Vor allem in den ersten Unterkapiteln werden nötige Grundbegriffe wie „Educand“ und „Pädagogik“, die im Späteren immer wieder auftauchen, und die Problematik der Subjektivität bei der Schaffung von Gesetzmäßigkeiten für wissenschaftliche Wenn-Dann-Aussagen dargestellt. In diesem Kontext geht Brezinka auch nochmals knapp auf den Unterschied zwischen praktischer Pädagogik und der Erziehungswissenschaft ein, wobei er bei der Sprache der praktischen Pädagogik sehr gut aufzeigt, wie wichtig die von einem Erziehenden gewählten Worte sind, sei es die Imperativanwendung bei Schlagworten oder um entweder einen emotiven, informativen oder imperativen Willen auszudrücken. Der vierte Unterpunkt leitet auf die anschließenden Begriffsexplikationen über, indem er vor allem auf das Hauptproblem der im Buch behandelten Begriffe eingeht: die Mehrdeutigkeit und Vagheit gegenständlich gemacht am Beispiel der „Bildung“. Von der dargestellten Problematik ausgehend, legt er durch die Funktion von Begriffen und das Verfahren ihrer Bildung die Dringlichkeit einer genauen Definition dar und schließt mit seiner genauen Zielvorstellung, nämlich wann eine Explikation gelungen ist, die Einleitung ab.
Die ungeheure Vagheit und Mehrdeutigkeit des als erstes behandelten Begriffs „Erziehung“ wird gleich zu Beginn des Kapitels durch Zitate von Kant, Rousseau und Niemeyer dargestellt. Das Problem einen weiten Begriff zu schaffen, also mit viel Umfang und wenig Inhalt, der dennoch eine gewünschte Bedeutungsgenauigkeit besitzt, erläutert Brezinka auf den nachfolgenden gut zehn Seiten. Doch auch mit einer zufriedenstellenden Definition und einer daraus folgenden Wenn-Dann-Aussage kann man keine Mittel-Wirkungs-Garantie geben, denn „Erziehen kann erfolglos bleiben, und Erziehungsziele […] können völlig unabhängig von erzieherischen Handlungen erreicht werden“. (S. 50) In der folgenden Bedeutungsanalyse beleuchtet Brezinka den Begriff aus mehreren Anwendersichten und unterschiedlichen Bedeutungsdefinitionen, sei Erziehung nun als Ergebnis oder Prozess, im allgemeinen oder spezifischeren Sinn, durch eine Absicht oder den einfachen Gang des Lebens bestimmt. Nach einer genaueren Präzisierung des Begriffs und der Darlegung, dass Erziehung in ihrer Anwendung auf Versuch und Irrtum oder Erfolg beruht, gelangt Brezinka zu einer, zwar den von ihm aufgestellten Explikationsregeln entsprechenden, jedoch noch verbesserungsbedürftigen Definition des Begriffs und gibt Gedankenanstöße in Form von Problemfragen, seine Arbeit fortzusetzen.
Die Explikation des „Erziehungsziels“ ist dem Aufbau jener der „Erziehung“ nahezu gleich. Formal spiegelt sich auch hier das Problem darin wieder, dass der Begriff zu weit gefasst ist, und „man weiß nie genau, ob [damit] der gleiche […] oder ob verschiedene Gegenstände gemeint sind“ (S. 107), so „muß man bei einer Analyse hauptsächlich auf Sätze
2
zurückgreifen, in denen bestimmte Erziehungsziele formuliert werden, als sei der Inhalt des Begriffes »Erziehungsziel« bekannt“. (S. 100) Nachdem auch hier die Bedeutung geklärt wurde, präzisiert Brezinka den Begriff mit Hilfe der Unterscheidung in Minimal- und Normbegriff, welche er auch später in seine endgültige Definition einfließen lässt. Um diese Unterscheidung zu treffen, zieht der Autor mehrere Fragestellung heran und beleuchtet am Ende der Präzisierung genauer, auf wen sich jene Ziele beziehen, Educanden oder Erziehenden. Brezinka legt außerdem dar, dass Zweck des Ziels und dessen letztendliche Auswirkung, nicht immer zusammenhängen müssen. So kann man „den Erziehern wie den Erziehungspolitikern [nur] Orientierung für ihr erzieherisches bzw. erziehungspolitisches Handeln […] geben“. (S. 149) Nach der Darstellung mehrerer Zielvorstellung der Erziehungsziele folgt seine explizierte Definition.
Die Explikation der Erziehungsbedürftigkeit findet vor allem in der Analyse der Bedeutungsmöglichkeiten statt, bei welcher der Begriff zunächst in seine Bestandteile zerlegt wird. Hier wird eine Zwischenhypothese aufgestellt, die besagt, „daß der Mensch nicht »Mensch« werden kann, ohne jenen Handlungen ausgesetzt zu werden, die unter den Begriff der Erziehung zusammengefaßt werden“. (S. 169) Durch Beweisversuche mit Hilfe der Erziehbarkeit, des Erziehungsbedürfnisses und der Lernbedürftigkeit zusammen mit einer anschließenden Widerlegung des Vorgegangen wird letztlich dargelegt, „daß die sogenannte »Menschwerdung« des Menschen auch ohne Erziehung möglich ist“. (S. 183) Demnach kann „die Erziehung […] nicht als Ursache des »Menschseins« anerkannt werden“. (S. 190) Da jene Bedeutung durch religiöse und politische Vorstellungen tief verankert zu sein scheint, ruft es jedoch den Glauben hervor, Erziehung sei schlechthin etwas Gutes, um den Menschen zu perfektionieren. Somit ist es zum Beispiel als politisches Schlagwort, um die Allgemeinbildung zu begünstigen, durchaus noch von Nutzen. Die Erziehungsbedürftigkeit „kann […] [jedoch] nicht als Grundbegriff der Erziehungswissenschaft angesehen werden“. (S. 216) „Seine Anwendbarkeit hängt also von zwei Voraussetzungen ab: von der Geltung einer Norm, die einen Soll-Zustand des Educanden betrifft […], und von der Kenntnis der Kausalbeziehungen“ (S. 217 f.) zwischen Handeln und Wirkung. Jedenfalls besteht keine naturgegebene Erziehungsbedürftigkeit, sondern eher die Notwendigkeit der Erziehung im Hinblick auf eine Zielvorstellung.
Eindeutig liegt hier ein Werk vor, welches besticht durch seine Vielfalt an Informationen, gebündelt auf nur knapp 220 Seiten. Nicht zuletzt Brezinkas häufige Anwendung von Beispielen, um die zu erklärenden Sachverhalte näher zu beleuchten, verleiht diesem Werk ein großes Publikum, da selbst recht komplizierte Sachverhalte auf diese Weise vereinfacht
3
Arbeit zitieren:
Jan Seichter, 2008, Buchrezension zu Brezinka, Wolfgang: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft, München 1990, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Pädagogik - Allgemein: neuer Titel erschienen: Buchrezension zu Brezinka, Wolfgang: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft, München 1990
Jan Seichter hat einen neuen Text hochgeladen
Einführung in Grundbegriffe und Grundfragen der Erziehungswissenschaft
Walter Bauer, Nicole Becker, Peter Büchner, Bernd Dewe, Jutta Ecarius, Andreas Flitner, Heinz-Hermann Krüger, Werner Helsper
Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft
Eine Einführung
Hans-Christoph Koller
Biowissenschaft und Erziehungswissenschaft
Zeitschrift für Erziehungswiss...
Annette Scheunpflug, Christoph Wulf
Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft als Geschlechtergeschic...
Jahrbuch Frauen- und Geschlech...
Sabine Andresen, Edith Glaser
PISA und die Konsequenzen für die erziehungswissenschaftliche Forschun...
Zeitschrift für Erziehungswiss...
Dieter Lenzen, Jürgen Baumert, Rainer Watermann, Ulrich Trautwein, Friedrich Rost, Eva Wunderlich
Schule - Handbuch der Erziehungswissenschaft 3
Handbuch der Erziehungswissens...
Stephanie Hellekamps, Wilfried Plöger, Wilhelm Wittenbruch
Erziehungswissenschaft und Gesellschaft
Handbuch der Erziehungswissens...
Gerhard Mertens, Cristina Allemann-Ghionda, Norbert Meder
0 Kommentare