Entstehung und Niedergang des Kapitalismus bei Karl Marx
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Materialistische Geschichtsauffassung
3. Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus
4. Bourgeoisie und Proletariat
5. Die Situation des Proletariats
6. Kapitalismus und Kommunismus
7. Krisen und Revolution
8. Fazit
Inhaltsverzeichnis
Entstehung und Niedergang des Kapitalismus bei Karl Marx
1. Einleitung
Die aktuelle Finanzkrise sorgt dafür, dass eine bisher als unumstößlich geltende Institution heiß diskutiert wird: der Kapitalismus. Vom Versagen der freien Marktwirtschaft, vom Ende einer Epoche ist hier die Rede 1 . Selbst die US-amerikanische Washington Post sieht den „americanstyle capitalism“ 2 als ein Opfer der größten Finanzkrise seit den 1920er Jahren an. Der britische Guardian dahingegen wundert sich: „How tables turn. Socialism is now cock of the walk, capitalism mugged by reality. It’s rubbish, total rubbish“ 3 . Eins machen diese Zitate aber deutlich: Die Finanzkrise hat weltweit eine Hysterie ausgelöst, teilweise herrscht gar Untergangsstimmung.
Was liegt nun näher als sich in diesem Zusammenhang mit Karl Marx zu beschäftigen? Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, wie Marx die Entstehung des Kapitalismus beschreibt und welche Gründe er für dessen Untergang gegeben sah. Gleichwohl Marxens kommunistisches Gespenst sicherlich nicht mehr in Europa umhergeht, ist das Thema der Krise des Kapitalismus von enormer Aktualität und obwohl zugestanden werden muss, dass die Marx’schen Ausführungen nicht mehr eins zu eins auf die heutige Situation übertragen werden können, lohnt sich dennoch ein Blick auf seine Beschreibungen und Prognosen.
Um dies angehen zu können, wird zunächst ein allgemeiner Blick auf die materialistische Geschichtsauffassung Marxens geworfen, mit der er die Gesellschaft und ihren Entwicklungsgang entlang ökonomischer Kriterien zu erklären versucht. Im Anschluss daran, wird aufgezeigt, wie der Kapitalismus überhaupt entstehen konnte, welche Voraussetzungen dafür gegeben sein mussten. Die nächsten Kapitel beschäftigen sich sodann mit der Frage nach den Eigenschaften des Kapitalismus. Hier soll aufgezeigt werden, wie sich die beiden Klassen der Bourgeoisie und des Proletariats unterscheiden und welche Merkmale die Situation dieser Klassen prägen. Im Anschluss daran werden die Marx’schen Prognosen zum Untergang des Kapitalismus näher erläutert. Hier muss allerdings auch angemerkt werden, dass es die Zusammenbruchstheorie bei Marx nicht gibt 4 . Vielmehr finden sich an vielen Stellen Beschreibungen über die Krisen des Kapitalismus sowie über die Notwendigkeit und die Voraussetzungen einer kommunistischen Revolution.
1 Vgl. Eigendorf/Fuhr (2008).
2 Faiola (2008).
3 Jenkins (2008).
4 Dazu gibt es allerdings auch gegenläufige Meinungen; vgl. hier die Erläuterungen von Heinrich (2005), S. 176ff.
Entstehung und Niedergang des Kapitalismus bei Karl Marx
Die Analyse wird sich dabei allerdings in erster Linie auf die frühen Werke Marxens 5 konzentrieren. Von zentraler Bedeutung sind hier die ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844, die deutsche Ideologie (1845) sowie das erstmals 1847 veröffentlichte Manifest der Kommunistischen Partei.
2. Die Materialistische Geschichtsauffassung
Für Marx ist die Geschichte der Menschheit kein zufälliger Prozess. Er ist zielgerichtet. Die Basis aller Geschichte bildet dabei die Art und Weise der Produktion, die Verteilung der Produkte, der Handel. Arbeit und Produzieren unabhängig von physischen Bedürfnissen ist somit auch der große Unterschied zwischen Mensch und Tier:
„Der erste geschichtliche Akt dieser Individuen, wodurch sie sich von den Tieren unterscheiden, ist nicht, daß sie denken, sondern daß sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren.“ 6
„Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bestimmt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst. […] Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“ 7
„Zwar produziert auch das Tier. Es baut sich ein Nest, Wohnungen, wie die Biene, Biber, Ameise etc. Allein es produziert nur, was es unmittelbar für sich oder sein Junges bedarf; es produziert einseitig, während der Mensch universell produziert; es produziert nur unter der Herrschaft des unmittelbaren physischen Bedürfnisses, während der Mensch selbst frei vom physischen Bedürfnis produziert und erst wahrhaft produziert in der Freiheit von demselben.“ 8
Indem die Menschen also anfangen zu produzieren, beginnt für Marx erst die eigentliche Geschichte. Die Art und Weise der Produktion und der Distribution der Waren hat aber darüberhinaus noch eine gewichtigere Rolle: Sie bestimmt die gesellschaftliche Ordnung, die Existenz von Klassen und Ständen, die Verteilung der Eigentums und auch die Herrschaftsverhältnisse in einer Gesellschaft. Folglich muss nicht nur die menschliche Geschichte immer im Hinblick auf die Geschichte der Produktion betrachtet werden, sondern auch der jeweilige, historische Aufbau einer Gesellschaft. Wie, was und von wem etwas produziert wird schlägt sich in den sogenannten Produktivkräften nieder: Dazu gehören neben den Produktionsmitteln (Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen etc.) auch das technische Fachwissen
5 Die Mitautorschafts Friedrich Engels bei manchen Schriften (Kommunistisches Manifest, teilweise bei der Deutschen Ideologie) soll an dieser Stelle natürlich nicht verschwiegen werden.
6 Engels/Marx (2004b), S. 410.
7 Engels/Marx (2004b), S. 411; vgl. darüber hinaus auch Engels/Marx (2004b), S. 411f, 422, 439.
8 Marx (1968), S. 517.
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sowie die Menschen, die zu einer gegebenen Zeit etwas produzieren. Die Produktivkräfte und ihre Verteilung in der Gesellschaft determinieren wiederum die sogenannten Produktionsverhältnisse: die Eigentumsstruktur, die Herrschaftsverhältnisse, die Produktions-und Distributionsstruktur einer Gesellschaft. In einem späteren Werk fasste Marx diese Zusammenhänge wie folgt zusammen:
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen.“ 9
Das Zusammenspiel von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen vermag aber nicht nur den historisch-aktuellen Zustand einer Gesellschaft zu erklären, sondern gerade auch den gesellschaftlichen Wandel. Der gesellschaftliche Fortschritt ergibt sich aus den Widersprüchen zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Die Produktivkräfte - als das dynamische Element der Gleichung - entwickeln sich stetig weiter; es kommt zu Verbesserungen in der Produktion, beispielsweise durch Erfindungen aber auch durch ein Mehr an Erfahrung bei den Arbeitern. Ab einem gewissen Grad der Entwicklung geraten die Produktionsverhältnisse in einen Widerspruch zu den Produktivkräften, sie behindern sie. Die logische Folge davon ist die revolutionäre Umwerfung der alten Verhältnisse und die Etablierung von neuen, dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte entsprechenden Produktionsverhältnissen.
„In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte.“ 10
„Alle Kollisionen in der Geschichte haben also nach unsrer Auffassung ihren Ursprung in dem Widerspruch zwischen den Produktivkräften und der Verkehrsform.“ 11
„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“ 12
9 Vgl. dazu auch Engels/Marx (2004b), S. 415.
10 Engels/Marx (2004b), S. 436.
11 Engels/Marx (2004b), S. 464f.
12 Engels/Marx (2004a), S. 594f; vgl. außerdem Engels/Marx (2004b), S. 439, 464.
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Bilden die aktuellen Produktionsverhältnisse also nur noch Fesseln für die Produktion und Distribution in der Gesellschaft, entsprechen sie nicht mehr dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte und behindern sie gar die weitere Entwicklung dieser, kommt es zur Revolution. Die Klasse, der die neuen Produktivkräfte entsprechen, begehrt auf und zerstört die Macht der bisherigen Herrschaftsstruktur. Dabei befindet sie sich zunächst auch im Einklang mit allen anderen, nicht-herrschenden Klassen 13 . Sobald allerdings einmal an die Herrschaft gelangt, unterwirft sie sich die anderen Klassen und zwingt ihnen leidglich neue unterdrückende Produktionsverhältnisse auf.
Wie bereits erwähnt wurde, sieht Marx die Geschichte als einen zielgerichteten, sinnbehafteten Prozess 14 . Hauptmerkmal der Entwicklung ist dabei die immer wieder aufkommenden Gegensätze zwischen den Klassen. Marx beschreibt mehrere Entwicklungsstadien, die sich dabei zum Teil bereits in der Geschichte abgespielt haben: Stammesgesellschaft/Urkommunismus, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und schließlich Kommunismus. Die wesentlichen Unterschiede zwischen diesen Gesellschaftsformen sind der Grad der Arbeitsteilung und die Eigentumsstruktur 15 . Die Teilung der Arbeit nahm dabei sukzessive zu, während die Eigentumsverteilung sich immer weiter ausdifferenzierte und sich vom anfänglichen Stammeseigentum über ständisches Eigentum bis hin zum Privateigentum entwickelte.
Im Folgenden soll nun speziell der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und dessen prognostizierter Niedergang beschrieben werden. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt der Analyse: Welche Verhältnisse genau führten zum Untergang des Feudalismus? Welche speziellen Konstellationen ergeben sich im Kapitalismus? Warum ist der Kapitalismus so wichtig für die Entwicklung der Kommunismus? Und letztlich: Wie kommt es zum Ende des Kapitalismus?
3. Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus
Einfach gesprochen stellt der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus den Sieg des mobilen Kapitals über das feudale, immobile Grundeigentum dar. Wie wir sehen werden, stellt sich der Übergang - die ‚Revolution’ - durchaus komplizierter dar. Die Entdeckung Amerikas und die Kolonialisierung der Welt schufen neue Absatzmärkte und einen damit verbundenen Boom des weltweiten Handels. Verstärkt wurden diese Entwicklungen zudem durch die Entdeckung neuer Seewege und Weiterentwicklungen in der Schifffahrt 16 . Die zünftische
13 Vgl. Engels/Marx (2004b), S. 448.
14 Vgl. dazu Münch (2002), S. 110f, 116; Bevc (2007), S. 172.
15 Vgl. Engels/Marx (2004b), S. 412-415.
16 Vgl. Engels/Marx (2004a), S. 595f.
Arbeit zitieren:
Marcel Rüttgers, 2008, Entstehung und Niedergang des Kapitalismus bei Karl Marx, München, GRIN Verlag GmbH
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