Inhaltsverzeichnis
1 Grundlegendes 3
1.1 Arbeitsdenition Neuro-Enhancement 4
1.2 Ausgangspunkt 5
1.3 Einteilung der Debatte 6
2 Drei Themenschwerpunkte 9
2.1 Die Treatment-Enhancement-Unterscheidung 9
2.1.1 Abgrenzung zur Behandlung 10
2.1.2 Alternative (kriterienorientierte) Ansätze 12
2.2 Der qualitative Status von Neuro-Enhancement 14
2.3 Die Reichweite von Neuro-Enhancement 15
2.3.1 Kosten-Nutzen-Überlegungen 16
2.3.2 Grenzen von Neuro-Enhancement 17
3 Zusammenfassung und Ausblick 18
2
1 Grundlegendes
Einleitung
Spätestens seit der Veröentlichung des Memorandums Das optimierte Gehirn (Galert, 2009) im Januar 2009 ist die ethische Debatte über die Leistungssteigerung des menschlichen Gehirns (ab hier: Neuro-Enhancement, NE) auch in Deutschland angekommen. Hintergrund ist zum einen
der rasante Fortschritt in den Lebenswissenschaften (wie Medizin, Neurowissenschaften, Psychopharmakologie), der eine gezielte Manipulation des menschlichen Gehirns immer weiter in den Bereich des Möglichen zu rücken scheint, und zum anderen die zunehmende Nutzung von verschreibungspichtigen Medikamenten durch geistig gesunde Personen, die so ihre geistige Leistungsfähigkeit erhöhen wollen (wie man u.a. dem Gesundheitsreport 2009 der DAK entnehmen kann). Diesen Entwicklungen begegnet die Öentlichkeit mit teils groÿer Skepsis - insbesondere dann, wenn für einen oenen oder vorurteilsfreien Umgang mit NE geworben wird (vgl.: Schöne-Seifert, 2009; Breuer, 2010). Zugleich scheint aber auch ein bedeutender Teil der Bevölkerung, insbesondere aus akademischen und wirtschaftlichen Hintergründen, an der Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit interessiert und zumindest prinzipiell zu deren Nutzung bereit zu sein (DAK, 2009; Lieb, 2010). Zwar scheint die illegale Nutzung von Medikamenten, die eigentlich zur Behandlung geistiger Dezite entwickelt wurden, im deutschsprachigen Raum nicht annähernd so weit verbreitet zu sein, wie es Studien über den Medikamentenmissbrauch in den Vereinigten Staaten nahe legen (vgl.: (Sahakian, 2007; Maher, 2008; Lieb, 2010)). Doch angesichts der weitreichenden Folgen, die Technologien zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit 1 , werden schon
möglicherweise für die Gesellschaft und damit für jedes Individuum haben können jetzt Anstrengungen unternommen, um den damit verbundenen ethischen Herausforderungen zu 2 . Die Herangehensweisen und die hervorgebrachten Argumente in der Debatte sind begegnen
vielfältig und beziehen sich auf verschiedenste Aspekte des Phänomens Neuro-Enhancement. Die vorliegende Arbeit versteht sich als Entwurf einer Strukturierung dieser Debatte. Dabei soll folgendes geleistet werden: Im ersten Teil wird nach der Festlegung einer Arbeitsdenition für NE sowie einer kurzen Beschreibung des Ausgangspunktes, vor dem die Debatte in technologischer und gesellschaftlicher Hinsicht stattndet, der Entwurf einer Einteilung der Debatte nach thematischen Schwerpunkten, welche in der auf deutsch vorliegenden Literatur
1 Dazu Peter D. Kramer: Mit der Zeit, meine ich, werden wir auch entdecken, daÿ die moderne Psychopharmokologie wie damals Freud [...] eine ganz neue Lebenseinstellung einleitet [...]. (Kramer, 2009, S. 212) 2 Obwohl dies vor dem Hintergrund einer sehr dürftigen empirischen Datenlage hinsichtlich Nutzungsgewohnheiten und Einstellungen innerhalb der Bevölkerung geschieht und damit teilweise spekulativ ist, wird immer wieder darauf verwiesen, dass eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig ist, um nicht erst reagieren zu können wenn das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, wie es etwa im Falle der Nuklear- oder Gentechnik teils geschah (vgl.: Breuer, 2010).
3
zu nden sind, vorgenommen. Anschlieÿend werden im zweiten Teil drei dieser Themenschwerpunkte, nämlich die Treatment-Enhancement-Unterscheidung (ab hier: TE-Unterscheidung), der qualitative Status von Neuro-Enhancement sowie das Potenzial von Neuro-Enhancement, übersichtsartig dargestellt und, zumindest kontingenterweise, die jeweiligen Verbindungen zu den 3 . Die Ergebnisse dieser Darstellungen werden dann anderen Themenschwerpunkten aufgezeigt
im dritten Abschnitt kurz zusammengefasst, um abschlieÿend einen Ausblick auf Aspekte, die zukünftig noch zu erörtern sind, zu geben.
Die Hintergrundannahme dieser Arbeit ist, dass für ein umfassendes ethisches Verständnis (und letzlich auch eine Bewertung) von Neuo-Enhancement-Maÿnahmen eine holistische und strukturierte Betrachtung der verschiedenen Aspekte der Thematik vonnöten ist. Ferner wird davon ausgegangen, dass sich bei einigen der thematischen Schwerpunkte (i-iv, s.u.) primär um fundierende Fragestellungen handelt, die sich auf begriicher und/oder individueller Ebene bewegen, während sich die übrigen (v-vii) auf mögliche gesellschaftliche Auswirkungen von NE konzentrieren. Hier werden also zunächst drei der fundierenden Schwerpunkte näher beleuchtet - in der Honung, dass eine initiale Diskussion dieser Aspekte die Klärung gesellschaftlicher 4 oder ad absurdum führt 5 . Themen entweder fundiert
Da sich die vorliegende Arbeit als Entwurf versteht, erhebt sie nicht den Anspruch, die gesamte, 6 in ihrer vollständigen Tiefe wiederzugeben, in deutscher Sprache vorliegende ethische Debatte
geschweige denn, die aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Vielmehr soll sie eine ausbaufähige Übersicht bieten, um die ethische Debatte langfristig zu erfassen und eine themenorientierte Aus-einandersetzung mit den hervorgebrachten Argumenten zu ermöglichen - und so die Entstehung einer breiten öentlichen Debatte, die an vielen Stellen gefordert wird (vgl. u.a.: Schöne-Seifert, 2009), zu unterstützen.
1.1 Arbeitsdenition Neuro-Enhancement
Es existieren verschiedene Auassungen davon, was unter den Begri des NE fällt und was nicht. Gleichzeitig gibt es konkurrierende Begrie, die sich in etwa auf die gleichen Maÿnahmen beziehen (zum Beispiel Hirndoping, Cognitive Enhancement oder Nootropika). Der vorliegenden Arbeit liegt folgendes Verständnis von NE zugrunde:
3 Dabei werden die Arbeiten einiger Autoren stellvertretend für die in der Debatte aundbaren Argumentationen stehen.
4 Zum Beispiel sollte wohl erst geklärt werden, welches Konzept von Gesundheit man zugrunde legt (i) und ob NE eine qualitativ neue oder andere Art der Leistungssteigerung ist (ii), bevor man Fragen der Verteilungsgerechtigkeit diskutiert (vii).
5 Wenn eine Handlung schon auf einer prinzipiellen Ebene als nicht wünschenswert angesehen wird, erübrigt sich eine Diskussion möglicher gesellschaftlicher Auswirkungen.
6 Wenngleich diese vor allem von englischsprachigen Autoren geführt wird (Schöne-Seifert, 2009).
4
Neuro-Enhancement bezeichnet die Einnahme von pharmakologisch hergestellten Substanzen mit der Intention, durch Einussnahme auf den Metabolismus des Gehirns (also auf den Stowechsel bzw. die Neurotransmitteraktivität) die kognitive Leistung zu steigern, ohne dass diese durch einen pathologischen Zustand beeinträch- 7 . tigt ist
Durch diese Denition wird das diskutierte Feld insofern eingeschränkt, als dass hier andere Methoden zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit unberücksichtigt bleiben. Dazu zählen etwa genetische Eingrie, neuronale Implantate, aber auch die Beeinussung der Hirnaktivität durch transkranielle Magnetstimulation (TMS). Zudem werden Substanzen auÿer Acht gelas- 8 auswirken
sen, die sich primär auf die Emotionen oder sogar auf die moralischen Fähigkeiten (wie Prozac® oder Fluctin®) - auch wenn hier eigentliche keine saubere Unterscheidung ge- 9 .Substanzen, die eine euphorisierende oder berauschende Wirkungen haben macht werden kann
(z.B. Drogen wie LSD, Kokain oder manche Amphetamine), werden ebenfalls ausgeschlossen. Auÿerdem werden keine Fälle berücksichtigt, in denen die Einnahme von Neuro-Enhancement-Präparaten (NEPs) durch dritte direkt angeordnet oder erzwungen wird (etwa durch Eltern oder Befehlshaber beim Militär). Diese Fälle bergen jeweils zusätzliche ethische Problematiken, die 10 . Darüber hinaus werden durch diese Denition aber den Umfang dieser Arbeit sprengen würden
Substanzen auÿer Acht gelassen, die primär als Nahrungsmittel dienen oder ins Anwendungsgebiet der Homöopathie bzw. Naturheilkunde fallen (etwa die Extrakte des Baumes Ginko Balboa). Die hier gegebene Denition von NE dient der vorläugen Eingrenzung des zu behandelnden Feldes. Eine Explikation des Begris Neuro-Enhancement, an dem sich legislative und juristische Entscheidungen orientieren können, ist ein mögliches Ergebnis der Debatte.
1.2 Ausgangspunkt
Die wichtigste Feststellung, die zunächst gemacht werden muss, ist, dass es zur Zeit noch keine Mittel gibt, die tatsächlich pharmakologisch produziert und als Neuro-Enhancer erhältlich sind. Wie eingangs erwähnt, sind es zur Zeit vor allem als Medikamente zugelassene Substanzen, die mit dem Ziel, eine kognitive Leistungssteigerung zu erreichen, eingenommen werden. Die vorhandenen Mittel bzw. Medikamente haben eine solche Wirkung bei Patienten mit Krankheiten wie etwa dem Aufmerksamkeits/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Alzheimer-Demenz, der
7 Unter kognitiver Leistungssteigerung ist hier eine Steigerung von exekutiven Funktionen des Gehirns wie etwa Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration, oder - bei Schlafentzug - Wachheit zu verstehen (in Anlehnung an: Lieb, 2010, S. 31).
8 Vgl.: Nagel, 2009, : Absatz "Korrektur moralischer Dezite", S. 28f 9 Vergleiche hierzu die von Peter J. Whinehouse gegebene Denition von NE: Whitehouse, 2009. 10 Eine Übersicht über verschiedene Kontexte von NE bietet Nagel 2009, S. 30f
5
Parkinson-Krankheit oder Narkolepsie (vgl.: Lieb, 2010). Ihre Wirkung auf gesunde Menschen ist wenig erforscht und noch weniger belegt (ebd.) - sowohl im Hinblick auf eine tatsächliche Leistungssteigerung als auch auf potenzielle (Langzeit-) Nebenwirkungen. Die entsprechenden Substanzen fallen in Deutschland unter das Arzneimittel (AMG)- oder Betäubungsmittelgesetz 11 . Präparate, die tatsächlich Auswirkungen auf allgemeinere Eigenschaften wie etwa (BtMG)
Intelligenz (was auch immer man darunter verstehen mag) haben, existieren faktisch nicht (Lieb, 2010, S. 33). In den hier dargestellten Diskussionen wird allerdings - so weit nicht anders speziziert - von Substanzen ausgegangen, die derartige Wirkungen in einer so ausgeprägten Form haben (mit entsprechend geringen Nebenwirkungen), dass es für ein Individuum attraktiv erscheinen kann, diese zur kognitiven Leistungssteigerung einzunehmen (vergleiche hierzu auch: Kosten-Nutzen-Überlegungen, Abschnitt 2.3.1).
1.3 Einteilung der Debatte
Sicherlich lassen sich die hier aufgeführten Schwerpunkte der Debatte nicht lupenrein voneinander trennen, da sie miteinander verwoben sind und Ergebnisse und Entscheidungen in Bezug auf einen der Aspekte direkte Auswirkungen auf die Argumentation in den anderen Themenschwerpunkten 12 . Als Arbeitsgrundlage für eine tiefergehende Analyse der in der Literatur diskutierten haben
Aspekte der Debatte scheint die hier vorgenomme Einteilung jedoch geeignet zu sein.
i Treatment- Enhancement-Unterscheidung: Da es sich bei den meisten zum Neuro-Enhancement verwendeten Mitteln um Präparate handelt, die eigentlich zu therapeutischen Zwecken entwickelt wurden und auch nur dafür gesetzlich zugelassen bzw. verschreibungspichtig 13 , stellt sich die Frage nach der Trennung von Therapie und Enhancement. Direkt sind
verbunden hiermit ist oensichtlich die Rolle bzw. das Selbstverständnis der Ärzteschaft, in
deren Kompetenzen es liegt, Krankheiten zu bestimmen und entsprechende Medikamente 14 . In der Literatur sind verschiedene Ansätze einer Unterscheidung von Thezu verordnen
rapie und Enhancement zu nden, die sich auf Konzepte von Leiden (bzw. Krankheit) oder auf das normale Funktionieren des menschlichen Systems und einem damit verbundenen Modell eines normalen Chancenspektrums (Sabins, 1994) stützen. Andere Positionen bestreiten die Relevanz einer TE-Unterscheidung für die Debatte und bieten alternative, minimalethische Ansätze aus der Bioethik zur Evaluation von NE an (Synofzik, 2009).
11 Eine Übersicht über infrage kommende Medikamente ndet sich u.a. in dem Buch Hirndoping von K. Lieb (Lieb, 2010, S. 23).
12 Aspekt und Themenschwerpunkt werden synonym verwendet.
13 Eine Übersicht über einige dieser Substanzen wird in Klaus Liebs Buch Hirndoping geboten: Lieb, 2010, S. 23 14 In Bezug auf NEPs wird deshalb auch von der Gatekeeper-Funktion der Ärzte gesprochen, da nur sie die Substanzen verschreiben können (vgl.: Lieb, 2010).
6
Arbeit zitieren:
Jan Dirk Capelle, 2010, Neuro-Enhancement, München, GRIN Verlag GmbH
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