Zusammenfassung
myheimat ist eine Web 2.0-Plattform, die es Nutzern ermöglicht, Beiträge über aktuelle Themen in ihrer Region zu verfassen. Andere Nutzer lesen und kommentieren diese Beiträge und empfehlen sie weiter. Mancherorts erscheinen Beiträge in gedruckten myheimat-Magazinen oder in der lokalen Tagespresse. Laut Betreiber ist für die Auswahl dieser Beiträge der Grad der Beitragsnutzung ausschlaggebend.
Mit der Selektion von Ereignissen, über die Journalisten berichten und die Selektion aus einem bestehenden Medienangebot seitens Rezipienten beschäftigt sich die Nachrichtenwertforschung. Das Vorkommen bestimmter inhaltlicher Merkmale von Botschaften oder Ereignissen, der so genannte Nachrichtenfaktoren, begünstigt die Selektion durch Produzenten und Rezipienten. Ferner gelten sie als allgemein-menschliche Selektionskriterien.
Diese Arbeit geht der Frage nach, inwieweit Nachrichtenfaktoren darauf Einfluss nehmen, ob myheimat-Beiträge in Druckerzeugnissen erscheinen oder nicht. Zu diesem Zweck wurde eine quantitative Inhaltsanalyse anhand von 556 ausgewählten Beiträgen durchgeführt, von denen die Hälfte nach Einstellung auf der Online-Plattform in gedruckter Form erneut publiziert wurde.
Es konnte gezeigt werden, dass die Nachrichtenfaktoren Faktizität, Personalisierung und Etablierung sich positiv auf die Republizierung auswirken. Auf das Leserverhalten wirken sich hingegen andere Nachrichtenfaktoren aus, weshalb fraglich ist, ob die Republizierung tatsächlich vom Leserverhalten abhängt. Zu großen Teilen stimmen die Befunde dieser Untersuchung mit Befunden früherer Studien der Nachrichtenwertforschung überein. Bei der geografischen Verteilung der Beiträge ist eine starke Konzentration auf die Regionen um Augsburg, Hannover und im nördlichen Hessen festzustellen. Sachgebiete und Handlungsträger der untersuchten Beiträge ähneln denjenigen der klassischen Lokalpresse.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 8
2 Forschungsgegenstand 11
2.1 Lokaljournalismus 11
2.1.1 Überblick über lokale Massenmedien in Deutschland. 11
2.1.2 Themen, Akteure und Defizite in lokalen Printmedien. 14
2.2 Das Web 2.0 16
2.2.1 Entstehung des Web 17
2.2.2 Prinzipien und Anwendungen des Web 2.0 17
2.2.3 Prosumenten und Produtzer 21
2.3 Partizipativer Journalismus 23
2.4 Die hybride Medienplattform myheimat.de 27
2.5 Zwischenfazit 32
3 Theoretischer Rahmen. 34
3.1 Gatekeeperforschung. 34
3.1.1 Gatekeeping durch Journalisten und Medieninstitutionen 34
3.1.2 Gatewatching durch Produtzer 36
3.2 Nachrichtenwertforschung 37
3.2.1 Ursprünge der Nachrichtenwerttheorie 37
3.2.2 Etablierung durch Galtung und Ruge. 38
3.2.3 Weiterentwicklung der europäischen Nachrichtenwertforschung 40
3.2.4 Nachrichtenfaktoren als allgemeine Relevanzkriterien. 42
3.2.5 Befunde zur Wirkung von Nachrichtenfaktoren 44
3.2.5.1 Wirkung auf Produzentenseite 44
3.2.5.2 Wirkung auf Rezipientenseite 46
3.2.6 Anwendbarkeit von Nachrichtenfaktoren auf lokale - und Online-Inhalte. 49
3.3 Zwischenfazit 50
4 Forschungsfrage und Hypothesen 53
5 Inhaltsanalyse 55
5.1 Methode. 55
5.2 Operationalisierung 55
5.2.1 Operationalisierung formaler Merkmale 55
5.2.2 Operationalisierung der Nachrichtenfaktoren 56
5.2.3 Operationalisierung anderer inhaltlicher Merkmale 59
4
5.3 Grundgesamtheit und Stichprobe 60
5.4 Durchführung 61
5.5 Reliabilitätstest 61
6 Ergebnisse 63
6.1 Merkmale der Grundgesamtheit. 63
6.2 Merkmale der Stichprobe 66
6.2.1 Formale Merkmale 66
6.2.2 Themen und Akteure. 67
6.3 Auswirkungen der Nachrichtenfaktoren 69
6.3.1 Auswirkungen der Nachrichtenfaktoren auf die Republizierung. 69
6.3.2 Zusammenhang von Nachrichtenfaktoren, formalen Merkmalen und
Republizierung 72
6.4 Zusammenfassung der Ergebnisse 74
7 Diskussion 75
7.1 Interpretation der Ergebnisse 75
7.1.1 Geografische Verteilung 75
7.1.2 Themen und Akteure. 76
7.1.3 Nachrichtenfaktoren 77
7.2 Einordnung der Ergebnisse 78
7.2.1 Vergleich mit Befunden zur produzentenseitigen Nachrichtenwertforschung 79
7.2.2 Vergleich mit Befunden zur rezipientenseitigen Nachrichtenwertforschung 80
7.3 Kritik und Ausblick. 82
7.4 Fazit. 84
8 Literaturverzeichnis. 87
9 Anhang 91
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Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Charakteristika des Web 2.0. Darstellung nach O'Reilly (2005), Kilian et al. (2008)
.................................................................................................................................................. 21 Tabelle 2: Die "11 Layers of Citizen Journalism" (nach Outing 2005: o.S.)........................... 24 Tabelle 3: Kategorien professionell-partizipativer Nachrichtensites (aus Engesser 2008: S.
117)........................................................................................................................................... 26 Tabelle 4: Charakterisierung von myheimat (nach Engesser 2005) ........................................ 32 Tabelle 5: Bedeutende Nachrichtenfaktoren auf Produzentenseite.......................................... 45 Tabelle 6: Bedeutende Nachrichtenfaktoren auf Rezipientenseite (nach Weisgerber 2008: S.
43)............................................................................................................................................. 48 Tabelle 7: Anzahl der Beiträge nach PLZ-Gebiet.................................................................... 63 Tabelle 8: Merkmale der Grundgesamtheit.............................................................................. 65 Tabelle 9: Verteilung der Beiträge 2009 auf myheimat-Autoren ............................................ 65 Tabelle 10: Rubriken der Beiträge 2009 .................................................................................. 65 Tabelle 11: Merkmale der Stichprobe ...................................................................................... 67 Tabelle 12: Rubriken der Stichprobe ....................................................................................... 67 Tabelle 13: Relative Häufigkeit der Nachrichtenfaktoren (Vorkommen)................................ 70 Tabelle 14: Auswirkung der Nachrichtenfaktoren auf die Republizierung (einfacher t-Test) 71 Tabelle 15: Auswirkung der Nachrichtenfaktoren auf die Republizierung (lineare Regression)
.................................................................................................................................................. 72 Tabelle 16: Einfluss der Nachrichtenfaktoren (( -Gewichte und Signifikanzniveau) ............. 72 Tabelle 17: Auswirkung formaler Merkmale auf die Republizierung ..................................... 74 Tabelle 18: Als wirksam identifizierte Nachrichtenfaktoren - Vergleich mit ausgewählten
Studien...................................................................................................................................... 80 Tabelle 19: Wirkung ausgewählter Nachrichtenfaktoren - Vergleich mit ausgewählten Studien
.................................................................................................................................................. 81
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Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Themen in der Lokalpresse (nach Jonscher 1989: S. 130) ................................ 15 Abbildung 2: Akteure in der Lokalpresse (nach Jonscher 1989: S. 130)................................. 16 Abbildung 3: Entstehung des Web 2.0 (aus Klein, Thal 2009: S. 941) ................................... 18 Abbildung 4: Website von myheimat (Quelle: www.myheimat.de/augsburg; Abruf am
18.08.2010)............................................................................................................................... 29 Abbildung 5: Weitere Funktionalitäten (Quelle: www.myheimat.de/beitrag/681307; Abruf am
18.08.2010)............................................................................................................................... 29 Abbildung 6: Gatekeeper-Nachrichtenprozess (aus Bruns 2009b: S. 109).............................. 35 Abbildung 7: Gatewatcher-Nachrichtenprozess (aus Bruns 2009b: S. 114)............................ 36 Abbildung 8: Bedeutende Weiterentwicklungen der Nachrichtenfaktoren bis 1990 (nach Otto
2005: S. 8) ................................................................................................................................ 41 Abbildung 9: Nachrichtenfaktoren bei Eilders und deren Begründung (nach Eilders 1997: S.
105)........................................................................................................................................... 44 Abbildung 10: Verteilung der myheimat-Beiträge 2009 (eigene Darstellung / Karte:
Wikimedia 2010)...................................................................................................................... 64 Abbildung 11: Geografische Verteilung der Stichprobe (eigene Darstellung / Karte:
Wikimedia 2010)...................................................................................................................... 66 Abbildung 12: Sachgebiete der Stichprobe.............................................................................. 68 Abbildung 13: Handlungsträger der Stichprobe....................................................................... 69 Abbildung 14: Anzahl der Nachrichtenfaktoren pro Beitrag ................................................... 70
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1 Einleitung
„Geschätzte 99 Prozent aller Blogger zeigen keine Ambition, die Rolle von Journalisten zu übernehmen - ungefähr so wenig, wie sich die tratschende Nachbarin als Lokalreporterin versteht.“ (Reiter 2010: S. 64)
Als eine der wohl bedeutendsten Entwicklungen des aufkommenden 21. Jahrhunderts kann das Web 2.0, also ein Internet, dessen Inhalte von seinen Nutzern kollaborativ generiert werden, angesehen werden. „Diese Kernidee des Web 2.0, den Konsumenten Raum zu geben, sich zu präsentieren und miteinander zu kommunizieren, erfreut sich sowohl nutzer-, als auch angebotsseitig zunehmender Beliebtheit“ (Kilian et al. 2008: S. 4). So fehlen Funktionalitäten wie Social Bookmarking, Meta-Blogs und Diskussionsforen auch bei kaum einem Onlineangebot von Tageszeitungen und Zeitschriften. Ganze Paradigmenwechsel werden durch den Einzug des Web 2.0 postuliert, etwa der vom klassischen Gatekeeping der Medienschaffenden hin zum Gatewatching einer auf hohem Niveau partizipierenden Netzgesellschaft. Jedoch ist der Schritt, Nutzer in die Produktion von Inhalten einzubeziehen und zu Produtzern zu machen, bei den meisten journalistischen Angeboten nicht erkennbar: „Nutzer sind hingegen so gut wie nie als Verfasser von Beiträgen genannt […]. Eine Interaktion mit den Verfassern selbst scheint […] nicht in dem Maße möglich, wie dies Apologeten eines interaktiven, demokratischen’ Journalismus gefordert haben“ (Quandt 2008: S. 151).
In den Fällen, in denen Laien tatsächlich Redaktionen mit Inhalten beliefern, geschieht dies meist durch Laienjournalisten oder Bürgerreporter. Diese weisen unterschiedliche Rollenbilder auf: Teils sind sie nur Lieferanten von Hinweisen oder Fotos zur Aufarbeitung durch professionelle Redakteure, teils sind sie aber auch Verfasser eigener Beiträge, diemehr oder weniger unverändert - von Redaktionen veröffentlicht werden. Letzteres geschieht vielfach auf der so genannten hybriden Medienplattformen myheimat. Dabei handelt es sich um ein Portal für lokale Nachrichten von Bürgerreportern. Auf der Online-Plattform kann jeder Nutzer eigene Beiträge verfassen, die dort augenblicklich veröffentlicht werden. Jeder Nutzer kann jeden erschienenen Beitrag lesen, kommentieren und weiterempfehlen. In einigen Städten und Gemeinden erscheinen zusätzlich Print-Produkte mit ausgewählten myheimat-Beiträgen, die kostenlos an Haushalte verteilt werden. Auf der Online-Plattform steht im Prinzip unendlich viel Platz für neue Beiträge zur Verfügung. Das Einstellen eines Beitrags durch einen Nutzer verursacht verschwindend
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geringe Kosten für den Betreiber. In einem gedruckten Magazin hingegen ist der Platz sehr begrenzt und jede gedruckte Seite ist mit vergleichsweise hohen Kosten verbunden. Daher muss zwangsläufig eine Selektion von Beiträgen stattfinden, die es wert sind, diese Kosten zu verursachen. Als Indikator bei dieser Beitragsauswahl dient laut Betreiber das Lese- und Kommentierverhalten der Nutzer - also die „Weisheit der Vielen“ (vgl. Bruns 2009a: S. 3). Fraglich ist dabei, ob sich hinter dieser vermeintlichen Weisheit ein Muster verbirgt. Bei einem potenziell großen und nicht komplett zu erfassenden Angebot an online verfügbaren Beiträgen besteht für Nutzer zwangsläufig die Notwendigkeit, bestimmte Beiträge zu selektieren und andere zu ignorieren. Die Vermutung liegt nahe, dass diejenigen Beiträge, die selektiert werden, Merkmale aufweisen, die bei anderen Beiträgen nicht vorhanden oder schwächer ausgeprägt sind. Welche myheimat-Beiträge in gedruckter Form erscheinen und wie intensiv einzelne Beiträge genutzt werden, lässt sich leicht erheben, da diese Daten und die Beiträge selbst in elektronischer Form auf der myheimat-Plattform jederzeit frei verfügbar sind. Aus diesen Überlegungen ergibt sich die folgende Frage:
Welche Kriterien unterscheiden myheimat-Beiträge, die gedruckt werden, von solchen, die nicht gedruckt werden?
Warum bestimmte Inhalte selektiert werden, ist eine der klassischen Fragestellungen der Publizistik. Es existieren verschiedene theoretische Ansätze, um dieser auf den Grund zu gehen. Als der empirisch am gründlichsten belegte kann der der Nachrichtenwertforschung gelten. Hierbei wird davon ausgegangen, dass über ein Ereignis desto wahrscheinlicher durch Journalisten berichtet wird, je mehr so genannte Nachrichtenfaktoren es enthält. Letztere geben zum Beispiel an, ob und wie einflussreich und bekannt die handelnden Personen sind oder wie kontrovers ein Thema ist. Auch ist die Ansicht weit verbreitet, dass Rezipienten eine Botschaft desto eher selektieren, je mehr Nachrichtenfaktoren diese enthält und je ausgeprägter diese sind (vgl. Rauchenzauner 2008: S. 45). Da Nachrichtenfaktoren nach heutigem Kenntnisstand als „allgemein-menschliche Selektionskriterien“ (Eilders 1997: S. 263) gelten, scheint es angebracht, die oben genannte Fragestellung mithilfe dieses theoretischen Konstrukts anzugehen.
Da sich zahlreiche Studien zur Nachrichtenwertforschung zum Vergleich anbieten, ergibt sich hierdurch die Chance, zu überprüfen, ob für Beiträge, die durch journalistische Laien auf einer Online-Plattform verfasst wurden, dieselben Selektionskriterien gelten wie für professionelle journalistische Produkte. Hierbei ist auch die Besonderheit zu beachten, dass es
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sich bei myheimat um ein Portal für lokale Nachrichten handelt, während die Nachrichtenwertforschung sich mehrheitlich mit politischen Nachrichten und Weltnachrichten in Massenmedien beschäftigt.
An myheimat wird bemängelt, dass kritische Berichterstattung nicht stattfindet und stattdessen nur positive Nachrichten vorzufinden sind (vgl. Höhnke 2008: o.S.). Festzustellen, ob tatsächlich eine positivistische Tendenz in der Berichterstattung auszumachen ist, dürfte daher mehr als nur einen Randaspekt darstellen.
Diese Arbeit ist als quantitative Inhaltsanalyse angelegt. Zunächst soll jedoch der soeben kurz angerissene Forschungsgegenstand im Detail vorgestellt werden (Kapitel 2). Darauf folgen eine Auseinandersetzung mit dem theoretischen Rahmen und eine Darstellung des Forschungsstands (Kapitel 3). Darauf aufbauend können schließlich die Fragestellung spezifiziert, die entsprechenden Hypothesen aufgestellt (Kapitel 4) und das methodische Vorgehen beschrieben werden (Kapitel 5). Nach der Darstellung der Ergebnisse (Kapitel 6) werden diese interpretiert und in Beziehung zu vorhandenen Erkenntnissen gesetzt (Kapitel 7). Die Arbeit endet mit einer reflexiven Kritik und dem persönlichen Fazit des Autors.
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2 Forschungsgegenstand
Um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eben geschilderten Fragestellung zu ermöglichen, sollen in diesem Kapitel zentrale Begriffe veranschaulicht werden. Zunächst erfolgt eine Übersicht über Formen und Besonderheiten des Lokaljournalismus in Deutschland. Anschließend sollen Prinzipien und Anwendungen des Web 2.0 erläutert werden. Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff des partizipativen Journalismus. Vor diesem Hintergrund kann schließlich der Forschungsgegenstand, die Plattform myheimat.de, beschrieben und eingeordnet werden.
2.1 Lokaljournalismus
Das Lokale macht einen beachtlichen Teil der Medienberichterstattung aus. Laut einer repräsentativen Befragung unter Journalisten in Deutschland arbeitet mehr als jeder vierte Journalist im Ressort „Lokales/Regionales“; bei etwa 60% der in Deutschland erscheinenden Zeitungen handelt es sich um „mittlere und kleine Regionalzeitungen“ mit einer Auflage von unter 100.000 Exemplaren. (vgl. Weischenberg et al. 2006: S. 351; S. 347). Im Folgenden soll ein Überblick über lokale Massenmedien in Deutschland gegeben werden. Es folgt eine Darstellung der Besonderheiten der Lokalberichterstattung von Printmedien hinsichtlich Themen, Akteuren, Stilformen und Recherchepraktiken.
2.1.1 Überblick über lokale Massenmedien in Deutschland
Unter den lokalen Massenmedien sind die Tageszeitungen diejenigen, die auf die längste Geschichte zurückblicken können und auch heute noch die größte Rolle spielen. (vgl. Kretzschmar et al. 2009: S. 71). Tageszeitungen sind „alle Periodika […], die mindestens zweimal wöchentlich erscheinen und einen aktuellen politischen Teil mit inhaltlich unbegrenzter (universeller) Nachrichtenvermittlung enthalten“ (Schütz 2009: S. 454). Viele Tageszeitungen weisen verschiedene Lokalausgaben auf. Der so genannte Mantel, der für alle Ausgaben gleiche aktuelle politische Teil, wird dabei um Lokalteile ergänzt, die in der Regel eigenständige, herausnehmbare Zeitungsteile sind. In einigen Tageszeitungen werden zudem an bestimmten Wochentagen zusätzliche Stadtteilzeitungen beigelegt. (vgl. Kretzschmar et al. 2009: S. 72) Anhand der sich unterscheidenden Lokalteile und -beilagen (sowie weiterer differierender inhaltlicher Besonderheiten) können Zeitungsausgaben, die kleinste publizistischen Zähleinheiten, differenziert werden (vgl. Wilke 2004: S. 426). Im Jahr 2008 erschienen in Deutschland insgesamt 1.525 Ausgaben von 353 Verlagen bei einer
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Gesamtauflage von 20 Millionen Exemplaren. Ausgaben, die denselben Mantel (auch bei verschiedenen Titeln) aufweisen, werden zu publizistischen Einheiten zusammengefasst. Hiervon wurden 135 gezählt (vgl. Schütz 2009, S. 455). Die Zahl der publizistischen Einheiten, der Ausgaben und der verkauften Auflage ist seit 1993 rückläufig. Neben den Tageszeitungen sind seit den Siebzigerjahren Anzeigenblätter ein bedeutender Bestandteil lokaler Berichterstattung. Dabei handelt es sich um „periodisch erscheinende »Werbedrucksachen«, die unentgeltlich und unbestellt allen Haushalten eines begrenzten Bezirks zugestellt werden und neben einem gestreuten Anzeigenteil auch redaktionelle - im Wesentlichen ortsbezogene - Beiträge enthalten“ (Jonscher 1995: S. 70) Anzeigenblätter ermöglichen es lokalen Werbekunden, bei der Platzierung von Anzeigen niedrigere Streuverluste und dadurch niedrigere Preise für ihre Anzeigen zu erzielen als dies in großen Tageszeitungen der Fall wäre. Im Gegensatz zu den Tageszeitungen sind Anzahl der Titel und Auflage der Anzeigenblätter laut Angaben des Verbands Deutscher Anzeigenblätter relativ konstant und erreichten 2009 mit 1.414 Titeln bei 91,9 Millionen Exemplaren sogar Höchststände (vgl. BVDA 2009a: o.S.). Bis auf wenige Ausnahmen erscheinen Anzeigenblätter wöchentlich, am häufigsten mittwochs (52%), gefolgt von sonntags (19%), donnerstags (15%) und samstags (12%). Die meisten (60%) der wöchentlich erscheinenden Anzeigenblätter weisen eine Auflage von unter 50.000 Exemplaren auf (vgl. BVDA 2009b: o.S.). Die Themen der redaktionellen Teile der Anzeigenblätter gleichen meist denen der Lokalteile der Tageszeitungen, allerdings sind „Aufbereitung und Qualität der Beiträge […] inhaltlich häufig nicht mit gestandenen Lokaltiteln gleichzusetzen“ (Kretzschmar et al. 2009: S. 73). Dass Anzeigenblätter im Gegensatz zu Tageszeitungen kostenlos verteilt werden, ist dann wettbewerbswidrig, wenn die redaktionelle Berichterstattung mehr als ein Drittel des Gesamtumfangs ausmacht und der Anzeigenblatt-Charakter dadurch verloren geht. Eine Variante der Anzeigenblätter stellen die Offertenblätter dar, die ausschließlich aus privaten Kleinanzeigen bestehen. Meist werden Offertenblätter gegen ein Entgelt verkauft (vgl. Jonscher 1995: S. 72).
In Deutschland arbeiten im Jahr 2005 rund 2.800 Journalisten (ca. 6% aller Journalisten) bei Anzeigenblättern; der mit rund 17.000 Journalisten größte Teil (ca. 35%) arbeitete bei Zeitungen (vgl. Weischenberg et al. 2009: S. 350).
Neben Zeitungen und Anzeigenblättern existieren im Lokalen weitere Presseprodukte, allerdings von eher geringer Bedeutung. Jonscher (1995, S. 72ff.) nennt lokale Wochenblätter, die im Gegensatz zu Anzeigenblätter und Tageszeitungen nicht auf Gewinnerzielung ausgelegt sind und nur in geringem Umfang produziert und verkauft werden, sublokale
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Blätter, die oft im Selbstverlag erscheinen und lokal oder thematisch sehr begrenzte Spektren abdecken, sowie alternative Blätter, zu denen unter anderem Stadtmagazine mit lokalen kulturellen Informationen zählen. Amtsblätter, Gemeindebriefe, Vereins- und Parteiblätter, Schülerzeitungen und ähnliche Veröffentlichungen runden das lokale Printmedienangebot ab, wobei diese Veröffentlichungen meist nicht „an Pressegesetze - und somit an die journalistische Sorgfalts- und Wahrheitspflicht - gebunden sind“ (Jonscher 1995: S. 69). Wegen der geringen Bedeutung als Werbeträger und wegen der unterschiedlichen Vertriebs-und Unternehmensformen sind keine verlässlichen bundesweiten Zahlen für die hier genannten Print-Produkte bekannt (Kretzschmar et al. 2009: S. 74). Seit in den Achtzigerjahren das duale Rundfunksystem eingeführt wurde, existieren auch lokale Radio- und Fernsehsender. Da für deren Lizenzierung die Länder zuständig sind, ist deren Verbreitung je nach Bundesland unterschiedlich; in Niedersachsen etwa sind kommerzielle lokale Hörfunkanbieter unzulässig, während sich in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg kommerzieller lokaler Hörfunk großer Beliebtheit erfreut. Die Arbeitsgemeinschaft der Landesmediengesellschaften zählte für das Jahr 2008 insgesamt 159 private, lokale UKW-Hörfunksender in acht Bundesländern - mehr als zweimal so viele wie die 74 landesweit und bundesweit verbreiteten private UKW-Hörfunkanbieter und dreimal so viel wie die 55 landesweit und bundesweit ausgestrahlten öffentlich-rechtlichen UKW-Hörfunksender. (vgl. ALM 2009: S. 173). Analog zu den Anzeigenblättern bietet sich auch hier der wirtschaftliche Vorteil, mit geringeren Streuverlusten werben zu können.
Die Gesetzgebung für privates Lokal-Fernsehen unterscheidet sich ebenfalls je nach Bundesland. 2008 waren 216 lokale Fernsehsender in elf Bundesländern - vor allem in den neuen - auf Sendung. Vor allem in den alten Bundesländern kommen hierzu lokale und regionale Fenster in privaten und öffentlich-rechtlichen, landesweit ausgestrahlten Fernsehprogrammen (vgl. ALM 2009: S. 120).
Neben öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk und Fernsehen existieren in allen
Bundesländern Offene Kanäle 1 . Diese wurden meist mit dem privaten Hörfunk und Fernsehen eingeführt und haben - je nach beaufsichtigender Landesmedienanstalt - Aufgaben wie die Förderung der Medienkompetenz, Verbreitung von lokalen Informationen und die Gewährung
1 Allerdings tragen sie nicht in jedem Bundesland die Bezeichnung „Offener Kanal“; in Niedersachsen und Bremen werden sie unter „Bürgerrundfunk“ geführt, in Nordrhein-Westfalen existiert das Modell des „NRW-
Bürgerfunks im lokalen Hörfunk“. Die Unterschiede zwischen den Modellen sind jedoch marginal (vgl. ALM
2009: S. 324ff.).
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des ungehinderten Zugangs zu den Medien für alle Bürger. Offene Kanäle bieten meist ein auf lokale Themen oder besondere Interessengruppen ausgerichtetes Programm an, das meist unter der Betreuung von wenigen professionellen Journalisten oder Medienpädagogen von interessierten Bürgern auf freiwilliger Basis gestaltet wird. Die Reichweite solcher Programme kann sich jedoch meist nicht mit derjenigen der privaten oder öffentlichrechtlichen Hörfunkanbieter messen; für die technische und publizistische Qualität gilt oft ähnliches (vgl. Mathes, Donsbach 2004: S. 579). Unter unterschiedlichen Bezeichnungen führt die ALM im Jahr 2008 rund 125 Offene Kanäle, die Hörfunk-, Fernseh- oder beide Programme anbieten (vgl. ALM 2009: S. 324ff.). Von den Offenen Kanälen abzugrenzen ist, trotz Ähnlichkeit, der nicht-kommerzielle lokale Hörfunk. Dieser ist ein Begriff, der „die Werbefreiheit des Programms und den lokalen Bezug […] festlegt, jedoch inhaltlichkonzeptionell unbestimmt - aber auch gestaltbar - bleibt“ (ALM 2009: S. 327). Hier besteht die Möglichkeit, ein alternatives Programm anzubieten, ohne medienpädagogische oder integrative Verpflichtungen einzugehen. Im Jahr 2008 existierten etwa 30 nicht-kommerzielle lokale Hörfunksender, die vor allem in Süddeutschland angesiedelt waren (vgl. ebd.).
2.1.2 Themen, Akteure und Defizite in lokalen Printmedien
Jonscher (1989: S. 129f.) hat in einer Inhaltsanalyse unter Anderem die Sachgebiete in lokalen Beiträgen von Tageszeitungen erhoben. Politische Themen fanden sich dabei mit 8,3% Häufigkeit erst an dritter Stelle, wesentlich häufiger kamen Kultur und Bildung (19,1%) sowie Gesundheit und Soziales (18,2%) vor. Abbildung 1 gibt einen Überblick über seine Befunde. Ebenfalls erhoben wurden Handlungsträger in lokalen Beiträgen. In jedem zweiten untersuchten Beitrag (49,4%) waren Kommunale Behörden, Parteien und Fraktionen, Interessenverbände, Künstler, Sport- und Freizeitvereine oder Kirchen zentral agierend. In Abbildung 2 sind weitere Handlungsträger aufgeführt. Dies alles sind Gruppen und Institutionen, die in der Regel über „pressewirksame Mitteleilungsmittel“ verfügen„entsprechend tauchen außerhalb von Unfällen und Unglücken selten einzelne, namentlich genannte Bürger in der Presse auf, hat der einzelne Bürger kaum Artikulationschancen“ (Kretzschmar et al. 2009: S. 55).
Fritsch (1983) erhob die Bearbeitungsgrade lokaler Nachrichten bei der Rheinischen Post. Die meisten angelieferten Pressemitteilungen und ähnliches Material (28,8%) wurden dabei lediglich korrigiert, bei rund einem Viertel (25,7%) wurden aufwändigere Redigierarbeiten durchgeführt. Erst mit dem nächsten Schritt ist auch Recherche ein Bestandteil des Bearbeitungsgrads: bei immerhin 21,5% des Materials wurde bei der Quelle rückgefragt, bei
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14,9% wurde intensiv nachrecherchiert, also etwa weitere Quellen hinzugezogen. Aus Eigeninitiative recherchierte Beiträge fanden sich zu 9% (nach Jonscher 1995: S. 293f.). Auch in anderen Untersuchungen wurde ähnliche Rechercheausmaße konstatiert, wodurch der Vorwurf des „Verlautbarungsjournalismus“ genährt wird, der sich zum „Sprachrohr der kommunalen Exekutive und der lokalen Eliten“ macht (Kretzschmar et al. 2009: S. 113).
Abbildung 1: Themen in der Lokalpresse (nach Jonscher 1989: S. 130)
In seiner umfangreichen Inhaltsanalyse der Lokalberichterstattung in Tageszeitungen konnte Jonscher (1989) weitere Hypothesen zu Arbeitsweise und Themenspektrum der Lokalpresse bestätigen:
- Die Verfasser der Beiträge sind überwiegend freie Mitarbeiter und Pressestellen, der Lokalteil wird also überwiegend nicht durch redaktionelle Leistungen gefüllt;
- Die Quellen sind in den Beiträgen oft nicht erkennbar;
- Als Stil- oder Darstellungsformen finden sich zum größten Teil die Nachricht und der Bericht; aufwändigere Formen wie das Feature und insbesondere Meinungsformen wie Kommentar und Glosse werden vernachlässigt;
- Die lokale Berichterstattung ist überwiegend erfolgsorientiert-positiv, während Misserfolge seltener thematisiert werden - es entsteht der Eindruck einer „heilen Welt“
- Die inhaltliche Struktur von Beiträgen gleicht oft einer protokollarischen Wiedergabe von Ereignissen und Äußerungen - Meinungen, die nicht explizit geäußert werden, tauchen hingegen nicht auf;
- Lokale Berichterstattung ist vor allem Ereignisorientiert - Veranstaltungskalender bestimmen die Themen in Lokalredaktionen;
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- Es existiert kein vielfältiges Themenangebot - insbesondere nicht ereignisorientierte Themen kommen selten vor (Jonscher 1989: S. 146ff.).
Insbesondere zu Fragestellungen der Themen in der lokalen Presse existieren zahlreiche weitere Untersuchungen mit recht heterogenen Befunden. Allerdings sind die Schwerpunkte „Lokalpolitik, Stadtentwicklung, Veranstaltungen, Soziales und Kultur sowie Kriminalität und Unfälle“ (Kretzschmar et al. 2009: S. 53) auszumachen.
Abbildung 2: Akteure in der Lokalpresse (nach Jonscher 1989: S. 130)
Die Kritikpunkte Jonschers haben nichtsdestotrotz auch heute nicht an Gültigkeit verlorendie Kritik der Lokalkommunikationsforschung zeigt eine klare Tendenz: „Lokaljournalismus ist gekennzeichnet durch einen starken Ereignisbezug […], mangelnde
Hintergrundinformationen […], zu wenig politische Informationen […], die Dominanz von darstellenden, referierenden Inhalten (Vorwurf des „Verlautbarungsjournalismus“), eine sich täglich wiederholende Routine gleicher Themenzusammensetzungen, eine hochpersonalisierte Berichterstattung, die sich […] weniger an Sachthemen orientiert, eine Überrepräsentation der lokalen Elite und Kritiklosigkeit und -hemmung, insbesondere gegenüber lokalen Honorationen (Vorwurf der „Hofberichterstattung“)“ (Kretzschmar et al. 2009: S. 54).
2.2 Das Web 2.0
Der Begriff Web 2.0 wurde in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends bekannt und ist heute in aller Munde. Dabei ist seine Bedeutung immer noch strittig. Selbst einer seiner Vordenker und Namensgeber, Tim O’Reilly, merkt an, dass das Web 2.0 nicht eindeutig zu definieren sei: „Like many important concepts, Web 2.0 doesn't have a hard boundary, but rather, a gravitational core.“ (O’Reilly 2005: o.S.) Teilweise wird der Begriff als nichts sagendes Marketing-Schlagwort verspottet, teilweise aber auch als die neue Konvention des Internet
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bezeichnet (Kilian et al. 2008: S. 5). Laut Alpar et al. (2008: S.4) kennzeichnet der Begriff Web 2.0 „Anwendungen und Dienste, die das World Wide Web als technische Plattform nutzen, auf der die Programme und die benutzergenerierten Inhalte zur Verfügung gestellt werden. Die gemeinsame Nutzung der Inhalte und gegenseitige Bezüge begründen Beziehungen zwischen den Benutzern.“
Im Folgenden soll erst einmal auf die Entstehung des „klassischen“ Webs eingegangen werden, um abgrenzend davon das Web 2.0 näher zu umreißen.
2.2.1 Entstehung des Web
Das Internet ist, technisch gesehen, eine Ansammlung von Protokollen, die es lokalen Computernetzwerken ermöglicht, untereinander zu kommunizieren und so ein globales Netzwerk zu bilden. Die Begriffe Internet und Web werden allerdings auch synonym für das World Wide Web (nachfolgend Web) verwendet. Diese von dem CERN-Mitarbeiter Tim Berners-Lee im Jahre 1991 vorgestellte, auf dem Internet basierende Anwendung beinhaltet das Anzeigen von Hypertext-Dokumenten in speziellen Programmen (Web-Browsern) und die Verknüpfung von verschiedenen Hypertext-Dokumenten durch Hyperlinks, denen mit Mausklicks gefolgt werden kann. Die Dokumente sind dabei auf zentralen Rechnern (Server) hinterlegt und können von jedem vernetzten Rechner (Client) abgerufen werden. (vgl. Tanenbaum 2003: S 74f.; S. 664ff.) Die Entwicklung des Webs stellte einen Sprung in der Nutzerfreundlichkeit des Internets dar, dessen Anwendungen bis dato im Wesentlichen auf der Eingabe von Text-Befehlen basierten. Bis dahin eher von Forschungseinrichtungen und einzelnen technikbegeisterten Pionieren genutzt, wurde das Internet daher auch für eine breite Masse von Privatpersonen als Nutzer und Unternehmen und Institutionen als Anbieter interessant.
2.2.2 Prinzipien und Anwendungen des Web 2.0
Rein technisch gesehen stellt das Web 2.0 keine revolutionäre Neu- oder Weiterentwicklung des Webs dar; die grundlegenden Protokolle und Funktionsprinzipien sind unverändert. Der Unterschied, der dazu führt, dass trotzdem eine neue Version des Webs ausgerufen wurde, besteht in der Art der Angebote, die im Web 2.0 vorzufinden sind sowie in den veränderten Nutzungs- und Kommunikationsarten seiner Anwender (vgl. Kilian et al. 2008: S. 8). Die klassischen Web-Anwendungen entsprachen auch in ihrer Philosophie der Client-Server-Architektur: an vergleichsweise wenigen zentralen Stelle werden Inhalte von Anbietern zur Verfügung gestellt, die von vielen Nutzern abgerufen werden können. Wenn Nutzer eigene Inhalte bereitstellen wollten, konnten sie dies tun, indem sie eine eigene Website erstellten.
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Dies setzte jedoch meist gewisse technische Fähigkeiten voraus und war oftmals, insbesondere wenn große Datenmengen bereitgestellt werden sollten, mit Kosten verbunden. Die Kommunikation zwischen Nutzern geschah über Email, Chatrooms oder Instant
Messenger 2 . Die Kosten für einen privaten Internetzugang waren, verglichen mit heutigen Maßstäben, hoch und die Geschwindigkeit niedrig. Abbildung 3 veranschaulicht die Verbreitung von Breitbandanschlüssen in Deutschland bei gleichzeitig aufkommenden Web-Technologien.
Abbildung 3: Entstehung des Web 2.0 (aus Klein, Thal 2009: S. 941)
Das Web 2.0 löst diese Konventionen ab. Es basiert auf „Internet-Anwendungen und -Plattformen, die die Nutzer aktiv in die Wertschöpfung integrieren“ sowie auf den Prinzipien „Interaktivität, Dezentralität und Dynamik“ (Kilian et al. 2008: S.7). Auch die Begriffe „Interaktion, Partizipation, Kooperation und Klassifikation“ werden als „für eine Beschreibung des Wandels zum Web 2.0 hilfreich“ (Niedermaier 2008: S. 60) genannt. Um dies zu konkretisieren und zum von O’Reilly angesprochenen Kern vorzudringen, soll anhand einiger Beispiele aufgezeigt werden, welche Merkmale typische Web 2.0-Anwendungn aufweisen. Kilian et al. (2008: S. 14) nennen als wesentliche Anwendungen des Web 2.0 „Weblogs (themenspezifische Communities), Social Networking Communities (privat oder geschäftlich), File Sharing Communities, Knowledge Communities (inkl. Wikis), Consumer Communities sowie Game Communities.“
Weblogs oder Blogs sind „mit Hilfe von Software automatisch generierte Webseiten […], die aus individuell erstellten, periodischen Einträgen bestehen, welche in umgekehrt chronologischer Reihenfolge dargestellt, häufig aktualisiert werden sowie in der Regel für jeden Nutzer frei zugänglich sind“ (Weisgerber 2009: S. 11). Inhalte sind meist Texte, es kann
2 Alle drei Anwendungen sind kein Bestandteil des Web, sondern eigenständige Dienste mit eigenen Protokollen.
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sich aber auch um Bilder, Videos und andere multimediale Inhalte handeln. In der Regel besteht für Blog-Leser die Möglichkeit, Kommentare zu einzelnen Beiträgen zu verfassen, die wiederum in umgekehrt chronologischer Reihenfolge dargestellt werden. Häufig enthalten Blogs Verweise auf weitere Blogs. Die Gesamtheit aller Blogs wird als Blogosphäre bezeichnet (vgl. Sauers 2006, S. 1ff; Weisgerber 2009: S. 11ff.). Social Networks oder soziale Online-Netzwerke dienen dazu, „Kontakte mit bestehenden Bekannten zu pflegen, neue Kontakte im Netz aufzubauen, eigene Bilder oder sonstige Inhalte den weiteren Mitgliedern zu präsentieren oder die Beiträge andere Mitglieder zu lesen und zu betrachten“ (Maurer et al. 2008: S. 209). Typischerweise kann jeder Benutzer ein Profil in einem sozialen Online-Netzwerk anlegen, in dem er persönliche Daten, Bilder und weitere Informationen über sich hinterlegen kann. Andere Nutzer können dieses Profil betrachten und das ihre damit verknüpfen („sich befreunden“). Ohne eigenes Profil sind die meisten Funktionen in der Regel nicht verfügbar. Sozial Online-Netzwerke erfreuen sich in Deutschland stetig wachsender Beliebtheit und scheinen andere Kommunikationsformen wie Email abzulösen (vgl. Busemann, Gscheidle 2009: S. 358ff.). Beispiele für soziale Online-Netzwerke sind XING, StudiVZ, MySpace und Facebook.
Mittels File Sharing Communities können Nutzer Audio-, Video-, Bild- und andere Daten einstellen, tauschen, kommentieren, mit Schlagwörtern (Tags) versehen und weiterempfehlen (vgl. Kilian et al. 2008: S. 13). Betreiber solcher Plattformen stellen den Speicherplatz hierfür meist kostenlos zur Verfügung. Beispiele hierfür sind flickr (Bilder/Fotos) und YouTube (Videos). Problematisch ist bei File Sharing Communities, dass Nutzer auch urheberrechtlich geschütztes Material einstellen können: „Die Träger der entsprechenden Onlinedienste agieren damit rechtlich in einer Grauzone und müssen befürchten, sich gegenüber den Inhabern der Urheberrechte Schadensersatzpflichtig zu machen“ (Kilian et al. 2008: S. 13). Das prominenteste Beispiel für Knowledge Communities ist Wikipedia. Die so genannte „freie Enzyklopädie“ ist zugleich das prominenteste Beispiel für Wikis. Diese sind „eine (meist Web-basierte) Plattform für die kollaborative Bearbeitung von Hypertext-Dokumenten. Charakteristisch für die meisten Wikis ist ein niedrigschwelliger Zugang, der es allen Nutzern erlaubt, die angebotenen Texte nicht nur zu lesen, sondern auch zu ändern. […] Dies geschieht häufig anonym, d. h. ohne vorherige Anmeldung am System.“ (Stein, Hess 2008: S. 109) Im Falle von Wikipedia handelt es sich bei den Hypertext-Dokumenten um enzyklopädische Artikel, die von jedermann verfasst, geändert und gelöscht werden können. Eine redaktionelle Aufarbeitung durch fachkundige Experten ist nicht vorgesehen. Die Qualität der Wikipedia-Einträge wurde und wird vielfach diskutiert, in Frage gestellt und
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erhoben. Die nicht zu garantierende Korrektheit, teilweise fehlende Quellen und große Unterschiede in Umfang und Niveau tun ihrem Erfolg allerdings keinen Abbruch (vgl. Lessig 2006: S. 243ff.). Laut ARD/ZDF-Onlinestudie nutzen zwei von drei Online-Nutzern in Deutschland Wikipedia gelegentlich, über ein Viertel nutzt es regelmäßig - damit ist dies die populärste Anwendung des Web 2.0 in Deutschland (vgl. Busemann, Gscheidle 2009: S. 358). Als Consumer Communities werden Nutzerportale bezeichnet, die dem Verkauf, der Vermittlung, der Bewertung und dem Vergleich von Waren und Dienstleistungen dienen. Sie gingen aus bereits im klassischen Web vorhandenen Angeboten wie amazon oder ebay hervor. Hier waren Bewertung und Weiterempfehlung von Waren oder Anbietern seit jeher prägend. Kilian et al. (2008: S. 11) sehen daher hier die Wurzeln des Web 2.0. Neben den oben genannten Beispielen existiert heute eine Vielzahl von Consumer Communities. Viele dienen dabei nicht dem Verkauf oder der Vermittlung von Waren oder Dienstleistungen, sondern nur dem Erfahrungsaustausch zwischen Nutzern und der Bewertung von Waren und Dienstleistungen; ein Beispiel hierfür ist Ciao.
Game Communities beinhalten Massive Multiplayer Online Games (MMOG) oder Massive Multiplayer Online Role-Play Games (MMORPG) wie zum Beispiel World of Warcraft. Spieler sind mit anderen Spielern weltweit vernetzt, zum Teil weisen Online-Rollenspiele mehrere Millionen Mitspieler auf. Entscheidend ist, wie bei anderen Angeboten des Web 2.0, auch hier der Gemeinschaftsgedanke: „Auf Programmebene ist das Spiel darauf ausgelegt, dass viele Ziele des Spiels nur im Zusammenspiel der Figuren mehrerer Spieler zu meistern sind […]. Dieser Umstand befördert Zusammenschlüsse der Spieler in Gruppen, die gemeinsam kämpfen und Aufgaben lösen.“ (Müller 2008: S. 213) In dem MMOG Second Life fehlt eine Spielhandlung, diese ergibt sich allein aus der Interaktion der virtuellen Mitspieler.
Die an dieser Stelle angebrachte Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; je nach Auffassung davon, was das Web 2.0 beinhaltet, lässt sich diese beschränken und erweitern. So wäre es etwa denkbar, auch Podcasts, also abonnierbare Audio- oder Videodarbietungen, die automatisch auf mobile Geräte geladen werden können, oder Micro Blog-Dienste wie Twitter zu nennen.
Die Gemeinsamkeiten der hier vorgestellten Anwendungen können an den oben genannten Prinzipien gezeigt werden: Bei jeder der Anwendungen hat der Nutzer die Möglichkeit, aktiv in das Geschehen einzugreifen, anstatt lediglich Inhalte zu konsumieren (Interaktivität bzw. Interaktion). Die Angebote sind so angelegt, dass sie seitens der Anbieter nur Plattformen bieten, die erst dann einen Sinn ergeben, wenn sie von möglichst vielen, möglichst
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unterschiedlichen Nutzern mit Inhalten gefüllt werden (Dezentralität bzw. Partizipation). Dabei herrschen selten Vorgaben inhaltlicher Art - das tatsächliche „Gesicht“ des jeweiligen Angebots bestimmen zu einem wesentlichen Teil seine Nutzer, weswegen dieses zu verschiedenen Zeitpunkten und aus verschiedenen Perspektiven recht unterschiedlich aussehen kann (Dynamik). Häufig besteht die Möglichkeit, mit anderen Nutzern - ob bekannt oder unbekannt, gleichzeitig oder zeitlich getrennt - gemeinsam Inhalte zu generieren (Kooperation). Die Nutzer stellen nicht nur Inhalte bereit, sondern versehen sie zugleich mit Schlagwörtern und schaffen dadurch dynamische Kategorien und Sinneinheiten (Klassifikation) (vgl. Niedermaier 2008: S. 59ff.; Kilian et al. 2008: S. 18f.). Diese Prinzipien grenzen das Web 2.0 vom „klassischen“ Web ab. Tabelle 1 gibt einen kurzen Überblick über die wesentlichen Unterschiede. Es zeigt hier noch einmal deutlich, dass kaum von einem technologischen, sondern vielmehr von einem ideologischen Umbruch die Rede sein kann.
Tabelle 1: Charakteristika des Web 2.0. Darstellung nach O'Reilly (2005), Kilian et al. (2008)
2.2.3 Prosumenten und Produtzer
Die veränderte Rolle des Web-Nutzers führte zu einer Diskussion darüber, inwiefern er noch als Konsument zu erachten ist. Diese Diskussion ist allerdings wesentlich älter als das Web 2.0 - schon im Jahr 1980 postulierte Alvin Toffler die Wandlung des Konsumenten zum
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Arbeit zitieren:
Benjamin Weisser, 2010, Blumenbeet und Bürgermeister, München, GRIN Verlag GmbH
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