1.0 Einleitung
Das Bildungs- und Ausbildungsverhalten von Männern und Frauen unterscheidet sich in der Gegenwartsgesellschaft kaum noch. Die Berufschancen von Frauen haben sich verbessert, die Erwerbstätigkeit beider Ehepartner ist in den jüngeren Kohorten zur Selbstverständlichkeit geworden. Wirkt sich dies nun auf die soziale Selektivität von Heiratsbeziehungen aus?
Eine Fülle von Studien zeigen, dass die Partnerwahl nur auf den ersten Blick höchst individuell und privat ist. Die Prozesse der Partnerwahl sind auch heute keinesfalls zufällig 1 - sondern ganz im Gegenteil: Partnerschaften sind gegenwärtig stärker sozial strukturiert als zu früheren Zeiten. Dabei bezieht sich diese Strukturiertheit auf verschiedene soziale Dimensionen: Beispielsweise lassen sich deutliche Muster hinsichtlich der Schulbildung, dem sozialen Status, der Religionszugehörigkeit oder des Altersabstandes zwischen den Partnern finden. Weit überzufällig finden Partner zusammen, die bezüglich ihres bisherigen Lebens eine gewisse Homogenität aufweisen. Es stellt sich also die Frage, wie sich diese sozialen Tatsachen erklären lassen, da doch die entsprechende soziologische Theorie eher von einer Entstrukturierung und zunehmenden Individualisierung ausgeht 2 .
Das Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit besteht darin, den Einfluss der Bildungsexpansion auf die bildungsspezifische Partnerwahl nachzuweisen und empirische zu untermauern. Dabei soll geklärt werden, ob die Wahl eines Lebenspartners in direkter Beziehung zum Bildungsabschluss steht.
Um in den folgenden Text einzuleiten wird im ersten Schritt der Analyse die Vorstrukturierung von sozialen Kontaktchancen über das Bildungssystem, durch das Kriterium von räumlicher Nähe, einer näheren Betrachtung unterzogen. In einem zweiten Schritt wird anschließend das Kriterium der sozialen Differenzierung zwischen den verschiedenen Bildungsgruppen und den von der
1Vgl. Klein, T.(2001): Partnerwahl und Heiratsmuster. Sozialstrukturelle Voraussetzungen der Liebe.
Opladen: Leske+Budrich, S.11.
2Vgl. ebd., S. 12 f.
2
Entstrukturierungsthese behaupteten Veränderungen diskutiert woraufhin im dritten Schritt die möglichen Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Bildungsangleichung ins Zentrum der Debatte rücken.
Abschließend werden im Fazit die Ergebnisse der Fragestellung zusammengefasst und erläutert.
2.0 Vorstrukturierung sozialer Kontaktchancen durch die Bildungsinstitution
Um die Vorstrukturierung von Kontaktchancen über den Besuch von Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen zu untersuchen, ist vorab klarzustellen, ob der Einfluss dieser Institutionen eher unter einer zeitlichen Perspektive bzw. anhand der Verweildauer von Jugendlichen in den Bildungseinrichtungen, oder eher unter einer institutionellen Perspektive, das heißt in Hinblick auf die Organisationsstruktur des Bildungssystems zu betrachten ist. Diese Differenzierung ist daher von Bedeutung, da sich in Abhängigkeit von der eingenommenen Perspektive unterschiedliche Folgerungen ergeben, insbesondere bezüglich der Chancen, mit Personen aus einer anderen Bildungseinrichtung in Kontakt zu treten 3 . Im Folgenden wird dies näher erläutert.
2.1 Die „zeitliche“ Perspektive
Die zeitliche Perspektive, angelehnt an ein von Mare für die Analyse von Bildungsungleichheit entwickeltes Erklärungsmodell 4 , betrachtet den Bildungs- und Ausbildungsprozess als eine Abfolge von alternativen Optionen an entscheidenden Übergangspunkten 5 .
3Vgl. Wirth, H. (2000) : Bildung, Klassenlage und Partnerwahl. Eine empirische Analyse zum Wandel
der bildungs- und klassenspezifischen Heiratsbeziehungen. Leske+Budrich, Opladen, S. 65.
4Vgl. Mare R.D. (1991): Five Decades of Educational Assortative Mating. American Sociological
Review, 56, S. 15 ff.
5Vgl. Wirth, H., a.a.O., S.65.
3
Am Ende jeder Bildungsstufe stehen demnach die Schüler vor der Entscheidung, die Ausbildung mit der erreichten Bildungsstufe zu beenden oder eben den Bildungsprozess durch den Übergang in die nächsthöhere Bildungsstufe fortzusetzen. Bezogen auf die hier interessierende Fragestellung der Strukturierung von sozialen Kontaktechancen wirkt das Bildungs- und Ausbildungssystem dann vor allem über die Verweildauer innerhalb des Bildungsprozesses 6 . Mit dem Übergang in die nächsthöhere Bildungsstufe verkleinert sich mit ansteigendem Bildungsniveau jeweils die Schülerpopulation. Da von Bildungsstufe zu Bildungsstufe nur jeweils die Schüler verbleiben, die ein höher angelegtes Bildungsniveau erreichen, verringert sich mit zunehmender Verweildauer innerhalb des Systems einerseits die Chancen auf gleichaltrige weniger qualifizierte Personen zu treffen, da diese ja bereits aus dem System ausgeschieden sind - andererseits sinkt jedoch für Schüler, die früher ihre Schullaufbahn beenden und daher nur ein niedrigeres Bildungsniveau erreichen, auch die Chance, in Zukunft auf eine höher qualifizierte Person zu treffen 7 .
Wird das Bildungssystem also aus zeitlicher Perspektive betrachtet, so bewirkt es mit zunehmender Verweildauer eine Homogenisierung von sozialen Kontaktchancen 8 insbesondere höher qualifizierter Personen. Letztendlich geht das Modell der sequentiellen Bildungsübergänge also davon aus, dass ein hierarchisch strukturiertes Bildungssystem vor allem Auswirkungen auf die unterschiedlichen zeitbezogene Kontaktchancen zu potentiellen Partnern hat und daher die Wahrscheinlichkeit bildungshomogamer Ehen mit zunehmendem Bildungsniveau steigt 9 .
6Vgl. Mare R.D., a.a.O., S. 15 ff.
7Vgl. Wirth, H., a.a.O., S. 65.
8Vgl. Germany (West). Statistisches Bundesamt, Germany. Statistisches Reichsamt, Germany
(Territory under Allied occupation, 1945-1955. Vereinigtes Wirtschaftsgebiet). Statistisches Amt
(2000): Wirtschaft und Statistik. Ausgaben 7-9, S. 698.
4
2.2 Die „institutionelle“ Perspektive
Während im ersten Fall, bezüglich der zeitliche Perspektive, eher von einem pyramidenförmigen Bildungssystem ausgegangen wird und die Folgerung naheliegt, dass die Vorstrukturierung von Kontaktchancen über das Bildungssystem insbesondere bei höher qualifizierten Abschlüssen Wirkung zeigt, legt die institutionelle Perspektive, welche eher einer säulenartigen Organisationsform 10 des deutschen Bildungssystems entspricht, erstens die These nahe, dass Kontaktchancen in erster Linie durch den eingeschlagenen Bildungsweg und weniger durch die Dauer der Ausbildung bestimmt werden. Hieraus folgt zweitens, dass die Homogenisierung von Kontaktchancen nicht erst, wie es aus zeitlicher Perspektive der Fall ist, beim Erwerb höher qualifizierter Bildungsabschlüsse einsetzt und daher die Wahrscheinlichkeit der bildungshomogamen Partnerwahl mit zunehmendem Bildungsniveau ansteigt 11 , sondern, dass die über die institutionelle Organisation des Bildungssystems erzeugten Gelegenheitsstrukturen zunächst für alle
Bildungsgruppen in ähnlicher Weise eine Partnerwahl innerhalb der eigenen Gruppe nahelegen.
9Vgl. Blossfeld, H.-P., & Timm, A. (1997): Der Einfluss des Bildungssystems auf den Heiratsmarkt. Eine
Längsschnittanalyse der Wahl von Heiratspartnern im Lebenslauf. Kölner Zeitschrift für Soziologie
und Sozialpsychologie, 49, S. 440 ff.
10Säulenartige Organisationsform des Bildungssystems: Das Bildungssystem entspricht dieser
Beschreibung nach drei nebeneinander stehenden Säulen, die keine bzw. nur wenige
Berührungspunkte aufweisen. Jede der Säulen steht hier für einen Schultypen: das Gymnasium, die
Realschule oder die Hauptschule.
11Vgl. With, H., a.a.O., S. 68.
5
Unabhängig von sonstigen Einflussfaktoren der Partnerwahl bewirkt demnach schon die Organisation des deutschen Bildungssystems für alle drei Bildungsgruppen 12 eine erhöhte Wahrscheinlichkeit der homogamen Partnerwahl 13 .
2.3 „Zeitliche“ versus „institutionelle“ Perspektive
Zwar hat sich das Modell der sequentiellen Bildungsübergänge, (zeitliche Perspektive s.o.) für die Analyse von herkunftsspezifischen Bildungsungleichheiten, insbesondere wenn es um den Vergleich von unterschiedlichen Bildungssystemen geht, als tragfähig erwiesen 14 , dennoch ist es fraglich, inwieweit mit diesem Ansatz die Strukturierung von Kontaktchancen durch das deutsche Bildungssystem adäquat erfasst werden kann 15 . Mit der Annahme, dass die Kontaktchancen innerhalb von Bildungsinstitutionen maßgeblich über die Verweildauer innerhalb des Bildungsprozesses beeinflusst werden, wird implizit ein Bildungssystem unterstellt, bei welchem die erreichbaren Qualifikationsniveaus bekanntermaßen nicht aufeinander aufbauen bzw. nur eine geringe institutionelle Differenzierung aufweisen. Gerade diese Bedingungen erfüllt das deutsche Bildungssystem aber nicht. Eher im Gegenteil- das dreigliedrige, hierarchisch organisierte Schulsystem in Deutschland
12Das deutsche Bildungssystem ist normalerweise in drei Schultypen gegliedert: das Gymnasium, die
Realschule und die Hauptschule. Die Bildungsgruppen gliedern sich folglich in Gymnasiasten,
Realschüler und Hauptschüler. Vgl. Liebold, L. (2008): Chancengleichheit im dreigliedrigen
Schulsystem? Soziale Benachteiligung auf Grund schulischer Selektion am Beispiel Hauptschule. GRIN
Verlag, Norderstedt, S. 3 f.
13Vgl. Wirth, H., a.a.O., S.68.
14Vgl. Henz, U., Maas, I.(1995): Chancengleichheit durch Bildungsexpansion. Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie, 47, S. 605 ff.
15Vgl. Wirth, H., a.a.O., S. 66.
6
selektiert sehr früh 16 . Nach dem Ende einer gemeinsamen Grundschulzeit, die in der Regel vier Jahre beträgt, erfolgt gewöhnlich die Selektion bzw. Kanalisation der Schüler in drei weitgehend voneinander abgeschottete Schultypen. Gymnasium, Realschule und Hauptschule erinnern stark an die institutionelle Perspektive, nach welcher das Bildungssystem eher einer säulenartigen Organisationsform entspricht (s.o.). Die Schulformen weisen auch hinsichtlich des Anforderungsprofils und der Ausbildungsmöglichkeiten deutliche Unterschiede auf und haben damit letztendlich auch deutliche Auswirkungen auf spätere berufliche Chancen 17 . Mit dem Übergang auf eine weiterführende Schule bzw. nach Beendigung der Grundschulzeit, ist die Bildungskarriere normalerweise bereits weitgehend festgelegt 18 . Wenngleich damit nur die groben Grundlinien des deutschen Bildungssystems skizziert sind, wird doch deutlich, dass es bezüglich der Vorstrukturierung von Kontaktchancen unter dem Aspekt der räumlichen Nähe einen erheblichen Unterschied macht, ob eine zeitliche oder organisatorische Perspektive zugrunde gelegt wird 19 .
Letztendlich ist die räumliche Vorstrukturierung von Kontaktchancen aufgrund der Organisation des Bildungssystems ein wichtiger, aber wohl nicht der zentrale Aspekt, der zur Abgrenzung von Bildungsgruppen beiträgt. Bedeutsamer ist hier vielmehr,
16Vgl. Gill, B.(2005): Schule in der Wissensgesellschaft. Ein soziologisches Studienbuch für
Lehrerinnen und Lehrer. VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden,
S.131.
17Vgl. König, W., Lüttinger, P., Müller, W. (1987): Eine vergleichende Analyse der Entwicklung und
Struktur von Bildungssystemen . Methodologische Grundlagen und Konstruktion einer vergleichbaren
Bildungsskala. CASMIN-Projekt. Arbeitspapier Nr. 12.
18Vgl. Ditton, H. (1995): Ungleichheitsforschung. In: Rolff, H. (Hg.): Zukunftsfelder von
Schulforschung. Deutscher Studienverlag, Weinheim, S. 91.
19Vgl. Wirth, H., a.a.O., S. 67.
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2010, Der Einfluss der Bildungsexpansion auf die bildungsspezifische Partnerwahl, München, GRIN Verlag GmbH
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