Hauptteil
Die narrative Analyse zeigt eine auffällige Gliederung der Perikope in drei Hauptteile. Der erste Teil, be- stehend aus den Versen 30-34, behandelt die Ankunft Jesu und seiner Jünger an dem nicht näher be- schriebenen einsamen Ort und die Zusammenkunft aller weiteren beteiligten Personen; in diesem Falle Jesu, der Jünger und der Volksmenge. Der Vers 30 berichtet von der Rückkehr der ausgesandten zwölf Jünger und den Erlebnissen ihrer Missionsreise. In Vers 31 spricht Jesus zum ersten Mal in direkter Rede zu seinen Jüngern. Er möchte ihnen eine Ruhepause gönnen und mit ihnen alleine rasten. Die Verse 32 und 33 berichten vom Vorhandensein eines Bootes, welches ihnen als Fahrzeug zur Verfügung steht, um an den Rastplatz zu gelangen. Allerdings werden sie von einer größeren Menschenmenge beobachtet; diese eilt ihnen voraus und erwartet sie - wie in Vers 34 beschrieben - bereits am Rastplatz. Der Begriff des Bootes wird dabei vom Evangelisten als Sinnbild für Ruhe, Rast und Rettung benutzt; in Anspielung auf die Arche Noah, die ebenfalls ein Ort der Rettung, aber auch der Reise gewesen ist (Lurker, 266). Das im Vers 34 erwähnte Mitleid Jesu mit den Schafen, die keinen Hirten haben, symbolisiert Fürsorge und Führerschaft, die auch Mose im Alten Testament für sein Volk Israel übernommen hat. Damit wird dem Leser und den Adressaten der Perikope das Motiv des Evangelisten Markus ganz klar vor Augen geführt, dass Jesus auf derselben Stufe wie Mose (Num 27,17) und König David (1 Kön 22,17) anzusiedeln ist, da auch er als Hirte die Schafe führt, ihnen Ruhe und Rast, aber auch Schutz gewährt. In Jes 40,11 wird zu- dem auf den Anbruch der messianischen Zeit hingewiesen, wenn der Hirte seine Schafe auf die Weiden geleitet; hier wird damit ein direkter Bezug zu Jesus als der Messias hergestellt (Beyreuther, 976).
Der zweite Teil der Perikope erläutert die bevorstehende Speisung der Menschenmenge. Auffällig ist hier- bei, dass der Abschnitt von Vers 35-38 fünfmal einen Dialog zwischen Jesus und den Jüngern in direkter Rede aufweist. Dem Leser fällt dabei auf, dass der Dialog die Jünger als Agierende in den Vordergrund rückt; sie sind es, die am Anfang, zur Mitte und am Schluss des Dialogs sprechen. Ab Vers 35 tragen die Apostel im Dialog mit Jesus die Problematik zur Speisung und Versorgung der anwesenden Zuhörerschaft vor, bei der der Ort eine Rolle spielt. Der Begriff des abgelegenen Ortes verdeutlicht noch einmal den an- fangs angedeuteten einsamen Ort als Rastplatz. In Vers 36 unterbreiten die Jünger Jesus den Vorschlag, die Menschenmenge solle sich auf den Bauernhöfen der umliegenden Dörfer etwas zu essen kaufen. Auch hier wird eine Parallele zu den
benachbarten Dörfern gezogen, welche zuvor in Mk 6,6b das Forum für die Lehrreden Jesu und den Ausgangspunkt für die Aussendung der Apostel auf die Missionsreise darstellten. In Vers 37 fordert Jesus die Apostel in direkter Rede auf, dass sie sich selbst um die Nahrungsbeschaf- fung für die große hungrige Zuhörerschaft sorgen sollen. Daraufhin wird durch eine zweifelnde Frage der Jünger die Problematik noch einmal verstärkt: Sie sehen sich nicht in der Lage, mit dem mitgeführten Proviant die Volksmenge zu sättigen. Die Frage verdeutlicht noch einmal die Schwierigkeit der Sättigung der großen Menschenmenge und gibt zugleich schon den Hinweis auf ein bevorstehendes Wunder. Brot - wie im Vers 37 erwähnt - war damals schon das tägliche Hauptnahrungsmittel, welches das Überleben in einer eher vegetationskargen und armen Region wie Palästina ermöglichte. Das Brot versinnbildlicht
54einen durch Verwandlung von Saatgut gewonnenen Grundstoff, durch dessen Verzehr Leben erhalten werden kann. Brot symbolisiert eine Gabe, welche aus dem Zusammenspiel von Sonne und Erde entsteht und zugleich das Produkt harter menschlicher Arbeit ist. Im Ps 104,14 gehört es zu den Wundergaben des Himmels und der Erde (Lurker, 59). In Vers 38 nimmt Jesus die Jünger mit einer direkten Frage er- neut in die Pflicht, die anwesenden Zuhörer mit Speise zu beliefern. Die Jünger antworten ihm, dass es sich bei dem mitgeführten Proviant um fünf Brote und zwei Fische handelt. Der gesamte Dialog ist stilis- tisch so gestaltet, dass die Jünger das erste und letzte Wort haben. Mit ihrer letzten Feststellung, dass es sich nur um fünf Brote und zwei Fische handelt, werden alle nachfolgenden Handlungen auf das Wunder Jesu fokussiert. Der dritte und letzte Teil der Perikope, die Verse 39-44, beschreibt das eigentliche Wunder durch Jesus. Dabei ordnet er die Jünger in Vers 39 an, dafür Sorge zu tragen, dass alle sich in Tischgemeinschaften im umliegenden Gras versammeln und niederlassen. Die Durchführung des Auftrags, auch die genaue zah- lenmäßige Aufteilung in den Tischgemeinschaften, werden in Vers 40 beschrieben: zu je fünfzig und ein- hundert Personen. Der Begriff und der Vollzug der Tischgemeinschaft symbolisieren in der jüdischen Tra- dition die Teilhabe am Segen Jahwes. Charakteristisch dafür sind das zu Beginn des Mahles vom Hausva- ter gesprochene Tischgebet und der Tischdank nach Beendigung des Mahles. Während dieser Zeremonie nimmt der Hausvater das Brot und spricht stellvertretend für alle anwesenden Teilnehmer das Segensge- bet bzw. einen Lobspruch. Danach bricht er das gesegnete Brot und verteilt es an die Anwesenden. Durch dieses streng geregelte Prozedere hat jeder von ihnen Anteil am Tischsegen. Ebenso verfährt der Hausva- ter mit dem Wein, welcher gesegnet und den Anwesenden aus dem Segensbecher gespendet wird (Klap- pert, 668). Vers 41 beschreibt die
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Kjell Ostenrath, 2010, Mk 6,33-44: Die Speisung der 5000, München, GRIN Verlag GmbH
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