Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. 1
1. Einleitung 2
2. Hauptteil 3
2.1 Fremdverstehen 3
2.1.1 Fremdverstehen im Alltag 3
2.1.2 Fremdverstehen nach Alfred Schütz. 5
2.1.3 Theoretische Herleitung des methodisch kontrollierten Fremdverstehens 6
2.2 Fremdverstehen in der Forschungspraxis am Beispiel von
Garfinkels Krisenexperimenten 10
2.3 Umgang mit der „unausweichlichen Vagheit“ von Kommunikation 12
2.4 Fremdheit zwischen Forscher und Objekt im Rahmen der
interkulturellen Kommunikation 15
2.5 Kritik der quantitativen Forschung am methodisch kontrollierten
Fremdverstehen 17
3. Schluss. 18
Literaturverzeichnis 20
1
1. Einleitung
1 „Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, verstünden sie auch.“ In diesem Zitat stellt Johann Wolfgang von Goethe lange bevor sich mit empirischer Sozialforschung beschäftigt wurde fest, dass im Rahmen der Kommunikation nicht alles Geäußerte verstanden wird. Wenn schon nicht das Geäußerte gänzlich erfasst werden kann, dann erscheint es ebenso schwierig die intendierte Botschaft darin zu entdecken. Um eben diese Botschaft zu verstehen, bedarf es vieler Voraussetzungen, die ein Zuhörer, Betrachter oder Forscher erfüllen muss. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des Verstehens von etwas Fremden. Es soll darauf eingegangen werden, inwiefern das Fremdverstehen durch Methoden kontrolliert werden und somit wissenschaftlich zugänglich gemacht werden kann. Die qualitative Forschungsmethode rückt dabei in den Fokus der Betrachtung und soll auszugsweise mit den quantitativen Methoden verglichen werden. Dabei soll der Begriff des Fremdverstehens genauer untersucht werden und auf seine wissenschaftliche Handhabbarkeit geprüft werden. Es wird die Frage verfolgt, inwiefern ein methodisch kontrolliertes Fremdverstehen zu einer gelungenen Kommunikation beitragen kann.
Beginnend mit einer alltäglichen Betrachtungsweise auf den Begriff des Fremdverstehens, soll er in einem weiteren Schritt aus der soziologischen Sicht Alfred Schütz‘ und der Perspektive der qualitativen Sozialforschung beschrieben werden. Daraufhin wird das Fremdverstehen in der Forschungspraxis beleuchtet, anhand zweier Experimente, welche die Vagheit von Kommunikation thematisieren. Im Anschluss soll mit der kulturellen Differenz eine Dimension des Fremdverstehens präsentiert werden, welche einen Einfluss auf das Gelingen von Kommunikation hat. Außerdem soll das methodisch kontrollierte Fremdverstehen aus der Perspektive der quantitativen Sozialforschung betrachtet und Auszüge der Kritikpunkte aus dem Methodenstreit aufgeführt werden. Abschließend wird im Schlussteil die Leitfrage nach der Bedeutung methodisch kontrollierten Fremdverstehens für eine gelungene Kommunikation nochmals aufgegriffen und geprüft, ob sie im Hauptteil beantwortet wurde. Zudem werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst und eine Bewertung dieser vorgenommen.
1 Goethe
2
2. Hauptteil
2.1 Fremdverstehen
Ehe sich genauer mit der Rolle methodisch kontrollierten Fremdverstehens in der Forschungspraxis beschäftigt wird, soll zunächst der Begriff des Fremdverstehens von mehreren Seiten beleuchtet werden. Dabei wird der Terminus im alltäglichen Gebrauch, aus der wissenschaftlichen Sicht von Alfred Schütz und aus der Perspektive der qualitativen Sozialforschung beschrieben.
2.1.1 Fremdverstehen im Alltag
Der Begriff des Fremdverstehens ist ein in der Alltagssprache nicht sehr geläufiges Wort. Die Fremdheit, welche das Fremdverstehen impliziert, ist abhängig von der Perspektive. Diese bestimmt, ob eine Person oder abstrakte Objekte, wie beispielsweise die Sprache, für den Betrachter fremd erscheinen. Eine dem Betrachter fremde Sprache ist für denjenigen, der sie als Muttersprache spricht, alles andere als fremd. Es handelt sich dabei um „keine wertneutrale Kategorie“ 2 , sondern um das Gegenteil des für den Betrachter Vertrauten. Es besteht folglich eine Beziehung zwischen Betrachter und dem Fremderscheinenden. Geht es darum, das Fremde verstehen zu wollen, so schließt sich dieser Prozess nicht automatisch an die Konfrontation mit eben diesem Fremden an. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Durch das bewusste Ausgrenzen des Fremden könne das eigene Selbstbewusstsein oder das der Gruppe gestärkt werden. In diesem Fall wäre das Fremdverstehen erst gar nicht intendiert. Eine andere Möglichkeit ist ein „grundsätzlicher Zweifel“ 3 , aufgrund dessen das Fremde prinzipiell nicht verstanden werden könne. Dabei wird argumentiert, dass das kulturelle Umfeld den Betrachter in bestimmte Denkschemata zwinge. Wenn man sich also um das Verstehen von etwas Fremden bemüht, welches sich auf eigene Vorstellungen und Werte beschränke, so eigne man sich etwas Fremdes an und
2 Kallenbach 2006, S. 1
3 ebenda, S. 1
3
unterwerfe sich diesem 4 . Somit sei der Mensch in seinem eigenen Denken und Weltbild gefangen, weshalb ein Fremdverstehen nicht möglich sei. Entgegen der genannten ablehnenden Erklärungen gibt es auch solche, die in dem Fremdverstehen einen Prozess der Annäherung sehen, der prinzipiell von einer Möglichkeit des Verstehens ausgeht. Wendet man diesen Ansatz auf interkulturelle Lernprozesse an, so beziehen diese ihre Grundlage und Zielstruktur daraus, dass das Fremde der Auslöser dafür sein kann Neues zu lernen, sich der eigenen Begrenzungen bewusst zu werden, den eigenen Horizont zu erweitern und vorherrschende Vorstellungen zu überdenken. 5 Fremdverstehen soll also nicht nur das Verstehen einer fremden Sprache umfassen, sondern auch ein Bemühen um fremde Sichtweisen sein. In diesem Lernprozess gilt nicht der Informationsgewinn als ausschlaggebend, sondern die Veränderung des eigenen Standpunktes 6 . Der Mensch benötigt einen vertrauten Bezugs- bzw. Referenzrahmen, der ihm Sicherheit gibt, ihm bei der Orientierung hilft, es ihm ermöglicht neue Informationen einzuordnen und Vergleiche zu ziehen. Fehlt jedoch dieser Rahmen, muss man sich auf neue Referenzgrößen einstellen, was Schwierigkeiten bei der Umstellung zwischen den verschiedenen Bezügen nach sich ziehen kann. 7 Zusammengefasst soll das Fremdverstehen als Grundlage für den weiteren Verlauf dieser Hausarbeit als Unterschied zwischen den Referenzrahmen von Betrachter und Bezugsperson bzw. -objekt gelten. Möchte der Betrachter nachvollziehen, was der Gegenüber mit dem Geäußerten wirklich intendieren will, so muss er sich seinem Relevanzsystem annehmen. Bei einem herkunftsbedingten kulturellen Unterschied muss sogar ein doppelter Wechsel des Bezugsrahmens stattfinden, da erstens die fremde Sprache verstanden werden muss und zweitens kulturelle Rahmenbedingungen überwunden werden müssen.
4
vgl.
Bergold/Flick
1987, S.13
5 Vgl. Kallenbach 2006, S. 2
6 vgl. Christ 1994, S. 31
7 Vgl. ebenda, S. 32 f.
4
2.1.2 Fremdverstehen nach Alfred Schütz
Der aus Österreich stammende Soziologe Alfred Schütz, welcher als Begründer der phänomenologischen Soziologie 8 gilt, präzisiert die eingangs formulierte Sicht auf das Fremdverstehen und bezieht es auf die Kommunikation von Handelnden in den Sozialwissenschaften.
Nach Schütz wird bei dem Fremdverstehen die Perspektive eines Akteurs von dem Betrachter übernommen, indem sich dieser vorstellt, er hätte die gleichen Handlungsziele. In einem weiteren Schritt versucht der Betrachter die Handlungen des Akteurs so zu interpretieren, als hätte er sie selbst vollzogen. Dabei nimmt er an, dass seine Perspektive mit der des Akteurs übereinstimmt. Schütz schränkt diese Annahme mit seiner „Generalthesis des alter ego“ 9 insofern ein, dass er die Erlebnisströme von Betrachter und Akteur als nicht identisch ansieht. Sein eigenes Handeln erkennt der Betrachter als einen „kontinuierlichen Strom“ 10 , wohingegen das des Gegenüber als diskontinuierliche Bruchstücke aufgefasst werden. Schütz beschreibt seine Auffassung von Fremdverstehen, indem er es auf „Akten der Selbstauslegung des Verstehens“ 11 zurückführt. Dies lässt sich durch den Ansatz des amerikanischen Psychologen und Philosophen George Mead genauer erklären. In dem auf Mead zurückgehenden symbolischen Interaktionismus 12 übernimmt ein Betrachter die Haltungen eines anderen, indem er für sich die gleichen Reaktionen hervorruft, wie der andere. Bei Schütz kennt der Forscher die Alltagswelt seiner Forschungsperson nur segmentiert, auch dann wenn er beispielsweise in Person eines teilnehmenden Beobachters für eine gewisse Zeit in dieser Alltagswelt lebt. Dem Forscher ist es bei der Beobachtung von Handlungen eines Akteurs nur möglich den subjektiven Sinnzusammenhang dieser Handlungen ausschnitthaft zu erfassen. Diese einzelnen Segmente werden in der Folge zu einem einheitlichen Bild zusammengefasst, welches eine Idealisierung des Gemeinten darstellen soll. Der
8 eine Handlungstheorie. Sie bezeichnet eine am genauen Beobachten und intuitiven Zusammenfügen von sozialen Tatsachen orientierte Sozialwissenschaft, deren Untersuchungen weder von übergeordneten Theorien abgeleitet sind noch empirisch auf Datenerhebungen und Statistikzahlen beruhen (Lamprecht 2006)
9 Schütz zit. n. Miebach 2010, S. 143
10 Miebach 2010, S. 143
11 Schütz zit. n. Miebach 2010, S. 143
12 Er vertritt die Annahme, dass Menschen gegenüber sozialen Objekten, Situationen und Beziehungen auf der Grundlage von Bedeutungen handeln, die diese Dinge für sie besitzen. Die Bedeutung dieser Dinge entsteht durch einen Interaktionsprozess bzw. durch soziale Interaktion. Die Bedeutung wird von der Person in Auseinandersetzung mit diesen Dingen selbst interpretiert, entsprechend gehandhabt und gegebenenfalls geändert. (Vgl. Blumer 1973)
5
Arbeit zitieren:
Daniel Zäck, 2011, Kann methodisch kontrolliertes Fremdverstehen zu einer gelungenen Kommunikation beitragen?, München, GRIN Verlag GmbH
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