Ausserschulisches Praktikum - Musikschule Lichterfelde West 1
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und
Uberblick 2
1.1 Die Voraussetzungen 2
1.2 Der konkrete Ablauf des Praktikums 2
2 Das p adagogische Konzept der Musikschule 3
3 Vorstellung der Sch uler 4
3.1 Der Sch uler S1 4
3.2 Der Sch uler S2 5
3.3 Die Sch ulerin S3 6
4 Individuelle F orderaspekte 7
4.1 Musikalische Fr uherziehung 8
4.1.1 Erfahrungen mit S1 9
4.1.2 Erfahrungen mit S2 10
4.2 Allgemeine und
Ubemotivation 12
4.2.1 Erfahrungen mit S1 14
4.2.2 Erfahrungen mit S2 16
4.2.3 Erfahrungen mit S3 17
4.3 Gefahr der Fehl- sowie korrekten Einsch atzung 18
4.3.1 Erfahrungen mit S1 20
4.3.2 Erfahrungen mit S3 21
5 Zusammenfassung und Abschluss 22
Quellenverzeichnis 24
Ausserschulisches Praktikum - Musikschule Lichterfelde West 2
1 Einleitung und ¨ Uberblick
Im Rahnen meiner T¨ atigkeit als Instrumentallehrer f¨ ur Gitarre an der Musikschule Lichterfelde West in Berlin habe ich ¨ uber einen l¨ angeren Zeitraum
3 Sch¨ uler besonders beobachtet. Ich habe diese Sch¨ uler ausgew¨ ahlt, weil sie verl¨ asslich regelm¨ assig zum Unterricht kommen und jeweils unterschiedliche und interessante Charakterz¨ uge aufweisen, die sich auf ihre musikalische und allgemein instrumentale Ausbildung verschieden auswirken. Damit gekoppelt sind die kognitiven, kreativen und zwischenmenschlichen Voraussetzungen so verschieden, dass sich im Laufe der Zeit an Hand von verschiedenen Methoden und Herangehensweisen sehr unterschiedliche Ergebnisse und Arbeitsprozesse beobachten lassen.
1.1 Die Voraussetzungen
Ich arbeitete zum Zeitpunkt des Praktikumsbeginns etwas ¨ uber ein Jahr als
Gitarrenlehrer in der Musikschule. Die Sch¨ uleranzahl schwankt zwischen 5 (in den ersten Monaten) und 15 pro Woche.
Die 3 Sch¨ uler sind fast die komplette Zeit in meiner Instrumentalklasse gewesen und sind es noch. Vorher kannte ich keinen der Sch¨ uler und habe demnach ¨ uber einen Zeitraum von einem knappen Jahr die Sch¨ uler kennengelernt bevor ich mich f¨ ur sie als Praktikumsschwerpunkt entschieden habe.
1.2 Der konkrete Ablauf des Praktikums
Neben anderen Sch¨ uler(inne)n in der Musikschule habe ich ¨ uber einen Zeitraum
von etwa 4 Monaten 3 Sch¨ uler besonders ins Augenmerk gefasst. Der Beobachtungszeitraum umfasste jeweils 13 Unterrichtsstunden, was bei 2 Sch¨ ulern 30 Minuten und beim 3. 45 Minuten entspricht.
Von der Leiterin der Musikschule und den jeweiligen Eltern habe ich das Einverst¨ andnis, ohne Angabe von Namen bestimmte Unterrichtssituationen und Pers¨ onlichkeitsmerkmale in diesem Bericht zu verwenden.
Ausserschulisches Praktikum - Musikschule Lichterfelde West 3
2 Das p¨ adagogische Konzept der Musikschule
Die Leiterin der Musikschule hat nach eigenen Angaben die Schule gegr¨ undet um Kindern und sonstigen Interessenten die Musik in Form von Instrumentalerfahrung Nahe zu bringen. Kultur sollte kein Privileg f¨ ur wohlhabende Menschen sein, weshalb sie die monatlichen Kosten f¨ ur die Eltern so gering wie m¨ oglich halten m¨ ochte, was die Musikschule gegen¨ uber der Konkurrenz preiswert erscheinen l¨ asst.
Die Leiterin unterrichtet selbst und spielt mehrere Instrumente. F¨ ur die Auswahl neuer Lehrer nimmt sie sich sehr viel Zeit um einen pers¨ onlichen Eindruck zu bekommen.
Zu meist Kinder (selten ¨ alter als 10 Jahre) sollen in erster Hinsicht die M¨ oglichkeit haben, in entspannter Atmosph¨ are verschiedene Instrumente auszuprobieren und dabei ihre musikalische Empfindsamkeit, Gestaltung und Kreativit¨ at kennenlernen. Es gibt immer die M¨ oglichkeit, in der Instrumentensammlung zu st¨ obern und alles auszuprobieren, sowie kostenlose Probestunden im gew¨ ahlten Instrument zu erhalten.
Von der zwanglosen Freizeitgestaltung bzw. Nachmittagsbesch¨ aftigung mit Musik bis hin zu ambitioniertem Instrumentalspiel ist alles m¨ oglich und liegt im Entscheidungsfeld der Eltern mit Empfehlungen des entsprechenden Lehrers.
Um die eigene Leistung Wert zu sch¨ atzen, das Arbeitsfeld eines Musikers kennenzulernen und Anerkennung f¨ ur geleistete Arbeit zu erhalten gibt es in regelm¨ assigen Abst¨ anden Vorspiele, zu denen jeder spielen kann, der m¨ ochte. Es sind dabei immer Sch¨ uler unterschiedlicher Instrumentalklassen anwesend und so werden die Teilnehmer (und Zuschauer) auch noch mit anderen Instrumenten konfrontiert als dem eigenen.
Im Laufe meiner Arbeitszeit an der Musikschule denke ich zu erkennen, dass dieses Konzept der Schule allgemein Erfolg hat. M¨ oglicherweise liegt es an der nicht besonderen Gr¨ osse der Musikschule (etwa 10 Lehrer, die meist nur einige Tage der Woche dort arbeiten), aber die pers¨ onliche Beziehung der Kinder zur Musik wird scheinbar st¨ arker unterst¨ utzt, als man es von einer Musikschule erwarten w¨ urde. Es ist durchaus kein Problem, auch mal ein an- deres Instrument aus dem pers¨ onlichen Schrank der Leiterin mit nach Haus
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zu nehmen zum Probieren, oder mit dem Freund, der ein anderes Instrument spielt, etwas zusammen zu spielen. Sollte es daf¨ ur keine Noten geben, oder das Niveau sehr verschieden sein, wird eben etwas arrangiert, doch zusammen zu musizieren soll nicht verwehrt werden.
3 Vorstellung der Sch¨ uler
3.1 Der Sch¨ uler S1
Zum Zeitpunkt des Praktikums war S1 8 Jahre alt und in der ersten Klasse. Er ist bestens befreundet mit S2 und geht mit ihm in eine Schulklasse. Geschwister hat er keine.
Seine Mutter informierte mich dar¨ uber, dass S1 an diagnostiziertem ADS leidet. Sie erwarte auch keine grossartigen Fortschritte auf der Gitarre, w¨ urde sich aber w¨ unschen, wenn S1 neben vielen anderen Einfl¨ ussen etwas mit Musik gross wird und am Abend vielleicht etwas ausgepowert ist, wenn er auf verschiedene Arten gefordert wird. In der Familie (die soweit intakt zu sein scheint) gibt nur seinen Vater, der als autodidakter Schlagzeuger in einer Band spielt. Sonst gibt es niemand, der Musik macht und ihm helfen k¨ onnte. Da seine ¨ Ubemotivation so gut wie nicht vorhanden ist zu Hause, spielt die Expertise seines Vaters keine grosse Rolle. Soweit ich weiss, hat S1 noch nie mit seinem Vater zusammen Gitarre gespielt / ge¨ ubt.
S1s Wunsch, Gitarre zu spielen, entstand in Kooperation mit S2, die beide gleichzeitig bei mir angefangen haben. Allerdings haben sie keinen Gruppenunterricht, sondern beide nacheinander eine eigene 30-Minuten-Stunde. Phasenweise ist es schwer bis unm¨ oglich, mit S1 produktiv etwas zu tun, das diagnostizierte ADS glaube ich gern. Das M¨ obiliar unseres Unterrichtsraumes hat auch schon einiges unter S1 gelitten. Dennoch sp¨ urte ich schnell, dass es sich bei S1 um ein grunds¨ atzlich sehr nettes und intelligentes Kind handelt. Wenn es mir gelingt, eine Besch¨ aftigung mit Musik zu finden, welche sein Interesse weckt, dann ist er auch konzentriert dabei und zeigt solide Leistungen. Ihn bei solcher Aktivit¨ at motiviert zu halten, ist dagegen wiederum schwieriger.
Voraussetzungen zu Beginn des Praktikums
Instrumental war S1 nicht besonders weit auf der Gitarre. Die leeren Saiten
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vergisst er regelm¨ assig und den einzigen gegriffenen Ton ebenso. Eine rhythmische Bass-Begleitung auf einer oder zwei leeren Saiten stellt den gitarristischen H¨ ohepunkt dar. Allerdings ist es S1 m¨ oglich, dabei selbst zu singen, ohne die Struktur zu verlieren.
Pers¨ onlich kommt er sehr gern zum Gitarrenunterricht und zeigt mir gern, was er in der Schule gemacht hat. Ein Bild hat er mir auch gemalt (inzwischen noch ein weiteres). Er w¨ urde sehr gern auch beim Vorspiel spielen und Lob ernten. Einmal konnte ich ihm (vielmehr er sich selbst) mit einem sehr simplen, aber wohlklingenden Lied diesen Wunsch erf¨ ullen.
3.2 Der Sch¨ uler S2
S2 ist der beste Freund von S1, aber erheblich ruhiger und extrem sch¨ uchtern. In vielen Aspekten ist er genau das Gegenteil von S1. Anfangs vermutete ich, die Freundschaft der beiden sei von aussen initiiert worden, aber dem ist nicht so. Sie gehen in eine gemeinsame Schulklasse, wohnen aber nicht nebeneinander und haben ¨ uber die Schule ihre Freundschaft aufgebaut, scheinbar ohne ¨ aussere Einfl¨ usse. M¨ oglicherweise hat jeder der beiden Charakterz¨ uge, die dem anderen imponieren, weshalb sie trotz starker Unterschiede befreundet sind. S2 war zum Zeitpunkt des Praktikums ebenfalls 8 jahre alt und in der ersten Klasse. S2 war zu Beginn des Gitarrenunterrichts so sch¨ uchtern, dass er selten uberhaupt etwas gesagt hat. Nach einigen Stunden hat er mir dann durch ¨
Nicken oder Kopfsch¨ utteln seine Meinung zu verstehen gegeben. Inzwischen ist er zwar immer noch sehr ruhig, redet aber durchaus mit mir. Und wenn er mir etwas erz¨ ahlen mag, dann ist er sogar schwer zu stoppen. Hin und wieder tritt S2 als Komparse in verschiedenen Opern auf. Davon berichtet er mir gern und lebhaft.
In Zehlendorf leben sehr viele Familien in gr¨ osseren Familienh¨ ausern, in denen auch die Grosseltern leben. S2 ist einer der Sch¨ uler, der regelm¨ assig von seiner Oma zum Unterricht gebracht wurde und dessen Eltern ich nur beim Vorspiel kurz kennengelernt habe. Aus seiner Familie ist seine Tante die einzige in erreichbarer N¨ ahe, die Musik macht und sie spielt ebenfalls Gitarre. Sie hat S2 schon ¨ ofter beim ¨ Uben geholfen und ihm Tricks gezeigt. Sein Va-
ter ist Jamaicaner, hat aber vor vielen Jahren die Familie verlassen und lebt
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wieder in Jamaica. Er spielt ebenfalls Gitarre, doch ist f¨ ur S2 keine direkte Hilfe. Trotzdem hat S2 seinen Vater kennengelernt und ist etwas stolz auf ihn. M¨ oglicherweise hat er eine Art Vorbildwirkung f¨ ur S2, in welcher Hinsicht auch immer.
Voraussetzungen zu Beginn des Praktikums
Zum Praktikumsbeginn kannte S2 die Gitarrensaiten, einige gegriffene T¨ one sowie einige ungegriffene. Er kannte die grundlegenden Notenwerte und konnte leichte Melodien, die sich meist im 5-Tonraum bewegen, nach Noten spielen. Er versucht auch manchmal, dazu zu singen. Ich bin sehr froh, dass S2 trotz seiner Sch¨ uchternheit nicht in dem Alter ist, in dem Jungen das Singen peinlich ist, denn dann w¨ are Singen bestimmt hoffnungslos mit ihm. Inzwischen hab ich ihn so daran gew¨ ohnt, dass er es ohne Probleme immer wieder versucht.
Bei einem Vorspiel hat er ein Lied vorgesungen (3 Chinesen mit dem Kontrabass) und dazu die Akkorde gespielt. Da ihm das nicht peinlich war, kam es auch recht souver¨ an beim Publikum an.
Da S2 im Unterricht immer noch sehr selten spricht, kommt es manchmal zu Missverst¨ andnissen, was Aufgabenstellungen und Leistungsverm¨ ogen betrifft.
3.3 Die Sch¨ ulerin S3
S3 war zu Beginn des Praktikums 11 Jahre alt. Sie besass musikalische Vorerfahrung, da sie einige Zeit Akkordeon gespielt hat, jetzt aber lieber Gitarre lernen m¨ ochte. Insgesamt, besonders in der Schule, ist sie recht strebsam. Auf der Gitarre kommt sie gut voran unter der Voraussetzung, dass sie zu Hause ubt. Durch hohe Anforderungen in der Schule kommt sie nicht immer dazu, Gi¨ tarre zu ¨ uben, was den Leistungsstand h¨ aufig ¨ uber mehrere Wochen konstant h¨ alt.
S3 hatte zu dem Zeitpunkt als eine der wenigen Sch¨ uler 45 Minuten Unterricht.
In ihrer n¨ aheren Familienumgebung gibt es niemand, der ein Instrument spielt und ihr beim ¨ Uben helfen k¨ onnte. Doch da sie sehr schnell begreift und, sobald sie ¨ ubt, schnell Fortschritte erzielt, war es auch nicht n¨ otig, dass ihr zu Hause beim ¨ Uben geholfen wurde.
Arbeit zitieren:
Bertram Becker, 2008, Ausgewählte Fragestellungen pädagogischer Förderung von Kindern im instrumentalen Einzelunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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