Inhaltsverzeichnis
Abstract 3
1. Einleitung 4
2. Theoretischer Rahmen 5
2.1 Vorbemerkung 5
2.2 Grundlagen und Begrifflichkeiten des Neo-
Institutionalismus 5
2.3 Der „hypocrisy“-Ansatz Nils Brunssons 10
2.4 Zwischenfazit 13
3. Die weltpolitische Rolle Venezuelas 14
3.1 Politische Ausgangslage 14
3.2 Analyse 16
4. Fazit 28
5. Literaturverzeichnis 31
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Abstract
Indem der venezolanische Präsident Hugo Chávez und seine linksgerichtete Regierung sich auf Prinzipien wie kulturelle Selbstbestimmung und nationalstaatliche Souveränität berufen, um damit vor allem gegen die amerikanische Außenpolitik und das liberale Wirtschaftsmodell zu argumentieren, nutzen sie gezielt westliche Institutionen, um sich auf ihrer Basis vom Westen abzugrenzen. Aus politikwissenschaftlicher und soziologischer Perspektive ergibt sich daraus die scheinbar paradoxe Erkenntnis, dass die die vielfältigen Dimensionen dessen, was man als Globalisierung bezeichnet, zwar einerseits Diffusion zur Folge haben, dass die sich daraus institutionalisierte und institutionalisierende Weltkultur jedoch zugleich in zunehmender Weise Diversität und somit Homogenisierung eine neue Heterogenisierung ermöglicht.
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1. Einleitung
Wenn man fragt, welche Staaten und weltpolitischen Akteure sich bei der Artikulation von Kritik an Entwicklungen der Globalisierung und der Politik der USA, die insbesondere deren wirtschaftspolitische Dimension seit Ende des Kalten Krieges stark vorangetrieben haben, am lautesten hervortun, so muss die Antwort in jedem Falle auch Venezuela bzw. den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez enthalten. Der sozialistische Politiker und seine Regierung, die sich in ihrer Selbstdarstellung in die Tradition des Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolivar stellt, treten dabei nicht nur besonders exponiert und zuweilen aggressivpolemisch auf, sondern sie koppeln diese anti-westliche Rhetorik auch an die aktiv verfolgte Zielsetzung einer „multipolaren Weltordnung“, die die vermeintliche Hegemonie der Supermacht USA zunächst im Raum Südamerika und schließlich weltweit beenden soll. Was sie aber ebenfalls verfolgen, ist die Anwendung einer besonders ambivalent erscheinenden politischen Strategie.
In dieser Arbeit wird zu zeigen sein, dass ein zentraler Bestandteil der venezolanischen Argumentation der Verweis auf die Prinzipien des kulturellen Selbstbestimmungsrechts und der nationalstaatlichen Souveränität ist. Diese Prinzipien dienen als Legitimation für eine Politik, die sich gegen eine weltwirtschaftliche Liberalisierung und Globalisierung richtet und zugleich jeder Einmischung der Vereinigten Staaten oder Europas nicht nur in die Belange Venezuelas, sondern auch in die von mit Venezuela befreundeten Staaten entgegentritt. Diese Tatsache sagt mehr über die Struktur der Weltgesellschaft aus, als es auf den ersten Blick scheint. Der Soziologe John W. Meyer und seine Kollegen in Stanford haben mittels ihres „world polity“-Ansatzes die Theorie einer Weltkultur aufgestellt, die sich durch bestimmte zentrale soziale, wirtschaftliche und politische Institutionen, Werte und Prinzipien westlichen Ursprungs auszeichnet, welche sich über die Welt ausgebreitet haben (vgl. Meyer 2005). So wie das, was mit der Globalisierung assoziiert wird, zweifellos ein Teil dieses Diffusionsprozesses ist, so zählen auch kulturelle Selbstbestimmung (Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 125) sowie Nationalstaatlichkeit und Souveränität (ebd.: 105 ff.) zweifellos zu den wichtigsten Institutionen der Weltkultur. Aus diesen Feststellungen ergibt sich nun die interessante Frage, ob es nicht gerade die „Verwestlichung“ ist, die ihren Gegnern das politische und semantische Rüstzeug liefert, um eben diese bekämpfen zu können. Ist die Weltkultur innerlich so zerrissen, so widersprüchlich, dass sie gerade durch die sie generierenden Diffusionsprozesse erst Differenzierung ermöglicht? Diese Frage wurde anhand des empirischen Beispiels Venezuelas untersucht. Gegenstand der Forschung war
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hierbei einerseits das neo-institutionalistische Theoriegebäude, bei welchem ich den Fokus insbesondere auf die Perspektive auf derlei institutionelle Widersprüche gelegt habe, und andererseits die politische Rhetorik der venezolanischen Regierung, welche ich anhand von Beispielen aus der aktuellen Literatur zur jüngeren venezolanischen Geschichte, journalistischen Quellen, UN-Länderprofilen sowie Publikationen der venezolanischen Botschaft in Deutschland untersucht habe.
Der erste Teil der Arbeit wird sich der Beschreibung des theoretischen Rahmens und der Erkundung der oben beschriebenen Problematik widmen. Im zweiten Teil wird es um die empirische Untersuchung des Falls Venezuela und deren Auswertung aus einer neoinstitutionalistischen Forschungsperspektive heraus gehen. Im dritten Teil werden in einem Fazit Rückschlüsse gezogen auf die Frage der Beschaffenheit der Weltkultur (und damit auch den neo-institutionalistischen Ansatz selbst), um schließlich etwaige Konsequenzen für den sozialwissenschaftlichen Diskurs über Weltgesellschaft zu erörtern.
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Vorbemerkung
Das neo-institutionalistische Theoriegebäude ist keine einheitliche, in sich geschlossene oder immer konsistente Theorie, sondern ein Theoriegebäude mit einer Fülle von verschiedenen Ansätzen. Relevant für diese Arbeit ist insbesondere der „world polity“-Ansatz von John W. Meyer, in dessen Rahmen die Weltkultur-These vertreten wird und der die Global-Governance-Debatte erheblich erweitert hat. Relevant sind nicht zuletzt auch die Arbeiten von Walter Powell und Paul DiMaggio (1991) über Isomorphie und ihr Zustandekommen sowie von Nils Brunsson (1989) über organisationale Heuchelei. 2.2 Grundlagen und Begrifflichkeiten des Neo-Institutionalismus
Zentrale Begriffe einer Forschung, die sich mit der Konstitution der Weltkultur befassen will, sind Institution und Institutionalisierung. Der Begriff der Institution bezeichnet „kulturelle Regeln, die bestimmten Einheiten und Handlungen kollektiven Sinn und Wert verleihen und sie in einen größeren Rahmen integrieren“ (Meyer / Boli / Thomas 2005: 18). Institutionen leisten also Integrationsarbeit für die Weltgesellschaft, indem sie ihr Sinn verleihen und somit zu einer zunehmend global entfalteten Weltkultur transformieren. Diese Entwicklung lässt
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sich als Institutionalisierung bezeichnen, welche wiederum definiert wird als „Prozeß, durch den bestimmte Einheiten und Handlungsmuster normative und kognitive Gültigkeit erlangen und praktisch als Selbstverständlichkeiten und Gesetzmäßigkeiten akzeptiert werden“ (ebd.: 18). Von besonderer Relevanz ist an diesem Punkt auch die Abgrenzung zu Ansätzen, die einer Rational-Choice-Perspektive entstammen. Bei Akteuren im neo-institutionalistischen Sinne handelt es sich um soziale Konstruktionen, die sich auf verschiedene Art und Weise manifestieren können und erst durch die entsprechende Zurechnung (Individuum, Organisation, Staat etc.) zum Akteur werden. Handlung ist dementsprechend definiert als „Inszenierung übergreifender institutioneller Drehbücher und nicht das Produkt intern erzeugter, autonomer Entscheidungen, Motive und Zwecke“ (ebd.: 18). Grundlegende Prämissen der westlichen Hemisphäre wie Individualität und das daraus folgende Recht auf Selbstbestimmung, das schließlich auch auf die Makro-Ebene projiziert wurde im Sinne des Rechtes einer Kultur, Ethnie oder Nation auf Selbstbestimmung, sind demnach nicht ontologische Gegebenheiten, sondern soziale Konstruktionen, die, inzwischen auf globaler Ebene, eine Institutionalisierung erfahren haben. Dadurch zu einem entscheidenden Element der Weltkultur geworden, determinieren sie das Handeln von Menschen, Organisationen und Staaten. Diese Prämisse wird im empirischen Teil dieser Arbeit von hoher Relevanz sein. Sie sollte allerdings nicht zu dem falschen Schluss führen, die Weltkultur sei ein starres Gebilde voller unbeweglicher und statischer Institutionen. Stattdessen ist alles konstant im Fluss: Institutionen prägen ihrerseits neue Institutionen und tragen ihrerseits zum Vorgang sozialer Konstruktion und Diffusion bei (nicht selten über Organisationen). Institutionen sind zwar für gewöhnlich gekennzeichnet durch das nicht mehr geschehende Hinterfragen sozialer Beziehungen und Handlungen (vgl. Walgenbach 2002: 320 f.; Walgenbach / Meyer 2008: 180), dies kann sich jedoch in dem Moment ändern, in dem etwaige Widersprüche von zwei oder mehr Institutionen sichtbar werden oder offen zu Tage treten. Näheres werde ich dazu später noch ausführen.
Die sich global vollziehende Herausbildung der Weltkultur ist von Isomorphie („Strukturähnlichkeit“) gekennzeichnet: „Das theoretische Konzept, mit dem der Prozeß der Homogenisierung gefaßt wird, ist das des Isomorphismus. Isomorphismus meint den Prozeß, der eine Einheit in einer Population dazu bewegt, sich anderen Einheiten anzugleichen, die mit den gleichen Umweltbedingungen konfrontiert sind“ (Hawley 1968, zitiert in Walgenbach 2002: 334; Hervorhebungen vom Autor entfernt). Eine solche Homogenisierung mit der Folge von Institutionalisierung und damit schließlich Isomorphie kann sich auf drei verschiedene Arten vollziehen, wie Paul J. DiMaggio und Walter W. Powell (vgl. 1991 a: 67 ff.) erforscht
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haben: Über Zwang, mimetische Prozesse (Imitation) oder normativen Druck. Bei der Kategorisierung der drei Mechanismen der Institutionalisierung handelt es sich um ein organisationssoziologisches Modell der neo-institutionalistischen Theorie, das nicht zwingend im Zusammenhang mit Meyers „world polity“-Ansatz gesehen werden muss. Da jedoch auch bei der Projektion der neo-institutionalistichen Theorie auf die Global-Governance-Debatte und im „world polity“-Ansatz Internationale Organisationen und NGOs als Agenten der Weltkultur und ihrer Institutionalisierungsprozesse von sehr hoher Relevanz sind, sollte an dieser Stelle nicht darauf verzichtet werden, die Konzeption noch einmal genauer darzustellen.
Was mit Zwang als Mechanismus gemeint ist, sollte leicht deutlich werden. Isomorphie entsteht durch Zwang, wenn die betreffende Organisation, oder allgemeiner, der betreffende Akteur keine Alternative hat, als den Erwartungen seiner Umwelt gerecht zu werden, ohne dadurch erhebliche negative Sanktionen in Kauf nehmen zu müssen. Maßgebliche Institutionalisierungsmechanismen, die in diese Kategorie fallen, sind demnach insbesondere Gesetze (vgl. Powell 1991: 188), auf internationaler Ebene können darunter auch Resolutionen und Sanktionen etwa der UN verstanden werden oder die Konditionspolitik der Weltbank, mit der Entwicklungsländer vor die Wahl gestellt werden, entweder die verlangten Reformen durchzuführen, oder aber erhebliche finanzielle Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Neben äquivalenten Mechanismen in anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen wie etwa der Wirtschaft, in der ein Konzern auch sein Tochterunternehmen zu etwas „zwingen“ kann, fallen unter Zwang auch allgemeine „kulturell bedingte Erwartungen in einer Gesellschaft“ (Walgenbach 2002: 334; Hervorhebungen vom Autor entfernt), die nicht unbedingt im Recht manifestiert sein müssen, aber den Charakter einer sozialen Norm annehmen können, deren Nichtbeachtung sozial sanktioniert werden kann. Zwang als ein Mechanismus zur Herstellung von Isomorphie ist eine analytische Kategorie, die unter Neo-Institutionalisten nicht unumstritten ist: So nimmt etwa Lynne G. Zucker, Vertreterin des mikrosoziologischen Ansatzes innerhalb der Theorie, an, dass Zwang vielmehr ein Mechanismus zur Deinstitutionalisierung sei und begründet dies damit, dass die Notwendigkeit, ein bestimmtes Ziel mittels rechtlicher Bestimmung und daher Androhung negativer Sanktion durchzusetzen, darauf hinweise, dass ansonsten letztlich auch immer andere Handlungsoptionen möglich gewesen wären, weswegen man hier gerade nicht von einer Institutionalisierung einer Norm ausgehen könne (vgl. Zucker 1991: 83 ff.). Die betreffende theorieinterne Debatte soll an dieser Stelle nicht nochmals wiederholt werden; es sei allerdings in aller Kürze darauf hingewiesen, dass die Einschätzung Zuckers in der
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Konsequenz ein sehr „enges“ Verständnis von Institutionen voraussetzt - nämlich, dass diese prinzipiell unhinterfragt sein und bleiben müssten. Dieser Position möchte ich mich nicht anschließen; allein die Tatsache, dass Institutionen sich gegenseitig widersprechen können, wie diese Arbeit zeigen wird, ermöglicht es Organisationen wie auch Personen, die jeweils andere, der positiv bewerteten Norm in Konkurrenz gegenüberstehende Institution auch hinterfragen zu können. Wer etwa dem Prinzip universal geltender Menschenrechte anhängt, wird irgendwann automatisch dazu kommen, das Prinzip staatlicher Souveränität in einem inneren Abwägungsprozess mindestens zu hinterfragen. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt.
Institutionalisierung durch mimetische Prozesse bezeichnet den Vorgang der Imitation. Dies tritt für gewöhnlich ein, wenn Organisationen Elemente ihrer Umwelt aufgreifen, die sich dort zuvor bereits, tatsächlich oder nur scheinbar, als vorteilhaft oder gewinnbringend erwiesen haben und deswegen mit der Spekulation auf eigenen Nutzen kopiert werden. Besonders Akteure, die in großer Unsicherheit agieren müssen, sind auf Mechanismen wie diese angewiesen (vgl. Hasse / Krücken 2005: 26) und müssen konstant nach Fixpunkten suchen, die als Orientierung dienen können: „Je uneindeutiger die Ziele der Organisation sind, und je mehr Unsicherheit von der Umwelt ausgeht, um so stärker ist das Ausmaß, in dem Organisationen ihre Strukturen und Prozesse nach dem Vorbild solcher Organisationen gestalten, die als erfolgreich wahrgenommen werden“ (Walgenbach 2002: 335). Der dritte Mechanismus, normativer Druck, enthält Elemente der beiden anderen. Mit ihm wird der Druck zur Professionalisierung beschrieben, denen Organisationen unterliegen, wenn sie in einem Feld operieren, indem Qualifikation über gemeinsame Standards gemessen wird. Dadurch wird Berechenbarkeit, Expertise und Vergleichbarkeit gewährleistet und damit Legitimität geschaffen: „We interpret professionalization as the collective struggle of members of an occupation to define the conditions and methods of their work, to control „the production of producers“ (...) and to establish a cognitive base and legitimation for their occupational autonomy“ (DiMaggio / Powell 1991 a: 70). Wichtige, prägende Organisationen im Zusammenhang mit diesem Mechanismus sind vor allem Ausbildungsinstitute und Universitäten, die definieren, was in einem bestimmten Bereich „Qualifikation“ bedeutet und die die Aufgabe haben, Personen zu professionalisieren. Gerade innerhalb der letzten Jahre lässt sich dieser Prozess in verschiedensten Bereichen global beobachten: Standardisierung ermöglicht Globalisierung, indem sie die Voraussetzungen dafür schafft, Vergleiche anzustellen und Differenzen zu registrieren, und damit die Welt erst global beobachtbar macht. Die damit entstandenen, global homogenen Beobachtungsmaßstäbe und -kriterien
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schaffen zugleich eine Art gemeinsamen „bias“, der von den Prinzipien und Institutionen der Weltkultur geprägt ist. Damit schließlich gelingt es dieser, sich von nun an selbst zu reproduzieren. Mit dieser Feststellung wird deutlich, dass es sich bei normativem Druck um einen sehr entscheidenden Institutionalisierungsmechanismus handelt, der nicht zuletzt etwa bei der Rationalisierung und Schaffung von Nationalstaatlichkeit seine Wirkung entfaltet und sich somit als höchst prägend für die Struktur der Weltgesellschaft erwiesen hat. Es sollte hinzugefügt werden, dass es sich bei den drei genannten Kategorien um eine analytische Unterscheidung handelt. Alle drei Mechanismen können sich auch in Kombination entfalten oder sich gegenseitig begünstigen: So ist etwa denkbar, dass eine Regierung, die beobachtet hat, dass eine bestimmte Institution kopiert wird, weil sie für die betreffenden Akteure vorteilhafte Wirkungen entfaltet, beschließt, diese per Gesetzgebung zu verankern, woraus letztlich der Mechanismus des Zwangs hervorgeht. Ebenso ist die Vorstellung möglich, dass ein normativer Druck einen politischen Akteur dazu veranlasst, etwa Standardisierungen gesetzlich festzulegen. Gleichzeitig können auch Imitation und normativer Druck miteinander einher gehen, wenn man etwa bedenkt, dass die Imitationsprozesse der Mehrheit der Organisationen eines bestimmten Feldes letztlich zu einem normativen Druck auch für die übrige Minderheit führen kann. Die Kombination der drei Mechanismen ist insofern eher die Regel als die Ausnahme.
Eine der wichtigsten Qualitäten des neo-institutionalistischen Ansatzes ist die Unterscheidung zwischen einer strukturell-materiellen Ebene einerseits und einer semantisch-formalen Ebene andererseits, welche miteinander gekoppelt oder entkoppelt sein können (vgl. Meyer / Rowan 1991: 57 f.). Zahlreiche Organisationen erreichen ihre Legitimation gegenüber der Umwelt nicht, indem sie tatsächlich immer rationale Kriterien befolgen, sondern - und hier liegt eine wichtige Differenz zur Theorie Webers (vgl. Hasse / Krücken 2005: 22) - in vielen Fällen ihre Rationalität lediglich auf der semantisch-formalen Ebene darstellen, diese Selbstdarstellung aber auf der strukturell-materiellen Ebene nicht selten unterlaufen: Beide Ebenen sind in diesem Fall also voneinander entkoppelt. Dies provoziert im Alltag zwar oft genug Kritik, ist aber auch wichtige Bedingung für Handlungsfähigkeit, Flexibilität, Legitimation und damit das Überleben der betreffenden Organisation: „Decoupling enables organizations to maintain standardized, legitimating, formal structures while their activities vary in response to practical considerations. The organizations in an industry tend to be similar in formal structure - reflecting their common institutional origins - but may show much diversity in actual practice“ (Meyer / Rowan 1991: 58). Uneinig sind sich Vertreter der Theorie über Ausmaß und vor allem Folgen von Entkopplungserscheinungen. So sehen
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Meyer und Rowan diese eher als Normalzustand an (vgl. ebd.), während DiMaggio und Powell auch von einem institutionellen Wirken der drei Mechanismen auf der strukturellmateriellen Ebene ausgehen (vgl. Hasse / Krücken 2005: 27). Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die Debatte hier auszuführen. Es scheint mir jedoch von Bedeutung zu sein, zumindest auf die Tatsache hinzuweisen, dass die Entkopplung beider Ebenen nicht heißen kann, dass sie vollkommen unabhängig voneinander existieren können. Es sollte außer Frage stehen, dass Semantik, etwa in Form von Selbstbeschreibungen, einen wichtigen Einfluss auf die Struktur entfalten kann; wenn nicht sofort, dann aber langfristig. Selbiges gilt natürlich auch umgekehrt. Insofern scheint es mir angebrachter, fortan, statt von Kopplung versus Entkopplung, nun von „enger“ versus „loser“ Kopplung zu sprechen, da beide Termini keine vollständige Losgelöstheit implizieren.
Nicht nur in der organisationalen Praxis der Meso-Ebene, sondern auch im weltkulturellen Rahmen bzw. der Makro-Ebene sind lose Kopplungen von Semantik und Struktur ein typisches Phänomen. Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit etwa sind ohne jeden Zweifel mit die prägendsten Institutionen der Weltkultur (vgl. Meyer 2005 a: 152 f.). Nun werden die Menschenrechte längst nicht in jedem Land der Welt respektiert - was jedoch nichts daran ändert, dass selbst die brutalsten Autokratien diese dennoch auf semantischer Ebene anerkennen und postulieren müssen, um auf der weltpolitischen Bühne zumindest als legitime Akteure anerkannt zu werden. Das Aufgreifen weltkultureller Institutionen ist also ein Legitimationsinstrument, welches, wenn man schon nicht willens ist, es auf struktureller Ebene zu tun, auch schon auf semantischer Ebene eine gewisse, für Staaten mitunter existenzsichernde Wirkung entfalten kann. Die Erscheinung loser Kopplungen ist in der Weltkultur Alltag (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 99 ff.).
2.3 Der „hypocrisy“-Ansatz Nils Brunssons
Mit dem „hypocrisy“-Ansatz des schwedischen Organisationssoziologen Nils Brunsson wurde dem neo-institutionalistischen Theoriegebäude ein Modell von Unterscheidungen hinzugefügt, dass das Phänomen loser und enger Kopplungen auf plastische Weise konzeptualisiert hat und in Kombination mit Meyers „world polity“-Ansatz eine erquickliche Analyseperspektive darstellt. Vor diesem Hintergrund ist es für diese Arbeit unerlässlich, Brunssons Ansatz dem Beobachtungs- und Begriffsinstrumentarium hinzuzufügen und ihn an dieser Stelle wenigstens in aller gebotenen Kürze darzustellen.
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Brunsson unterscheidet zunächst zwischen „action organizations“ und „political organizations“ (vgl. Brunsson 1989: 15 ff.). Der Idealtypus der „action organization“ zeichnet sich in der Regel durch eine enge Kopplung beider, im letzten Abschnitt genannter Ebenen aus und ist eher unter Wirtschaftsorganisationen bzw. Unternehmen wiederzufinden, weswegen wir ihn an dieser Stelle nicht näher beleuchten wollen. Stattdessen konzentrieren wir uns mit Blick auf den hier relevanten Fall auf Brunssons Darstellung des Idealtypus der „political organization“.
Diese Organisationskategorie, unter die laut Brunssons „weitem“ Organisationsbegriff Regierungen und Parlamente fallen (vgl. ebd.: 20), zeichnet sich dadurch aus, dass sie stets mit inkonsistenten Umwelterwartungen umgehen muss. Die politische Organisation steht also konstant der Schwierigkeit gegenüber, mit dem Nachkommen der einen Umwelterwartung zeitgleich die andere zu enttäuschen und dadurch letztlich in Legitimationsschwierigkeiten zu geraten. Konsequenz dieses Dilemmas ist sodann der Versuch eines Spagats: Man muss den Anschein erwecken, beiden Erwartungen zumindest teilweise nachzukommen, mit der häufigen Folge, dass mindestens einem Teil der Umwelt suggeriert werden muss, man käme seiner Erwartung nach - selbst, wenn dies de facto gar nicht der Fall ist. Damit landet die Organisation schließlich unabänderlich in der „Hypocrisy-Falle“: Erkennen die Akteure der Umwelt diese Widersprüche, so kommt der Vorwurf der Heuchelei auf. Die politische Organisation muss Strategien entwickeln, mit diesem Problem umzugehen. Eine dieser Strategien ist die Rekrutierung von Mitgliedern durch das Konfliktprinzip: Wenn die Mitgliederstruktur heterogen ist und die Mitglieder teil unterschiedliche Ansichten über die anzustrebenden Ziele der Organisation haben, so spiegelt dies mitunter die differierenden Umwelterwartungen innerhalb der Organisation wieder. Der daraus resultierende, beständige innerorganisationale Konflikt, ausgeführt durch Personen, Fraktionen oder Parteien, schafft Legitimation, weil er die inkonsistenten Umwelterwartungen aufgreift und somit eine Art Interessenvertretung symbolisiert.
Die politische Organisation hat somit die Aufgabe, verschiedene Ideologien aufzugreifen, zu integrieren, zu diskutieren, gegeneinander auszuspielen und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile der Umwelt zu präsentieren und darzulegen (vgl. ebd.: 23). Dies fasst Brunsson unter dem Begriff des „talk“ zusammen, während der andere essenzielle Terminus, „action“, die darauf folgende Ausführung (Exekution) einer bestimmten Maßnahme in Form eines Gesetzes o.ä. beschreibt (vgl. ebd.: 25 ff.). Es wird deutlich, dass in der Tendenz die Parlamente eher Organisationen des „talks“ darstellen, in denen diskutiert, abgewogen und verworfen wird, während Regierungen als politische Organisationen der Exekutive eher die
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Zuständigkeit für die „action“-Komponente inne haben. Dies ist freilich eher eine Tendenz, die aus den verfassungsmäßig festgelegten Rollen von Legislative und Exekutive resultiert, aber in der politischen Praxis natürlich auch verwässert werden kann, wenn sich etwa ein Minister in einer politischen Debatte zu Wort meldet.
Lose oder eng gekoppelt werden „talk“ und „action“ schließlich durch Entscheidungen. Entscheidungen legen fest, ob die „action“ dem „talk“ folgt oder ob sie es nicht tut. Tut sie es nicht, hat man also vorher eine Außendarstellung betrieben, die in einem inkonsistenten Verhältnis zur letztendlichen Handlung steht, so ist dies der für politische Organisationen typische Vorgang der Heuchelei, der, mal mehr, mal weniger erfolgreich, versucht, divergierende Umwelterwartungen zu befriedigen: „Hypocrisy is a fundamental type of behaviour in the political organization: to talk in a way that satifies one demand, to decide in a way that satifies another, and to supply products in a way that satifies a third“ (ebd.: 27). „Products“ bilden dabei die letztlichen Resultate der „action“ (vgl. ebd.: 25 ff.), die Ergebnisse der umgesetzten und vollzogenen Politik. Es versteht sich von selbst, dass sich an dieser Stelle eine neue Option für lose Kopplungen bietet, indem etwa die „products“ noch einmal anders dargestellt werden als zuvor die „action“ oder ganz andere Aspekte beleuchten oder hervorheben als zuvor der „talk“.
Lose Kopplungen bilden dabei nicht nur ein Merkmal des Verhältnisses von „talk“, „action“ und „products“, sondern können auch, gewissermaßen im zweiten Grad, ein Phänomen des „talks“ allein darstellen. Oft genug widersprechen sich politische Organisationen bereits in ihren Außendarstellungen selbst, ohne dass es schon zu einer wie auch immer gearteten Entscheidung und dadurch „action“ gekommen wäre.
Der Terminus der „Heuchelei“ impliziert eine nicht unproblematische normative Dimension der Analyse politischer Organisationen, von der Brunsson sich allerdings deutlich distanziert: So weist er ausdrücklich darauf hin, dass Erscheinungen von loser Kopplung durchaus nicht immer ein Indiz für vorsätzliche Lügen oder Verschwörungen sein müssen, sondern in der Regel schlicht das Resultat verschiedener Motive, Interessenlagen und politischer Kompromisse der Organisationsmitglieder sind, die daraus unweigerlich hervorgehen (vgl. ebd.: 29).
Lose Kopplungen ersten oder zweiten Grades können sich in vier verschiedenen Dimensionen vollziehen: Dazu gehören Zeit, Themen, Umwelten und organisationale Einheiten (vgl. ebd.: 34 ff.). Werden „talk“ und „action“ in der Zeitdimension lose gekoppelt, so nutzt die betreffende Organisation bewusst oder unbewusst die verstreichende Zeit, um über ausgedehnte Diskussion und langes Abwägen Positionen und Interessenlagen
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herauszukristallisieren, um irgendwann, etwa mit einem „Machtwort“, dem „talk“ ein Ende zu setzen und zu entscheiden. Vorstellbar ist dabei selbstverständlich auch, dass mit derlei Verzögerungen - bewusst oder unbewusst - das im politischen Bereich tendenziell eher kurze Gedächtnis der Umwelten genutzt wird, um die lose Kopplung zu tarnen und unauffälliger zu machen.
Politische Organisationen können ferner nach Themen entkoppeln. So kann etwa eine sozialistische Regierung eine linksgerichtete Innenpolitik betreiben, sich aber außenpolitisch dennoch pro-westlich und pro-amerikanisch ausrichten, und somit ggf. gleichzeitig zwei äußerst divergierende Umwelterwartungen befriedigen.
Eine ähnliche Option ergibt sich über das Entkoppeln nach verschiedenen Umwelten. Politik wird klientelorientiert präsentiert: Mit Vertretern der Wirtschaft speist man hinter verschlossenen Türen beim abendlichen Dinner, mit den Arbeitnehmern eines Stahlwerks trinkt man vor den Kameras ein Bier. Auch auf diese Weise kann gewährleistet werden, den verschiedenen Erwartungen von teils äußerst heterogen strukturierten Umwelten zu entsprechen.
Eine dem nicht unähnliche Form loser Kopplung lässt sich bei der Trennung nach organisationalen Einheiten vorfinden: Während Parlamente und Parteien insbesondere für den politischen „talk“ zuständig sind, so obliegt der Regierung die „action“-Dimension. Ähnliche Aufteilungen wiederholen sich schließlich in auf niedrigerer Ebene, wenn etwa eine Parteizentrale über eine programmatische Abteilung (action) und eine Presseabteilung (talk) verfügt.
Lose Kopplungen sind nicht ausschließlich Wirkung der Ursache „inkonsistente Umwelterwartungen“ und damit Teil einer Kausalität, sondern sie sind Teil eines interdependenten Verhältnisses von Organisation und Umwelten. Auf die gleiche Weise, in der sie die Reaktion der politischen Organisation auf divergierende Erwartungen der Umwelt darstellen, so sind sie auch Ursache für die Neuentstehung dieser, indem sie ihrerseits Erwartungen generieren, die in der Folge befriedigt oder enttäuscht werden können (vgl. ebd.: 30).
2.4 Zwischenfazit
Die für die Analyse des hier relevanten Themas nötigen Begrifflichkeiten, Beobachtungsinstrumentarien, Konzeptionen und Ansätze der Theorie sind nun dargestellt und geklärt. Im nächsten Schritt soll eine Darstellung des empirischen Falles erfolgen, um
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darauf basierend zu Schlussfolgerungen über die Konstitution der Weltkultur zu gelangen. Die daraus außerdem resultierenden Folgen für die Theorie sollen sodann u. a. mit Hilfe eines Beitrages von Roger Friedland und Robert Alford (1991) über institutionelle Widersprüche näher beleuchtet werden.
3. Die weltpolitische Rolle Venezuelas
3.1 Politische Ausgangslage
Bevor wir zu den für das hiesige Thema wichtigen Elementen insbesondere der Außenpolitik Venezuelas übergehen, soll an dieser Stelle in aller gebotenen Kürze auf die jüngste Geschichte und politische Ausgangslage des Landes eingegangen werden, in welcher die zentrale Rolle dem linksgerichteten Präsidenten Hugo Chávez zukommt und die durch dessen Aufstieg zur Macht geprägt wurde. Bei der Darstellung beziehe ich mich im Besonderen auf die komprimierten Informationen eines BBC-Profils von Hugo Chávez (vgl. BBC News 2011) sowie Michael Zeuskes detaillierte Darstellungen des Putsches gegen Chávez 2002 (vgl. Zeuske 2007: 185 ff.; Zeuske 2008: 501 ff.).
Der Ende 1998 gewählte Chávez, der zuvor, nach einem Putschversuch 1992 zwei Jahre in Haft verbracht hatte, verbindet in seiner Politik sozialistische Ideologie (mitsamt Solidarisierung mit politisch gleichgesinnten Nachbarn wie Kuba, mit dessen ehemaligen Revolutionsführer Fidel Castro Chávez eng befreundet ist) mit einer nationalistisch geprägten Verehrung des südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolivar. Diese Ideologie wurde mit der Wahl Chávez‘ politisches Programm, was zu einer umfassenden Umwälzung des venezolanischen Staates führte, über deren normative Bewertung sich Politiker wie Wissenschaftler des Westens allerdings äußerst uneinig sind.
Venezuela besaß zwar bereits seit 1958 ein demokratisches Regierungssystem, welches aber dennoch als korrupt und ineffektiv galt. Chávez‘ Versprechen einer völlig neuen Sozialpolitik, welches - und dies führen seine Verteidiger immer wieder als Argument an (vgl. Zeuske 2008) - in den Folgejahren in Form zahlreicher Sozialprogramme auch eingehalten wurde (vgl. ebd.: 543), fiel auf fruchtbaren Boden bei der Bevölkerung. Es ging zudem einher mit einer beträchtlichen Begabung für Populismus, die Chávez stets auszeichnete, wenn er es etwa verstand, seine Positionen abzugrenzen von einer „korrupten Oligarchie“, die geprägt sei von den Profitinteressen des internationalen Kapitals. Es versteht sich von selbst, dass sich ein solches Weltbild bestens verbinden ließ mit der Forderung nach einem neuen,
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„bolivaristischen“ Kampf für nationale Unabhängigkeit von diesen internationalen kapitalistischen Eliten, die Venezuela demnach so lange geschadet hatten. Ebenso wenig mag es den Beobachter verwundern, dass mit dieser politischen Umwälzung auch das Verhältnis zu den USA auf immer wieder neue Tiefpunkte zusteuerte, zumal die Vereinigten Staaten durch die äußerst konservative Regierung George W. Bushs 2001 bis 2009 diesen Entwicklungen in einem Land, welches als einer der wichtigsten Öl-Lieferanten Amerikas gilt und 80 % seines Öls an die USA verkauft (vgl. Zeuske 2007: 184), nicht eben tolerant gegenüber standen. Chávez kritisierte nicht nur fortlaufend Bushs Krieg gegen den Terror, sondern warf der Bush-Administration außerdem vor, an einem Putsch beteiligt gewesen zu sein, den Teile der Konservativen Venezuelas 2002 eingeleitet hatten (vgl. BBC News 2011).
Der Putsch gegen Chávez 2002 demonstrierte in brisanter Weise das Ausmaß der politischen Instabilität im Land. Ursprünglich hatte die Krise mit einem Generalstreik gegen Chávez begonnen, zu dem Opposition, Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam aufgerufen hatten, nachdem der Präsident das Management eines Erdölunternehms ausgewechselt hatte. Ein wenig später folgender Protestmarsch mündete in Gewalt und mehreren Toten. Das Militär und der bisherige Innenminister Luis Miquilena distanzierten sich im Fernsehen von Chávez und forderten ihn zum Rücktritt auf. Nachdem dieser der Aufforderung nachgekommen war, wurde er vom Militär verschleppt und auf der Karibikinsel Orchila festgehalten. Die Putschregierung allerdings, welche in einer Art Schnellverfahren die bisherige Verfassung außer Kraft gesetzt und die Ära der „Bolivarischen Republik“, deren Name eng mit Chávez‘ Programmatik verknüpft ist (s.o.), scheiterte schließlich an Uneinigkeit im eigenen Lager. Der provisorische Präsident Pedro Carmona Estanga hatte u. a. durch die Entlassung demokratisch gewählter Abgeordneter hohe Militärs gegen sich aufgebracht, welche wenig später öffentlich ihre Treue zu Hugo Chávez bekundeten. Die Ereignisse mündeten im Rücktritt Carmonas, der kurze Zeit später nach Kolumbien flüchtete. Chávez kehrte nach wenigen Tagen in Haft nach Caracas zurück und nahm sein Amt als Präsident wieder ein.
Chávez reagierte auf den Putschversuch mit einigen grundlegenden Reformen, indem er einerseits sein persönliches Auftreten änderte und sich fortan weniger martialisch und stattdessen kompromissbereiter und demütiger gab. Andererseits änderte er politische Strukturen: Das Management, mit dessen Entlassung die Krise ursprünglich begonnen hatte, wurde, parallel zu einer öffentlichen Entschuldigung durch Chávez, wieder eingestellt. Der Einfluss des Militärs wurde minimiert, das Regierungskabinett umgebildet.
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Obwohl die politische Lage auch nach Chávez‘ Rückkehr an die Macht nur langsam wieder beruhigte, so hat dieser mittlerweile seine politische Stellung stabilisieren können, was nicht zuletzt in der Zerstrittenheit der Opposition begründet liegt (vgl. Zeuske 2008: 556 ff.) und was Chávez‘ Sieg beim Referendum 2009, bei dem die Verfassung des Landes dergestalt geändert worden ist, dass der Präsident nun unbegrenzt für sein Amt wieder kandidieren kann (vgl. BBC News 2011), belegt haben dürfte.
Mit der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten 2008 wurde eine gewisse Entspannung in den venezolanisch-amerikanischen Beziehungen eingeleitet (vgl. ebd.). Doch auch zwischen Chávez und der Obama-Administration kam es zu Konflikten, wie der folgende Abschnitt dieser Arbeit zeigen wird.
3.2 Analyse
Im letzten Abschnitt sollte deutlich geworden sein, wie Venezuelas grundlegende Rolle in der Welt gestaltet ist und insbesondere, von welcher Art das Verhältnis des Landes zum Westen und den USA im Besonderen ist. Die Erläuterung der politischen Ausgangslage ist absichtlich eher knapp umrissen, da mit der in diesem Abschnitt beabsichtigten - ausführlichen -Darstellung der politischen Semantik und des politischen Handelns der venezolanischen Regierung unweigerlich auch eine präzisere Beschreibung der weltpolitischen Rolle und Position des Landes einher gehen muss.
Hugo Chávez gilt als extrovertierter Politiker mit großer rhetorischer Begabung, der in Venezuela auch für den Präsidenten eines Staates überdurchschnittlich häufig medial Präsenz zeigt (vgl. BBC News 2011). Dem Rest der politischen Welt ist dies insbesondere durch die flammenden Reden (und teilweise: Eklats) bei Generalversammlungen der Vereinten Nationen gewahr geworden. Am bekanntesten dürfte dabei wohl die UN-Generalversammlung vom 20. September 2006 sein, bei der Chávez einen Tag nach George W. Bush redete und seine Rede einleitete mit den Worten: „Gestern war der Teufel hier, genau an dieser Stelle. Es riecht noch nach Schwefel an diesem Rednerpult, an dem ich heute zu sprechen habe“ (zitiert in: Maihold 2008: 7). Die USA werden in zahlreichen Publikationen der venezolanischen Regierung als das „Imperium“ beschrieben, gegen dessen Imperialismus sich Chávez von seinem bolivarischen Sozialismus wende. Dafür schart er nicht nur andere linksgerichtete Staaten Lateinamerikas im Rahmen verschiedener politikfeldspezifischer Allianzen und (im politikwissenschaftlichen Sinne) Institutionen hinter sich, sondern betreibt auch offen freundschaftliche Politik mit Staaten, die aufgrund von
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Einstufungen der USA oder des Westens als von der „internationalen Staatengemeinschaft“ isoliert gelten: Dazu gehören u. a. Weißrussland, Syrien, Libyen und der Iran, mit dem 2001 eine Zusammenarbeit auf politischem, wirtschaftlichem, wissenschaftlichem, technischem und kulturellem Gebiet vereinbart wurde, welche mit dem Amtsantritt des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad 2005 noch intensiviert wurde, als man vereinbarte, sich darüber hinaus in internationalen Organisationen wie OPEC, UN und IAEA gegenseitig zu unterstützen (vgl. ebd.: 27 ff.). Im Folgenden sollen in der gebotenen Kürze einige außenpolitische Projekte Venezuelas dargestellt werden.
Ein zentrales außenpolitisches Projekt Venezuelas auf dem eigenen Kontinent ist das Integrationsprojekt ALBA (Alternativa Bolivariana para los pueblos de Nuestra América). Dem von Venezuela und Kuba 2005 gestarteten Abkommen trat Bolivien 2006 bei und schloss sich damit einer Vereinbarung an, welche fünf Schwerpunkte der Zusammenarbeit enthielt: Energie, Entwicklungsprogramme, Infrastrukturprojekte, Kommunikation und Finanzen (vgl. ebd.: 21). Prinzipielle Grundlage von ALBA ist zugleich die „Ablehnung von Wirtschaftsreformen, die auf Freie Märkte abzielen, zweitens Ausweitung der staatlichen Rolle der Wirtschaft durch Bevorzugung von Staatsunternehmen und drittens Harmonisierung der Beziehungen zwischen Staat und Wirtschaft“ (ebd.: 21). Damit soll bewusst eine Alternative zum liberalen, in der Politik der Weltbank institutionalisierten Entwicklungs- und Armutsbekämpfungsprogramm geschaffen und dargestellt werden, welche sich, wie der Namensbestandteil des Projekts andeutet, in eine „bolivarische“ Tradition stellt. ALBA wird seit der Gründung konstant erweitert, auch interkontinental: So sind inzwischen nicht nur Nicaragua, die Dominikanische Republik und andere beigetreten, sondern auch der Iran gilt mittlerweile als „beobachtendes Mitglied“ (vgl. ebd.: 22). ALBA und u. a. die mit dem Abkommen assoziierten Projekte TeleSUR und Banco del Sur, die im Folgenden noch etwas näher beleuchtet werden sollen, stellen dabei ein Instrumentarium dar, welches den Zweck hat, Venezuelas „anti-imperialistischen“ Führungsanspruch zu untermauern: „Hauptsächlich dient es dem venezolanischen Präsidenten als Plattform, um seinem außenpolitischen Geltungsanspruch Genüge zu tun“ (ebd.: 22).
Mit der durch Venezuela vorangetriebenen Gründung der Banco del Sur (Bank des Südens) durch Venezuela, Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Paraguay und Uruguay im Jahr 2007 sollte ein Gegenpol zur Weltbank geschaffen werden, welche zweifellos einen der wichtigsten Agenten liberaler Institutionen innerhalb der Weltkultur darstellt (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 113). Ziel der Banco del Sur ist die Schaffung finanzieller Unabhängigkeit, welches aus der Kritik an Weltbank und IWF resultiert, beide
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Organisationen „würden sich in die inneren Angelegenheiten der Staaten einmischen (…) und den Zwang ausüben, staatliches Eigentum zu privatisieren. Gegen das Wirken der zentralen internationalen Finanzinstitutionen soll daher ein klares Zeichen gesetzt werden. Dabei inszeniert man offene Affronts gegen die etablierten Einrichtungen, ohne sich an der laufenden Debatte über deren Neuausrichtung zu beteiligen“ (Maihold 2008: 24). Vor dem Hintergrund dieser Tatsache lässt sich festhalten, dass die Organisation Banco del Sur also nicht lediglich den Zweck hat, den revolutionären „talk“ in die internationale „action“ umzusetzen, sondern zugleich auch eine Plattform zu bieten, welche in der Lage ist, als eine Art Sprachrohr dem „talk“ eine internationale Grundlage und Dimension zu verschaffen. Eine ähnliche Funktion nimmt der neu gegründete Fernsehsender TeleSUR ein, welcher mehrheitlich von Venezuela und ansonsten von Kuba, Argentinien und Uruguay finanziert wird, in ganz Lateinamerika, Westeuropa und Nordwestafrika zu empfangen ist und gedacht ist als Konkurrenz zu den Kanälen BBC, CNN und Fox News (vgl. ebd.: 26), die ihre Programme zwar auch auf Spanisch ausstrahlen, aber aus der venezolanischen Perspektive wohl zu sehr unter einem westlichen „bias“ stehen, welcher den bolivarisch-sozialistischen Interessen entgegen steht. Nach Maihold werden von Venezuela mit dieser Medieninitiative drei große Ziele verfolgt, welche auch im Kontext des Themas dieser Arbeit von Relevanz sind: „Erstens soll eine Gegenöffentlichkeit zu den von den USA und privaten Sendern dominierten Nachrichtensendungen auf dem Subkontinent hergestellt werden. Zweitens soll die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Sendern der Region erweitert werden. Damit soll drittens ein eigenes kulturelles Selbstverständnis gefördert werden“ (ebd.: 26). Beide Initiativen zeigen deutlich, wie mit Venezuela ein Nationalstaat organisationale Strukturen nutzen kann, um damit Gegenpole zu anderen Organisationen zu schaffen und deren Vorstellungen von der Beschaffenheit der Weltkultur zu konterkarieren. Beide Organisationen dienen primär, mit Brunsson gesprochen, als „political organizations“, deren wichtiger Output insbesondere der „talk“ ist, der damit der westlich-liberal geprägten Semantik der Weltkultur entgegentritt. Interessant dabei ist vor allem auch die Dimension einer neuen Subtilität, die mit einer solchen Politik Venezuelas und seiner Verbündeten einhergeht: Wo früher zensiert wurde, wo der Kritik des Westens früher eine leichte Zielscheibe geboten wurde, wo früher private, von der sozialistischen Ideologie abweichende TV-Programme verboten worden wären, da werden nun Konkurrenzorganisationen gegründet, die zwar in das Raster des „bolivarischen Sozialismus“ passen, sich jedoch den demokratischen Spielregeln von Meinungs- und Pressefreiheit unterwerfen und es damit der konservativen Opposition etwa in Venezuela schwerer machen, sie zu kritisieren. Das
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(weitestgehende) Einhalten der Pressefreiheit, welches Venezuela in der Fachliteratur durchaus attestiert wird (vgl. Zeuske 2008: 500), erfüllt für Chávez‘ Regierung somit eine Legitimationsfunktion: Sie hat das weltkulturelle Prinzip „Meinungsfreiheit“ kopiert, es größtenteils institutionalisiert und ist dadurch bestimmten Vorwürfen insbesondere des Westens nur noch selten ausgesetzt - und wenn, dann fällt zumindest der Nachweis einer losen Kopplung zwischen meinungs- und pressefreiheitsbejahendem „talk“ und einer etwaigen, restriktiven oder autokratischen „action“ äußerst schwer. Mit der venezolanischen Regierung selbst sowie ihren Initiativen Banco del Sur und TeleSUR haben wir nun verschiedene Akteure umrissen, welche Venezuelas besondere Rolle in der Weltkultur darzustellen vermögen, indem sie politischen „talk“ artikulieren. Kommen wir nun zu der essenziellen Frage: Wie tun sie dies und auf welche Weise, d. h., mit welchen weltkulturellen Prinzipien, wird wieso argumentiert?
Dass Akteure der Weltkultur sich auf Prinzipien eben dieser berufen, um eigene Vorstellungen durchzusetzen bzw. um Einmischungen anderer Akteure zu verhindern, ist kein seltener Vorgang. Meyer et al. nennen hier insbesondere das Prinzip der Selbstbestimmung und kulturellen Autonomie, auf welches sich beispielsweise afrikanische Intellektuelle berufen haben, um wiederum die Institutionalisierung feministischer Prinzipien in ihren Gesellschaften zu blockieren (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 125). Ein Akteur, der also die Anwendung bestimmter Prinzipien auf seinen Bereich verhindern will, täte alsosofern der „Trick“ einer losen Kopplung zwischen einem sich den Prinzipien anpassenden „talk“ und einer anders gearteten, sich den neuen Prinzipien nicht unterordnenden „action“ nicht funktioniert oder in Gefahr läuft, zu leicht durchschaut zu werden - gut daran, „sich auf das eine oder andere universalistische kulturelle Prinzip zu berufen und sich mit anderen zusammenzutun, um das Problem zu einer weltweit relevanten Frage zu verallgemeinern“ (ebd.: 125). Im Rahmen des dieser Arbeit vorausgegangenen Forschungsprojekts konnte genau dieses Vorgehen für den Fall Venezuelas festgestellt werden. Mit den oben genannten, neu gegründeten internationalen Organisationen und seiner Außenpolitik folgt Venezuela - wohl eher unbewusst - dem Vorschlag von Meyer et al., sich mit anderen, sich in einer ähnlichen, politisch mehr oder weniger isolierten Situation befindlichen Staaten (teilweise „Schurkenstaaten“) zusammenzutun, um mit ihnen gemeinsam die problematische Rolle des „US-Imperialismus“ und der „neoliberalen Globalisierung“ lautstark zu thematisieren und den weltkulturellen Prinzipien, die sie als westlichen „talk“ ansehen, der diese imperialistisch-neoliberale „action“ gewissermaßen verkleidet, eigene schützenswerte und universelle weltkulturelle Prinzipien entgegen zu halten. In diesem Fall
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handelt es sich dabei, wie auch im o. g. Beispiel von Meyer et al., um das Prinzip kultureller Selbstbestimmung und Autonomie, welches direkt im Zusammenhang steht mit dem Prinzip nationalstaatlicher Souveränität, auf welches, wie im Folgenden noch darzustellen sein wird, seitens der venezolanischen Regierung ebenfalls häufig Bezug genommen wird. Die Verbreitung des Souveränitätsprinzips im Kontext der Entstehung der Weltgesellschaft ist im Besonderen an den Vorgang der Entkolonialisierung gekoppelt, der sich dadurch auszeichnete, dass „die verschiedensten Kollektive auch anderswo in der Welt angefangen [haben], ihre Forderungen um eine nationalstaatliche Identität herum aufzubauen“ (Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 105). Eine wichtige Rolle spielten hierbei die Vereinten Nationen als globaler Agent des Prinzips kultureller Selbstbestimmung und damit nationalstaatlicher Souveränität: Die UN „played a significant role in the decolonization process and the consolidation of anticolonialism norms. Self-determination norms are proclaimed in the UN Charter, but the organization also contained Trusteeship machinery and one-state-one-vote voting structures that gave majority power to the weak, often formerly colonized states, all of which contributed to an international legal, organizational and normative environment that made colonial practices increasingly illegitimate and difficult to carry out“ (Finnemore 2004: 72 f.). Sie mutierten ferner zu dem Akteur, der die maßgebliche Entscheidung über die Anerkennung neuer politischen Entitäten zu fällen hat. Ihnen gegenüber muss der „Bewerber“ zeigen, dass er über angemessene Ziele und Zwecke sowie Herrschaft über Bevölkerung und Territorium verfügt (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 105). Die Legitimationsanforderung der rationalen, bürokratischen Herrschaft (vgl. Weber 1980: 834) wurde so zu einem die „world polity“ prägenden Mythus, der den Nationalstaat global institutionalisierte. Mit ihm einher gehen die Elemente, die die Form eines typischen Nationalstaats bis heute auszeichnet: Neben politischen Programmen und bürokratischen Organisationen etwa auch Verfassungen, welche von Staaten, die nach Souveränität streben, vorgewiesen werden müssen (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 106). Meyer et al. sehen bei der Verbreitung dieser Institutionen besonders Imitation und Mimesis am Werk (vgl. ebd.: 106), da sie sich in erster Linie auf einer semantischen Ebene verbreiten und sich die tatsächlichen Normen und Prinzipien der Verfassungen oftmals nicht in der „action“ niederschlagen. Letztlich muss hierbei, soviel sei an dieser Stelle dazu gesagt, auch das Wirken der zwei anderen Mechanismen von Institutionalisierung (s. Abschnitt 2.2; vgl. DiMaggio / Powell 1991: 67 ff.) attestiert werden, da davon ausgegangen werden kann, dass hier nicht nur auch ein normativer Druck zur Professionalisierung eine Rolle spielt, sondern dass die Tatsache, dass ein Staat, der über keine Verfassung verfügt oder
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gar fehlende organisationale Strukturen aufweist, als „failed state“ gilt und somit im weltpolitischen Konzert nicht ernst genommen wird, sich de facto viel mehr wie ein Zwang zur Schaffung der oben beschriebenen Institutionen auswirkt.
Venezuela war der Zeit insofern voraus, als dass Simon Bolivars Unabhängigkeitskrieg nicht zuletzt deshalb erfolgreich sein konnte, weil sich Spanien Anfang des 19. Jahrhunderts in einem zermürbenden Krieg mit dem napoleonischen Frankreich befand und somit nicht mehr die politische und militärische Kraft hatte, seine Kolonien in Lateinamerika zu halten (vgl. Zeuske 2007: 44). Venezuelas Aufstieg zum Staat begann daher schon ab etwa 1820 (vgl. ebd.: 75), was jedoch die entscheidende Rolle, die die Zeit der Entkolonialisierung Mitte des 20. Jahrhunderts auch für Venezuela spielte, nicht schmälert. Die politische Rhetorik der venezolanischen Regierung beruft sich, wie in dieser Arbeit weiterhin noch zu zeigen sein wird, in seiner außenpolitischen Argumentation fortlaufend auf das Souveränitätsprinzip, welches zu jener Zeit eine Institutionalisierung erfuhr, die so stark war, dass ihr, zumindest zeitweise, in der sicherheitspolitischen Debatte ein höherer Stellenwert zugerechnet wurde als dem Prinzip der Humanität (vgl. Finnemore 2004: 76) und auch noch heute zumindest geeignet ist, Argumentationen, die humanitäre Interventionen befürworten, als weltkulturell dominierendes Prinzip entgegengehalten zu werden - übrigens eine rhetorische Strategie, von der auch Hugo Chávez etwa im derzeitigen Libyen-Krieg (2011) eifrig Gebrauch macht, etwa wenn vor der Einmischung in Angelegenheiten der Souveränität Libyens warnt (vgl. Portal Amerika 21 2011) oder die NATO-Luftangriffe auf Libyen als „imperialistisch“ bezeichnet (vgl. Fox News 2011), womit er gezielt die weltkulturell institutionalisierte Illegitimität von Kolonialismus und damit Imperialismus nutzt, um sie den westlichen Staaten vorzuwerfen. Venezuela ist jedoch auch noch in anderer Hinsicht ein typisches Beispiel für die Institutionen, die mit der weltkulturellen Isomorphie einhergehen, da das Element der Nationalstaatlichkeit zugleich ein ganzes „Paket“ an politischen Institutionen mitliefert, die schon allein aus Gründen der nicht nur einmaligen, sondern für eine relevantere weltpolitische Rolle fortlaufend nötigen Legitimation übernommen werden müssen. Dazu gehören etwa Programme für nationale, wirtschaftliche und soziale Entwicklung, individuelle Rechte, Umweltschutz und anderes: „Diese Programme werden als Ergebnis autonomer Entscheidungen dargestellt, weil die Definition des Nationalstaats vorsieht, daß dieser ein souveräner, verantwortlicher und im Kern autonomer Akteur ist“ (Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 107). Tatsächlich bekomme man jedoch, wenn man von der Dominanz einer Weltkultur ausgeht, nach Meyer et al. eher den Eindruck, dass es sich um die Inszenierung feststehender weltkultureller „Drehbücher“ handele, denn „sogar solche Staaten, die die
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Ablehnung der dominanten globalen Modelle verkünden, verfolgen viele Zwecke, die diesem Modell entsprechen (…) Dadurch setzen sie ungewollt ihre Traditionen einem Veränderungsdruck in Richtung auf die weltkulturellen Formen aus“ (ebd.: 107). Der neoinstitutionalistisch geschulte Beobachter wird Venezuela sofort als ein Beispiel für diesen Staatentypus wiedererkennen.
In der Tat zeigt sich eine deutliche Übereinstimmung mit den Thesen von Meyer et al., welche auch Staaten wie Venezuela, die sich ganz bewusst von westlichen Politikmodellen abzugrenzen versuchen, eine Entwicklung wie oben beschrieben attestieren. Allem voran die Verabschiedung der neuen Verfassung des Landes im Dezember 1999 (vgl. Zeuske 2007: 180 f.) zeigt die Übernahme klassischer nationalstaatlicher Institutionen, welche für die venezolanische Regierung nicht zuletzt auch eine Legitimationsfunktion hatte, mittels welcher das Projekt eines „bolivarischen Sozialismus“ implementiert und die politische Umwälzung formalrechtlich festgeschrieben werden konnte, was zugleich den Souveränitätsanspruch Venezuelas deutlich macht. Zahlreiche andere politische Programme wurden basierend auf dieser Verfassung gestartet und umgesetzt, welche einerseits ihrer Form nach typisch weltkulturelle Mythen aufgreifen, diesen aber in der konkreten Ziel- und Umsetzung eine Art eigene, spezifisch venezolanische, „bolivarische“ Note verleihen, die deutlich machen soll, dass man sich von der westlich geprägten, politisch liberalen Weltkultur abgrenzt. Dazu gehören u. a. Programme zum Schutz der Umwelt (vgl. ebd.: 182), zum Wiederaufbau des Bildungswesens, wozu etwa das Alphabetisierungsprojekt Mission Robinson sowie die Programme Ribas und Sucre zum Aufbau weiterführender Schulen und Universitäten zählen, das Programm Mission Barrio Adentro zum Ausbau des Gesundheitssystems, die Mission Vuelvan Caras zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, ein Programm für den preiswerten Massenzugang zum Internet, das Programm Hábitat vivienda für den Bau von Sozialwohnungen, die Mission Identidad zur Legalisierung der illegal Immigrierten (vgl. ebd.: 190) und weitere, umfassende sozialstaatliche Programme wie etwa der Plan Bolivar 2000 (vgl. Kestler 2005: 29) zählen. Hinzu kommen außerdem in der Verfassung neu verankerte Rechte der Frauen und der indigenen Bevölkerung auf Selbstbestimmung (vgl. Zeuske 2007: 181). Venezuela hat somit nicht nur mit dem letzteren Punkt die Institution der kulturellen Selbstbestimmung formal implementiert, sondern dem lauten sozialstaatlichen „talk“ auch eine nicht unbeträchtliche, ähnlich geartete „action“ folgen lassen. Zwar kann über die „product“-Ebene und den Output dieser Politik an dieser Stelle keine verbindlichen Aussagen gemacht werden, weil es für eine ausgiebige empirische Erforschung der sozialen Lebenswirklichkeit in Venezuela eines größeren Forschungsrahmens bedurft hätte. Was aber
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angesichts dieser o. g. Fakten festgehalten werden kann, ist die Feststellung, dass „talk“-Ebene und „action“-Ebene im Bereich der Sozialpolitik und der Wohlfahrtsstaatlichkeit als eng gekoppelt eingestuft werden können: Hugo Chávez hat sich alle Mühe gegeben, sich auf diesem Gebiet so wenig angreifbar wie möglich zu machen, und hat daher hier durchaus Erfolge zu verbuchen.
Innerhalb der neo-institutionalistischen Theorie wird von fünf zentralen Institutionen ausgegangen, die den kapitalistischen Westen geprägt haben und somit zugleich aber auch für die Verbreitung der Weltkultur als Ganzes von entscheidender Bedeutung sind: Kapitalistischer Markt, bürokratischer Staat, Demokratie, Kernfamilie und christliche Religion (vgl. Friedland / Alford 1991: 232). Im Falle Venezuelas, mit welchem seitens linksgerichteter Akteure die Hoffnung verknüpft wird, es könne „den Mächten einer bestimmten Form von Globalisierung widerstehen“ (vgl. Zeuske 2007: 197), können wir mindestens vier dieser fünf Institutionen wiedererkennen. Über den Grad der Institutionalisierung der Kernfamilie kann an dieser Stelle aufgrund des Forschungsrahmens keine zuverlässige Aussage gemacht werden.
Festgestellt werden kann aber zum ersten, dass das prägende Element der venezolanischen Politik offensichtlich der bürokratische Staat ist, wie die ministeriale Struktur der Regierung, die existente Verfassung und die in Programmen formulierte, artikulierte und umgesetzte Politik zeigen (s.o.).
Zweitens ist nicht nur in Venezuela wie in ganz Lateinamerika die katholische Religion vorherrschend, sondern das Beziehen auf Christentum und christliche Werte gehören auch zum regelmäßig wiederkehrenden rhetorischen Instrumentarium der keineswegs atheistischen sozialistischen Regierung Venezuelas: Die politische Vision „sozialistisches Venezuela, unser Sozialismus, ein indigener, christlicher und bolivarianischer Sozialismus“ (Hugo Chávez auf einer Pressekonferenz am 5. Dezember 2006, zitiert in Zeuske 2007: 196; Hervorhebung FS) ist nur ein Beispiel für das nicht ständige, aber doch regelmäßige Integrieren der Institution Christentum in die eigenen politischen Zielvorstellungen.
Drittens ist auch die Institution des kapitalistischen Marktes im sozialistischen Venezuela vorzufinden - woraus sich mindestens der Verdacht einer vorhandenen losen Kopplung ergibt. Chávez verfolgt, trotz revolutionären, sozialistischen „talks“, eine „Politik der zwei Hände“, zu der ein Zusammenwirken von Staatswirtschaft und Privatwirtschaft gehört (vgl. Zeuske 2007: 180). Das Recht auf Privateigentum wird weiterhin anerkannt (vgl. Zeuske 2008: 496), wenn auch mit der Einschränkung, dass es sozialistischen Interessen dienen müsse (vgl. ebd.: 562). Daraus und nicht zuletzt natürlich aus der Einbindung Venezuelas in
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den internationalen Markt gerade in der Ölbranche und dem in diesem Bereich engen (Abhängigkeits-)Verhältnis zu den USA (vgl. Maihold 2008: 16 f.; Zeuske 2007: 184) kann geschlussfolgert werden, dass die Einrichtung des kapitalistischen Marktes trotz teilweise rigoroser Verstaatlichungspolitik weiterhin als institutionalisiert gelten muss - etwa über das Proklamieren der „Politik der zwei Hände“ auf der „talk“-Ebene, über seine internationale Ölpolitik, sprich den Verkauf von 95 % seiner Ölexporte auf dem Weltmarkt (vgl. Zeuske 2007: 184), auf den Ebenen von „action“ und „products“. Gerade die Tatsache, dass die venezolanische Regierung trotz eigentlich von Grund auf anders gearteter Programmatik somit oft genug auf Prinzipien des kapitalistischen Marktes zurückgreift (Respektieren von Privateigentum, Teilnahme am und Abhängigkeit vom internationalen Ölmarkt), zeigt, dass auch diese Institution in Venezuela verwirklicht ist - obwohl man sich alle Mühe gibt, sich von ihren negativ assoziierten Implikationen abzugrenzen.
Ein ganz besonders relevanter Beobachtungspunkt liegt viertens schließlich bei der Frage nach der Institution der Demokratie. Venezuela besitzt nicht nur ein demokratisches Regierungssystem, sondern nutzt diese wichtige, wenn nicht wichtigste Institution der westlich geprägten Weltkultur zugleich als rhetorisches Mittel, um sich von den nach Chávez‘ Ansicht nur oberflächlichen liberalen westlichen Demokratien abzugrenzen. Es wird also ganz bewusst der Versuch unternommen, den die allgemein positiv assoziierte Bedeutung der Institution für sich zu vereinnahmen, indem etwa die These vertreten wird, dass der westliche Kapitalismus „nicht mit einer sozialen und partzipativen Demokratie vereinbar ist“ (Maihold 2008: 12) oder in Chávez‘ Reden euphorisch die „neue Demokratie“ gefeiert wird (vgl. Zeuske 2007: 196). Im Rahmen des dieser Arbeit vorausgegangenen Forschungsprojektes wurden neben der Fachliteratur u. a. zahlreiche Publikationen der venezolanischen Regierung und im Speziellen der Venezolanischen Botschaft in Deutschland untersucht. So fanden sich u. a. in 9 von 24 untersuchten Bulletins (vgl. Venezolanische Botschaft in Deutschland 2008 bis 2010) Hinweise auf, Forderungen nach oder positive Bezüge zur Demokratie, wobei insbesondere das Bulletin Nr. 19 hervorsticht, in dem von Hugo Chávez‘ Verkündung berichtet wird, „dass in Venezuela eine neue Art der Demokratie erschaffen wird: die partizipative und protagonistische gestützt durch die Verfassungsänderung, die eine kontinuierliche Wahl ermöglicht und die vom Volk beschlossen wurde. Sie ist ‚weit entfernt von der liberalen Demokratie der Eliten, der Demokratie der Reichen gegen die Armen‘ [Zitat Chávez]“ (Venezolanische Botschaft in Deutschland / Bulletin Nr. 19, September 2009: 2). Anstatt sich gegen die Prinzipien der westlich determinierten Globalisierung als Ganzes zu stellen, wird hier also der Versuch übernommen, ihre positiv assoziierten Institutionen mit
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anderen, von der eigenen Klientel (Bevölkerung?) positiv assoziierten Institutionen wie etwa Sozialstaatlichkeit (vgl. Meyer 2005 a: 151 f.) zu verknüpfen und von zuvor mit der Demokratie verknüpften westlichen Institutionen wie dem kapitalistischen Markt (s.o.) und Liberalisierung (vgl. ebd.: 153 f.) zu entkoppeln. Die positive Assoziation vermag auf diese Weise womöglich auf die politische Vision der venezolanischen Regierung „abfärben“ und ihr damit politische Legitimation verleihen. Ähnliches gilt für die rhetorische Verknüpfung des Demokratie-Prinzips mit den damit einhergehenden verfassungsmäßigen Grundrechtenwelche in abstrakterer Form als „Menschenrechte“ ebenfalls zu den prägenden Institutionen der Weltkultur gehören (vgl. ebd.: 152 f.) - die sich in den venezolanischen Regierungspublikationen in verschiedener Form, mal in Form eines positiven Bezugs zu Presse- und Meinungsfreiheit, mal in Form eines positiven Bezugs auf Menschenrechte als Ganzem mit der Forderung nach Einhaltung der selbigen, ebenso häufig und u. a. in 16 der 24 untersuchten Bulletins (vgl. Venezolanische Botschaft in Deutschland 2008 bis 2010) wiederfinden ließ. Im von der Venezolanischen Botschaft in Deutschland herausgegeben „Venezuela Magazin“ findet sich gar ein mit der Überschrift „Menschenrechte - Mehr als ein Wort“ betitelter Artikel, welcher versucht darzulegen, dass insbesondere das Grundrecht auf Meinungsfreiheit in Venezuela strikt eingehalten werde, um sich gegen anderslautende Vorwürfe zu wehren (vgl. Venezolanische Botschaft in Deutschland 2008 / Venezuela Magazin, 15. November 2008: 7 ff.).
Der auf Demokratie und Menschenrechte abzielende „talk“ der venezolanischen Regierung ist, übrigens nicht nur hinsichtlich eigener Belange, sondern auch als konkretes Instrument außenpolitischer Rhetorik etwa im Kontext pro-palästinensischer Parteinahme im Nahost-Konflikt (vgl. Venezolanische Botschaft in Deutschland / Bulletin Nr. 05, 28. Januar 2009: 4), somit zweifellos sehr „laut“ und, ähnlich den UN-Auftritten Chávez‘, oftmals schlagzeilenträchtig. Die Beurteilung der „action“-Dimension dieses Feldes fällt ambivalent aus: Während hinsichtlich der Wahrung sozialer Grundrechte von einer engen Kopplung beider Ebenen ausgegangen werden kann (s.o.), so sind als Folge ausufernder Korruption und fehlender Transparenz gleichzeitig nicht geringe Demokratiedefizite und sogar fortschreitende Deinstitutionalisierung demokratischer Einrichtungen im Lande beobachtbar (vgl. Zeuske 2007: 193 f.). Hinzu kommt die autokratisch anmutende Dominanz der Chávezschen Ideologie eines „bolivarischen Sozialismus“, die über die Verfassung gewissermaßen als Staatsziel verankert ist und arg daran zweifeln lässt, ob vor diesem Hintergrund von einer Gleichberechtigung aller politischen Parteien Venezuelas ausgegangen werden kann. In diesem Bereich muss daher eine eher lose Kopplung beider Ebenen attestiert werden.
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Venezuela dürfte damit, wenn man sich die Perspektive DiMaggios und Powells zu eigen macht (s. Abschnitt 2.2), in diesem Punkt sowohl den Mechanismus der Imitation genutzt haben als auch dem Mechanismus des Zwangs erlegen sein. Einerseits zeichnete sich für die venezolanische Regierung ab, dass das Kopieren demokratischer Mythen in Form der Kreation einer Rhetorik der „neuen, partizipativen Demokratie“, welche, über das zweite Attribut, das demokratische und positiv assoziierte Element der Institution gewissermaßen verdoppelt und dadurch intensiviert, enorme Legitimationsvorteile bringen würde, die siewie teilweise auch geschehen ist - der Solidarität mit linksgerichteten sozialen Bewegungen und anderen „globalisierungskritischen“ Akteuren versichern würde (vgl. Maihold 2008: 18). Andererseits hatte sie aber auch kaum eine Wahl: Die USA, andere westliche Staaten und internationale Organisationen ziehen seit jeher einen enormen Glaubwürdigkeitsvorteil und „moralische Autorität“ aus der Rolle als weltweite Makler für Demokratie, so dass Staaten oder andere politische Akteure, die sich vom Westen loszulösen wollen, sozusagen im Automatismus dem Verdacht ausgesetzt sind, sich der weltweiten Demokratisierung entgegenstellen zu wollen - ein Verdacht, der auch und gerade im Falle Venezuelas durchaus schnell aufkommen kann, wenn man sich etwa an Chávez‘ Verbrüderung mit autokratischen „Schurkenstaaten“ (s.o.) oder sich schlicht an die autokratische Geschichte sozialistischer Staaten erinnert. Die venezolanische Regierung konnte somit nicht anders handeln bzw. stand unter dem Zwang, sich des Verdachts der Autokratie-Befürwortung zu entledigen - was wiederum nur per Aufgreifen der Institution Demokratie möglich war. Eine noch größere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die bereits näher beschriebene Institution kultureller Selbstbestimmung und nationalstaatlicher Souveränität, wie sich auch in den untersuchten Publikationen beobachten ließ. Bezüge zu ihr ließen sich nicht nur in der deutschsprachigen Broschüre zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit wiederfinden - in welcher die Position vertreten wird, dass der Kampf für Unabhängigkeit, Souveränität, Selbstbestimmung und sozio-kulturelle Diversität noch immer weiter gehe und fortgeführt werden müsse (vgl. Venezolanische Botschaft in Deutschland 2010: 14) - sondern u. a. in 13 von 24 untersuchten deutschsprachigen Bulletins der venezolanischen Regierung (vgl. Venezolanische Botschaft in Deutschland 2008 bis 2010). Auf welcher Ebene das Prinzip der Souveränität in Venezuela bis zu welchem Grad als institutionalisiert gelten kann, bleibt letztlich eine Forschungsfrage für sich, die im Rahmen eines eigenen Projektes beantwortet werden müsste: Dass die Institution der Souveränität auf der „talk“-Ebene zum dauerhaften Gegenstand politischer Rhetorik geworden ist, dürfte anhand der in diesem Abschnitt berichteten Ergebnisse außer Frage stehen. Ob das Souveränitätsprinzip auch auf der
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„action“-Ebene Teil der Programmatik der venezolanischen Regierung geworden ist, lässt sich aufgrund von Berichten über Venezuelas Unterstützung der spanischen Separatistengruppe ETA sowie vor allem der kolumbianischen Rebellenorganisation FARC (vgl. RP Online 2010) zumindest bezweifeln.
Zum Ende dieses Abschnitts soll noch einer letzten interessanten Beobachtung unsere Aufmerksamkeit zukommen. Mit dem Bezug auf Demokratie hat Venezuela eine Institution aufgegriffen, die in ihrer jetzigen Ausgestaltung und Form zwar der westlichen Hemisphäre entstammt und von dieser als maßgebliches politisches Prinzip vertreten wird, jedoch hat man sich im Zuge der Präzisierung schnell entschlossen, jegliche Assoziation an die klassische, westlich-liberale Demokratie auszuschließen, und stattdessen von einer sozialen und partizipativen Demokratie gesprochen (s.o.). Chávez und die venezolanische Regierung distanzierten sich jedoch nicht immer von jeglichen liberalen Institutionen, sondern nutzten diese mitunter bewusst und stellten sich, bewusst oder auch unbewusst, in liberale Traditionen. So nutzte Chávez nicht nur die UN-Generalversammlung als Forum für offensive politische Rhetorik, sondern ließ seine Regierung sich bei mehreren Gelegenheiten positiv auf die Einrichtung der Vereinten Nationen und ihre Prinzipien berufen, so etwa beim Vorwurf, ein beim UN-Klimagipfel in Kopenhagen nur von den Industriestaaten erarbeitetes Papier sei ein „Putsch gegen die UN“ (vgl. Portal Amerika 21 2009 a) oder in einer Stellungnahme des venezolanischen Außenministeriums, in der Kolumbien und den USA mehrere „[illegale] Aktionen (…) gegen den Geist und den Text der Charta der Vereinten Nationen“ (Portal Amerika 21 2009) vorgeworfen wird. Mit Bezugnahmen wie diesen stellt sich das linksgerichtete Venezuela nicht nur in die liberale Tradition der organisationalen Institution UN, sondern akzeptiert zugleich das im Rahmen der UN institutionalisierte, legitimationsfördernde Prinzip des Multilateralismus (vgl. Finnemore 2004: 75), was insbesondere in der Forderung nach Beteiligung der Entwicklungsländer etwa an klimaschutzpolitischen Erklärungen (s.o.) zum Ausdruck kommt. Im Falle einer institutionellen Kollision mit dem Souveränitätsprinzip sowie anders gearteter politischer Interessen allerdings muss das Prinzip des Multilateralismus allerdings auch aus venezolanischer Sicht hinter dem Souveränitätsprinzip zurückstehen, wie der UN-Entscheidungsprozess hinsichtlich der derzeitigen Libyenkriegs deutlich gezeigt hat (vgl. Portal Amerika 21 2011).
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4. Fazit
Die Erkenntnis, dass die Weltkultur keineswegs ein Konglomerat an homogenen Institutionen, Prinzipien und Werten ist, deren alleinige Folge eine weltweite Diffusion bestimmter kultureller Merkmale, Strukturen und Semantiken ist, sondern dass diese sich zugleich durch eine tiefgreifende Heterogenität auszeichnet, die wiederum eine Konsequenz der globalen Isomorphie darstellt, wirkt zunächst in höchstem Maße paradox. Das Phänomen institutioneller Widersprüche jedoch, das Friedland und Alford beschrieben haben (1991), vermag Licht in das so ambivalent erscheinende Dunkel zu bringen: „Institutional contradictions are the bases of the most important political conflicts in our society (…) A key task of social analysis is to understand those contradictions and to specify the conditions under which they shape organizational and individual action“ (Friedland / Alford 1991: 256). Mit dieser Arbeit wurde versucht, dieser Aufforderung nachzukommen. Der Fall Venezuelas zeigt, wie sich mehrere institutionalisierte Prinzipien der Weltkultur, im Besonderen aber der westlich geprägte Kapitalismus einerseits und der Grundsatz nationalstaatlicher Souveränität andererseits, gegenüber stehen und dabei sowohl durchaus strategisch-rhetorisch von den handelnden Akteuren im „talk“ genutzt werden, andererseits aber auch politische „action“ selbst entscheidend prägen.
Die Weltkultur, allgemeiner und theoretisch wenigstens etwas neutraler gesprochen, die Weltgesellschaft liefert ihren Akteuren (die immer zugleich auch ihre Agenten sind!) hierbei über die Verbreitung eben dieser teils widersprüchlichen Institutionen eine breite Palette an politischen Handlungsprämissen mit, aus welcher dann gewählt werden kann, sowohl auf der strukturellen „action“-Ebene, als auch auf der semantischen „talk“-Ebene. Anti-westlich ausgerichtete Staaten, aber auch viele soziale Bewegungen sowie nationalistische und religiöse Gruppen bewirken dabei, selbst wenn sie gegenüber dem Globalisierungsprozess überaus kritisch, wenn nicht sogar feindlich eingestellt sind, lediglich eine Verfestigung weltkultureller Strukturen: „Sie stützen sich auf Prinzipien, die in ihre weltkulturellen Drehbücher eingeschrieben sind, sie verdanken ihre Organisationsfähigkeit der Legitimität, die ihnen diese Drehbücher zur Verfügung stellen, und sie präsentieren ihre angeblich primordialen Vorstellungen so, daß diese Legitimität maximiert wird“ (Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 110). Die hier dargestellte Untersuchung hat gezeigt, in welch umfassender Weise diese Feststellung auch auf Venezuela zutrifft. Die Erkenntnis, dass die Weltkultur damit eher stärker implementiert als aufgelöst wird, negiert freilich nicht die Tatsache, dass die Weltkultur kein statisches Gebilde ist, dessen Strukturen sich niemals ändern. Die
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Weltkultur ist, wenn auch in der einen Dimension geprägt durch Isomorphie, über die durch institutionelle Widersprüche und Konflikte entstehende innere Dynamik zugleich Motor sozialen Wandels (vgl. Meyer / Boli / Thomas / Ramirez 2005: 127 ff.), der verschiedenste Folgen haben kann. Dies erhöht die Kontingenz der Weltkultur und schafft Ungewissheiten: „Je höher das Ausmaß der Widersprüchlichkeit zwischen den institutionellen Logiken in einem Feld, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer verlässlichen Reproduktion der institutionellen Struktur“ (Walgenbach / Meyer 2008: 106 f.). Resultat dieses Umstands kann etwa der Vorgang der Deinstitutionalisierung sein, entweder einer der beiden oder gar beider institutioneller Strukturen - ebenso allerdings sind auch institutionelle Vermischungen und daraus hervorgehende hybride Formen denkbar, wenn etwa zwar „unterlegene“ Institutionen trotzdem in indirekterer, subtilerer Weise in der neuen Struktur oder Semantik niederschlagen (vgl. Walgenbach / Meyer 2008: 107). Konkret bezogen auf den in dieser Arbeit diskutierten Fall könnte dies etwa bedeuten, dass etwa das Prinzip der nationalstaatlichen Souveränität langsam deinstitutionalisiert wird, was durch ökonomische Globalisierung (Institution der Liberalisierung) und amerikanische Hegemonie maßgeblich verursacht wird, wofür etwa die militärischen Interventionen der USA seit dem 11. September 2001 ein Indikator sein könnten. Nicht weniger plausibel wirkt jedoch zugleich auch die Gegenthese, dass die offenkundigen Schwierigkeiten, die Globalisierung und insbesondere die Krise des Finanzmarktes seit 2007 mit sich gebracht haben, zu einer „Rückkehr des Nationalstaates“ und somit letztlich auch des Souveränitätsprinzips führen. Durchaus ähnliche Konsequenzen könnten etwa humanitäre Interventionen seitens der westlichen Staatengemeinschaft haben, welche sich als wenig effektiv, langwierig, teuer und somit misslungen herausgestellt haben. Die Frage nach einem etwaigen „Sieger“ der in dieser Arbeit aufgeführten institutionellen Widersprüche ist bis dato jedoch nicht zu beantworten. Vielmehr kann attestiert werden, dass sowohl der Grundsatz nationalstaatlicher Souveränität als auch der kapitalistische Weltmarkt Prinzipien sind, die sowohl auf „talk“-, als auch auf „action“-Ebene als institutionalisiert gelten müssen. Gleichwohl lässt sich durchaus erkennen, dass etwa die venezolanische Politik, Marktwirtschaft und Staatswirtschaft zu verbinden, bereits eine hybride Institution darstellt, die aus dem institutionellen Widerspruch von kapitalistischem Marktmodell und Bürokratie hervorgegangen ist. Teile des aus den institutionellen Widersprüchen des hier behandelten Falles hervorgegangenen Konflikts wurden also bereits „gelöst“, wenn auch eben sicherlich nicht zur Zufriedenheit aller beteiligten Akteure.
Die andere, mit dieser „Lösung“ in Verbindung stehende Möglichkeit, „talk“ und „action“ lose zu koppeln und die beiden sich widersprechenden Institutionen dann jeweils auf beide
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Ebenen verteilt - oder gar zeitlich entkoppelt dann auf jeweils beiden Ebenen - anzuwenden, wurde in Abschnitt 3.2 bereits näher dargestellt und diskutiert. Diese Option wird, wie Brunsson ausgiebig dargestellt hat, von politischen Organisationen bekanntlich häufig genutzt. Mit ihr einher geht jedoch immer auch das Risiko des Glaubwürdigkeitsverlustes, der als Folge der „hypocrisy“ eintreten kann und das Kernproblem jeder politischen Kommunikation darstellt. Auch Hugo Chávez und seine Regierung sind, trotz durchaus eng gekoppelter Politik etwa im Sozialbereich, davor langfristig nicht gefeit. Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für die Globalisierungsforschung und den wissenschaftlichen Diskurs über Beschaffenheit und Entwicklung der Weltgesellschaft? Die Lehren, die daraus gezogen werden müssten, sind nicht allesamt neu: Der Begriff der „Glokalisierung“ beschreibt eine Entwicklung, die der hier diskutierten nicht unähnlich ist, auch wenn er dabei die Frage nach institutionellen Widersprüchen eher außer Acht lässt und bei der Problematik den Blick vor allem auf die Dimension von Örtlichkeit und Raum richtet, obwohl die Perspektive auf Kommunikation, verfestigte Verhaltenserwartungen und Institutionen meines Erachtens interessanter, weil aufschlussreicher wäre. Nichtsdestotrotz verstricken sich auch die Theorien, die genau hierauf den Blick richten, also insbesondere die soziologische Systemtheorie sowie die hier dargestellten neo-institutionalistischen Ansätze, zu sehr in eine Debatte, bei der die Konstitution der Weltgesellschaft nach Ansicht der ersteren Perspektive durch Differenzierung, nach Ansicht der letzteren durch Diffusion und Isomorphie geprägt ist. Angesichts der Entwicklungen, die in dem in dieser Arbeit untersuchten Fall sichtbar sind, würde eine Fortsetzung dieses Streits eine unfruchtbare Verengung bedeuten. Es sollte deutlich geworden sein, dass es in weiten Teilen gerade die von Neo-Institutionalisten attestierte Diffusion (Globalisierung) ist, die letzten Endes über interne Konflikte der Weltkultur und institutionelle Widersprüche wieder Differenzierung -und dadurch in der Konsequenz natürlich auch Lokalisierung - ermöglicht (ein Phänomen, dem Vertreter des „world polity“-Ansatzes jedoch bislang eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben). Disziplinen wie die Geschichtswissenschaft, die sonst eigentlich noch nicht als derart exponierte Diskutanten der Globalisierungsforschung aufgefallen sind, sind in dieser Frage teilweise weiter, wie der für die Problematik nicht uninteressante Translokalität-Ansatz zeigt (vgl. Freitag 2005). Der Globalisierungsdebatte in Soziologie und Politikwissenschaft könnte es gewiss nicht schaden, Differenzierung und Diffusion, Heterogenisierung und Homogenisierung nicht länger als Gegensatzpaare zu behandeln, sondern als dynamische Prozesse, die sich gegenseitig bedingen und auf diese Weise die Weltgesellschaft prägen.
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