- 2 -Kommunistin fällt, sich mit dem "neuerfundenen Frieden" und dem, "was sich da breitmacht" in den "höheren Stellen", abzufinden. (113) Auf diesem Hintergrund entfaltet sich das private Idyll einer Familie, wie man es schon aus früheren Schilderungen kennt: "Unten in der Küche klirrt die Köchin mit dem Geschirr [man kocht nicht selbst, sondern lässt kochen!], der Gärtner sitzt auf der Schwelle zu seinem Zimmer und raucht Zigarre, auf der großen Wiese bespritzen sich ihre Enkelin [Jenny Erpenbeck] und der Nachbarjunge mit Wasser, die Schwiegertochter geht gerade zum See hinunter, um sich zu sonnen, ... der Sohn mäht den Rasen, und unten vor der Werkstatt streicht ihr Mann die Anglerhocker ..." (113 - 114) Es ist das Bild einer scheinbar harmonischen Familienszene, das sich dem Betrachter darbietet, losgelöst und abgehoben von Alltagssorgen und Sich-Herumplagen-Müssen mit Behördenkram. Die Erzählung lässt Raum für sentimental angehauchte nostalgische Erinnerungen, wenn das Schriftstellerehepaar zum Wald hinaufwandert, wo "vor Jahren ihr Sohn mit dem Taschenmesser die Initialen der Eltern" in eine Bank geschnitzt hat, von der aus gesehen, über den sanft abfallenden Hügel blickend, "die weite Fläche des Sees wie aus Blei" erscheint und man erkennt, "wie der Wind das Kornfeld bewegt". (117) Von diesen und anderen Ruhepunkten aus schweifen die Gedanken zurück in turbulentere Zeiten ihres Lebens, die sie dankbar hinter sich gelassen haben. Bald darauf ruft der Gong (von Enkelin Jenny geschlagen) sie zum Essen. Durch die "farbig verglasten Fenster" fällt "Halbschatten statt Licht auf die lange Tafel" (121), und man findet sich zum Mittagessen ein, zu dem auch die Köchin und der Gärtner eingeladen sind.
Vor dem inneren Auge des Lesers entfaltet sich die Szene eines gemütlichen Beisammenseins in froher Runde mit Essen und Trinken und entspannter Unterhaltung, die ein wenig an das Krebse-Essen mit dem Architekten und seiner Frau erinnert. (vgl. 68) Es geht um nichts Besonderes, sondern um ganz und gar Alltägliches und Banales und um das, was man eben so sagt in gemütlicher Runde. Gesprächspartikel, Redewendungen, Floskeln reihen sich aneinander und werden zusammenmontiert, ergeben aber keinen erkennbaren Sinn. Es entsteht eine Atmosphäre, in dem das Belanglose, aber Vertraute, im Gegenständlichen und in den Dialogen gespiegelt wird: " ... die Besucherin schweigt, der Gärtner schweigt, die Köchin serviert den Hauptgang, sie selbst ergänzt, die Schwiegertochter fragt nach, der Sohn sagt: Das halte ich nicht für möglich, ihr Mann sagt: Aber ja ..." (122) usw. Die Dialoge erinnern ein wenig an die Szene eines absurden Theaterstückes, in dem die Worte sinnentleert, die Phrasen austauschbar und die Verständigungsfunktion der Sprache zweifelhaft geworden sind. Statt sich zu verständigen, redet man aneinander vorbei. Die Sprache wird auf Bruchstücke reduziert, die keinen fortlaufenden Zusammenhang ergeben. Der Eindruck eines harmonischen Miteinander ist trügerisch. Die Welt hat sich inzwischen entscheidend gewandelt. Moderne Technik hat Einzug gehalten in die private Abgeschiedenheit am See, z. B. das Fernsehen, mit dem man sich die Nachrichten von wichtigen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen in die heimischen Stuben holen kann. Es ist von "Ernte" die Rede, von "Mähdreschern", "Silos" und "Plansoll". (123) Das Leben in kleinbäuerlichen Gemeinschaften und herkömmlichen Familienstrukturen ist inzwischen Teil der Vergangenheit geworden. Die Realität im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat ist nicht ein Leben Gleicher unter Gleichen, sondern es gibt soziale Ungerechtigkeiten, Führungseliten, Vetternwirtschaft und Bevorzugungen Privilegierter (wie zum Beispiel dem jungen Arzt nebenan, der noch gar nicht geboren war, als das Schriftstellerehepaar aus der Emigration in die Heimat zurückkehrte), denen man Sonderrechte einräumt, die anderen
- 3 -vorenthalten werden und die "von höherer Stelle" so entschieden wurden. (Vgl. 114) Es haben sich hierarchische Strukturen und bürokratische Zuständigkeitssysteme gebildet, die dem einzelnen das Leben sauer machen und denen man sich zähneknirschend fügen muss. "Ich kehre heim" (113), von der Schriftstellerin in ihre Schreibmaschine getippt, ist das Motto, das dem Text vorangestellt und mehrfach wiederholt wird. Darin offenbart sich der Versuch, nach Jahren der Emigration wieder Fuß zu fasssen in der Heimat, und die Hoffnung, dass man in Deutschland seinen politischen Überzeugungen gemäß in Frieden leben kann. Ihre schriftstellerische Arbeit ist ihr geistiges Kapital, das sie in den Aufbau des neuen Staates einbringen kann, und die Schreibmaschine ist das Werkzeug, dessen sie sich bedient, um Worte zu tippen, "die die deutschen Barbaren zurückverwandeln sollten in Menschen und die Heimat in Heimat". (115) Parallel zur Figur des Gärtners, der den Garten und die Landschaft durch seinen körperlichen Schaffensprozess formt und gestaltet, betrachtet sie sich als Arbeiterin, die sich vermittels ihrer Geisteskräfte am gesellschaftlichen und politischen Umwandlungsprozess beteiligen will. Für sie, die mit vielen anderen "vor ihrer eigenen Verwandlung ins Ungeheure aus der eigenen Heimat geflohen" und "ins Unbehauste gestoßen" war (117), schien es kein "Land" mehr zugeben, das sie "Heimat" nennen wollte, sondern nur noch den abstrakten Begriff "Menschheit". Selbst ihre in Deutschland gebliebenen Verwandten waren ihr inzwischen fremd geworden. (vgl. 121)
Die Erzählerin erweitert hier den Begriff "Heimat", indem sie ihn dem Fremdsein in einer einst vertrauten Umgebung gegenüberstellt. Der anscheinend nie ganz verblasste Zweifel an der Zuverlässigkeit ihres Heimatgefühls deutet auf einen unüberwindbaren Zustand innerer Heimatlosigkeit hin. Wenn man berücksichtigt, dass Hedda Erpenbeck-Zinner für ihre Arbeit mit einer größeren Anzahl von Orden, Auszeichnungen und Literaturpreisen geehrt worden ist, fragt man sich allerdings, ob es ihr schwer gefallen ist, sich mit den Machthabern der DDR zu arrangieren, weil sie sich von ihnen gegängelt fühlte. Wichtige Teile ihres politischen und gesellschaftlichen Engagements werden hier ausgeblendet und die Darstellung konzentriert sich ganz aufs Private. Die politisch-gesellschaftliche Ebene ist nicht inhaltlicher Schwerpunkt des Romans, aber sie wird in den Figuren gespiegelt und reflektiert. Das sich darin abzeichnende Bild ist das eines Staates, gegen dessen Zugriff man sich in einem inoffiziellem Bereich offensichtlich relativ gut abschotten und wo man im Kreise von Freunden und Verwandten ein durchaus gutbürgerliches Leben führen konnte. Die Besucherin (128 - 139)
Dieser Text bildet den Anschlusstext zu "Die Schriftstellerin". Während im letztgenannten die väterliche Linie von Jenny Erpenbecks Verwandtschaft bis zu ihren Großeltern aufgerollt wird, handelt es sich bei ersterem um die mütterliche Linie. Im Mittelpunkt dieses Textes steht Jenny Erpenbecks Urgroßmutter aus Ostpreußen. Die Bühne des Geschehens ist wie bisher das Haus am See. Von dort gehen wiederum vielfältige Verbindungslinien zu Vergangenem und zu weit entfernt liegenden Schauplätzen und Stationen im Leben der alten Dame.
Die "Besucherin" lebt ursprünglich mit ihrem Mann auf einem Hof in Ostpreußen. Der Mann, dessen Urgroßeltern aus Bayern nach Russland eingewandert waren, stammt aus der Ukraine. Er wartet die Geräte und Maschinen der Bauern in ihrem Dorf. In seiner
- 4 -Freizeit spielt er auf der Geige oder dem Akkordeon Lieder aus seiner ukrainischen Heimat. Bei einem Arbeitsunfall verliert er vier Finger seiner linken Hand und kann seitdem nicht mehr musizieren. Er stirbt schon früh, mit Anfang vierzig. (133) Beide haben eine Tochter, die spätere Großmutter Jenny Erpenbecks. Bei ihrer Hochzeit bleibt diese auf dem Weg auf dem Weg zur Kirche mit dem Brautschleier im Gesträuch hängen. Das Zerreißen des Schleiers wird als böses Omen angesehen. (130) Die Tochter bekommt drei Kinder. (129) Im Kriege kommt sie bei einem Arbeitseinsatz um. Ihre Mutter bleibt mit den Kindern allein zurück.
Bei ihrer Flucht aus Ostpreußen mit ihren drei Enkeln läuft sie in die falsche Richtung und landet wieder auf ihrem eigenen Hof, der inzwischen von Polen in Besitz genommen wurde, bei denen sie kurze Zeit als Magd arbeitet. Dann gelingt es ihr, sich nach Westen durchzuschlagen. (130)
Die jüngste Enkelin heiratet später den Sohn des Schriftstellerehepaares Erpenbeck. Nach seiner Heirat bekommt das Paar ein Mädchen (Jenny Erpenbeck). Schon im Kleinkindalter nehmen sie ihre Tochter mit zu den Großeltern im Haus am See, wo sie später ihre Ferien verbringen wird.
Die "Besucherin" stammt aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen. Ihr bisheriges Leben ist von harter körperlicher Arbeit geprägt gewesen. In ihren Gedanken beschäftigt sie sich wehmutsvoll mit ihrer Vergangenheit in Ostpreußen und vergleicht dieses Leben mit ihrer gegenwärtigen Situation im Haus am See. Sie fühlt sich nicht zur Familie zugehörig, sondern als geduldete Besucherin und "fremd ... in der Fremde". (129) In der arbeitsteiligen Berufswelt ihrer neuen Umgebung findet sie sich nicht zurecht. In ihrer Jugend hat sie den Prozess der Nahrungsgewinnung von der Aussaat des Getreides bis zur Herstellung des Brotes in allen Phasen miterlebt und kann nicht begreifen, dass man jetzt einfach ein fertiges Brot im Laden kauft. Für sie ist der Aufenthalt im Grünen zur bloßen Erholung in dieser "Sommerfrische" (134) gleichbedeutend mit "Nichtstun". (129) In ihrer resignativen Rückschau erweist sich das Leben in den aufeinanderfolgenden Generationen als sich ständig wiederholender "Gang der Dinge", der "immer der gleiche" ist (131), ein langweiliges Einerlei und ein zusammenhangloses Sammelsurium schicksalhafter Begebenheiten, an denen man nichts ändern könne, die man demütig annehmen und mit ihnen irgendwie fertig werden müsse. "Frieden", "Armut", "Krieg" und "Flucht" verschwimmen zu unabänderlichen Schicksalsschlägen, die man geduldig zu ertragen habe und denen man nicht entkommen könne. In ihrem Denken offenbart sich eine Linie, die von Aberglauben, düsteren Vorahnungen und der Wahrnehmung böser Vorzeichen (Omen) geprägt ist, die sich unheilvoll erfüllen, wie der zerrissene Brautschleier zeige, der sich als Unglücksbringer für ihre Tochter erwiesen habe. Ihre eigene Ehe habe schon unter einem ungünstigen Vorzeichen gestanden, das sich in den Wortenihrer Mutter offenbarte, als sie sagte: "So einen heiratest du nicht ..." (133) Die kreisende Bewegung ihrer Gedanken, die ihr eine neue Lebensperspektive verwehrt, wird am Ende des Kapitels noch einmal aufgenommen und wie die Beschwörungsformeln einer gebetsmühlenartig heruntergebeteten Litanei wiederholt. In dieser düsteren Stimmungslage vernimmt sie den Gong, der sie zum Essen ruft, und sieht ihre Enkelin (Jenny Erpenbecks Mutter), wie sie sich von ihrem Sonnenbad erhebt und leise vor sich hinsummend ins Haus geht. Unaufdringlich und leicht ironisch kommentierend, schlägt die Erzählerin für die leidgeprüfte alte Dame eine hoffnungsvollere Note an, wenn sie schreibt: "Und das heißt doch, daß man bei einer Flucht einiges mitnehmen kann, was kein Gewicht hat, zum Beispiel die
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Hans-Georg Wendland, 2011, Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" - Eine kritische Untersuchung -Teil III, München, GRIN Verlag GmbH
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