2.) Das Induktionsproblem
Poppers Kritischer Rationalismus lässt sich als direkte Antwort auf den logischen Empirismus und dessen Methode der Induktion begreifen. Eine Beschäftigung mit dem Humeschen Induktionsproblem bleibt hier also nicht aus.
Der britische Philosoph David Hume hatte sich bereits 1740 in seinem Werk A Treatise of Human Nature mit der Frage beschäftigt, ob und wann induktive Schlüsse möglich seien. Dieses Induktionsproblem lässt sich auch als Frage nach der Geltung der allgemeinen Erfahrungssätze, der empirisch-‐wissenschaftlichen Hypothesen, formulieren. Hume versuchte die Frage zu beantworten, ob von einzelnen Erfahrungen logisch auf allgemeine Regeln geschlossen werden könne. Diese Frage stellte er sich im Rahmen seiner Untersuchung der Kausalität. Die Kausalität beruht nach Hume auf der Annahme, dass sich die Dinge morgen genau so verhalten werden, wie sie dies heute tun. Wie können wir diese Annahme aber treffen, wenn wir doch überhaupt nicht wissen können, was morgen passiert? Hume zufolge wird unsere Vorstellung der Kausalität also durch eine Annahme gestützt, die nicht beobachtbar oder nachweisbar ist. Auch logisch ist die Annahme nicht haltbar, denn für die Notwendigkeit der Annahme, in Zukunft verhielte sich alles ganz genau so wie in der Gegenwart, muss der Widerspruch ausgeschlossen sein. Die gegenteilige Annahme, dass sich die Dinge morgen anders verhalten werden, ist aber durchaus vorstellbar. Wenn dies der Fall ist, kann aber die Annahme, die dem Prinzip der Kausalität zugrunde liegt, nicht notwendig wahr sein. Daraus folgt, dass das Prinzip der Kausalität und die darauf bauende Methode der Induktionslogik notwendig falsch sein müssen.
Hume selbst hatte zu diesem Problem der Induktion keine Lösung finden können, doch bildeten sich in der philosophischen Welt später zwei Lager: Auf der einen Seite standen die Positivisten des Wiener Kreises, welche die Methode der Induktion vehement verteidigten. Auf der anderen Seite stand relativ isoliert Karl R. Popper, der Hume beipflichtete und die Induktion als Methode wissenschaftlicher Erkenntnis in Zweifel zog. Das folgende Teil soll davon handeln, wie Popper das Humesche Problem weiter konkretisierte und versuchte dazu eine Lösung zu finden.
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3.) Kritik am Sinnkriterium des logischen Empirismus
Während die Positivisten des Wiener Kreises die Methode der Induktion mit allen Mitteln verteidigten, stimmte Popper Hume zu, dass das Induktionsprinzip grobe Fehler aufwies. Popper analysierte die Fehlbarkeit der Induktion und konkretisierte diese Problematik weiter in seiner Logik der Forschung.
Dass einige Dinge eine bestimmte Eigenschaft besitzen, heiße noch lange nicht, dass alle Dinge diese Eigenschaft besitzen. Denn wenn auch nur eine gegensätzliche Beobachtung gemacht werde, so müsse der vorherige induktive Schluss notwendig falsch sein. Ein Allsatz ist eine Aussage über unbegrenzt viele Elemente. „In dieser Interpretation kann er natürlich durch eine Konjunktion von endlich vielen singulären Sätzen nicht ersetzt werden.“ (LdF 40) 1
Popper ging aber weiter und zweifelte das Sinnkriterium des logischen Empirismus, die Verifikation, an. Für die logischen Empiristen und die Positivisten des Wiener Kreises waren Aussagen und Theorien nur sinnvoll und wissenschaftlich, wenn sie objektiv beobachtbar und nachweisbar sind. Auf dem Sinnkriterium der Verifizierbarkeit der Theorien baute für die Empiristen die ganze Wissenschaft auf. Popper setzte genau dort an. Er hinterfragte diesen Fundamentalismus und das „induktionslogische Vorurteil“ (LdF 6). Nach Popper lassen sich Theorien überhaupt nicht vollständig bewahrheiten. Die Begründung einer Theorie muss aufgrund des begrenzten menschlichen Wissens an irgend einem Punkt enden. Denn für jede Begründung kann wiederum eine weitere Begründung verlangt werden. Es kann aber keine Debatte endlos fortgeführt werden. Es ist daher unmöglich, zu endgültig abgesicherten letzten Begründungen zu gelangen. Die Methode der Verifikation scheitert am infinitiven Regress (LdF 5). Poppers Lösung dieses Problems liegt nun darin, auf die Begründung als Methode zu verzichten, ohne dadurch jedoch die Möglichkeit von Erkenntnisfortschritten auszuschließen. Statt Theorien zu begründen, unterwerfen wir sie kritischen Prüfungen und lernen aus unseren Fehlern. An die Stelle der Idee der Begründung tritt die Idee der Kritik.
1 Zitate mit dem Kürzel ‚LdF’ beziehen sich auf Poppers Logik der Forschung, 11. Aufl. (2005).
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Vor allem die Positivisten des Wiener Kreises hielten laut Popper an ihrem Sinnbegriff fest und betrachteten diesen als ein unumstößliches Fundament der Wissenschaft. Popper kritisiert dieses determinierte Denken als dogmatisch und daher unwissenschaftlich. Er schreibt, „wer an einem System, und sei es noch so ‚wissenschaftlich’, dogmatisch festhält [...], wer seine Aufgabe etwa darin sieht, ein System zu verteidigen, bis seine Unhaltbarkeit logisch zwingend bewiesen ist, der verfährt nicht als empirischer Forscher in unserem Sinn“ (LdF 26f). Wissenschaftlich geht in diesem Sinne nur der vor, der den Mut und die Vernunft mitbringt, Irrtümer zugeben zu können. Wer Theorien immer nur verifizieren will und negative Erfahrungen ausblendet, wird nie aus Irrtümern lernen können (LdF 27). Und gerade dieser Punkt ist für Popper so wichtig: dass wir aus den Erfahrungen lernen können und dass neue Erkenntnis aus Irrtümern entspringt. So gesehen kann Wissenschaft als ein Spiel aufgefasst werden, das niemals ein Ende findet. „Wer eines Tages beschließt, die wissenschaftlichen Sätze nicht weiter zu überprüfen, sondern sie etwa als endgültig verifiziert zu betrachten, der tritt aus dem Spiel aus.“ (LdF 30) Theorien können niemals verifiziert werden, sondern bleiben immer zweifelhaft. Nach Popper kann eine Theorie immer nur vorläufig als wahr angesehen werden, da nie völlig ausgeschlossen werden kann, dass sie nicht im nächsten Moment durch eine von der Theorie ausgeschlossenen Beobachtung falsifiziert, d.h. umgeworfen, wird. Solange aber eine Theorie der kritischen Prüfung standhält und durch die fortschreitende Entwicklung der Wissenschaft nicht hinfällig wird, sagt Popper, dass sie sich bewährt und somit anderen Theorien vorzuziehen ist (LdF 9). Popper wies somit alle Versuche zur Aufstellung eines empiristischen Sinnkriteriums zurück und ersetzte die Idee der Verifikation durch die Idee der objektiven kritischen Prüfung (LdF 89). Für Popper ist die Wahrheit objektiv. Sie entzieht sich menschlicher Verfügbarkeit. Wir können uns der objektiven Wahrheit nur nähern, worauf ich später im Teil zur evolutionären Erkenntnistheorie näher eingehen möchte. Vorerst möchte ich, nachdem dem Sinnkriterium der Verifikation hier eine Absage erteilt wurde, meine Aufmerksamkeit der Frage widmen, wie sich Wissenschaft von Metaphysik abgrenzen zu lassen vermag.
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4.) Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium der Wissenschaft
Das Abgrenzungsproblem stellt die Frage dar, wie sich Wissenschaft von Metaphysik abgrenzen lässt. Wissenschaft besteht aus Sätzen über die Welt, also Aussagen über die Dinge. Metaphysik hingegen beschäftigt sich mit Aussagen über Aussagen. Die Empiristen, und darunter vor allem die Positivisten, sahen sinnvolle Sätze in solchen Aussagen, die sich intersubjektiv durch Beobachtung nachprüfen ließen und glaubten daher, in der Induktion ein Abgrenzungskriterium für die Wissenschaft gefunden zu haben (LdF 10). Die Abgrenzung durch den positivistischen Sinnbegriff ist äquivalent mit der Annahme, dass alle empirisch-‐wissenschaftlichen Sätze endgültig entscheidbar sein müssen (LdF 16). Für die Positivisten müssen sinnvolle, wissenschaftliche Aussagen verifizierbar und durch Induktion nachweisbar sein. Wie zuvor erwähnt, lehnt Popper dieses Sinnkriterium strikt ab, da eine Beobachtung oft mehrere zum Teil auch gegensätzliche Theorien stützen kann, also nicht widerspruchsfrei sein kann. Um eine Theorie vollständig zu verifizieren, müsste es möglich sein, den Widerspruch komplett auszuschließen. Da hierfür aber eine unendliche Zahl von Beobachtungen notwendig wäre, ist dieser Ausschluss nicht möglich. Für Popper scheitern die Abgrenzungsversuche der Empiristen daher am zuvor behandelten Induktionsproblem (LdF 12).
Für Popper ist die Verifizierbarkeit von Theorien als Abgrenzungskriterium für die Wissenschaft von der Metaphysik demnach logisch nicht haltbar. Er schlägt daher als Kriterium die Falsifizierbarkeit der Theorien vor (LdF 16). Theorien müssen an der Erfahrung scheitern können. Dies lässt sich durch die Asymmetrie zwischen allgemeinen Sätzen oder auch Theorien und besonderen Sätzen, d.h. Einzelfällen, aufzeigen. Allgemeine Sätze lassen sich zwar nicht durch besondere Sätze verifizieren (Induktionsproblem), sie lassen sich aber sehr wohl durch kritische Prüfung falsifizieren. Popper ersetzte daher das empiristische Abgrenzungskriterium der Verifizierbarkeit durch das rationalistische Kriterium der Falsifizierbarkeit.
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Arbeit zitieren:
2011, Kritik an der Zynismuskritik Karl R. Poppers, München, GRIN Verlag GmbH
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