Hauptteil
Die narrative Analyse zeigt eine auffällige Form der Anordnung der Verse 1-9 innerhalb der Perikope: eine Gegensätzlichkeit von Anfang und Schluß. In Vers 1 haben alle Menschen auf der Erde die gleiche Sprache, gebrauchen sie und verstehen einander. Im Schlußvers 9 hat Gott die Sprache der Menschen auf der Erde verwirrt; keiner versteht den anderen mehr. Die Ereignisse, welche sich zwischen Anfang und Schluss zutragen, haben die Verwirrung der Sprache zur Konsequenz. Sie sind in zwei Teilen aufgebaut, die einander gegenübergestellt werden können. Im ersten Teil (V. 2-4) sind die Hauptakteure die Menschen, von deren Handeln und Reden berichtet wird; im zweiten Teil, ab Vers 5-8, ist Gott der Protagonist, der handelt und spricht. Diese Anordnung wird durch die Verse 1 und 9 deutlich eingerahmt. Der ursprüngliche Zustand aus Vers 1 wird durch die Handlung der Menschen und die darauffolgende Intervention durch den Herrgott gegen das menschliche Bauvorhaben in einen gegenwärtigen Zustand (V. 9) gewandelt. Dabei kommt es zu keinem Wortwechsel oder Wechselgeschehen zwischen Gott und den Menschen, sondern beide Geschehnisse bleiben unabhängig voneinander in zwei Teilen nebeneinander bestehen. Konkret dargestellt werden diese zwei Teile zum einen in den Versen 3-4, also im Entschluss der Menschen zur Herstellung von Backsteinen und Mörtel und der Ausführung des Bauvorhabens von Stadt und Turm, das zwar nicht explizit beschrieben wird, aber dennoch laut Vers 5 vorausgesetzt werden muss; zum anderen im Entschluss Gottes in Vers 5-7, zu den Menschen herabzusteigen und die menschliche Sprache irreversibel zu verwirren mit der sich daran anschließenden Ausführung, die im Vers 8 beschrieben wird.
Durch diese auffällige Anordnung der Verse 3-8 innerhalb des Erzählrahmens (V. 1 u. 9) darf dem Erzähler die Absicht unterstellt werden, dass es sich hier um den Erklärungsversuch handelt, wie aus einem früheren ein jetziger Zustand entstehen konnte. Die zuvor abgehandelte Ausformung der Perikope zeigt eindeutig auf, dass es sich um eine ätiologische Erzählung handeln muss: Hinter ihr verbirgt sich die Frage nach der Entstehung eines gegenwärtigen Zustands, der durch eine Verkettung von Vorgängen in der Vergangenheit erklärt wird (Westermann, 711). Dieser frühere Zustand, der erklärt werden soll, liegt also weiter zurück, als das menschliche Erinnerungsvermögen überhaupt reichen kann, und somit liegen die Geschehnisse, welche diesen Zustand erklären sollen, jenseits aller menschlichen Erfahrungshorizonte; dies kann nur bedeuten, dass es sich um urgeschichtliches Geschehen handeln muss (Westermann, 712).
Betrachtet man hierzu die für diese Auslegung ausgewählten Begriffe „Stadt Babel“ und
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„Turm“, werden die eigentümlichen Besonderheiten der Perikope Gen 11,1-9 sichtbar. Im AT ist Babel die erste in der Bibel genannte Stadt. Die Turmbauerzählung zeigt Babel - in diesem Fall auch synonym gebraucht für Babylon - als einen Ort bewundernswerter zivilisatorischer Leistung, im Gegensatz dazu aber auch als Stadt eines übersteigerten Selbstbewusstseins und eines gegen Gott gerichteten Hochmuts. Zudem war Babel der Hauptsitz der politischen Macht im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris und wird aus historischer Perspektive mit der Auslöschung der Existenz der selbstständigen Königreiche Juda und Israel, welche in babylonische und assyrische Gefangenschaft deportiert wurden, in Verbindung gebracht. Damit haftet der Stadt Babel bzw. Babylon die Symbolik einer bösen und gottesfeindlichen Macht an (Herder, 66). Unter dem babylonischen König Nebukadnezzar erreichte das neubabylonische Großreich im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. den Gipfel der Macht. Nach der Zerstörung der Stadt Jerusalem im Jahre 586 v. Chr. durch assyrische Truppen wurde die Bevölkerung der Judäer mitsamt ihrer Oberschicht ins Babylonische Exil verschleppt. Dort lebten die Deportierten in Gemeinschaften, vermischten sich aber nicht mit der dort ansässigen einheimischen Bevölkerung und konnten somit eine neuartige Lebensform entwickeln, da sie in der Religionsausübung frei waren und diese beibehalten durften. So bewahrten sie sich in der fremden Umgebung ihre volkstümlichen Eigenarten. Die Katastrophe - die Zerstörung Jerusalems und die Deportation nach Mesopotamien - erschütterte das Gottesvolk in ihren Grundfesten, zugleich verlangte sie auch eine Neubesinnung. So bekam zum Beispiel die Priesterschaft, die den Tempelkult nun nicht mehr ausüben konnte, eine neue Aufgabe. Sie widmete sich der Bearbeitung und dem Studium der „Heiligen Schriften“. Damit wurden die Kultpriester immer mehr zu Schriftgelehrten, welche schon vorhandene Überlieferungen, Lieder und Gesänge sammelten und niederschrieben. Es entstanden neue Schriften, die von den Anfängen der Welt und des Gottesvolkes berichteten; das Babylonische Exil eröffnete neben aller Dramatik eine neue religiöse und theologische Dimension (Herder, 68-69).
Betrachtet man den Begriff „Turm“, welcher in der Perikope in Vers 4 und 5 genannt wird, werden Assoziationen beim Leser geweckt, die z. B. an die Besteigung eines hohen Bergs erinnern. Symbolisch gelangt der Mensch damit näher an den Himmel heran. In der Perikope verhält es sich ebenso. Die noch fertig zu stellende Turmspitze soll auch bis in den Himmel reichen. Der überlieferte Name des Turms aus babylonischer Zeit standsynonym gebraucht - für einen „Grundstein des Himmels und der Erde“. Desweiteren rankten sich viele Sagen und Mythen im Zweistromland um das verbindende Element des 3
Arbeit zitieren:
Kjell Ostenrath, 2011, Auslegung von Gen 11,1-9: Der Turmbau zu Babel, München, GRIN Verlag GmbH
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