Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 4
2 Theoretische Grundlagen 6
2.1 Eingrenzung des Begriffes Übungsform. 6
2.2 Lehrmethoden für Anfänger im alpinen Skilauf 7
2.2.1 Erfahrungslernen und ganzheitliche Lernarrangements 7
2.2.2 Methode über steigende Skilängen. 8
2.2.3 Vom Inline-Skating zum Skifahren 8
2.3 Angstbewältigung im Skifahren 9
2.3.1 Definition des Begriffes Angst 9
2.3.2 Formen von Angst im alpinen Skilauf 10
2.3.2.1 Angst im sozialen Bereich 10
2.3.2.2 Angst vor Schmerz und körperlicher Verletzung 11
2.3.2.3 Angst vor Unbekanntem 11
2.3.3 Auswirkungen von Angst im alpinen Skilauf 11
2.3.4 Messmethoden und Beobachtungskriterien von Angst. 12
2.3.5 Strategien der Angstbewältigung 13
2.3.5.1 Desensibilisierung. 14
2.3.5.2 Akzeptieren und Verbalisieren. 14
2.3.5.3 Modelllernen. 14
2.3.5.4 Rückmeldung 15
2.4 Leitende Fragestellungen für den Unterrichtsversuch. 15
3 Planung 16
3.1 Analyse des Bedingungsfeldes 16
3.1.1 Spezifische Bedingungen der Lernenden. 16
3.1.2 Spezifische Bedingungen des Lehrenden 17
3.1.3 Organisatorische Lehr- und Lernbedingungen 17
3.2 Curriculare Vorgaben. 18
3.3 Struktur des Unterrichtsversuchs 19
3.3.1 Makrosequenz der Vorbereitungsphase 19
3.3.2 Makrosequenz der Kompaktphase 20
3.4 Didaktisch- methodische Entscheidungen zum Unterrichtsversuch. 20
3.4.1 Erste Doppelstunde der Vorbereitungsphase 21
3.4.1.1 Didaktisch- methodische Entscheidungen zur ersten Doppelstunde der
Vorbereitungsphase. 21
3.4.1.2 Lernziele zur ersten Doppels tunde der Vorbereitungsphase 24
3.4.1.3 Geplanter Unterrichtsverlauf der ersten Doppelstunde der
Vorbereitungsphase. 25
3.4.2 Zweite Doppelstunde der Vorbereitungsphase 26
3.4.2.1 Didaktisch- methodische Entscheidungen zur zweiten Doppelstunde der
Vorbereitungsphase 26
3.4.2.2 Lernziele zur zweiten Doppelstunde der Vorbereitungsphase. 29
3.4.2.3 Geplanter Unterrichtsverlauf zur zweiten Doppelstunde der
Vorbereitungsphase. 30
3.4.3. Zweite bis fünfte Unterrichtsstunde der Kompaktphase. 30
3.4.3.1 Didaktisch- methodische Entscheidungen der zweiten bis fünften Stunde
der Kompaktphase. 31
3.4.3.2 Lernziele zur zweiten bis fünften Stunde der Kompaktphase 34
3.4.3.3 Geplanter Unterrichtsverlauf der zweiten bis fünften Stunde der
Kompaktphase. 35
4 Auswertung 36
4.1 Darstellung und Reflexion der ersten Doppelstunde der Vorbereitungsphase 36
4.2 Darstellung und Reflexion der zweiten Doppelstunde der Vorbereitungsphase 39
4.3 Darstellung und Reflexion der zweiten bis fünften Stunde der Kompaktphase 41
5 Zusammenfassung und Ausblick 47
5.1 Auswertung der Schülerbefragung. 47
5.2 Reflexion der didaktisch- methodischen Konzeption. 48
5.3 Gesamturteil und Stellungnahme 49
6 Literaturverzeichnis 52
7 Versicherung 54
8 Anhang 55
1 Einleitung 4
1 Ei nleitung
„Ich habe ganz weiche Knie“, „Mir dreht sich der Magen bei dieser Abfahrt“, „Hoffentlich verletze ich mich nicht.“ Diese oder ähnliche Aussagen erhält der Skilehrer des Öfteren von seinen Skia nfängern. Sie verdeutlichen, dass Skifahren nicht nur mit positiven Erlebnissen in Verbindung gebracht werden kann. Während auf der einen Seite Ästhetik, Naturerlebnis, Geselligkeit, Spaß und Faszination stehen, so können andererseits auch starke Angstgefühle bei den Schülerinnen und Schülern 2 vorhanden sein.
Der Anlass für die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist zum einen hierin begründet, zum anderen war auch mein eigenes Erlernen des Skifahrens mit Ängsten angereichert. Dort haben mir bestehende Verletzungsängste erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Die Auseinandersetzung mit diesen persönlichen Ängsten, die Ergründung der Entstehungsbedingungen und Ursachen sowie die daraus resultierenden Möglichkeiten und Grenzen waren für mich die Voraussetzung, diesen Ängsten zu begegnen und sie zu bewältigen. Aus diesem eigenen Interesse heraus und den beobachteten Ängsten der Schüler im Sportunterricht und beim Skifahren resultierte der Gedanke, anhand einer für viele Schüler angstbesetzten Sportart einen Unterrichtsversuch durchzuführen. Hierbei war zu ergründen, inwiefern ein angstreduzierter Sportunterricht zu gestalten ist, bei dem die Entwicklung von Übungsformen im Anfängerskifahren unter besonderer Berücksichtigung von Angstbewält igung im Mittelpunkt stand.
Das eingangs aufgeführte Zitat spiegelt eine Seite meines Anliegens. Entscheidender für mich als Sportlehrer und somit Kern dieser Arbeit sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Die Schüler sollen für die Angstthematik sensibilisiert werden, offen mit ihren Ängsten umgehen und sie bewusst mittels Übungsformen bewältigen. Durch eine Reduzierung der Angst ist die Hürde der Angstbewältigung nicht mehr so hoch. Die Erfolge und Misserfolge, die Ängste, die Freude und der Spaß, die der Anfänger erlebt, werden als Erfahrungen abgespeichert, prägen das Selbstkonzept und somit auch das Erleben und Verhalten in später wiederkehrenden Situationen. Daher ist es in diesem Unterrichtsversuch mein Bestreben, im Vorfeld durch Sicherheitsmaßnahmen, Gespräche und Übungsformen Ängste zu reduzieren.
Durch die Entwicklung neuer Skisportgeräte seitens der Skiindustrie ergeben sich für die Vermittlung des Skifahrens neue Möglichkeiten. Das Erlernen des Skifahrens mittels steigender Skilängen wird von einschlägiger Fachliteratur immer häufiger aufgegriffen und als in sich schlüssiges und
1 http://www.aphorismen.de/, 06.06.03
2 Im weiteren Text wird aus Gründen einer besseren Lesbarkeit für Schülerinnen und Schüler einheitlich der Begriff „Schüler“ benutzt.
Dabei sei aber die weibliche Form stets eingeschlossen. Sofern es sich ausschließlich um Schüler eines Geschlechts handelt, wird die
entsprechende Bezeichnung verwendet.
1 Einleitung 5
nützliches Konzept vorgestellt 3 . Dieses Konzept kommt insbesondere der Anfängerskivermittlung in der Schule zugute, denn es ermöglicht einen leichteren Einstieg in das alpine Skifahren. 4 Die Äußerungsformen der Ängste sind zwischen dem weiblichen und männlichen Geschlecht zwar unterschiedlich. Da aber kein Unterschied in der Art der Angst vorhanden ist, wird eine geschlechtsspezifische Trennung der Angstthematik nicht erfolgen. Auswirkungen verschiedener Geländeformen und des Schussfahrens auf die Angstthematik kann im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Beim Fahren auf Carving-Ski wird zunehmend auf den Einsatz von Stöcken verzichtet, daher werden sie in diesem Unterrichtsversuch nicht weiter thematisiert. Das Liftfahren kann bei den Skianfängern für Angst sorgen. Nur stellt das Liftfahren keine ursprüngliche Form des Skifahrens dar und wird daher in diesem Unterrichtsversuch nicht behandelt. Das Skifahren stellt einen festen Bestandteil des Kursangebotes in der gymnasialen Oberstufe dar. Der Sportkurs „Gleiten auf Schnee (mit Schwerpunkt alpiner Skilauf)“ in der 13. Jahrgangsstufe des Fachgymnasiums Wirtschaft setzt sich aus einer Vorbereitungsveranstaltung vor Ort und einer Kompaktphase in Lappach/ Italien zusammen.
Zu Beginn dieser Arbeit erfolgt eine Betrachtung der theoretischen Grundlagen, die den Ausgangspunkt für die Pla nung des Unterrichtsversuches darstellen. Zunächst erfolgt eine Eingrenzung des Begriffes Übungsform. Im Anschluss werden drei Lehrmethoden vorgestellt, die miteinander verknüpft werden und meinem Vermittlungskonzept gemeinsam zugrunde liegen. Danach werden der Begriff Angst, die Formen, die Auswirkungen und die Beobachtungskriterien der Angst sowie Strategien der Angstbewältigung erläutert. Resultierend aus den Ausführungen ergeben sich leitende Fragestellungen, die am Ende der theoretischen Grundlagen aufgeführt werden. Im dritten Kapitel wird die Planung des Unterrichtsversuches dargestellt. Dieses Kapitel beginnt mit einer Analyse des Bedingungsfeldes und der curricularen Vorgaben. Auf Grundlage dieser Analyse erfolgen die Makroplanung und die didaktisch-methodischen Entscheidungen zum Unterrichtsversuch. Danach wird die Planung ausgewählter Unterrichtsstunden vorgenommen. Sie werden geplant und in Kapitel 4 dargestellt sowie ausführlich reflektiert, da sie m.E. die bisherigen Ausführungen in besonderer Weise umsetzen.
Im fünften Kapitel erfolgt die Zusammenfassung und der Ausblick. Hier erfolgt eine Auswertung der Schülerbefragung und eine Reflexion der didaktisch-methodischen Konzeption. In meinem Gesamturteil und der Stellungnahme überprüfe ich, ob eine Beantwortung der leitenden Fragestellungen möglich ist und ob die Intentionen, die mit der Unterrichtssequenz verbunden waren, umgesetzt werden konnten. Weiterführend wird untersucht, inwieweit das Konzept auf andere Klassen und/ oder in anderen Schulformen übertragbar ist und welche Veränderungen hinsichtlich der Unterrichtsgestaltung vorzunehmen wären.
3 Vgl. SCHWARZ 2000, S. 19; vgl. ROSCHINSKY 2003, S. 35; vgl. SCHOCK 1998, S. 18.
4 Vgl. Kapitel 2.2.
2 Theoretische Grundlagen 6
2 Theoretische Grundlagen
Der Begriff Übungsform wird im folgenden Abschnitt eingegrenzt. Die in diesem Unterrichtsversuch ausgewählten Übungsformen werden in die anschließend vorgestellten Lehrmethoden integriert und auf das Anfängerskifahren bezogen. Danach schließen sich Ausführungen zur Angstthematik an, die auf das Skifahren bezogen werden.
2.1 Eingrenzung des Begriffes Übungsform
Üben stellt einen komplexen Begriff dar. In der „sportdidaktischen Dreiheit“ von Lernen- Üben-Trainieren nimmt das Üben die zentrale Position ein. Lernen und Trainieren sind ohne das Üben nicht existent. 5 Die Übung bezeichnet „...einen Vorgang zur Verarbeitung von Lerninhalten wie Bewegungsfertigkeiten in der Form ihrer wiederholten Realisierung ggf. unter variierenden Bedingungen.“ 6 Die Übungsform wird definiert als „...Bezeichnung für ein Strukturelement innerhalb des motorischen Lehr- und Lernprozesses.“ 7 Unterschieden werden Übungsformen nach allgemeinentwickelnden Übungen, Spezial- und Wettkampfübungen. Die allgemein entwickelnden Übungen überwiegen im Anfängerbereich und haben die Aufgabe, eine breite Basis für die später zunehmende Spezialisierung zu schaffen. 8
In der Sportwissenschaft werden Übungsformen, Spielformen und deren Mischform unterschieden. Eine Aneinanderreihung von Übungsfolgen wird als methodische Reihe bezeichnet, die Prinzipien wie „vom Leichten zum Schweren“ oder „vom Bekannten zum Unbekannten“ beinhaltet. Die methodische Reihe wird zur Spielreihe, wenn ein Spiel und zur Übungsreihe, wenn eine Bewegungsfertigkeit das Lernziel ist. 9
Die Sportart „alpiner Skilauf“ ist in ihren Bewegungsabläufen besonders für Anfänger sehr komplex. Für die Skianfänger stellen neben den anspruchsvollen und neuen Bewegungsausführungen auch die unbekannten Rahmenbedingungen eine Herausforderung dar. Zu diesen unbekannten Rahmenbedingungen zählen das Sportgerät, die Kleidung, der Schnee sowie die Berglandschaft. Um eine Überforderung der Skianfänger zu vermeiden, sollten zunächst Übungsformen anstatt Spielformen angeboten werden. Mithilfe von Übungsformen können deutliche Bewegungsaufgaben gestellt werden. Diese sind für die Skianfänger einfacher umzusetzen als komplexe Spiel formen. Durch Reduktion der Komplexität können Verletzungsängste reduziert werden. Daher bieten sich bei der Individualsportart „alpiner Skilauf“ überwiegend Übungsformen und in geringerem Maße Spielformen zur Vermittlung von Bewegungen an. Spezielle Übungsformen werden im Rahmen dieses Unterrichtsversuchs in den folgenden Kapiteln vorgestellt und refle ktiert.
5 Vgl. SÖLL 1996, S. 230.
6 RÖTHIG u.a. (Hrsg.) 1992, S. 541.
7 KWIATKOWSKI 1987, S. 477.
8 Vgl. WEINECK 1997, S. 23.
9 Vgl. KWIATKOWSKI 1987, S. 290.
2 Theoretische Grundlagen 7
2.2 Lehrmethoden für Anfänger im alpinen Skilauf
Der DVS gibt die Richtlinien für die Vermittlung des Skifahrens für seine Mitgliedsverbände vor. In dessen Veröffentlichungen werden sowohl die zu vermittelnden Inhalte als auch das methodischdidaktische Vorgehen beschrieben. Mit der Herausgabe des SKI LEHRPLAN BASIC 10 des DVS ist ein Strukturwandel in der Vermittlung des Skifahrens eingetreten. Methodische Sprünge sind jetzt zulässig, wenn sie zum Vermittlungserfolg bei den Skianfängern führen. Dazu werden vielfältige Aufgabentypen erläutert, die intensiv zu wechseln sind, um die Lernbereitschaft der Skianfänger zu erhöhen. Die klassischen methodischen Prinzipien vom Bekannten zum Unbekannten, vom Leic hten zum Schweren, von der kleinen zur großen Ric htungsänderung, vom flachen zum steilen Hang, vom langsamen zum schnellen Tempo, Geländebewältigung vor Technikvervollkommnung behalten weiter ihre Gültigkeit. 11
Meine persönlichen Beobachtungen zeigen, dass sich der Unterricht der Skilehrer und der Schulen in der Regel noch an alten Lehrplänen orientiert. Ein alternativer und von mir praktizierter Vermittlungsweg basiert auf den Lehrmethoden „Erfahrungslernen und ganzheitliche Lernarrangements“, die „Methode über steigende Skilängen“ und „Vom Inline-Skating zum Skifahren“, die in den folgenden Abschnitten beschrieben werden.
2.2.1 Erfahrungslernen und ganzheitliche Lernarrangements
Sich mit dem Material und den Situationen beim Skifahren praktisch auseinander zu setzen ist Inhalt des Erfahrungslernens. Dabei soll ein Bewegungsgefühl entwickelt und erlernt werden, Bewegungen und sich selbst wahrzunehmen. Durch eine gezielte Reflektion misslungener und vor allen Dingen geglückter Handlungen kann der Lerneffekt und somit auch ein sichereres angstreduziertes Skifahren erzielt werden. Dazu bedarf es eines ständigen Austausches der gemachten Erfahrungen in einer positiven Gruppenatmosphäre, einer gegenseitigen Rücksichtnahme, Motivation und Hilfestellung innerhalb der Gruppe. Für den Lernerfolg ist es beim Skifahren von Vorteil, Bewegungen als Ganzheit zu erlernen. 12 Hier wird die Bewegungsaufgabe als elementare Maßnahme von der Bewegungsanweisung und der Bewegungsvorschr ift unterschieden. 13 Charakteristisch für diese Vorgehensweise ist die induktive Lehrmethode,„...bei der über die Kombination von Einzelerfahrungen ein noch unbestimmtes oder nur ungefähr bekanntes Endziel erreicht werden soll.“ 14 Induktive und deduktive Lehrmethoden werden häufig unterschiedlichen Inhalten und Phasen des Bewegungslernens zugeordnet: die induktive Lehrmethode dem handlungsoffenen und die deduktive den genormten sportlichen Fertigkeiten. 15
10 DEUTSCHER VERBAND FÜR SKILEHRWESEN E .V. - INTERSKI DEUTSCHLAND (Hrsg.) 2001.
11 Vgl. ebd., S. 10-17.
12 Vgl. SCHWARZ 2000, S. 18.
13 Vgl. ebd.
14 RÖTHIG u.a. (Hrsg.) 1992, S. 214.
15 Vgl. ebd., S. 271.
2 Theoretische Grundlagen 8
2.2.2 Methode über steigende Skilängen
Der herkömmliche Anfängerunterricht beschäftigt sich zu Beginn meist vorrangig mit der Beherrschung des unhandlich erscheinenden Sportgerätes Ski. Viele Einzelkorrekturen sollen den Bewegungsablauf vor allem beim Pflugbogen verbessern, wobei der Skianfänger zu einem Obje kt wird und eigenverantwortliches Erfahrungslernen kaum möglich ist. 16 Die Ausführungen von RO-SCHINSKY beschreiben, dass Skianfänger den Pflugbogen in völlig verkrampfter Haltung erlernen. Hierbei handelt es sich um ein unnatürliches Bewegungsmuster. Im Anschluss soll die Pflugstellung zugunsten der parallelen Skistellung möglichst schnell wieder vergessen werden. Ein umständlicher und für viele unbefriedigender Lehrweg. 17
Einfacher, motivierender und erfolgreicher ist die Methode über steigende Skilängen von 65 cm über 90-130 cm bis zur individuellen Gebrauchsskilänge. Die kürzeren Skier haben einen geringeren Drehwiderstand und sind daher drehfreudiger. Dadurch ist der Skianfänger von Beginn an reaktions- und handlungsfähiger als mit den langen Skiern. 18 Das einfachere Erlernen des Skifahrens erzeugt Sicherheit, die angstreduzierend wirkt. Im neuen SKI LEHRPLAN BASIC des DVS wird die Methode über steigende Skilängen nicht explizit aufgenommen, da sich keine Bevorteilung einer bestimmten Vorgehensweise der Vermittlung ergeben soll. 19 Der Einsatz verschiedener Skigeräte wird dort aber ausdrücklich gefordert: „Der gute Lehrer wird auch frühzeitig versuchen, Gerätevielfalt (z.B. Kurzcarver, Skater oder Snowboard) für den Unterricht zu organisieren. In den meisten Sk igebieten können heute die unterschiedlichsten Gleitgeräte ausgeliehen werden, so dass jeder die Möglichkeit hat, einen abwechslungsreichen Unterricht zu organisieren.“ 20
2.2.3 Vom Inline -Skating zum Skifahren
Menschliche Bewegungen werden durch eine Vielzahl motorischer Programme gesteuert. Bei einem Transfer von bekannten motorischen Programmen werden bestimmte Faktoren auf neue Geräte und Situationen eingestellt. Somit können ähnliche Bewegungsformen oder -varianten gesteuert werden. 21 Um die in diesem Kapitel beschriebenen Anforderungen der beiden Sportarten gerecht zu werden, benötigen die Schüler flexible Lösungen. Diese können über erworbene bzw. vermittelte Handlungsmuster erreicht werden. 22 Hierbei muss die Angstthematik Berücksichtigung finden, denn sie übt einen wesentlichen Einfluss auf das Erlernen und Bewältigen von Bewegungsaufgaben aus. Dadurch wird das Herausbilden von für das Skifahren erforderlichen Handlungsmustern beeinträchtigt.
Beide Sportarten werden dem gemeinsamen Erlebnis- und Erfahrungsfeld Roll-Eis-Skisport zuge-ordnet, denn sie weisen ähnliche Handlungssituationen wie Geschwindigkeit, Gleichgewicht, Spiel
16 Vgl. SCHWARZ 2000, S.17.
17 Vgl. ROSCHINSKY 2003, S. 35.
18 Vgl. SCHWARZ 2000, S. 19.
19 Mündl. Auskunft: GÖHNER, 10.04.2003.
20 DEUTSCHER VERBAND FÜR SKILEHRWESEN E .V. - INTERSKI DEUTSCHLAND (Hrsg.) 2001, S. 105.
21 Vgl. ebd.
22 Vgl. NAGEL 1995, S. 60f.
2 Theoretische Grundlagen 9
mit dem Gelände und Natur- bzw. Umgebungsbedingungen auf. Das koordinative Fundament bildet die Gleichgewichtsfähigkeit. 23
Durch die Carvingtechnik hat sich das Skifahren in vielen Bereichen grundlegend verändert. Viele Bewegungsmerkmale zeigen Parallelen zum Fahren mit Inline-Skates auf. Eine, wie beim Carving offene Körperposition, findet sich auch beim Inline-Skaten wieder. Die Schulterachse ist parallel zur Hüftachse, bei beiden Sportarten ergibt sich keine Form von Rotation oder Gegendrehen während des Laufens. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die optimale Positionierung des Körperschwerpunktes über den Füßen. Erst wenn der Körperschwerpunkt im richtigen Verhältnis zwischen Vor-und Rücklage ist, die sogenannte Neutrallage, kann entspannt gelaufen werden. Das Gleiten ist der elementare Bereich des Skilaufens und des Inline-Skatens. Hierfür muss ebenfalls eine optimale Körperposition gefunden werden. 24
Hoch-Tief-Bewegungen sind bei beiden Sportarten zu finden. Sie dienen, um den Druck auf die Sportgeräte zu verringern, um besser umkanten zu können und Unebenheiten im Gelände auszugleichen. Eine weitere Parallele findet sich im Bereich des Kurvenfahrens. Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Kurveninnenlage von großer Bedeutung ist. Das „In-die -Kurve-legen“ ermöglicht, mit höheren Geschwindigkeiten Kurven zu durchfahren. Insbesondere die Vorerfahrungen, die durch vorherige Inline-Skates-Einheiten geschaffen werden, können für das Carving genutzt werden. Durch die starken Taillierungen der Carving-Ski werden wesentlich engere Kurven gefahren. Ein gutes Körpergefühl ist die Voraussetzung, um Kurven mit einer hohen Innenlage durchfahren zu können. 25 Ebenso ist die offene Beinstellung ein übereinstimmendes Merkmal dieser beiden Sportarten. Der gleiche Bewegungsablauf ist bei der Schwungauslösung anzutreffen. Der kurveninnere Fuß wird zwecks Einleitung der Kurve vorgeschoben, ein Wechsel bzw. eine Unterscheidung zwischen Innen- und Außenkante findet statt. Ebenfalls ein gemeinsames Handlungsmuster ist das Anhalten und Stoppen. Der Stoppschwung und der sogenannte Canadier beim Inline-Skaten sind vom Bewegungsablauf her ähnlich. Nur wer im Notfall sicher und schnell anhalten kann, fühlt sich sicher. Sicherheit ist für den Lernenden von entscheidender Wichtigkeit, denn dadurch lässt sich die Angst besonders bei Anfängern reduzieren. 26 Die Sicherung und Kontrolle haben die Wirkung einer positiven Rückmeldung, die zu einem gefahrgerechten Handeln führt. 27
2.3 Angstbewältigung im Skifahren
2.3.1 Definition des Begriffes Angst
Eine einheitliche Definition des Begriffs Angst ist in der zahlreichen Fachliteratur nicht zu finden. HACKFORT und SCHWENKMEZGER greifen diese in fast allen Definitionen existierenden Merkmale auf, um daraus eine allgemeinere Definition zu erstellen. Demnach ist Angst „...eine kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer
23 Vgl. ebd., S. 60-64.
24 Vgl. KULLMANN 1999, S. 6-7.
25 Vgl. ebd., S. 7-8.
26 Vgl. ebd., S. 8.
27 Vgl. Kapitel 2.3.5.4.
2 Theoretische Grundlagen 10
Gefahren- oder Bedrohungssituation. Als kognitive Merkmale sind subjektive Bewertungsprozesse und auf die eigene Person bezogene Gedanken anzuführen. [...] Emotionales Merkmal ist die als unangenehm erlebte Erregung, die sich auch in physiologischen Veränderungen manifestieren und mit Verhaltensänderungen einhergehen kann.“ 28 Dieser Definitionsansatz wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit bzw. des Unterrichtsversuchs als Grundlage dienen.
2.3.2 Formen von Angst im alpinen Skilauf
Kenntnisse über verschiedene Formen von Angst, die in Sportsituationen positives Bewegungserleben einschränken oder verhindern, sollten Grundlage für die Planung von Unterricht seitens des Sportlehrers sein. Denn nur dann kann er Strategien der Angstbewältigung vermitteln. In einem Skikurs treten die verschiedensten Ängste auf bzw. werden von den Skianfängern geäußert. „Im Skilaufen ist zu beobachten, daß Anfänger manche methodisch gut durchdachte Übung nicht bzw. falsch durchführen, weil sie Angst haben bzw. entwickeln.“ 29 Aufgrund von empirischen Untersuchungen haben sich drei Gruppen von Angstformen herausgebildet, die beim Skifahren häufig auftreten: Angst im sozialen Bereich, Angst vor Schmerz und körperlicher Verletzung und die Angst vor Unbekanntem. 30
2.3.2.1 Angst im sozialen Bereich
Angst im sozialen Bereich entsteht bei Schülern im Skiunterricht, wenn die eigene Person von Mitschülern oder dem Lehrer bewertet wird. Diese Angst liegt demnach in der Situation der Gruppe begründet. Dabei ist unwesentlich, ob eine tatsächliche Bewertung erfolgt oder nur angenommen wird. Unterschieden wird zwischen der Angst des Versagens und der vor Blamage. 31 Versagensangst beim Skifahren kann sich ergeben, wenn ein Schüler noch oben am Hang steht und die anderen Mitschüler und die Lehrkraft unten auf ihn warten. In dieser Situation entsteht häufig ein Konflikt zwischen der „Flucht nach vorn“, also trotz der vorhanden Angst losfahren und dem Wunsch, die Skier einfach abzuschnallen und zu Fuß nach unten zu gehen, wobei letztere Variante den Misserfolg verschärfen könnte. Weiteres Verharren an der Stelle steigert im allgemeinen zusätzlich die Angst. Angst vor Misserfolg kann trotz Erreichen der persönlichen Leistungsgrenze entstehen, wenn die Leistungen im Verhältnis zur Leistung der Mitschüler von der Person niedriger eingestuft wird. Angstauslösend wirken die möglichen Konsequenzen, wie die Bewertung des Skilehrers in Form von schlechten Noten, aber auch die der Mitschüler in Form von Nichtanerkennung, die zu sozialer Isolation führen kann. Angst vor Blamage tritt häufig in Situationen auf, in denen Schüler eine sportliche Fertigkeit demonstrieren sollen und bei der Ausführung einer freien Bewegungsaufgabe beobachtet werden. Als angstauslösend wirkt das Moment des Betrachtet-Werdens und die Bewertung durch andere, die sich durch Missachtung äußern kann. 32
28 HACKFORT/ SCHWENKMEZGER 1980, S.19.
29 SACK/ GOLZ 1984, S. 12.
30 Vgl. VORMBROCK 1982, S. 379-385.
31 Vgl. ebd., S. 380.
32 Vgl. ebd.
2 Theoretische Grundlagen 11
2.3.2.2 Angst vor Schmerz und körperlicher Verletzung
Im Skiunterricht tritt die Angst vor Schmerzen und körperlichen Verletzungen in der Regel eher bei Schülern auf, die insgesamt als ängstlich bezeichnet werden können. 33 Ob Angst entsteht oder nicht, hängt von den kognitiven Einschätzungsvorgängen in der jeweiligen Reizsituation ab. Nicht jede Sportart löst in gleichem Maße Angst aus. Das Skifahren gehört neben Sportarten wie Gerätturnen, Wasserspringen und Trampolinspringen zu den Sportarten, in denen vermehrt Angst auftritt, da sie als Sportart mit hohem Verletzungsrisiko eingeschätzt wird. 34 Angst vor Verletzung wird häufig gezeigt, wenn die Schüler mit Übungsformen konfrontiert werden, die als schwierig oder komplex angesehen werden oder wenn der Eindruck vorherrscht, dass die eigenen motor ischen Fertigkeiten nicht ausreichen, um die Aufgabe zu bewältigen. Des Weiteren kann Angst vor Verletzungen entstehen, wenn die zu vollbringenden Bewegungen völlig neu sind und keine eigenen Bewegungsmuster zur Vorstellung dienen. 35 Verletzungsangst tritt nicht nur nach eigenen Vorstellungen auf, sondern auch durch das Beobachten von Verletzungen bei anderen Mitschülern oder Personen. 36
2.3.2.3 Angst vor Unbekanntem
Die Angst vor dem Unbekannten ist in engem Zusammenhang mit der Angst vor Schmerzen und Verletzungen zu sehen. Sie wird einerseits hervorgerufen durch unbekannte äußere Umstände in sehr komplexen und unüberschaubaren Situationen, z.B. beim Skilaufen auf einer noch fremden, steilen oder vielbefahrenen Piste. Besonders beim Fahren mit Ski ist der Umgang mit dem Sportgerät gewöhnungsbedürftig und kann Angst oder Bedrohung auslösen. Das auslösende Moment der Angst liegt dabei in der Person des Sportlers. Des Weiteren spielt die Höhenangst eine nicht zu unterschätzende Rolle. Übungsformen, die im Tal gelingen, müssen bei gleicher Pistenneigung oben auf dem Berg nicht gelingen. 37
2.3.3 Auswirkungen von Angst im alpinen Skilauf
Die Psyche des Menschen und sein Bewegungsverhalten sind zwei nicht voneinander zu trennende Bereiche. Das bedeutet, dass die Psyche und die Bewegungen in einem gegenseitigen Wechselwirkungsverhältnis stehen und sich Angstempfindungen auf das Bewegungsverhalten einer Person auswirken. „Einerseits wird das Bewegungsverhalten durch den Einfluß von Angst mit determiniert (es wird entweder gehemmt oder aktiviert), andererseits beeinflußt das durch Angst veränderte Bewegungsverhalten rückwirkend den psychischen Faktor Angst, der entweder erhöht oder herabgesetzt wird.“ 38
VORMBROCK stellt fest, dass Angstgefühle nicht zwangsläufig als negativ und behindernd bewertet werden dürfen, denn sie dienen auch als Schutz vor Gefahren. Die Höhenangst z.B. ist eine ange-
33 Vgl.BOISEN 1975, S. 36.
34 Vgl. MAXEINER 1981, S. 49-52; vgl. MAXEINER 1987, S. 222-225; vgl. VOIGT/ MÜLLER 1983, S. 460-469.
35 Vgl. VOIGT/ MÜLLER 1983, S. 460.
36 ZIESCHANG 1979, S. 237-260.
37 Vgl. VORMBROCK 1982,, S. 381f.
38 BOISEN 1975, S. 41.
2 Theoretische Grundlagen 12
borene Schutzfunktion, die vor Gefahren warnen soll. Nur wenn die Angst gering ist, kann eine daraus resultierende Steigerung der physiologischen und psychologischen Erregung zur Aufmerksamkeit verhelfen. 39 In diesem Zusammenhang haben YERKES und DODSON in Versuchen nachgewiesen, dass zwischen situationsbedingter Angst als Antrieb und der Leistung eine kurvenlineare Beziehung besteht (umgekehrte U-Funktion). Das von ihnen verfasste Gesetz hat zum Inhalt, dass wenig Angst leistungsmindernd wirkt, mittlere Angst zu einer optimalen Leistung führt und starke Angst leistungsmindernden Einfluss ausübt. Das für die Aufgabenlösung erforderliche optimale Aktivierungsniveau ist von der Komplexität der Aufgabe abhängig und somit ist das optimale Aktivierungsniveau bei einfachen Aufgaben höher anzusetzen ist als bei komplexen Aufgaben. 40 Angst erhöht das Aktionsniveau und bei übermäßiger Aktivierung können motorische Blockierungen entstehen. Skibewegungen werden von Skianfängern nicht, zu langsam oder zu schnell ausgeführt. Wenn Angst zur Verweigerung der Bewegungsausführung führt, ist das direkt beobachtbar und hat eine Verhinderung des Lernprozesses zur Folge. Dies liegt vor, wenn ein Skianfänger vor der Ausführung eines Schwunges absichtlich stürzt, um nicht in Schussfahrt zu geraten. Weiterhin beeinträchtigt Angst die Informationsaufnahme, so dass Skianfänger notwendige Informationen, die für die Bewältigung einer Übungsform von Bedeutung sind, verloren gehen. Diese Beeinträchtigung äußert sich u.a. in der Größeneinschätzung sowie in der Zeiteinschätzung. In angstbesetzten Situationen werden Objekte größer und die vergehende Zeit länger eingeschätzt, als es der Realität entspricht. Hieraus ergeben sich nach ZIESCHANG 41 Fehleinschätzungen, wie beispielsweise die eigene Fahrgeschwindigkeit beim Skilauf. Daraus resultiert, dass Skianfänger auf vorher Gelerntes zurückgreifen und in ihrer Lernentwicklung auf der Stelle bleiben, um der Angst vor der unbekannten Situation auszuweichen. Des Weiteren beeinträchtigt Angst die Abspeicherung von Informationen im Gedächtnis und neue Lerninhalte werden schneller vergessen. 42
2.3.4 Messmethoden und Beobachtungskriterien von Angst
Die Äußerungsformen der Angst können sehr vielfältig sein. Für eine erfolgreiche Angstbewält igung im Skiunterricht müssen mögliche Ängste der Schüler wahrgenommen werden. Wenn Angst eine Reaktion auf bestimmte externe und interne Reize darstellt, kann diese Reaktion nach BIR- 43 auffolgenden Ebenen gemessen und quantifiziert werden. Hier werden die Verfahren BAUMER
angegeben, die sich für den Sportunterricht anbieten.
Ø Auf der physiologischen Ebene durch Messung von zentralen und/oder peripheren physiologischen Größen wie z.B. Herzfrequenz, Atemfrequenz.
Ø Auf der verbal-subjektiven Ebene, z.B. durch Fragebogenverfahren, Angsttests, Interviews. Ø Auf der motorischen, nic ht-verbalen Ebene, z.B. durch Beobachtung von Vermeidungs-oder Fluchtreaktionen, Ausdrucksverhalten, motorischen Abläufen.
39 Vgl. VORMBROCK 1982, S. 381f.
40 Vgl. YERKES/ DODSON nach: HACKFORT/ SCHWENKMEZGER 1980, S. 176-180.
41 Vgl ZIESCHANG 1979, S. 247.
42 Vgl. MAXEINER 1981, S. 49.
43 Vgl. BIRBAUMER, 1973, S. 2.
2 Theoretische Grundlagen 13
Das subjektive Erleben von Situationen im Skiunterricht lässt sich in kognitiven Phasen erfahren, in denen Schüler über ihre Gefühle und Empfindungen vor, während und nach einer Bewegungsaufgabe berichten. Auch der motorischen, nicht-verbalen Ebene kommt im Sportunterricht eine besondere Bedeutung zu, da sie dem Sportlehrer Erkennungsmöglichkeiten für die Ängste der Schüler ermöglicht, die in der Praxis ohne großen Aufwand beobachtbar sind. Als charakteristische Angstsymptome auf der motorischen, nicht-verbalen Ebene können folgende Kennzeichen genannt werden:
• Erröten, Erbleichen, Zittern, starrer Blick, verkrampfte Körperhaltung, Schweißausbrüche, insbesondere feuchte Hände, schnelles Sprechtempo, häufige Versprecher, Zittern der Stimme, Stören des Unterrichts, Mitschüler beim Lernprozess behindern;
• Verweigerung der Bewegung, verschiedene Formen des Fluchtverhaltens (Vortäuschen einer Verletzung, Mitschüler vorlassen etc.);
• Unruhe (z.B. Reiben der Fingerkuppen, nervöses Tippeln, unruhiger Blick etc.);
• Bewegungsabbruch, sonst nicht zu beobachtende Koordinationsstörungen, ruckartige, eckige Bewegungen, Rückschritt in frühere Könnensstadien. 44
Die Äußerungsformen der Angst können nicht nur vielschichtig, sondern auch zeitlich versetzt auftreten. Die oben genannten Kennzeichen stellen zwar Charakteristika für Angst dar, sind aber nicht ausschließlich bei Angst zu beobachten, sondern können sic h auch auf andere Ursachen begründen. Daher ist von großer Bedeutung, eine vertraute emotionale Beziehung zu den Schülern aufzubauen, um Anzeichen richtig deuten zu können.
2.3.5 Strategien der Angstbewältigung
Wie in Kapitel 2.2.5 beschrieben, ist eine vollständige Angstreduzierung weder erstrebenswert noch praktisch umzusetzen, da die Angstformen „...durch eine Vielzahl kaum kontrollierbarer Situations- und Persönlichkeitsvariablen ausgelöst werden.“ 45 Angst kommt nicht nur im Sportunterricht vor, sondern ist ein Phänomen des Alltags. Daher sollen die Schüler befähigt werden, eigenständig mit ihrer Angst umzugehen und ihr eigenes Handeln selbstgesteuert, situations- und personenbezogen auf angstauslösende Situationen einzustellen. 46 Der Schüler darf mit seinen Angstgefühlen nicht allein gelassen werden, stattdessen müssen Angstgefühle von Mitschülern und dem Sportlehrer akzeptiert werden. Der Schüler kann somit Angst als Warnsignal wahrnehmen und Maßnahmen der Angstbewältigung ergreifen. 47 Da die Formen der Auseinandersetzung mit der Angstbewältigung sehr komplex sind und individuell unterschiedlich wirksam werden, sollten dem Sportlehrer und den Schülern mehrere Strategien bekannt sein. Im Folgenden werden allgemeine Strategien vorgestellt, die auf das Skifahren bezogen werden können.
44 Vgl. VORMBROCK 1982, S. 382; vgl. ZIESCHANG 1979, S. 242ff.
45 VORMBROCK 1981, S. 457.
46 Vgl. KLUPSCH -SAHLMANN/ KOTTMANN 1992, S. 14.
47 Vgl. VORMBROCK 1982, S. 383.
2 Theoretische Grundlagen 14
2.3.5.1 Desensibilisierung
Die ursprüngliche Form der Systematischen Desensibilisierung wurde zur Behandlung starker Ängste eingesetzt, die im Sportunterricht aber nicht vollständig anzuwenden ist. Dennoch sind Charakteristika für die Angstbewältigung im Sportunterricht von Bedeutung. Das Verfahren bezieht sich auf das Prinzip der Gegenkonditionierung, d.h. dass eine Angstreaktion gehemmt wird, wenn sie in Gegenwart von Entspannung oder einer mit Angst unvereinbaren Aktivität auftritt, was eine Atmosphäre der Sicherheit in der Sportgruppe erfordert. TAUSCH und TAUSCH zählen „...emotionale Wärme, Freundlichkeit, gegenseitige Wertschätzung, verständnisvolle Zuneigung des Lehrers und Körperkontakt...“ 48 als Maßnahmen auf, die Gegenkonditionierung ermöglichen. Weiterhin sollte nach den klassischen didaktischen Prinzipien vorgegangen werden 49 , damit mögliche Angstreize überwunden werden können. 50
2.3.5.2 Akzeptieren und Verbalisieren
Wenn Angstbewältigung erfolgreich sein soll, darf die Angst nicht ignoriert, sondern muss akzeptiert werden, um anschließend über das unangenehme Gefühl oder die Bedrohungssituation zu sprechen. 51 Entsprechende Aussagen unterstützt KUNATH, indem er ein schrittweises Vorgehen mit einer sachlichen Analyse der Angst auslösenden Ereignisse fordert, um im Anschluss langsam und behutsam das neue, erforderliche Verhalten zu üben. 52 KÖSTER stellt fest, dass eine Person, die ihre eigenen Ängste erklären kann, bereits den ersten Schritt zu ihrer Überwindung vollbracht hat. 53 Das Akzeptieren und Verbalisieren von Gefühlen im Sportunterricht sollte vom Sportlehrer vorgelebt werden, indem er seine Empfindungen wie Freude, Ärger oder Angst äußert. Eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens entsteht, wenn auch der Sportlehrer seinen Schülern vertraut, mit seinen Angstgefühlen verständnisvoll umzugehen. 54
2.3.5.3 Modelllernen
Als Modell in den herkömmlichen Skikursen dient der Skilehrer, der neue Übungsformen demonstriert und die Skianfänger ihm nachahmen. SACK und GOLZ äußern dazu allerdings, dass es „...für einen hochängstlichen Skischüler zur Reduzierung seiner eigenen Angstemotion u.U. bedeutsamer [ist], wenn er beobachtet, wie ein anderer Skischüler seiner Gruppe, den er leistungsmäßig so ähnlich wie sich selbst einschätzt, eine bestimmte schwierige Situation (z.B. Sprung über einen Hügel) erfolgreich meistert, als wenn er beobachten würde, wie der Skilehrer ohne jegliche Schwierigkeiten diese Aufgabe bewältigt.“ 55
Ein Schüler dient auch als Modell, wenn er seine Ängste überwindet und seine Gefühle vor, während und nach der Angstbewältigung beschreibt. Schüler können auch hiervon profitieren, indem
48 TAUSCH/ TAUSCH 1973, zitiert nach: VORMBROCK 1982, S. 383.
49 Vgl. Kapitel 2.2.
50 Vgl. VORMBROCK 1982, S. 383.
51 Vgl. ebd., S. 384; vgl. ANSCHLAG 1992, S. 44-48.
52 Vgl. KUNATH 2001, S. 48.
53 Vgl. KÖSTER 1992, S. 55.
54 Vgl. VORMBROCK 1982, S. 383.
55 SACK/ GOLZ 1984, S. 130.
Arbeit zitieren:
Mirko Friedrich, 2003, Übungsformen für Anfänger im alpinen Skilauf unter besonderer Berücksichtigung der Angstbewältigung, München, GRIN Verlag GmbH
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