das natürliche Altern in dem Nachsatz der Definition von Gesundheit als krank klassifiziert wird. So war es denn auch in Deutschland 1999 notwendig, eine von der Krankenversicherung abgetrennte Pflegeversicherung einzuführen. Becker konstatiert deshalb sehr richtig:
„Der Generalirrtum ist der Kurzschluß des Gegensatzpaares Gesundheit - Krankheit, - wie im Kreuzworträtsel, wenn nach dem Gegensatz von ‚gesund’ gefragt wird. Hans Schäfer (1976)
Krankheitswesen. Wissenschaftliche Festsitzung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften zum
80. Geburtstag von Wilhelm Doerr., herausgegeben von V. Becker, H. Schipperges,
Berlin etc. 1995, S. 2.
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macht darauf aufmerksam, daß es eben keine Diskriminanzanalyse für die Entscheidung zwischen ‚gesund’ und ‚krank’ gibt [...]. Gesundheit und Krankheit gehören zusammen - aber nicht als Gegensätzliches, wohl als alternative Erscheinungsweisen des Lebens (E. Müller 1969).“ 74
Für die Diskussion der weiteren evidenten Folgen eines gültigen Krankheitsbegriffes sei auf den Aufsatz von Becker verweisen. Eine andere Folge eines gültigen Krankheitsbegriffes wird in dem folgenden deutlich. Gerade in der Zusammenschau mit der Erscheinungsform der Synästhesie spielt diese soziologische Ansicht eine eminente Rolle.
„Ein anderer Definitionsansatz von ‚Gesundheit’ und ‚Krankheit’ bedient sich der soziologischen Rollentheorie. Von Talcott PARSONS stammt der folgende Versuch einer Abgrenzung: ‚Gesundheit kann definiert werden als der Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert worden ist. Sie wird damit definiert in bezug auf die Teilhabe des Individuums am Sozialsystem. Sie wird ferner damit definiert als relativ zu seinem ‚Status’ in der Gesellschaft, das heißt zu einem differenzierten Rollentypus und entsprechender Aufgabenstrukturdifferenziert zum Beispiel nach Geschlecht oder Alter, nach der erreichten Bildungsstufe und ähnlichem ... Krankheit ist auch ein sozial institutionalisierter Rollentyp. Am allgemeinsten wird er charakterisiert durch eine ihm zugeschriebene generalisierte Störung der Leistungsfähigkeit des Individuums für die normalerweise erwartete Erfüllung von Aufgaben oder Rollen, die nicht spezifisch ist für seine Bindung an eine besondere Aufgabe, Rolle, ein besonderes Kollektiv, eine Norm oder einen Wert im besonderen.’“ 75
Hiernach stellt sich in bezug auf die Wahrnehmungsqualität der Synästhesie die Frage nach der Leistungsfähigkeit eines synästhetisch wahrnehmenden Individuums. Wie weiter unten zu sehen sein wird, ist eine Voraussetzung des Handelns das Bewußtsein. Neben dem Erkennen und Wissen stellt es in Verbindung mit der Wahrnehmung die wichtigsten Grundfesten des menschlichen Daseins dar. Als eine Konsequenz von Synästhesie ist so die gesellschaftliche Einordnung zu sehen. Synästhetiker verletzen, nicht gewollt, gesellschaftliche Konventionen indem das synästhetische Ereignis bzw. Ergebnis der Reizwahrnehmung, des Reizeinflusses eine andere Bedeutung erhält und die richtige erlernt werden muß. Als Beispiel läßt sich die Regelverletzung im Straßenverkehr andenken, wenn ein Synästhetiker bei Rot über die Ampel geht. Rot ist für die nichtsynästhetisch wahrnehmende Mehrheit eine Warnfarbe die bereits
Struktur Amerikas.“ in: Der Kranke in der modernen Gesellschaft., herausgegeben von A. Mitscherlich
et al., Köln, Berlin 1967, S. 71.] zitiert nach: Döhner, Krankheitsbegriff, Gesundheitsverhalten, und
Einstellung zum Tod im 16. bis Jahrhundert., a. a. O., S. 19. Hervorhebungen im Original.
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auf der anthropologischen Ebene ansetzt. Erst in der nachfolgenden Reizverarbeitung wird die erlernte Bedeutungsebene, des Verbotes über die Ampel zu gehen, eingefügt. Damit ist zu konstatieren, daß in diesem Falle sich eine gesellschaftliche Konvention auf eine evolutionäre Gegebenheit stützt. Damit hat die mehrheitlich nichtsynästhetische Gesellschaft sich einen eigenen Vorteil selbst geschaffen, indem sie sich diese Veranlagung zu nutze machte. Sicher muß ein Synästhetiker in der Lage sein, diese konventionelle Bedeutung, die ungleich dem synthetischen Ergebnis ist, zu lernen, zu trainieren. In dem oben angeführten Krankheitsbegriff würde ein Synästhetiker aber diese geforderte Leistung nicht erbringen. Er kann sie nur mit weiteren Aufwand wieder ausgleichen. In dem Sinne dieser Krankheitsdefinition wäre er krank.
Bereits Bleuler und Lehmann haben sich der Frage gegenüber gesehen, inwieweit ein eventueller Krankheitsstatus von Synästhesie in Betracht zu ziehen ist.
„Wenden wir uns nun zur Frage, ob die S ecundärempfindungen den physiologischen oder pathologischen Hirnfunctionen zuzuzählen
s e i e n . Insofern die Menschen mit Doppelempfindungen nur einen kleinen Procentsatz der Gesamtheit ausmachen, müssen sie gewiß als Ausnahmen der Norm gegenübergestellt, und so das Vorkommen jener Empfindungen als pathologisch betrachtet werden. Es erwächst aber den damit behafteten niemals ein Schade daraus, sie sind so gut existenzfähig wie jeder Andere, in dieser Beziehung sind sie also den Gesunden beizuzählen - wenn nur nicht das Ganze bloss ein häufiges Symptom einer neurotischen resp. psychotischen Anlage darstellt.“ 76
Interessant erscheint, daß bereits hier, wenn auch nur in abgemilderter Form, die eben besprochene Leistungsfähigkeit mit anklingt. Sicher, es ist ein großer Unterschied zwischen Existenzfähigkeit und Leistungsfähigkeit - aber im 19. Jahrhundert sind die Anfänge der Ökonomisierung der Lebensumwelt. Es wäre eine gesonderte Betrachtung notwendig um die gegenseitige, nicht philosophische sondern soziologische, Beeinflussung dieser zwei Begriffe zu betrachten. Wichtig ist aber der Hinweis auf die grundlegende Funktion der beiden Modi von synästhetischer und ‚normaler’, d. h. nichtsynästhetischer, Wahrnehmung auf die Welterfahrung. Dieses zeichnet nicht zuletzt auch für die Handlungen Verantwortung. Und es zeigt einmal mehr, daß solch komplexe Systeme mehr einer integrativen Betrachtungsweise zu unterziehen sind als einer analytischen.
Aus einem anderen Blickwinkel heraus hat Gerhard Kloos die medizinische Betrachtung von Synästhesie vorgenommen - aus der psychiatrischen Perspektive.
Erscheinungen., Leipzig 1881. S. 58. Hervorhebung im Original.
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„Schließlich wird sich wohl oder übel auch die Frage ergeben, ob die Synästhesien noch zu den normalen oder schon zu den abnormen Bewußtseinsvorgängen zu zählen sind.“ 77
Da die methodische Herangehensweise von Kloos primär auf die „psychischen Tiefenmechanismen“ abstellt, 78 die Untersuchung an einem psychisch kranken Menschen vorgenommen wurde, ist die Antwort auf die „Frage nach dem Wesen der Synästhesie“ unter diesen Prämissen zu sehen. 79 So ist dann auch die Erklärung, rekurrierend auf die von Wundt beschriebene Theorie der phylogenetischen Entwicklung der Sinne aus einem Sinn, von Kloos zu verstehen und zu werten:
„Für die psychatrische Auffassung ist vor allem die Herkunft der Synästhesie aus archaischen Wurzeln maßgebend. Wenn sie, wie das in sehr ausgesprochenen Fällen vorkommt, das ganze Wachbewußtsein aufdringlich beherrscht, und nicht bloß in gewissen Ausnahmezuständen an die Oberfläche kommt, wird man mit Berechtigung von Entwicklungshemmung des Denkens, von einem Stehenbleiben auf einer Stufe geringerer intelektueller Differenziertheit sprechen können; [...]“ 80
Daneben sieht Kloos noch, daß Synästhesien „ psychiatrisch neutral“ sein können, wenn sie in „Zustände[n] herabgesetz ter Bewußtseinshelligkeit (Halbschlaf) [!]“ auftreten. 81 Dies zu kommentieren ist deshalb schwierig, da es ein bestimmendes Charakteristikum des Auftretens von Synästhesie ist, eben nicht in diesen Phasen mit eingeschränkter Aufmerksamkeit aufzutreten. Wesentlich klarere diagnostische Kriterien benennt Cytowic: 82
„Ich [R. E. Cytowic] entwickelte fünf Hauptkriterien für die Diagnose der Synästhesie. [...] 1. Synästhesie ist unwillkürlich, braucht aber einen Auslöser. [...] 2. Synästhetische Wahrnehmung wird projiziert. [...] 3. Synästehtische Wahrnehmungen sind dauerhaft, eindeutig zu unterscheiden und abstrakt. 4. [...] Synästhetische Wahrnehmungen prägen sich in das Gedächtnis ein. [...] 5. Synästhesie ist emotional und noetisch.“ 83
Mit diesen Kriterienkatalog weist Cytowic den Weg für Klaus-Ernst Behnes Abgrenzung von Synästhesie und intermodaler Analogie bzw. deren verschiedene Ausprägungen in Assoziation und Halluzination. Besonders an dieser Stelle zeigt sich der oben beschriebene
und der synästhetischen Anlage.” in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. (= Diss. Hamburg
1931) herausgegeben von G. Anton et al., Berlin 1931, Band 94, S. 421.
allerdings nicht als ‚Symptome’.
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Dualismus der Wahrnehmung in Synästhesie und intermodaler Wahrnehmung, die als unechte Synästhesie bezeichnet wurde.
Wahrnehmung, unter besonderer Berücksichtigung der Synästhesie, als Schlüssel zur Erklärung von Bewußtsein, bzw. dessen Entstehung, wird auch von der 1996 gegründeten Abteilung für klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover erforscht. 84 Dementsprechend ist im neuesten Forschungsbericht auch zu lesen:
„Fachleute nehmen heute an, dass durch die Kopplungen im Gehirn das Bewusstsein ges chaffen wird; damit könnte die Erforschung der Synästhesie auch zur Erklärung des Bewusstseins beitragen.“ 85
Hier wird auf der Grundlage medizinischer Gehirnforschung eine Erklärung des menschlichen Bewußtseins angestrebt. Im Gegensatz zu anderen Versuchen der Erklärung des Verhältnisses zwischen Synästhesie und Bewußtsein, die in diversen Auswüchsen wie bspw. dem Begriff von ‚Bewußtseinserweiterung’ huldigen, spricht sich dieser Ansatz für eine Form des integralen Bewußtseins aus. Als Nota sei hier verzeichnet, daß die Etymologie des Begriffes ‚Synästhesie’ tatsächlich mit dem Bewußtseinsbegriff verquickt ist. Bewußtsein im griechischem heißt: ‚synesis’ oder eben synaesthesis’. Jedoch hat die griechische Antike unter diesem Begriff auch unser heutiges ‚Glauben’ und vor allem den Gewissensbegriff subsumiert.
Es ist ausdrücklich zu betonen, daß Emrich et al. nicht von einer ‚Bewußtseinserweitung’, bzw. von einer kausalen Folge von Synästhesie die in diesem Begriff mündete, ausgehen. Dies wird verschiedentlich so dargestellt. So bspw. in einem Rundfunkfeature, gesendet am 05.11.2001 auf dem Radiosender NDR 4. Einzig die Hinweise auf psychische Eigenheiten, die bei einigen Probanden beobachtet wurden, wie
„ [...] erhöhte ‚Medialität’, also eine Neigung zum Übersin nlichen [...] Wachträumen, Wahrträumen und visionären Erlebnissen, die in die Zukunft weisen und oft etwas Richtiges prognostizieren [...]“ 86
könnten eine solche Interpretation zulassen. Dieses schwierige Themenfeld wird mit der Ansicht von dem integralen Bewußtsein beantwortet. Sie zielt darauf, daß in der modernen philosophischen Bewußtseinsforschung nicht länger der Gegensatz von Rationalität und Emotionalität aufrechterhalten werden kann bzw. sollte. Es wird anhand medizinischer
Synästhetiker treffen.
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Untersuchungen der Versuch unternommen, Ergebnisse der Gehirnforschung mit der Haupterrungenschaft der modernen Phänomenologie, der Intentionalität, zu verbinden. Nach Edmund Husserl ist unter der Intentionalität des Bewußtseins, die stetige Zielgerichtetheit desselben zu verstehen - ein Bewußtsein ohne Intentionalität ist also nicht möglich. Der in dieser philosophischen Überlegung enthaltene Gedanke, daß nach dem Wahrnehmen eines Gegenstandes dieser durch Intentionalität in dem eigenen Bewußtsein von dem eigenen Ich unterschieden wird, macht den Subjekt-Objekt Dualismus in besonderer Weise bemerkbar. Jean Paul Sartre kam denn schließlich zu der Annahme, daß das Nichts das Objekt und Subjekt voneinander trenne. Trotzdem bleiben die kategorial verschiedenen Begriffe von Wahrnehmung und Bewußtsein: Bewußtsein der Wahrnehmung und die Wahrnehmung des Bewußtseins. Daß die ‚normale’ Sinneswahrnehmung respektive die Synästhesie eben nicht alleinige Kategorien der Wahrnehmung, sondern auch hinreichend und notwendig für die Konstitution des Bewußtseins sein soll, spiegelt sich in dem Resultat der von Emrich et al. angestellten Überlegungen wider.
„Uns erscheint folgendes Modell plausibel: Die Kopplung der Sinne durch die Synästhesie kommt dadurch zustande, dass zwischen zwei Hirnrinden-Arealen eine ‚Brücke’ über das limbische System gebildet wird. Sie stellt gewissermaßen das ‚limbisch bewertende Zwischenglied’ dar, verknüpft die Sinneseindrücke also mit Emotionen und erzeugt dadurch erst die Kopplung im eigentlichen Sinne. Mit diesem Modell kann man ein Konzept für die Entstehung von Bewusstsein entwickeln. Nach diesem Konzept würde der ‚Konstruktivismus’ der Hirnrinde, bei der ein Weltmodell gestaltet wird, nur dann zu einer ‚Einheit des Bewusstseins’ führen, wenn zwei Hirnrinden -Bereiche, die miteinander in Beziehung treten sollen, über eine bewertende limbische ‚Brücke’ zusammengeführt werden. Dabei wird sowohl die kognitive (Erkenntnis-)Einheit als auch die ‚bewertende Einheit’ aktiviert und zu einem zusammenhängenden Ganzen verschmolzen. Welchem Teil des limbischen Systems diese Brückenfunktion zukommt, ist noch nicht klar; plausibel wäre jedoch eine Beteiligung von Strukturen des Hippocampus, da die Einheit der Sinne auch auf die Gedächtnisinhalte bezogen werden muss. Dieses Konzept würde auch gut zu unserer Erfahrung als Menschen und zu unserem Selbstverständnis passen, denn es bedeutet, dass wir nicht nur denkende, sondern immer auch fühlende Wesen sind. Gedanken und Wahrnehmungen bleiben nie ganz im abstrakten Sinne ‚kognitiv’, sondern w erden zugleich von unserem Gehirn bewertet und mit einem emotionalen Grundcharakter versehen. Dieses Ergebnis, wenn es sich bestätigt, würde bedeuten, dass Menschen aus den Synästhesie-Erlebnissen und der Erforschung der Synästhesie etwas sehr Grundsätzliches über sich selbst erfahren haben. 87
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In gewisser Weise wurde diese Ansicht bereits in der älteren Vorstellung von Bewußtsein als Mikrokosmos der den Makrokosmos widerspiegelt vertreten. Eines macht dies alles jedoch deutlich, daß nämlich das Bewußtsein abhängig von der Wahrnehmung ist und an dieser Stelle soll die Aufhebung der Trennung von Wahrnehmung und Bewußtsein bezweifelt werden. Es wird sich auf den Standpunkt gestellt, daß Synästhesie in erster Linie eine Kategorie der Wahrnehmung ist. Gesetz den Fall, das menschliche Auge wäre in der Lage UV-Licht wahrzunehmen. Dies wäre keine Bewußtseinserweiterung. Sicher, es würde den Menschen evolutionär auszeichnen - ob positiv oder negativ. Was damit ausgedrückt werden soll: Ein quantitatives Mehr an Sinneswahrnehmung (UV-Licht) bzw. ein qualitatives Mehr (Synästhesie) schafft im günstigsten Falle ein Mehr an Erkenntnis - ein Mehr an Wissen. Dieses aber wiederum in einen Ordnungszusammenhang bzw. eine Ordnungsstruktur bringen zu können ist Aufgabe des Denkens (und Zweifelns) und damit letztlich des Bewußtseins. Wissen ist also nicht alleinige notwendig hinreichende Bedingung für Bewußtsein. Ein ähnlich gelagerter Fall bei dem gern mit dem Begriff der Bewußtseinserweiterung argumentiert wird, ist der des Drogenkonsums. Könnte man bei einer LSD induzierten Synästhesie auch von einer Bewußtseinserweiterung sprechen. Bei Drogen im allgemeinen? Im Zustand oder in Prozeß der Erfahrung? Dies bringt in ähnlicher Weise das Verhältnis von Erfahrung und Bewußtsein auf den Plan; vielmehr des Verhältnisses zwischen Erfahrung und Wissen! Aber die Voraussetzung dafür bleibt die auch bereits begrifflich vom Bewußtsein geschiedene Wahrnehmung.
Die unübersehbare Leistung dieser Publikation ist darin zu suchen, daß sie philosophische und psychologische Fragestellungen auf der Basis der real vorhandenen Gegebenheit, nämlich des biologischen Menschen, thematisiert. Die dadurch gewonnene Standfestigkeit der neuen Erklärungen dürfte schwieriger zu erschüttern sein als alle je zuvor dagewesenen, denn das hieße den Menschen in seiner Biologie ändern zu müssen. Es wäre demnach mit einem Bewußtseinsbegriff zu operieren, der folgendes, in gewerteter Reihenfolge, beinhalten müßte: Bewußtsein als sinnliche Wahrnehmung und Erinnerung, Erkenntnis, Vernunft, Entscheidungsfähigkeit sowie jener ganze Komplex von Charakteristiken, die in dem Ausdruck der ‚Persönlichkeit’ zusammengefaßt werden.
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3. Audiovisuelle Wahrnehmung, Synästhesie und
Gesamtkunstwerk.
Wenn in der Vergangenheit immer wieder der Zusammenhang von Synästhesie und Kunst thematisiert wurde, dann wurde oft das Konzept des Gesamtkunstwerks bemüht. 88 Es scheint ein unwiderstehlicher Reiz in diesem Wort, Konzept, zu liegen, so daß es fast mit einem inflationären Gebrauch belegt wird. Sicherlich spielt dabei der Subjekt-Objekt-Dualismus eine entscheidende Rolle, in dem Tendenzen zur Auflösung desselben bereits enthalten zu sein scheinen. So ist es nicht verwunderlich, daß bspw. Adorno und Horkheimer im Film die endliche Verwirklichung dieses Konzeptes sahen. Gesamtkunstwerk und Synästhesie: die bestehende Vermischung dieser beiden Problemfelder soll nun kurz skizziert werden. Es findet sich im Schrifttum ein von Hans Günther herausgegebener Band mit dem Titel Gesamtkunstwerk. Zwischen Synästhesie und Mythos. 89 Bereits an erster Stelle, im Vorwort von Hans Günther, wird an das divergierende Verständnis der Begriffe Synästhesie und Gesamtkunstwerk erinnert, sie aber gleichwohl ins Verhältnis gesetzt.
„Die Gesamtkunst -Konzepte bewegen sich nach wie vor zwischen den von Wagner vorgegebenen Polen. Auf der einen Seite steht das synästhetische Laboratorium der Moderne mit seinen Prozessen der Umschmelzung der Künste und Gattungen und seiner Suche nach neuen intermedialen Kodierungen; auf der anderen Seite stehen die unterschiedlichen Versuche, den Künsten durch begeisternde Mythen zu erhöhter gesellschaftlicher Wirksamkeit zu verhelfen.“ 90
Hier wird die gesamte Tragweite der Annäherung an ästhetische Phänomene der Kunst angesprochen, die in ihrer Fundamentalbedeutung eine jede Betrachtung kennzeichnet. Wird mit dem ‚synästhetischen Laboratorium der Moderne’ grundsätzlich das Primat der
„Es ist in der Tat ein Leichtes, dem Doppelempfinden innerhalb unserer Wissenschaft sein besonderes
Plätzchen ausfindig zu machen: [...] 2. in der M u s i k ä s t h e tik, wo es die ganze Problemgruppe der
musikalischen Hermeneutik, des Charakters der Töne und Tonarten, der Tonmalerei und
Programmmusik [sic!] beherrscht, ferner - über die bloße Musikästhetik (als solche) hinausgreifend -für die Synthese der Künste: Fragen der Theaterregie, der Tanzkunst, des Gesamtkunstwerks, der
Farbenmusik usw., durchaus entscheidend ist; [...]“
Wellek, „Das Farbenhören im Lichte der vergleichenden Musikwissenschaft.“, a. a. O., S. 470.
Hervorhebung im Original.
Schriften zu Linguistik und Literaturwissenschaft., herausgegeben von Jörg Drews und Dieter Metzing,
Band 3), Bielefeld 1994.
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Arbeit zitieren:
Stephan Aderhold, 2002, Warum sitzt man in Opernhäusern auf gepolsterten Sitzen, riecht Geschichte und hörtsieht Musik? - Gedanken zu einer Synmodalästhetik, München, GRIN Verlag GmbH
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