Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Hauptteil 4
1. Die Verkleidung 4
2. Cross-dressing in der mittelalterlichen Literatur 8
2.1 Beispiele: Hugdietrich, Brautschwank und Herkules 8
2.2 Die Funktion der Verkleidung 10
3. Hintergründe der Venusepisode im Frauendienst 12
3.1 Geschlechtermodelle im Frauendienst 12
3.2 Die Venusfahrt als herrschaftliche Repräsentation 16
3.3 Gesellschaftskritik und Parodie 18
III. Fazit 22
IV. Bibliographie: 23
2
I. Einleitung
Ulrich von Liechtenstein, geboren zu Beginn des 13. Jahrhunderts, nimmt in der Literatur des Mittelalters eine besondere Stellung ein. Sein um 1250 entstandenes Werk, der „Frauendienst“, ist der erste Ich-Roman in deutscher Sprache und gilt als „einmaliges formales Experiment“. 1 Der epische Text umfasst 1850 Zeilen in den 58 Lieder, drei „Büchlein“ und sieben „Briefe“ eingebaut sind. Aber auch inhaltlich weist der Frauendienst einige Besonderheiten auf. Im Mittelpunkt steht der Protagonist, zugleich fiktiver Autor, dessen Leben als höfischer Minneritter mit all seinen Hoch- und Tiefpunkten geschildert wird. Er steht im Dienste seiner angebeteten, unerreichbaren Dame, wie es im hohen Minnesang, etwa bei Reimar dem Alten oder dem frühen Walther von der Vogelweide, häufig dargestellt ist. 2 Doch ist Ulrichs Dame im ersten Teil des Frauendienstes besonders anspruchsvoll. Trotz aufopfernder, kreativer und oft schmerzhafter Einfälle schafft er es nicht seine Dame zu überzeugen. Um seine Misserfolge auszugleichen hat er eine besonders ausgefallene Idee: „ich will in einer vrowen wis / durch si werben umbe pris“. 3 Zu Ehren seiner Minnedame organisiert Ulrich, als Liebesgöttin Venus verkleidet, eine Turnierfahrt über Kärnten, die Steiermark und Österreich bis Böhmen.
In der älteren Forschung wurde häufig diskutiert, ob der reale Ulrich von Liechtenstein tatsächlich eine solche Kostümfahrt unternommen hat. Obwohl der Realitätsgehalt der Venusfahrt heutzutage höchstem Maße angezweifelt wird, lässt sich nicht leugnen, dass durch reale geographische Bezeichnungen und historisch belegte Personennamen, ein solcher Gedanke vom Autor durchaus provoziert wird. Welche Motivation also hatte einer der prominentesten und einflussreichsten Ministerialen seiner Zeit, in gewisser Weise sich selbst, als Frau beziehungsweise Königin der Liebe verkleidet darzustellen? Um die Hintergründe der längsten Partie im „Frauendienst“ herauszuarbeiten, sollen zunächst die Darstellung und Vorgehensweise der Kostümierung untersucht werden. Im darauffolgenden Kapitel werden weitere Beispiele für cross-dressing in der
mittelalterlichen Literatur aufgezeigt und verglichen, bevor es im letzten Abschnitt zur näheren Interpretation der Venusfahrt, im Bezug auf Geschlechterrollen und Funktion des Motivs der Verkleidung kommt.
1 Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst, hg. von Franz Viktor Spechtler, S. 3
2 Ebd
3 FD, 458, 3 f.
3
II. Hauptteil
1. Die Verkleidung
Die Venusfahrt Ulrichs hat in der Rezeption des „Frauendienstes“ eine gewisse Vorrangstellung, sodass ihre Illustration sogar Eingang in die Miniatur des Codex Manesse gefunden hat. 4 Dort ist der reitende Ulrich von Liechtenstein abgebildet, auf dessen Helm sich eine rot gekleidete Königin Venus befindet, die mit Pfeil und Flamme ausgerüstet ist. Allerdings entspricht diese Illustration in keiner Weise der Beschreibung der Venusfahrt im „Frauendienst“. Die Venusdarstellung Ulrichs geht auf drei Traditionen der Venusvorstellung zurück: Die lateinische Venusfigur, Venus in der volkssprachigen Literatur und die Venusumzüge des Brauchtums im Mittelalter. 5 In der lateinischen Tradition besaß die Venusfigur oft neben der Vorstellung der Liebesgöttin auch politische Relevanz. So wurde sie zum Beispiel von Sulla, Pompeius und Caesar zu ihrer Glücksgöttin ernannt und galt als Ursache für ihren politischen Erfolg. 6 Aufgrund des prunkvollen und herrschaftlichen Auftretens Ulrichs als Königin Venus und die rapide Vergrößerung seiner Gefolgschaft während der Fahrt, werden dem Protagonisten teilweise repräsentative, also in einem gewissen Sinne politische Interessen bei der Veranstaltung seiner Fahrt nachgesagt, worauf in einem anderen Kapitel näher eingegangen wird. 7
In der volkssprachigen Literatur des Mittelalters herrschte die Vorstellung von zwei verschiedenen Venusfiguren: „einer positiven, die in Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung steht, und einer negativen, die ausschließlich auf fleischliche Begierde gerichtet ist.“ 8 Im Frauendienst erscheint nur das positive Bild der Venus, die sowohl „küneginne“, als auch „gotinne“ über die minne genannt wird. 9 Die freudige Reaktion des Publikums während der prunkvollen Züge der Venusfahrt kann als Rückbezug auf brauchtümliche Fruchtbarkeitsumzüge verstanden werden. 10 Doch trotz der Bezüge zu vorhandenen Traditionsmustern „schafft Ulrich dennoch durch die raffinierte Montage bereits bekannter Kultur- und Wissenselemente im Zusammenspiel
4 Codex Manesse, cpg 848, fol. 237r
5 Linden: Kundschafter der Kommunikation, S. 92
6 Ebd.
7 Vgl. Linden S. 112 ff., oder Mecklenburg: Ritter Venus und die Rückeroberung verlorenen Terrains
8 Ebd.
9 FD, Brief B, 1 f.
10 Linden, S. 93 f.
4
von Tradition und Innovation etwas Neues, das die Konventionalität durchbrechen und für die höfische Gesellschaft zum Faszinosum werden kann.“ 11
Bei der Verwandlung Ulrichs in die Königin Venus beginnt der Protagonist mit den äußerlichen Erscheinungsmerkmalen. Sehr ausführlich und genau beschreibt er sein Kostüm:
Seine Kleidung ist sehr kostbar und prunkvoll, wie es sich für eine Königin geziemt. Die Kleidung der adelig-höfischen Gesellschaft wird in der Literatur des 13. Jahrhunderts allgemein sehr luxuriös dargestellt. 13 Material, Farbe, Verzierung und Schnitt der Kleiderpracht waren ein Mittel sich von der übrigen Bevölkerungsschicht abzusetzen. Die ausführlichen Beschreibungen der Kostbaren Kleidungsstücke in der mittelalterlichen Literatur sind darauf zurückzuführen, dass die meisten Dichter im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung von adeligen Gönnern arbeiteten. Beim wohlhabenden und einflussreichen Ulrich von Liechtenstein ist dies allerdings auszuschließen. 14 Dennoch sind Ulrichs Kleiderbeschreibung, nicht nur in der Venus-Partie, sehr umfangreich und detailliert. Seine Intention ist es dabei die verpflichtende und anzustrebende Exklusivität des Adelsstandes aufzuzeigen. 15 Dabei fällt das Desinteresse an der nicht-höfischen Kleiderausstattung auf: Obwohl im Frauendienst Figuren aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten auftreten, werden diese kaum beschrieben. Außer wenn diese im Dienste der Repräsentation des Adels stehen, sowie die kostbar gekleidete Gefolgschaft Ulrichs bei der Venusfahrt. Die Wichtigkeit, die Ulrich dem Aspekt der Kleidung zuschreibt fällt auch an anderen Stellen auf. So empfiehlt er zum Beispiel seinen Standesgenossen ihre Damen mit
11 Ebd. S. 94
12 FD 473 ff.
13 Blaschitz: gechleidet wol nach ritters siten, S. 373
14 Ebd. S. 375
15 Ebd., S. 377
5
schönen Gewändern einzukleiden: Guot chleit den vrowen schone stat,/ ez ist min tumbes mannes rat,/ daz man si gern chleide wol,/ sit daz ein man sin guot wip sol/ reht haben als sin selbes lip.
Als Frau Venus trägt Ulrich ein weißes Kleid, dessen symbolische Bedeutung für Reinheit und Keuschheit steht, was wiederum die Minne selbst versinnbildlichen könnte. 16 Seine Gefolgschaft lässt er ebenfalls prächtig und in weiß einkleiden. Sogar seine ritterliche Ausstattung, wie Helm und Schild, soll weiß sein. Spiele mit der Farbsymbolik sind in der mittelalterlichen Dichtung ein beliebtes Mittel. Vor allem die Farbe weiß kommt in Verbindung mit der Minne besonders häufig vor. Zum Beispiel die Blutstropfen-Szene im Parzival: Als der Ritter drei Blutstropfen im Schnee erblickt wird er von der Minne überwältigt und fällt kurzzeitig in eine Art Trance-Zustand. 17 Ulrich bedeckt als Frau Venus sorgfältig seinen gesamten Körper, sodass nicht einmal mehr die Hände zu erkennen sind. Das Gesicht verhüllt er mit einer risen, bis nichts mehr zu sehen ist, als der ougen brechen 18 . Damit wird auf die Disziplinierung des weiblichen Blickes angespielt, welche eine Pflicht für das Benehmen von Frauen und Mädchen im höfischen Raum war. Das Senken des Blickes galt als generelles Merkmal des weiblichen Körpers und symbolisierte damit die Anerkennung der männlichen Vorherrschaft. 19 Ulrich von Liechtenstein ist also nicht nur darum bemüht äußerlich als Frau zu erscheinen, er versucht ebenso weibliches Benehmen zu imitieren. Ein weiteres Beispiel dafür ist der weibliche Gang:
Auffällig sind auch Ulrichs Bemühungen bei seinem Vorhaben unerkannt zu bleiben. Damit niemand seine Verkleidung bemerkt, gibt er zunächst vor als Pilger nach Rom zu reisen. Verbringt den Winter aber in Venedig, um sich dort die Kleider nähen zu lassen. Er weiht nur seinen Boten ein, der vor der Fahrt das Einverständnis der Dame einholt.
16 Moshövel: Ulrich von Liechtenstein - ein Transvestit? S. 365
17 Parzival, 282 ff.
18 FD 530, 1-4
19 Bennewitz (1999): Eine Dame namens Ulrich, S. 353
20 FD 945 f.
6
Arbeit zitieren:
2010, Verkleidung und Cross-Dressing in der mittelalterlichen Literatur am Beispiel der Venusfahrt Ulrichs von Liechtenstein, München, GRIN Verlag GmbH
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