Abstract: Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule Von: Theresa Reckstadt
Die Meinung, der Bildungsauftrag von Schule beziehe sich nur auf die Funktion der Wissensvermittlung, ist weit verbreitet. Doch Bildung, welche junge Menschen zu einer selbstständigen Lebensführung befähigen soll, beinhaltet verschiedene Dimensionen, sowohl kognitive als auch soziale. Eine effektive Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen muss daher auch die gezielte Stärkung der sozialen Kompetenzen beinhalten. Da die Förderung der Sozialkompetenzen von Kindern und Jugendlichen eines der Hauptziele der Jugendhilfe ist, kann diese die Schule bei der Erfüllung dieser Aufgabe unterstützen. In der vorliegenden Bachelor-Thesis soll auf Grundlage wissenschaftlicher Literatur der Frage „Welche Möglichkeiten und Grenzen bestehen in Bezug auf die Stärkung der Sozialkompetenzen von Kindern und Jugendlichen durch die Institution Schule?“ nachgegangen werden. Ziel ist es aufzuschlüsseln, warum die Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen eine wichtige schulische Aufgabe ist und wie diese umgesetzt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Definition und Begriffsbestimmung 3
2.1 Der Kompetenzbegriff 4
2.2 Soziale Kompetenz und sozial kompetentes Verhalten 5
2.3 Dimensionen des Kompetenzbegriffes 6
2.4 Verwandte Konzepte 9
3. Entwicklung sozialer Kompetenzen 10
3.1 Die Theorie „Lernen am Modell“ von Albert Bandura 10
3.2 Prägung durch Familie und Gleichaltrige 11
3.3 Das Zusammenspiel von emotionaler und sozialer Kompetenz 13
3.4 Die Bedeutung des „Selbst“ für die Entwicklung sozialer Kompetenzen 14
4. Auffälligkeiten im Sozialverhalten 15
4.1 Definition und Merkmale 16
4.2 Ursachen 18
4.3 Auswirkungen 19
5. Die schulische Verantwortung 21
5.1 Schule als Sozialisationsinstanz 21
5.2 Förderung sozialer Kompetenzen im Sinne von Chancengleichheit 23
5.3 Rechtliche Grundlagen 24
5.4 Aktuelle Situation 26
6. Sozialkompetenzförderung in der Schule 27
6.1 Fördermöglichkeiten 28
6.2 Gelingensbedingungen 30
6.3 Förderung durch Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe 31
6.3.1 Umsetzungsmöglichkeiten 33
6.3.2 Auswirkungen der Einführung der Ganztagsschule 34
6.3.3 Herausforderungen 35
7. Das Sozialtrainingskonzept „Fit for Life“ 36
7.1 Zielgruppe 37
7.2 Trainingsmethoden 37
7.3 Module 40
7.4 Effekte des Trainings 44
8. Fazit 47
9. Literaturverzeichnis 50
1. Einleitung
Aktuelle bildungspolitische Diskussionen und mediale Berichte handeln zunehmend von den gesellschaftlichen Integrationsproblemen vieler junger Menschen. Es ist beispielsweise die Rede von
schlechten Schulleistungen, mangelnder Ausbildungsfähigkeit von Schulabgängern 1 , der hohen Kriminalitätsrate unter Jugendlichen und der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Diese gesellschaftlichen Probleme weisen auf erhebliche Defizite im Bildungssystem hin, da es der Schule offensichtlich nicht gelingt ihre Aufgabe, die jungen Menschen auf eine selbstständige Lebensführung vorzubereiten und sie in ihrer Entwicklung zu stabilen und ausgeglichenen Persönlichkeiten zu fördern, angemessen wahrzunehmen.
Als ein Hauptgrund für Probleme bei der Bewältigung altersangemessener Entwicklungsaufgaben und für daraus resultierende Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen und sozialen Integration vieler Jugendlicher, werden Defizite in der sozialen Kompetenz benannt. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit den Schulleistungen und der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen und sind daher meist mit negativen Konsequenzen für das persönliche und berufliche und damit auch gesellschaftliches Leben verbunden (vgl. Jugert et al., 2009a: 5). Kinder und Jugendliche, denen in ihrer Familie keine altersangemessene Entwicklung sozialer Kompetenzen ermöglicht wurde, sind von einer herkunftsbedingten Benachteiligung betroffen, welche es aus gesellschaftlicher Sicht im Sinne der Chancengleichheit abzubauen gilt. Eine sinnvolle Maßnahme um dieser Benachteiligung entgegenzuwirken, wäre die Einführung einer systematischen Förderung der sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen durch die Institution Schule. Denn die Schule hat, als eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen im Leben junger Menschen einen enormen Einfluss auf deren Entwicklung, den sie nutzten sollte um diese positiv zu beeinflussen. Dazu ist es notwendig, dass sie ihren Bildungsauftrag nicht auf die Funktion der Wissensvermittlung beschränkt, sondern ihn auf die Aufgabe der Förderung sozialer Kompetenzen ausweitet, indem sie Raum für informelle und non-formale Bildungsprozesse schafft. Trotz der aktuellen, durch die Ergebnisse der PISA-Studie ausgelösten Bildungsdebatte, in der die Bedeutung ganzheitlicher Bildung vielfach diskutiert wurde (Zeller 2007: 23 ff.), haben bisher leider nur wenige Ansätze zur Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in schulpolitische Vorgaben und die schulische Praxis Eingang gefunden (Böttcher & Lindard 2009: 7). Daher soll in der vorliegenden Arbeit der diesbezüglich bestehende Handlungsbedarf verdeutlicht und begründet werden. Auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Literatur wird mit
1 Zum besseren Lesefluss wird auf eine geschlechtsneutrale Sprache verzichtet.
1
Hilfe der Fragestellung „Welche Möglichkeiten und Grenzen bestehen in Bezug auf die Stärkung der Sozialkompetenzen von Kindern und Jugendlichen durch die Institution Schule?“ erörtert, welche Bedeutung die Förderung sozialer Kompetenzen für das Individuum und aus gesellschaftlicher Sicht hat und wie diese in der Schule umgesetzt werden kann. Dabei wird insbesondere auf die Möglichkeit der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe näher eingegangen. Denn die Jugendhilfe, deren Bildungsauftrag sich in erster Linie auf die auf die Förderung der sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen bezieht (Reismann 2009: 223), kann der Schule als kompetenter Kooperationspartner dazu verhelfen, eine optimale Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu erreichen, welche sowohl kognitive als auch soziale Dimensionen umfasst. Insofern ist das Thema dieser Arbeit „Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule“ als durchaus relevant für die Soziale Arbeit zu betrachten. Die vorliegende Bachelor-Thesis ist wie folgt aufgebaut. In Kapitel zwei wird das Konstrukt „Soziale Kompetenz“, welches primär im Bereich der klinischen Psychologie erforscht wird definiert und die Bedeutung, die es in verschiedenen Kontexten hat, verdeutlicht. Anschließend wird in Kapitel drei die Entwicklung sozialer Kompetenz anhand der Theorie „Lernen am Modell“ von Albert Bandura erläutert und dargelegt, von welchen Faktoren die Entwicklung sozialer Kompetenzen beeinflusst wird. Darauf folgend werden in Kapitel vier Merkmale, Ursachen und Folgen von Defiziten in der sozialen Kompetenz behandelt. Im Anschluss daran wird in Kapitel fünf die Ver-antwortung, die Schule in diesem Zusammenhang trägt begründet, sowohl im Hinblick auf rechtliche als auch auf soziologische Aspekte. Darauf aufbauend wird in Kapitel sechs auf konkrete Möglichkeiten, Sozialkompetenzförderung in der Schule umzusetzen eingegangen, insbesondere darauf, welche Rolle die Jugendhilfe dabei übernehmen kann. Da die vorliegende Arbeit nicht im Kontext eines schulpädagogischen, sondern eines sozialpädagogischen Studiums verfasst wurde, wird an dieser Stelle auf eine genaue Beschreibung von Unterrichtskonzepten und Inhalten von Lehrplänen verzichtet. Im Anschluss daran folgt in Kapitel sieben die exemplarische Vorstellung des Sozialtrainingskonzeptes „Fit for Life“, die verdeutlichen soll wie eine konkrete Maßnahme zur Förderung sozialer Kompetenzen von Jugendlichen praktisch umgesetzt werden kann. Abschließend werden im Fazit die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst, in Verbindung mit der ursprünglichen Fragestellung der Arbeit gebracht und ein Ausblick auf zukünftig zu verfolgende Praxisaufgaben geworfen.
2
2. Definition und Begriffsbestimmung
Zum besseren Verständnis der Bedeutung und Tragweite des Begriffes „Soziale Kompetenz“ wird im Folgenden zunächst erläutert, was genau unter diesem Konstrukt zu verstehen ist und worauf es sich bezieht.
Die psychologische Forschung beschäftigt sich seit einigen Jahrzehnten mit dem Begriff „Soziale Kompetenz“ (Kanning 2009: 1). So haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Definitionen entwickelt, eine allgemein gültige existiert nicht (Böttcher & Lindard 2009: 13). Bei dem Begriff „Soziale Kompetenz“, gleichbedeutend mit dem Begriff „Sozialkompetenz“ (vgl. Brohm 2009: 9), handelt es sich um ein Konstrukt, welches sich auf eine Teilmenge der Gesamtheit aller Kompetenzen bezieht, über die ein Mensch verfügt. Der Versuch zu definieren, um welche Teilmenge es sich dabei handelt, führt zunächst zu der Frage, welche Konsequenzen mit einem sozial kompetenten bzw. mit einem sozial inkompetenten Verhalten verbunden sind. Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig und lassen sich nach Kanning in drei wesentlichen Definitionsansätzen zusammenfassen (Kanning 2009: 14).
In der klinischen Psychologie wird weitgehend der Ansatz vertreten, soziale Kompetenz würde durch ein besonders hohes Maß an Durchsetzungsfähigkeit bestimmt (Kanning 2009: 14). Eine Überzeugung, die durch die Definition von Hinsch und Pfingsten (2002) geprägt ist. Sie definieren soziale Kompetenz aus klinisch-verhaltentherapeutischer Perspektive als „die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen“ (Hinsch & Pfingsten 2002 zitiert in Brohm 2009: 62). Als Intention für die Entwicklung sozialer Kompetenz heben sie das Eigeninteresse in den Vordergrund.
In einem anderen Ansatz, der seinen Ursprung in der Entwicklungspsychologie hat, wird die Entwicklung sozialer Kompetenzen mit der Anpassung des Individuums an seine Umwelt gleichgesetzt. Ein hohes Maß an Anpassung an die Werte, Normen und den sich daraus ergebenden Verhaltensregeln der jeweiligen Gesellschaft führt demnach zu einer hohen Sozialkompetenz (Kanning 2009: 14). So bezeichnet Roth (1971) die soziale Kompetenz aus entwicklungspsychologischer Perspektive als „Fähigkeit, für sozial, gesellschaftlich und politisch relevante Sach- und Sozialbereiche urteils- und handlungsfähig sein zu können“ (Roth 1971 zitiert in Brohm 2009: 70 f.) und benennt damit das gesamtgesellschaftliche Wohlergehen als Hauptziel des sozialen Kompetenzerwerbs (Brohm 2009: 66 ff.).
Eine dritte Gruppe zahlreicher Definitionsversuche integriert beide Positionen, indem sie sozial kompetentes Verhalten als einen Kompromiss zwischen Anpassung und Durchsetzung versteht.
3
Eine sozial kompetente Person ist demzufolge grundsätzlich dazu in der Lage, eigene Interessen durch soziale Interaktionen zu verfolgen, ohne dabei die Interessen seiner Interaktionspartner zu verletzen. Demnach ist sowohl das gesamtgesellschaftlichen Wohlergehen als auch das Eigeninteresse relevant für die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Diese Auffassung erscheint nachvollziehbar, denn: Seine Interessen durchsetzen kann langfristig nur derjenige, der auch den Interessen seiner Interaktionspartner Raum lässt und umgekehrt muss sich an die Interessen Anderer angepasst werden, um eigene Interessen langfristig durchsetzen zu können (Kanning 2009: 14). Daher wird im Folgenden von dieser Position - die auch Kanning selbst vertritt - ausgegangen und sich dabei auf seine Ausführungen über das Konstrukt der sozialen Kompetenz bezogen.
2.1 Der Kompetenzbegriff
Bevor es um die Frage nach der Bedeutung des Begriffes „Soziale Kompetenz“ geht, ist es sinnvoll zunächst den allgemeinen Begriff der „Kompetenz“ zu hinterfragen. Auch hierzu gibt es verschiedene Auffassungen: Während die einen ein konkretes Verhalten beziehungsweise die Konsequenzen desselben meinen wenn sie von „Kompetenz“ sprechen, beziehen sich Vertreter eines zweiten Ansatzes auf die Verhaltenspotenziale eines Individuums. Vertreter der ersten Position verstehen unter Kompetenz ein Verhalten, das dem Akteur dazu dient positive Konsequenzen zu maximieren beziehungsweise negative Folgen zu minimieren. Da jedoch zu beachten ist, dass jedes Verhalten in einer konkreten Situation nicht allein durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Akteurs, sondern auch durch vielfältige Einflüsse der Umwelt beeinflusst wird, ist damit zu rechnen, dass ein und dasselbe Verhalten in verschiedenen Situationen zu unterschiedlichen Konsequenzen führt. Daher lässt sich die Kompetenz einer Person nicht nur an ihren ausgeführten Verhaltensweisen beziehungsweise an den Konsequenzen derselbigen bemessen (Kanning 2009: 11 f.). Dies führt uns zu dem zweiten Ansatz, der den Begriff „Kompetenz“ als Potential eines Individuums versteht, bestimmte Verhaltensweisen zeigen zu können (Ford 1995 zitiert in Kanning 2009: 12). Hier wird grundsätzlich zwischen den Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Individuums auf der einen Seite und dem Verhalten in einer konkreten Situation auf der anderen Seite differenziert. Demnach kann eine Person auch dann als kompetent gelten wenn ihr Verhalten einmal nicht die erwünschten positiven Konsequenzen hat. Entscheidend ist nur, dass sie prinzipiell dazu in der Lage wäre, ein entsprechendes Verhalten zu zeigen (Kanning 2009: 12 ff.).
4
2.2 Soziale Kompetenz und sozial kompetentes Verhalten
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen sowie auf Grundlage der zuvor vorgenommenen Unterscheidung zwischen Kompetenz und kompetentem Verhalten, erscheint es sinnvoll zwischen den sozialen Kompetenzen und dem sozial kompetenten Verhalten eines Menschen zu differenzieren (Ford 1985 zitiert in Kanning 2005: 3). Die sozialen Kompetenzen eines Menschen liegen im Ver-borgenen und stellen ein Potential dar, das auf das Verhalten in konkreten Situationen wirkt. Es kann jedoch nicht in jeder Situation optimal entfaltet werden (Kanning 2005: 3). Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Definitionen:
- Sozial kompetentes Verhalten: Verhalten einer Person, das in einer spezifischen Situation dazu beiträgt, die eigenen Ziele zu verwirklichen, wobei gleichzeitig die soziale Akzeptanz des Verhaltens gewahrt wird (Kanning 2009: 15).
- Soziale Kompetenz: Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person, welche die Qualität eigenen Sozialverhaltens - im Sinne sozial kompetenten Verhaltensfördert (Kanning 2009: 15).
Sozial kompetentes Verhalten findet somit immer in konkreten Situationen statt und ist unter anderem in hohem Maße von der sozialen Kompetenz, über die ein Mensch verfügt, abhängig (Böttcher & Lindard 2009: 14).
Um beurteilen zu können ob das Verhalten einer Person in einer bestimmten Situation als sozial kompetent zu bezeichnen ist, sind folgende Bezugspunkte zu berücksichtigen:
- Sozialer Bezugspunkt: Das Verhalten kann erst dann als mehr oder weniger kompetent bezeichnet werden, wenn wir es in einen Bezug zur sozialen Umgebung setzen. Ein und dasselbe Verhalten kann in Abhängigkeit von dem jeweiligen sozialen Bezugspunkt als kompetent oder inkompetent gelten, je nachdem ob es sich beispielsweise um eine berufliche oder private Situation handelt (Kanning 2005: 4 f.).
- Evaluierter Bezugspunkt: Die Definition von sozial kompetentem Verhalten ist niemals frei von Werten. Wenn wir den Begriff der sozialen Kompetenz verwenden, dann beschreiben wir nicht nur das Verhalten, sondern bewerten es als positiv oder negativ (Faix & Laier 1991 zitiert in Kanning 2005: 5). Vor dem Hintergrund verschiedener Wertesysteme kann gleiches Verhalten unterschiedlich bewertet werde (Kanning 2005: 5).
- Temporaler Bezugspunkt: Die Definition sozial kompetenten Verhaltens bezieht sich immer auf einen bestimmten Zeitabschnitt. Was heute möglicherweise als angemessen bewertet
5
wird kann in einiger Zeit, durch den Wandel von Werten und Normen, durchaus kritisch betrachtet werden (Kanning 2005: 5).
Aus dieser Sicht gibt es nicht „das“ kompetente Handeln, denn sozial kompetentes Verhalten ist immer kontextabhängig, während soziale Kompetenz als situationsübergreifend verstanden wird (Böttcher 2009:14).
2.3 Dimensionen des Kompetenzbegriffes
Der Kompetenzbegriff umfasst Bestandteile des Wissens, der Fähigkeiten und Fertigkeiten des Individuums. Übertragen auf den Begriff „Soziale Kompetenz“ bedeutet dies, dass es sich dabei um einen Oberbegriff handelt, hinter dem sich verschiedene soziale Kompetenzen verbergen: jede einzelne Fähigkeit oder Fertigkeit beziehungsweise jeder Aspekt unseres Wissens, der im Sinne unserer Definition die Qualität sozialen Verhaltens erhöht, kann als eine eigenständige soziale Kompetenz bezeichnet werden. Die wissensbezogenen Kompetenzen umfassen dabei Informationen über grundlegende Spielregeln des zwischenmenschlichen Verhaltens, die in starkem Maße kulturabhängig sind. Dieses Wissen bezieht sich beispielsweise auf Begrüßungsrituale oder auf das Verhalten an bestimmten öffentlichen Orten, wie z.B. dem Theater. Mit „Fähigkeiten“ sind hingegen sehr grundlegende, breite Kompetenzen gemeint, wie beispielsweise die Kommunikationsstärke. Der Begriff der „Fertigkeiten“ bezieht sich demgegenüber auf wesentlich konkretere, erlernte Kompetenzen, wie z.B. das motorische Ausführen des Begrüßungsrituals. In einer Interaktion wirken immer mehrere Kompetenzen zusammen. Dies lässt sich am einfachen Beispiel der Begrüßung verdeutlichen: Um sozial kompetentes Verhalten zu zeigen muss der Akteur zunächst wissen, welches Verhalten bei der Begrüßung eines Fremden im Gegensatz zur Begrüßung eines nahen Verwandten angemessen ist (Kompetenz Wissen). Außerdem muss er zuvor die entsprechenden Fertigkeiten zur Umsetzung des Wissens in eine Handlung erworben haben (Kompetenz Fertigkeit). Darüber hinaus ist die allgemeine Fähigkeit der Extraversion von Bedeutung, davon ist z.B. abhängig ob das Ritual eine eher gehemmte oder besonders herzliche Note erhält (Kompetenz Fähigkeit) (Kanning 2009: 16 f.).
Die Multidimensionalität des Kompetenzbegriffes wirft die Frage auf, welche Kompetenzen vorrangig für die Erzeugung sozial kompetenten Verhaltens von Bedeutung sind. Vermutlich hängt es von der jeweiligen sozialen Interaktion ab welche einzelnen Kompetenzen benötigt werden, um darin sozial kompetent zu agieren. Denn die Bandbreite sozialer Interaktionen, in die Menschen
6
involviert sein können, ist immens groß. Damit es in einer bestimmten Situation tatsächlich zu einem sozial kompetenten Verhalten einer bestimmten Person kommt, müssen die sozialen Kompetenzen dieser Person zu den jeweiligen Anforderungen der Situation passen. Auf Grundlage dieser Erkenntnis sind nach Reschke (1995) zwei Formen der sozialen Kompetenz zu differenzieren (Kanning 2009: 18):
- Allgemeine soziale Kompetenzen: Jeder Mensch weist diese Form der sozialen Kompetenz in einer gewissen Ausprägung auf. Der Unterschied zwischen den Individuen besteht nicht in der Existenz, sondern in der Ausprägung des jeweiligen Merkmals. Allgemeine soziale Kompetenzen sind durch keinerlei Spezifizierung im Hinblick auf bestimmte Situationen gekennzeichnet und beziehen sich beispielsweise auf die Fähigkeit zur Extraversion oder Perspektivenübernahme (Kanning 2009: 18 f.).
- Spezifische soziale Kompetenzen: Über diese Form der sozialen Kompetenz verfügen nur diejenigen, die entsprechende Lernerfahrungen gemacht haben. So sind beispielsweise mit jedem Beruf bestimmte Erfahrungen verbunden, die dazu beitragen, dass die jeweiligen Personen diesen erfolgreich ausüben können. Spezifische soziale Kompetenzen können auch als eine auf Erfahrungen basierende Ausdifferenzierung allgemeiner sozialer Kompetenzen verstanden werden, da sie sich nur selten unabhängig von diesen entwickeln (Kanning 2009: 19).
Sowohl die allgemeinen als auch die spezifischen sozialen Kompetenzen können entscheidend zur Generierung eines sozial kompetenten Verhaltens in einer bestimmten Situation beitragen. Welche in der jeweiligen sozialen Interaktion tatsächlich von Bedeutung sind, hängt von den Anforderungen derselbigen ab (Kanning 2009: 19).
Doch auf welche konkreten Eigenschaften bezieht sich der Begriff „Soziale Kompetenz“? Zu der Antwort auf diese Frage gibt es unterschiedliche Auffassungen, ein Konsens ist nicht in Sicht. Kanning (2009) unternimmt den Versuch, die Vielzahl der in der Literatur genannten Fähigkeiten zusammenzufassen. Die 15 am häufigsten zitierten allgemeinen sozialen Kompetenzen hat er drei verschiedenen Kategorien zugeordnet (Kanning 2009: 20 f.):
7
Abbildung 1: Kategorien sozialer Kompetenz
(Nach Kanning 2009: 21)
Alle genannten sozialen Kompetenzen besitzen zunächst einmal nur eine hypothetische Bedeutung für die Steuerung des Sozialverhaltens. Die Frage, welche Kompetenzen in welchen Situationen tatsächlich dazu beitragen ob und wenn ja in welchem Maße sozial kompetentes Verhalten gezeigt wird, konnte bisher nicht empirisch beantwortet werden (Kanning 2005: 8). Darüber hinaus nennt Kanning vier Faktoren zweiter Ordnung, die er mittels einer faktorenanalytischen Untersuchung herausgefiltert hat: Soziale Orientierung, Offensivität, Selbststeuerung und Reflexibilität. Sie spiegeln inhaltlich das wider, was sozial kompetentes Verhalten letztlich auszeichnet (Kanning 2009: 21):
„Das Individuum muss sich für seine eigenen Ziele einsetzen (Offensivität und Selbststeuerung), ohne die Ansprüche anderer Menschen aus dem Blick zu verlieren (Reflexibilität und soziale Orientierung).“ (Kanning 2009: 21)
8
Arbeit zitieren:
Theresa Reckstadt, 2010, Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Soziologie - Kinder und Jugend: Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Soziologie - Kinder und Jugend: neuer Titel erschienen: Förderung sozialer Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen am Lebensort Schule
Theresa Reckstadt hat einen neuen Text hochgeladen
Emotionale Kompetenz im Grundschulunterricht
Soziale Faktoren als Förderpot...
Sylvia Fratton-Meusel
Soziales Lernen in der Grundschule
50 Übungen, Aktivitäten und Sp...
Dianne Schilling, Ursula Tigges
Von sozialer Ausgrenzung zu selbstbestimmter Teilhabe - Möglichkeiten ...
Winfried Baudisch, Ingrid Albrecht, Jens Stiller
Systemische Familientherapie mit Kindern, Jugendlichen und Eltern
Lebensfluß-Modelle und analoge...
Peter Nemetschek
0 Kommentare