Sprachenpolitik in der Praxis sinnvoll sein kann, wird von Jörg Witt bezweifelt 1 Er weist zwar auf die Möglichkeit hin, „(...)daß im politisierten Umgang mit Sprachen verschiedenste Teilbereiche ausgegliedert werden können(...)“ 2 , entscheidet sich aber für die konsequente Verwendung des Begriffes Sprachpolitik. Darunter versteht er in Anlehnung an Stark die
„(...)bewußte und planmäßige Einflußnahme von Regierungen oder gesellschaftlichen Machtgruppen auf die Entwicklung und die Stellung von Sprachen innerhalb und außerhalb des eigenen Territoriums(...)“. 3
Weiterhin besteht die Möglichkeit, Sprachpolitik in implizite und explizite Sprachpolitik zu teilen, als Kriterium führt Witt die Sichtbarkeit derselben an. 4 Für die inhaltliche Ebene kann zwischen normalisierender, standardisierender und liberaler Sprachpolitik, für die Ebene der Wertschätzung zwischen konstruktiver und destruktiver Sprachpolitik unterschieden werden.
Diese verschiedenen, einzelnen Unterbegriffe werde ich im Folgenden nicht alle erschöpfend thematisieren. Die von Stark gegebene und von Witt übernommene allgemeine Definition von Sprachpolitik halte ich hingegen für sinnvoll und werde mich darauf beziehen, wenn ich im Verlauf dieser Arbeit den Begriff Sprachpolitik verwende. Auf einige, für meine Arbeit wichtige Begriffe werde ich jedoch im Folgenden noch eingehen.
3. Sprachverbreitungspolitik
Auswärtige Kulturpolitik wird von den meisten Staaten in der einen oder anderen Form betrieben, zu den dafür eingesetzten Instrumenten zählen beispielsweise Sport (z.B. Teilnahme an internationalen Turnieren), Kunst (Musik, Film, Theater, Literatur) sowie Bildung und Wissenschaft. 5 Besonders im Bereich Bildung und Wissenschaft setzen gerade hoch entwickelte Staaten häufig Bildungsangebote ein, welche Maßnahmen von Unterstützung von Bildungseinrichtungen im Ausland bis hin zu Studienmöglichkeiten
1 Vgl. Witt, Joachim. Wohin steuern die Sprachen Europas? Probleme der EU-Sprachpolitik, S. 25
2 Witt, A.a.O, S. 25
3 Stark, Franz, nach Witt, Joachim. Wohin steuern die Sprachen Europas? Probleme der EU-Sprachpolitik, S. 26
4 Vgl. Witt, Joachim. Wohin steuern die Sprachen Europas? Probleme der EU-Sprachpolitik, S. 26
5 Vgl. Praxenthaler, Martin. Die Sprachverbreitungspolitik der DDR, S. 8
2
für Gäste im Inland umfassen. 6 Doch obwohl Sprache und Kultur in einer unbestreitbar engen Verbindung miteinander stehen, betreiben bei weitem nicht alle Staaten auch Sprachverbreitungspolitik im Rahmen ihrer Kulturpolitik. Sprachverbreitungspolitik wird von Ammon verstanden als jegliche Politik, welche die Verbreitung einer oder mehrerer bestimmter Sprachen zum Ziel hat, wobei es sowohl um die Aquirierung neuer Sprecher als auch um den Gebrauch in einem neuen Bereich gehen kann. 7 Zentral ist dabei das Vorhandensein von Absichten zur Verbreitung einer Sprache, die Verbreitung darf also nicht unintendierte Konsequenz anderer politischer Maßnahmen sein. 8 Desweiteren wird unterschieden zwischen interner und externer
Sprachverbreitungspolitik. Die interne beschränkt sich dabei auf das Souveränitätsgebiet eines Staates, die externe findet auf dem Gebiet anderer Staaten statt, wodurch ihre Möglichkeiten und Instrumente sich notwendigerweise unterscheiden. 9 Als besonderen Problemfall kann man Sprachverbreitungspolitik im Zuge militärischer Eroberungen betrachten. Während dabei faktisch die Möglichkeiten interner Sprachverbreitungspolitik bestehen, handelt es sich wegen der Verletzung der Souveränitäten von anderen Staaten nach dem Völkerrecht um externe Sprachverbreitungspolitik. 10 Das Ziel von Sprachverbreitungspolitik ist die Erhöhung des internationalen Status der jeweiligen Sprache. Diesen Status zu messen oder festzustellen ist kein einfaches Unterfangen. Ulrich Ammon geht davon aus, dass diejenige Sprache die bessere internationale Stellung hat, in welcher mehr internationale Kommunikation stattfindet. 11 Für Rückschlüsse auf die zu vermutende Menge internationaler Kommunikationsereignisse nennt er eine Reihe verschiedener Indikatoren, die er mit verschiedenen Annahmen verknüpft. Zunächst nennt er die Anzahl der Muttersprachler einer Sprache. Je größer diese Anzahl ist, desto größer ist auch die Anzahl von Kontakten mit Sprechern anderer Sprachen und damit die Anzahl der internationalen Kommunikationsereignisse. Auch werden größere Sprachen öfter als Fremdsprachen gelernt. Des weiteren spielt die Gesamtzahl derjenigen eine Rolle,
6 Vgl. Praxenthaler, Martin. A.a.O., S. 8
7 Vgl. Ammon, Ulrich. Die internationale Stellung der deutschen Sprache, S. 526
8 Vgl. Ammon, Ulrich. A.a.O., S. 526
9 Vgl. Ammon, Ulrich. A.a.O, S. 527
10 Vgl. Praxenthaler, Martin. Die Sprachverbreitungspolitik der DDR, S. 20
11 Vgl. Ammon, Ulrich. Die internationale Stellung der deutschen Sprache, S. 16
3
welche die betreffende Sprache als Fremdsprache sprechen. Auch hier ermöglicht eine größere Anzahl Sprecher eine größere Menge internationaler
Kommunikationsereignisse. Weiterhin nennt Ammon das Ausmaß von Radiosendungen, welche außerhalb des Sprachgebietes ausgestrahlt werden, und mit deren größerer Anzahl auch eine verstärkte Rezeption durch Sprecher anderer Sprachen möglich wird. Ähnliche Annahmen nennt er für die Indikatoren der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen in einer Sprache sowie die Anzahl von Zitaten aus in der jeweiligen Sprache verfassten wissenschaftlichen Texten. 12
Diese Indikatoren werden von ihm als durchaus nützlich eingeschätzt, aufgrund ihrer geringen Genauigkeit sieht er jedoch Forschungsbedarf:
„Zumeist läßt sich die Genauigkeit, mit der von einem Wert eines solchen Indikators auf einen Wert des Indikats geschlossen werden kann, derzeit nicht sicher abschätzen; das heißt, die Brauchbarkeit des Indikators bleibt in hohem Maße hypothetisch und teilweise auch bloß intuitiv begründet. Es hieße allerdings, das Kind mit dem Bade ausschütten, wollte man deshalb solchen indikatorischen Befunden jeglichen Aussagewert absprechen. Ihren jeweiligen Aussagewert genauer zu ermitteln, stellt sich vielmehr als Forschungsaufgabe.“ 13
Während also nicht genau klar zu sein scheint, nach welchen Gesichtspunkten sich der internationale Status einer Sprache zuverlässig bestimmen lässt, werden die aus einem hohen Status der eigenen Sprache resultierenden Vorteile für die Sprecher einer Sprachgemeinschaft oft konkreter benannt und mit politisch-ideologischen und wirtschaftlichen Vorteilen angegeben. Für ersteren Bereich gilt nach Praxenthaler, dass Sprachen, vor allem Nationalsprachen, ebenso wie die Kultur als nationale Repräsentationssymbole nach außen hin fungieren. Eine weite Verbreitung der Muttersprache kann somit eine auch anderweitig starke Stellung der jeweiligen Sprechergemeinschaft in der Welt symbolisieren und damit das nationale Selbstbewusstsein heben. 14 Häufiger noch wird der sogenannte Muttersprachvorteil thematisiert. Diesem liegt die Annahme zugrunde, dass derjenige, welcher sich in der internationalen Kommunikation seiner Muttersprache bedienen kann, eine ganze Reihe von Vorteilen gegenüber dem Fremdsprachensprecher hat. So kommt laut Ammon
12 Vgl. Ammon, Ulrich. A.a.O., S. 16 f.
13 Ammon, Ulrich. A.a.O., S. 16
14 Vgl. Praxenthaler, Martin. Die Sprachverbreitungspolitik der DDR, S. 22
4
demjenigen Politiker ein höheres Prestige zu, welcher in internationalen
Kommunikationssituationen seine Muttersprache verwenden kann. Hinzu kommt der Umstand, dass sich der Muttersprachler gegenüber dem Nichtmuttersprachler im Vorteil befindet, was seine Kompetenz im Umgang mit dem gewählten Kommunikationsmittel anbelangt. 15 Die meisten Vorteile, die einer Sprachgemeinschaft aus der Verbreitung ihrer Sprache im Ausland erwachsen können, lassen sich auf verschiedenste Weise zu den wirtschaftlichen Vorteilen in Verbindung setzen. Einer der deutlichsten ist natürlich darin zu finden, dass sich Sprecher einer als Fremdsprache verbreiteten Sprache den zeitlichen und finanziellen Aufwand des Sprachenlernens sparen können und im Gegenzug vielmehr in der Lage sind, ihre eigene Sprache in Form von Unterricht und dazugehörigen Lehrmaterialien als wichtiges Exportgut zu nutzen. Ferner wächst auch der Markt für Produkte, für welche Sprachkenntnisse nötig sind, beispielsweise Bücher, Computerspiele und Filme. 16 Abgesehen von diesen Vorteilen, welche sich sozusagen „direkt“ auszahlen können, lassen sich die möglichen ökonomischen Folgen beispielsweise eines positiven Bildes im Ausland nicht ohne weiteres in Zahlen wiedergeben. Insofern ist Ammons Unterscheidung einer konstruktivistischen, an „(...)übergeordneten Werten(...)“ 17 orientierten Sprachverbreitungspolitik von einer bestimmt[en](...)“ 18 utilitaristischen, „(...)von den eigenen Interessen
Sprachverbreitungspolitik problematisch. Er selbst merkt dazu an, dass die Tendenz zur Hervorhebung altruistischer Beweggründe, die bis zur Selbsttäuschung der Beteiligten gehen könne, das Durchschauen von Sprachpolitik oft schwierig mache . 19
3.1 Deutsche Sprachverbreitungspolitik
Erste Ansätze zur Verbreitung der deutschen Sprache lassen sich schon im Mittelalter nachweisen, als feste Größe auswärtiger Kulturpolitik ist sie jedoch seit dem Wilhelminischen Kaiserreich auszumachen. 20 Im Jahr 1784 machte Kaiser Joseph II mittels einer Verordnung das Deutsche zur ausschließlichen Amtssprache der
15 Vgl. Ammon, Ulrich: Stand, Möglichkeiten und Grenzen deutscher Sprachenpolitik. In: Lohse, Christian W. Die deutsche Sprache in der Europäischen Union, S. 25
16 Vgl. Ammon, Ulrich. A.a.O., S. 25
17 Ammon, Ulrich. A.a.O., S. 22
18 Ammon, Ulrich. A.a.O., S. 25
19 Vgl. Ammon, Ulrich. A.a.O., S. 22
20 Vgl. Ammon, Ulrich. A.a.O. S. 19
5
Arbeit zitieren:
Lennart Riepenhusen, 2010, Deutsche Sprachpolitik in der Europäischen Union, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Sonstiges: Deutsche Sprachpolitik in der Europäischen Union ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Sonstiges: neuer Titel erschienen: Deutsche Sprachpolitik in der Europäischen Union
Lennart Riepenhusen hat einen neuen Text hochgeladen
Das verfassungsrechtliche Beitrittsverfahren zur Europäischen Union
und seine Auswirkungen am Beis...
Michael Rötting
Die erweiterte Europäische Union
Die Europäische Union, Russland und Eurasien
Die Rückkehr der Geopolitik
Winfried Schneider-Deters, Peter W. Schulze, Heinz Timmermann
Die offene Flanke der Europäischen Union
Russische Föderation, Belarus,...
Ernst Piehl, Peter W. Schulze, Heinz Timmermann
Endlich verstehen, was in der ...
Alexander Simons, Claudia Gatzweiler
Erweiterung als Überinstrument der Europäischen Union?
Zur Europäisierung des westlic...
Oliver Schwarz
0 Kommentare