VORWORT 4
1 ENTSTEHUNG UND GESCHICHTE DER KIRCHE JESU CHRISTI DER
HEILIGEN DER LETZTEN TAGE 5
1.1Joseph Smith (1805-1848) 5
1.2 Übersetzung des Buches Mormon 9
1.3 Inhalt des Buches Mormon. 11
1.4 Weitere Übersetzungen 12
1.4.1 Bibelübersetzung. 13
1.4.2 Lehre und Bündnisse. 13
1.4.3 Die Köstliche Perle. 14
1.4.4 Das Buch Abrahams. 14
1.5 Entwicklung der Kirche Jesu Christi unter Joseph Smith. 15
1.5.1 Die Gemeinde in Kirtland 16
1.5.2 Die Gemeinde in Independence 19
1.5.3 Die Gemeinde in Far West 21
1.5.4 Die Gemeinde in Nauvoo. 23
1.6 Die Entwicklung der Kirche Jesu Christi nach dem Tod Smiths 28
2 SONDERLEHREN DER KIRCHE JESU CHRISTI 35
2.1 DER EWIGE FORTSCHRITT 36
2.2 DAS GOTTESBILD 36
2.3 DIE SOTERIOLOGIE. 39
2.3.1 Vergleich: Gnosis 40
2.4 DIE EKKLESIOLOGIE. 41
2.5 ÄMTER UND HEILIGE HANDLUNGEN DER KIRCHE JESU CHRISTI. 42
2.5.1 Die verschiedenen Priestertümer 43
2.5.2 Die Taufe für die Toten 44
2.5.3 Das Endowment. 45
2.5.4 Die Siegelung 46
2.6 DIE ESCHATOLOGIE. 47
3 DIE KIRCHE JESU CHRISTI IN DEUTSCHLAND. 49
4 STELLUNGNAHME. 49
2
5 LITERATURVERZEICHNIS 52
5.1 QUELLEN. 52
5.2 LEXIKA. 52
5.3 ALLGEMEINE LITERATUR 53
3
Vorwort
Kaum eine andere Religionsgemeinschaft, die mit dem Christentum in Verbindung gebracht wird, hat eine ähnlich bewegte Entstehungszeit so wie ein weltweit stetiges Wachstum hinter sich wie die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“. (Im Folgenden einfach Kirche Jesu Christi)
Gut gekleidete und sympathisch auftretende Missionare in deutschen Großstädten versuchen, diese Kirche auch hier in Deutschland weiter wachsen zu lassen. Doch was verbirgt sich hinter den „Mormonen“, wie sie auch genannt werden? Wie passt es zu ihrem Selbstverständnis, christliche Kirche zu sein, wenn im Juli 1986 eine Gruppe ehemaliger Mormonen und evangelischer Christen in Salt Lake City, dem Zentrum der Kirche Jesu Christi, eine Pressekonferenz abhielten, und in deren Verlauf der Kirche eine Bittschrift überreichten, in der sie verlangten, dass sich die Kirche nicht mehr als „christliche“ Kirche bezeichne? Diese Schrift wurde von 20543 Personen aus 31 Ländern unterzeichnet 1 und es gibt noch weit mehr kritische Stimmen, die die Kirche Jesu Christi nur auf Grund ihres Namens der Christenheit zuordnen.
Die Mormonen selbst verstehen sich jedoch als Christen - und zwar als Christen, die das „wiederhergestellte Evangelium“ besitzen und die einzig wahre Kirche bilden. Weltweit umfasst die Kirche Jesu Christi über 11 Millionen Mitglieder, wobei das Wachstum nach wie vor bei 300.000 Mitgliedern jährlich liegt.
Dass von diesen 11 Millionen Mitgliedern lediglich ca. 40.000 Mitglieder in Deutschland zu finden sind ist sicherlich auch ein Grund, weshalb es nicht leicht war, entsprechende Literatur zu finden, die über die Entstehung und Geschichte der Mormonen als auch über die Frage, ob sie Christen sind oder nicht, zuverlässige Auskunft geben kann. Im Folgenden möchte ich einen Überblick geben, wie die Kirche entstand und sich bis zum Jahr 1890 weiterentwickelte. Meines Erachtens bedeutet dieses Jahr für die Kirche Jesu Christi einen gewissen Einschnitt, da sie ab diesem Zeitpunkt als Kirche -in ihrem Sinnekonstituiert war.
Im zweiten Teil soll es um die Lehren der Kirche Jesu Christi gehen, wobei mir bewusst ist, dass hier nicht jede einzelne Lehre behandelt werden kann, sondern lediglich diejenigen, die für die Kirche Jesu Christi spezifisch und konstituierend und vor allem aus christlicher Perspektive sehr interessant sind.
1 Vgl. Robinson, Sind Mormonen Christen?, Bad Reichenhall 1993, S. 7.
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Nach einem kurzen dritten Teil, der über die Kirche Jesu Christi in Deutschland informiert, möchte ich selbst Stellung zu der Frage nehmen, ob die Mormonen Christen sind oder nicht. In meinen Ausführungen werde ich die drei gebräuchlichsten Bezeichnungen „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“, „Kirche Jesu Christi“ und „die Mormonen“ synonym verwenden. So werde ich mich auch auf diese Kirche konzentrieren und die aus ihr entstandenen Gemeinschaften wie z.B. die „Reorganisierte Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ oder „Die Kirche mit der Elias-Botschaft“ gar nicht oder nur am Rande erwähnen.
1 Entstehung und Geschichte der Kirche Jesu Christi der
Heiligen der letzten Tage
Um die Entstehung einer religiösen Gemeinschaft verstehen und nachvollziehen zu können, ist es unabdingbar, sich mit deren Gründer genauer zu befassen. So verhält es sich auch mit der Kirche Jesu Christi. In einer Zeit, in der religiöse und spirituelle Fragen die Menschen bewegten und sich in Amerika eine Vielzahl an Gemeinden fand, entstand die Kirche Jesu Christi. Von solch religiösen Fragen war eben auch Joseph Smith getrieben und begann schon früh, sich mit dem „Übernatürlichen“ auseinander zu setzen. Da sowohl seine Person als auch sein Hintergrund maßgeblichen Anteil an der Entstehung der Kirche Jesu Christi haben, möchte ich im folgenden Joseph Smith etwas ausführlicher darstellen.
1.1Joseph Smith (1805-1848)
Schon die Entstehung der „Gemeinde Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ weist einige Züge auf, wie man sie auch sonst von Sekten kennt. Ungereimtheiten, Spekulationen und nicht verifizierbare Ereignisse konstituieren diese noch recht junge „Kirche“. Gründer und erster Leiter dieser Kirche war Joseph Smith, mit dessen Leben die Geschichte der Kirche Jesu Christi auf das Engste verknüpft ist.
Joseph Smith wurde am 23.12.1805 in Sharon, Vermont als viertes von zehn Kindern geboren. Sein Vater Joseph war Farmer und die Lebensverhältnisse der Familie waren demgemäss sehr dürftig. Die längste Zeit seiner Kindheit verbrachte er in Palmyra (heute Rochester) im US-Bundesstaat New York, später dann in Manchester (NY). Eine richtige
5
Schulbildung besaß er nie, so dass er nicht im Stande war, lange Worte zu lesen oder längere Sätze korrekt zu sprechen. 2 Zudem konnte er selbst während seines öffentlichen Auftretens nicht Schreiben. Schon als Kind war er sehr offen für Visionen und Erscheinungen, wie auch ein Großteil seiner Verwandtschaft 3 , was der Grund dafür war, dass seine Visionen auf breite Akzeptanz innerhalb der Familie stießen. 4 Smiths Mutter Lucy erlebte ihr gesamtes Leben über Visionen, Träume und Wunderheilungen, die sie in einer Autobiographie unter Aufsicht ihres Sohnes beschreibt. 5 Seine Eltern standen der Presbyterianerkirche nahe 6 , während er sich schon als Jugendlicher keiner Kirche anschließen wollte, da die unterschiedlichen Lehrmeinungen ihn sehr verwirrten und keine Hilfestellung gaben. 7 Im Alter von 15 Jahren las er dann im Jakobusbrief Kapitel 1 Vers 5: „Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird sie ihm gegeben werden.“ So kam es, dass er 1820 in den Wald ging, niederkniete und betetedas erste Mal in seinem Leben, dass er laut betete 8 . Kaum hatte er die Bitte aus dem Jakobusbrief gesprochen, „da wurde ich von einer Gewalt gepackt, die mich gänzlich überwältigte und eine so erstaunliche Macht über mich hatte, daß sie mir die Zunge lähmte und ich nicht sprechen konnte. Dichte Finsternis zog sich um mich zusammen, und ich hatte eine Zeitlang das Gefühl, als sei ich plötzlicher Vernichtung anheimgegeben“ 9 . Im weiteren Verlauf dieses Erlebnisses sah er im größten Moment der Verzweiflung und Angst eine Säule aus Licht, „heller als die Sonne“ 10 . Darauf sah er zwei Gestalten, wobei die eine von der anderen sagte „Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre!“ 11 Joseph Smith sah, nach seinen Angaben, in dieser Vision also Gott den Vater und seinen Sohn Jesus. Auf die Frage, welcher Gemeinschaft er denn beitreten solle, bekam er von einer der beiden Gestalten die Antwort,
2 Vgl. Eduard Meyer, Ursprung und Geschichte der Mormonen, Halle 1912, S.15f.
3 Vgl. Ake V. Ström, Art. Mormone, in: TRE Bd. XXIII, S.311.
4 Vgl. Richard Bushman, Joseph Smith and the beginnings of Mormonism, Illinois 1984. S. 64: “The hole family was melted to tears, and believed all he said.”.
5 Diese Biographie wurde 1853 in Liverpool von Orson Pratt unter dem Titel „Biographical Sketches of Joseph Smith the Prophet, and his Progenitors for many generations“ veröffentlicht.
6 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 7, S. 47.
7 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 9f, S. 47.
8 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 14,S. 47.
9 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 15, S. 48.
10 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 16, S. 48.
11 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 17, S. 48.
6
dass er keiner Gemeinschaft beitreten solle, denn „ihre sämtlichen Glaubensbekenntnisse seien in seinen Augen ein Greuel; jene Glaubensbekenner seien alle verderbt“ 12 . So beschreibt Joseph Smith dieses Erlebnis. Doch schon hier, am Anfang seines Wirkens und am Beginn der Entstehung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, gibt es die erste Verwirrung. Zwar wird diese erste Vision Joseph Smiths von den Mormonen als „das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit seit der Auferstehung Jesu“ 13 angesehen, doch stieß Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts ein mormonischer Student der Brigham-Young-Universität auf ein Dokument, das eine aus dem Jahr 1833 stammende Fassung dieser ersten Vision enthielt und bis 1965 unveröffentlicht blieb. Die bis dahin älteste Fassung dieser ersten Vision stammte aus dem Jahr 1842. Dabei treten zwei gravierende Unterschiede auf: In der älteren Fassung dieser Vision ist nur von Menschen die Rede, die die Gebote Gottes nicht halten, und nicht von Gemeinschaften, deren Bekenntnisse Gott ein Greuel sind. Darüber hinaus erwähnt Joseph Smith in dem älteren Dokument nur die Erscheinung Jesu Christi, nicht diejenige von Gott, dem Vater. 14
Smith benutzte im Folgenden seine „hellseherischen“ Fähigkeiten dazu, um mit Hilfe von Kristallen, „nach Schätzen zu graben, verlorene oder gestohlene Sachen wiederzuentdecken u.ä. Dingen an die nicht nur seine Familie, sondern alle Welt glaubte“ 15 . Die folgenden Jahre waren davon geprägt, dass Joseph Smith immer wieder Erscheinungen hatte, in denen ihm vor allem der Engel „Moroni“ begegnete.
Im Jahre 1823 dann erscheint ihm dieser Engel am 21. September ein weiteres Mal und führt ihn in einer Vision 16 zu dem Hügel „Cumorah“, der sich drei Meilen südöstlich der elterlichen Farm befand 17 . Dort zeigt Moroni ihm eine Steinkiste, eine „Prophetenbrille“, befestigt an einem Brustschild, bestehend aus zwei Kristallen namens „Urim und Tummim“ 18 und einige Goldplatten, auf denen die Fülle des immerwährenden Evangeliums und die Geschichte der Menschen, die diesen Erdteil zuvor bevölkerten, geschrieben stehen. Doch Joseph Smith darf nichts berühren. Um seiner Vision Autorität zu verleihen, zitiert der Engel Moroni einige
12 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 19, S. 48.
13 Horst Reller, Handbuch religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, Gütersloh 5 2000, S.411.
14 Ebd.
15 Meyer, Ursprung und Geschichte der Mormonen, S. 18.
16 Vgl. Köstliche Perle, Joseph Smith Lebensgeschichte, Abschnitt 42, S. 51.
17 Vgl. Bushman, Joseph Smith and the beginnings of Mormonism, S. 63.
18 Vgl. 3. Mose 8,8
7
Stellen aus der Heiligen Schrift (Act 3,22,23; Joel 2, 28-32) 19 ; teilweise auch Prophezeiungen, die er jetzt als erfüllt deklariert. 20 Der Engel erschien zwei weitere Male und warnte Smith beim dritten Mal davor, dass Satan ihn versuchen würde zu denken, dass der Zweck im Besitz der Platten darin lag, reich zu werden. Eine Warnung, die sicher nicht fehl am Platz ist, wenn man sich Smiths Vergangenheit und Werdegang vor Augen hält - so sie stattgefunden hat. Jedoch erst vier Jahre später bekommt Smith die „Erlaubnis“ von Moroni, die besagten Gegenstände an sich zu nehmen und die Schriftzeichen, die ein „abgewandeltes Altägyptisch“ 21 sein sollen, auf den Goldplatten zu übersetzen. Seinen „Alltag“ verbrachte Joseph Smith in dieser Zeit damit, in Colesville im Süden New Yorks als Feldarbeiter in einer Mühle seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Rechtsanwalt namens John Reid, der ihn später auch verteidigte, bezeichnete ihn als „truthful and intelligent“ 22 . Immer wieder musste er auch nach Manchester zurückkehren, eben am 22. September jeden Jahres, denn an diesem Datum erschien ihm immer Moroni an dem besagten Hügel Cumorah. Jedoch zog es ihn wieder zurück nach Colesville nicht alleine wegen der Arbeit, sondern mehr noch wegen einer Frau namens Emma Hale. 23 Am 18. Januar 1827 heiratete Joseph Smith die ein Jahr ältere Emma Hale, deren Vater Isaac gegen diese Hochzeit war. Er war der Meinung, dass Smith ein betrügerischer Geldjäger und Wahrsager sei. Das junge Paar zog noch im gleichen Jahr nach Manchester. Für Joseph Smith waren es die schlimmsten Jahre seines Lebens, da er sich immer und immer wieder dem Hass seiner Nachbarn und Mitmenschen ausgesetzt sah, der diese sogar zu Mordversuchen gegen ihn trieb.
Im Jahre 1827 bekam er von Moroni endlich die Anweisung, die Platten in Empfang zu nehmen und zu übersetzen. So begab sich Smith am 22. September zum Hügel Cumorah, wo er die Platten in Empfang nehmen durfte, diese aber zunächst zurückließ, um dann am nächsten Tag die „vierzig bis fünfzig Pfund schweren“ 24 Platten drei Meilen nach Hause zu tragen. Natürlich bekamen das auch die Nachbarn mit, so dass Joseph Smith die Platten sehr sorgfältig in seinem Haus verstecken musste und sich sofort einem Ansturm von bewaffneten
19 Bushman, Joseph Smith and the beginnings of Mormonism, S. 62.
20 So zitierte Moroni Jesaja 11 und behauptete, dass die Erfüllung unmittelbar bevorstehe.
21 Reller, Handbuch religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, S.412.
22 Vgl. Bushman, Joseph Smith and the beginnings of Mormonism, S. 76.
23 Ebd.:“…, who would be my choice in preference to any other woman I have ever seen.”.
24 Vgl. Bushman, Joseph Smith and the beginnings of Mormonism, S. 83.
8
Nachbarn gegenüber sah, die er schreiend wieder verjagte. 25 Durch ein geschicktes Verstecken der Platten im „cooper’s shop“, in dem Joseph Smith sen. Handel trieb, konnte er zunächst die aufgebrachte Menge von der Absicht, die Platten zu stehlen, abbringen. In der Folgezeit begann nun die Übersetzungsarbeit der goldenen Platten.
1.2 Übersetzung des Buches Mormon
Für die Übersetzung benötigte Joseph Smith einen Assistenten, dem er den Text auf den Platten, der angeblich in einem „reformed Egyptian“ 26 geschrieben war, diktierte. Der Übersetzungsvorgang ereignete sich folgendermaßen: Joseph Smith legte die Steine „Urim und Tummim“ in einen Hut, den er sich vor das Gesicht hielt, um sich vor dem Tageslicht zu schützen. In seinem Geiste erschienen ihm darauf hin die Zeichen auf der Platte und durch „göttliche“ Eingebungen konnte er diese übersetzen, musste sie aber ständig prüfen 27 . Sein Schreiber, dem er alles diktierte, saß ebenso im Raum, allerdings durch eine über eine Schnur gehängte Decke 28 getrennt von ihm. Im Klartext bedeutet dies, dass Joseph Smith die Platten nicht einmal zur Hand gehabt haben muss, um die Texte darauf zu übersetzen. Das lässt natürlich Spekulationen um die wirkliche Existenz dieser Platten weiten Raum. Die Übersetzungsarbeiten begann er im Jahre 1828, wobei ihm ein gewisser Martin Harris als Schreiber diente. Dieser jedoch entwendete die Manuskripte, legte sie Professor Charles Anthon in New York vor, der damals einer der führenden Professoren in den klassischen Sprachen an der „Columbia University“ war. 29 Laut Harris bestätigte Anthon die Echtheit der altägyptischen Zeichen so wie die korrekte Übersetzung dieser Zeichen; sie „sei richtig, und zwar richtiger als alles, was er bisher an Übersetzungen aus dem Ägyptischen gesehen habe.“ 30 Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede in den Aussagen Harris’ und den
25 Ebd.: “They had scarcely replaced the stones when a company of armed men rushed up to the house. […] Surprised and disorganized, the mob fell back, ran for the woods, and disappeared.”.
26 Ein „reformiertes Ägyptisch“ soll angeblich die Sprache der Lamaniten und Nephiten, und somit auch die Sprache Mormons und Moronis gewesen sein. Vgl. dazu 1. Nephi 1,2; Morm 9,32.
27 Vgl. Bushman, Joseph Smith and the beginnings of Mormonism, S. 86: “»You must study it out in your mind«, and then ask for confirmation. Joseph head to learn how to study it out with the aid of the interpreters and work toward a translation.”.
28 Vgl. Malise Ruthvens, Der göttliche Supermarkt - auf der Suche nach der Seele Amerikas, Frankfurt1991, S.71.
29 Vgl. Meyer, Ursprung und Geschichte der Mormonen, S.37.
30 Köstliche Perle, Lebensgeschichte, Abschnitt 64, S.55.
9
Aussagen Anthons. So schrieb Anthon selbst 1834 und 1841 Briefe, in denen er es abstritt, jemals die Echtheit der Übersetzung festgestellt zu haben, denn „den Schluß bildete eine rohe und entstellte Nachbildung des von Humboldt veröffentlichten mexikanischen Tierkreises.“ 31 Als Martin Harris mit den Dokumenten wegging, verlor Smith die Gabe, die Schriftzeichen zu übersetzen. Darüber hinaus, nahm Harris die Dokumente mit nach Hause und verlor diese. 32
Im Juli 1828 erschien Joseph Smith erneut Moroni und gab ihm die Gabe des Übersetzens zurück. Am 5. April 1829 lernte Smith Oliver Cowdery kennen, der sich als ein Lehrer ausgab, und stellte ihn als Schreiber ein, um zwei Tage später die Übersetzung erneut zu beginnen. Als sie Mitte Mai das Buch 3. Nephi und die Ankunft Christi bei den Nephiten übersetzten 33 , erschien ihnen im Gebet Johannes der Täufer, der sie aufforderte, sich gegenseitig zu taufen und sie zum „Aaronischen Priestertum“, das auch heute noch eine außerordentliche Rolle zusammen mit dem Melchisedekschen Priestertum spielt, ordinierte. 34 Die Arbeiten gingen zügig voran, so dass Joseph Smith, Oliver Cowdery und schließlich auch noch David Whitmer, der zu ihnen stieß und Oliver Cowdery beim Schreiben entlastete, im August 1829 die Übersetzung des Buches Mormons abschlossen.
Wie oben erwähnt, bekamen die Schreiber die Platten während den Übersetzungsarbeiten nie zu Gesicht, obgleich sie dies natürlich wünschten. Und so geschah es, dass sie im Juni 1829 zu viert in einer Vision, die jeder von ihnen nuanciert anders, aber dennoch als real existierend vernahm, die Platten und die Steine sahen. 35 So geben Oliver Cowdery, Martin Harris und David Whitmer auch im Buch Mormon quasi als „Vorwort“ Zeugnis von diesem Ereignis.
Nach dem Übersetzen der Platten musste Joseph Smith alle von Moroni erhaltenen Gegenstände wieder an diesen zurückgeben. 36
31 Vgl. Meyer, Ursprung und Geschichte der Mormonen, S.37.
32 Vgl. Bushman, Joseph Smith and the beginnings of Mormonism, S. 91: “»Yes, it is gone«, replied Martin, »and I know not where.«”.
33 3.Nephi 1; bis Kapitel 28,12 wird beschrieben, wie Jesus bei den Nephiten verweilt.
34 Vgl. Köstliche Perle, Lebensgeschichte, Abschnitte 67-73, S.55f.
35 Vgl. Meyer, Ursprung und Geschichte der Mormonen, S.25.
36 A.a.O. S.21.
10
1.3 Inhalt des Buches Mormon
Der Inhalt des Buches Mormon ist eine gewagte Darstellung der Geschichte und Entwicklung der „Ureinwohner Amerikas“. Der Prophet Mormon, der im 5. Jahrhundert n. Chr. in Amerika lebte, soll die vier Bücher Nephi, das Buch Jakob, Enos, Jarom, Ommi, die Worte Mormons, das Buch Mosia, Alma, Helaman, Ether und Mormon gesammelt, teilweise kommentiert und erweitert, auf goldene Steinplatten aufgeschrieben und 421 n.Chr. seinem Sohn Moroni ausgehändigt haben, der diese Sammlung noch um sein Buch, das Buch Moroni ergänzte, und dann am Hügel Cumorah vergrub. 37 Die Volksgruppen, die in Amerika lebten waren die Jarediten, die auf Jared, den Vater Henochs (vgl. Gen 5,15), zurückgehen und wie das Buch Ether berichtet zur Zeit des Turmbaus zu Babel nach Amerika auswanderten. Die beiden anderen Volksgruppen, um die es hauptsächlich geht, sind die „Nephiten“ und die „Lamaniten“, die auf Nephi und Laman zurückgehen, die Söhne Lehis waren. Dieser lebte um 600 v. Chr. in Jerusalem unter der Herrschaft des Königs Zedekia. 38 Da er als Prophet von den meisten Bewohnern Jerusalems nur höhnisch verspottet wurde, bekam er von Gott die Weisung, dass er seine Familie nehmen und in die Wüste am „Roten Meer“ gehen solle. 39 Gott offenbarte sich später auch Nephi, und versprach ihm „ein Land, das ich für euch bereitet habe, ja, ein Land, das vor allen anderen Ländern erwählt ist.“ 40 Darauf hin baute Lehi mit seinen Söhnen ein Boot und sie segelten an die Westküste (!) Amerikas. Laban und Nephi waren schließlich die Stammväter von zwei sehr unterschiedlichen, ja sogar gegensätzlichen Völkern, die sich die Zeiten hindurch bis 421 n. Chr. immer wieder bekriegten: Auf der einen Seite das gottesfürchtige Volk der Nephiten mit weißer Hautfarbe und auf der anderen Seite das gottlose Volk der Lamaniten mit dunkler Hautfarbe, die sie als Bestrafung wegen Untreue gegenüber Gott und Nephi traf 41 . Zentral sind dabei vor allem die Kapitel 3. Nephi 11-26, in denen beschrieben wird, wie Jesus als der Auferstandene den Lamaniten und den Nephiten erscheint, woraus eine 200 Jahre andauernde Friedenszeit zwischen den beiden Völkern entsteht. In diesen Kapiteln offenbart sich Jesus als der Auferstandene und Retter dieser Welt
37 Vgl. Reller, Handbuch religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, S.412.
38 Vgl. 2Kön 24, 17.18 und 1. Nephi 1,4.
39 1. Nephi 2,2: „And it came to pass that the Lord commanded my father, even in a dream, that he should take his family and depart into the wilderness.”.
40 1. Nephi 2,20.
41 Vgl. 2. Nephi 5,20f. Dies führte dazu, dass in der Kirche Jesu Christ bis 1978 kein Schwarzer Priester werden konnte.
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David Brunner, 2003, Die Mormonen - Sekte oder Heilige? Eine Darstellung ihrer Entstehung, Geschichte (bis 1890) und spezifischen Sonderlehren, München, GRIN Verlag GmbH
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