Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Das Leben und die soziale Stellung von Witwen in der r omischen Antike 5
2.1 Das Leben als Witwe in der heidnischen antiken Gesellschaft 5
2.2 Der Standpunkt der fr uhchristlichen Lehre zu Wiederverheiratung und keu-
schem Witwentum 8
3 Die Altersversorgung christlicher Witwen 13
3.1 Unterst utzungen durch die fr uhchristliche Kirche 13
3.2 Kinder und Familie als Altersst utze 16
3.3 Die Bedeutung des Ordo Viduarum“ 18
3.4 Das Leben in der Askese und im Frauenkonvent 20
4 Res umee 23
5 Quellen- und Literaturverzeichnis 26
5.1 Gedruckte Quellen 26
5.2 Sekund arliteratur 26
1 Einleitung
Witwen werden in der heutigen Gesellschaft wie auch bereits in der Antike als hilfsbed¨ urftig angesehen und erhalten staatliche beziehungsweise kirchliche Hilfen. Dieses Bild der armen Witwe wurde in der Antike gepr¨ agt und blieb durch die Aufnahme in die fr¨ uhchristliche Lehre ¨ uber das Mittelalter und die Fr¨ uhe Neuzeit bis heute erhalten. In zahlreichen Werken modernerer Schriftsteller, seien es philosophische Abhandlungen, Schauspiele, Novellen oder M¨ archen, spiegelt sich das Bild der armen alten Frau wider. Warum und wie diese Vorstellung bereits in der antiken Zeit entstanden ist, soll eine zentrale Frage der vorliegenden Arbeit sein. Generell werde ich mich in meinen Ausf¨ uhrungen auf die Zeit nach dem Tod Christi bis ins vierte Jahrhundert hinein konzentrieren.
Althistoriker datieren Sp¨ atantike und das fr¨ uhe Christentum zwar oft nur bis zur Regierungszeit Kaiser Konstantins, ich m¨ ochte dies in meiner Arbeit jedoch noch um ein gutes Jahrhundert erweitern, da ich f¨ ur die ersten christlichen Jahrzehnte kaum ¨ uber Quellen
und Literatur verf¨ uge und sich die Lebensverh¨ altnisse der Witwen nach dem, was ich einschl¨ agiger Literatur entnehmen konnte, nicht bedeutend ver¨ andert haben. Ich m¨ ochte dagegen erst im vierten Jahrhundert wegen der nun aufkommenden Lockerung gesellschaftlicher Regeln f¨ ur Witwen einen Einschnitt ansetzen. Witwen wurde es zum Beispiel zunehmend gestattet, das Verm¨ ogen ihres Mannes selbst zu verwalten und selbstst¨ andiger zu leben als zuvor.
Die Verh¨ altnisse in den darauf folgenden Jahrhunderten und die Unterschiede zwischen Osten und Westen des R¨ omischen Reiches werden allerdings nur am Rande beleuchtet. Stattdessen geht es vielmehr darum, die M¨ oglichkeiten der Lebensgestaltung einer alternden Witwe im beginnenden Christentum anhand von ausgew¨ ahlten Quellen und Literatur darzustellen. Geographische und zeitliche Unterschiede sollen in dieser Arbeit bewusst vernachl¨ assigt werden, da sich diese in den Quellen nicht deutlich genug abzeichnen, als dass man sie problemlos genau definieren k¨ onnte. Dar¨ uber hinaus bietet eine Hausarbeit nicht gen¨ ugend Raum f¨ ur solch ausgedehnte Untersuchungen.
Die Arbeit beginnt mit einer Einf¨ uhrung in die antiken Verh¨ altnisse. Hierbei soll in zwei Unterkapiteln zum Einen das Leben der Witwe in der heidnischen Gesellschaft der Antike dargestellt werden, da dies die Grundlage f¨ ur die christliche Lehre ¨ uber die Lebensweise der
Witwen bildete. Zum Anderen sollen die fr¨ uhchristlichen Kirchenv¨ ater zu Wort kommen, womit ich darstellen m¨ ochte, wie eine Witwe nach deren Meinung zumindest theoretisch leben sollte. Dabei beziehe ich mich vorwiegend auf Bibelstellen, Johannes Chrysostomos
3
und Hieronymus, aber auch einige heidnische Autoren wie Lukian und Tacitus werden mit ihrer Haltung zu Witwen zitiert. Neben den verschiedenen Lehrmeinungen sollen in diesem Kapitel gleichfalls die Folgen der Entscheidung einer Witwe f¨ ur die Wiederverheiratung beziehungsweise ein Leben als allein stehende Frau thematisiert werden, wodurch die schwierige Lage der fr¨ uhchristlichen Witwe deutlich wird.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht jedoch die reale Altersversorgung der Witwen, wobei in vier Unterkapiteln dargestellt wird, welche Optionen sich f¨ ur Witwen ergaben. Eine wichtige Frage, die in diesem Teil der Arbeit beantwortet werden soll, ist die Frage nach der Gerechtigkeit der kirchlichen F¨ ursorge und der Orientierungsm¨ oglichkeiten der Witwe in der antiken Welt. Eine der wichtigsten Quellen f¨ ur den realen Ablauf der Altersversorgung stellt wiederum die Bibel mit dem ersten Timotheusbrief dar, durch den die Witwenschaft zum ersten Mal ann¨ ahernd institutionalisiert wurde, indem man die Namen aller Witwen uber sechzig Jahre in einer Liste erfasste und ihnen finanzielle Hilfe zukommen ließ. Andere ¨
Aspekte der Altersversorgung erw¨ ahnen auch Hieronymus in seinen Briefen sowie Justin und Eusebius.
Im letzten Kapitel meiner Arbeit m¨ ochte ich eine abschließende Zusammenfassung der Erkenntnisse meiner Recherche liefern und zentrale Leitfragen beantworten, die in den anderen Kapiteln nicht angesprochen wurden. Dazu geh¨ ort zum Einen die eingangs genannte Frage nach der Entstehung des stereotypen Bilds von einer Witwe als arme, alte Frau. Zum Anderen m¨ ochte ich aber auch genauer beleuchten, wo die Unterschiede zwischen den offiziellen Lehrmeinungen ¨ uber die Lebensgestaltung von Witwen und den realen Verh¨ altnissen liegen.
Eine besonders wichtige Rolle unter der Sekund¨ arliteratur f¨ ur diese Arbeit spielt die mehrb¨ andige Monographie von Jens-Uwe Krause ¨ uber Witwen und Waisen im R¨ omischen Reich. Neben
den umfassenden Informationen sind hierin ¨ außerst viele Quellenangaben enthalten. Die genannten Quellen standen mir aber nicht alle in einer Edition zur Verf¨ ugung, weshalb ich mich des ¨ Ofteren auf Krause beziehe, wenn ich eine Quelle wiedergebe. Das gleiche gilt auch f¨ ur den Aufsatz von Hubert Cancik, der sich vorwiegend mit der Lehre und den Schriften von Kirchenv¨ atern wie Johannes Chrysostomos besch¨ aftigt hat, von denen ich leider nur wenige im Original vorfinden konnte.
4
2 Das Leben und die soziale Stellung von Witwen in der r¨ omischen Antike
2 Das Leben und die soziale Stellung von
Witwen in der r¨ omischen Antike
2.1 Das Leben als Witwe in der heidnischen antiken Gesellschaft
Viele Quellen belegen die hohe Zahl von hilfsbed¨ urftigen und von Armut betroffenen Menschen in der Antike. Allgemein geht man in der Forschung von einem ungef¨ ahren Witwenanteil von 30 Prozent unter der erwachsenen weiblichen Bev¨ olkerung aus. 1 Dennoch gab
es im heidnischen Rom kein System zur Armenf¨ ursorge. Um nicht betteln gehen oder sich prostituieren zu m¨ ussen, hatten Witwen praktisch nur eine Chance zu ¨ uberleben: Die zweite
Heirat. Als Frau war ihnen der Zugang zu bestimmten Berufen verwehrt und die Berufe, in denen sie arbeiten durften, wie die Textilarbeit, warfen meist nur wenig Verdienst ab. 2
Ein weiteres Hindernis f¨ ur die Selbstst¨ andigkeit konnte der Vormund sein, dessen Amt nach dem Tod des Ehemannes meist an einen m¨ annlichen Verwandten ¨ uberging. Ohne seine Zustimmung durfte eine Frau beispielsweise keine Gesch¨ afte t¨ atigen. Unter Augustus waren Frauen erst ab der Geburt von drei Kindern von den Restriktionen, die ein Vormund mit sich brachte, befreit. 3 Hinzu kam, dass Frauen in der gesamten Antike, auch im Christen-
tum, keine Ausbildung erhielten, die ihnen einen eigenen Verdienst erm¨ oglicht h¨ atte. Ihr Aufgabenbereich beschr¨ ankte sich auf den Haushalt und die Kindererziehung. 4 Zwar be-
trieben Witwen trotz diesen Schwierigkeiten in der Antike Gesch¨ afte und f¨ uhrten, sofern es ihnen m¨ oglich war, die Arbeit ihres Mannes fort. Durch die Vorurteile, die gegen wirtschaftlich aktive Frauen in der Gesellschaft kursierten, wurde ihnen die Arbeit jedoch keinesfalls erleichtert. 5
Der verstorbene Ehemann hatte allerdings die M¨ oglichkeit, seiner Frau testamentarisch ein gewisses Verm¨ ogen zu vermachen, um nicht arbeiten gehen zu m¨ ussen. Die donatio propter nuptias, das Verlobungsgeschenk eines Br¨ autigams an seine Braut, konnte aus Bargeld, Grundbesitz oder Wertgegenst¨ anden bestehen, die der Frau im Falle der Verwitwung zu Gute kommen konnten. 6 Dies setzte jedoch ein gewisses Verm¨ ogen voraus. Witwen aus
1 Krause IV, S. 6.
2 Krause II, S. 138.
3 Krause II, S. 179f.
4 Krause, S. 124f.
5 Krause II, S. 178ff.
6 Krause II, S. 67ff.
5
¨ armeren Familien konnten oft nicht einmal ihre Mitgift zur¨ uck erhalten, da ihr verstorbener Gatte sie l¨ angst aufgebraucht hatte. 7
Zwar wird die Treue zum verstorbenen Ehemann von antiken wie christlichen Schriftstellern gelobt. Tacitus zum Beispiel schreibt ¨ uber die Verh¨ altnisse in Germanien:
So empfangen sie (die Frauen) nur einen Ehemann, ebenso wie nur einen Leib
”
und nur ein Leben; kein Sinnen soll ¨
uberdauern (...).“
8
nicht ¨ Plutarch und Plinius preisen in ihren Schriften sogar den Selbstmord der Witwe an, die ihrem Mann freiwillig in den Tod folgt. Dennoch ist die zweite Ehe im heidnischen Rom generell kein Grund zur ¨ Achtung einer Witwe, auch wenn manche heidnische Autoren bereits
die Sichtweise des Christentums vertreten und die zweite Eheschließung anprangern. Daf¨ ur benutzten sie erstaunlicherweise bereits ¨ ahnliche Argumente, die sich sp¨ ater auch in den Schriften der Kirchenv¨ ater finden lassen: Die Frau sei Eigentum ihres Mannes, nicht nur w¨ ahrend dessen Lebzeiten, sondern auch ¨ uber den Tod hinaus. In den wenigsten F¨ allen ist
aber von einem Widerstand der Gesellschaft oder der Familie gegen eine Wiederverheiratung berichtet worden. 9
Doch auch eine Wiederverheiratung gestaltete sich oft als nicht einfach f¨ ur die Witwe. Hindernisse f¨ ur eine zweite Ehe stellten in mancher Hinsicht Kinder dar, welche aber auf der anderen Seite auch ein Nachweis f¨ ur Fruchtbarkeit und Geb¨ arf¨ ahigkeit der Frau sein konnten. 10 Dennoch wollten sich offenbar viele M¨ anner nicht zus¨ atzlich um die Versorgung von
Stiefkinder k¨ ummern m¨ ussen. Halbwaisen blieben daher oft nicht bei der Mutter wohnen, wenn diese wieder heiratete, sondern wurden von anderen Verwandten aufgenommen. Von einigen Seiten ist zwar ein Widerstand gegen diese Regelung zu beobachten, da eine Witwe, die ihre Kinder zu Gunsten eines neuen Mannes vernachl¨ assigt, auch in der Antike schon als verantwortungslos galt. 11 Hierbei sollte allerdings bedacht werden welche Alternativen
eine Frau in dieser Situation hatte. In Armut und Not zusammen mit der Mutter zu leben, stellte f¨ ur die Kinder m¨ oglicherweise eine wesentlich schlechtere Lebenssituation dar, als zum Beispiel bei einem Onkel ohne ihre Mutter aufzuwachsen, der sie wenigstens ern¨ ahren konnte. Wenn man die M¨ oglichkeiten also abw¨ agt, zwischen denen eine mittellose Witwe w¨ ahlen konnte, so kann man die Entscheidung, eine zweite Ehe einzugehen und daf¨ ur die Kinder aus erster Ehe zu verlassen, nicht von vornherein verdammen, da in diese ¨ Uberlegung
m¨ oglicherweise auch das Wohl der Kinder hineinspielte.
Ein g¨ angiges Vorurteil gegen Stiefv¨ ater war, dass diese die Kinder ihrer Frau aus erster Ehe schlecht behandeln w¨ urden. Daher sind F¨ alle bekannt, in denen der Vater in seinem
7 Krause II, S. 59.
8 Tacitus, Germania 19,2.
9 Krause I, S. 106f.
10 Krause I, S. 130.
11 Krause III, S. 37.
6
Testament dar¨ uber verf¨ ugt hat, dass seine Witwe sein gesamtes Verm¨ ogen erben w¨ urde, vorausgesetzt sie heiratet nicht wieder und versorgt weiterhin die Kinder. 12 Doch auch diese
M¨ oglichkeit kommt f¨ ur eine arme Familie ohne finanzielle R¨ ucklagen nicht in Betracht.
Hinzu kommt, dass eine Witwe keine Jungfrau mehr war, was ihren ” Wert“ auf dem Heiratsmarkt betr¨ achtlich minderte. Da viele Inschriften und Ehevertr¨ age besonders aus der Sp¨ atantike diese Eigenschaft der Braut besonders hervorheben, geht man davon aus, dass dieser Faktor eine immer wichtigere Rolle spielte. 13 Als h¨ aufigstes Ehehindernis trat jedoch vermutlich das nicht vorhandene Geld f¨ ur eine Mitgift auf. 14 Nach Apuleius ben¨ otigten
Witwen als Ausgleich f¨ ur ihre verlorene Jungfr¨ aulichkeit und ihr fortgeschrittenes Alter eine h¨ ohere Mitgift als junge M¨ adchen, die zum ersten Mal heirateten:
Die Mitgift (der Witwe) war bei einem Geldverleiher ganz bis auf den letzten
”
Heller am Vortag geborgt, und zwar bedeutender als ihr Elternhaus, das von Geld entleert und von Kindern gef¨ ullt war, erforderte.“ 15
Die Option, sich statt einer Wiederverheiratung oder der Bettelei im Gewerbe der Prostitution zu verdingen, war daher sicherlich unkomplizierter und sicherte meist ein Einkommen, von dem eine alleinstehende Frau ¨ uberleben konnte. Hindernisse sind jedoch auch hierbei
Kinder aus erster Ehe und der Reputationsverlust in Familie und Gesellschaft, da Prostituierte in der heidnischen wie in der christlichen Gesellschaft keine angesehene Personengruppe waren. 16 Eine andere M¨ oglichkeit war, sich als Hebamme oder ¨ Arztin in einem reichen Haushalt zu verdingen. Dies war wohl eine besonders von ¨ alteren Witwen gew¨ ahlte Alternative zur Wiederverheiratung. 17 Daneben sind auch ¨ altere Witwen als Haush¨ alterinnen und als Bedienstete in Gastst¨ atten belegt. 18
Im Gegensatz dazu konnte jedoch auch der Fall eintreten, dass eine Frau kein zweites Mal heiraten wollte, aber von ihrer Familie dazu gezwungen wurde. Grund daf¨ ur konnte sein, dass die Frau Christin war und ein asketisches Leben f¨ uhren wollte 19 oder gr¨ oßere
Selbstst¨ andigkeit w¨ unschte. In der Sp¨ atantike durften Witwen immer h¨ aufiger das Verm¨ ogen ihres Mannes selbst verwalten und unterstanden keinem Vormund mehr, obwohl dies im R¨ omischen Reich eigentlich gesetzlich vorgeschrieben war. 20 Die Eltern erwarteten jedoch von ihrer Tochter meist, dass sie ihnen Enkel schenkte, 21 und in reichen Familien war eine
Heirat auch politisch gesehen sehr wichtig, wodurch die Interessen von Witwen und Familie
12 Gardner, S. 63.
13 Krause I, S. 124f.
14 Krause I, S. 131f.
15 Apuleius, Apol. 76,6.
16 Siehe S. 11.
17 Krause II, S. 145.
18 Krause II, S. 148f.
19 Siehe S. 18f.
20 Krause II, S. 95.
21 Krause I, S. 150.
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Arbeit zitieren:
Sabine Kühn, 2008, "Armut und Alter sind zwei schwere Bürden", München, GRIN Verlag GmbH
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