Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Brennpunkte der jüdischen Verfolgung - Pogrome in den deutschen
Besatzungsgebieten 7
2.1 Reichskommissariat Ostland - Antijüdische Maßnahmen in Kaunas und der
Sonderfalls Lettland 7
2.2 Der antisemitische Brandherd Lemberg - NKWD Morde als Auslöser für den
Pogrom 12
2.3 Jedwabne - Die Debatte um das Buch „Nachbarn“ von J.T. Gross und der daraus
resultierende polnisch-jüdische Konflikt vom 10. Juli 1941 bis zur Gegenwart 16
3. Die Spontanitätsfrage der drei Pogrome und der Gegenwartsbezug zum heutigen
Jedwabne - Die Einheimischen im Zwiespalt ihrer Generationen 19
Literaturverzeichnis 22
2
1. Einleitung
„Den Selbstreinigungsversuchen antikommunistischer oder antijüdischer Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten sind keine Hindernisse zu bereiten. Sie sind im Gegenteil, allerdings spurenlos, zu fördern, ohne das sich diese örtlichen „Selbstschutz“- Kreise später auf Anordnungen oder gegebene politische Zusicherung berufen können.“ 1 Nach dem die Operation „Barbarossa“ am 22. Juni 1941, nach Hitlers Vorstellungen als Vernichtungskrieg deklariert, gestartet war, traf man bereits einige Vorkehrungen innerhalb des Reichsicherheitshauptamt (RSHA) unter der Führung von Reinhardt Heydrich. Demnach, wie aus dem Zitat zu entnehmen ist, sollte kurz nach der Eroberung der neuen Gebiete mit der Vernichtung von hauptsächlich „rassisch minderwertig“ geltenden Juden, „Zigeuner“ und „Asoziale“, aber auch Kommunisten und Partisanen, begonnen werden. Speziell für diese Ermordung sollten die Einsatzgruppen, welche sich in Einsatz- und Sonderkommandos aufteilten, gegründet werden. Diese wurden schon nach dem Angriff auf Polen im Jahre 1939 im rückwärtigen Kampfgebiet für die Vernichtungsaktionen eingesetzt. Nach Heydrich sollten diese aber nur wenn nötig in die Vernichtungsaktionen eingreifen und wenn, dann nur zur Bewältigung von logistischen und organisatorischen Problemen. Die Vorstellung des RSHA war es, dass sich kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen flächendeckende Pogrome entwickeln und dabei der Großteil der „ethnischen Minderheiten“ bei den sogenannten „Selbstreinigungsaktionen“, wie es die Einsatzgruppen nannten, durch Beteiligung der zivilen Bevölkerung umkommen sollten. 2 Das sich diese Vorüberlegungen einfach planen ließen steht außer Frage, jedoch gab es bei der Umsetzung dieser Theorien in die Praxis, erhebliche Schwierigkeiten zu bewältigen. Auf die Gründe der Einsatzgruppen und den angesprochenen Schwierigkeiten wird dann im Hauptteil näher eingegangen.
Eine kurze Definition soll den Begriff „Pogrom“ erläutern. „Pogrome sind kurze, heftige Gewaltausbrüche einer Gemeinschaft gegen ihre jüdische Bevölkerungsgruppe.“ 3 Eine andere Definition besagt, „das Pogrome einseitige, kollektive Angriffe auf eine weitgehend
1 Reinhardt Heydrich an die HSSPF in den besetzten Ostgebieten über die Aufgaben der Sicherheitspolizei und des SD, 2. Juli 1941.
2 Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden. Bd.2. Frankfurt/Main 1990, S. 292-304.
3 Vgl. ebd., S. 324.
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wehrlose Gruppe sind.“ 4 Begleitende Effekte eines Pogroms sind Plünderung, Zerstörung, Misshandlung und Ermordung der betreffenden Personenkreise.
Pogrome breiten sich immer flächendeckend aus. Das heißt, dass es oft zu Folgepogromen in anderen Städten und Ländern kommt und diese nur episodisch auftreten, also eine relativ kurze Dauer haben. Charakteristisch dafür sind die Russlandpogrome von 1881-1883. In dieser Zeit ereigneten sich 259 antijüdische Pogrome. 5
Es ist eine enorme Menge von Literatur in den Bibliotheken zum Holocaust vorhanden. Schwierigkeiten bereitete es, den hauptsächlichen Holocaust, gemeint ist damit der organisierte Vernichtungsprozess durch Exekutionsmannschaften, Deportationen in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager, von den spontanen und nicht spontanen Aktionen, die sich als Pogrome in zahlreichen osteuropäischen Städten ab 1941 abspielten, heraus zu arbeiten. Auffällig bei der Recherche war, dass auf dem Gebiet der Pogromforschung, speziell zum Jahr 1941, sehr wenige bis gar keine Publikationen gab. Viele Historiker beließen es bei ein bis zwei Seiten mit der Beschreibung in ihren Werken. Bei einigen Städten war es schwierig, überhaupt eine Form der Beteiligung der einheimischen Bevölkerung auszumachen. Beispielsweise wurde bei der Stadt Riga in Lettland hauptsächlich Bezug auf das sich dort eingerichtete Ghetto und Konzentrationslager Riga-Kaiserwald genommen und weniger auf das sich dort ereignete Pogrom selbst. Jedoch sollten auch die Gründe genannt werden, warum speziell Lettland nicht in die hier zu bearbeitende Thematik passt.
Wie weit die Forschung mit der Aufarbeitung der Vergangenheit ist, zeigt das erst im Jahr 2000 erschienene Buch „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“ von Jan Tomasz Gross, einem US-amerikanischen Historiker polnisch-jüdischer Herkunft, der damit die Geschichtsschreibung des polnischen Dorfes richtig stellte. 6 Er deckte als erster Historiker die polnische Kollaboration und Mittäterschaft am Holocaust, bzw. am Massaker von Jedwabne auf. Sein Buch war Ausgangspunkt für zahlreiche weitere Forschungen, die neue Erkenntnisse hervorbrachten und alte, auf die sich Gross in seinem Buch stützte, revidiert. An dem Buch von ihm wurde deshalb immer wieder harsche Kritik geübt. Man warf ihm nach ausführlichen Untersuchungen zu Recht vor, dass er einige Tatsachen verwische und zu falschen Schlussfolgerungen gekommen war, welche später noch expliziert vorgestellt
4 Bergmann, Werner: Pogrome, in: Heitmeyer, Wilhelm/ Hagan, John (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden 2002, S. 442f.
5 Vgl. Bergmann, Werner: Pogrome, S. 455.
6 Gross, Jan Tomasz: Nachbarn: der Mord an den Juden von Jedwabne. München 2001.
4
werden. Interessante Onlineartikel waren auch im Internet zu finden. Der „Spiegel-Online“ und die „Zeit-Online“ setzten sich umfassend mit Jedwabne auseinander und beleuchten detailiert an Hand von Interviews mit Einheimischen das damalige Geschehen. Ebenso enthält das Transodra Online Archiv unter der Nummer 23 mehrere Artikel aus polnischen Zeitungen über das Geschehen von Jedwabne bereit, welche in das Deutsche übersetzt wurden. 7 Auf den Pogrom von Jedwabne und der daraus resultierenden Debatte wird der letzte Teil dieser Arbeit näher eingehen.
Die besten Quellen sind immer noch die Berichte der Überlebenden der Pogrome und des Holocaust. Auf deren Zeitzeugenberichte stützt sich der Großteil der Forschung. Aber auch Dokumente der Vernichtungsaktionen, wie beispielsweise der Stahlecker-Bericht, Bilder und Filme von Wehrmachtsangehörigen die die Pogromaktionen dokumentierten, geben aufschlussreiche Einblicke in die Gräueltaten, die sich im Jahre 1941 ereigneten. Die Literatur beinhaltet jedoch oft auch widersprüchliche Opferzahlen, die von einigen Forschern angeführt werden. Es handelt sich bei vielen Historikern, welche die ländlichen Ausschreitungen untersuchten, nur um ungefähre Schätzungen, da von dortigen Aktionen überwiegend keine Protokolle geführt wurden. Die deutschen Besatzer zählten die Pogromverbrechen nicht zu ihrem Aufgabenbereich, sondern schoben die Schuld auf die Bevölkerung. Immer neu auftretende Quellen revidieren manche Erkenntnisse, die sich schon über viele Jahre manifestiert haben. Das beste Beispiel ist das eben angedeutete Ereignis von Jedwabne, bei dem die komplette Geschichtsschreibung seit Ende 1945 verworfen wurde.
Diese Arbeit setzt den Fokus auf die Spontanität der einheimischen Bevölkerung sich an den Pogromen zu beteiligen und wie dieser Hass entstehen konnte. Entwickelten die Einheimischen ein eigenes antisemitisches Bewusstsein oder wurden die Pogrome durch die ortsansässigen deutschen Besatzer, speziell durch die Einsatzgruppen, initiiert? Welche Rolle spielten die Partisaneneinheiten die mit der deutschen Seite kollaborierten? Was waren eventuelle Motive der Menschen sich an den Pogromen zu beteiligen und nahm auch der historisch politische Hintergrund des jeweiligen Landes einen entscheidenden Einfluss? Interessant wird auch das Beispiel von Jedwabne sein, weil es doch das 20. Jahrhundert und
7 Henning, Ruth (Hrsg.): Die "Jedwabne-Debatte" in polnischen Zeitungen und Zeitschriften. < http://www.dpg-brandenburg.de/text/nr23.htm; 28.07.2011>
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die Mitschuld der Polen am Holocaust maßgeblich hervorbrachte. Wann kann man von Spontanität sprechen und welche Abgrenzungsmöglichkeiten gibt es?
Spontanität meint in diesem Sinn, dass die Bevölkerung von sich selbst heraus bereit war, an Pogromen teilzunehmen. In manchen Fällen musste jedoch ein gewisser „Anstoß“ gegeben werden. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion ereigneten sich im Jahre 1941 zahlreiche Pogrome, deshalb werde ich mich nur auf die bedeutendsten stützen, die sich in Kaunas (Litauen), Lemberg (Ostgalizien) und Jedwabne (Generalgouvernement) ereigneten. Das Pogrom von Riga in Lettland erhält dabei einen „Sonderstatus“, da bei diesem keine direkte Beteiligung der Bevölkerung stattfand. Deshalb wird es eine kurze Erläuterung geben, wie dieser „Sonderstatus“ zu Stande kam.
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Arbeit zitieren:
Tobias Noack, 2011, Pogrome im Jahre 1941, München, GRIN Verlag GmbH
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