Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Typologie von Wohlfahrtsstaaten 2
2.1 Esping-Andersen: „The Three Worlds Of Welfare Capitalism“ 2
2.1.1 Definition der Grundprinzipien 3
2.1.1.1 Dekommodifizierung 3
2.1.1.2 Stratifizierung 3
2.1.1.3 Verhältnis staatlicher und privater Vorsorgeleistungen 4
2.1.1.4 Defamiliarisierung 4
2.1.2 Die drei Regimetypen 4
2.1.2.1 Der liberale Wohlfahrtsstaat 5
2.1.2.2 Der konservative Wohlfahrtsstaat. 5
2.1.2.3 Der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat 5
2.1.3 Kritik an Esping-Andersens Konzept 6
2.1.3.1 Erweiterungsvorschläge: mögliche neue Cluster. 6
2.1.3.2 Verwendung des Begriffs „postsozialistischer Wohlfahrtsstaat“ 7
3. Analyse der Wohlfahrtsstaaten in den MOEL 7
3.1 Historische Entwicklung 7
3.1.1 Unter sowjetischem Einfluss bis 1990/1991 7
3.1.2 Anfang der 1990er Jahre 7
3.1.2 Mitte der 1990er Jahre bis heute 8
3.2 Probleme bei der Anwendung der Regime-Theorie für die MOEL 8
3.3 Vergleich zwischen den Wohlfahrts-Systemen der MOEL 9
3.3.1 Gemeinsamkeiten 9
3.3.2 Unterschiede 9
3.4 Forschungsstand: Schlussfolgerungen 11
4. Fazit 12
5. Anhang 13
1. Einleitung
Kaum ein wissenschaftliches Werk der vergangenen 20 Jahre hat die vergleichende Analyse von Wohlfahrtsstaaten so nachhaltig beeinflusst wie Gøsta
Esping-Andersens „The Three Worlds Of Welfare Capitalism“ von 1990 1 . Das Werk wurde intensiv rezipiert und bereits nach kurzer Zeit als „Meilenstein in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung“ bezeichnet (Kohl 1993: 72). Bis heute gehört es zum „Standardrepertoire der Wohlfahrtsstaatsforschung“ (Baum-Ceisig et al. 2008: 19) und dient als Grundlage für die Typisierung unterschiedlicher Regimes, indem es ihrer wissenschaftlichen Analyse seinen „Stempel aufgedrückt“ hat (Siegel 2007: 261). Josef Schmidt bezeichnet Esping-Andersens Typologie gar als „Dreh- und Angelpunkt der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung“ (Schmidt 2002: 91).
Kurz nachdem Esping-Andersen die Wohlfahrtsstaatenforschung revolutioniert
hatte, erfuhr auch die politische Welt im Jahr 1991 2 durch den Zusammenbruch der Sowjetunion gravierende Veränderungen. Staaten wie Polen, Ungarn und Rumänien konnten sich dem Westen und seinen außenpolitischen Organisationen annähern, außerdem entstanden neue Staaten wie Estland, Lettland und Litauen.
Mittlerweile sind zehn 3 der so genannten Mittelosteuropäischen Länder (MOEL) sogar der Europäischen Union (EU) beigetreten, außer Slowenien gehörten neun davon bis 1991 zum Territorium der Sowjetunion oder standen als Mitglied des Militärbündnisses Warschauer Pakt zumindest unter großen sowjetischem Einfluss. Mit den politischen Veränderungen in diesen Ländern entstanden auch große Herausforderungen - zum Beispiel für die jeweiligen Wohlfahrtsregimes. In diesem Zusammenhang etablierte sich in der Wissenschaft früh der Begriff „postsozialistischer Wohlfahrtsstaat“ (Kasza 2002: 271).
1 Bereits 1989 hat Esping-Anderson in der Canadian Review of Sociology an Anthropology einen Artikel unter dem Titel „The three political economies oft he welfare state“ veröffentlicht. Der Artikel erschien in leicht veränderter Fassung als erstes Kapitel in „The Three Worlds Of Welfare Capitalism“. Die deutsche Übersetzung von 1999 dient in dieser Hausarbeit als Quelle.
2 Aufgelöst wurde der Warschauer Pakt erst am 1. Juni 1999. Bereits 1990 aber hatten Ereignisse wie die deutsche Wiedervereinigung und die Unabhängigkeitserklärungen von Sowjetstaaten wie Litauen, Lettland und Estland das politische Bild eindeutig verändert.
3 2004: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowenien, Slowakei, Ungarn. 2007: Bulgarien, Rumänien
1
In dieser Arbeit wird nun diskutiert, ob man bei der Analyse der 2004 und 2007 der EU beigetretenen MOE-Länder mit Hilfe von Esping-Andersens Theorie
tatsächlich vom „postsozialistischen 4 Wohlfahrtsregime“ als einer eigenen Kategorie sprechen kann, oder ob es sich eher um eine heterogene Gruppe von Staaten handelt. Dazu wird zunächst das Konzept Esping-Andersens näher erläutert, ehe sich diese Arbeit dem Vergleich unterschiedlicher Wohlfahrtsregimes in den MOE-Ländern und schließlich einem eigenen Fazit widmet.
Eine eigene empirische Analyse kann diese Arbeit schon aus Gründen des dafür benötigten Umfangs nicht leisten. Deshalb sollen die Rezensionen, Kritiken und Erweiterungsvorschläge der internationalen Wissenschaftsgemeinde zur Beantwortung der Frage herangezogen werden.
2. Typologie von Wohlfahrtsstaaten
Lange Zeit herrscht in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatenforschung ein Bewertungssystem vor, dass „schwache“ und „starke“ Wohlfahrtsstaaten vor allem anhand von Sozialleistungsquoten misst. „Trotz dieser ‚Eindimensionalität‘ bildet sich schon früh ein Bewusstsein für kategoriale Unterschiede zwischen Wohlfahrtsstaaten aus, wie an der lange gebräuchlichen Unterscheidung in ‚Bismarck‘- und ‚Beveridge‘-Wohlfahrtsstaaten deutlich wird“ (Ullrich 2007: 42). Deutlich differenzierter kategorisiert dann Richard Titmuss, der in den 1950er Jahren zwischen residualen, meritokratischen und institutionellen Wohlfahrtsstaaten unterscheidet und dabei den Zugang Einzelner zu Sozialleistungen einbezieht (Titmuss 1974: 23ff.). Esping-Andersen knüpft an die Idee Titmuss‘ an, allerdings versucht er, seine Typologie auch empirisch und theoretisch zu fundieren. Grundlage seiner Ende der 1980er Jahre entwickelten Theorie der von ihm so genannten „Wohlfahrtsregimes“ ist die Unterscheidung zwischen Wohlfahrtsleistungen durch Staat, Markt und Familie (Esping-Andersen 1999 [1989]: 36). Wie bereits eingangs erwähnt, hat dieser Ansatz die weitere Forschung nachhaltig geprägt.
4 oder: postkommunistischem Wohlfahrtsregime
2
2.1 Esping-Andersen: „The Three Worlds Of Welfare Capitalism“
Esping-Anderson ordnet die Wohlfahrtsstaaten bestimmten Typen zu, indem er das Verhältnis von Staat, Markt und Familie bei der Produktion von Wohlfahrt beurteilt (ebd.). Er versucht, den jeweiligen Grad der Dekommodifizierung und Stratifizierung sowie das Verhältnis zwischen staatlicher und privater Vorsorgeleistung zu ermitteln (ebd. 36f.). In seiner Ergänzung des Werks im Jahr
1999 5 geht er zudem auf die feministische Kritik ein und analysiert von da an auch die Defamiliarisierung (Esping-Andersen 1999: 51ff.). Diese Begriffe sollen zunächst kurz erläutert werden, ehe diese Arbeit sich mit Esping-Andersens Regimetypen befasst.
2.1.1 Definition der Grundprinzipien
2.1.1.1 Dekommodifizierung
Der Grad der Dekommodifizierung beschreibt bei Esping-Andersen, inwieweit Wohlfahrtsleistungen von der Erwerbsarbeit beziehungsweise dem Markt abgekoppelt sind. In einem Staat mit hoher Dekommodifizierung können die Menschen „freely, and without potential loss of job, income, or general welfare, opt out of work when they themselves consider it necessary“ (Esping-Andersen 1990: 23). Um den Grad der Dekommodifizierung zu ermitteln, entwickelt er Indikatoren, welche die Qualität der Absicherungssysteme gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Altersarmut bewerten (ebd.: 47).
2.1.1.2 Stratifizierung
Der Grad der stratifizierenden Wirkung eines Wohlfahrtsstaates bestimmt, inwieweit das Regime innerhalb einer Gesellschaft zu einer Umschichtung zwischen Arm und Reich beiträgt. „The welfare state is […] an active force in the ordering of social relations“ (ebd.: 23). Ein Wohlfahrtsstaat mit hoher Stratifizierung reproduziert demnach Klassenunterschiede. Esping-Andersen misst
5 Esping-Andersen, Gøsta (1999): Social Foundations of Postindustrial Economies. New York: Oxford University Press.
3
Arbeit zitieren:
Bernd Schlüter, 2010, „Postsozialistische Wohlfahrtsstaaten“ – heterogene Gruppe oder Regime-Cluster à la Esping-Andersen?, München, GRIN Verlag GmbH
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