Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Das kleinbürgerliche Glück in der Beschränkung - ein begrenz-
te Bewußtsein 2
2.1 Die begrenzte Reichweite 2
2.2 Die begrenzte Wahrnehmung 4
2.3 Das begrenzte Wissen 5
3 Konservatives Denken nach Mannheims wissenssoziologischen
Ausf ührungen 6
3.1 Das konkrete Erleben 6
3.2 Der Eigentumsbegriff 7
3.3 Der Freiheitbegriff 8
3.4 Der Zeitbegriff 9
4 Konservatismus und Kleinbürgertum 10
4.1 Das konservatives Denken in der kleinbürgerlichen Men-
talit ät 10
4.2 Der Konkretismus als Hintergrund des beschränkten Be-
wu ßtsein des Kleinbürgertums 13
5 Schlußbemerkungen 15
1 Einleitung
Das Kleinbürgertum ist neben dem bürgerlich-humanistischen Milieu der Teil der Mittelschicht, der als konservativ beschrieben wird. Die Mentalität und der Lebenstil des Kleinbürgertums ist gut erforscht und somit leicht zu identifizieren. Diese Aussage kann man meines Erachtens über den Konservatismus nicht treffen. Ihm fehlen die einheitlichen Ziele, die für eine Ideologie bezeichnend wären. Auch als politische Richtung ist das «Konservativsein»in seiner Abhängigkeit von den Umständen der jeweiligen Zeit wenig gleichförmig. Die Gemeinsamkeit besteht im Allgemeinverständnis lediglich in der Verteidigung der jeweils herrschenden Sozialordnung. Zudem ist die Bezeichnung einer Personengruppe als konservativ meist als ein Werturteil zu verstehen. Eine genaue Umschreibung des Inhalts des Konservatismus ist also nur schwer möglich. Diese Feststellung führte Mannheim dazu, den Konservatismus als Denkstruktur oder Denkart zu beschreiben. Von Interesse sind für ihn dabei nicht die sich wandelnden inhaltlichen Elemente, sondern «... die formalen Bestimmungen dieses Denkens ...» 1 . Hier setzt nun meine Fragestellung an. Wenn das kleinbürgerliche Denken ein konservatives Denken ist, müssen die Eigenarten der kleinbürgerlichen Mentalität auch in dem von Mannheim beschriebenen konservativen Denkstil angelegt sein. Hierbei soll ein Phänomen im kleinbürgerlichen Leben im Zentrum der Betrachtung stehen: die Beschränkung oder besser die Kleinbürgerlichkeit als Lebensstil der Reduktion. Bei der Lektüre Mannheims fiel mir auf, daß er dem konservativen Denken, wie ich zeigen werde, eine besondere Art des Wahrnehmens der Welt voraussetzte - das konkrete Erleben. Vergleicht man diesen Ansatz mit den Schriften über die Mentalität des Kleinbürgertums, ist der Konkretismus besonders in den Aspekten der Beschränkungen der Reichweite, der Wahrnehmung und des Wissens zu entdecken. Daher lautet meine These: Das kleinbürgerliche Glück in der Beschränkung ist eine konsequent gelebte Form des durch Mannheim beschrieben
1 MANNHEIM, KARL; Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens. Frankfurt am Main 1984. S. 60.
1
konservativen Denkstils. Die Grundlage bildet der Konkretismus - das konkrete Erleben. Der Konkretismus bildet den konstituierenden Hinter-grund sowohl für den Konservatismus (nach Mannheim) als auch für das begrenzte Bewußtsein des Kleinbürgertums.
Ich werde zunächst die kleinbürgerliche Mentalität unter dem Aspekt der Beschränkung und das konservative Denken skizzieren, um dann die konservativen Elemente im kleinbürgerlichen Leben herauszustellen. Anschließend folgt, um meine These zu belegen, die Betrachtung der Rolle des Konkretismus.
2 Das kleinbürgerliche Glück in der
Beschränkung - ein begrenzte Bewußtsein
2.1 Die begrenzte Reichweite
Was ist eine begrenzte Reichweite? Letztendlich hat jede Lebenswelt ihre spezifischen Begrenzungen, in denen sich ihr Leben konstituiert. Dennoch ist das Kleinbürgertum das Milieu, in dem sich das Begrenzen auf das Nahe, das Vorhandene, das Erfahrbare und das Alltägliche zu einer Art Lebensgrundlage manifestiert hat. Das Leben und Denken der Kleinbürger findet in dem enggesteckten Rahmen der Familie, des Ortes und des Eigentums statt. Familie, Lokalismus und Eigentum sind die Leitka-tegorien des Kleinbürgers 2 , alles was darüber hinaus geht, ist außerhalb seiner Reichweite.
Historisch läßt sich die Beschränkung der Kleinbürger auf das Lokale recht einfach mit den eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten von Kleinhändlern und Handwerkern erklären. Die Konzentration auf ihr Viertel gab ihnen die Möglichkeit, in einer industrialisierten Gesellschaft zu existieren.
Aber die begrenzte Reichweite ist mehr als nur eine wirtschaftliche und soziale Konzentration auf den Ort, die Familie und das Eigentum. Es ist
2 Vgl. SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 31.
2
eine Kultur - eine Kultur der Nähe 3 , die alle Lebensbereiche umfaßt und zugleich begründet. Der Kleinbürger braucht die Enge, die Überschaubarkeit. Sie wird von ihm als Geborgenheit empfunden, in die er eingebettet ist, die er weder physisch, noch psychisch oder sozial verläßt. In dieser Kultur wird das Kleine zum Maßstab des Großen, weil zum Großen hin die Erfahrbarkeit abnimmt 4 . Der Kleinbürger verkleinert sich die Welt auf das Maß, welches ihm bekannt und damit erfahrbar ist. Schilling formuliert das so: «Statt in einen Park denkt er sich seine Ver-antwortung in den kleinen Maßstab seines Gartens.» 5 Somit sind neue Erkenntnisse über die Welt außerhalb nicht zu erwarten, weil auch sie nur mit dem Innerhalb erklärt werden. Darauf werde ich im Kapitel zur begrenzten Wahrnehmung noch eingehen.
Die Erfahrbarkeit ist also ein wichtiges Kriterium, welches die Reichweite des kleinbürgerlichen Lebens begrenzt. Sie ist ursächlich dafür, daß das Leben des Kleinbürgers sich, statt an Prinzipien und Normen, an den Dingen der nächsten Umgebung ausrichtet 6 . Je instabiler die Erfahrungsräume werden, desto wichtiger wird für den Kleinbürger der Alltagstrott.
Auch sozial und materiell ist die Reichweite des Kleinbürgers begrenzt. Die fehlende Perspektive oder ein sozialer Aufstieg stellen für ihn kein Problem oder Ziel dar, da die Orientierung im Alltag sein größtes Anliegen ist 7 .
Eigentum ist im kleinbürgerlichen Leben hauptsächlich ein Symbol für Unabhängigkeit, Autonomie und Sicherheit. Es steht als Beweis für persönliche Fertigkeiten, aber es ist kein Expansionsmittel für Wachstum
3 Vgl. ebd. S. 9.
4 Vgl. ALTHAUS, THOMAS; Apologetischer Entwurf. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Kleinbürger: zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S.
4.
5 SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 128.
6 Vgl. ALTHAUS, THOMAS; Apologetischer Entwurf. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Kleinbürger: zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S.
11
7 Vgl. ALTHAUS, THOMAS; Vorbemerkung. in: ALTHAUS, THOMAS[Hrsg.]; Kleinbürger: zur Kulturgeschichte des begrenzten Bewußtseins. Tübingen 2001, S. XI.
3
und Aufstieg 8 . Angelegt werden Gewinne meist nur in Immobilien, welche die Ortsfixierung bestätigen.
Ihr Streben gilt hauptsächlich der eigenen Existenz- und Alltagssicherung. Durch die Bindung an Vermögen und Kontinuität ist der Aufstiegswille des Kleinbürger beschränkt. Das, was er besitzt, muß er auch halten können. Es gehört zu ihm.
Schilling äußert dazu die Vermutung, daß die Leitkategorien (Familie, Lokalismus, Eigentum) der Kleinbürger «... tatsächlich “das Meinige“, aufgereiht nach der Steigenden Gefahr des Weggenommenbekommens ...» 9 sind.
Also ist es auch das Bestreben nach Sicherheit und das Risikoabwägende, welches die Reichweite des Kleinbürgers begrenzt.
2.2 Die begrenzte Wahrnehmung
Der Kleinbürger erweitert seinen Horizont nicht über die konkrete Umwelt hinaus und er kann nichts bedeutenderes finden als seine eigenen Nöte. Sein Denken geht von dem einen spezifischen Einzelfall aus, nämlich von ihm selbst. Aber er denkt sich diesen Einzelfall als das Allgemeine. So erreicht er, durch die Begrenzung der Wahrnehmung, ein Verständnis für die Welt, in dem alles nicht passende auf seinen Horizont zurechtgestutzt ist.
Das kleinbürgerliche Wahrnehmungsdefizit erzeugt also eine, auf das Konkrete, einen direkt umgebende und betreffende, reduzierte Welt. Die begrenzte Reichweite und die begrenzte Wahrnehmung bedingen sich gegenseitig. Zum Einen begrenzt die eingeengte Reichweite die Wahrnehmung und zum Anderen ist die begrenzte Wahrnehmung eine gute Voraussetzung zum Begrenzen der Reichweite. In dem Moment, in dem alles in den engen Rahmen des eigenen Lebens und der eigenen Umstände gesetzt wird, wird auch alles nur aus dieser Position heraus wahrgenommen und beurteilt. Althaus beschreibt dies als ein «Unvermögen zur
8 Vgl. SCHILLING, HEINZ; Kleinbürger. Mentalität und Lebensstil. Frankfurt am Main 2003, S. 35.
9 Ebd. S. 31.
4
Arbeit zitieren:
Juliane Wollmann, 2005, Karl Mannheims Konservatismus und das Kleinbürgertum , München, GRIN Verlag GmbH
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