1) Die Einleitung
„ Die kaiserliche Linie soll beständig verbunden bleiben mit der Linie (…),
welche ohne Unterbrechung abstammt von der Dynastie Meneliks I., des Sohnes
der Königin von Äthiopien, der Königin von Saba, und des Königs Salomo von
Jerusalem.“ (2. Artikel der Verfassung Äthiopiens von 1955)
Diese Hausarbeit soll herausfinden, in welchen Dimensionen der historische Salomo vorstellbar ist, da nach gegenwärtigem theologischen Konsens der Forschung die biblische Gestalt des Salomo, ähnlich wie die König Davids, in einer allzu glorifizierten Art und Weise verklärt wird. Daher will der Autor der Frage nachgehen, was überhaupt über den historischen Salomo bzw. das Israel des 10. Jahrhunderts v. Chr. bekannt ist, um Rückschlüsse über die tatsächlichen Verhältnisse der Zeit, in der Salomo gelebt hat (oder auch nicht?), ziehen zu können.
Dazu werden u.a. die Handelsbeziehungen Israels mit Phönizien, (1Kön 5, 15ff; 9, 26-28 u.a.) durch welche der Tempel - und Palastbau Salomos möglich wird, sowie der Pferdehandel mit Ägypten und Kleinasien (1Kön 10, 28-29 u.a.) auf ihre historische Wahrscheinlichkeit untersucht.
Außerdem sollen die verschiedenen Standpunkte, die sich aus den Ergebnissen archäologischer Forschung ergeben haben, bezogen auf Hazor, Megiddo und Geser (1Kön 9, 15) verglichen werden, um ein möglichst differenziertes Bild der Beziehung Salomos zu diesen Städten zu entwickeln. Schließlich wird das salomonische Staatswesen einer kritischen Betrachtung unterzogen: Die Aspekte der in der Bibel beschriebenen Distriktverwaltung (1Kön 4;7-19) sowie die für die Baumaßnahmen eingesetzten Fronarbeiter (1Kön 9,15; 5, 27-29).
Zunächst werden die Forschungsmeinungen dreier aktueller Werke von Donner (1995), Finkelstein (2006) und Keel (2007) dargelegt, um einen Abriss der verschiedenen Lehrmeinungen zu zeigen.
Anschließend werden diese Ansichten durch weitere Sekundärliteratur näher überprüft, sodass ein auf mehreren Quellen gestütztes Bild der salomonischen Zeit entsteht, das die Dimensionen des Handels, der Baumaßnahmen und der Staatsverwaltung Salomos entweder belegt oder relativiert.
2
2) Handelsbeziehungen Salomos
2.1.1.: Der Handel mit Phönizien bei Donner, Finkelstein und Keel
Donner bescheinigt den phönizisch-israelischen Beziehungen einen hohen Stellenwert. Er geht sogar so weit, von einer Abhängigkeit Salomos zu sprechen, ausgehend v. a. von den biblischen Berichten über den Tempelbau und den Handelsfahrten nach Ophir und Tarsis. 1
Finkelstein trennt klarer als Donner biblischer von historischer Perspektive: Er hält die Handelsfahrten Salomos teilweise für eine Legende 2 , die Schiffe, welche Salomo und Hiram in Ezjon-Geber (das als Tell-el-Chulefi identifiziert wurde) gebaut haben sollen, erwiesen sich als Erfindung, da dieser Ort nachweislich erst im späten 8. oder frühen 7. Jahrhundert gegründet wurde, also ca. 300 Jahre nach Salomos Herrschaft. 3
Keel stellt fest, dass Beziehungen zwischen Tyrus und Israel im 10. Jh. v. Chr. mittlerweile nachweisbar sind 4 . Der Preis der Koniferenhölzer (7880000 l Weizen und 7880 l Olivenöl) scheint sehr übertrieben zu sein, da diese Güter für die Ärmsten dadurch wohl unerschwinglich wurden. Dass diese Preise Salomos Zahlungsfähigkeit überstiegen, zeigt die Abtretung von 20 Städten an Hiram, welche wahrscheinlich einen historischen Kern enthalten. 5 Das Land Ophir lässt sich bis heute nicht genau lokalisieren. Man vermutet es an der Westküste Arabiens, da dort Goldvorkommen nachgewiesen wurden. Problematisch ist, dass zum einen am Golf von Aqaba keine Hinweise auf eine phönizische Präsenz aus der Zeit Salomos entdeckt wurden, und zum anderen, dass die für solche Fahrten benötigten Schiffe Juda erst ab dem 8. Jh. v. Chr. zur Verfügung gestanden haben. 6
2.1.2.: Der Handel mit Phönizien in der gegenwärtigen Forschung
Das Zedernholz, das auch Salomo für den Tempelbau verwendete, war auch bei anderen Völkern als Baumaterial begehrt, wie assyrische Inschriften aus dem 9. Jh. v. Chr. belegen. 7 Auffällig ist, dass ab dem 10. Jh. v. Chr. v.a. die Stadt Tyrus
1 Vgl. Donner: Geschichte des Volkes Israel, S. 245/246.
2 Vgl. Finkelstein: David und Salomo, S. 150.
3 Vgl. Ebenda, S. 248.
4 Vgl. Keel: Geschichte Jerusalems, S. 245.
5 Vgl. Ebenda, S. 246.
6 Vgl. Ebenda, S. 246.
7 Vgl. Moscati: Die Phönizier, S. 26.
3
unter den phönizischen Städten eine wachsende Bedeutung erlangte. Sie wurde außenpolitisch aktiver, Josephus bescheinigte Tyrus und anderen phönizischen Städten gute Beziehungen zu Israel bis ins 9. Jh. v. Chr.. 8 Die Phönizier beeindruckten schon im Altertum die Zeitgenossen mit Entdeckungsreisen auf der Suche nach wertvollen Metallen. 9 Zudem ist mittlerweile bekannt, dass während der Bronze- und Eisenzeit der Seehandel fest in phönizischer Hand war. 10 Auch die Handelsfahrten Hirams nach Ophir könnten zu jenen Aktivitäten gezählt haben. De Geus hält das Entstehen von Handelskontakten zwischen Hiram und Salomo für möglich aufgrund der Handelsroute nach Südarabien und des damit verbundenen Weihrauchhandels. 11
Knauf hingegen hält die in der Bibel dargestellten Beziehungen zwischen Phönizien und Israel für übertrieben. Sie entsprechen nicht der politischen und wirtschaftlichen Realität des 10. Jh. v. Chr.. Dennoch können die biblischen Berichte dabei helfen, eine Vorstellung über das Verhältnis zw. Phönizien und Israel zu bekommen. Bei Betrachtung der getauschten Güter (hochwertiges Baumaterial gegen Nahrungsmittel) wird deutlich, dass Phönizien gegenüber Israel wohl wesentlich weiter entwickelt war, was den durch die Bibel vermittelten Eindruck einer kommerziellen Abhängigkeit Salomos verstärkt. 12 Bezüglich des salomonischen Kupferabbaus (1Kön 7,46f.) lässt sich feststellen, dass zwar die phönizischen Städte den Kupfermarkt im Nahen Osten weitestgehend beherrschten, allerdings gab es Phasen (z. B. das 12./11. Jh. v. Chr.), als diese Vormachtstellung einbrach, und der Kupferabbau im Jordantal Sinn machte. Jedoch wird angezweifelt, ob es Salomo möglich gewesen war, mit der ihm zur Verfügung stehenden Infrastruktur den Transport vom Jordantal nach Jerusalem zu bewerkstelligen. 13
Desweiteren ist anzunehmen, dass ein phönizisches Handelsimperium, wie man aus der Bibel interpretieren könnte, im 10. Jh. v. Chr. nicht vorstellbar ist, was auch damit zusammenhängt, dass sich die mediterrane Welt v. a. in ökonomischer Hinsicht noch nicht vom Zusammenbruch der großen Stadtstaaten im 12./11. Jh. v. Chr. erholt hatte. Das bedeutet in Bezug auf Salomo, dass weder große
8 Vgl. Ebenda, S. 41.
9 Vgl. Ebenda, S. 72.
10 Vgl. Lemaire/Halpern: The Books of Kings, S. 502.
11 Vgl. Lipinski: Phoenicia and the Bible, S. 15.
12 Vgl. Ebenda, S. 167/168.
13 Vgl. Ebenda, S. 184/185.
4
Handelsprojekte in Kooperation mit Phönizien noch Investitionen in andere Staaten realistisch erscheinen. 14
Der Tauschhandel Salomos, der ihm Baumaterial für Nahrungsmittel einbrachte, ist mit den unterschiedlichen geographischen Begebenheiten der phönizischen Küste und dem Land Palästinas plausibel zu erklären: An der Küste herrschte ein Mangel an nutzbaren Weideflächen, sodass die phönizischen Küstenstädte den Nahrungsmittelbedarf ihrer Bevölkerung oft nicht aus eigener Kraft decken konnten und somit die ihnen zur Verfügung stehenden Rohstoffe verkauften, eine Praxis, über die schon in Byblos aus dem 11. Jh. v. Chr. berichtet wird. 15 Aufgrund der phönizischen Überlegenheit als Handwerker und Seefahrer entstand im syrischen/palästinischen Hinterland ein neuer wichtiger Markt, was in den Handelsbeziehungen Salomos mit Hiram zum Ausdruck kommt. (siehe 1Kön 5,20) 16 Neben dem Handel von Rohstoffen gegen Nahrungsmittel erscheint in den biblischen Berichten über Salomo eine Möglichkeit, die Knappheit an Weideflächen mit dem Handel mit Territorien (siehe 1Kön 9,12f.) zu kompensieren. 17 Allerdings ist der Vertrag Salomos mit Hiram als Beschreibung aus dem AT historisch mit Vorsicht zu bewerten. So erscheint der Tausch von Land gegen Gold (1Kön 9, 11b.14) angesichts der knappen phönizischen Weideflächen und der geringen Zahlungsfähigkeit des salomonischen Königreichs plausibel, auch wenn eine Ausdehnung der Stadt Tyrus auf dem palästinischen Festland zu jener Zeit nicht archäologisch nachweisbar ist. Zudem ist auffällig, dass das Abtreten der 20 Ortschaften dem sonstigen biblischen Salomobild sehr widerspricht, sodass von einem historischen Kern dieser „Transaktion“ auszugehen ist. 18 Tatsächlich erhielt ein König von Tyrus das Land Kabul, allerdings erst im. 8. Jh., nachdem es nach der Invasion Hazaels keiner staatlichen Kontrolle unterlag. 19 Andererseits waren die Abläufe von Holzlieferungen (1Kön 5, 22-24) damals allgemein bekannt, was aus verschiedenen außerbiblischen (z. B. Wenamun-Erzählung) und innerbiblischen (z. B. Esr 3,7) Quellen hervorgeht, sodass die Textstelle auch in nachsalomonische Zeit datiert werden könnte. 20
14 Vgl. Ebenda, S. 186.
15 Vgl. M. Sommer: Die Phönizier, S. 76/77.
16 Vgl. Ebenda, S. 79.
17 Vgl. Ebenda, S. 80/81.
18 Vgl. Schipper: Israel und Ägypten in der Königszeit, S. 63/64.
19 Vgl. Lemaire/Halpern: The Books of Kings, S. 272.
20 Vgl. Schipper: Israel und Ägypten in der Königszeit, S. 61/62.
5
Außerdem ergibt sich das Problem, dass Hiram, um das Holz des Libanons verwenden zu können, über das Bestimmungsrecht für Landflächen Sidons hätte verfügen müssen, was angesichts der Unabhängigkeit der phönizischen Städte im 10. Jh. v. Chr. unwahrscheinlich gewesen ist. 21 Ausgehend von 1Kön 5,25 lieferte Salomo den Tyrern weniger Öl als Weizen, was angesichts der bereits thematisierten ,geographisch bedingten, knappen Ackerbaufläche der phönizischen Städte logisch erscheint, da dadurch Getreide in Tyrus besonders wertvoll war, auch wenn die angegebenen Mengen sicher übertrieben sind. 22
Bezüglich der phönizisch-israelitischen Handelsfahrten nach Ophir (1Kön 9,26-28) tauchen neben durchaus realistischen Angaben (die Männer Hirams als Experten für die Seefahrt) mehrere anzuzweifelnde Aspekte auf: Der Ort Ezjon-Geber, wo Salomo angeblich seine Schiffe bauen ließ, war erst in der späten Königszeit bewohnt, aber nicht im 10. Jh. v. Chr. . 23 Dasselbe gilt für das bei Ezjon-Geber gelegene Elat in Edom. 24 Allerdings war Ezjon-Geber ab dem 8. Jh. ein wichtiger Umschlagplatz für aus dem Süden übers Meer gelieferte Waren, welche auch nach Tyrus weitergeleitet wurden. Salomos Handelsfahrten mit Hiram könnten als Hommage an diesen Aspekt verstanden werden. 25 Die angegebene Goldmenge von 420 Talenten, was etwa 15000 Kilogramm entspricht, wirkt übertrieben groß, um als glaubwürdig angesehen zu werden. Genaue Bestimmungen einer Ortsangabe Ophirs sind nur in einem vagen Rahmen (Afrika oder Arabien) möglich. 26 Die Behauptung in 1Kön 10,22, Salomo wäre regelmäßig durch sog. Tarsisschiffe mit allerlei exotischen Waren versorgt worden, wird an folgenden Punkten problematisch: Zwar sind phönizische Expeditionen nach Tarschisch (oder auch Tartessos) nachweisbar, aber nicht für das 10. Jh. v. Chr., sondern erst ab dem 9. Jh. . 27 Der Begriff „Tarschischschiffe“ kann auch als qualitative Bezeichnung verwendet werden, die die Beschaffung attraktiver und exklusiver Waren symbolisiert. 28
21 Vgl. Sarkiö: Die Weisheit und Macht Salomos, S. 85.
22 Vgl. Ebenda , S. 85/86.
23 Vgl. Finkelstein: Keine Posaunen vor Jericho, S. 161.
24 Vgl. Schipper: Israel und Ägypten in der Königszeit, S. 66/67.
25 Vgl. Lemaire/Halpern: The Books of Kings, S. 505.
26 Vgl. Sarkiö: Die Weisheit und Macht Salomos, S. 175-177.
27 Vgl. Görg: Neues Bibel-Lexikon Bd. 3 , S. 147.
28 Vgl. Ebenda Bd. 3 , S. 785.
6
Arbeit zitieren:
Andreas Wollenweber, 2011, Die Historizität der biblischen Figur des Salomo, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Theologie - Biblische Theologie: Die Historizität der biblischen Figur des Salomo ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Theologie - Biblische Theologie: neuer Titel erschienen: Die Historizität der biblischen Figur des Salomo
Andreas Wollenweber hat einen neuen Text hochgeladen
Archäologen entschlüsseln eine...
Israel Finkelstein, Neil A. Silberman, Rita Seuß
Mose - Biblische Gestalt und literarische Figur
Thomas Manns Novelle "Das Gese...
Friedemann W. Golka
Wörterbuch für Wirtschaft, Recht , Handel Bd. 2. Französisch - Deutsch
Georges Ed. Potonnier, Brigitte Potonnier
Reflections of Messiah: Contemporary Advent Meditations Inspired by Ha...
Jim Melchiorre, Handel
Wörterbuch für Wirtschaft, Recht und Handel 1. Dictionnaire de l'écono...
Deutsch-Französisch / Allemand...
Georges E. Potonnier, Brigitte Potonnier
0 Kommentare