BIBLIOGRAPHIE 51
a. Quellen 51
b. Literatur 52
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EINLEITUNG
Am 10. Oktober 19 n. Chr. starb Germanicus Caesar mit nur 34 Jahren im syrischen Antiochia. Sein überraschender Tod löste im gesamten Römischen Reich eine Welle der Trauer und der Verzweiflung aus. 1 So initiierte die Bevölkerung Roms, ohne die Beschlüsse des Senats abzuwarten, ein spontanes iustitium: Alle öffentlichen Aktivitäten wurden eingestellt, die Märkte verlassen, und die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück. 2 Sueton berichtet gar, dass an Germanicus’ Todestag Steine gegen die Tempel geschleudert und Altäre der Götter umgestürzt wurden. Einige Leute warfen die Laren auf die Straße und Kinder, die an diesem Tag zur Welt gekommen waren, wurden ausgesetzt. 3
Die öffentliche Erregung steigerte sich noch aufgrund der rätselhaften Umstände, unter denen Germanicus zu Tode kam. 4 Diese öffneten Gerüchten und Verdächtigungen Tür und Tor. Die Menschen waren davon überzeugt, dass sein Tod keines natürlichen Ursprungs gewesen sei, und ein Verantwortlicher war bald gefunden: Tiberius, Princeps und Adoptivvater des Getöteten, habe ihn ermorden lassen. Sein Motiv war eindeutig, denn mehrmals schon habe er sein Missfallen gegenüber Germanicus kaum verbergen können. 5 „…es missfalle eben den Herrschenden das leutselige Wesen der Söhne, 6 und aus keinem anderen Grund seien sie beseitigt worden, als weil sie darauf hingearbeitet hätten, das römische Volk durch Rückgabe der Freiheit rechtlich auf die gleiche Stufe zu stellen.“ 7 Die Ermordung des Germanicus stellt den Höhepunkt einer Reihe von Vorwürfen dar, die Tacitus gegen den Kaiser vorbringt und die die Grundlage seiner negativen Tiberius-Darstellung ausmachen. Sie ist geprägt durch einen Princeps, der sich angeblich durch tyrannische Willkür und niederste Gefühle leiten lässt. 8 Dem Bild des ränkeschmiedenden, verschlossenen und ewig misstrauischen Tiberius stellt Tacitus die leuchtende Heldengestalt des Germanicus kontrastiv gegenüber. 9 Germanicus, leutselig und beliebt bei Volk und
1 Vgl. Tac. ann. 2,82-83, 3,1-5; Dio Cass. 57,18,6; Suet. Cal. 5-6; Ios. ant. Iud. 18,6,8.
2 Vgl. Tac. ann. 2,82,3.
3 Suet. Cal. 5.
4 Zu den Umständen seines Todes vgl. Damon, Cynthia: The Trail of Cn. Piso in Tacitus’ Annales and the
Senatus consultum de Cn. Pisone patre. New Light on Narrative Technique, in: American Journal of Philology: The Senatus consultum de Cn. Pisone patre, hg. v. Cynthia Damon, Baltimore 1999, S. 155-160.
5 Vgl. u.a. Tac. ann. 1,52, 69,5, 2,26,5, 42,1.
6 Mit den „Söhnen“ sind Germanicus und dessen Vater, der Tiberius-Sohn Drusus, gemeint.
7 Tac. ann. 2,82,2.
8 Zum Tiberius-Bild des Tacitus vgl. die einführenden Darstellungen von Klingner, Friedrich: Tacitus über Augustus und Tiberius. Interpretationen zum Eingang der Annalen, München 1954 und Shotter, David: Tacitus and Tiberius, in: Ancient Society 19 (1988), S. 225-236.
9 Vgl. u.a. Tac. ann. 1,33.
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Soldaten, hat mehr als irgendein anderer unter dem Hass und der Eifersucht des Kaisers zu leiden 10 und fällt diesen letzten Endes zum Opfer.
Dieses Schwarz-Weiß-Portrait bestimmt nicht nur die erhaltene Überlieferung, sondern hat auch die Forschung stark beeinflusst. Kaum ein Autor blieb unberührt vom Germanicus-Lob des Tacitus, 11 und seine Wertung wurde häufig unkritisch übernommen. 12 Dies liegt zum einen daran, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema durch das fast völlige Fehlen einer parallelen Überlieferung erschwert wird. Denn die „Annalen“ sind die einzige Quelle, die sich ausführlich mit dem Verhältnis zwischen Tiberius und Germanicus auseinandersetzt. 13 Zum anderen war Tacitus’ Wertung vielen Autoren sehr willkommen, bot sich mit der Idealisierung des Germanicus doch die Möglichkeit, der Niedertracht des Kaisers etwas entgegen zu setzen. 14
Der kritiklose Umgang mit den Quellen hat vor allem in der jüngeren Forschung dazu geführt, dass sich immer mehr Autoren der „Ehrenrettung“ des Tiberius verpflichtet fühlten. Resultat davon war eine tiberiusfreundliche Auslegung des Tacitus, der anhand seiner eigenen Aussagen gegen seine Überzeugungen verwendet wurde. 15 Weitgehende Interpretationen meinen gar, „von irgendwelchen Gegensätzen oder Mißstimmungen zwischen Germanicus und Tiberius [sei] nicht das geringste zu bemerken.“ 16 Wieder andere behaupten, Germanicus sei von Tacitus als potentieller Tyrann gezeichnet worden, während Tiberius lediglich Opfer seiner Gutgläubigkeit und seines schwierigen Charakters gewesen sei. 17 Doch welche dieser Auslegungen ist glaubwürdig und wie war es tatsächlich um die Beziehung zwischen Tiberius und Germanicus bestellt? Wurde Tiberius in seinem Verhalten
10 Vgl. Borzsák, St.: Das Germanicusbild des Tacitus, in: Latomus 28 (1969), S. 597.
11 Vgl. Borzsák, I.: Zum Verständnis der Darstellungskunst des Tacitus. Die Veränderungen des Germanicus-Bildes, in: Acta Antiqua 18 (1970), S. 283.
12 In der jüngeren Forschung ist hier insbesondere Koestermann zu nennen, der Tacitus’ Bewertung weitgehend folgt. Vgl. Koestermann, Erich: Die Feldzüge des Germanicus 14 - 16 n.Chr., in: Historia 6 (1957), S. 429-479 und Koestermann, Erich: Die Mission des Germanicus im Orient, in: Historia 7 (1958), S. 331-375.
13 Zumal die wenigen vorhandenen Parallelquellen in der Verherrlichung des Germanicus und einer notorischen Tiberiusfeindlichkeit mit Tacitus übereinstimmen. Vgl. insbesondere den Beginn der Caligula-Vita Suetons (Cal. 1-5) und Dio Cass. 57,3-7 bzw. 57,18,6-10. Eine Ausnahme stellt nur die „Römische Geschichte“ des Velleius Paterculus dar. Da Germanicus im Werk des Velleius jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielt, sind seine Ausführungen für diese Untersuchung wenig hilfreich. Zu den Problemen der Überlieferung vgl. Timpe, Dieter: Der Triumph des Germanicus, Untersuchungen zu den Feldzügen 14-16 n.Chr. in Germanien, Bonn 1968, S. 1-23, Klingner (wie Anm. 8) 37-45 und Borzsák (wie Anm. 11) 281-283.
14 Vgl. Borzsák (wie Anm. 11) 283.
15 Kornemann, Ernst: Tiberius, Stuttgart 1960 ist Tiberius gegenüber besonders wohlwollend gesonnen. Auch Shotter (wie Anm. 8) bringt Tiberius und seinen Intentionen viel Verständnis entgegen, beurteilt Germanicus aber wesentlich kritischer als Kornemann. Vgl. auch die Germanicuskritik von Borzsák (wie Anm. 10 bzw. wie Anm. 11) und Schrömbges, Paul: Tiberius und die Res publica Romana. Untersuchungen zur Institutionalisierung des frühen römischen Prinzipats, Bonn 1968. Ausgesprochen germanicusfeindlich ist Marsh, Frank Burr: The reign of Tiberius, Cambridge 1959. Seine ironischen und abwertenden Bemerkungen über Germanicus grenzen oftmals an Polemik.
16 Kornemann (wie Anm. 15) 86.
17 Vgl. Borzsák (wie Anm. 10) 288.
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gegenüber Germanicus wirklich allein durch Eifersucht und Misstrauen getrieben und war Germanicus ausschließlich Opfer eines tyrannischen Princeps? Waren die Verhältnisse genau umgekehrt? Oder finden sich Argumente, die ein differenzierteres Bild vom Verhältnis beider Männer nahe legen, die Existenz eines Konflikts gar generell in Frage stellen? Diesen Fragen gilt es im Folgenden auf den Grund zu gehen. Im Mittelpunkt meiner Untersuchung werden die wichtigsten Etappen und Ereignisse im Verhältnis zwischen Tiberius und Germanicus stehen. Ausgehend von Tacitus’ Bericht ist in einer Analyse der Meuterei am Rhein, der Germanienfeldzüge und der Orient-Mission des Germanicus danach zu fragen, ob Unstimmigkeiten zwischen beiden Männern bestanden und, wenn ja, worauf diese zurückzuführen sind. Dabei gilt es, trotz einseitigen und tendenziösen Quellenmaterials auf eine möglichst ausgewogene Bewertung der Tiberius-Germanicus-Beziehung zu schließen. Eine Untersuchung der Vorwürfe, denen Tiberius nach dem Tod des Germanicus ausgesetzt war, schließt die Arbeit ab.
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1. DIE ADOPTION DES GERMANICUS DURCH TIBERIUS
Folgt man Tacitus, wurde Tiberius’ Beziehung zu Germanicus von der Angst des Kaisers vor einem Rivalen dominiert. 18 Misstrauen und Neid waren ein Resultat der Furcht vor dem jüngeren und beliebteren Konkurrenten.
Der Ursprung dieser Angst ist vermutlich schon in der Regierungszeit des Augustus anzusetzen: Germanicus erfreute sich der besonderen Gunst des ersten Princeps und wurde von ihm mit bedeutenden Aufgaben bedacht. 19 Unter anderem durfte er die Magistraturen schon vor der gesetzlichen Zeit übernehmen und wurde für seine frühen Verdienste auf dem Schlachtfeld und in der Politik mit vielfachen Auszeichnungen belohnt. 20 Tiberius hingegen musste stets um die Anerkennung des Augustus kämpfen. Obwohl politisch durch eine beachtliche Karriere aufgewertet, brachte der Kaiser seine Vorbehalte gegenüber Livias Sohn durch dessen Zurücksetzung immer wieder zum Ausdruck. 21
Dies wird vor allem in der Nachfolgepolitik des Augustus deutlich. Sein Ziel war, die neu geschaffene Herrschaftsform des Prinzipats dauerhaft in der domus Augusta zu verankern. 22 Diesem Prinzip folgend, hatte Augustus immer wieder versucht, seine Stellung an einen direkten Nachkommen seiner Linie weiterzugeben. Mehrmals musste er sich nach einem neuen Erben umsehen, da sein designierter Nachfolger verstarb. 23 Sein letzter Ausweg war die Berufung des Tiberius, den er am 26. Juni 4 n. Chr. adoptierte. 24 Diese Adoption hatte jedoch einen bitteren Beigeschmack, da sie an eine Bedingung geknüpft war: Tiberius wurde gezwungen, seinerseits seinen Neffen Germanicus zu adoptieren, „obwohl in der Familie des Tiberius ein jugendlicher Sohn lebte“. 25
Sinn und Zweck des Ganzen war das Folgende: Germanicus wurde ein Jahr später mit Augustus’ Enkelin Agrippina verheiratet. 26 Die aus dieser Ehe geborenen Söhne würden
18 Vgl. Tac. ann. 1,7,6, 1,52,1, 2,5,1 u.a.; Dio Cass. 57,3,1, 57,6,2; Suet. Cal. 6,2.
19 Vgl. Koestermann (wie Anm. 12) 429.
20 Vgl. Suet. Cal. 1,1. Zur frühen Karriere des Germanicus vgl. außerdem: Eck, Werner: s.v. Germanicus, in: DNP, Bd. 4, Stuttgart 1998, Sp. 964, Christ, Karl: Drusus und Germanicus: der Eintritt der Römer in Germanien, Paderborn 1956, S. 65-77 und Schrömbges (wie Anm. 15) 160-161.
21 Vgl. Haehling, Raban von: Tiberius, in: Die römischen Kaiser. 55 Porträits von Caesar bis Iustinian, hg. v. Manfred Clauss, München 1997, S. 50-55.
22 Vgl. Eck (wie Anm. 20) 964.
23 Vgl. Tac. ann. 1,3,2-3.
24 Vgl. Tac. ann. 1,3,3. Durch Tiberius’ Heirat mit Julia, der Tochter des Augustus, 11 n. Chr. hatte der spätere Thronfolger schon früher viel versprechende Aussichten auf die Nachfolge gehabt. Die bald zerrüttete Ehe und die auffällige Förderung der von Augustus adoptierten Söhne Julias, Gaius und Lucius minderten seine Chancen jedoch wieder beträchtlich. Vgl. Eck, Werner: s.v. Tiberius, in: DNP, Bd. 12/1, Stuttgart 1998, Sp. 532-533.
25 Tac. ann. 1,3,5. Vgl. auch Suet. Tib. 15,2. Auf dem campus Agrippae wurde zur Erinnerung an den doppelten Adoptionsakt wohl noch unter Augustus die ara Providentiae errichtet. Vgl. SC de Cn. Pisone Z. 82-84.
26 Vgl. Tac. ann. 1,33,1.
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wieder direkte Nachfahren des Augustus sein. 27 Auf diese Weise sorgte Augustus dafür, dass seine leiblichen Nachkommen nach einer Phase des Übergangs wieder an die Macht gelangen würden. Tiberius hingegen nahm lediglich die Position eines Platzhalters ein. Zudem wurde sein eigener Sohn Drusus durch die erzwungene Adoption des Germanicus von der Nachfolge ausgeschlossen, obwohl dieser in einem Alter war, in dem er hoffen konnte, seinen Vater zu beerben. 28 Gerüchte besagten gar, dass wäre Germanicus älter gewesen, er von Augustus direkt als Erbe eingesetzt worden wäre. 29
Es ist kaum überraschend, dass Germanicus’ Position in Augustus’ Plänen die Abneigung des Tiberius erregte. Die offene Bevorzugung des jungen Mannes durch den Kaiser war geradezu prädestiniert dazu, seinen Neid zu erwecken. Zudem musste die Begünstigung des Germanicus diesen in seinem Ehrgeiz bestärken. Es ist möglich, dass Tiberius schon damals seine zukünftige Stellung durch Germanicus als gefährdet erachtete. 30 Zwar ließ er sich nichts anmerken und sah wohl auch keine Möglichkeit, sich gegen seinen übermächtigen Adoptivvater aufzulehnen. Doch trug die gesamte Familienpolitik des Augustus von vorneherein Keime langfristiger Auseinandersetzungen in sich, die nur darauf warteten, zum Ausbruch zu kommen. 31
27 Vgl. Thiel, Johannes H.: Kaiser Tiberius. Ein Beitrag zum Verständnis seiner Persönlichkeit, Darmstadt 1970, S. 47.
28 Vgl. Shotter, David: Tacitus, Tiberius and Germanicus, in: Historia 17 (1968), 195.
29 Vgl. Suet. Cal. 4. Außerdem: Shotter, David: Tiberius Caesar, London 1992, S. 35.
30 Vgl. Shotter (wie Anm. 28) 195.
31 Vgl. Koestermann, Erich: Cornelius Tacitus, Annalen, Bd. 1: Buch 1-3, Heidelberg 1963, S. 72.
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2. DIE MEUTEREI AM RHEIN 14 N. CHR.
2.1 Die Loyalitätsfrage
Die Regierungsübernahme des Tiberius und die Meuterei am Rhein 14 n. Chr. sind die ersten Ereignisse, in deren Zusammenhang sich die Quellen ausführlicher zur Beziehung zwischen Tiberius und Germanicus äußern. Es bietet sich außerdem die Möglichkeit, einen genaueren Blick auf die Persönlichkeiten beider Männer zu werfen.
Wie die Untersuchung der augusteischen Nachfolgepolitik gezeigt hat, ist davon auszugehen, dass Tiberius bei seiner Regierungsübernahme ein gewisses Misstrauen gegenüber seinem Neffen empfunden haben wird. Tacitus bringt seine Ängste in pointierter Form zum Ausdruck:
„[Tiberius fürchtete], Germanicus, in dessen Hand sich so viele Legionen und unermessliche Hilfstruppen der Bundesgenossen befanden, 32 der eine erstaunliche Beleibtheit beim Volke genoss, könnte die Herrschaft lieber in Händen halten, als auf sie warten wollen.“ 33
Tatsächlich sollte Germanicus’ Treue zum neuen Princeps auf eine ernste Probe gestellt werden. Denn als die Truppen am Rhein und in Pannonien vom Tod des Augustus erfuhren, nutzten sie die unruhigen Verhältnisse des Regierungswechsels, um bessere Dienstbedingungen zu erzwingen. Neben Forderungen nach einer höheren Besoldung und besseren Behandlung durch die Offiziere, Entlassung der Veteranen und Verkürzung der Dienstzeit 34 beanspruchten die Soldaten am Rhein auch ein politisches Mitspracherecht: Sie wollten Germanicus an Stelle von Tiberius zum Kaiser machen. 35 Es ist kein Zufall, dass die Truppen ausgerechnet Germanicus den Prinzipat anboten. Der junge Kommandeur zeichnete sich offenbar durch ein besonders gewinnendes Wesen und eine Leutseligkeit aus, die sich deutlich vom missmutigen und verschlossenen Wesen des Tiberius unterschied und ihm bei Volk und Soldaten zu großer Beliebtheit verhalf. 36 Seine
32 Germanicus war das Kommando über die acht Legionen am Rhein noch durch Augustus übertragen worden. Vgl. Tac. ann. 1,3,5.
33 Tac. ann. 1,7,6.
34 Vgl. Tac. ann. 1,17 und 1,35,1-2; Dio Cass. 57,4,2 und 57,5,1; Vell. 2,125,2.
35 Vgl. Tac. ann. 1,31,1; Dio Cass. 57,5,1; Suet. Cal. 1,1; Vell. 2,125,1.
36 Vgl. u.a. Tac. ann. 1,33,2; Suet. Cal. 3-4.
8
Popularität wurde zusätzlich gesteigert durch die Erinnerung an seinen Vater Drusus, unter dem viele der älteren Soldaten noch gekämpft hatten:
„des Drusus Andenken stand beim römischen Volk in hohen Ehren, und man glaubte, wäre er zur Herrschaft gelangt, dann hätte er die Freiheit zurückgebracht: daher übertrug man auf Germanicus die gleiche Zuneigung und Hoffnung;“ 37
Einen großen Teil seines Ansehens hatte Germanicus also seinem Vater zu verdanken, der als Gegner der Monarchie galt. Jedoch täuschten sich die Soldaten in Germanicus, wenn sie die angebliche politische Orientierung seines Vaters auf ihn übertrugen. Weder hatte er vor, das monarchische System zu ändern, noch dachte er daran, das Angebot der Meuterer anzunehmen. Im Gegenteil hatte er sich und seine Umgebung sofort auf Tiberius vereidigt, als er vom Tod des Augustus erfahren hatte. 38 Auch nachdem ihm die Truppen ihr Angebot angetragen hatten, lehnte er jeglichen Ungehorsam gegenüber dem neuen Princeps strikt ab. Seine Loyalität gegenüber Tiberius stand in keinem Moment in Frage. 39 Man sollte also davon ausgehen, dass Tiberius’ Befürchtungen zunächst beruhigt wurden. Doch hatte die Geschichte natürlich zwei Seiten: Auch wenn Germanicus seine Ehrenhaftigkeit und Loyalität deutlich unter Beweis gestellt hatte, war seine Popularität und sein Einfluss bei den Truppen nun erst recht für jedermann augenfällig geworden. Einem Menschen wie Tiberius, der seinem Adoptivsohn von vorneherein misstrauisch gegenüberstand, wird dieser Umstand nicht gefallen haben.
2.2 Die Unterdrückung der Meuterei
Bisher konnte man sich weitgehend an Tacitus’ Version der Ereignisse orientieren. Denn tatsächlich stellte sich das Misstrauen des Kaisers gegenüber der Loyalität seines Kommandeurs als ungerechtfertigt heraus. Wendet man sich aber dem weiteren Verlauf bzw. dem Ende der Meuterei und ihrer Bedeutung für die Beziehung zwischen Tiberius und Germanicus zu, wird man mit einigen Problemen konfrontiert. Tacitus berichtet ausführlich davon, konzentriert sich jedoch stets auf den zwischenmenschlichen Aspekt, auf die
37 Tac. ann. 1,33,2.
38 Vgl. Tac. ann. 1,34,1.
39 Zur Loyalität des Germanicus vgl. auch Koestermann (wie Anm. 31) 156 und Yavetz, Tsevi: Tiberius, München 1999, S. 37.
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Idealisierung seines Helden und die Kritik am Kaiser. 40 Der Versuch einer ausgewogenen Beurteilung von Germanicus’ Entscheidungen und Aktionen zur Unterdrückung der Meuterei, die für sein Verhältnis zu Tiberius von zentraler Bedeutung sind, muss sich zwar auf Tacitus stützen: Die Quellenlage lässt keine andere Möglichkeit zu. Sie kann dies jedoch nur indirekt und mit Bedacht tun. Ein Blick auf den weiteren Hergang der Rebellion verdeutlicht das.
2.2.1 Germanicus’ Maßnahmen zur Unterdrückung der Meuterei
Nachdem Germanicus das Angebot der Legionen brüskiert zurückgewiesen hat, bemüht er sich in einer flammenden Rede darum, die Meuterer zur Aufgabe zu bewegen. Er lobt den neuen Kaiser in den höchsten Tönen 41 und erinnert die Soldaten an ihre Pflichten. 42 Als das die erwünschte Wirkung verfehlt, droht Germanicus, eher sterben zu wollen, als die Treue gegenüber Tiberius zu brechen, und kann nur mit Mühe vom Selbstmord abgehalten werden. 43
Bereits hier ist es lohnenswert, die Abfolge der Ereignisse zu verlassen und einen Blick auf Germanicus’ Auftreten zu werfen: Rede und Handeln des Kommandeurs zeichnen sich durch eine gewisse Theatralik aus. Diese ist Ausdruck einer ihm eigenen Impulsivität und Emotionalität, die von Tacitus durchaus positiv hervorgehoben wird. 44 Löst man sich jedoch vom idealisierenden Urteil des Historikers und wirft einen nüchternen Blick auf Germanicus’ Auftritt, so zeichnet sich dieser vor allem durch einen Mangel an erforderlicher Besonnenheit aus. 45 Schließlich scheitert Germanicus in seinem Vorhaben, die Meuterer zur Aufgabe zu
40 Die unsachliche und einseitige Verunglimpfung des Tiberius durch den Historiker tritt exemplarisch in der Darstellung der Regierungsübernahme durch den neuen Princeps hervor. Sowohl Tacitus als auch Sueton und Cassius Dio bemängeln die hinhaltende Art, mit der Tiberius eine Entscheidung zur Annahme des Prinzipats hinauszögert. Letztere nennen jedoch einen triftigen Grund für sein Benehmen: Das bedenkliche Verhalten der Heere in Germanien und Pannonien und ihren Anspruch, Germanicus zum Kaiser zu machen. Indem Tiberius die Entscheidung zur Regierungsübernahme in der Schwebe ließ, konnte er den Verlauf der Meuterei abwarten. Gegebenenfalls hätte er sich auf eine Mitherrschaft des Germanicus einlassen können oder sogar ganz auf die Herrschaft verzichtet (Vgl. Suet. Tib. 25 und Dio Cass. 57,3,1-2). Tacitus hingegen verschweigt den Zusammenhang zwischen Zaudern und Meuterei. Dadurch hat das Verhalten des Tiberius keine nachvollziehbaren Gründe mehr. Es ist keine Rede davon, dass er die bedrohliche Haltung der meuternden Legionen richtig einschätzt und sich so verhält, dass es nicht zum Bürgerkrieg kommen muss, wenn das Rheinheer seinen Willen durchsetzt. Alles, was bleibt, ist ein grundloses Misstrauen des Tiberius gegenüber dem allseits beliebten Germanicus. Vgl. zu dieser Thematik Klingner (wie Anm. 8) 26-36.
41 Vgl. Tac. ann. 1,34,4.
42 Vgl. Tac. ann. 1,35,1.
43 Vgl. Tac. ann. 1,35,4; Dio Cass. 57,5,2.
44 Vgl. u.a. Germanicus’ Appell an die Soldaten 1,42-43, sein nächtlichen Erkundigungsgang Tac. ann. 2,13 und die darauf folgende Ansprache 2,14.
45 Tacitus’ Darstellung von Germanicus’ dramatischem Verhalten ist in der Forschung häufig als versteckte Kritik des Historikers gewertet worden. Borzsák (wie Anm. 11) 284 zufolge betone Tacitus die „klägliche Rolle“
10
bewegen - und das trotz seiner Popularität bei den Truppen. Die Brisanz der Lage verlangt offensichtlich einen kühlen Kopf und ein Maß an Erfahrung, das Germanicus abgeht. Vergleicht man seinen Hang zur Dramatik nun mit der Zurückhaltung und Nüchternheit des Tiberius, so werden die Diskrepanzen zwischen beiden Persönlichkeiten besonders deutlich. Ihr Temperament war nicht miteinander vereinbar. So wird Germanicus’ Auftreten den Princeps kaum von der Kompetenz seines Kommandeurs überzeugt, sondern eher sein Unverständnis hervorgerufen haben. 46 Auch wenn Tiberius die Intention seines Adoptivsohns sicher begrüßte, musste ihm sein Vorgehen würdelos erscheinen. Mag Germanicus’ Verhalten vom Kaiser bisher als unangebracht erachtet worden sein, so wird sein weiteres Vorgehen ihn ernstlich verstimmt haben. Denn als sich die Situation weiter zuspitzt, folgt Germanicus dem Rat seiner Begleiter und gibt den Forderungen der Meuterer nach. In einem gefälschten Brief werden ihnen im Namen des Princeps Dienstentlassungen und Geldspenden zugesagt, 47 ohne dass Tiberius davon in Kenntnis gesetzt wurde. Als die Soldaten das Täuschungsmanöver durchschauen, fordern sie die sofortige Umsetzung der Versprechen, so dass Germanicus gezwungen ist, die Truppe aus eigener Tasche zu bezahlen. 48
Auch wenn das Vorgehen des Prinzen von Tacitus in keiner Weise getadelt wird, ist kaum davon auszugehen, dass diese Maßnahmen die Billigung des Kaisers gefunden haben werden. Durch das schnelle Entgegenkommen gegenüber den „Forderungen des Pöbels“ wird Germanicus den Ansprüchen seines Postens nicht gerecht. Nachgiebigkeit und Inkonsequenz lassen Zweifel an seiner Kompetenz aufkommen. 49 Mit der Bewilligung finanzieller Mittel überschritt er zudem seine Zuständigkeit, denn Entscheidungen solcher Tragweite waren ausschließlich dem Nachfolger des Augustus vorbehalten. 50 Tiberius wird die Eigenmächtigkeit, die Germanicus hier an den Tag legte, nicht begrüßt haben.
des unerfahrenen Kommandeurs. In beobachtendem Misstrauen stelle er dessen Schwäche und Hilflosigkeit bis hin zur theatralischen Geste des versuchten Selbstmords heraus. Auch Shotter (wie Anm. 28) stimmt dieser Wertung zu. Meiner Meinung nach kann hier von Kritik jedoch keine Rede sein. Im Gegenteil hebt Tacitus die Impulsivität seines Helden immer wieder als positiven Charakterzug hervor (vgl. Anm. 44). Die Tatsache, dass Germanicus trotz seines energischen Auftretens keinen Anklang bei den Meuterern findet, betont vor allem die Unnachgiebigkeit und Gewissenlosigkeit der Soldaten, impliziert aber noch keine Kritik an Germanicus.
46 Vgl. Shotter (wie Anm. 29) 36.
47 Vgl. Tac. ann. 1,36,3; Dio Cass. 57,5,3.
48 Vgl. Tac. ann. 1,37,1.
49 Tiberius Missfallen über Germanicus’ Konzessionen zeigt sich vor allem daran, dass er diese zunächst auch für die meuternden pannonischen Legionen bewilligte, sie aber schon ein Jahr später wieder aufhob. Nach Beseitigung der akuten Gefahr gab es keinen Grund mehr, sich nachgiebig zu zeigen. Vgl. dazu Haehling (wie Anm. 21) 60.
50 Vgl. Shotter (wie Anm. 29) 22.
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