Inhalt
Einleitung 3
1 Erbe Philipps des Guten
1.1 Ausdehnung des herzöglichen Terrioriums 5
1.2 Finanzielle Situation 7
1.3 Burgunds Armee 8
1.4 Aussichten einer Standeserhöhung 9
2 Karl und die europäischen Großen
2.1 Der Konflikt mit Ludwig XI. 11
2.2 Die Expansion im Heiligen Römischen Reich 12
2.3 Der Kontakt zur englischen Krone 14
2.4 Die Eidgenossenschaft 16
3 Der Griff zur Macht
3.1 Das Auftreten in Trier 18
3.2 Ablauf der Verhandlungen 20
3.3 Die Rolle der Kurfürsten 21
4 Entscheidung der Waffen
4.1 Burgund und die Kölner Stiftsfehde 24
4.2 Machtvakuum und Verschiebung der Allianzen 25
4.3 Karls Tod und das Ende Burgunds 27
Schlussteil 29
Literaturverzeichnis
Anhang
2
Einleitung
Fragestellung und Methodik
Karl der Kühne, Herzog von Burgund, und Kaiser Friedrich III. trafen am 30. September 1473 vor den Toren Triers erstmals aufeinander 1 . Das Treffen war der Auftakt zu den von Karl so lange ersehnten Verhandlungen, die ihm letztlich ermöglichen sollten die römische Königskrone, wenn nicht sogar die Kaiserwürde, zu erlangen 2 . Schon Karls Vater, Philipp der Gute, hatte sich durch die Unterstützung des Kaisers eine Standeserhöhung und ein unabhängiges Königreich erhofft, was dieser jedoch ablehnte 3 . Philipp gab sich damit zufrieden, nicht aber sein Sohn. Karls Bestrebungen auf dem Weg zu immer größerer Macht brachten ihm zahlreiche Beinamen ein: Karl der Kühne hieß er im Heiligen Römischen Reich, de Stoute in den Niederlanden, the Bold in England, le Travaillant in Frankreich; aber auch the Rash und le Téméraire 4 .
In dieser Arbeit soll die Frage geklärt werden, welche Voraussetzungen es waren, die Karl im Gegensatz zu seinem Vater so konsequent nach der Kaiserwürde streben ließen und worin letztlich sein Scheitern begründet lag.
Um eine umfassende Beantwortung der recht komplexen Fragestellung zu ermöglichen wird im ersten Teil das Erbe Philipps des Guten untersucht, welche territoriale, finanzielle und militärische Ausgangssituation bei Karls Herrschaftsantritt vorlag und wie sich Burgund unter ihm veränderte. Zwecks Vollständigkeit ist es notwendig, auch Philipps Ambitionen zur Kaiserwürde zumindest kurz zu untersuchen und zu erörtern, warum er diese letztlich nicht erreichte.
Im zweiten Teil wird das politische Verhältnis Burgunds zu den umgebenden Mächten Frankreich, England, Heiliges Römisches Reich und - ein Sonderfall - der Eidgensossenschaft untersucht, da besonders die außenpolitische Stabilität Burgunds unerlässlich für eine starke Verhandlungsposition des Herzogs war. Natürlich muss
1 Marti, S.: Treffen in Trier 1473: Anlass und Verlauf, in: Borchert, T. u. a. (Hrsg.): Karl der Kühne, Kunst, Krieg und Hofkultur (1433-1477), Stuttgart 2008, S. 264.
2 Droste, T.: Burgund, Kernland des europäischen Mittelalters, München 1993, S. 189.
3 Ehm, Burgund und das Reich, S. 119.
4 Paravicini, W.: Vernünftiger Wahnsinn, in: Borchert, T. u. a. (Hrsg.): Karl der Kühne, Kunst, Krieg und Hofkultur (1433-1477), Stuttgart 2008, S. 39.
3
auch die Frage beantwortet werden wie es Karl gelang sein Herzogtum aus der Abhängigkeit des französischen Königshauses zu lösen. Die Verhandlungen von Trier werden im dritten Abschnitt dargestellt und bilden sicherlich den Höhepunkt der Bestrebungen Karls des Kühnen auf dem Weg zur Kaiserkrone. Hierbei werden vor allem die Selbstdarstellung des Herzogs sowie die Frage nach dem Entscheidungsträger der Verhandlungen von Interesse sein. Im letzten Teil wird der Strategiewechsel des Herzogs nach Scheitern der Verhandlungen und die daraus resultierenden Folgen untersucht, die letztlich zum Untergang Burgunds führten.
Quellenlage und Forschungsstand
Aufschlussreiche Quellen zu den Machtbestrebungen am Burgundischen Hof finden sich bei den Historikern Bugunds, insbesondere bei Georges Chastellain, der sowohl unter Philipp dem Guten als auch Karl dem Kühnen in burgundischen Diensten stand. Seine Schriften wurden durch Michael Zingel 5 einer gründlichen Analyse unterworfen. Besonders das Selbstverständnis der burgundischen Herzöge wird in seinen Untersuchungen deutlich.
Speziell zur Fragestellung dieser Arbeit hat Petra Ehm 6 ein aktuelles Werk über die Außenpolitik Burgunds zur Zeit Karls des Kühnen gegenüber dem Heiligen Römischen Reich verfasst. Ehm legt ihren Schwerpunkt vor allem auf die persönlichen Beziehungen Karls zu den Herzögen und Grafen im Reich und bildet damit eine wertvolle Ergänzung zur etwas älteren Arbeit Joseph Calmettes 7 , der sich hauptsächlich auf die Vorgänge in der unmittelbaren Umgebung der burgundischen Herzöge, den Hof und die Verwaltung des Herzogtums konzentriert.
Einen guten Überblick zur Regierungszeit der Herzöge von Valois-Burgund bietet Hermann Kamp 8 , auch wenn die Darstellung hier auf die nötigsten Eckdaten beschränkt bleibt.
5 Zingel, M.: Frankreich, das Reich und Burgund im Urteil der burgundischen Historiographie des 15. Jahrhunderts, Sigmaringen 1995.
6 Ehm, P.: Burgund und das Reich, Spätmittelalterliche Außenpolitik am Beispiel der Regierung Karls des Kühnen (1465-1477), München 2002.
7 Calmette, J.: Die grossen Herzöge von Burgund, München 1963.
8 Kamp, H.: Burgund, Geschichte und Kultur, München 2007.
4
Als äußerst hilfreich haben sich die Beiträge in der Herausgeberschrift Susan Martis 9 erwiesen, die insbesondere die Verhandlungen von Trier anhand der erhaltenen Ausstellungsobjekte thematisiert.
Zu den Eidgenossen, die sich beim Scheitern Karls als ausschlaggebendes Element erweisen werden, hat Norbert Stein 10 ein ausführliches Werk geschrieben. Der Schwerpunkt liegt auf der Regierungszeit Karls. Da die Ausgabe bereits etwas älter ist, wird sie weitgehend durch die neueren Beiträge Bernd Fuhrmanns ersetzt 11 .
Alle weiteren verwendeten Werke können dem Literaturverzeichnis entnommen werden. Die Entwicklung des Herzogtums sowie verwandtschaftliche Beziehungen werden im Anhang durch Abbildungen erläutert.
1. Erbe Philipps des Guten
In diesem ersten Abschnitt wird eine Skizze der Entwicklung Burgunds unter Philipp dem Guten sowie den wesentlichen Veränderungen unter der Herrschaft Karls erstellt. Betrachtet werden soll sowohl die geographische Ausdehnung der herzöglichen Besitzungen als auch die finanzielle und militärische Situation Burgunds. Zuletzt ist hier noch das Verhältnis Philipps zum deutschen Kaiser und den Reichsfürsten von Interesse, sofern es die Pläne einer möglichen Standeserhöhung des Herzogs betrifft.
1.1 Ausdehnung des herzöglichen Territoriums
Philipp der Gute übernahm 1419 - im Alter von nur 23 Jahren - die Regierungsgeschäfte seines Vaters, der ihm das Herzogtum Burgund, die Grafschaften Flandern, Nevers, Rethel und Charolais in Frankreich sowie die Freigrafschaft Burgund im Reichsgebiet hinterließ 12 .
Im Laufe seiner Regierungszeit gelang es Philipp sein Erbe um weitere Territorien zu erweitern. 1421 kaufte er die Grafschaft Namur und konnte sich - teils durch Kauf, teils durch Gewalt - 1428 die Grafschaften Hennegau, Holland und Seeland aneignen. Zwei
9 Marti, S. u. a. (Hrsg.): Karl der Kühne, Kunst, Krieg und Hofkultur (1433-1477), Stuttgart 2008.
10 Stein, N.: Burgund und die Eidgenossenschaft zur Zeit Karls des Kühnen, Die politischen Beziehungen in ihrer Abhängigkeit von der inneren Struktur beider Staaten, Frankfurt 1979.
11 Fuhrmann, B.: Die Staatenwelt des 13. und 14. Jahrhunderts, Die Entstehung der Eidgenossenschaft, in: Fuhrmann, B. u. a. (Hrsg.): Europa im Spätmittelalter, 1215-1378, München 2003.
12 Vgl. Anhang, Abb. 1.
5
Jahre später erlangte er - wenn auch nicht vom Kaiser bestätigt - die Herrschaft über das Herzogtum Brabant 13 .
Aus dem ’Frieden von Arras’ konnte Philipp letztlich doch noch als Profiteur hervorgehen, nachdem er mehrfach zwischen einer Allianz mit dem englischen König und dem französischen Dauphin hin und her geschwankt war 14 . Im Vertrag wurde Philipp vom Lehnseid gegenüber Karl VII. von Frankreich entbunden, verpflichtete sich jedoch dem französischen Königshaus. Weiterhin konnte er die Gebiete Auxerre, Mâcon und Boulogne sowie die Sômme-Städte Montdidier, Roye und Péronne für sich gewinnen. Letztere wurden allerdings 1463 wieder an den französischen König Ludwig XI. überschrieben um den Frieden zwischen den Häusern zu wahren 15 . Im Jahr 1443 kam als letzte große Erwerbung unter Philipp das Herzogtum Luxemburg hinzu. In der Folgezeit gelang es dem Herzog den Einfluss Burgunds auf die Diozesen Lüttich, Utrecht und Tournai auszudehnen indem er die Bischofsstühle mit burgundtreuen Kandidaten besetzte 16 .
Seit dem Frieden von Arras konzentrierte sich der burgundische Herzog zunehmend auf seine eigenen Territorien, weg von Paris und dem französischen Königshof. Durch den Besitz Flanderns und dem - unter Philipp - erfolgten Erwerb der Grafschaft Holland und des Herzogtums Brabant verbesserte sich die Einkommenssituation des Herzogs drastisch 17 . Unter Philipp wurde - so Kamp - die mentale und materielle Voraussetzung für eine eigenständige burgundische Politik geschaffen 18 .
Karl der Kühne 19 versuchte nach seiner Machtübernahme das burgundische Gebiet weiter zu vergrößern. Durch seinen Konflikt mit Ludwig XI. gelang es Karl auf französischem Gebiet aber lediglich, die unter Philipp verloren gegangenen Sômme-Städte zu restituieren 20 . Von da an konzentrierte sich der Herzog auf das Heilige Römische Reich, wo es ihm 1473 - während der Verhandlungen von Trier - gelang, die Belehnung mit dem Herzogtum Geldern zu erreichen. Hinzu kamen, lediglich für eine Dauer von fünf Jahren, die Pfandlande Sundgau und Basel sowie eine kurzfristige Besetzung Lothringens.
13 Kamp, H.: Burgund, S. 67.
14 Ebd., S. 65-66.
15 Ebd., S.67.
16 Ebd., S. 68.
17 Vgl. 1.2.
18 Kamp, H.: Burgund, S. 68.
19 Vgl. Anhang, Abb. 2.
20 Ebd., S. 68.
6
Das Territorium Karls des Kühnen bestand folglich aus einer extrem heterogenen Ansammlung einzelner Herzogtümer und Grafschaften, die Teils französische- und teils Reichslehen waren. Insgesamt lagen die relativ kleinen Gebiete eingekeilt zwischen dem französischen Krongebiet im Osten und Süden sowie den Reichsgebieten im Westen und England im Norden. Unter Karl geriet die geographische Ausdehnung Burgunds, wie eben gezeigt wurde, ins Stocken. Aber hatten die ersten Herzöge von Valois-Burgund noch über ein kleines Herzogtum regiert, das sich im bevölkerungsarmen Süden durch den Wein-, Getreide- und Salzhandel finanzierte und erst nach dem Erwerb Flanderns langsam begann eine eigenständige Politik zu entfalten, verfügte Karl nun mit den Besitzungen Flandern, Brabant und Holland über enorme finanzielle Ressourcen.
1.2 Finanzielle Situation
Mit der Inbesitznahme der niederländischen Gebiete hatte sich den burgundischen Herzögen eine Quelle enormen Reichtums erschlossen. Die von Handel und Tuchproduktion geprägten Herrschaftsgebiete bescherten Karl einen finanziellen Spielraum, der ihm eine Großmachtpolitik als gleichberechtigter Partner neben dem deutschen Kaiser, dem Papst und dem französischen König ermöglichte 21 . 1474 betrugen die burgundischen Einahmen - überwiegend aus Steuern aus den nördlichen Gebieten - zwei Millionen flämische Pfund zu je 40 Groschen. Diese Einnahmen entsprachen in etwa denen Ludwigs XI. von Frankreich und sollen diese zeitweise sogar deutlich übertroffen haben 22 .
Das hieraus resultierende politische Gewicht hatte aber widerum seinen Preis, so dass Karl andererseits schnell zu Sparmaßnahmen gezwungen war 23 . Die zunehmende Eigenständigkeit ging mit einem Nachlassen königlicher Zuwendungen einher. Weiterhin bedingte Karls königliches Gebaren einen zeit- und standesgemäßen Hofstaat, der unter seiner Herrschaft auf 600 Personen anschwoll. Unter Philipp waren es noch 300 Höflinge gewesen 24 . Weiterhin kam es ab etwa 1450 zu einer stärkeren Ausdifferenzierung des Hofes, da zunehmend Spezialisten wie Bankiers oder Juristen in
21 Droste, T.: Burgund, S. 211.
22 Paravicini, W.: Vernünftiger Wahnsinn, S. 42.
23 Ebd.
24 Kamp, H.: Burgund, S. 75.
7
die Regierungsgeschäfte mit einbezogen wurden und zusätzlich das Kanzleramt eingeführt wurde, alles Dinge, die immense Verwaltungskosten verursachten.
Das größte Problem allerdings war für Karl, sich eine politische Basis zu erkaufen. Da das burgundische Gebiet relativ klein war, konnte der Herzog keine Abhängigkeitsverhältnisse durch Landvergabe und Belehnung erreichen sondern war hierbei auf teure Geschenke angewiesen 25 . ’Diamanten statt Erde’ schien die Devise unter den Herzögen von Valois-Burgund zu sein, die in fast schon legendärem Ausmaße ununterbrochen Edelsteine, Juwelen und hochwertige Stoffe verschenkten 26 . Karl versuchte wo es ging zu sparen, indem er sich vor allem bemühte, die Größe der Geschenke zu reduzieren. Dies war allerdings nur in sehr eingeschränktem Maße möglich, wollte der Herzog seine Stellung festigen. Gleichzeitig versuchte er durch Steuererhöhungen sowie Sondersteuern seine Einkünfte noch zu steigern 27 .
Der ’flandrische Reichtum’ wurde für den Herzog Segen und Fluch zugleich. Einerseits ermöglichten ihm erst die hohen Einnahmen ein politisches Wirken auf Augenhöhe mit Ludwig und Friedrich, andererseits bedingte dies auch einen repräsentativen Lebensstil zur Darstellung königlicher Würde 28 . Trotz des immensen Reichtums litt Burgund durch die Ansprüche seiner Herzöge unter permanenter Unterfinanzierung. Enorme Kriegskosten und eine hochgerüstete Armee taten ihr Übriges.
1.3 Burgunds Armee
Ebenso wie der repräsentative Lebensstil und die komplexe Verwaltung gehörte eine schlagkräftige Armee für Karl zu einem souveränen und politisch gewichtigen Herrschaftsgebiet. Der Herzog ließ ab 1470 ein stehendes Heer aufstellen, was für diese Zeit schon ausgesprochen modern war und wovon andere europäische Herrscher, z. B. der deutsche Kaiser, noch weit entfernt waren 29 . Zusätzlich richtete Karl Heeresordonanzen ein. Der Herzog regelte persönlich die Vorgaben für Disziplin und Ausbildung der Truppe sowie den Ablauf von Übungen. Die Armee organisierte er in
25 Kamp, H.: Burgund, S. 82-83.
26 Ebd.
27 Paravicini, W.: Vernünftiger Wahnsinn, S. 42.
28 Ebd.
29 Marti, S.: Das burgundische Heer, in: Borchert, T. u. a. (Hrsg.): Karl der Kühne, Kunst, Krieg und Hofkultur (1433-1477), Stuttgart 2008, S. 322.
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Marcus Kaiser B. A., 2007, Karls Weg zur Krone, München, GRIN Verlag GmbH
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