Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Fr uhantisemitismus versus Toleranz: Das Reich zur Zeit der Aufkl arung 7
2.1 Der Alltag der Juden 7
2.1.1 Edikte und Politik bez uglich der Juden am Beispiel Preußens 7
2.1.2 Hofjuden 14
2.1.3 Das Verh altnis zur christlichen Bev olkerung 16
2.2 Verschw orungstheorien und Judenfeindlichkeiten 20
3 England und die Juden 23
3.1 Die ersten j udischen Gemeinden Englands in der Neuzeit 23
3.1.1 Die Wiederaufnahme von Juden unter Cromwell 23
3.1.2 Verschw orungstheorien im j udisch-christlichen Zusammenleben 25
3.2 Das Gesetz zur Einb urgerung der Juden 1753 28
4 Extreme Polemik in englischen und deutschen Schriften der Aufkl arung 34
4.1 Die Autoren und ihre Werke 34
4.1.1 Eisenmenger und das Entdeckte Judenthum“ 34
4.1.2 John Tutchin, Archaicus, B.B. und Britannia 39
4.2 Sprache und Paradigmen der Judenfeindlichkeit 41
4.3 Verschw orungstheorien: Inhalt, Ursache und Wirkung 47
5 Res umee 57
6 Quellen- und Literaturverzeichnis 69
6.1 Quellen zu deutschen Verschw orungstheorien und Antijudaismus 69
6.2 Englische Quellen zum Judenhass 69
6.3 Allgemeine Literatur zu Verschw orungstheorien und Hass gegen Minderheiten 70
6.4 Literatur zu Eisenmenger und den Juden im Reich 70
6.5 Literatur zur Situation der Juden in England 71
Erstellt mit L A T E Xund A M S
1 Einleitung
Das Ph¨ anomen der Verschw¨ orungstheorien, besonders gegen Juden gerichtet, tritt im Verlauf der Geschichte in bestimmten Epochen h¨ aufiger auf. Zum ersten Mal wird jedoch eine j¨ udische Weltverschw¨ orung von Johann Andreas Eisenmenger, einem deutschen Orientalisten, entwickelt. Sein Werk ” Entdecktes Judenthum“ ist dennoch bisher nicht unter dem
Gesichtspunkt der Verschw¨ orungstheorien untersucht worden. Da es von Nationalisten und Nationalsozialisten, die bekanntlich zahlreiche j¨ udische Verschw¨ orungen propagierten, intensiv rezipiert wurde, stellt sich die nicht unerhebliche Frage nach der Wirkung Eisenmengers Thesen sowie der Tradierung von antij¨ udischen Verschw¨ orungstheorien im Allgemeinen.
Um weitere interessante Aspekte einzubringen, soll ein Vergleich von Eisenmengers Werk mit den Schriften englischer Verschw¨ orungstheoretiker gewagt werden. Zwar sind Vergleiche nicht immer einfach zu bewerkstelligen oder werden mitunter mit dem Vorwurf der Belanglosigkeit bedacht. Die teils erstaunlichen Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen den englischen Autoren und Eisenmenger, sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Hinsicht, lassen jedoch sehr viel weitreichendere Schl¨ usse auf das Judenbild des 18. Jahrhunderts sowie das Nationalbewusstsein zu als es in einer Betrachtung nur einer einzelnen Schrift h¨ atte m¨ oglich sein k¨ onnen.
Die Beschr¨ ankung auf Eisenmenger (1700/1711) und die vier englischen Flugschriftenautoren Tutchin (1705), B.B. (1720), Britannia sowie Archaicus (beide 1753) r¨ uhrt daher, dass alle f¨ unf Autoren noch zum traditionell religi¨ os motivierten Antijudaismus tendieren und kaum modernere judenfeindliche Elemente beinhalten. Diese grunds¨ atzliche Gemeinsamkeit bildet eine gute Basis f¨ ur weitere Vergleiche. Da allerdings nicht nur die erste H¨ alfte des Jahrhunderts beleuchtet werden soll, werden auch die Judenfeindlichkeiten und eventuelle Verschw¨ orungstheorien aufgekl¨ arter Philosophen wie Kant und Fichte im Res¨ umee angesprochen. Bei der Recherche englischer Quellen ließ sich nur auf die Eighteenth Century Collections Online, einer Datenbank englischer Schriften des 18. Jahrhunderts zur¨ uckgreifen. Hierbei konnten die genannten vier Autoren als Verschw¨ orungstheoretiker ausfindig gemacht werden.
Eine erhebliche Erschwernis, ¨ uber die englischen Verfasser antij¨ udischer Schriften zu recherchieren, ergibt sich durch deren Pseudonyme und die Tatsache, dass ihre wahren Namen schlichtweg nicht bekannt sind. Allein John Tutchin ver¨ offentlichte sein Werk ” Englands
Happiness Consider’d, in some Expedients“ 1705 unter seinem richtigen Namen. ¨ Uber Le-
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ben und Motive von Archaicus, Britannia und B.B. kann man dagegen nur auf Grundlage ihrer Werke recht waghalsige Spekulationen anstellen. Dieser Versuch soll in der vorliegenden Arbeit nicht gewagt werden.
Wie bereits angedeutet, ist die Arbeit auf das 18. Jahrhundert konzentriert. Im Res¨ umee wird zwar ein kurzer Ausblick auf das 19. und 20. Jahrhundert, insbesondere in Hinsicht der Rezeption Eisenmengers geleistet. Dies steht jedoch aus R¨ ucksicht auf den beschr¨ ankten Rahmen bewusst nicht im Mittelpunkt der Arbeit. Stattdessen liegt der Schwerpunkt in der Epoche der Aufkl¨ arung, die ein erstaunliches Paradox aufweist. In der ¨ offentlichen Meinung wird die Aufkl¨ arung h¨ aufig in Verbindung mit wachsender Toleranz gegen¨ uber anderen Religionen gebracht. 1 Als Beispiel hierf¨ ur wird gern Lessings Schauspiel ” Nathan der Weise“
genannt. Viele aufgekl¨ arte Philosophen unterst¨ utzten den Ruf nach vermehrter Toleranz und Gleichbehandlung aller Einwohner jedoch nicht. Kant und Fichte geh¨ oren dabei zu den heftigsten und bekanntesten Kritikern des Judentums, was unter dem Titel ” Schattenseiten
der Aufkl¨ arung“ von Gudrun Hentges verdeutlicht wird.
Eisenmenger spielt dahingehend eine Sonderrolle. Seine Denkstrukturen und Argumentationsweisen sind noch sehr traditionell antijudaistisch. Dies bedeutet, dass er judenfeindlichen Vorurteilen anhing, die noch aus dem Mittelalter stammten und bis in die Gegenwart tradiert wurden, auch dass er religi¨ os argumentierte, w¨ ahrend bereits Kant einige Jahrzehnte sp¨ ater zus¨ atzlich philosophische und Fichte schließlich sogar politische Argumente gegen die Juden anf¨ uhrte. Letztere leiteten mit ihrer Art und Weise, Judenfeindschaft zu begr¨ unden, den Fr¨ uhantisemitismus ein und deuteten damit bereits auf den im 19. Jahrhundert aufkommenden Antisemitismus hin, der nicht nur politisch, sondern auch rassistisch gegen Juden gerichtet war. Ein Beispiel ist das Argument, Juden seien verantwortlich f¨ ur die Kreuzigung Jesu und damit Gottesm¨ order. In Eisenmengers Buch wird diese religi¨ os motivierte Anschuldigung wiederholt aufgegriffen und als Beweis f¨ ur den schlechten Charakter der Juden angef¨ uhrt. Bei Fichte und gerade bei den Nationalsozialisten ist es fast v¨ ollig aus der Liste der typischen judenfeindlichen Argumente verschwunden. Die Br¨ ucke zwischen traditionellem Antijudaismus und Fr¨ uhantisemitismus, beziehungsweise dem sp¨ ateren Antisemitismus, bildete daher Eisenmenger, dessen Verschw¨ orungstheorien als einzige Neuerung gegen¨ uber fr¨ uheren Schriften die Verbindung zu der sp¨ ateren Argumentationsweise der Antisemiten herstellten.
Die vorliegende Arbeit wird jedoch zun¨ achst mit einf¨ uhrenden Kapiteln ¨ uber die Situation
der Juden in England und dem Reich beginnen, bevor sie sich der Analyse der Quellen zuwendet. Im folgenden Kapitel soll das Heilige R¨ omische Reich Deutscher Nation zuerst unter dem Aspekt des j¨ udischen Alltags genauer betrachtet werden. Dies wird nochmals untergliedert in die Gesetzeslage, die Rolle der Hofjuden und das christlich-j¨ udische Verh¨ altnis. Insbesondere hinsichtlich der Judenedikte des 18. Jahrhunderts musste aufgrund der Viel-
1 Berghahn,S. 51.
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zahl an verschiedenen gesetzlichen Vorgaben unter den Obrigkeiten des Reichs eine Beschr¨ ankung vorgenommen werden. Im Mittelpunkt steht in diesem Kapitel Preußen, das als Beispiel f¨ ur Judenedikte geeignet schien, da der Grad der Diskriminierung hier vergleichbar mit anderen Regionen ist und es daher auch in der Literatur h¨ aufig exemplarisch angef¨ uhrt wird. Ohne zu sehr ins Detail juristischer und politischer Unterdr¨ uckung der Juden gehen zu m¨ ussen, lassen sich hieraus R¨ uckschl¨ usse auf die Lage der Juden im Gesamtreich ziehen, was f¨ ur den darauf folgenden zweiten Punkt nicht unerheblich ist. In diesem Unterkapitel soll die Rolle von Verschw¨ orungstheorien und Judenfeindlichkeiten im Allgemeinen untersucht werden. Durch das Wissen um die tats¨ achliche Lebenslage der Juden l¨ asst sich leicht die Unsinnigkeit von Verschw¨ orungstheorien und gewaltt¨ atigen Ausschreitungen belegen.
Im dritten Kapitel soll unter dem Titel ” England und die Juden“ das Leben britischer
Juden beschrieben werden. Um dies umfassend darstellen zu k¨ onnen, musste ein Schritt zur¨ uck ins 17. Jahrhundert gegangen werden. In einem kurzen Unterkapitel soll erkl¨ art werden, wie es 1655 nach jahrhundertelanger Abwesenheit j¨ udischen Lebens in England zur Grenz¨ offnung f¨ ur j¨ udische Einwanderer kam. ¨ Ahnlich wie f¨ ur das Reich sollen anschließend
auch Verschw¨ orungstheorien in den Blick genommen und die Frage beantwortet werden, inwiefern diese das christliche-j¨ udische Verh¨ altnis beeinflussen. In einem letzten Unterkapitel wird das Einb¨ urgerungsgesetz, die sogenannte ” Jew Bill“ von 1753 thematisiert, wor¨ uber
sich in England eine heftige Diskussion entfachte, in deren Rahmen auch Britannia und Archaicus ihre judenfeindlichen Schriften publizierten. Mit der Analyse dieser Debatte und den darin aufkommenden Verschw¨ orungstheorien, die zun¨ achst verbal in Zeitungen und Flugschriften ausgetragen wurde, entsteht bereits eine Grundlage f¨ ur das n¨ achste Kapitel, in dem die extreme Polemiken Eisenmengers sowie der englischen Autoren analysiert werden.
Dies erfolgt in drei Schritten: Zun¨ achst werden die Verfasser und ihre Schriften vorgestellt. Anschließend wird eine sprachliche Herangehensweise vorgestellt, in der sich den Judenfeindlichkeiten durch bestimmte, immer wiederkehrende Paradigmen und Phrasen gen¨ ahert wird. Im letzten Unterkapitel werden schlussendlich Ursachen, Inhalte und Wirkungen der in den Schriften kolportierten Verschw¨ orungstheorien im Fokus stehen und miteinander verglichen, bevor die Arbeit zu ihrem Res¨ umee gelangt. Darin wird neben einer kurzen Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse sowie der Rezeption von Verschw¨ orungstheorien die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden Englands und Deutschlands im Kontext von antij¨ udischen Verschw¨ orungstheorien des 18. Jahrhunderts aufgeworfen. An das Entdeckte Judenthum“ soll zudem die Frage gestellt werden, inwiefern es m¨ oglicherweise
”
bereits auf die Aufkl¨ arung hinweist oder moderne Tendenzen enth¨ alt und welche Beziehung Eisenmenger zu Kant und Fichte einnimmt. Außerdem spielt die Frage nach Sinn und Nutzen von Verschw¨ orungstheorien eine wichtige Rolle. Warum stellte man ¨ uberhaupt solche
absurden Theorien auf und betrieb den enormen Aufwand, diese durch waghalsige Argumente zu belegen? ¨ Uber die historische Betrachtung hinausgehend soll zum Abschluss die Aktualit¨ at und der Bezug zur Moderne der Schriften des 18. Jahrhunderts herausgearbeitet
5
werden. Dabei bilden eine Studie der Anti-Defamation League ¨ uber antisemitische Verschw¨ orungsvorstellungen heutzutage sowie ein Artikel des j¨ udischen Autors Leon de Winter in der Zeitung ” Die Zeit“ die Grundlage.
An Quellen wurden f¨ ur die Arbeit, außer den bereits genannten, die Schrift Christian Wilhelm Dohms ” Ueber die b¨ urgerliche Verbesserung der Juden“ sowie die Flugschrift ” Eisenmenger der Zweite“ des j¨ udischen Aufkl¨ arers Saul Ascher verwendet. Sowohl Quellen als auch Literatur sind im entsprechenden Verzeichnis am Ende der Arbeit der ¨ Ubersichtlichkeit halber jeweils unterteilt in Werke ¨ uber England und Deutschland sowie allgemeiner Literatur zu Judenhass und Verschw¨ orungstheorien.
Besonders wichtig f¨ ur die Erstellung der Arbeit erwiesen sich bez¨ uglich des Reichs die B¨ ucher und Aufs¨ atze Mordechai Breuers, Klaus Berghahns, Arno Herzigs, Albert Bruers sowie von Jacob Katz. Nicoline Hortzitz ist f¨ ur ihr Buch ¨ uber die Sprache der Judenfeindschaft, in dem auch das ” Entdeckte Judenthum“ zu den analysierten Schriften geh¨ ort, als Informationsgrundlage und Hilfestellung f¨ ur das Kapitel ¨ uber die antij¨ udischen Paradigmen
in den Schriften des Reichs und Englands hervorzuheben. Friedrich Niew¨ ohner legt mit seinem Aufsatz ¨ uber Eisenmengers Leben und Werk sehr wichtige Erkenntnisse der neueren Forschung vor.
Dar¨ uber hinaus muss die Rolle Endelmans betont werden, dem insgesamt drei Publikationen zu englischen Juden zu verdanken sind. F¨ ur die Betrachtung des Einb¨ urgerungsgesetzes und seiner Auswirkungen zeigten sich die Aufs¨ atze von Dana Rabin und G.A. Cranfield am wertvollsten, wobei Cranfields Aufsatz besonders hervorzuheben ist, da nur hier die Medienkampagne gegen das Einb¨ urgerungsgesetz derart ausf¨ uhrlich analysiert wird.
Im Hinblick auf die Frage nach der Wirkung Eisenmengers auf nationalistische Ideologien konnte leider nicht auf die Ver¨ offentlichungen der Rezeptoren August Rohling und Julius Streicher zur¨ uck gegriffen werden, da sowohl ” Der Talmudjude“ als auch eine Sammlung der Ausgaben der nationalsozialistischen Zeitung ” Der St¨ urmer“ nicht zur Verf¨ ugung standen. Zudem bildet diese Fragestellung, obwohl sie sehr interessant ist, aus Gr¨ unden der eingeschr¨ ankten Seitenzahl keinen Schwerpunkt der Arbeit.
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2 Fr¨ uhantisemitismus versus Toleranz: Das Reich zur Zeit der Aufkl¨ arung
2 Fr¨ uhantisemitismus versus Toleranz: Das
Reich zur Zeit der Aufkl¨ arung
2.1 Der Alltag der Juden
2.1.1 Edikte und Politik bez¨ uglich der Juden am Beispiel Preußens
Im 18. Jahrhundert lebten die Juden vielerorts noch unter Bedingungen, die von heftiger Feindschaft der ¨ ubrigen Bev¨ olkerung gepr¨ agt wurden. Ihre Duldung in einem Ort des in viele Gebiete zersplitterten Reich hing seit dem Westf¨ alischen Frieden v¨ ollig vom Wohlwollen des jeweiligen Landesherrn ab. 2 Dieser konnte sie nach Belieben f¨ ur eine bestimmte
Zeit aufnehmen und sie wieder vertreiben lassen, wenn sie seine Politik behinderten. Jedoch stellten sich die Juden schon im Mittelalter als eine nicht zu untersch¨ atzende Einnahmequelle f¨ ur Kaiser und F¨ ursten heraus, indem man ihnen Steuern und Z¨ olle auferlegte und sie im Gegenzug vor ¨ Ubergriffen der Bev¨ olkerung versprach zu sch¨ utzen. Diese Praxis setzte sich auch in der Fr¨ uhen Neuzeit unter den absolutistischen Herrschern mit dem merkantilistischen Wirtschaftssystem fort. 3 Sie versuchten dabei in erster Linie, von der Finanz-
und Wirtschaftskraft der Juden dahingehend zu profitieren, dass der Handel, die Staatseinnahmen und die Bev¨ olkerungszahl einen Aufschwung erlebten. 4 Gleichzeitig schr¨ ankten sie
die Juden ¨ okonomisch wie religi¨ os stark ein, da sich traditionelle Vorurteile sowohl in der einfachen Bev¨ olkerung als auch im Adel erhalten hatten.
Die Juden lebten daher stets zum Einen unter der fiskalischen Ausbeutung und dem gesellschaftlichen Druck der diskriminierenden Edikte gegen sie und zum Anderen mit dem Bewusstsein, dass sie jeden Tag vertrieben werden konnten. 5 Aus Sicht des Landesherrn
spielten im R¨ uckschluss dazu in seinem Umgang mit den Juden in erster Linie zwei Kriterien eine Rolle: Erstens sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Juden auf die Staatskasse sowie auf die ¨ okonomische Situation der Christen entscheidend. Zweitens gewinnen auch religi¨ ose Aspekte im christlich-j¨ udischen Zusammenleben vor dem Hintergrund religi¨ oser Vorurteile an Bedeutung, welche im 18. Jahrhundert durch ¨ Uberlieferung aus dem
2 Herzig, S. 114.
3 Berghahn, S. 24.
4 Breuer, S. 106.
5 Berghahn, S. 23ff.
7
Mittelalter noch sehr verbreitet waren. So war man bestrebt, die Aus¨ ubung der j¨ udischen Religion auf ein Minimum zu beschr¨ anken und ihnen nie die gleichen Rechte wie Christen einzur¨ aumen. 6
Der Große Kurf¨ urst Friedrich Wilhelm I. von Preußen erlaubte 1670 die Ansiedlung von 50 der aus Wien vertriebenen j¨ udischen Familien. Aus diesem kleinen Kreis entstand schon nach wenigen Jahrzehnten in Berlin die gr¨ oßte j¨ udische Gemeinde im Reich. 7 Um als soge-
nannter Schutzjude in Preußen Aufnahme zu finden, musste ein Verm¨ ogen von ¨ uber 10.000
Talern vorliegen. Dies konnten von den drei bis viertausend Vertriebenen gerade einmal 50 Juden vorweisen, die dann mit ihrer Familie aufgenommen wurden. Hieran wird sogleich deutlich, dass der Kurf¨ urst die Juden nicht aus reiner Großherzigkeit aufnahm, sondern allein, um von ihrem Reichtum zu profitieren. Das Leben der Juden in Preußen, aber auch an anderen Orten im Reich, war, bis zur Zunahme von Toleranzedikten um 1800, gepr¨ agt von Diskriminierungen und Feindseligkeit, hohen Abgaben und Ausbeutung sowie religi¨ osen Einschr¨ ankungen. Beispielsweise war ihnen in Preußen sowohl Wucher als auch das Feiern eines Gottesdienstes sowie die Einrichtung einer Synagoge untersagt. 8 Parallel
zum finanziellen Nutzen, den die Juden f¨ ur Preußen mit sich brachten, hoffte der Große Kurf¨ urst gleichermaßen darauf, einen Teil der j¨ udischen Bev¨ olkerung zum Christentum zu ublichen Ziel seiner Zeit im Umgang mit Juden gerecht. 9 bekehren und wird somit einem ¨
Sowohl sp¨ atere preußische Monarchen als auch andere F¨ ursten, Philosophen, Schriftsteller und Gelehrte hegten h¨ aufig die Hoffnung auf eine erfolgreiche Missionierung der Juden. 10
Die Protestanten, unter denen der Calvinist Friedrich Wilhelm als radikaler gilt als die Lutheraner, betrieben vielfach Missionsbem¨ uhungen. Unter Katholiken war die Angst, von Juden bekehrt oder im eigenen Glauben beeintr¨ achtigt zu werden nicht ganz so weit verbreitet, doch auch sie schr¨ ankten die Aus¨ ubung des j¨ udischen Glaubens ein. 11 Die schwersten
Ausbr¨ uche von Judenhass sind allerdings bei Protestanten, wie zum Beispiel Eisenmenger, zu beobachten. 12
Gleichwohl gab sich der Große Kurf¨ urst sehr tolerant gegen¨ uber Juden und bot ihnen bessere und freiere Lebensbedingungen als andere F¨ ursten. Mit seiner Auffassung, dass die wirtschaftlichen Aktivit¨ aten der Juden f¨ ur das Land mehr Nutzen als Schaden br¨ achten, stand er jedoch oft alleine. Sowohl im Adel als auch in der Bev¨ olkerung, dem Klerus und unter Intellektuellen war vielmehr die Ansicht verbreitet, dass die Juden illegale Mittel anwendeten, betr¨ ogen und eine große wirtschaftliche Konkurrenz f¨ ur die christliche Bev¨ olkerung seien. 13 Vor allem ihre ausgreifende wirtschaftliche T¨ atigkeit als H¨ andler und Geldverleiher
6 Herzig, S. 114.
7 Bruer, S. 47.
8 Bruer, S. 48.
9 Breuer, S. 104.
10 Siehe S. 19.
11 Herzig, S. 117.
12 Siehe S. 34.
13 Breuer, S. 105.
8
geriet zunehmend mit den Interessen der christlichen Kaufleute und Handwerker sowie der Wirtschaftspolitik in Konflikt, auf deren Druck hin die Nachfolger Friedrich Wilhelms die Juden in ihrer Berufsaus¨ ubung aufs Neue einschr¨ ankten. 14
Das Gros der Juden war aufgrund ihres zu geringen Verm¨ ogens nicht in der Lage, den Schutzbrief des Kurf¨ ursten beziehungsweise sp¨ ater des K¨ onigs zu erwerben. 1750 lebten in Berlin nur 321 Juden mit einem Schutzbrief. Die restlichen der 802 Erwerbst¨ atigen lebten als Bedienstete und Angestellte der reichen und mittelst¨ andischen Juden. Fast 65 Prozent der Gemeinde hatten M¨ uhe, sich zu ern¨ ahren und lebten als Bettler und Hausierer, die von Haus zu Haus zogen. Nur 26 Prozent z¨ ahlten zum Mittelstand und neun Prozent geh¨ orten der reichen Elite an. 15 Die verbreitete ¨ Uberzeugung vom allgegenw¨ artigen Reichtum der Juden, der den der Christen bei weitem ¨ ubertr¨ afe, sollte bereits mithilfe dieser Zahlen ausreichend
widerlegt sein. Dies wird von Quellen aus der zweiten H¨ alfte des 18. Jahrhunderts, wie der ¨ proj¨ udischen Schrift ” Uber die b¨ urgerliche Verbesserung der Juden“ von Christian Wilhelm Dohm, untermauert:
Eine große Menge Juden findet daher die Thore aller St¨ adte f¨ ur sich verschlos-
”
sen, wird von allen Gr¨ anzen unmenschlich abgewiesen, und ihr bleibt nichts ubrig, als zu verhungern - oder durch Verbrechen dem Hunger zu wehren.“ 16
¨
Viele f¨ ur Christen selbstverst¨ andliche und allt¨ agliche Annehmlichkeiten kosteten Juden zudem zus¨ atzlich Geld, andere waren ihnen komplett verwehrt, wie zum Beispiel die Berufsfreiheit. Hierin unterschied sich Preußen nicht in besonderer Weise von anderen F¨ urstent¨ umern, die Juden ebenfalls wegen ihres Verm¨ ogens aufnahmen. Schon allein die Grundvoraussetzung, um legal und anerkannt in Preußen leben zu k¨ onnen, die offizielle Duldung, kostete unter Kurf¨ urst Friedrich Wilhelm acht Taler pro Familie und Jahr, wobei der Preis st¨ andig erh¨ oht wurde. 17 Zudem wurden unter ihm, aber mehr noch unter seinen Nachfolgern, viele
weitere Steuern eingef¨ uhrt, welche die Juden mit großen Summen belasteten. Das Diagramm uber die Abgaben an Warensteuer der Juden im Verh¨ altnis zur Akzise der gesamten Stadt ¨
Berlin veranschaulicht, wie groß der j¨ udische Anteil am Wirtschaftswachstum Berlins war. In den wenigen Jahren von 1696 bis 1705, die in Abbildung 2.1 dargestellt werden, stiegen die Abgaben der Juden prozentual gemessen an den Gesamteinnahmen an Warensteuer der Stadt Berlin von gut zehn auf fast 70 Prozent, obwohl sich noch bis 1740 weniger als ein Prozent der Einwohnerschaft Berlins zum Judentum bekannte. 18 Dies belegt eindrucksvoll,
dass die Juden, auch wenn sie st¨ arker besteuert wurden, wirtschaftlich weitaus produktiver ubrige Bev¨ olkerung Berlins. 19 Daraus k¨ onnte man schluss-und erfolgreicher waren als die ¨
14 Herzig, S. 115.
15 Bruer, S. 53.
16 Dohm, Teil 1, S. 6f.
17 Berghahn, S. 25.
18 Bruer, S. 51.
19 Berghahn, S. 28.
9
folgern, dass die Juden m¨ oglicherweise doch reicher waren als die christliche Bev¨ olkerung. Bedacht werden muss aber auch, dass in diese Rechnung die große Zahl an armen Juden nicht einfloss, da sie nicht rechtm¨ aßig in Preußen leben durften. Nur die wenigen geduldeten Schutzjuden waren sicher wohlhabender als viele Christen, wobei nie außer Acht gelassen werden darf, dass die Mehrheit der Juden unter sehr viel schlechteren Umst¨ anden lebte und die generalisierende Behauptung vom Reichtum der Juden aus diesem Grund nicht zutrifft.
Gerade außerordentliche St¨ arke und Fleiß im wirtschaftlichen Bereich f¨ uhrte jedoch zu der Erhebung noch h¨ oherer Abgaben. Auch den preußischen K¨ onigen ging es wie dem Großen Kurf¨ urst zun¨ achst um die fiskalische Ausbeutung, dann als langfristigeres Ziel um die Bekehrung der Juden. 20 Kurf¨ urst Friedrich III. (1688-1713, ab 1701 K¨ onig Friedrich I.), K¨ onig
Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) und Friedrich II. (1740-1786), die Preußen zu einer Großmacht ausbauten, ben¨ otigten f¨ ur ihre Armeen und ihre Hofhaltung mehr Geld als der Große Kurf¨ urst. Daher griffen sie auf die finanzstarken Juden zur¨ uck, die ihnen ab etwa 1700 verschiedene Steuern schuldig waren. 21
1701 mussten die 113 j¨ udischen Familien in Berlin allein schon 5000 Reichstaler aufbringen, um Schutzgelder zu bezahlen, ohne die ein dauerhafter Aufenthalt nicht m¨ oglich gewesen
20 Breuer, S. 105.
21 Bruer, S. 49.
10
w¨ are. 22 Dies entspricht etwa 44 Taler pro Familie. Die ersten j¨ udischen Familien in Berlin mussten 1671 dagegen nur acht Taler im Jahr zahlen. 23 In den Folgejahren des 18. Jahrhunderts stieg der Betrag kontinuierlich an bis auf 25.000 Taler im Jahr 1768. 24 Zu
dieser Grundvoraussetzung f¨ ur ein Leben in Berlin musste die j¨ udische Gemeinde ab 1700 zus¨ atzlich das sogenannte ” Rekrutengeld“ von 4800 Talern aufbringen. Die Berechtigung
zur Erhebung eines solchen leitete sich aus der angenommenen Knechtschaft und Wehruntauglichkeit der Juden ab. Wie selbstverst¨ andlich gingen weltliche wie kirchliche Herrscher davon aus, dass die unfreien Juden den Christen auf ewig zum Dienst verpflichtet seien, da sie Christus nicht als den Messias erkannt h¨ atten. Als Knechte und Schutzbed¨ urftige besaßen sie kein Waffenrecht und waren vom Armeedienst von vornherein ausgeschlossen. Daher schien es nur gerecht, wenn sie daf¨ ur einen Obolus in die Staatskasse zahlen mussten. Im Gegensatz zum vorherigen System waren die Abgaben der Juden keine Zusatzeinnahme f¨ ur die Privatkasse des F¨ ursten, sondern wurden in den Staatshaushalt mit einbezogen. 25
Außer dem Geld f¨ ur den Aufbau und den Unterhalt einer Armee, das Bruer pro Jahr seit 1700 auf insgesamt 30360 Taler Werbungskosten f¨ ur Soldaten und 55068 Taler f¨ ur den Unterhalt der Armee berechnet, 26 musste die Gemeinde 1000 Dukaten allein f¨ ur ihr Dasein zahlen,
700 Taler bei Geburten und Hochzeiten, Stempelgeld f¨ ur die Ausstellung von Urkunden, 100 Taler f¨ ur die Gr¨ undung eines neuen Haushalts und zus¨ atzlich Sonderabgaben bei bestimmten Ereignissen, wie Feueralarm, der Wahl des Gemeinderats und der Hochzeitserlaubnis. Zudem schr¨ ankte Friedrich I. die Juden auch wirtschaftlich und religi¨ os wieder st¨ arker ein als sein Vorg¨ anger. Bei der ¨ Uberquerung einer Grenze sowohl in Preußen als auch im gesamten
Reich musste jeder Jude einen Leibzoll entrichten, was mit der Behandlung einer beliebigen Handelsware oder eines Tiers gleichzusetzen ist. 27 Noch diskriminierender wurde die Lage unter Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich II. 28 Ersterer kolportierte nach seinen
toleranteren Vorg¨ angern wieder bekannte Vorurteile und Verschw¨ orungstheorien ¨ uber die
Juden und hegte aus diesem Grund offenbar einen so großen Hass gegen sie, dass er seinem Sohn und Nachfolger riet, alle Juden zu vertreiben. 29 Sowohl er selbst als auch Friedrich
II. sahen jedoch offensichtlich ein, dass eine Vertreibung der gesamten Judenschaft angesichts ihres Beitrags an Steuerzahlungen und dem eigenen hohen Geldbedarf nicht infrage k¨ ame. Stattdessen erließen beide noch strengere Gesetze, um das vermeintlich b¨ osartige Treiben der Juden zu verhindern beziehungsweise weiter einzuschr¨ anken, und legten der j¨ udischen Gemeinde noch h¨ ohere Steuern auf. Im Generalprivilegium Friedrich Wilhelm I. von 1730 wird die Zahl der j¨ udischen Familien in Berlin exakt auf 100 festgelegt. Obwohl
22 Herzig, S. 119.
23 Berghahn, S. 24.
24 Berghahn, S. 25.
25 Berghahn, S. 27.
26 Bruer, S. 49f.
27 Breuer, S. 137.
28 Berghahn, S. 27.
29 Herzig, S. 119.
11
1737 120 Familien und 250 Bediensteten der Aufenthalt in Berlin gestattet wurde, mussten 387 Familien ausgewiesen werden. 30 Mit ihrer Gesetzgebung entsprachen sie den Forderun-
gen Eisenmengers und anderer Antijudaisten, deren L¨ osungsvorschl¨ age vorsahen, die Juden Ubertritt zum Christentum zu bewegen. 31 durch strengere Gesetze zum ¨
Ausgerechnet Friedrich II., dessen Behauptung, in Preußen k¨ onne jeder nach seiner Fasson gl¨ ucklich werden, oft zitiert wird, zeigte sich gegen¨ uber den Juden trotz seiner aufgekl¨ arten Ansichten ausgesprochen intolerant. Er unterst¨ utzte zwar die Aufnahme von ausl¨ andischen Protestanten als vollwertige B¨ urger, die Juden als Nichtchristen kamen jedoch nicht in diesen Genuss. 32 Vielmehr erfuhren sie mit dem strengsten aller bisherigen preußischen Judene-
dikte noch heftigere Diskriminierungen. So erlaubte er beispielsweise nur Hochzeiten von reichen Juden und f¨ uhrte eine Hierarchie der Judenschaft ein, indem er zwischen ordentlichen und außerordentlichen Schutzjuden unterschied. Letztere erhielten den Schutzbrief nur auf Lebenszeit, ihre Kinder mussten Preußen mit Erreichen der Vollj¨ ahrigkeit also verlassen, w¨ ahrend ein ordentlicher Schutzjude seinen Schutzbrief auf zumindest einen Sohn ubertragen lassen konnte. 33 Die Masse der Juden besaß jedoch keine offizielle Aufenthalts-
¨
genehmigung und war nur als Bedienstete der reichen Familien geduldet. In der Hierarchie noch unter diesen befanden sich die j¨ udischen Bettler und Hausierer ohne festen Wohnsitz, die oft bereits von den Grenzposten abgewiesen wurden. 34 Mithilfe dieser rigiden Rangun-
terscheidungen versuchte man, ein Wachstum der Gemeinde und die Aufnahme von mittellosen Juden zu unterbinden. Erst nach dem Siebenj¨ ahrigen Krieg gelang es der j¨ udischen Gemeinde schließlich, das Recht zu erkaufen, wenigstens ein zweites Kind in den Schutzbrief mit aufnehmen zu d¨ urfen. 35 Dieses Beispiel veranschaulicht die preußische Judenpolitik, die
st¨ andig zwischen zwei Extremen steht, besonders gut. Auf der einen Seite ist selbst das Herrscherhaus von Vorurteilen, Hass und auch Verschw¨ orungstheorien gegen die Juden gepr¨ agt, auf der anderen Seite sind die F¨ ursten aber dringend auf die hohen Steuerzahlungen der Juden angewiesen. In diesem Spannungsfeld widersprechen sich die Edikte bez¨ uglich des Umgangs mit den Juden h¨ aufig und verm¨ ogen keine stringente Durchsetzung zu vollziehen. So konterkariert unter anderem die Tatsache von 203 j¨ udischen Familien in Berlin im Jahr 1750 das Edikt Friedrichs II., welches eigentlich nur 120 Familien erlaubte. 36 Dem
Misstrauen des Staats gegen¨ uber den j¨ udischen Gemeinden traten in der zweiten H¨ alfte des 18. Jahrhunderts mit Beginn der Aufkl¨ arung einige Verfechter der j¨ udischen Emanzipation entgegen. Christian Wilhelm Dohm, preußischer Diplomat und Jurist, war ein Freund des j¨ udischen Philosophen Moses Mendelssohn und einer der bekanntesten christlichen Ver-
30 Herzig,S. 120.
31 Siehe S.34.
32 Berghahn, S. 25.
33 Berghahn, S. 32.
34 Herzig, S. 133.
35 Berghahn, S. 32.
36 Berghahn, S. 32.
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fechter der j¨ udischen Emanzipation. 37 In seiner zweiteiligen Schrift ” Ueber die b¨ urgerliche
Verbesserung der Juden“, die 1781, beziehungsweise 1783, ver¨ offentlicht wurde und die er auf die Bitte Moses Mendelssohns hin gegen die Judenpolitik der Obrigkeiten verfasst hatte, tritt er f¨ ur die rechtliche und soziale Gleichberechtigung der Juden ein. Im folgenden Absatz nimmt er die Juden in Schutz und hebt ihre positiven Eigenschaften hervor, aus denen der Staat ohne Diskriminierungen gr¨ oßeren Nutzen ziehen k¨ onnte.
Fast nie hat man ein Beyspiel einer von einem Juden begangenen Verr¨ atherey
”
oder Vergehung wider den Staat bemerkt. Sie sind fast allenthalben dem Staate, in dem sie leben, wenn sie nur nicht gar zu sehr gedr¨ uckt werden, ergeben, und sie haben oft in Gefahren einen Eifer bewiesen, den man von so wenig beg¨ unstigten Gliedern der Gesellschaft nicht erwarten sollte.“ 38
Mendelssohn hoffte wohl, dass Dohm als Christ einer proj¨ udischen Schrift und damit den Juden selbst mehr Glaubw¨ urdigkeit mitgeben konnte als ein j¨ udischer Verfasser. Damit hatte er sicherlich Recht, f¨ uhrte doch die Publikation dazu, dass man sich unter Gelehrten zum ersten Mal mit der Problematik auseinandersetzte und sie damit in gewisser Hinsicht den Beginn der j¨ udischen Emanzipation markierte. 39 Die antij¨ udische Politik Preußens fin-
det sich trotz der Ver¨ offentlichung solcher aufgekl¨ arten Gegenpositionen in ¨ ahnlicher Art in vielen anderen absolutistischen F¨ urstent¨ umern des 18. Jahrhunderts und kann somit als Beispiel f¨ ur die scheinbar aufgekl¨ arte Politik der Monarchen im Reich gelten, welche dennoch von Intoleranz und Diskriminierung gegen eine fremde, bedrohlich wirkende Religion durchsetzt ist. 40 Das fortschrittlichste und toleranteste Judenedikt des 18. Jahrhundert war
wohl das Toleranzedikt Kaiser Josephs II. von 1782, das f¨ ur Wien und Nieder¨ osterreich galt und f¨ ur das der Kaiser von vielen Aufkl¨ arern und Philosophen hoch gelobt wurde. Dennoch kommt darin zum Ausdruck, dass es ausschließlich der Staatsr¨ ason und der Annahme entsprang, dass Juden n¨ utzlichere B¨ urger sein k¨ onnen, wenn sie weniger eingeschr¨ ankt w¨ aren. 41 Zudem ist die darin propagierte Toleranz eher relativ zu sehen. Viele Restriktio-
nen blieben bestehen, womit die Lage sich letztendlich nur in einigen Punkten von jener der preußischen Juden unterschied. 42 ¨ Ahnlich offenbarten sich Edikte in anderen Regionen nur
als vordergr¨ undig tolerant. In Wirklichkeit galten sie entweder nur f¨ ur die wohlhabenden Juden, unterwarfen die j¨ udischen Gemeinden neuen Diskriminierungen oder ¨ ubernahmen
vorhergehende Restriktionen. Den Gegnern der Assimilation und Integration unter den Juden waren die Toleranzedikte auch durchaus nicht vollst¨ andig willkommen. Sowohl Joseph II. 1782 als auch Napoleon 1796 forderten in ihren Gesetzen die Anpassung der Juden an den christlichen Lebensalltag. Die Aufgabe bestimmter kultureller und religi¨ oser Br¨ auche
37 Berghahn, S. 96.
38 Dohm, Teil 1, S. 103f.
39 Bruer, S. 55.
40 Breuer, S. 132ff.
41 Berghahn, S. 36.
42 Berghahn, S. 38.
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und Elemente fiel besonders den orthodoxen Juden aus Osteuropa sehr schwer, w¨ ahrend Anh¨ anger der Haskala, der j¨ udischen Aufkl¨ arungsbewegung, wie Moses Mendelssohn, es f¨ ur guthießen, dass die christlichen Gesetze nun offiziell auch f¨ ur Juden galten oder Juden die deutsche Sprache erlernen mussten. 43 Das Jahrhundert der Aufkl¨ arung zeigt sich damit
auch an seinem Ende politisch wie gesellschaftlich nicht als tolerant gegen¨ uber Juden.
2.1.2 Hofjuden
In der Hierarchie der Juden, die sich an Reichtum und Ansehen orientierte, standen die sogenannten ” Hofjuden“ an oberster Stelle. Sie besaßen nicht nur ein stattliches Verm¨ ogen, sondern verf¨ ugten als direkte und zum Teil sehr enge Berater des K¨ onigs auch ¨ uber erheblichen politischen Einfluss. 44 Zwar sind auch f¨ ur das Sp¨ atmittelalter j¨ udische Bankiers im
Dienst von K¨ onigen und F¨ ursten belegt, mit Beginn des Absolutismus und Merkantilismus gewannen sie jedoch eine neue Bedeutung. Die Herrscher waren nun viel dringender auf das Geld und die Unterst¨ utzung j¨ udischer Gesch¨ aftsleute angewiesen, um das Land nach dem Dreißigj¨ ahrigen Krieg wieder aufzubauen, sich große Pal¨ aste und eine teure Hofhaltung zu leisten und gleichzeitig die Wirtschaftskraft zu st¨ arken. 45 Als Hoffaktoren zeichneten
Hofjuden h¨ aufig f¨ ur die Finanzierung politischer Projekte des F¨ ursten verantwortlich und verwalteten die Finanzen des Hofs. Zudem umfasste ihr T¨ atigkeitsspektrum die Lieferung von Waffen und Luxusg¨ utern, Subsidiengesch¨ afte mit anderen Regierungen und diplomatische Auftr¨ age. Viele avancierten mit der Zeit durch dieses breit gef¨ acherte Aufgabengebiet zum h¨ ochsten f¨ urstlichen Ratgeber in s¨ amtlichen politischen und wirtschaftlichen Fragen. 46
Gleichzeitig bet¨ atigten sie sich selbst als Unternehmer, gr¨ undeten Manufakturen und Banken und kauften Monopole, womit sie als Wegbereiter des modernen Kapitalismus gelten k¨ onnen. 47
Der typische Hofjude zeichnete sich durch eigenen Reichtum, ¨ okonomisches Verst¨ andnis und außerordentliche unternehmerische F¨ ahigkeiten aus. H¨ aufig gelangte er durch Waffenlieferungen an einen F¨ ursten in dessen Dienste, wobei es auch vorkam, dass ein Jude f¨ ur mehrere F¨ ursten arbeitete. 48 Durch ein weites Netz an Beziehungen zu einflussreichen Perso-
nen, H¨ andlern und Bankiers, von denen viele ebenfalls dem Judentum anhingen, konnte der Hofjude an Waren und Kredite gelangen, die ein christlicher Kaufmann nie erhalten h¨ atte. Die Juden waren die einzige Personengruppe im Reich, die ¨ uber die Voraussetzungen f¨ ur die
Aus¨ ubung der Arbeit als Hoffaktor und Berater des F¨ ursten verf¨ ugten. Sie lebten verstreut in s¨ amtlichen L¨ andern Europas, hielten zusammen und pflegten vor allem durch Eheschlie-
43 Berghahn,S. 39ff.
44 Breuer, S. 107ff.
45 Breuer, S. 106f.
46 Ries, S. 33.
47 Herzig, S. 135.
48 Breuer, S. 107.
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ßungen Kontakte untereinander. 49 Sie waren gesch¨ aftst¨ uchtig und wirtschaftlich erfolgreich, wobei sich ihnen hierbei ihre Beziehungen als n¨ utzlich erwiesen. 50 Sie waren per Gesetz auf
wenige Berufe festgelegt, unter anderem auf Geldgesch¨ afte und kaufm¨ annische Berufe und hatten sich hierin eine hohe Professionalit¨ at erworben. ¨ Uber alle diese Eigenschaften hinaus
nutzte den F¨ ursten vor allem die Abh¨ angigkeit der Juden von ihrem Wohlwollen. 51 Nicht
selten ließen sich Hofjuden auf Befehl ihres Herrn auf riskante, undurchsichtige und bis hin zur Illegalit¨ at reichenden Gesch¨ afte ein. Ein Beispiel hierf¨ ur sind Bestechungen sowie M¨ unzmanipulationen, indem Hofjuden vollwertige M¨ unzen mit M¨ unzen, deren Silbergehalt verringert worden war, aufkauften. Dies f¨ uhrte zu einer ¨ Uberschwemmung des Markts mit
geringwertigen M¨ unzen, Preissteigerungen und selbstverst¨ andlich zu einem gewinnbringenden Gesch¨ aft des F¨ ursten. Christen h¨ atten einen solchen Auftrag sehr wahrscheinlich h¨ oflich abgelehnt, w¨ ahrend Juden praktisch keine andere Wahl hatten, als dem F¨ ursten zu gehorchen, der ¨ uber ihr Leben bestimmte und sie ohne Weiteres f¨ ur Ungehorsam hart bestrafen konnte. 52 Der Druck, den ein Monarch dadurch auf den Hofjuden aus¨ uben konnte, erwirkte
eine besondere Treue und Zuverl¨ assigkeit, die bei einem christlichen Untergebenen wohl nie zu erreichen gewesen w¨ are. 53
Gerade dieser Umstand versetzte den Hofjuden jedoch in eine prek¨ are, teils sogar gef¨ ahrliche Lage. 54 Die Monarchen setzten ihre Hofjuden bewusst f¨ ur unbeliebte und riskante Auftr¨ age
ein, sodass diese sich durch ein kleines Missgeschick oder ungl¨ uckliche Umst¨ ande schnell angeklagt sehen konnten, illegal gehandelt zu haben, obwohl sie nur die Anweisungen ihres Landesherrn befolgt hatten. 55 Besonders gef¨ ahrlich war allerdings gar nicht zwingend der
F¨ urst selbst, sondern dessen Tod. H¨ aufig war der F¨ urst die einzige Person am Hof, die den Hofjuden vor Angriffen sch¨ utzte, da er ihn dringend f¨ ur seine Gesch¨ afte ben¨ otigte. Sobald er gestorben war, konnten seine Familie und Beamten gegen den unbeliebten und um seine Macht und sein Verm¨ ogen beneideten Hoffaktor vorgehen. 56 Einige Hofjuden fanden sich
daher durchaus vor Gericht, in Kerkerhaft oder sogar auf dem Schafott wieder. So gut ein Hofjude verdiente und gewisse Privilegien, wie die Befreiung vom Leibzoll, genoss, 57 so rasch
konnte also auch sein Absturz herbeigef¨ uhrt werden. Die Stelle der Hofjuden war stets mit einem hohen Risiko f¨ ur ihr eigenes Leben und das ihrer Familie verkn¨ upft, dem gesellschaftlich weniger angesehene Juden in dieser Form nicht unterlagen. Ihre Bekanntheit, die Art und Weise ihrer Arbeit und die ¨ ublichen Vorurteile und Ger¨ uchte ¨ uber Juden vermischten
sich in ihrem Fall zu einer Lebenssituation mit hohem Konfliktpotenzial. 58 Ebenso wie dies
49 Herzig, S. 134.
50 Breuer, S. 112f.
51 Bruer, S. 68.
52 Breuer, S. 111.
53 Breuer, S. 112.
54 Bruer, S. 68.
55 Breuer, S. 116.
56 Breuer, S. 115f.
57 Breuer, S. 114.
58 Breuer, S. 116.
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Arbeit zitieren:
Sabine Kühn, 2009, "Von der Juden Haß gegen alle Völcker", München, GRIN Verlag GmbH
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