Inhalt
I. Einleitung
1
A. Theoretischer Teil
II. Jugend und Pubertät
6
II.1 Pubertät und Adoleszenz 6
II.2 Lebensphase Jugend 8
II.2.1 Entwicklungskrisen nach E. H. Erikson 8
II.2.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter nach R. J. Havighurst 10
II.2.3 Modell der produktiven Realitätsverarbeitung nach
Hurrelmann 11
II.2.4 Identitätsentwicklung/ -findung als zentrales Element der
Lebensphase Jugend 14
III. Jugend und Sexualität - Sexualität und Jugend
16
III.1 Menschliche Sexualität 16
III.1.1 Definition 16
III.1.2 Zweck und Funktion von Sexualität 18
III.1.3 Ganzheitliche Betrachtungsweise von Sexualität 18
III.2 Jugendsexualität 19
IV. Pornographie
20
IV.1 Der Begriff ,Pornographie 20
IV.1.1 Rechtlicher Hintergrund 21
IV.2 Inhalt und Nutzen von Pornographie 22
IV.3 Internetpornographie 23
IV.4 Wirkung von Pornographie 26
IV.4.1 Wirkung von Pornographie auf die sexuellen Skripte Erwachsener 26
IV.4.2 Wirkung von Pornographie auf die sexuellen Skripte Jugendlicher 27
V. Aktuelle Studien zum Thema Jugend und Jugendsexualität 31
V.1 Die 16. Shell-Jugendstudie ....................................................................................... 31 V.2 BZgA-Studie „Jugendsexualität“ ............................................................................ 33 V.3 BRAVO Dr. Sommer-Studie ..................................................................................... 35
VI. Zwischenfazit 37
B. Empirischer Teil
VII. Forschung Generation Porno?! - Jugendsexualität in Osnabrück 40
VII.1 Umfrage - Jugend, Sexualität und Pornographie ................................................ 40 VII.2 Ergebnisse der Umfrage ....................................................................................... 41 VII.3 Auswertung und Interpretation der Ergebnisse ................................................. 57 VII.4 Auswertung der Interviews mit pro familia ........................................................ 59
VIII. Zusammenführen der Ergebnisse aus Teil A und B 62
IX. Fazit 65
X. Literatur- und Quellenverzeichnis 67
I. Einleitung
Joey und Chandler entdecken zufällig, dass sie einen eigentlich gebührenpflichtigen Porno-Kanal, kostenfrei uncodiert sehen können. Sie glauben, dass sie diesen verlieren, sobald sie den Kanal wechseln oder den Fernseher gar ausschalten. Also läuft in ihrer Wohngemeinschaft 24 Stunden am Tag der Porno-Kanal. Nach einigen Tagen Dauerporno kommt es zu folgendem Dialog:
Chandler: „Mir ist heute etwas total Merkwürdiges passiert. Ich war bei meiner Bank und
da war diese Bankangestellte, und sie hat mich nicht aufgefordert es mit ihr im Tresorraum
zu tun!“
Joey: „Sowas Ähnliches ist mir auch passiert. Eine Pizzalieferantin kommt, bringt mir Pizza,
nimmt das Geld und geht!“
Chandler: „Was? Kein ,Oh, schön hast du es hier; ich wette das Schlafzimmer ist riesig!?‘“ Joey (entsetzt): „Nein!“
Chandler: „Weißt du was? Ich glaube wir müssen den Porno-Kanal abschalten.“ 1
Im Gegensatz zu Chandler und Joey aus der US-Sitcom Friends, sind die Menschen heute auf solch ,glückliche‘ Umstände nicht angewiesen. ,Softe‘ oder ,weiche‘ Pornographie begegnet uns im Alltag auf Werbeplakaten, im Fernsehen oder Kino, in der Musik sowie im Internet, aber auch der Zugriff auf ,Hardcore‘-Pornographie ist viel einfacher und vor allem kostengünstiger geworden. Dank des Internets haben Kinder und Jugendliche ebenso mühelos Zugang zu jeglicher Art von Pornographie. Dabei müssen sie nicht einmal aktiv danach suchen. Ein auffälliger Werbe-Pop-Up, ein falscher Klick oder eine Suche bei ,Google‘ verlinken uns mit der Welt der Pornographie. Die Möglichkeit des Konsums ist grenzenlos, egal wie alt der Konsument ist.
Seitdem Deutschlands größtes Boulevardblatt BILD im Juni 2006 unter dem Titel „Warum zeigen immer mehr Menschen ihre privaten Sexfilme im Internet?“ über youporn.com berichtete, ist diese zu einer der meistgeklicktesten Webseiten Deutschlands geworden. Nach Angaben von alexa.com, das aufgrund des verursachten Datenverkehrs Rankings erstellt,
1 frei übersetzt nach Friends, Staffel 4 Folge 17 - The One With The Free Porn (Erstausstrahlung 26.3.1998
NBC) -
1
fällt youporn.com weltweit auf Platz 77 2 und in Deutschland sogar auf Platz 27 3 . Aber nicht nur youporn.com sondern auch zahlreiche andere Porno-Plattformen bieten ihre Dienste kostenfrei, ohne wirkliche Altersprüfung im Internet an und dank bezahlbarer Internetflatrates und Highspeedinternet passiert das sogar in einer sehenswerten Qualität. Nebenbei erhalten sogenannte ,Porno-Rapper‘, wie ,Frauenarzt‘, ,Sido‘ o.ä. mit Titeln wie ,Spreiz deine Beine‘ 4 oder dem ,Arschficksong‘ 5 auf musikalischem Wege Einzug in die Kinderzimmer. Sie transportieren dabei nicht nur stark pornographisiertes Vokabular, sie vermitteln auch gleichzeitig eine menschen- (insbesondere aber auch frauen-) verachtende Einstellung zu Sexualität. Jugendliche müssen nicht auf einen glücklichen Zufall, wie ihn Chandler und Joey erlebt haben warten, sie müssen auch nicht mehr nach alten Pornoheftchen in Papiercontainern suchen, sich auf der Suche nach pornographischem Input auf ältere Geschwister oder Freunde verlassen oder ,zufällig‘ auf die geheime elterliche Pornosammlung stoßen, durch den technischen Fortschritt ist neuer Input permanent möglich. Die immer stärker werdende Sexualisierung der Medien und der Gesellschaft und die damit verbundene befürchtete Veränderung von Geschlechterrollen und -stereotypen beunruhigt Jugendschützer und Pädagogen.
Im Juni 2006 erschien im Magazin ,Stern‘ ein Artikel mit dem Titel: „Sexuelle Verwahrlosung: Voll Porno! - Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“, welcher eine Welle der Entrüstung über die ,heutige Jugend‘ in Deutschland auslöste. Gleichzeitig erschien ein Buch mit dem Titel „Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist.“ vom evangelischen Pastor und Leiter des Vereines Arche e.V. Bernd Siggelkow, der bereits im Jahr zuvor massenwirksam auf Deutschlands vergessene Kinder hinwies, und mit seinem zweiten Werk an Einzelfallbeschreibungen die schrecklichen Schicksale von sexuelle verwahrlosten Jugendlichen präsentiert. Seitdem reiht sich eine schwarzmalende Nachricht über die sexuell verrohte Jugend von heute an die nächste. Auch die Dokumentation 37° mit dem Titel ,Generation Porno - Wenn Kinder hartem Sex begegnen‘ 6
2 http://www.alexa.com/siteinfo/youporn.com
3 http://www.alexa.com/topsites/countries;1/DE
4 - Fußnote bezieht sich auf Anhang, der nicht im Lieferumfang enthalten ist (Anm. d. Red.)
5 - Fußnote bezieht sich auf Anhang, der nicht im Lieferumfang enthalten ist (Anm. d. Red.)
6 - Fußnote bezieht sich auf Anhang, der nicht im Lieferumfang enthalten ist (Anm. d. Red.)
2
des ZDF vom 13.04.2009 suggeriert dem Zuschauer ein dramatisches Bild von einer sexuell verwahrlosten Jugend - promiskuitive 14-jährige Mädchen, die schon mehr als 6 verschieden Sexualpartner hatten, ein 14-Jähriger der täglich Pornos konsumiert und sich selbst als pornosüchtig bezeichnet oder 12-jährige die gemeinsam Porno-Rap hören, die Lieder lauthals mitgröhlen und den Slang aus diesen in ihren Alltagswortschatz integrieren. Doch inwiefern sind diese Bilder, die in den Medien momentan kursieren, ein Abbild der Normalität und inwieweit haben diese Inhalte wirklich Einfluss auf die sexuelle Entwicklung, die Persönlichkeitsentwicklung und die Bildung des Selbstkonzepts von Jugendlichen? Wo stehen die Jugendlichen in ihrer persönlichen Entwicklung? Wie gehen Jugendliche mit dieser medialen Vielfalt um? Welche Werte hat ,die Jugend von heute‘? Besitzt unsere Jugend vielleicht keine Werte und keine Moral mehr? Ist der liberale Umgang mit Sexualität gar zu liberal?
Ein immer wieder auftretendes Stichwort ist der sogenannte ,Habitualisierungseffekt‘, ein Begriff aus der Lernpsychologie, der meint, dass ein Mensch sich an Reize/ Stimuli gewöhnt und diese dann als ,wahr‘ betrachtet. Dieser schwingt auch im Eingangsdialog zwischen Joey und Chandler mit, die durch das Ansehen von übermäßig viel pornographischen Darstellungen, eben diese mit der Realität verwechseln und sich über die von ihrer ,neuen‘ Realität abweichenden Verhaltensweisen der Frauen, denen sie begegnen, wundern. Wie stark ist dieser Habitualisierungseffekt in Bezug auf Pornographie tatsächlich und wie beeinflusst er die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen?
Auf diese Fragen - kurz gefasst auf die Frage: Wie tickt eigentlich die ,Jugend von heute‘? - soll die vorliegende Bachelorarbeit versuchen Antworten zu finden. Allerdings kann dies nur eingeschränkt passieren, da der Forschungsstand zu dieser Thematik noch nicht sehr weit fortgeschritten ist. Eine Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Pornographie auf Jugendliche findet kaum statt und auch Langzeituntersuchungen, die Aussagen zur Veränderung des Sexualverhalten geben können, existieren nicht. Hierauf kann somit auch in der vorliegenden Bachelor-Arbeit keine Antwort gegeben werden. Dennoch gibt es einige wichtige Studien, die sich mit der Jugend und mit der Jugendsexualität und damit einhergehend auch mit dem Pornographie-Konsum Jugendlicher beschäftigen, so dass die vorliegende Arbeit eine Art Momentaufnahme der Einstellungen, Werte und Normen der Jugend des beginnenden 21. Jahrhunderts darstellen soll.
3
Dazu wird im zweiten Kapitel die Jugend als eigenständige Lebensphase betrachtet und die Veränderungen, die während der Pubertät und Adoleszenz passieren, beschrieben, welche dann als Basis für das Verstehen von Sexualität bzw. Jugendsexualität insbesondere mit Blick auf den Identitätsfindungsprozess für den weiteren Verlauf der Arbeit dienen soll. Das dritte Kapitel widmet sich dann der Sexualität im Allgemeinen. Hier soll festgestellt werden was Sexualität ist, welche Funktionen und welche Ziele sie hat. Im vierten Kapitel geht es um Pornographie, Pornographiekonsum und die möglichen/ befürchteten Auswirkungen, die dieser auf die sexuelle Entwicklung Jugendlicher hat. Im Hinblick auf die neuen Medien und die freie Zugänglichkeit von Informationen jeglicher Art, stellt die Inter-netpornographie hier ein zentrales Thema dar. Die Shell-Jugendstudie, die Studie der BZgA zur Jugendsexualität und die Dr. Sommer Studie der BRAVO geben regelmäßig Einblick in die Lebenswelt und -wirklichkeit der Jugendlichen, daher werden im fünften Kapitel die relevanten Ergebnisse der jeweils letzten Befragung zusammengefasst und die Ergebnisse aller in einem Zwischenfazit (VI) zusammengeführt. Im empirisch angelegten siebten Teil wird eine eigens für diese Arbeit konzipierte Umfrage zum Thema „Generation Porno“, die mit Osnabrücker Jugendlichen durchgeführt wurde, vorgestellt, ausgewertet und mit den in Kapitel V erarbeiteten Ergebnissen verglichen. Zusätzlich haben Interviews mit einem Sexualpädagogen für Jungen und einer Sexualpädagogin für Mädchen, beide Mitarbeiter der pro familia Osnabrück, stattgefunden, die die Umfrageergebnisse ergänzen sollen. Zuletzt werden dann in Kapitel VIII alle Ergebnisse zusammengetragen und versucht das Bild der ,Jugend von heute‘ zu zeichnen.
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II. Jugend und Pubertät
„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Dieses Zitat von Sokrates ist bereits um die 2400 Jahre alt, doch an der Einstellung und den Vorurteilen Jugendlichen gegenüber hat sich wenig geändert. ,Die Jugend‘ ist immer wieder (Streit-)Thema in Gesellschaft und Medien und wirft genauso oft Fragen zu ihrem Verhalten und ihrer Attitüde auf. Es bedarf allerdings eines tieferen Einblickes in die Lebenswelt der Jugendlichen - unter Einbezug von biologischen, soziologischen und auch psychologischen Aspekten - um zu verstehen welchen Prozess die Jugendlichen in dieser Phase des Lebens durchlaufen und welche Anforderungen, bzw. Herausforderungen damit verbunden sind. Daher soll es im folgenden Kapitel vorrangig um die Jugend als neu beschriebene Lebensphase gehen, die die Pubertät und die Adoleszenz als wichtige Stationen im Leben eines Menschen einschließt und den Übergang vom Kind zum Erwachsenen darstellt. Im ersten Teil (II.1) sollen zunächst die Begriffe Adoleszenz und Pubertät definiert und voneinander abgegrenzt werden. Im Folgenden wird die Jugend als eigenständige Lebensphase anhand unterschiedlicher Theorien und Modelle beschrieben (II.2) und die Identitätsfindung als zentrales Element dieser Lebensphase herausgearbeitet (II.2.4).
II. 1 Pubertät und Adoleszenz
Pubertät und Adoleszenz stellen wichtige Phasen im Leben von Jugendlichen dar. Dieser Lebensabschnitt ist sehr bedeutsam für die weitere Entwicklung eines jeden Individuums, da der Umgang mit den sich stellenden Herausforderungen und die Erfahrung in dieser Zeit maßgeblich zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen.
Der Begriff Pubertät bezieht sich vorwiegend auf die biologische Entwicklung hin zur Geschlechtsreife in dieser Zeit (vgl. Kluge/ Jahn 1996, S. 11). Die Pubertät beginnt bei Mädchen wie Jungen mit einer vermehrten Ausschüttung von Sexualhormonen wie z.B. Testosteron und Östrogen. Diese Hormone kommen in unterschiedlicher Menge bei beiden Geschlechtern vor und bewirken die vollständige Ausbildung der primären (Genitalien) und sekundären (Brust, Körperbehaarung) Geschlechtsmerkmale (vgl. ebd. S.10). Was nun ge-
6
nau den Beginn des Ausschüttungsmechanismus bestimmt, ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt, denn Startzeitpunkt und Verlauf der hormonellen Veränderungen und somit der Pubertät variieren stark (vgl. ebd. S.31f).
Der Ausdruck ,Adoleszenz‘ schließt natürlich all diese pubertären, körperlichen Vorgänge mit ein, bezieht sich jedoch mehr auf die daraus resultierenden psychosozialen Konsequenzen für Jugendliche. Mittlerweile „ist klargeworden, dass das Reifealter thematisch nicht nur auf die rasante Körperentwicklung beschränkt bleibt, sondern auch eine psychosexuelle, seelisch-geistige, sozial-kommunikative und sozio-kulturelle Komponente hat“ (ebd. S.11). Die ist für den Jugendlichen oft nicht ganz unproblematisch, denn durch die starken hormonellen und körperlichen Veränderungen gerät seine Gefühlswelt häufig durcheinander. Emotionale Schwankungen dieser Art können dann auch zu Konflikten mit Eltern oder anderen Erwachsenen führen, mit denen es vorher vielleicht keine Probleme gab (vgl. ebd. S.11). Dies basiert oft auf dem Wunsch nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, welchem natürlich von Erwachsenen nicht immer nachgegeben werden kann. Besonders wichtig in dieser Zeit sind Gleichaltrige mit denen sich die Jugendlichen austauschen und vergleichen können. „Der eigene Körper und der anderer, insbesondere der Gleichaltriger und des anderen Geschlechts, tritt mehr und mehr ins Bewusstsein der Teenager und ruft bei ihnen ein ausgeprägtes Neugierverhalten hervor“ (ebd. S12). Die in der Pubertät und Adoleszenz stattfindenden Veränderungen, kann man auch als Sexualisierung beschreiben (vgl. Schlichtermann 2008, S. 34). Der Körper wird durch rapide Veränderungen als fremd erlebt und beginnt auf neue, sexualisierte Reize zu reagieren (vgl. ebd.), und somit beginnt der Jugendliche seine eigene Sexualität zu erleben. Die Schultern der Jungen werden breiter, die Stimme tiefer, der Bart sprießt und den Mädchen wachsen Brüste und die Hüfte wird runder. Dieser körperliche Wandel ist Auslöser für die „starke Bewusstwerdung der eigenen Geschlechtsrolle und eine definitive Festlegung auf dieselbe“ (Göppel 2005, S. 84). Damit einher gehen starke Unsicherheiten im Umgang mit eben diesen Veränderungen, insbesondere dann wenn es eine Diskrepanz zwischen körperlicher und seelischer Entwicklung gibt. Der einstmals so vertraute Körper wird zunehmend fremder und mit genau diesem ,neuen Körper‘ und den darin verrückt spielenden Hormonen findet sich der Jugendliche nun in einer völlig neuen, stark auf Sexualität ausgerichteten Welt wieder. Insbesondere für Mädchen ist die Menarche ein wichtiger und doch noch sehr
7
negativ besetzter Punkt im Leben, der das Ende der Kindheit bedeutet und der oftmals sehr abrupt kommt (vgl. Göppel 2005, 89 ff. und Interview), nur ca. 30 % der Mädchen sehen das Einsetzen der ersten Regelblutung als etwas Normales und Natürliches (vgl. Kluge 1998, S. 33). Für 45 % der Jungen ist die Ejakularche im Gegensatz dazu mit einem angenehmen Gefühl verbunden (vgl. Kluge 1998, S. 45). Dennoch ist die Pubertät, trotz der unterschiedlichen Einstellungen gegenüber der Geschlechtsreife, sowohl für Mädchen, als auch für Jungen eine Zeit des Umbruchs und der Ausrichtung auf einen neuen Fokus. „Alles was jetzt kommt, jede ,Veränderung‘, jede Verwandlung, jeder Bruch, jede Wende - alles hat mit dem Geschlecht zu tun“ (Göppel 2005, S.108). Das Akzeptieren dieses ,neuen‘ Körpers und die Bildung eines verantwortungsbewussten und selbstbestimmten Verhältnisses zur Sexualität sind zwei der Entwicklungsaufgaben, die R. J. Havighurst für die Jugendzeit definiert hat (vgl. II.2.2), und sind grundlegend für die Zeit des Heranwachsens.
II.2 Lebensphase Jugend
Die Rolle eines Jugendlichen ist, im Gegensatz zur Kindheit oder dem Erwachsenenalter, in der heutigen Gesellschaft wenig beschrieben. Das liegt vor allem daran, dass die Jugend als Lebensphase erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausdifferenziert wurde und erst seitdem an Bedeutung gewonnen hat. Im Zuge dessen „ist es zu einer ständigen Ausdehnung der Lebensphase Jugend gekommen“ (Hurrelmann 2007, S. 19). Auch in der Jugend-forschung und Integration der Jugendphase in psychologische, sozialwissenschaftliche oder pädagogische Konzepte haben sich resultierend aus der zunehmenden Wahrnehmung/ der Jugend als Lebensabschnitt neue Theorien gebildet. Im Folgenden sollen nun die bekanntesten und vielleicht auch wichtigsten Ansätze zur Beschreibung der Jugendphase einhergehend mit den Anforderungen, mit denen Jugendliche in dieser Phase konfrontiert werden, dargestellt werden.
II.2.1 Psychosexuelle Entwicklungskrisen nach E. H. Erikson
1950 beschreibt der Psychoanalytiker Erik H. Erikson, aufbauend auf Sigmund Freuds Phasenlehre, das sogenannte ,Stufenmodell der psycho-sozialen Entwicklung‘, in dem das
8
menschliche Leben in acht Stufen eingeteilt wird. Jede dieser Stufen beinhaltet eine Entwicklungskrise, die es zu bewältigen gilt, um die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen. Hiermit ergänzt er die sozialwissenschaftlichen Ausführungen um psycho-analytische. Für das Jugendalter, dem fünften Stadium, in das ein Mensch mit dem Beginn der Pubertät eintritt und das er mit ca. 18-20 Jahren verlässt, formuliert er die Krise: ,Identität vs. Identitätsdiffusion‘. Im Fokus des fünften Stadiums steht somit der Prozess der Identitätsfindung. Dieser wird zum einen durch den Verlauf der vorangegangenen Phasen positiv oder negativ beeinflusst und gelingt nur dann, wenn der Jugendliche den ihm entgegengebrachten Erwartungen in den unterschiedlichsten sozialen Rollen gerecht werden kann. Nach Erikson ist es essentiell in dieser Stufe, unter Loslösung von der Identifikation mit Eltern oder anderen nahestehenden Personen, „nach seinem eigenen Selbst zu fragen“ (Hobmair et al 2003, S. 314) und somit eine eigene Identität zu schaffen, sowie als Teil dessen eine eigene gesellschaftliche und soziale Rolle zu finden. Er sieht die Jugendzeit als ein psychosoziales Moratorium, also einen Schonraum, der zum einen Rückzugsmöglichkeit bietet, gleichzeitig aber auch Rollenexperimente erlaubt. Die Jugend ist somit eine Zeit des ,Sich-Ausprobierens‘ und dient vor allem der Persönlichkeitsbildung und Selbstfindung. Hierbei wird der Jugendliche durch die Außenwelt, vor allem aber, da die Ablösung vom Elternhaus eine wichtige Rollen spielt (vgl. hierzu auch Kapitel II.2.1), durch seine peer-group geprägt. Bei nicht gelungener Integration in ein bestimmtes Rollenmodell entsteht ein innerer Zwiespalt und somit eine Art Zersplitterung der eigenen Identität, von Erikson Identitätsdiffusion genannt.
Diese Krise kann, falls sie nicht bewältigt wird, vor allem in Zurückweisung münden, auf welche der Rückzug aus der Gesellschaft erfolgen kann oder die dazu führen kann, dass Jugendliche sich extremen oder radikalen Gruppen anschließen um damit eine gemeinsame Identität zu adaptieren. Im Falle einer positiven Bewältigung der Krise bildet der Jugendliche eine eigene Identität und erlernt die Fähigkeit der Treue. Der Jugendliche ist nun in der Lage seinen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. 7
7 http://www.schulpsychologie.at/schuelerberatung/lehrgang/M5-krisenberatung_II.pdf
9
II.2.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter nach R. J. Havighurst
Der Psychologe R. J. Havighurst hat 1948 das normative Konzept der Entwicklungsaufgaben definiert, bei dem psychologische mit sozio-kulturellen Aspekten verknüpft werden. Entwicklungsaufgaben sind „kulturell und gesellschaftlich vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen, die an Personen einer bestimmten Altersgruppe gestellt werden.“ 8 In jedem Lebensabschnitt steht der Mensch verschiedensten, in der Regel sozio-kulturell und biologisch bedingten, sowie von der Gesellschaft gestellten, Aufgaben gegenüber, die in eben diesem Lebensabschnitt erfüllt werden sollten. Einigen von diesen schreibt Havighurst einen besonders wichtigen Charakter zu, so dass sie eine Art Forderung darstellen, die, falls sie nicht gelöst werden, negative Konsequenzen nach sich ziehen; andere wiederum sieht er nur als eine Art Empfehlung zur Steigerung der Zufriedenheit. Zusätzlich zu diesen gibt es aber auch persönliche Ziele, die nicht durch die Außenwelt vorgegeben werden. Somit geben Entwicklungsaufgaben dem Individuum Sozialisationsziele vor und gliedern den Lebenslauf, sie bilden die Grundlage der zukünftigen Entwicklung. 9 Zu den Aufgaben eines Jugendlichen gehören nach Havighurst zunächst das „Akzeptieren der ,neuen‘ körperlichen Gestalt“ (Hobmair et al 2003, S. 312), wobei Jugendliche vor allem lernen müssen ihren Körper anzunehmen und sich dessen Veränderungen bewusst zu machen. Eine weitere Aufgabe liegt in der „Ausgestaltung der Geschlechterrolle“ (ebd.), also dem Finden der eigenen männlichen oder weiblichen Rolle, welches eng einhergeht mit dem Finden der eigenen Sexualität.
Der „Aufbau neuer und verantwortungsbewusster Beziehung zu den Altersgenossen“ (ebd.) sowie die „emotionale Ablösung von den Eltern und anderen Erwachsenen“ (ebd.) sind zwei wichtige Aufgaben, die die Unabhängigkeit und das Verantwortungsbewusstsein des Jugendlichen prägen. Insbesondere das Austragen von Konflikten zwischen Eltern und Jugendlichen verstärkt den Ablöseprozess und die Zuwendung zur eigenen peer-group und ist somit Grundlage für das Bilden des Selbst. Für das „Erreichen eines sozial verantwortungsvollen Verhaltens“ (Hobmair et al 2003, S. 314) setzt sich der Jugendliche mit aktuellen Problemen (Umweltverschmutzung, Tierschutz, Politik etc.) auseinander und lehnt das Handeln der Erwachsenen ab. Er reflektiert sein Verhalten und seine bisherigen Einstellun-
8 http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungsaufgabeJugend.shtml
9 vgl. ebd.
10
gen und formt diese zu einem neuen Weltbild. Damit verknüpft ist die „Schaffung eines eigenen Wertesystems als Grundlage des Handelns“ (ebd.). Für die Bewältigung dieser Aufgabe hinterfragt der Jugendliche bisherige Werte und Normen aus Gesellschaft, Religion und Kultur und sucht nach neuen, für sich selbst verbindlichen Wertvorstellungen. Weitere Entwicklungsziele, die Havighurst nennt, sind die „Vorbereitung des beruflichen Werdegangs“ (Hobmair et al 2003, S. 313) und die „Vorbereitung auf die Gründung von Ehe und Familie“ (ebd.).
Natürlich entstehen bei der Bewältigung solch komplexer Aufgaben auch Konflikte, die, falls sie nicht gelöst werden zu Resignation und Rückzug führen können. „Erfolgreiche Bewältigung führt zu Zufriedenheit und Erfolg [...] während der Mißerfolg zu Unzufriedenheit, zur Mißbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt.“ 10
II.2.3 Modell der produktiven Realitätsverarbeitung nach Klaus Hurrelmann Der deutsche Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld Klaus Hurrelmann, vereint verschiedene Ansätze zur Beschreibung der Lebensphase Jugend in seinen 8 Maximen als „integrierende[n] Ansatz der Sozialisationstheorie“ (Hurrelmann 2007, S. 63), mit dem er den Sozialisationsprozess von Jugendlichen beschreibt: 1. Maxime: Die Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter findet in einem Wechselspiel zwischen Anlage und Umwelt statt.
2. Maxime: Sozialisation ist als „dynamische u. produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität“ (Hurrelmann 2007, S. 64) mit Mustercharakter für den weiteren Lebenslauf zu verstehen. Körperliche und psychische Grundstrukturen sind hierbei innere Realitäten und soziale und physische Umweltbedingungen äußere.
3. Maxime: Menschen im Jugendalter müssen sich durch aktives individuelles Handeln profilieren, sind durch den offenen Charakter ihres Lebensabschnittes in der Lage ein eigengesteuertes Leben zu führen und repräsentieren eine “Lebensführung, die auf die jeweils neuesten kulturellen, sozialen und ökonomischen Veränderungen der Gesellschaft reagiert“ (Hurrelmann 2007, S. 65). Sie konstruieren sich somit eine eigene Lebenswelt, in
10 http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungsaufgabeJugend.shtml
11
dem sie die Eindrücke, Einflüsse und Werte der Umwelt, also die der inneren und äußeren Realität, produktiv verarbeiten.
4. Maxime: Die Jugendphase bietet zum ersten Mal eine Chance eine Ich-Identität zu ent-
wickeln, die aus einer „Synthese von Individuation und Integration“ (Hurrelmann 2007, S. 66) entsteht und in einem „spannungsreichen Prozess immer wieder neu hergestellt werden muss“ (ebd.). Unter Ich-Identität versteht Hurrelmann eine Kontinuität in Verhalten und Selbsterleben, die sich über mehrere Lebensphasen erstreckt. 5. Maxime: „Der Sozialisationsprozess im Jugendalter kann krisenhafte Formen anneh-
men, wenn es Jugendlichen nicht gelingt, die Anforderungen der Individuation und Integration aufeinander zu beziehen und miteinander zu verbinden“ (Hurrelmann 2007, S. 67). Hierdurch entsteht zunächst ein hohes Stimulierungspotential, das allerdings durch den ebenso hohen Entwicklungsdruck, der auf dem Jugendlichen lastet, und die daraus resultierenden Belastungen der Entwicklungsaufgaben minimiert oder gar umgekehrt werden kann.
6. Maxime: „Um die Entwicklungsaufgaben zu bewältigen und das Spannungsverhältnis von Individuations- und Integrationsanforderungen abzuarbeiten, sind neben individuellen Bewältigungsfähigkeiten (personale Ressourcen) auch soziale Unterstützungen durch die wichtigsten Bezugsgruppen (soziale Ressourcen) notwendig.“ (Hurrelmann 2007, S. 68) 7. Maxime: „Neben der Herkunftsfamilie sind Schulen, Ausbildungsstätten, Gleichaltrige und Medien als Sozialisationsinstanzen die wichtigsten Vermittler u. Unterstützer im Entwicklungsprozess des Jugendalters. Günstig für die Sozialisation sind sich ergänzende u. gegenseitig anregende Impulse dieser Instanzen“ (Hurrelmann 2007, S. 69). 8. Maxime: „Die Lebensphase Jugend muss unter heutigen historischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen in westlichen Gesellschaften als eine eigenständige Phase im Lebenslauf identifiziert werden“ (vgl. Hurrelmann 2007, S. 70)
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Ziel des Sozialisationsprozesses die Bildung einer handlungsfähigen und mündigen Persönlichkeit ist. Außerdem soll ein reflektiertes Selbstbild durch die lebenslange und individuelle Auseinandersetzung mit den Realitäten entstehen.
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Arbeit zitieren:
Nadine Schmees, 2011, Generation Porno?! Jugendliche zwischen sexueller Verwahrlosung und der Suche nach Geborgenheit, München, GRIN Verlag GmbH
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