Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Zugang der Sozialpädagogik der Lebensalter’ 5
2.1 Das Verständnis von biografischer Lebensbewältigung 7
2.1.1 Selbstwert. 9
2.1.2 Rückhalt 10
2.1.3 Orientierung 11
2.1.4 Normalisierung 12
2.2 MigrantInnen und die Frage der Zugehörigkeit 13
2.3 Bewältigungsorientierte Arbeits- und Interventionsprinzipien. 14
2.3.1 Empowerment 15
2.3.2 Milieubildung 16
3 Bewältigungskonstellationen der Klienten in der Sozialen Beratung von
Fl üchtlingen 18
3.1 Die Institution der Sozialen Beratung von Flüchtlingen 18
3.2 Spezifische Bewältigungskonstellationen von Flüchtlingen 20
3.2.1 Flucht: Bedrohung des Selbst und Normalisierungshandeln 21
3.2.1.1 Fluchtursachen. 21
3.2.1.2 Fluchtweg. 24
3.2.2 Fremdheit, sozialer Rückhalt und soziale Orientierungslosigkeit 26
3.2.2.1 Subjektives Moment 26
3.2.2.2 Gesellschaftliches Moment 28
3.2.3 Soziale Desintegration durch den Rechtsstatus. 29
3.2.3.1 Aufenthaltsstatus und Arbeitsmarktzugang 30
3.2.3.2 Arbeitslosigkeit als Bewältigungskonstellation 32
3.3 Schlussfolgerungen für ein Handlungskonzept. 35
4 Handlungskonzept für die Sozialen Beratung von Flüchtlingen. 37
4.1 Bewältigung der Fluchterlebnisse durch biografische Fallrekonstruktion 41
4.2 Bewältigung der Fremdheitserfahrung 45
4.2.1 Milieuerschließung 45
4.2.2 Interkulturelle Gruppenarbeit. 47
4.3 Bewältigung des eingeschränkten Arbeitsmarktzugangs und seinen Folgen
durch bürgerschaftliches Engagement. 50
4.4 Abschließende Gedanken 54
5 Fazit und Ausblick 56
Literaturangaben. 59
Internetangaben und Filmmaterial 63
1 Einleitung
„Die soziale Arbeit mit Flüchtlingen entstand in einem restriktiven Rahmen mit dem Auftrag, die negativen Folgen dieser Restriktionen zu begrenzen“ (FLOTHOW 2002, S.07.023.001), was bei der konzeptionellen Entwicklung in der Flüchtlingssozialarbeit bis heute wirkt (vgl. ebd.). Durch diesen Entstehungskontext unterscheidet sich die Flüchtlingssozialarbeit signifikant von anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Denn sie weist eine besondere Funktionsrichtung auf: Während es in der Sozialen Arbeit klassischerweise um die „die Bearbeitung der Klienten“ geht, zielt die Flüchtlingssozialarbeit vor allem auf die Veränderung der gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab (vgl. HAMBURGER 2008, S.425).
Dieser Auftrag hat jedoch seine Tücken: Die Geschichte der Flüchtlings- und Ausländerpolitik hat uns gezeigt, dass sich zumindest die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht ohne weiteres durch die Flüchtlingssozialarbeit verändern lassen. Daher wohnt der Flüchtlingssozialarbeit immer noch eine Feuerwehrfunktion inne. Für die SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen besteht damit die Gefahr, Erfahrungen von Überforderung und Ohnmacht zu machen, was wiederum Stress verursachend ist (vgl. FLOTHOW 2002, S.07.024.001). Ferner drohen die SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen, die Grenze zwischen persönlicher Betroffenheit und professioneller Arbeitsdistanz zu verlieren (vgl. ALBERT 2001, S.63). Die Folge dessen ist eine außergewöhnlich hohe Personalfluktuation in der Flüchtlingssozialarbeit (vgl. a.a.O., S.61).
Bis auf wenige Ausnahmen, wird diese Problematik in wissenschaftlicher Literatur nicht behandelt. Generell ist Literatur über die Flüchtlingssozialarbeit rar. Auf der einen Seite gibt es Publikationen in Form von Konzepten, die von den Wohlfahrtsverbänden herausgegeben wurden (vgl. hierzu DIÖZESAN-CARITASVERBAND FÜR DAS ERZBISTUM KÖLN E.V. 2000 und DIAKONISCHES WERK KURHESSEN-WALDECK E.V. 2006). Diese basieren auf der Verpflichtung, die sich aus dem christlichen Menschenbild ergibt, und begründen somit eine Haltung. Die Aufgaben der Institution werden genannt, aber die Konstitution und der theoretische Überbau der Interventionen finden weniger Beachtung 1 . Auf der an-
1 Fürdiese Arbeit sind sie insofern relevant, als dass die formulierten Aufgaben in dem hier theoretisch hergeleiteten Handlungskonzept in Kapitel 4 teilweise wieder aufgegriffen werden.
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deren Seite findet sich die Flüchtlingsthematik in Literatur wieder, die sich nur auf eine Bezugswissenschaft der Sozialen Arbeit stützt, wie z.B. Ethik bzw. Politik (vgl. RETHMANN 1996), Soziologie (vgl. HAN 2000), Geschichte (vgl HERBERT 2001) oder Recht (vgl. HEINHOLD 2007). Ferner wird die Flüchtlingsthematik im Zuge von Migration genannt, aber nicht als eigenständiges Problem behandelt (vgl. VAHSEN 2000). Der Aspekt ‘Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft’, also der Interventionsmodus in der Flüchtlingssozialarbeit, wird hier eher vernachlässigt.
Das Ziel dieser Arbeit ist schließlich, ein Handlungskonzept zu entwickeln, das an die Problematik, welche die besondere Funktionsweise der Flüchtlingssozialarbeit mit sich bringt, anknüpft, theoretisch fundiert ist und als Handlungsleitfaden für die praktische Arbeit genutzt werden kann. Dem gewählten Zugang liegt dabei die Idee zugrunde, dass Flüchtlinge durch die Aktivierung ihrer Ressourcen auch in dem gegebenen restriktiven Rahmen ihre psychosoziale Handlungsfähigkeit wieder herstellen bzw. erlangen können. Durch diesen Ansatz wird der Auftrag der Flüchtlingssozialarbeit erweitert und es findet eine Annäherung zu anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit statt, sodass die besondere Funktionsweise letztlich relativiert wird. Nur so können die eingangs genannten Spannungsverhältnisse m.E. nachhaltig bearbeitet werden. Das nötige Erklärungswissen, auf welches das Handlungskonzept aufbaut, liefert in dieser Arbeit die ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’ von BÖHNISCH (2008). Ihr Vorteil ist, dass sie sich auf die gesellschaftliche Struktur der (post)modernen Industriegesellschaft, wie in Deutschland derzeit vorherrscht, bezieht. Betrachtet wird sowohl der Mensch als Subjekt als auch die sich wandelnden gesellschaftlichen Prozessen, denen er ausgeliefert ist. Im Interventionsmodus der Sozialen Arbeit spiegelt sich dies wieder, indem die ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’ sowohl nach der Bewältigungsfrage der Individuen als auch nach dem gesellschaftlichen Auftrag, sozial desintegrierten Menschen Integrationshilfen zu leisten, fragt. Der Zugang, mit dem BÖHNISCH auf lebensaltertypische Bewältigungskonstellationen verweist, soll hier auf strukturtypische Bewältigungskonstellationen von Flüchtlingen übertragen werden. Sie sind als Krisenphänomene im Kontext der Flucht und als hervorzuhebende Bruchstellen in der Biografie der Flüchtlinge zu verstehen.
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Der erste Teil der vorliegenden Arbeit (Kapitel 2) besteht also in der detaillierten Darstellung des Verständnisses von biografischer Lebensbewältigung und Sozialer Arbeit, die aus der ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’ hervorgehen. Im anschließenden Kapitel (3) werden die spezifischen Bewältigungskonstellationen von Flüchtlingen, mit denen sie als Klienten in die Soziale Beratung von Flüchtlingen 2 kommen, anhand der theoretischen Überlegungen zu biografischer Lebensbewältigung herausgearbeitet. In Kapitel 4 wird schließlich das Handlungskonzept entwickelt. Es beinhaltet Interventionen für die Bewältigung der zuvor dargelegten Probleme von Flüchtlingen im Rahmen der Sozialen Beratung von Flüchtlingen. Abschließend wird ein Fazit gezogen sowie ein Ausblick für die weitere Entwicklung der Sozialen Beratung von Flüchtlingen gegeben (Kapitel 5).
2 Die Soziale Beratung von Flüchtlingen ist eine bestimmte Institution in der Flüchtlingssozialarbeit in NRW. Auf die Strukturen und deren Relevanz für diese Arbeit wird in Kapitel 3.1 näher eingegangen.
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2 Zugang der ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’
In seinem Werk ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’ versteht BÖHNISCH die Soziale Arbeit als Schnittmenge von Sozialpädagogik und Sozialarbeit in Form von Hilfen zur Lebensbewältigung (2008, S.13). Diesem Denken liegt „ein historischsoziologischer Zugang, in dem die Entwicklungen in der Sozialen Arbeit (...) epochal betrachtet und relativiert werden“ (ENGELKE/BORRMANN/SPATSCHECK 2009, S.466) zugrunde. Die gemeinsame strukturelle Rückbindung der Sozialpädagogik und Sozialarbeit ist der Fortgang der ökonomischen und sozialen Arbeitsteilung in der modernen Industriegesellschaft (vgl. BÖHNISCH 2008, S.26f). Denn deren Konsequenz ist der anhaltende gesellschaftliche Prozess der Individualisierung. Der Einzelne wird aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen freigesetzt und verliert damit traditionelle Sicherheiten. Individualisierung beinhaltet aber auch die Suche nach einer neuen Art der sozialen Einbindung (vgl. a.a.O., S.31), für die moderne Gesellschaften selbst keine Orte bieten. So können pathologische Erscheinungsformen sozialer Desintegration entstehen, die DURKHEIM Anomien nennt (vgl. a.a.O., S.28). Es kann dabei zwischen strukturellen Anomieproblemen, die nicht direkt lebensweltlich erfahrbar sind und nur indirekt auf die Lebenslage der Menschen wirken, und manifesten Anomieproblemen unterschieden werden. Die manifesten Anomieprobleme beeinflussen, im Gegensatz zu den strukturellen, die aktuelle soziale Orientierung, das Verhalten und das Handeln der Menschen unmittelbar und sind somit direkt lebensweltlich erfahrbar (vgl. a.a.O., S.67). Und da „die Problematik sozialer Desintegration dem arbeitsteiligen Industriekapitalismus strukturell immanent ist und sich in ihren Folgen am Einzelnen auswirkt, enthalten die psychosozialen Folgeprobleme selbst einen pädagogischen Aufforderungscharakter“ (a.a.O., S.27). Die Jugendprobleme, um die sich die Sozialpädagogik kümmert(e) und die Lebensrisiken, welche die Sozialarbeit bearbeitet(e), waren und sind dabei aber „keine pädagogischen und für-sorgerischen Sonderprobleme, sondern lebensalter- und sozialstrukturtypische Bewältigungskonstellationen in der industriellen Risikogesellschaft“ (a.a.O., S.28). Hilfen zur Lebensbewältigung als Verbindungskonstrukt der Sozialpädagogik und Sozialarbeit sind somit als gesellschaftliche Reaktionen auf die Bewältigungstatsache zu verstehen (vgl. a.a.O., S.27).
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Mittlerweile hat es die Soziale Arbeit mit einer noch ausgeprägteren Individualisierung als zu Beginn der modernen Arbeitsteilung zu tun. Dies hat dazu geführt, dass heute das Projekt der Biografie stärker im privaten und öffentlichen Interesse steht, als das der Gesellschaft. Soziale Konflikte haben sich ins Private verschoben und Problembelastungen werden als Zeichen des Nicht-Mithalten-Könnens abgewertet. Auch der Zugang zum Menschen und seinen nun verdeckten Bewältigungsproblemen hat sich damit verändert. Und zwar dahingehend, als dass das Biografische der Schlüssel geworden ist (vgl. BÖHNISCH 2008, S.11). Neben der Individualisierung ist also auch die Biografisierung ein gesellschaftlicher Prozess, welcher die Zugänge der Sozialpädagogik und Sozialarbeit miteinander verschränkt (vgl. a.a.O., S.25)
BÖHNISCH nennt seine Theorie ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’, da er den Ansatz der biografischen Lebensbewältigung ausschließlich anhand der lebensaltertypischen Bewältigungskonstellationen weiter verfolgt und konkretisiert. Lebensaltertypische Bewältigungskonstellationen sind „als gesellschaftlich vorstrukturierte Lebensphasen zu betrachten, die biographisch gestaltet werden können, aber auch bewältigt werden müssen“ (a.a.O., S.81). Die verschiedenen Lebensphasen sind Kindheit, Jugend, Erwachsenen- und Erwerbsalter sowie Alter. Jedes Lebensalter weist dabei spezifische biografische Einschnitte bzw. Bewältigungsaufgaben auf: In der Kindheit ist dies z.B. der Grundschuleintritt (vgl. a.a.O., S.126), während Jugendliche in die zentralen gesellschaftlichen Mitgliedsrollen einrücken (vgl. a.a.O., S.145). Im Erwachsenenalter können Bewältigungsprobleme z.B. in Partnerschaft, Familie oder Erwerbsleben auftreten (vgl. a.a.O., S.227ff) und im Alter verändert sich schließlich „das psychosoziale Magnetfeld von Befindlichkeit, Rückhalt und Orientierung entsprechend dem strukturellen Zwang, den die Entberuflichung und die Entstrukturierung sozialer Beziehungen ausüben“ (a.a.O., S.265).
Dieser Ansatz wird in der vorliegenden Arbeit nicht weiter verfolgt. Vielmehr sollen die theoretischen Überlegungen bezüglich der biografischen Lebensbewältigung aufgegriffen und auf die sozialstrukturellen Bewältigungskonstellationen 3 von Flüchtlingen (Kapitel 3) übertragen werden. Daher wird das Verständnis von
3 Sozialstrukturelle Bewältigungskonstellationen werden von BÖHNISCH nicht explizit definiert. Analog zu den lebensaltertypischen können sie jedoch als biografische Brüche des Einzelnen verstanden werden, die in die Gesellschaftsstruktur eingebunden sind. Handeln es sich dabei um kritische Lebenslagen, bilden sie in ihrer Summe ein soziales Problem.
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biografischer Lebensbewältigung im Folgenden eingehender betrachtet. Anschließend werden auch ausgewählte Arbeits- und Interventionsprinzipien einer bewäl-tigungsorientierten Sozialen Arbeit aufgezeigt, die dann im zu entwickelnde Handlungskonzept wieder aufgegriffen werden.
2.1 Das Verständnis von biografischer Lebensbewältigung
Ausgangspunkt für die biografische Lebensbewältigung ist das Theorem der Individualisierung, auf das oben bereits hingewiesen wurde. Das Individualisierungs-theorem ist eine soziologische Strukturkategorie und kein individualpsychologisches Konstrukt, sodass es für die Soziale Arbeit von erheblicher Relevanz ist. Unterschieden wird zwischen dem, was mit dem Menschen geschieht und wie sie damit umgehen. Letzteres wird im Sinne des Strebens nach psychosozialer Handlungsfähigkeit als biografische Lebensbewältigung verstanden (vgl. BÖHNISCH 2008, S.31).
„Lebensbewältigung meint (...) das Streben nach subjektiver Handlungsfähigkeit in Lebenssituationen, in denen das psychosoziale Gleichgewicht - im Zusammenspiel von Selbstwert, sozialer Anerkennung und Selbstwirksamkeit - gefährdet ist. Lebenskonstellationen werden von den Subjekten dann als kritisch erlebt, wenn die bislang verfügbaren personalen und sozialen Ressourcen für die Bewältigung nicht mehr ausreichen.“ (a.a.O., S.34)
Da das Individualisierungstheorem auch darauf hindeutet, dass Menschen nach einer neuen Art der sozialen Einbindung suchen, besteht die Aufgabe der Sozialen Arbeit aus gesellschaftlicher Sicht darin, sozial desintegrierten Menschen Integrationshilfen zu leisten. Aus Sicht der betroffenen Individuen steht hingegen die Bewältigungsfrage, der akute Verlust der Handlungsfähigkeit, im Vordergrund. Die Herausforderung besteht darin, dass der Versuch, die Handlungsfähigkeit wiederherzustellen, nicht zwangsläufig mit der Lösung der Integrationsproblematik einhergeht, vielmehr greift der Mensch oft zu Mitteln, die sozial desintegrativ wirken können. Es ist aber auch zu beachten, dass das Bewältigungshandeln nicht nur auf die „Handlungsfähigkeit in der Situation“ ausgerichtet ist, sondern dass auch auf die eigenen Bewältigungserfahrungen im bisherigen Lebenslauf zurückgegriffen wird. Das Bewältigungshandeln ist also biografisch strukturiert (vgl. a.a.O., S.35f). Ist die biografische Erfahrung vor allem durch soziale Desintegrati-
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on geprägt, kann diese selbst Anstoß für die neuen sozialintegrativen Orientierungen sein, indem sie ein Gefühl von Zusammengehörigkeit hervorbringen und entsprechende Milieus entstehen 4 .
Bezugspunkt für die Soziale Arbeit ist also die Biografie der KlientInnen. Sie wird als Konstrukt verstanden und weist auf „das biografisch handelnde und immer wieder dem sich wandelnden gesellschaftlichen Prozess ausgesetzte Subjekt im Lebenslauf hin“ (BÖHNISCH 2008, S.38). Der Lebenslauf an sich ist entstrukturiert, was bedeutet, dass die individuelle Biografie der „Normbiografie“ entsprechen, aber auch von ihr abweichen kann. Der Lebenslauf ist gleichermaßen vorgezeichnet wie gestaltbar. In jedem Fall ist an die Stelle der traditionalisierten Rollenübernahme als Steuerungsmedium aber die Selbstthematisierung getreten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die soziale Herkunft und ihr Rücklauf im Verlauf des Lebens keine Rolle mehr spielt (vgl. a.a.O., S.38f). In der Praxis der Sozialen Arbeit gilt es hier zu erkennen, „inwieweit und unter welchen Umständen sich der Einzelne dennoch von seiner benachteiligten sozialen Herkunft lösen, seine Benachteiligung biografisch überwinden kann“ (a.a.O., S.39f). Besonders in offenen Übergängen des Lebenslaufs ist dieser selbst in der biografischen Erfahrung auch subjektgebunden. Impliziert ist jedoch eine eigenverantwortliche Steuerung, welche die Biografie zu einer selbständigen Integrationsinstanz werden lässt (vgl. a.a.O., S.40).
In kritischen Lebenskonstellationen ist, wie wir gesehen haben, die biografische Handlungsfähigkeit und mit ihr die soziale Integration, bedroht. BÖHNISCH gliedert diese Bedrohung in vier Grundsegmente:
• die Erfahrung des Selbstwertverlusts und die Wiedergewinnung des Selbstwerts,
• die Erfahrung des fehlenden sozialen Rückhalts und die Suche nach Halt, Unterstützung und Anerkennung,
• die Erfahrung der sozialen Orientierungslosigkeit und die entsprechende Suche nach unbedingter Orientierung bzw. der Abfall in Rückzug und Apathie und
• die Sehnsucht nach Normalisierung (vgl. a.a.O., S.49f).
4 Diese Milieus haben meistens eine sozial regressive Ausrichtung, sodass sie wiederum mit der Erfahrung der sozialen Desintegration biografisch zusammenpassen (vgl. BÖHNISCH 2008, S.36).
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Anders als die hiesige Darstellung der Dimensionen suggeriert, sind sie in der sozialen Wirklichkeit eng miteinander verwoben und können nur in der fachlichen Analyse abgegrenzt voneinander betrachtet werden (vgl. BÖHNISCH 2008, S.50). In der Sozialen Arbeit gilt es, sie sozialwissenschaftlich aufzuklären und in deren Bezug Handlungskonzepte zu entwickeln. Daher sind sie auch für die weiteren Kapitel dieser Arbeit von großer Relevanz.
Die einzelnen Dimensionen werden im Folgenden näher ausgeführt. Wichtig ist, dass sie bei jedem Bewältigungshandeln von den Menschen bewusst oder unbewusst aktiviert werden (vgl. a.a.O., S.49).
2.1.1 Selbstwert
Diese Dimension basiert auf der Grundüberlegung, dass die Menschen kritische Lebensereignisse nicht mehr selbstverständlich als Schicksal hinnehmen, sondern als individuelles Betroffen-Sein empfinden. Losgelöst von der sozialen Umwelt verweist es auf das Selbstsein und ist mit den Gefühlen der Hilflosigkeit, des Ausgesetztseins und des auf sich Zurückgeworfenseins verbunden. Im Fokus des Erlebens stehen also die emotionalen Zustände. Der Zugang zu diesem Betroffensein kann durch das Konzept der Identität erfolgen (vgl. BÖHNISCH 2008, S.51f). Es beinhaltet eine Gegenseitigkeit und meint „dass ich mir ein Bild von mir über andere mache, allerdings in der mir eigenen Personalität und Individualität der Interpretation“ (a.a.O., S.52). Dadurch entwickelt sich eine gegenseitige Wertschätzung und soziale Anerkennung. Diese muss sich aber auch vom Konkreten lösen und auf der Anerkennung menschlicher Integrität, also auf den Menschenrechten, gründen, um einen Maßstab für die sozialintegrative Dimension zu erreichen. Ergänzend zieht BÖHNISCH die Erklärung des Triebhaften zur Erschließung dieser Dimension hinzu, da das Identitätskonzept eine soziale Integration impliziert, welcher die meisten Klienten kaum genügen können, und somit nicht hinreichend ist. Die Triebstruktur ist hier immer in der Spannung und Konfrontation mit sozialen Kontexten zu betrachten und die Triebbezüge dürfen nicht negativ besetzt und bewertet werden. Denn Auflehnung und Ohnmacht liegen in desintegrativem Verhalten nah beieinander und auch wenn das Triebverhalten in sozialer Spannung steht, „stecken in ihm auch Widerständigkeit, Eigensinn und Protest gegen Verdrängung und Entmündigung des Menschen durch die gesellschaftli-
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chen Entwicklungslogiken und ihren Zwangscharakter“ (BÖHNISCH 2008, S.54). Auf der einen Seite wird Soziales also durch Triebabwehr gebildet, auf der anderen Seite wird es durch Triebausbruch herausgefordert. Entwickelt wird die Spannung zwischen Triebverhalten und Sozialentwicklung im frühen Kindesalter vor allem durch das Verhältnis zur primären Bezugsperson, erstreckt sich aber auch fortlaufend in der Sozialisation und über den gesamten Lebenslauf hinweg. In dem Modell der personalen Autonomie wird diese als Vermögen verstanden, positiv mit den Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur umzugehen. Sie beinhaltet ferner ein Selbst mit dem Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu haben. Da menschliche Hilflosigkeit für die Gesellschaft nicht förderlich ist, werden dem Menschen die Grunderfahrungen dessen sozial verwehrt (vgl. a.a.O., S.55ff).
Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus zweierlei: Das Triebverhalten bzw. die Auflehnung dessen muss in der sozialpolitische Deutung von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen einbezogen werden (vgl. a.a.O., S.54). Darüber hinaus müssen sie fragen, inwieweit Soziale Arbeit helfen kann, „in ihren Interventionsbereichen soziale Strukturen zu schaffen, in denen Hilflosigkeit sozial anerkannt ist“ (a.a.O., S.59).
Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden, dass BÖHNISCH in der Dimension des Betroffenseins signifikant geschlechtstypische Tendenzen erkennt (vgl. a.a.O., S.59). Dieser Aspekt spielt für die vorliegende Arbeit aber nur eine untergeordnete Rolle, sodass er hier keine weitere Beachtung findet.
2.1.2 Rückhalt
Die moderne Sozialisation bringt eine Zwiespältigkeit mit sich: Auf der einen Seite muss der Mensch flexibel sein, um den Anforderungen der Arbeits- und Konsumgesellschaft zu entsprechen, auf der anderen Seite kann ihm das nur gelingen, wenn er psychosozialen Rückhalt hat. Ohne das eine ist das andere nicht möglich. Der moderne Individualisierungsprozess verstärkt also das Angewiesensein auf psychosozialen Rückhalt. Da er somit unausweichlich ist, kann die Suche nach sozialem Anschluss um jeden Preis erfolgen (vgl. BÖHNISCH 2008, S.62). Strukturiert werden kann diese Dimension mit dem Milieukonzept. Milieu meint in diesem Zusammenhang ein sozialwissenschaftliches Konstrukt und um-
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fasst die Gegenseitigkeits- und Bindungsstrukturen als Rückhalte für soziale Orientierung und soziales Handeln. Entsprechende Charakteristika sind intersubjektive, biografische und räumliche Erfahrungen (vgl. ebd.), Milieubeziehungen „steuern also die Lebensbewältigung, strukturieren das Bewältigungsverhalten bei psychosozialen Belastungen und in kritischen Lebensereignissen“ (a.a.O., S.63). Durch Milieus zeichnen sich aber auch die Deutungsmuster von Normalität und Abweichung ab, sodass alltägliche Stereotypen durch sie gesteuert werden. Im Pädagogischen hingegen darf der Milieuzusammenhalt die Integrität der Derjenigen, die sich nicht in dem Milieu befinden, nicht angreifen. Für Gruppen, die in ihrer Lebensbewältigung auf den sozialen Nahraum angewiesen sind, müssen die Angebote der Sozialen Arbeit also lebensweltlich gestaltet sein, um das Finden von Vertrauen zu sich selbst und zu anderen zu ermöglichen (vgl. a.a.O., S.63f). Darüber hinaus ist im Zusammenspiel von subjektiven und gesellschaftlichen Bezügen das Konzept der Sicherheit aufschlussreich. Die soziale Sicherheit wird in der Moderne über den Sozialstaat vermittelt und soll ein kulturelles Klima der Verlässlichkeit und Normalität schaffen. In Zeiten, in denen die Wirtschaft vom Sozialstaat eine Rücknahme sozialer Sicherheitsgarantien verlangt, ist das Vertrauen in die Normalität gefährdet. Die sozialstaatliche vermittelte soziale Sicherheit bekommt also eine lebensweltliche Funktion, die aktiviert und gestaltet werden muss (vgl. a.a.O., S.64f).
2.1.3 Orientierung
Wie wir mehrfach gesehen haben, besteht eine enge Verbindung zwischen personaler Befindlichkeit und gesellschaftlichen Zuständen. Vor dem Hintergrund, dass der Mensch also nur als ein soziales Wesen existieren kann, wird diese Verbindung noch deutlicher. Wie der Mensch mit sich selbst zurecht kommt, ist auch von der Sozialstruktur der Gesellschaft abhängig: Ist sie ausbalanciert, verspricht sie ihren Mitgliedern soziale Teilhabe und biografische Realisierung und lässt sie erreichbar werden. Wenn dies jedoch nicht der Fall ist, kann die subjektiv erlebte soziale Regellosigkeit eintreten. Diese Anomie ist das zentrale Krisen- und Be-standsproblem moderner Industriegesellschaften. Wenn lebensweltliche und systemische Prozesse auseinanderdriften, kann der Mensch neben der psychosozialen Verunsicherung auch radikal von der gesellschaftlichen Entwicklung abgeschnit-
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ten werden und somit sozial entwertet werden (vgl. BÖHNISCH 2008, S.66f). Denn die Menschen „entwickeln im Alltag sozialintegrativen Gestaltungssinn, aber die sozialen Systeme nehmen das lebensweltliche Kapital nicht auf“ (a.a.O., S.67). Besonders treten die lebensweltlichen Anomieprobleme auf, wenn die individuelle Existenz und biografische Integrität der Menschen durch gesellschaftliche Umbrüche berührt wird. Zentrale Anomieprobleme unserer Gesellschaft sind z.B. die neue Armut und die anomische (Jugend-)Gewalt (vgl. a.a.O., S.67f). Hinsichtlich der Frage, warum in sozialen Strukturen gleichzeitig abweichendes und konformes Verhalten nebeneinander bestehen kann, bestehen zwei verschiedene Erklärungsansätze. Zum einen sind die Mittel zur Erreichung von gesellschaftlichen Zielen ungleich verteilt, sodass die Ziele und die Mittel zu ihrer Erreichung auseinanderklaffen. Zum anderen kommt es vor, dass Menschen, auch wenn die Mittel gleich verteilt sind, anomische Konstellationen von ihren biografischen Ressourcen her unterschiedlich bewältigen (vgl. a.a.O., S.69).
2.1.4 Normalisierung
Das aus herrschender gesellschaftlicher Sicht abweichende Verhalten weist drei Dimensionen auf, die für das subjektive Handeln in seinem Gesellschaftsbezug relevant sind. Die erste Dimension ist der individuelle Versuch in anomischen Strukturen handlungsfähig zu bleiben. Die Zweite umfasst ferner, dass dieser Versuch sozialintegrativ ist während in der dritten Dimension angelegt ist, dass Probleme erst dann entstehen, wenn die sozialintegrative Absicht und die sozialintegrativen Normen der Gesellschaft auseinanderklaffen. Die soziale Handlungsfähigkeit ist schließlich von der gelungen Reduktion von Anomie und sozialer Orientierungslosigkeit geprägt (vgl. BÖHNISCH 2008, S.69f). Das Normalisierungshandeln weist eine typische Zeit/Raumstruktur auf. Da sich die subjektive Handlungsfähigkeit primär an ihrer situativen Wiederherstellung und erst sekundär an der sozialen Norm orientiert, ist das Normalisierungs-handeln meistens gegenwartsbezogen. Der räumliche Bezug entsteht dadurch, dass die Aktionen im Raum erfolgen, dass ein Raum also für sich besetzt wird. Aber auch das Rückzugsverhalten in Krisensituationen folgt der sozialräumlichen Logik. Insgesamt drängt das auf Handlungsfähigkeit gerichtete Bewältigungsver-
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Barbara Kremkau, 2010, Soziale Beratung von Flüchtlingen aus Perspektive der ‘Sozialpädagogik der Lebensalter’, München, GRIN Verlag GmbH
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