

aufgenommen werden wollten, wären doch dann auch die Zinsen für Kredite geringer: „Sie liehen sich nicht nur Milliarden über Milliarden. Sie verheimlichten auch der EU das wahre Ausmaß ihrer Schulden - bis jetzt in der Wirtschaftskrise alles aufflog. Verschwindend geringe Rücklagen, garniert mit Bilanztricksereien, die jede Glaubwürdigkeit ruiniert habendiese Kombination scheint höllisch“ (Awestopolous et al Focus 18/2010, S.123). Bereits vor dem Eintritt Griechenlands in die EU wurden Zweifel laut, ob die Nation „schon reif für die Währungsunion“ (Fleischhauer et al. in Spiegel 49/2010, S.23) sei. Die Tatsache, dass die Griechen nicht alle Voraussetzungen für den Beitritt in die EU erfüllten war - so sagt mannicht unbekannt. Dank seiner geringeren Neuverschuldung von nur noch 1,6 Prozent des BIP - und damit unter der Drei-Prozentgrenze - durfte Griechenland im Jahr 2001 der Euro-Zone beitreten (vgl. ebd., S.23). „Dass auch die Griechen den Euro bekamen, verdanken sie einer beispiellosen Zahlenkosmetik - und einer Kultur des Wegschauens bei allen, die es hätten besser wissen müssen“ (ebd., S.23). Die Griechen beschönigten also ihre „Statistik, indem sie Prostitution, Schwarzhandel und Glücksspiel in die Berechnung der Wirtschaftsleistungen hineinrechneten, wodurch das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2006 um sagenhafte 25 Prozent anstieg und die Defizitquote auf 2,9 Prozent sank“ (Balzli et al. in Spiegel 10/2010, S.75). Hierbei bekamen sie Hilfe von zahlreichen Banken und Investmentbankern - sodass sie weiter Kredite aufnehmen konnten, welche sie kaum zurückzuzahlen fähig waren. Hier liegt bereits ein Grundstein für die heutige Situation des Landes. Griechenland ist aber bei weitem nicht der einzige Staat, der die vonseiten der EU auferlegte Dreiprozentgrenze nicht einhielt, so wurden die Schuldenkriterien bis zum Jahr 2010 mehr als 25- mal gebrochen, Konsequenzen gab es dabei nie, Strafzahlungen wurden bis heute nicht eingetrieben (vgl. ebd., S.25). Balzli et al. kommen in ihrem Artikel zu folgendem Ergebnis: „Viele der ärgsten Hasardeure sitzen nicht in Börsensälen der internationalen Finanzzentren, sondern in den Regierungskanzleien von Athen, Madrid, Berlin oder Brüssel. Sie haben entweder den Euro genutzt, um mit Tricks und Fälschungen jahrelang auf Kosten anderer zu leben - oder absichtsvoll weggeschaut“ (Balzli et al. in Spiegel 10/2010, S.68). Weiter ist Griechenland auch geprägt von „Bestechung, Korruption und Steuerhinterziehung“ (Berbalk et al. in Focus 8/2010, S.125). Griechenland wurde beim Schummeln seiner Bilanzen für den Beitritt in die Euro-Zone tatkräftig von Investmentbankern unterstützt: „Mit Hilfe komplexer Finanzinstrumente verschafften sie den Griechen zusätzliche Kredite, die in der Defizitstatistik von Eurostat nicht auftauchten“ (ebd., S.75). Griechenland kann aufgrund seiner Realwirtschaft infolge jahrelanger Verschleierungen und Mehr-Ausgaben die Kredite gegenwärtig nicht mehr begleichen, seine Gläubiger nicht bedienen bzw. überhaupt Zinsen 2
zahlen. „Weil Hellas seine Kredite also nicht wird bedienen können, trifft es andere. Mehr als 100 Milliarden Euro setzen der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU für Griechenland aufs Spiel“ (Awestopolous et al. in Focus 18/2010, S.122). Das Land ist nuntrotz allem - in der Euro-Zone, kann rechtlich nicht ‚rausgeschmissen werden‘ und hat die Euro-Zone bisher auch nicht freiwillig verlassen wollen. Andererseits - so besagt es die No-Bailout-Klausel in Artikel 125 des EU-Vertrages - sind auch gegenseitige Hilfszahlung unter Euro-Ländern gesetzlich untersagt, doch hier wird bereits nach Ausnahmeregelungen gesucht, welche das Problem lösen sollen um eine Klage vor dem Verfassungsgericht schließlich abzuwenden (vgl. Balzli et al. in Spiegel 10/2010, S.71). Allein dieses Pendeln zwischen Legalität und Illegalität macht deutlich, was in Politik und Finanzmarktgeschehen alles „schief laufen“ kann, die aus den Hilfszahlungen entstehende Last werden letztlich aber auch Unschuldige mittragen müssen. Vielleicht findet sich ja auch noch eine Lösung für das Griechenland-Problem in der EU, sodass diese dem elitären Euro-Kreise doch noch entfernt werden können, wer weiß.
Die Krise der Griechen jedenfalls ist multifaktoriell, Anleger haben auf griechische Staatsanleihen spekuliert. „Der Handel mit europäischen Anleihen und entsprechenden Kreditausfallversicherungen ist mittlerweile völlig unberechenbar geworden“ (Fleischhauer et al. in Spiegel 49/2010, S.26). Auch deutsche Banken haben die Zahl ihrer Griechenland-Anleihen zwischen den Jahren 2008 und 2010 erheblich ausgebaut. „Allein deutsche Institute wie Commerzbank oder die HRE halten derzeit Griechenland-Papiere mit einem Volumen von rund 32 Milliarden Euro in ihren Büchern […] Das Geschäft war einfach zu verlockend: Die Banken konnten sich im Zuge der Finanzkrise immer billiger Geld von der Europäischen Zentralbank leihen - zum Schluss sogar für ein schlappes Prozent. Wenn sie damit griechische Bonds erwarben, die eine Rendite von über fünf Prozent abwarfen, war das einvermeintlich - totsicherer Deal, eine Art Lizenz zum Gelddrucken“ (Balzli et al. in Spiegel 10/2010, S.69). Als auch diesen Finanzmarktakteuren schließlich klar wurde, dass Griechenland - entgegen ihrer Vermutung - nicht solvent ist, sollte der deutsche Staat nun schnellstmöglich helfen und finanzielle Unterstützung leisten. Auch hat die Nachricht, Griechenland könne Pleite gehen zahlreiche Spekulanten dazu animiert gegen den Euro zu wetten. Laut der BaFin, gibt es „zahlreiche Hinweise darauf, dass Spekulanten in jüngster Zeit verstärkt gegen Griechenland vorgehen. Dabei sollen sie ihr Lieblingsspielzeug verwendet haben, jene Kreditausfallversicherungen mit dem Kürzel CDS, die auch schon in der Finanzkrise eine unrühmliche Rolle spielten“ (ebd., S.69). Spekulanten haben die Kurse griechischer Staatsanleihen künstlich niedrig gehalten, die Zinsen stiegen durch den 3
Kursverlust deutlich an - neue Kredite wurden für Griechenland letztlich extrem teuer (vgl. Awestopolous et al. in Focus 18/2010, S.127). Regierungen reagierten mit Beobachtungen dieser Finanzinstrumente, zudem wurden - und werden - darüber hinaus auch Top-Banker weltweit verstärkt beobachtet, des Weiteren hatten die europäischen Regierungen auch eine Strategie, diesen Wetten am Finanzmarkt entgegenzuwirken: „Im Hintergrund arbeiteten sie an einem staatlichen Rettungspaket für den Fall, dass Griechenland irgendwann doch Bankrott anmelden sollte. Öffentlich dagegen stellten sie klar, dass sich die Regierung in Athen selbst helfen muss. So sollte den Spekulanten die Lust genommen werden, auf Griechenlands Pleite zu wetten und dabei, en passant, am Fundament des Währungssystems zu sägen“ (ebd., S.69). Gleichzeitig wurde das durch Leerverkäufe und Kreditversicherungen entstehende Risiko vonseiten der Rating-Agenturen so lange wie möglich ignoriert, die Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands wurde zu lange hinausgezögert (vgl. Berbalk et al. in Focus 8/2010, S.127).
Hier wird deutlich, welche Rolle diese hochspekulativen Derivate auch in der Griechenland-Krise spielten. Die Regierungen versuchen mittlerweile, den Handel mit Derivaten einzudämmen, auch gab es Überlegungen, sie zu verbieten, dies ist jedoch auch aktuell nicht für alle Formen dieser Finanzinstrumente beschlossene Sache. Was genau Derivate nun sind und was sie ausmacht, soll an dieser Stelle kurz aufgezeigt werden: Derivate sind Instrumente, welche in der Zukunft eingelöst werden, von der Produktion losgelöst sind, nur auf die Finanzwelt ausgerichtet sind und sich nur auf „Geld, also den wirtschaftlichen Umgang mit Zeit“ (Esposito 2010, S.163) beziehen. Sie werden zur Deckung bestehender Risiken ebenso wie zur Arbitrage und zur Spekulation verwendet. Vor allem letzteres soll Gegenstand dieses Essays sein. Bei Spekulationen werden Finanzprodukte zu einem bestimmten (im Falle von Futures) Zeitpunkt bzw. je nach Marktlage (im Falle der Option) weiterverkauft. Diese Produkte unterliegen Verträgen, welche gegenwärtig eingegangen werden, jedoch später erst eingelöst werden (vgl. Esposito 2010, S.153f). Eine Ware wird also später - in der Hoffnung, dass ihr Wert dann höher ist als zum Zeitpunkt des Entstehens des Vertrages in der (vergangenen) Gegenwart - verkauft. Im besten Fall erzielt der Unternehmer beim Weiterverkauf dieser Ware einen Gewinn, ebendann wenn er sie zu einem höheren Preis wieder an den Mann bringen kann. „Der entscheidende Punkt der Derivateverträge ist ihr Hebeleffekt (leverage): Ein Investor kann durch den Einsatz einer kleinen Summe (oder auch ohne jegliche Investitionen) viel größere Summen verhandeln und entsprechend hohe Gewinne erzielen - aber eben auch entsprechend hohe Verluste erleiden“ (ebd., S.153). Aufgrund der Möglichkeit, mit solchen Finanzprodukten hohe Gewinne zu erzielen, sind sie 4
Arbeit zitieren:
Hanna Ruehle, 2011, Die Griechenlandkrise zwischen EU-Beitritt und Derivatemärkten, München, GRIN Verlag GmbH
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