INHALTSVERZEICHNIS 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit 4
1.2 Begriffskl arungen und themenspezifische Besonderheiten 6
2 Das Gewalt-Image des Heavy Metal 8
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres 9
2.2 Stimmen in der
O ffentlichkeit 15
2.2.1 Das Parents Music Resource Center (PMR)C 16
2.2.2 Vance vs. Judas Priest 18
2.2.3 Pseudowissenschaftliche Ver offentlichungen 21
2.2.4 Fundamentales Christentum 22
2.3 Stellungnahme von K unstlern und resultierende Bewegungen 24
3 Die Ambivalenz und Vielfalt der Gewaltdarstellungen 29
3.1 Inhaltliche Bez uge 29
3.2 Formen der Darstellung 38
3.3 Die Adressaten von Gewalt 53
3.4 Der Grad der Ernsthaftigkeit an Hand ausgew ahlter Beispiele 60
3.4.1 Manowar 61
3.4.2 Rammstein 64
3.4.3 Knorkator 67
3.4.4 Norwegische Black Metal Bands 69
4 M ogliche Gr unde f ur gewaltbezogene Inhalte 73
4.1 Schock durch Konfrontation mit Gewalt 73
4.2 Aufruf zu Gewaltt atigkeit 76
4.3 Gewalt als Marketingstrategie 80
4.4 Spaßfaktor - (warum) macht die Darstellung von Gewalt Spaß ? 82
5 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 85
5.1 Weiterf uhrende Fragestellungen 86
Anhang A: Songtexte 88
INHALTSVERZEICHNIS 3
Abbildungsverzeichnis 127
Quellenverzeichnis 128
Abschlusserkl arung 134
1 Einleitung
Der Zusammenhang zwischen Aggression und Musik ist in den letzten Jahren immer wieder diskutiert worden. Ist Musik, die kontroverse Texte beinhaltet und musikalische Formen, die den vorangegangenen Generationen meist unverst¨ andlich bleiben, daf¨ ur verantwortlich, dass ihre H¨ orer eine erh¨ ohte Gewaltbereitschaft entwickeln und Straftaten begehen? Oder hat die Musik keinen Einfluss auf das Sozialverhalten und sind es vorwiegend Menschen mit gewissem Problemhintergrund, die sich zu ihr ¨ uberhaupt erst hingezogen f¨ uhlen?
Oder ist Musik eine Kunstform wie jede andere und sollte daher unbehelligt ihre Enwicklung vollziehen?
Bei der gegenseitigen Abw¨ agung der Standpunkte gibt es Parallelen zur aktuellen und ebenfalls immer wieder neu gef¨ uhrten Diskussion ¨ uber gewalthaltige Computerspiele. Obwohl sich beide Ph¨ anomene in einigen Punkten auch nicht vergleichen lassen, wie z.B. das Element des selbst aktiv werdens bei Spielen, das einem eher passiven H¨ oren von Musik gegen¨ ubersteht, so gibt es doch auf beiden Gebieten sowohl positive als auch negative Auswirkungen,
die durch Studien nachgewiesen werden konnten. 1 Durch den schwer nachweisbaren kausalen Zusammenhang ist ein klarer ja/nein bzw. gut/schlecht Umgang mit dem Thema unm¨ oglich.
Viele Eltern und P¨ adagogen 2 f¨ uhlen sich verantwortlich, diesen Beziehungen auf den Grund zu gehen, mit unterschiedlichen eigenen ¨ asthetischen Vorstellungen sowie p¨ adagogischen Mitteln.
1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit
Die Zusammenh¨ ange zwischen Musik und deren Auswirkungen auf das Aggressionspotential eines Menschen fallen eher in den Bereich der Psychologie und stehen daher nicht im Zentrum dieser Arbeit. Vielmehr sollen die verschiedenen
1 Der Umgang mit medialer Gewalt stumpft die normalen negativen Gef¨ uhlsreaktionen
auf Gewaltszenen ab. Ob es sich um Musik bzw. Songtexte, Computerspiele oder Filme
handelt, ist dabei unerheblich. (Paulus: Amoklauf: Mediengewalt ist ein wichtiger Faktor
(2009), Psychologie Heute, Juni 2009, Seite 34); Simulierte Gewaltszenarien, wie etwa in
einigen Computerspielen, k¨ onnen jedoch helfen, Phobien psychologisch zu behandeln, so das
Institut f¨ ur Cyberpsychologie in Quebec. (Gieselmann: Ego-Shooter auf Rezept, Magazin f¨ ur
Computertechnik, Ausgabe KW 43, 2003)
2 Im gesamten Verlauf der Arbeit schließen die m¨ annlichen Formen ebenfalls die weibli-
chen Vertreter mit ein. Auf Grund der Lesbarkeit des Textes werden sie jedoch nicht separat
angef¨ uhrt.
1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit 5
Formen von Gewalt, die unmittelbar oder eher indirekt in der Musik verankert sind, analysiert werden. Betrachtet wird dabei nicht nur die Musik als akustisches Ph¨ anomen, sondern alles, was zu einem Titel geh¨ ort, von den musikalischen und instrumentalen Merkmalen ¨ uber den Text, das Plattencover,
das Musikvideo bis hin zur Pr¨ asentation auf einem Livekonzert. Dar¨ uber hinaus werden auch die Hintergr¨ unde nicht außer Acht gelassen, die eventuelle sekund¨ are Ziele erkl¨ aren k¨ onnten, die durch das Element Gewalt in der Musik erreicht werden sollen. Hierzu z¨ ahlen unter anderem auch die als Mittel des Marketings gezielt eingesetzten Provokationen.
Da der Bereich der gesamten popul¨ aren Musik zu groß ist, um ihn aus diesem Blickwinkel zufriedenstellend zu betrachten, werde ich mich einem Teilbereich daraus widmen, n¨ amlich dem Genre, welches wohl neben wenigen anderen am meisten mit einem gewalthaltigen Image behaftet ist: dem Heavy Metal. Selbst im Heavy Metal ist die Unterteilung in sich massiv unterscheidende Untergenres so groß, dass ich hin und wieder Einschr¨ ankungen und Zugest¨ andnisse machen werde, um ein aussagekr¨ aftiges Bild zu bekommen, welches auch den vielen Unterkategorien noch ausreichend gerecht wird. In dieser Arbeit m¨ ochte ich einer Beantwortung der folgenden Fragen n¨ aherkommen: Woher kommt das (Vor)Urteil, dass der Heavy Metal gewalthaltig ist? Was hat es mit diesem Image tats¨ achlich auf sich? Daf¨ ur werde ich mich zun¨ achst mit diesem Image und dessen Herkunft und Bedeutung befassen. Darauf folgt ein Abschnitt, der eher beschreibenden Charakter besitzt und die unterschiedlichen Formen von Gewalt im Zusammenhang mit Heavy Metal darlegt. Im anschließenden Kapitel werden m¨ ogliche Gr¨ unde aufgezeigt, die Gewalt als Stilmittel im Heavy Metal attraktiv machen. Mit den dann gewonnenen Informationen und m¨ oglichen Zusammenh¨ angen werde ich in der Lage sein, ein auf fundierten Fakten basierendes Bild des Zusammenhangs von Gewalt und Heavy Metal darzustellen. S¨ amtliche angesprochenen Songtexte sind im Anhang dieser Arbeit alphabe- tisch sortiert angef¨ ugt.
1.2 Begriffskl¨ arungen und themenspezifische Besonderheiten 6
1.2 Begriffskl¨ arungen und themenspezifische Besonderheiten
Es wird kaum eine Aussage ¨ uber Heavy Metal geben, die universell g¨ ultig
ist f¨ ur alle Teilgebiete des Genres. Selbst bei einer allgemein als zutreffend Im Heavy Metal gibt es immer mindestens einen empfundenen Aussage wie ”
Musiker, der Gitarre spielt.“ lassen sich Ausnahmen finden wie Apocalyptica oder Bassinvaders.
Die Anzahl der Untergenres des Heavy Metal ist schlichtweg so un¨ uberschaubar und obskur, teilweise von Bands selbst kreiert und mit jeweils anderem ¨ asthetischen Schwerpunkt versehen, dass dieser Oberbegriff kaum als abgrenzbare musikalische Form gesehen werden kann. Zwischen Twisted Sister, die den sogenannten Glam Metal und Hair Metal ad¨ aquat vertritt und Theatre of Tragedy, die wiederum als Vertreter des Gothic Metal und des Doom Metal gesehen werden kann, liegen Welten. Schwenken der Blick und das Ohr weiter zu Marilyn Manson, einem Vertreter des Industrial Metal und des sogenannten Shock Metal, so ist die Frage berechtigt, ob es ¨ uberhaupt einen ernstzunehmenden Musikgenrebegriff geben kann, in den alle drei passen k¨ onnten. Eine der wenigen Verbindungen w¨ are hier vielleicht das obige Beispiel der gemeinsam gespielten E-Gitarre.
Beim Nachschlagen des Begriffs Heavy Metal in verschiedenen Enzyklop¨ adien findet sich meist eine recht lange Liste von Untergenres. Interessanterweise sind nur etwa 2/3 der angef¨ uhrten Genrebezeichnungen deckungsgleich mit denen eines anderen Nachschlagewerkes, die ¨ ubrigen gibt es nur in einem Werk.
Dieses Verh¨ altnis h¨ angt auch vom tats¨ achlichen Umfang der jeweiligen Liste
ab. 3
Und so vielf¨ altig wie die Bezeichnungen sind h¨ aufig auch die musikalischen Eigenheiten.
Der erste eigenst¨ andige Begriff, der sich kurz nach der Entstehung des Musikstils zum Ende der 1960er Jahre herausbildete, war allerdings tats¨ achlich Heavy Metal. Erst darauf folgten die stilistisch spezifischen Unterscheidungen und musikalischen Abgrenzungen, die eine eigene Namensgebung nach sich
3 Zum Vergleich lagen mir die Listen der Untergenres aus dem Handbuch der popul¨ aren
Musik von Wicke & Ziegenr¨ ucker, die Unterteilung aus der Rolling Stone Ausgabe vom Au-gust 2007 sowie die Genrebezeichnungen aus den B¨ uchern von Weindl (2005) und Wehrli
(2005) vor. Ein kurzer Quervergleich dieser Quellen mit der popul¨ aren und h¨ aufig wissen-
schaftlich umstrittenen Wikipedia(.org) best¨ atigte das ungef¨ ahre Verh¨ altnis.
1.2 Begriffskl¨ arungen und themenspezifische Besonderheiten 7
zogen. Somit ist es interessant zu bemerken, dass es neben den verschiedenen Bezeichnungen, die meist auf Metal enden wie Black Metal, Progressive Metal oder andere, es kein Untergenre gibt, welches den konkreten Namen Heavy Metal tr¨ agt. Selbst die Musik der Bands, die sich ’auf die Fahnen schreiben’, die urspr¨ unglichste aller Formen des Heavy Metal zu spielen, wird in der Regel als True Metal oder Power Metal bezeichnet. Das Wort Metal am Ende der Bezeichnung ist also eher als Nachname zu verstehen, der s¨ amtliche Untergenres als eine Art musikalisch ¨ asthetische Familie zusammenfasst, ungeachtet der gravierenden Unterschiede, die inzwischen bestehen. Und tats¨ achlich ist im allgemeinen Sprachgebrauch h¨ aufiger nur von Metal die Rede, wenn es um die allgemeine Musikbezeichnung geht. Geschm¨ acker sind ja bekanntlich verschieden und auch in Bezug auf Heavy Metal sind die musikalischen Grenzen fließend, also ist es in Unterhaltungen viel naheliegender, sich als Metal -Fan vorzustellen anstatt jedes gern geh¨ orte Untergenre aufzuz¨ ahlen oder, weil auch dort nicht jede Band gleichermaßen gef¨ allt, jede Band einzeln zu nennen. Damit jeder diese Arbeit lesen kann und sich niemand, ob Fan oder nicht, in seinem ¨ asthetischen oder Genreempfinden vernachl¨ assigt f¨ uhlt, werde ich den allgemeinen Begriff des Heavy Metal verwenden, da viele der von mir bearbeiteten Themen mit geringf¨ ugigen Einschr¨ ankungen auf s¨ amtliche Untergenres anwendbar sind. Im weiteren Verlauf werde ich auch einige Genres detaillierter vorstellen und dort selbstverst¨ andlich die entsprechenden Unterscheidungen machen.
James Hetfield, S¨ anger der Band Metallica, die f¨ ur eine Heavy Metal Band eine nahezu einzigartige Karriere und Popularit¨ at erreichen konnte, hat zu der Call Unterteilung von Heavy Metal folgende sehr treffende Aussage gemacht: ” it what you will: Trash, Speed, Hardcore, Black Metal, Grindcore, Grunge, Speedcore, Acid Metal, Funk Metal, Fuck Metal..., who cares!! As long as the
attitude lives.“ 4
4 Jeffries, Neil: Kerrang! The Direktory of Heavy Metal (1993). Vorwort
2 Das Gewalt-Image des Heavy Metal
Trotz inzwischen riesiger Fangemeinschaften, unz¨ ahliger Bands und einem festen Platz in der Marktwirtschaft der Musikindustrie ist der Heavy Metal nach wie vor mit einem eher negativen Image behaftet. Die Assoziationen mit dem Musikstil sind vielf¨ altig, sie reichen von Gesundheitssch¨ adigungen durch extreme Lautst¨ arken oder Drogen ¨ uber antisoziales Verhalten wie Aggression
und Gewalt bis hin zu Religionsfeindlichkeit, die teilweise sogar im Satanismus ihren H¨ ohepunkt finden soll.
Dabei ist es naheliegend, dass nicht alle Vorw¨ urfe zutreffen, denn sonst h¨ atte der Heavy Metal vermutlich auch nicht den Zuspruch, den er besitzt. Immerhin ist die einzige Band, die es jemals geschafft hat, mit 5 Alben in Folge in der ersten Woche nach Ver¨ offentlichung auf Platz 1 der US-amerikanischen Album-Charts zu landen, ausgerechnet eine Heavy Metal Band, n¨ amlich
Metallica. 5 Maßgeblich f¨ ur diese Billboard 200 Charts sind die Verkaufszahlen, sowohl von CDs im Laden als auch von online erworbenen Exemplaren, was die zumindest in Teilen der Gesellschaft trotz zahlreicher Vorurteile vor-handene Akzeptanz belegt.
Einfach scheint es also nicht zu sein, das unangenehme Image des Heavy Metal als Tatsache zu best¨ atigen oder als Trugbild zu entlarven. Aus verschiedenen Gr¨ unden jedoch l¨ asst sich diesen Vorurteilen nur schwer ’zu Leibe r¨ ucken’.
Zum einen sind nicht alle Vorw¨ urfe und negativen Assoziationen in jedem Fall unberechtigt. ¨ Uberall gibt es ’schwarze Schafe’, welche eine differenzierte Sichtweise zwar nicht unm¨ oglich machen, aber die Revision liebgewonnener Vorurteile erschweren.
Des Weiteren erfordert die korrekte Deutung teilweise verschleierter, ironischer, obsz¨ oner, kritischer, provokanter oder anderweitig kontroverser Inhalte einiges an Engagement, was wom¨ oglich nicht jedes Elternteil oder jeder Erzieher bereit ist zu investieren, um das Bild des Heavy Metal klarer, wenn auch nicht zwingend besser, werden zu lassen. In einfachen Schemata zu denken ist immer leichter, als genauer hinzusehen. Außerdem gibt es immer wieder ¨ Außerungen von Musikern, Kritikern
oder der Presse, die das vorliegende Image zu best¨ atigen scheinen. Wenn Salsa, etwa Klaus Miehling, seines Zeichens Musikwissenschaftler, selbst ”
5 Billboard 200, Artikel Metallica Scores Fifth No. 1 Album vom 17.09.2008
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres 9
lateinamerikanische T¨ anze, Jazz und sogar Rock“ als eindeutig so genannte
Gewaltmusik
bezeichnet
6
und im Zuge dessen den Heavy Metal als
”
die ex-tremste Auspr¨ agung“
benennt
7
, so bildet sein Buch zu dem Thema ein ¨ Argernis in der Welt der Musikwissenschaft und erschwert ¨ uberdies den sachlichen und kl¨ arenden Umgang mit der Thematik enorm.
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres
Um dieses scheinbar sehr fest sitzende negative Image des Heavy Metal genauer zu untersuchen und um Ursachen f¨ ur etwaige Vorurteile zu finden ist ein Blick in die Entwicklung des Genres hilfreich.
Sehr viele der meist negativen Assoziationen h¨ angen bereits mit den beiden Bands zusammen, die r¨ uckblickend als die Pioniere des Heavy Metal bezeichnet werden k¨ onnen: Black Sabbath und Led Zeppelin.
Tatsache ist, dass niemand die Absicht hatte, einen neuen Stil zu erschaffen, dass vielmehr eine Vielzahl von Zu- und Unf¨ allen dazu gef¨ uhrt hat. Earth (sp¨ ater Black Sabbath) war eine ganz normale Blues und Jazz Band, deren Mitglieder aus schlechtergestellten Arbeitervierteln aus Birmingham in England kamen und deren Alltag bestimmt war von harter k¨ orperlicher Arbeit in der Metallindustrie, die nahezu ganz Birmingham beherrschte. Rob Halford, S¨ anger der Band Judas Priest, beschreibt in einem Interview Episoden seiner Schulzeit in Birmingham. Direkt neben seiner Schule gab es eine riesige Stahlfabrik, deren Maschinen so laut waren, dass die Schulb¨ anke davon leicht erzitterten. Neben dieser Belastung, die den ganzen Tag andauerte, wurden in regelm¨ aßigen Abst¨ anden Ventile entl¨ uftet und der Dampf der Stahlfabrik wehte in die Schulfenster. Er beschreibt diese Situation als Gef¨ uhl, der Stahl
(Metal ) w¨ urde direkt in seinen K¨ orper dringen, als atmete er ihn f¨ ormlich ein. 8 In diesem Umfeld hatte Tony Iommi, Gitarrist bei Earth, 1968 einen Unfall in einer solchen Stahlfabrik, der die maßgebliche Gestaltung des Heavy Metal Sounds nach sich ziehen sollte. W¨ ahrend eines Einsatzes an einer Stahlschneidemaschine, an der er nur Aushilfe leistete, verlor er am linken Mittel- und Ringfinger das jeweils erste Fingerglied. Er fiel eine Zeitlang in starke Depressionen, wollte sich jedoch nicht damit abfinden, nie wieder richtig
6 Miehling, Klaus: Gewaltmusik (2006). Seite 12
7 Ebd. Seite 11
8 Heavy - The Story of Metal (2006), Interview mit Rob Halford
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres 10
Gitarre spielen zu k¨ onnen. So baute er sich, entgegen den Empfehlungen und Erfolgswahrscheinlichkeiten, die ihm die ¨ Arzte gaben, seine eigenen Prothesen,
indem er unter furchtbaren Schmerzen geschmolzene Plastikdeckel auf die noch vorhandenen Fingerenden klebte. Sobald es ihm m¨ oglich war, die Schmerzen bei jedem Ton auszuhalten, spielte er wieder Gitarre, doch hatte sein Spiel nun einen langsamen, schweren, depressiven und gepeinigten Charakter, der ganz automatisch durch die Schmerzen beim Spielen entstanden war. Um seinem inneren Gef¨ uhl mehr Luft zu machen, stimmte er zus¨ atzlich h¨ aufig die tiefe E-Saite der Gitarre auf D und sogar C# herunter.
Die Mitglieder seiner Band nahmen diese stilistische Ver¨ anderung im Spiel Iommis mit Interesse auf, da noch niemand zuvor so gespielt hatte. Unter ihnen war auch der begnadete S¨ anger Ozzy Osbourne, der seine eigene schwierige Lebenssituation zu meistern hatte. Regelm¨ aßig in Straftaten verwickelt und am Rande des Alkoholismus, schlug er sich mit Nebent¨ atigkeiten durch. Der Aussage Osbournes nach soll sein Vater ¨ uber ihn ebenfalls eine entsprechende My father said to me Meinung gehabt haben. In einem Interview sagt er: ” before he died, he always expected me to be in prison all my life, you know,
because I just wouldn’t conform to the system.“ 9
Bassist Geezer Butler lieferte den Großteil der Texte und hatte großes Interesse an mystischen und religi¨ osen Themen sowie an Horror. Er war außerdem einer der ersten Bassisten, die ihr Instrument herunterstimmten, um den Gitarristen in den entsprechend tiefen Tonlagen mit ebenfalls tiefen T¨ onen zu unterst¨ utzen und nicht oktavieren zu m¨ ussen. W¨ ahrend der Zeit der Ver¨ anderung des Bandsounds durch Iommis Spiel und die daraus folgenden Anpassungen der Bandmitglieder kam es zu einem Albtraum des Bassisten, der ihn und auch die Mitglieder von Earth zutiefst erschreckte. Dieser Traum bildet die Thematik zum Titel Black Sabbath, in welchem der Protagonist in der Nacht von einer unheimlichen Gestalt am Bettrand heimgesucht wird und dessen angsteinfl¨ oßender Charakter die Band zu einer entsprechenden Umbenennung inspirierte. Nach diesem Ereignis beschloss die Band, von nun an so gruselig wie m¨ oglich zu spielen, mit welchen Mitteln auch immer. Die Band wollte das Let’s scare people!“ lautete musikalische Pendant zum Horrorfilm kreieren. ”
die Devise. Das depressive Spiel Iommis, die erheblich d¨ uster werdenden Texte vom Bassisten Butler sowie der extrovertierte Gesangsstil Osbournes waren
9 Ebd. Interview mit Ozzy Osbourne
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres 11
daf¨ ur wie geschaffen.
Neben der immer d¨ usterer werdenden Musik von Black Sabbath erreichte eine weitere Band die ¨ Offentlichkeit, Led Zeppelin. 1968 gegr¨ undet und ebenfalls aus Birmingham, werden sie h¨ aufig nicht als Mitbegr¨ under, sondern vielmehr als richtungsweisend in der Entwicklung des Heavy Metal gesehen. Musikalisch sind sie jedoch eher noch dem Hard Rock zuzuordnen, wobei sie diesen stark ver¨ anderten, haupts¨ achlich durch den Gesangsstil Robert Plants und die beeindruckenden F¨ ahigkeiten des Schlagzeugers John Bonham. Led Zeppelin hatte andere Ziele als Black Sabbath, anstatt so gruselig wie
m¨ oglich, wollte die Band so erfolgreich werden wie m¨ oglich. 10 F¨ ur diesen sich auch einstellenden Erfolg bildete selbst die mystische und okkulte Aura, die die Band umgab, kein Hindernis. Im Gegenteil, die Fans schienen davon eher begeistert und angezogen zu werden. Ursache daf¨ ur war haupts¨ achlich Jimmy Page, der ein großer Bewunderer des okkulten Autors Aleister Crowley war. Er sammelte alles, was er im Zusammenhang mit Crowley finden konnte und diese Passion wurde gekr¨ ont durch den Kauf des Boleskine House am Ufer des Loch Ness, in dem Crowley selbst eine Zeit lang lebte. Dieses Haus soll angeblich magische und b¨ osartige Kr¨ afte freisetzen k¨ onnen, nicht nur als heilige St¨ atte zur Zeit Crowleys, sondern bereits davor. Neben dem Brand einer Kirche, bei dem zahlreiche Gemeindemitglieder ums Leben kamen, soll es dort auch
eine Enthauptung gegeben haben. 11 Crowley selbst hat es gekauft um dort ungest¨ ort okkulte Riten zu vollziehen. 12 Dieses okkulte und mystisch umwobene Image umgab mit der Zeit auch Gitarristen Jimmy Page und sp¨ ater die gesamte Band. Das f¨ uhrte letztendlich dazu, dass dem Titel Stairway to Heaven 1971 satanische Heilsbekundungen zugesprochen wurden, die beim R¨ uckw¨ artsabspielen der Platte h¨ orbar sein sollten. Diese Unterstellung wurde scheinbar best¨ atigt durch das omin¨ os symbolhaft bzw. gar nicht betitelte Album, auf dem der Song enthalten ist. Heute allgemein als Led Zeppelin IV bekannt, sind auf dem Album 4 Symbole zu sehen, und kein expliziter Titel. (siehe Abbildung 1) Die Symbole stehen von links nach rechts f¨ ur die Bandmitglieder von Led
10 Ebd. Zusammenfassung Led Zeppelin
11 Iverson, Thor: The Led Zeppelin FAQ (1994), Interview mit Jimmy Page, gef¨ uhrt von
Steve Pinder
12 Crowley, Aleister: The Confessions of Aleister Crowley (1979), Kapitel 22.
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres 12
Abbildung 1: Symbole auf dem 4. Album von Led Zeppelin: Led Zeppelin IV
Zeppelin: Jimmy Page, John Paul Jones, John Bonham und Robert Plant. 13 Dabei ist bei genauerer Betrachtung das Symbol f¨ ur Plant (englisch f¨ ur Pflanze) auch eher einfallslos als mystisch.
Aus welcher Ecke um das Seelenheil der Jugend besorgter Menschen die Vorw¨ urfe derartiger sogenannter Backmasking-Botschaften zuerst kamen, ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen, doch war Stairway To Heaven der erste Titel einer Heavy Metal oder Hard Rock Band, dem so etwas unterstellt wurde. Wenn es auch damals niemandem aufgefallen ist, so ist eine gewisse Absurdit¨ at des Vorwurfs bereits dadurch erkennbar, dass sich niemand einig war ¨ uber die
eigentlichen Worte, die bei der R¨ uckw¨ arts-Version zu h¨ oren sein sollten. Die Band selbst hat in Interviews immer wieder Abstand von solchen Techniken
genommen und dementiert, r¨ uckw¨ artige Texte unter ihrer Musik zu haben. 14 Nahezu alle Bands des Heavy Metal beziehen sich in irgendeiner Weise auf Black Sabbath oder Led Zeppelin, wollen imitieren, erweitern und ver¨ andern, womit die musikalischen Vorfahren begonnen haben. So werden auch Elemente wie Horror, Okkultismus, soziale Probleme, Gewalt, Schmerzen und Tod immer wieder aufgegriffen und thematisch verarbeitet. Bereits mit diesen beiden Bands der Anfangszeit sind sowohl die Grundsteine f¨ ur die musikalische Entwicklung, als auch f¨ ur etliche Vorurteile gegen¨ uber dem Heavy Metal gelegt. Sp¨ atere Weiterentwicklungen einiger ¨ asthetischer Merkmale entstanden zwar aus verschiedenen Zielstellungen heraus, h¨ angen aber doch fast immer mit den gleichen Emotionen zusammen, die auch Black Sabbath, Led Zeppelin oder andere Bands der fr¨ uhen Heavy Metal Phase bewegten. Dazu geh¨ ort etwa die starke Stahl- und Lederzentriertheit bei Judas Priest, das ¨ ubertrieben
kraftvolle, m¨ annliche Posieren bei Manowar, grenzwertiger Gesang als Wut-oder Frustrationsgeschrei, d¨ ustere Horrorszenarien bis hin zum skurrilen und schockierenden Auftreten eines Alice Cooper oder Marilyn Manson. Gepaart
13 Schulps, Dave: Interview mit Jimmy Page in Trouser Press, Oktober 1977.
14 Davis: The Hammer of the Gods, The Led Zeppelin Saga (1985), Seite 335
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres 13
mit ¨ Arger und Frust, der sich musikalisch Ausdruck verschafft, ergibt sich somit ein Bild des Heavy Metal, was in mehreren Punkten den Vorurteilen entspricht.
Ob Led Zeppelin nun tats¨ achlich r¨ uckw¨ artige Texte in ihre Titel eingeflochten haben oder nicht, es ist jedenfalls nicht verwunderlich, dass andere Bands im Laufe der Zeit diese Praktik durchaus interessant fanden und zur Anwendung brachten, sei es um Zensur zu entgehen, um einen Titel ¨ asthetisch anders zu gestalten, um witzige Aussagen als Parodie zu verstecken oder um tats¨ achlich satanische Verse unbemerkt zu ¨ außern. Die Entwicklung des Heavy Metal war kontinuierlich durchzogen von Kampf, Rebellion und Auflehnung. Da Musik besonders bei jungen Menschen zum Teil ihrer Identit¨ at wird, kam es zu einigen besonderen Auseinandersetzungen, von denen einige nun n¨ aher betrachtet werden. Gegen Ende der 1960er Jahre war es vor allem die Hippiebewegung, gegen die sich der Heavy Metal musikalisch auflehnte um zu zeigen, dass der nicht unsympathische, aber unter Umst¨ anden etwas naive Gedanke an eine ’bessere Gesellschaft’ jeglicher Realit¨ at entbehrt und um den bunt bemalten Friedensbussen und Blumenfrisuren ein St¨ uck harte Wirklichkeit entgegenzusetzen. Dabei stellte ein solcher Blick auf die Flower-Power-Bewegung letztlich auch nur ein Vorurteil dar. Interessant hierbei ist allerdings, dass die meist lang getragenen Haare der Heavy Metal Musiker, eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale des Genres, vermutlich trotzdem der Mode der Hippies entstammen. Die n¨ achste Herausforderung kam Mitte der 1970er Jahre, als der Punk die Jugendkultur f¨ ur sich gewann, und das ausgerechnet in England, dem Heimat-land des Heavy Metal selbst. Vorher war der Heavy Metal die Musikszene, der sich jeder anschließen konnte, der sich nirgendwo anders kulturell beheimatet f¨ uhlte. Hier spielte das Aussehen und die soziale Herkunft keine Rolle, es ging um Musik und freigesetzte Emotionen. Und genau diese Vorherrschaft als ’Kultur der Außenseiter’ wurde vom aufkommenden Punk in Frage gestellt und sogar teilweise ¨ ubernommen. Da dieser auch noch den Ruf hatte, so einfach zu sein, dass selbst Nicht-Musiker damit auf der B¨ uhne stehen konnten, musste der Kreis eingeschworener Heavy Metal Musiker und Fans zusammenhalten und ihre Musik umso energischer und imposanter gestalten, um den Status des wilden Außenseiter-Genres wiederzugewinnen. Judas Priest hat gerade auch durch die spektakul¨ aren B¨ uhnenshows in dieser Epoche enorm an Popularit¨ at
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres 14
gewonnen.
Musik ist f¨ ur jugendliche H¨ orer fast immer auch Rebellion gegen vorhandene Normen und besonders auch gegen die Eltern. Durch den aufb¨ aumenden und revolution¨ aren Charakter des Heavy Metal eignet er sich bis heute hervorragend dazu (Beispiele werden im Verlauf der Arbeit noch besprochen). Dieses Ph¨ anomen ist zwar in jeder Generation zu beobachten, doch gab es zu Beginn der 1970er Jahre eine Besonderheit, n¨ amlich der sich in der breiteren ¨ Offentlichkeit entwickelnde Wohlstand in der westlichen Welt. Die Rebellion, die zu der Zeit mit Hilfe des Heavy Metal von j¨ ungeren Generationen gef¨ uhrt wurde, richtete sich nicht nur gegen die jeweils ¨ altere Generation, sie richtete sich vor allem gegen die Langeweile schlechthin. Die jungen Leute wollten sich nicht damit abfinden, einen langweiligen festen Arbeitsplatz bis zum Rentenalter zu besitzen und tagein, tagaus den gleichen eint¨ onigen Tagesablauf zu erleben, wie ihn die Eltern inzwischen vorlebten und genossen. Sie wollten mehr, sie wollten Aufregung, Spannung, Abenteuer und vor allem Nervenkitzel. Dave Ellefson von Megadeth (gegr¨ undet 1983) hat die Situation folgendermaßen be- Weare the lost generation. People who don’t nessecarily fit in. [...] schrieben: ”
Heavy Metal is about stirring up the pot. It gives you the feeling of being alive,
it hits you right here, in the face.“ 15
Bei den angesprochenen Beispielen ist der Heavy Metal als Mittel zur ¨ Außerung und Anprangerung von Problemen eingesetzt worden. Er wurde als Mu-sikform eingesetzt, um sich Geh¨ or zu verschaffen, sich mit aller Kraft bemerkbar zu machen. Dabei erscheint es fast banal, dass eine friedliche, langsame und fr¨ ohliche musikalische Form diesem Zweck nicht dienlich gewesen w¨ are, sondern dass sie eben aufr¨ uhrend, provokant und auff¨ allig sein musste. F¨ ur die Fans selbst hatte der Heavy Metal aber teilweise noch eine andere Bedeutung. Er diente teilweise als Ventil, um mit den eigenen Emotionen zurecht zu kommen und angestaute Gef¨ uhle, meist Aggressionen, Wut und Hoffnungslosigkeit, loszuwerden. Das gemeinschaftsf¨ ordernde Element von Musik, welches Menschen verbindet, die ¨ ahnliche Probleme haben und sich durch ¨ ahnliche Lebenssituationen besser verstehen, ist beim Heavy Metal seit Beginn ebenfalls vorhanden.
15 Heavy - The Story of Metal (2006), Interview mit Dave Ellefson
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 15
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit
Bereits seit Bands wie Black Sabbath und Led Zeppelin wurde dem h¨ artesten Strang des Hard Rock ein sch¨ adigender Einfluss auf die Jugend vorgeworfen. Ihr exzessives Spiel mit okkulten Themen, gruseligen Songtexten und umgedrehten Kreuzen auf den Plattencovern provozierten die Moralvertreter gewaltig. Doch auch die Musik- und Kritikerbranche war alles andere als begeistert. In der April-Ausgabe der Musikzeitschrift Rolling Stone von 1971 schrieb Nick uber Black Sabbath: ” No act is too depraved, no thought too bizarre Tosches ¨
as they plunge deeper and deeper into the realm of perversion, into the ultimate trip of their own self-fashioned hell. [...] And this is their music. Although you may not enjoy its message, although you may not enjoy a lead singer who sounds like Keith Relf whining about the tampons stuck up his nostrils, you owe it to yourself as a person concerned with contemporary society [...] to be aware
of the heavy sounds of bubble-gum Satanism [...].“ 16 Auch das zu damaliger Zeit sehr angesehene amerikanische Rock ’n’ Roll Magazin Creem titelte in der M¨ arz-Ausgabe von 1976, nachdem sich der Erfolg trotz massiver Opposi- BLACKSABBATH - Should They tion nicht aufhalten ließ, folgendermaßen: ”
Exist? Ozzy’s Barnyard Habits“. 17 Der Popularmusik-Journalist Chuck Klosterman, dessen Schwerpunkt im Bereich des Rock und Metal liegt, ¨ außerte sich zu der entsprechenden musikalischen ¨ Ara um 1970 herum folgenderma-
Nobodythought Black Sabbath was making art.“ 18 Die ßen zu Black Sabbath: ”
Band wurde zwar scheinbar von allen Seiten abgelehnt, f¨ ullte aber trotzdem Konzerthallen und auch die Platten waren enorm gefragt. Anderen Bands erging es ¨ ahnlich, besonders auch Led Zeppelin mit ihrer besonderen Vorliebe f¨ ur okkulte Symbole und mystische Themen, die auch vor Unterweltlichem nicht Halt machten. Der Zusammenhang mit diversen Backmasking-Vorw¨ urfen, seien sie nun beabsichtigt oder zuf¨ alliger Natur, untermauerte die verbreitete Meinung von Heavy Metal als seelenzerst¨ orerische Kraft.
16 Musikmagazin Rolling Stone, Nick Tosches Review des Albums Paranoid von Black
Sabbath, Ausgabe April 1971
17 Phillips: Black Sabbath: Frog Princes of Daktari. in Creem, 03/1976
18 Heavy - The Story of Metal (2006), Interview mit Chuck Klosterman
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 16
2.2.1 Das Parents Music Resource Center (PMRC)
Erst Jahre sp¨ ater, nachdem der Heavy Metal die verh¨ altnism¨ aßige Flaute durch den Punk-Boom in der 2. H¨ alfte der 1970er Jahre ¨ uberdauert hatte, begann seine zweite Bl¨ utezeit, auch die New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM) genannt. In dieser Zeit ließen die Bands neue, aus dem Punk transferierte Elemente mit einfließen und erh¨ ohten das Spieltempo. Kurz darauf kam es zu einer der gr¨ oßten ¨ offentlichen Debatten um potentiell jugendgef¨ ahrdende Musik und deren etwaige gesetzliche Einschr¨ ankung. Gegr¨ undet 1985 von den 4 Ehefrauen amerikanischer Regierungsmitarbeiter (Tipper Gore, Susan Baker, Pam Howar und Sally Nevius), wollte die Vereinigung des Parents Music Resource Center (PMRC) gegen explizite Inhalte in popul¨ arer Musik bzw. gegen deren unkontrollierte Verbreitung vorgehen. Nachdem ein diesbez¨ ugliches Schreiben von der National Parent-Teacher Association an 30 Plattenfirmen und den Ver-band der Musikindustrie in den USA (RIAA) unbeantwortet blieben und nur eine neutral gehaltene Antwort der RIAA darauf hinwies, dass zwischen der Vielzahl an K¨ unstlern und deren Labels Vertr¨ age bestehen, die nicht zentral von der RIAA ¨ ubergangen werden k¨ onnten, organisierte das PMRC, welches inzwischen an Mitgliedern gewann, eine Anh¨ orungsreihe im amerikanischen Senat, um diesen Disput mit Vertretern aus allen beteiligten Bereichen, der Regierung, der Musikindustrie, der K¨ unstler, der Wissenschaft und des PMRC, zu diskutieren.
Mit dem vorgehaltenen Ziel, keine Zensur anzustreben und sich lediglich gegenseitig ¨ uber die Problematik der wom¨ oglich jugendgef¨ ahrdenden Rockmusik-Inhalte aufzukl¨ aren, wurden dem Senat vom PMRC s¨ amtliche Vorw¨ urfe gegen Hard Rock aufgetischt, die es derzeit gab. Immerhin wurde, wo es denn m¨ oglich war, ernsthaft versucht, die Vorw¨ urfe zur negativen Verhaltensbeeinflussung wissenschaftlich zu analysieren. Doch waren in der zweiten H¨ alfte der 1980er Jahre noch sehr viel mehr Menschen, auch Wissenschaftler, von der Wirksamkeit des Backmasking ¨ uberzeugt, wie sie von David A. Nobel in seinem 1965 erschienenen Buch Communism, Hypnotism and the Beatles dargestellt wird. [...] durch unterschwellige Indoktrination in Rocksongs Er behauptet darin: ”
solle die kapitalistische Ordnung unterminiert werden. [...] Eine ganze Generation amerikanischer Jugendlicher werde durch Nervenstauung, geistigen Verfall und Retardierung nutzlos gemacht.“ Der Autor und Referent Bob Larson hat darauf folgend in seinem Buch Rock and Roll: The Devils Diversion 1967
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 17
Symbiose von Rock und Satanismus“ diagnostiziert. 19 So veraltet wie dieine ”
Ver¨ offentlichungsdaten wirken, war der Erkenntnisstand scheinbar nicht, denn selbst Dr. Joe Stuessy, Leiter und Professor der University of Texas at San Antonio sagte w¨ ahrend der PMRC Hearings 1985 folgendes ¨ uber die unbewusste The message may also be covert or sublimi- Aufnahmeeines Musiktextes aus: ”
nal. Sometimes subaudible tracks are mixed in underneath other, louder tracks. These are heard by the subconscious but not the conscious mind. Sometimes
the messages are audible but are backwards, called backmasking.“ 20 In seiner Some messages are pre- imNachhinein verschriftlichten Aussage ist zu lesen: ” sented to the listener backwards. While listening to a normal forward message (often somewhat nonsensical), one is simultaneously being treated to a backwards message (in other words, the lyric sounds like one set of words going forward, and a different set of words going backwards). Some experts believe that while the conscious mind is absorbing the forward lyric, the subconscious
is working overtime to decipher the backwards message.“ 21 Nach der angeblichen Zielstellung des PMRC und der Aussage w¨ ahrend der The reason for this hea- Begr¨ußungsrede des Chairman John C. Danforth (
”
ring is not to promote any legislation. Indeed, I do not know of any suggestion that any legislation be passed.“) wird im Verlauf der Anh¨ orungen sehr schnell deutlich, dass Rockmusik gef¨ ahrlich ist, mit einer freiwilligen Inhaltswarnung der Plattenfirmen auf den Tontr¨ agern nicht zu rechnen ist und eine gesetzliche Regelung notwendig ist. Diese f¨ allt dann allerdings doch als Kompromiss aus, denn der Verband der Musikindustrie der USA erkl¨ arte sich bereit, die Tontr¨ ager mit unangemessen vulg¨ aren Texten mit explicit lyrics kennzeichnen zu lassen. 1990 wurde dann in Zusammenarbeit mit dem PMRC der bekannte Aufkleber Parental Advisory - Explicit Content eingef¨ uhrt und das Material neben Vulgarit¨ at zus¨ atzlich auf Gewaltverherrlichung und sexuelle Anz¨ uglichkeit ¨ uberpr¨ uft. Die Entscheidung ¨ uber den Erhalt des Aufklebers liegt interessanterweise bei der jeweiligen Plattenfirma.
Neben der zeitweiligen Befriedigung des PMRC und anderen besorgten Organisationen hatte die Einf¨ uhrung dieser Kennzeichnung noch einen weiteren Effekt, denn was verboten ist, das ist gerade erst interessant: Es wurden mehr Platten produziert, die den im Volksmund genannten Tipper Sticker trugen
19 beides zitiert nach Wehrli: Verteufelter Heavy Metal (2005), Seite 118
20 PMRC Senate Hearings (1985), Transcript Seite 118
21 Ebd. Seite 125
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 18
und er wurde zum Anreiz vieler Bands. 22 Etliche machten sich auch ¨ uber diese
Art der Zensur auf ihre Art lustig, wie zum Beispiel Metallica, die auf einer Serie ihres 1986 erschienenen Albums Master of Puppets einen eigenen Aufkle- Theonly track you probably won’t want to play is ber hatten mit den Worten: ”
Damage inc. due to the multiple use of the infamous F word. Otherwise, there aren’t any shits, fucks, pisses, cunts, motherfuckers or cocksuckers anywhere on this record.“ Als derartige Zensurversuche auch in Europa praktiziert wurden, reagierte unter anderem die deutsche Punk-Band Die ¨ Arzte damit, ein
Album in genau diesem provokanten Stil zu produzieren und ihm einen entsprechenden Namen zu geben, die Platte Ab 18 von 1987. 3 der 7 Titel wurden sofort in Deutschland indiziert, doch die Band hatte bereits ins Coverdesign eine Notiz eingearbeitet, in der darauf hingewiesen wurde, dass die CD aus Jugendschutzgr¨ unden nicht an Jugendliche unter 18 Jahren verkauft und nicht ¨ offentlich umworben werden darf.
Interessant und etwas ironisch ist zu bemerken, dass die vom PMRC als
besonders verderblich eingesch¨ atzten Filthy Fifteen 23 keiner bis auf eine Ausnahme (Madonnas Erotica) einen Aufkleber zur Inhaltswarnung bekam.
2.2.2 Vance vs. Judas Priest
Im Dezember 1985 ereignete sich ein versuchter Doppel-Suizid zweier Jugendlicher aus Reno, Nevada, der erneut weite Kreise zog und den Kritikern von Hard Rock und Heavy Metal weiteres Wasser auf die M¨ uhlen gab. So haben die beiden Jungen an jenem Tag mehrere Stunden mit Alkohol- und Marihuanakonsum verbracht sowie ausgiebig das Stained Class Album (produziert 1978) von Judas Priest geh¨ ort, bevor sie sich zu dem gemeinschaftlichen Suizid entschlossen, der bei einem der beiden, James Vance, misslang und in einer komplizierten, gesichtsentstellenden Verwundung endete. Er wurde darauf mehrfach operiert und starb 3 Jahr sp¨ ater an einer selbstverabreichten ¨ Uberdosis Schmerztabletten. In einem Titel des besagten Albums, namentlich Better by You, Better than Me, soll die unterschwellig versteckte Botschaft ” Do it!“
enthalten gewesen sein, die den Selbstmord der beiden Jungen ausgel¨ ost haben
22 Wehrli: Verteufelter Heavy Metal (2005), Seite 72
23 Liste von 15 Titeln, die so verruchte Inhalte haben, dass sie als negatives Aush¨ angeschild
der Popmusik proklamiert wurden und den eigentlichen Anstoß zur Debatte gaben.
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 19
soll. 24 Nach eigener Aussage Vances haben die beiden die Aufforderung geh¨ ort, sie als Best¨ atigung der Selbstmordgedanken empfunden und danach gehandelt. Die Diskussionen dar¨ uber, ob nun Judas Priest direkt oder indirekt f¨ ur den Tod der Jugendlichen verantwortlich gemacht werden kann, flammten auf und 1990 kam es zur Anklage und Gerichtsverhandlung. Dieser Prozess ist in mehrerer Hinsicht interessant, da er nicht nur die sachliche Aufkl¨ arung einer Gewalttat zum Ziel hatte, sondern sich an ihm viele, besonders auch religi¨ os motivierte, Kritiker des entsprechenden Musikgenres aufrieben und nicht nur eine Band, sondern den Heavy Metal selbst vor Gericht stellten. Schließlich waren die vermeintlichen ’Verdachte und Methoden’ l¨ angst bekannt: Unterschwellige Botschaften machen den H¨ orer willenlos und verleiten ihn zu schlimmen Taten. Durch die unterbewusst aufgenommenen Inhalte wird die Saat des B¨ osen direkt in die Seelen Unschuldiger eingepflanzt. Somit kann sich nicht mal mehr
der Verstand dagegen wehren, selbst wenn er noch wollte. 25 Mit dem Prozess Vance vs. Judas Priest war daf¨ ur endlich ein Podium gefunden worden. Doch die Band wurde freigesprochen. Es konnte eine Vielzahl von entscheidenden Aspekten nicht wissenschaftlich nachgewisen werden. So konnte nicht gezeigt werden:
Do it!“ tats¨ achlich beabsichtigt in den Titel proji- (1) dassdie Textstelle ”
ziert wurde. Beim r¨ uckw¨ artigen Abspielen von Tonaufnahmen, besonders bei gesanglichen Stellen, wird es immer Lautkombinationen geben, die wie Worte einer Sprache klingen. Die Jury war hier der Meinung, dass vielmehr das zuf¨ allige Zusammentreffen eines Gitarrenakkordes mit einem Ausatemger¨ ausch
Do it!“ gef¨ uhrt haben. 26 zu dem besagten ”
(2) dass die von den Jungen wahrgenommene Aufforderung den versuchten Do it!“ ist schließlich noch Selbstmord ausl¨ oste. Ein zusammenhangsloses ” lange keine Aufforderung zum Suizid. Die Jury entschied nach Aufkl¨ arung durch die anwesenden Experten, und darin waren sich alle einig, dass eine derartig unfokussierte Aufforderung lediglich bereits vorhandene Dispositionen in den Jungen verst¨ arken konnte. Dies passte auch mit den etwas widerwillig ver¨ offentlichten Informationen zur bisherigen Vergangenheit der beiden, denn dort gab es bereits Selbstmordversuche, Ank¨ undigungen dazu, einen
24 Magazin Skeptical Inquirer, Moore’s Scientific Consensus and Expert Testimony: Les-
sons from the Judas Priest Trial (1996), Anklagezusammenfassung
25 Wehrli: Verteufelter Heavy Metal (2005), Seite 118
26 Magazin Skeptical Inquirer, Moore’s Scientific Consensus and Expert Testimony: Les-
sons from the Judas Priest Trial (1996)
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 20
gewaltt¨ atigen Familienhintergrund und psychologische Befunde, dass beide uber lange Zeit schwere Anpassungsprobleme hatten und unterschiedlich starke ¨
Auspr¨ agungen von depressivem Verhalten zeigten. 27 (3) dass unterschwellige Textstellen oder Botschaften (Subliminals) ¨ uberhaupt
eine Wirkung zeigen, seien sie nun vorw¨ arts und leiser, r¨ uckw¨ arts oder anderweitig versteckt eingebunden und nur mit technischen Hilfsmitteln erkennbar. Derzeit liegen keine Studien vor, die entsprechendes belegen. Nach dem Rechtspsychologen und kanadischen Professor f¨ ur Psychologie Timothy E. Moore haben die angeblich vergleichbaren, im Prozess f¨ ur die Seite der Kl¨ ager angef¨ uhrten, Studien nichts mit dem Wirkungsgrad von unterschwelligen Botschaften
zu tun. 28 Auch hier entsprach die Meinung der Jury etwa dem Konsens f¨ uhrender Psychologen, n¨ amlich dass unterschwellig empfangene Nachrichten bestenfalls extrem wenig und unvorhersehbaren Effekt auf den Empf¨ anger haben
k¨ onnen. 29
Die besondere Wirkung von Subliminals, so zweifelhaft diese auch sein mag, liegt unumstritten in dem Punkt, dass der Empf¨ anger sich ihrer Existenz nicht bewusst ist. Wie in einem Traum, in dem man beim Gedanken daran, dass dies ein Traum sein k¨ onnte, sofort erwacht, verliert die unterschwellige Botschaft beim bewussten Erkennen sofort ihre vermeintliche Wirkung. Dieser Zusam- Do menhang ist genau dann interessant, als dass die geh¨ orte Aufforderung ” it!“ genaugenommen nicht unterschwellig war, da die Jungen in Reno sich ihrer Existenz sehr wohl bewusst waren und angaben, sie kognitiv verstanden und f¨ ur sich interpretiert zu haben. Diese Diskrepanz ist im Gerichtsprozess
allerdings unbemerkt geblieben. 30
Auch wenn eine Verurteilung von Judas Priest ausblieb und vorhandene Vorw¨ urfe und Vorurteile im Zusammenhang mit Heavy Metal nicht belegt werden konnten, so ist Vance vs. Judas Priest doch ein Beispiel daf¨ ur, wie zielgerichtet einige gesellschaftliche Gruppen den Heavy Metal als Dorn im Auge empfinden. Nat¨ urlich war der Doppelsuizid kein geplanter Akt der Heavy Metal Gegner, doch ist es erstaunlich, wie schnell sich ein Heer an sogenannten Spezialisten finden ließ, die mit Bestimmtheit Thesen gegen den Musikstil aufbrachten und wie realistisch diese, in ihrer Gesamtheit alle gescheiterten,
27 Ebd.
28 Ebd., Kapitel Scientific Opinion vs. Scientific Evidence
29 Ebd.
30 Ebd., Kapitel Further Confusion
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 21
sogenannten wissenschaftlichen Thesen klangen, dass sie ¨ uberhaupt einen Prozess wie diesen herbeif¨ uhren konnten. Doch damit nicht genug, die entsprechenden Vorurteile und nach Moore scientific opinions, not scientific facts, waren bereits 1990 so fest in den K¨ opfen der Bev¨ olkerung verankert, dass selbst eine in allen Punkten fallengelassene Anklage auch nur als Best¨ atigung im Ged¨ achtnis h¨ angen bleibt, dass der Heavy Metal ganz bestimmt mit Verf¨ uhrung, Gewalt und ¨ ahnlichem verkn¨ upft ist, das war er schließlich schon immer!
2.2.3 Pseudowissenschaftliche Ver¨ offentlichungen
Da die Menschen seit den 1990er Jahren knapp 20 Jahre ¨ alter geworden sind und die Generationen sich langsam verschieben, hat sich auch die ¨ offentliche Meinung ¨ uber Heavy Metal etwas gewandelt, wenn auch nur minimal. So ist der Stil halbwegs als ein eigenst¨ andiger anerkannt, wenn er auch nicht jedem gefallen muss, und Elemente des h¨ arteren Rock und Metal haben inzwischen auch in der weitestgehend akzeptierten Popularmusik Fuß gefasst. Die Vorw¨ urfe des Backmasking sind auf Grund der schwierigeren technischen Handhabung bei der CD zur¨ uckgegangen. Daf¨ ur sehen Kritiker die Demoralisierung, Verrohung und Entwicklung einer antisozialen Einstellung zunehmend als Problem, was stark an die Debatten ¨ uber die potentielle Gefahr von einigen Computerspielegenres bis hin zum Medienkonsum Jugendlicher generell erinnert. Auch wenn die heutige Musikwissenschaft vergleichsweise vern¨ unftig mit Stilen wie Heavy Metal oder auch Hip Hop, der ebenfalls als Kunstform wenig Akzeptanz findet, umzugehen versteht, gibt es immer noch Menschen, die es vorziehen, ihre eigene Meinung m¨ oglichst wissenschaftlich klingend und so stichhaltig wie m¨ oglich darzustellen, als objektive und vor allem ergebnisoffene Forschung zu betreiben. Dass solche Leute unter Umst¨ anden sogar ein abgeschlossenes Studium der Musikwissenschaft vorweisen k¨ onnen macht die Sache leider auch nicht besser, nur verwirrender, da es sie glaubw¨ urdiger erscheinen l¨ asst. Im Zusammenhang mit Heavy Metal ist eine solche Ver¨ offentlichung das Buch Gewaltmusik - Musikgewalt von Klaus Miehling, erschienen 2006, was durchaus als aktuell mit Blickwinkel auf die Publikationsdichte auf diesem Gebiet bezeichnet werden kann. Das Buch ist be¨ angstigend, da nicht nur vermeintliche Belege angef¨ uhrt werden, dass die Welt seit Existenz der Popmusik zugrunde geht, nat¨ urlich ihretwegen, sondern auch weil sich der Leser perma- diemoralisch negativen Anlagen nent ertappt f¨ uhlt, dieser Musik, mit der ”
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 22
der Menschen voll zur Entfaltung kommen, die positiven aber unterdr¨ uckt wer-den“ 31 , selbst gelegentlich zu lauschen. Dabei spielt der eigene Musikgeschmack kaum eine Rolle, denn Gewaltmusik ist nicht nur Heavy Metal, sondern der gesamte Bereich der popul¨ aren Musik. Kapitelweise werden die Seiten gef¨ ullt mit Darlegungen, wie die Popmusik zu Hedonismus und Leistungsverweigerung anstiftet, Vulgarit¨ at predigt, Z¨ ugellosigkeit und Sex sowie Wahnsinn thematisiert, Satanismus und Blasphemie sowieso, zu Anarchie aufruft und kriminelle Energie freisetzt, Aggression und Gewalt f¨ ordert, zu Drogen motiviert, f¨ ur Verm¨ ogensdelikte verantwortlich ist, sowie f¨ ur L¨ uge, Betrug und Bestechung
und der ahnungslose H¨ orer den Gewaltmusikkonzernen hilflos ausgeliefert ist. 32 Popmusik ist und macht verdorben, ohne Ausnahme. Kein ernstzunehmender Wissenschaftler w¨ urde heute noch auf die Idee kommen, Musik in gute und schlechte zu unterteilen, doch Miehling tut genau das und verdeutlicht diese Trennung mit der Unterscheidung von Musik nach ihrem moralischen Wert:
Ernste Musik und Gewaltmusik. 33 Dabei ¨ ubt Miehling genau das aus, woge- WerMenschen ihrer musikalischen Orientierung gen er vorzugehen versucht: ”
wegen verunglimpft, predigt Gewalt.“ 34 . Schipperges fragt im gleichen Artikel, ob es nicht Sinn ergeben w¨ urde, nach diesem Schwarzbuch der Popmusik ein entsprechendes Weißbuch zu schreiben, doch beantwortet diese Frage nicht. Schließlich bringe das Werk von Miehling keinerlei Einsichten, provoziert lediglich und erregt Anstoß.
Sollte jemand, der sich ernsthaft mit Heavy Metal oder anderen Genres der popul¨ aren Musik auseinandersetzten m¨ ochte, auf der Suche nach Kl¨ arung etwaiger Unwissen- oder Unsicherheit, dieses Buch in die H¨ ande bekommen, so w¨ are dies ¨ außerst bedauernswert.
2.2.4 Fundamentales Christentum
Ein Kreis, der immer wieder f¨ uhrend bei der Verurteilung des Heavy Metal ist, sind christliche und andere religi¨ ose Einrichtungen. Kaum eine Gruppe hat bisher so intensiv gegen den Musikstil Stellung bezogen wie die Kirchen, und allen voran die fundamentalen Christen in England und den USA. Auch in
31 Miehling: Gewaltmusik (2006). Seite 465
32 Ebd., Kapiteltitel 2.1.1 bis 2.1.12
33 Ebd., Seite 598
34 Schipperges: Die Kunst soll niemand reizen, darin liegt ihr Reiz, Buchkritik ¨ uber Mieh-
lings Buch Gewaltmusik, 2008
2.2 Stimmen in der ¨ Offentlichkeit 23
anderen L¨ andern, auch in Deutschland, gibt es fundamentalistische Str¨ omungen, teilweise sogar gegen die katholische oder evangelische Kirche eingestellt, doch ist deren ¨ offentlicher Einfluss in den USA um ein Vielfaches gr¨ oßer als hierzulande. So kam es denn auch zu unz¨ ahligen ¨ offentlichen Plattenverbrennungen, in denen zu Predigten wider den Teufel tausende Tontr¨ ager vernichtet wurden. Ein besonderes Ereignis dieser Art war die Verbrennung im April 1982 in Huntersville, North Carolina, geleitet von einem Pastor, der selbst einmal Rockmusiker war. Der am besten greifbare Stein des Anstoßes waren dabei die Backmasking-Vorw¨ urfe. Doch was unterscheidet den Heavy Metal von anderen moral-relativierenden Jugendbewegungen, was macht ihn in den Augen der christlichen Fundamentalisten so satanisch? Neben den vielleicht ernsthaft vertretenen Ansichten zum Backmasking f¨ uhlen sich die W¨ urdentr¨ ager wom¨ oglich zus¨ atzlich des Privilegs beraubt, als einzige ¨ uber Himmel,
H¨ olle sowie von Gott, Satan und S¨ unde predigen zu d¨ urfen. Ob nun der eigene Glauben daran existiert oder nicht, eine Vorstellung von diesen Dingen hat jeder, und die ist ¨ uber Jahrhunderte haupts¨ achlich von der Kirche gepr¨ agt. Werden pl¨ otzlich reihenweise Musikst¨ ucke komponiert, in denen diese spirituellen Vorstellungen neu interpretiert, relativiert und persifliert werden, und das ganze sogar Zulauf findet, so ist das als klarer Angriff auf das Recht zu werten, uber solche Glaubensfragen als einzige, sozusagen als Fachleute, urteilen zu ¨ d¨ urfen.
Nat¨ urlich ist die besondere Beziehung zwischen Kirche und Heavy Metal nicht in jedem Fall eine negative, sich gegenseitig ausschließende. Sehr viele Musiker aus dem Heavy Metal Bereich haben spirituelle Wurzeln im Christentum. Der ehemalige Ministrant Julian Rohrer, der w¨ ahrend seiner Jugend mehrere Heavy Metal Bands gegr¨ undet hat und der heute als bekennender Katholik und ehrenamtlicher Mitarbeiter lebt, hat in einem Interview zu der Diskrepanz Heavy Metal - Kirche folgendes gesagt: ” Kirche und Metal, das
ist beides Rebellion. Auch das Christentum hat sich immer wieder aufgelehnt
gegen Unterdr¨ uckung.“ 35 Er sieht kein Problem in der parallelen Zuneigung zu Kirche und Heavy Metal. Da der Musikstil in erster Linie durch seinen Sound charakterisiert ist, gibt es nicht notwendigerweise Konflikte mit der eigenen religi¨ osen Einstellung. Erst bei Hinzunahme der Texte und anderer Merkmale kann es n¨ otig sein, f¨ ur sich die Frage nach Vertr¨ aglichkeit neu zu bewerten,
35 Scheidl, Felix: Wie ein Messdiener zum Metal-Fan wurde, in Spiegel Online, 16.02.2009
2.3 Stellungnahme von K¨ unstlern und resultierende Bewegungen 24
doch gilt dies ebenso f¨ ur jede andere Kunstform.
Dass Stile wie Heavy Metal mit deren harscher Realit¨ at, die sich immer wieder in sich aggressiv entladender Musik und harten Texten ¨ außert, m¨ oglicherweise nicht Ursache f¨ ur den moralischen Wertverlust, sondern eher Anziehungsmagnet, gewiss auch f¨ ur sozial stigmatisierte Menschen, ist, diese Frage stellt sich den Kritikern und fundamentalistisch Gl¨ aubigen eher selten.
2.3 Stellungnahme von K¨ unstlern und resultierende Bewegungen
Was will der K¨ unstler damit sagen?“, wenn Nur zu bekannt ist die Frage ”
wir ein Bild sehen, ein Buch lesen oder auch ein Musikst¨ uck h¨ oren. Doch wie finden wir die Antwort? Eine Analyse des Werdegangs des K¨ unstlers kann dabei helfen, auch der Vergleich mit anderen Werken kann Hinweise geben. Doch solange der K¨ unstler nicht selbst sein Kunstwerk kommentiert hat, ist alles Spekulation, unterschiedlich korrekt wom¨ oglich. Eine h¨ aufig praktizierte Art, herauszufinden, was der K¨ unstler mit seiner Kreation sagen will oder dem zumindest n¨ aher zu kommen, ist, sich diesen Kommentar auf Anfrage zu holen, ihn selbst danach zu fragen. Doch ist dieses Vorgehen nicht immer zuverl¨ assig, denn angenommen, die Aussage des Objekts, im konkreten Fall das Musikst¨ uck, findet auf breiter Linie keine Akzeptanz, so ist dem K¨ unstler wom¨ oglich nicht sehr daran gelegen, die urspr¨ unglich gewollte Aussage korrekt darzustellen. Es ist vorstellbar, dass er gerade hier eine Antwort gibt, die vertr¨ aglicher mit der allgemeinen Meinung ist. Nat¨ urlich kann es auch sein, dass der K¨ unstler so sehr hinter seiner Aussage steht, dass er die geballte Kritik und etwaige Zur¨ uckweisung auf sich nimmt und die Wahrheit preisgibt. Gerade im Heavy Metal, der in den ¨ uberwiegenden F¨ allen angreifende, morbide,
gewaltt¨ atige oder sonstige anz¨ ugliche Themen behandelt, ist der erste Eindruck oft schockierend f¨ ur Nicht-Heavy-Metal-H¨ orer. Wer sich nicht mit bloßer Ablehnung allein durch eine harte Sprache zufrieden gibt, der stellt genau hier die erw¨ ahnte Frage, was die Band damit sagen will, warum sie von so unangenehmen Dingen redet, singt oder schreit. Und genau in diesem Musikstil ist f¨ ur die Musiker der Spagat zwischen Popularit¨ atsgewinn, Verkaufszahlen, ¨ offentlichem Image und der eigenen tats¨ achlichen Meinung so groß, dass ein Statement des K¨ unstlers unmittelbar davon beeinflusst wird. Wenn also Paul Stanley, Front- mann und Songwriter bei KISS, im Interview zu genau dieser Frage nach dem
2.3 Stellungnahme von K¨ unstlern und resultierende Bewegungen 25
My purpose was always just to Zweck seiner Musik folgende Aussage macht: ”
express myself. People are kidding themselves when they think music is going
to change the world or enlighten people. It’s a bunch of hogwash.“ 36 , so ist dies eine vielleicht zu erwartende, etwas stereotype Antwort, die trotzdem mit Vorsicht zu genießen ist. Ob sie 30 Jahre fr¨ uher genauso ausgefallen w¨ are ist fraglich, zumal er in einem vergleichbaren Interview w¨ ahrend ihrer gr¨ oßten When we Erfolgsphase Ende der 1970er Jahre andere Schwerpunkte setzte: ” started with merchandise it was considered very uncool. Merchandise for us is
something that goes hand in hand with Rock ’n’ Roll.“ 37 Der Musikjournalist KISS Klosterman best¨ atigt die ausgepr¨ agte Gewinnorientierung der Band: ”
has never really ever had an agenda besides capitalism.“ 38 Nat¨ urlich ist es ganz verst¨ andlich, dass sich innerhalb eines Vierteljahrhunderts die Meinung und das Selbstverst¨ andnis ¨ andern kann. Außerdem steht jedes Statement eines K¨ unstlers auch immer in direktem Zusammenhang zu seinem eigenen Image und Ziel. Nicht zu untersch¨ atzen ist ebenfalls das Ph¨ anomen, dass ein Kunstwerk, ein Musikst¨ uck, ein Eigenleben entwickelt, welches neben den gesellschaftlichen Umst¨ anden seiner Erscheinung auch maßgeblich von der Art der Rezeption abh¨ angt. Auf diese Weise kommt es vor, dass Titel umgedeutet werden, entgegen der urspr¨ unglichen Intention, und sich das Puuberhaupt nicht bewusst ist. Der Beastie Boys Titel blikum der Umdeutung ¨
(You Gotta) Fight For Your Right (To Party!) ist ein gutes Beispiel f¨ ur solch eine Umkodierung von Songtexten. Er ist ursp¨ unglich als Parodie auf derartige Attitude Songs gedacht und ironisch gemeint. Doch nicht nur die Ironie ist verlorengegangen, auch der Nachsatz To Party! wird gern weggelassen. Somit ist daraus eine Art Kampfansage geworden, was lediglich der Zeile Fight For
Your Right im Titel zu danken ist. 39
Mit diesem Beispiel soll darauf hingewiesen werden, dass K¨ unstlerstatements ebenso kritisch hinterfragt werden m¨ ussen wie Kritikeraussagen und dass in gewisser Weise der K¨ unstler nach der Ver¨ offentlichung auch nur Rezipient ist.
Ein K¨ unstler, der gleich in 2 Musikstilen gleichzeitig durch massive Provokation
36 Snyder: Interview mit Paul Stanley, Oktober 2000
37 Heavy - The Story of Metal (2006), Statements von Paul Stanley
38 Ebd., Interview mit Chuck Klosterman
39 Odell: The Greatest Songs Ever! Fight For Your Right. Review des Beastie Boys Titels
vom 15.02.2004
2.3 Stellungnahme von K¨ unstlern und resultierende Bewegungen 26
und Brutalit¨ at negativ herausragt, ist der Rapper Ice-T, der neben seiner Vorreiterrolle im Hip Hop auch noch Frontmann und Songwriter der Heavy Metal Band Body Count ist. Bereits der Bandname, der der Milit¨ arsprache entstammt und als Opferz¨ ahlung im Vitnam-Krieg besonders popul¨ ar wurde, ist Gesellschaftskritik.
In einem seiner Titel (Momma’s Gotta Die Tonight) beschreibt er als Protagonist seine Mutter als rassistisch. Sie l¨ asst ¨ uber Jahre nicht von dieser Einstellung ab und bringt den Protagonisten dazu, die Mutter zu hassen. Im folgenden Abschnitt beschließt er, sie zu t¨ oten und tut dies auf besonders ungew¨ ohnliche Weise, musikalisch ebenfalls sehr vielseitig untermalt. Die Leiche wird zerst¨ uckelt und von ihm in jedem US-Staat verteilt, dessen Menschen von der Rassistin besonders gehasst wurden. Den Abschluss bildet die Aufforderung, mit ¨ ahnlich fremdenfeindlich eingestellten Familienangeh¨ origen ebenfalls [...] or do like Body Count does.“ am Ende. harsch umzugehen und einem ”
In einem weiteren Beispiel, dem Titel Cop Killer, wegen dem eine ganze CD umbenannt werden musste und der Song davon entfernt wurde, wird lautstark die Brutalit¨ at der Polizei gegen¨ uber schwarzen Amerikanern angegriffen. In der Tat hatte diese wenige Monate vor der geplanten CD-Ver¨ offentlichung 1991 mit dem brutalen ¨ Ubergriff von 4 Polizisten auf den schwarzen Rodney King einen gewissen H¨ ohepunkt erreicht. In dem Titel bezieht sich die Wut allerdings auf die gesamte Polizei. Es wird beschrieben, wie der Protagonist auf Grund von police brutality die Geduld verliert, sich entsprechend ausr¨ ustet und auf die regelrechte Jagd nach Polizisten geht. Der Refrain ist gepr¨ agt von I’m a cop killer, better you than me. / Cop Gnadenlosigkeit und Rachegef¨ uhl: ”
killer, fuck police brutality! / Cop killer, I know your family’s grieving (fuck ’em!) / Cop killer, but tonight we get even.“
Gerade Ice-T ist jemand, der mit Statements zu seiner Musik nicht geizt. In seinem Buch The Ice Opinion erkl¨ art er den Text zu Momma’s Gotta Die Tonight methaphorisch. ” Jeder, der den Rassismus am Leben erh¨ alt, muß sterben, nicht unbedingt physisch, aber der entsprechende Teil seines Gehirns sollte
vernichtet werden. Ab sofort ist diese ganze Haltung gestorben.“ 40 Cop Killer, so Ice-T, ist als Protestsong gedacht, es sollte eher eine Warnung anstelle einer Drohung sein. Allein 1991 wurden in Los Angeles durch
40 Ice-T: The Ice Opinion (1995), Seite 208. ¨ Ubersetzung des Originalzitats: ” Whoever is
still perpetuating racism has got to die, not necessarily physically, but they have to kill off
that part of their brain. From now on, consider it dead. The entire attitude is dead.“
2.3 Stellungnahme von K¨ unstlern und resultierende Bewegungen 27
Sobald ihr nachweisliches Fehlverhalten 81 Menschen von Polizisten get¨ otet: ”
ubertretet, ist es nur fair, wenn wir dasselbe tun.“ 41 das Gesetz ¨
Rechtfertigt hier das Ziel die Mittel? Ist es in Ordnung, auf der B¨ uhne die Jagd auf Polizisten zu feiern, aus welchem Grund auch immer? K¨ onnen wir die Wut und Trauer, die jemand wie Ice-T erfahren musste, um solche Songs zu schreiben, ¨ uberhaupt nachvollziehen und ist sie Rechtfertigung daf¨ ur? Das Ph¨ anomen der Rechtfertigung von Gewalt durch ein h¨ ohergestelltes, objektiv gutes Ziel ist nicht neu und taucht immer wieder auf. Selbst in der aktuellen Weltpolitik werden Kriege gegen Terrorismus und f¨ ur den Frieden gef¨ uhrt. Auch in der Musikbranche ist Ice-T nur einer von vielen K¨ unstlern, die sich dieser Erkl¨ arung bedienen.
Eine weitere Form im Umgang mit dem Randgruppen- und Gewalt-Image des Heavy Metal aus den eigenen Reihen selbst, hatte die Gr¨ undung eines neuen Untergenres zur Folge. Ein zentraler Angriffspunkt des Heavy Metal war schon immer der thematische Bezug zum okkulten, von Kritikern gern vereinfacht als Hang zum Satanismus bezeichnet. Abgesehen davon, dass sich die meisten sogenannten Indizien daf¨ ur auf Missverst¨ andnissen, Fehlinterpretationen oder einfach Nichtgefallen gr¨ unden, sahen sich einige Metal-Liebhaber, die ebenfalls kein Interesse an Satansverehrungen hatten, in der Pflicht, Heavy Metal mit bewusst und vor allem deutlich erkennbaren christlichen Schwerpunkten zu schaffen. Das entstandene Genre wird als White Metal, als unmissverst¨ andlicher Gegenpol zum Black Metal, oder auch als Christian Metal bezeichnet. Musikalisch gibt es kaum Einschr¨ ankungen und es gibt christliche Metal Bands in jeder musikalischen Unterkategorie. Prominente Vertreter des White Metal sind Stryper, besonders markant mit der Platte To Hell With The Devil von 1986 und die Band Vengeance, die beide eher am Power Metal orientiert sind. Da sich der christliche Strang des Heavy Metal rein auf die inhaltlichen Themen bezieht, ist es denkbar, solche Texte mit musikalischen Elementen auch z.B. des Black Metal zu verbinden, was schnell zu begrifflichen Schwierigkeiten f¨ uhrt, somit wird diese spezielle Kombination Unblack Metal genannt. Christlich orientierte Metal Bands haben Bedeutung vor allem in den USA. Anderswo, auch hier in Europa, ist das Interesse weitestgehend gering. Es gibt auch Bands, deren Mitglieder allesamt bekennende Christen sind, z.B. Creed, doch das ist nicht zu verwechseln mit Bands des White Metal, denen es
41 Ebd., Seite 209f
Arbeit zitieren:
Bertram Becker, 2009, Gewalt im Heavy Metal, München, GRIN Verlag GmbH
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