Pflanzen. 6
Was aber entscheidend für das Verständnis von Platons Sicht ist, ist die Identifikation der Person mit ihrer Seele. Daher lässt er auch Sokrates sagen: „[Kriton] wird dann auch bei der Bestattung nicht sagen, es sei Sokrates, den er aufbahrt, den er zu Grabe trägt oder den er begräbt.“ (Platon, Phaidon, 115e3-5). Nicht der Körper macht die Person aus, dieser wird als Hülle begraben, sondern die Seele, die sich von ihm löst und die Zukunft im Kreis der Götter verbringt. 7
Zusammengefasst beinhaltet Platons Seelenauffassung im Wesentlichen folgende Elemente: Sie ist immateriell und unsterblich, sie macht die Person aus und sie ist das, was einen toten von einem lebenden Gegenstand unterscheidet.
Eine in einigen Punkten ganz andere Vorstellung von der Seele hat Aristoteles. Zunächst unterscheidet er bei allen Gegenständen drei Dinge: 1.) der Stoff oder das Material aus dem er besteht (z.B. Metall), 2.) die Form (z.B. flach, länglich mit scharfen Schneiden) und 3.) die Zusammensetzung aus Material und Form, die den Gegenstand bildet (z.B. ein Schwert). Genauso bildet ein Körper (der Stoff) mit der Seele (die Form) einen Menschen. 8
Auch wenn die Seele an sich nichts materielles (sondern eine Form) ist, scheint es Aristoteles' Auffassung zu sein, „[that] even human souls are not capable of existence and [...] activity apart from the body.“ (Lorenz ?Jahr?, Kap. 4). Für Aristoteles ist die Seele keine unabhängige Größe. Weil er den lebenden Organismus als Ganzes sieht, ist er kein Substanzdualist wie Platon, der Seele einem ganz anderen Wirklichkeitsbereich zuordnet als den Körper. 9
Aber auch für Aristoteles gilt, wie schon für Platon, „dass sich das Beseelte vom Unbeseelten dadurch unterscheidet, dass es Leben besitzt.“ (Aristoteles, De Anima, II.2.413a20-22). Alles was die Fähigkeit zu leben hat, ob Mensch, Tier oder Pflanze, hat eine Seele. 10 Sowohl bei Platon, als auch bei Aristoteles ist sie das universelle Prinzip des Lebens.
6 Vgl. Lorenz ?Jahr?, Kap. 3. Tiere und Pflanzen müssen eine weniger ausgeprägte Seele haben, da sie im deutlich geringeren Maße denken und wünschen können.
7 Vgl. Platon, Phaidon, 80e-81a.
8 Vgl. Aristoteles, De Anima, II.1.412a3.
9 Vgl. Ritter & Gründer 1995, 5 und Hügli & Lübcke 2005, 568.
10 Vgl. Aristoteles, De Anima, II.1.412a28 und Lorenz ?Jahr?, Kap. 4.
2
Auch René Descartes entwickelte eine individuelle Seelentheorie, die sich in einigen Punkten von der antiken abhebt.
Auch Descartes unterscheidet Seele und Körper. Der Grund hierfür ist, dass Menschen sich als existierende denkende Wesen erkennen, gleichzeitig aber an ihrem Körper zweifeln können (nicht aber an ihrer Existenz und ihrem Denken). 11 Daher sind „Denken“ und „Bewusstsein“ notwendige Bedingungen, um einen Menschen wirklich zum „Menschen“ zu machen (da man sich nicht als nicht denkendes Wesen denken kann, ohne zu denken). 12 „Denken“ ist also die zentrale Eigenschaft der Seele. Und da Descartes auch meint, dass die Seele eine unausgedehnte, unteilbare und geistige Substanz ist, 13 ist er genauso wie Platon Dualist.
Für Descartes besteht zwischen Körper und Seele eine enge Verbindung. Beispielsweise wirken Körper und Seele wechselseitig aufeinander ein. 14 Aber diese Einheit geht bei ihm nicht so weit wie bei Aristoteles. Denn nach dem Tod lebt die Seele vollständig unabhängig vom Körper weiter, kann also auch ohne ihn existieren. 15
Der wesentliche Unterschied zwischen der antiken und der Cartesischen Auffassung von der Seele, ist die Abwendung Descartes' von der Seele als Lebensprinzip. Nach Descartes könne man Maschinen, die die Form und Organe eines Tieres haben und auch die gleichen Funktionen erfüllen, nicht von den wirklichen Tieren unterscheiden. Die Maschine wäre genauso lebendig wie das Tier. 16 Beim Menschen verhalte es sich jedoch anders. Da er über Sprache und Verstand verfügt, was durch keine Maschine erfüllt werden könne, brauche der Mensch etwas, dass über das bloße lebendig sein hinausgeht. Und dieses Etwas ist die Seele. 17 Während in der Antike die Seele die Kluft zwischen Belebtem und Unbelebten markiert, setzt Descartes die Trennung zwischen Menschen und allem anderen (belebten und unbelebten).
Ein weiterer Unterschied folgt aus dieser Trennung. Für Platon und Aristoteles tritt der Tot ein, wenn die Seele (die das Leben ausmacht) den Körper verlässt. Descartes hingegen knüpft den Tod an andere Bedingungen. Da der Tod nicht eintreten kann, wenn die Seele nicht mehr da ist (denn dann müssten alle Tiere tot sein), muss der kausale Zusammenhang genau
11 Vgl. Descartes, Meditationes, 189.
12 Vgl. Ibid. 83.
13 Vgl. Ibid. und Descartes, Die Leidenschaften der Seele, 51.
14 Vgl. Descartes, Die Leidenschaften der Seele, 61-67.
15 Vgl. Descartes, Discours de la méthode, 97.
16 Vgl. Ibid. 91 und 93.
17 Vgl. Ibid. 93-97.
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Arbeit zitieren:
Jan Hoppe, 2008, Die Seele in der Antike und bei Descartes, München, GRIN Verlag GmbH
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