18) und sie somit zu einer Weltkultur werden lassen. Institutionen sind somit verfestigte kollektive Erwartungen, die nicht länger hinterfragt werden.
Die Annahme einer solchen Weltkultur hat zu gewissen Missverständnissen geführt, als dass sie bei einigen scheinbar assoziativ den Eindruck generiert hat, die Weltkultur als Ergebnis einer weltweiten Diffusion solcher Mythen sei somit ein homogenes, in sich geschlossenes, konsistentes und ausschließlich von Isomorphie geprägtes Gebilde, in dem Unterschiede seltener werden und Differenzierung unwahrscheinlicher. Zwar hat sich mit der Herausbildung der Weltkultur in der Tat eine weltweite Verbreitung ähnlich gearteter Deutungsmuster ergeben, jedoch hatte gerade dies die Folge, dass Unterschiede sich auf besondere Art manifestieren und über die Perspektive der Weltgesellschaft erst global beobachtbar werden konnten. Der Begriff der „Glokalisierung“ etwa beschreibt - wenn auch verschoben in eine räumliche Dimension, die zwar Teil der Problematik ist, jedoch nicht Ursprung - das Phänomen, bei dem Globalisierung, allgemein assoziiert als eine Art Prozess der „Verwestlichung“, die Folge hat, dass sich zunehmend Gruppen, Ethnien und Völker überall auf der Welt auf ihre Traditionen zurückbesinnen, um zu verhindern, dass diese im Rahmen des oben genannten Prozesses untergehen. Die damit auftretende Lokalisierung tritt als Effekt somit zeitgleich zur Globalisierung auf, was das scheinbar paradoxe Phänomen der Glokalisierung zur Folge hat.
Ein interessanter Bestandteil dieses Prozesses, den der Begriff so noch nicht impliziert, ist dabei das Aufkommen institutioneller Widersprüche (vgl. Friedland / Alford 1991). Die Weltkultur wird nicht erst im Rahmen einer Glokalisierung zu einem heterogenen Sinnsystem, sondern ist dies schon allein dadurch, dass die sie prägenden Institutionen sich mitunter gegenseitig widersprechen können und letztlich nur aufgrund des Abstraktionsniveaus, das „Prinzipien“ und „Werte“ immer auszeichnen muss, nebeneinander existieren können. Der westliche Grundrechtekanon ist ein gutes Beispiel: Hier existieren etwa das Recht auf körperliche Unversehrtheit sowie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Datenschutz) nebeneinander, obwohl allgemein bekannt ist, dass beide sich bei näherer Ausgestaltung in konkreter Form widersprechen können. Die Abstraktion verhindert jedoch zunächst, dass es zu Kollisionen dieser Art kommt, und ermöglicht zumindest auf der semantisch-formalen Ebene die zeitgleiche Postulierung beider Grundrechte.
Nicht anders ist es bei den Institutionen der Weltkultur, welche in ihrer Widersprüchlichkeit denjenigen Gruppen, die ihre eigenen Traditionen und Bräuche gegen die Globalisierung „verteidigen“ wollen, das kommunikative Rüstzeug liefern, um diese Verteidigung gegenüber
2
der sozialen Umwelt zu legitimieren. So erwähnten Meyer et al. einen Fall, bei dem afrikanische Intellektuelle versucht haben, die Anwendung des Institution der Gleichberechtigung der Geschlechter auf ihre Gesellschaften zu verhindern, indem sie sich auf die Institution kultureller Selbstbestimmung und Autonomie berufen haben (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 125). Es wird im Folgenden zu zeigen sein, dass das Phänomen institutioneller Widersprüche auch und gerade für Weltorganisationen sowohl eine Möglichkeit zur Legitimation gegenüber ihren Umwelten bietet, jedoch gleichzeitig für sie auch eine beständige Herausforderung darstellt.
3. Weltorganisationen und institutionelle Widersprüche
Organisationen werden in ihren tagtäglichen Operationen entscheidend geprägt von ihren sozialen Umwelten. Die organisationalen Umwelten haben Erwartungen an die jeweilige Organisation, welche von dieser dann entweder erfüllt oder enttäuscht werden, wobei sie mit ersterem ihre eigene Legitimation gewährleistet. Insbesondere im Falle politischer Organisationen bleibt jedoch gerade die beständige Enttäuschung von Umwelterwartungen nicht aus, da diese sich zumeist durch äußerst heterogene Umwelten auszeichnen, die wiederum durch divergierende Erwartungen an die Organisation gekennzeichnet sind (vgl. Brunsson 1989: 20 ff.). Die Organisation kann somit niemals alle Erwartungen erfüllen und ist mitunter gezwungen, Elemente ihrer Operationen lose bzw. Reden („talk“) und Handeln („action“) zu entkoppeln. Dies kann von Erfolg gekrönt sein, birgt jedoch auch die Gefahr, dass bei Erkennen dieser Strategie durch die Umwelt der Vorwurf der Heuchelei aufkommt, der in der Politik bekanntlich nicht selten ist: „Hypocrisy is a fundamental type of behaviour in the political organization: to talk in a way that satifies one demand, to decide in a way that satifies another, and to supply products in a way that satifies a third“ (Brunsson 1989: 27). Die Organisation hat dabei die Option, die Entkopplung auf verschiedene Weisen zu vollziehen, bei denen nicht zwingend nur von einer Entkopplung von „talk“ und „action“ ausgegangen werden muss, sondern auch von einer losen Kopplung einzelner „talk“-Elemente wie beispielsweise Themen oder struktureller Elemente wie organisationalen Einheiten. Ferner kann nach Zeit sowie nach Umwelten entkoppelt werden (vgl. ebd.: 34 ff.). Das Beispiel der Weltbank wird zeigen, wie sich dies konkret vollzieht. Insbesondere politische Organisationen operieren im Rahmen institutioneller Umwelten, d. h., sie sind nicht lediglich leichter erfüllbaren, technisch-formalen Rationalitätserwartungen ausgesetzt, sondern unterliegen unmittelbar den Auswirkungen institutioneller Widersprüche (man denke hier etwa an das Beispiel „Datenschutz versus körperliche Unversehrtheit“ in
3
Abschnitt 2). Diese Tatsache stellt im Besonderen für Weltorganisationen eine Herausforderung dar, da diese über ihren globalen Status unter besonderer Beobachtung stehen und Entkopplung bzw. Heuchelei schneller registriert und damit auch kritisiert wird, was die Legitimationsbemühungen beständig gefährdet. Die Weltorganisation muss, konfrontiert mit widersprüchlichen weltkulturellen Institutionen, beständig klären, welche Semantiken sie aufgreift und verwendet - und damit auch, welche sie nicht verwendet und welche sie ablehnt. Zugleich muss sie im Zuge ihrer politischen Funktion entscheiden, welche Normen sie aufgreift und welche nicht. Da Weltorganisationen selbst nicht nur Objekte, sondern über ihren globalen Status auch Agenten weltkultureller Institutionalisierung sind, haben diese Entscheidungen direkte Auswirkungen auf die politische Weltordnung und damit die Konstitution der „world polity“. Dies werde ich im nächsten Abschnitt am Beispiel der Weltbank ausführen.
4. Empirisches Beispiel: Weltbank
Zwar ist die Ausdifferenzierung der Weltgesellschaft ein Prozess, der schon deutlich länger als nur ein Jahrhundert andauert, jedoch markiert die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN im Jahre 1948 einen besonderen Punkt, der für die Institutionalisierung der Weltkultur essenziell war. Mit der zwar nur formalen, aber so gut wie globalen Anerkennung der Menschenrechte hat sich der damit einhergehende Katalog an politischen Prinzipien so einer Sammlung zumindest in abstrakter Form nicht mehr hinterfragbarer Normen entwickelt. Zugleich wurde damit und mit den danach folgenden Präzisierungen der Menschenrechte das Primat der Entwicklung geschaffen: Politische Systeme und Regierung erhielten damit den Auftrag, für die Verwirklichung dieser Rechte weltweit einzutreten, auch abseits des eigenen Territoriums. Somit war es die logische Konsequenz, die (zunächst nur für den Zweck des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete) Weltbank mit der globalen Organisation dieser Politik zu betrauen. Eine Entscheidung hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung einer globalen Entwicklungspolitik der Weltbank war damit freilich noch nicht vorgegeben. Diese ergab sich später vielmehr aus dem Zusammenwirken verschiedener weltkultureller Institutionen, welche selbst bis heute in einem ständigen Wettstreit miteinander stehen. Franz Nuscheler (2006) hat die Entwicklungspolitik der Weltbank in mehrere Phasen unterschieden; an seine Analyse werde ich mich im Folgenden halten.
Zu einer der prägendsten westlichen Institutionen zählt der kapitalistische Markt (vgl. Friedland / Alford 1991: 232). Ihn entdecken wir wieder, wenn wir die erste maßgebliche
4
Entwicklungsdekade betrachten, die sich grob in den 60er Jahren verorten lässt und auf dem Konzept „Entwicklung durch Wachstum“ beruhte: Sie ist gekennzeichnet vom Paradigma der Modernisierung und dem Grundgedanken, dass Unterentwicklung eine Folge von Kapitalmangel ist und durch Wirtschaftswachstum, Einbindung in den Weltmarkt und Handel ein Modernisierungs- und Entwicklungseffekt erreicht werden könne (vgl. Nuscheler 2006: 78 f.). Das Prinzip des kapitalistischen Marktes war hier der prägende institutionelle Einfluss. Mit der Präsidentschaft des ehemaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara vollzog die Weltbank einen Schwenk hin zu einer Politik, die fortan nicht mehr von einem derartigen Automatismus ausging und sich stattdessen darauf konzentrierte, Armut direkt und unmittelbar zu bekämpfen, indem man auf die Verbesserung der gesundheitlichen Situation der jeweiligen Bevölkerung, Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Verbesserung der Bildung setzte (vgl. ebd.: 79 f.). Das Wirken bzw. die Ausdifferenzierung neuer Institutionen wird deutlich: Etwa die Erkenntnis, mit Bildung Armut bekämpfen zu können, wurde zu einem essenziellen programmatischen Bestandteil der „world polity“, wie Meyer et al. vielfach belegten (vgl. u. a. Meyer / Ramirez 2005). Ähnliches gilt für die Institution der Wohlfahrtsstaatlichkeit, welche der Erkenntnis entsprungen war, dass die „primär wachstumsfördernden Maßnahmen (…) vor allem den reichsten 40 % der Bevölkerung zugute gekommen [sind]“ (Nuscheler 2006: 79).
Die Politik, die das Wirken der Weltbank in den 80er Jahren im Vorfeld des „Washington-Konsensus“ von 1990 prägte, griff viele der mit der Institution des kapitalistischen Marktes einhergehenden Implikationen wieder auf: Sie war, nicht zuletzt auch unter dem Eindruck der politischen Ausrichtung, die von Ronald Reagan und Maggie Thatcher vorgegeben wurde, geprägt durch ein Vorantreiben neokonservativer bis neoliberaler Ansätze, die auf mehr Markt, Entstaatlichung, Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung des Handels setzten (vgl. Nuscheler 2006: 82 f.).
Eine Loslösung von diesen Prämissen erfolgte mit einer Politik, die sich schließlich im „Monterrey-Konsensus“ von 2002 manifestierte. Dieser ist u. a. charakterisiert durch eine größere Relevanz umwelt- und klimaschutzpolitischer Maßnahmen - was auf das Wirken einer neuen entsprechenden Institution hindeutet - sondern auch durch eine besondere Hervorhebung des Prinzips kultureller Selbstbestimmung und damit in der Folge auch nationalstaatlicher Souveränität: Den Entwicklungsländern wurde eine größere Eigenverantwortung hinsichtlich der politischen Umsetzung von Maßnahmen zugebilligt (vgl. ebd.: 88) und damit mehr Diversität der globalen Entwicklungspolitik insgesamt geschaffen. Die Institution kultureller Selbstbestimmung kam bereits auf in der Phase Entkolonialisierung
5
(vgl. Finnemore 2004: 72 f.). Mit einigen Jahrzehnten Verspätung hat sie nun auch ihren Eingang in die globale Entwicklungspolitik gefunden.
Es wird deutlich, dass die Weltbank als Organisation im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Institutionen mal mehr, mal weniger aufgegriffen hat, womit nicht nur ihre Politik geprägt, sondern auch die Legitimation gegenüber der (hauptsächlich politischen) Umwelt gewährleistet wurde, indem beispielsweise in den 80er Jahren Erwartungen aufgegriffen wurden, die in einem „neoliberalen“ politischen Klima entstanden waren. Da die Weltbank eine Weltorganisation ist, ist sie jedoch nicht nur ein politisches „Objekt“, dessen Operationen von der institutionellen Umwelt determiniert werden. Die Weltbank ist zugleich Agent der Weltkultur und treibt, sowie sie eine Institution aufgegriffen hat, insbesondere über ihr einflussreiches Instrument der Konditionalpolitik die weitere weltkulturelle
Institutionalisierung des jeweiligen Prinzips voran. Es wäre insofern falsch, hinsichtlich des hier dargestellten Komplexes von einer Kausalität auszugehen - stattdessen handelt es sich um einen dynamischen Prozess, dessen Ursprung so nicht festzumachen ist. Dass Institutionen einander auch widersprechen können, zeigt die Gegenüberstellung der vieldiskutierten Inhalte des Washington- und des Monterrey-Konsensus. Eine Konditionalpolitik, die auf Entstaatlichung und Liberalisierung abzielt, ist mitunter geeignet, nationalstaatliche Regierungsmacht einzuschränken und dadurch Souveränität zu untergraben, was in der Folge auch dem Prinzip kultureller Selbstbestimmung entgegenstehen kann. Die Weltbank steht vor der beständigen und schwierigen Aufgabe, beide Institutionen zumindest bis zu einem gewissen Maß aufgreifen und dennoch glaubwürdig bleiben zu müssen. Sie muss daher ihre Operationen voneinander entkoppeln. Dies tut sie in exakt den Weisen, die Brunsson in seiner Kategorisierung verschiedener Arten von Entkopplung benennt (s. Abschnitt 3).
Die Entkopplung nach Zeit kann der Beobachter erkennen, wenn er sich die unterschiedlichen Dekaden der Entwicklungspolitik, die Nuscheler beschreibt, vor Augen führt: Hier wurden die Erwartungen verschiedener Umwelten zu verschiedenen Zeiten erfüllt - und zugleich enttäuscht. Die Entkopplung nach Themen erklärt sich in diesem Fall von selbst: Verschiedene Institutionen wie der kapitalistische Markt oder Bildung bringen immer auch unterschiedliche thematische Fokussierungen mit sich. Entkopplung nach organisationalen Einheiten zeigt sich in Form der Struktur der Weltbank: Bestimmte Projekte der Organisation befassen sich beispielsweise mit der Entwicklung von Wirtschaftssystemen, andere etwa mit dem Aufbau politischer Strukturen (vgl. Weltbank 2011). Die Entkopplung nach Umwelten stellt die interessanteste Erscheinung dar, da sie wohl am besten zeigt, auf welche Weise der
6
delegitimierend wirkende und daher für die Organisation gefährliche Heuchelei-Vorwurf zustande kommen kann.
Ein Beispiel hierfür ist die Differenz zwischen Äußerungen zweier hochrangiger Vertreter der Weltbank vor der Öffentlichkeit, welche durch das Hervorheben verschiedener institutioneller Werte zustande kam. So hob Weltbank-Präsident Robert Zoellick in einer Rede in der Georgetown University am 29. September 2010 das Prinzip des Wettbewerbs und der Märkte positiv hervor und forderte: „In these poor communities, we need more markets, not less, to bring more opportunity“ (Weltbank 2010). Der “talk” der Organisation Weltbank war hier also spezifisch auf die Erfüllung der Erwartungen einer konservativ-liberal geprägten Umwelt ausgerichtet - von der angesichts des Rahmens der Rede, der Elite-Universität von Georgetown, ausgegangen werden kann - indem die Institution des kapitalistischen Marktes positiv aufgegriffen wurde. Den entgegengesetzten Fall können wir im Rahmen eines Interviews beobachten, welches der World Bank Country Director für Ghana, Ishac Diwan, dem linksgerichteten Journalisten Kwesi Pratt 2011 gab. Diwan relativierte darin die Assoziation mit den neoliberalen Vorstellungen des Washington Konsensus und hob den Respekt der Organisation vor dem Prinzip kultureller Selbstbestimmung hervor: „The 80‘s were very coloured by the cold war (…) and there was a Washington consensus in the sense of… this is a list of what’s gonna be done. Since then the world has changed a whole lot and there is much more appreciation, for as you were saying, the specificity of places, the history, the politics, the social relationships of what’s feasible” (Weltbank 2011a). Deutlich entkoppelt vom “talk” des ersten Beispiels, richtete sich die Organisation hier also nach den Erwartungen einer Umwelt aus, die insbesondere aus Zuschauern vom afrikanischen Kontinent sowie aus dem aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls eher kritischen bis linksgerichteten Stammpublikum des Journalisten Kwesi Pratt bestehen dürfte. Die Hervorhebung der Inhalte des Monterrey-Konsensus und der Institution kultureller Selbstbestimmung - bei gleichzeitiger indirekter Kritik an der Politik der 80er Jahre - dürfte für die Organisation in diesem Falle legitimationsfördernder gewesen sein, als die Außendarstellung in der Art zu gestalten, wie Zoellick dies weniger als ein Jahr zuvor getan hatte. Während man es im Falle dieses Beispiels mit einer Entkopplung des einen „talk“ vom jeweils anderen zu tun hatte, so lässt sich hinsichtlich der Konsistenz der Politik der Weltbank auch eine Entkopplung von „talk“ und „action“ beobachten. Dieser resultierte maßgeblich aus den Schwierigkeiten, die sich durch die geänderten Prämissen der entwicklungspolitischen Wendepunkte ergaben, welche jedoch aufgrund der der Organisation innewohnenden Komplexität nicht im selben Tempo in praktische Politik umgesetzt werden konnten. In ihrem
7
systemtheoretisch inspirierten Aufsatz „Weiß die Weltbank, was sie tut?“ führt Stefanie Hanke (1996) Beispiele auf, die dieses Schlüsselproblem beinhalten. Dazu zählt etwa der „pressure to lend“, der durch McNamaras pauschale Vorgabe entstand, Kredite zu erhöhen, jedoch zunächst darin mündete, dass Projekte finanziert wurden, „die sich in der Vergangenheit als gut operationalisierbar für die Bank selber erwiesen hatten“ (Hanke 1996: 340), was negative Auswirkungen auf die Qualität der Projekte hatte, die teilweise vor allem Großgrundbesitzern zugute kamen: „Die skizzierte organisationale Konfliktsituation zeigt die widersprüchlichen Ziele auf, die innerhalb der Weltbank vorherrschten“ (ebd.: 341). Die hier sichtbaren Entkopplungserscheinungen folgten hier also zwar auch aus dem Versuch, divergierenden institutionellen Umwelterwartungen nachzukommen, waren jedoch zugleich auch ein unwillkürliches und nicht strategisch geplantes Resultat der komplexen Strukturen einer Weltorganisation, die in ihren Operationen gewissermaßen von sich selbst überholt worden war.
5. Fazit
Das Beispiel der Weltbank hat gezeigt, dass Weltorganisationen in ihren Operationen maßgeblich geprägt werden durch weltkulturelle Institutionen, deren Aufgreifen einerseits den Legitimationsakt gewährleistet, andererseits aber auch einen beständigen Balanceakt darstellt, der mit außerordentlich sorgfältiger Beobachtung der Erwartungsstrukturen der Umwelt einhergehen muss. Versagen diese Beobachtungsmechanismen, so gefährdet dies die Legitimation. Ähnlich liegt der Fall hinsichtlich der Subtilität, die bei der Inszenierung gefragt ist, welche nötig wird, wenn „talk“ von „action“ oder „talk“ von „talk“ entkoppelt werden soll. Wird die Entkopplung zu offensichtlich, so kann dies einen Glaubwürdigkeitsverlust zur Folge haben. Zwar ist - aufgrund des häufigen Vorkommens von Entkopplung und der Tatsache, dass es aufgrund der Ausdifferenzierung der Massenmedien immer schwerer wird, diese zu verstecken - dieser bei politischen Organisationen nicht ungewöhnlich, jedoch dürfte er im Falle von Weltorganisationen aufgrund der globalen Öffentlichkeit noch schwerer wiegen; von der Notwendigkeit eines moralisch einwandfreien Images einer entwicklungspolitischen Organisation ganz zu schweigen. Diese Problematik, maßgeblich hervorgerufen durch das Auftreten institutioneller Widersprüche, bringt zahlreiche Konsequenzen mit sich für das, was eine Weltorganisation ausmacht: Ihre Semantik wird dadurch unter Umständen ambivalent und inkonsistent, ihre Struktur komplexer und damit für die Organisation selbst undurchschaubarer (vgl. Hanke 1996) und ihre Handlungen widersprüchlich. Da Weltorganisationen selbst Agenten der
8
Weltkultur sind, haben diese Phänomene zugleich auch Folgen für die Konstitution der Weltgesellschaft selbst, welche dadurch heterogener wird. Das erhöht wiederum ihre Komplexität, weswegen ihre Beobachtung zunehmend schwieriger wird. Dies generiert Opposition: NGOs etwa, die die Politik der Weltbank anprangern, sind ein Symptom dieses Prozesses. Will man den Typus der Weltorganisation näher beleuchten, so scheint es sinnvoll, die Implikationen dieser Dynamiken mit einzubeziehen.
6. Literatur
- Brunsson, Nils (1989): The Organization of Hypocrisy. Wiley, Chichester
- Finnemore, Martha (2004): The Purpose of Intervention. Changing Beliefs About the Use of Force. Cornell University Press, Ithaca / London
- Friedland, Roger / Alford, Robert M. (1991): Bringing Society Back In: Symbols, Practices, and Institutional Contradictions. In: DiMaggio, Paul J. / Powell, Walter W. (Hrsg.): The New Institutionalism in Organizational Analysis. The University of Chicago Press, Chicago / London
- Hanke, Stefanie (1996): Weiß die Weltbank, was sie tut? Über den Umgang mit Unsicherheit in einer Organisation der Entwicklungsfinanzierung. In: Soziale Systeme 2 (2), S. 331-359
- Koch, Martin (2011): Weltorganisationen. Ein (Re-)Konzeptualisierungsvorschlag für internationale Organisationen. Aufsatz, bisher unveröffentlicht
- Meyer, John W. (2005): Weltkultur - Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
- Meyer, John W. / Boli, John / Thomas, George M. (2005): Ontologie und Rationalisierung im Zurechnungssystem der westlichen Kultur. In: Meyer, John W.: Weltkultur - Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
- Meyer, John W. / Boli, John / Thomas, George M. / Ramirez, Francisco O. (2005): Die Weltgesellschaft und der Nationalstaat. In: Meyer, John W.: Weltkultur - Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
- Meyer, John W. / Ramirez, Francisco O. (2005): Die globale Institutionalisierung der Bildung. In: Meyer, John W.: Weltkultur - Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
- Nuscheler, Franz (2006): Entwicklungspolitik. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
9
- Weltbank (2010): Democratizing Development Economics.
http ://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/EXTABOUTUS/ORGANIZATION
/EXTPRESIDENT2007/0,,contentMDK:22716997 menuPK:64822306 pagePK:6482
1878~piPK:64821912~theSitePK:3916065,00.html (Stand: 29. September 2010)
- Weltbank (2011): Project Profiles.
http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/PROJECTS/0,,contentMDK:200523
13~menuPK:279613~pagePK:41367~piPK:279616~theSitePK:40941,00.html (Stand:
Juli 2011)
- Weltbank (2001a): TV Africa's Bare Facts Host, Kwesi Pratt, Interviews World Bank
Country Director for Ghana, Ishac Diwan.
http ://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/COUNTRIES/AFRICAEXT/GHAN
AEXTN /0,,contentMDK:22916691 menuPK:50003484 pagePK:2865066 piPK:286
5079~theSitePK:351952,00.html (Stand: 17. Mai 2011)
10
Arbeit zitieren:
Florian Sander, 2011, Weltorganisationen und institutionelle Widersprüche, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände: neuer Titel erschienen: Weltorganisationen und institutionelle Widersprüche
Florian Sander hat einen neuen Text hochgeladen
Nachhaltigkeit und Widersprüche
Eine Managementperspektive
Georg Müller-Christ, Lars Arndt, Ina Ehnert
Diplomarbeiten in den Geisteswissenschaften: Widersprüche und Wege
Eine empirische Analyse der Ba...
Birgit Aschemann-Pilshofer
Paradoxien und Widersprüche der Führungskräfterekrutierung
Personalauswahl und Geschlecht
Ulrike Schlamelcher
0 Kommentare