Erinnerungen des Erzählers an seine Jugend zurück. Falsch wäre es, die mit den Erinnerungen verknüpften Orte wieder aufzusuchen, denn sie entfalten ihre Wirkung nicht in der objektiven, sondern nur in der subjektiven Welt.
Der Binnenroman "Eine Liebe Swanns" steht nicht in der ersten, sondern in der dritten Person und handelt von leidenschaftlicher Liebe und krankhafter Eifersucht des Protagonisten. Der Protagonist Swann lernt die junge Odette bei einem Theaterbesuch kennen. Um den ehrhaften Swann öfter sehen zu können, stellt Odette sie der Gesellschaft der reichen Verdurins vor. Durch regelmäßiges Treffen bei den Verdurins lernt er sie näher kennen und verliebt sich in sie. Ein Musikstück „la petite phrase de Vinteuil“, welches er zum ersten Mal bei den Verdurins zu hören bekommt, dient als Erinnerung an die geliebte Odette, die er mit Botticelli vergleicht. Nachdem er jedoch erfährt, dass Odette weitere Geliebte hat, gelangt er in krankhafte Eifersucht. Odette, die auch weibliche Liebhaberinnen hat, entfernt sich immer mehr von Swann und geht schließlich mit den Verdurins auf lange Reisen, so dass Swann Zeit findet, über sie hinwegzukommen. Schließlich vergisst er sie und interessiert sich auch nicht mehr für sie und behauptet, sie sei nicht von seinem Genre."Eine Liebe Swanns" besticht durch Marcel Prousts subtile, ausführliche und impressionistische Darstellung psychologische Entwicklungen.
Proust mitunter begründet am Anfang des 20. Jahrhunderts die Moderne durch jene assoziative Erzähltechnik: den Bewusstseinsstrom. Er stellt in seinem Roman eine neue Theorie der Selbstreflexivität auf. Es ist die des erinnernden Ichs des homodiegetischen Erzählers Marcel, der den Prozess der Erzählung aus dem erinnernden „Ich“ selbst im Schreibprozess vorstellt. Der Erzähler des Romans ist allwissend, er interveniert in beliebige Situationen und setzt auch beliebig aus. Er hat die Sicht über jedes Geschehen. Der Fokus, „la focalisation“ im Roman richtet sich wechselhaft auf diverse Situationen. Es gibt auch eine „focalisation interne“, die bei denen vorzufinden ist, die sich zu etwas äußern und etwas ausdrücken. So ist auch das „monologue interne oralisé“ vorzufinden, bei der der Fokussierte seine Gedanken innerlich preisgibt, keiner aber sie zu hören bekommt. Jener Akt wird auch als „discours indirect libre de pensée“ bezeichnet. 2
In diesem Text wird Subjektivität als das zentrale Konstruktionsprinzip in der literarischen Moderne erfahren und zwar als Erinnerungsprozess. In diesem Roman wird mit allem, was geschildert wird auf das erinnernde „Ich“ hingewiesen. Der Roman verwirklicht sich als
2 Vgl. Jacobée, Éric: Étude sur Marcel Proust.Un amour de Swann. Ellipses: Paris 1998. S. 37- 41.
2
experimentelle Suchbewegung eines „Ich“, das die Welt, die es beschreiben will, in sich findet und aus sich hinauslässt. Mit seinem Roman zeigt Proust, was Modernität in der Literatur heißt, „reflexivexperimentelle Selbsterforschung des ich und seiner Umwelt“. Die Welt wird immer in der gebrochenen Modalität der subjektiven Vorstellungswelt eines schreibenden, sprechenden, sich erinnernden Subjekts dargestellt. Eine seiner bekanntesten Entdeckungen ist die unwillkürliche Erinnerung, die eine Nichtigkeit zum Anlass haben kann. Das Gedächtnis schert sich nicht um die Hierarchien, in denen wir unsere Erinnerungen zu verwalten versuchen.
Analyseteil
Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von 1912 steht für die Literatur mit dem Thema "Erinnerung" an erster Stelle. Durch ihre poetologischen Prämissen stellt sich Prousts Werk „À la recherche du temps perdu“ als Verweisungszusammenhang dar. Als Hauptaugenmerkmal gilt die „Erinnerung“. Die Relation von dialektischem Bild und unwillkürlicher Erinnerung bilden mitunter anderen Momenten eine Einheit. 3
Das Wirkliche ist eine Auszugsgestalt des wahren Subjekts, welches in den Momenten der unwillkürlichen Erinnerung Kontur, Form gewinnt. Diese eröffnete Erfahrung ist Zielbegriff und Terminus jeder Suche. Damit wird der Richtungssinn des Romans der Retrospektive als futuristisch erwiesen. Der Futurinhalt ist wiederum dem Gewesenem entnommen. 4
Um dieses Thema nicht allzu weit auszubreiten, beschränke ich mich aus Prousts Werk auf zwei Merkmale zum Stichpunkt „Erinnerung“. Diese sollen sein „la petite phrase“ und die „Madeleine“. Dabei soll beachtet werden, dass die eigentliche Analyse der petite phrase gilt und die Madeleine als Erinnerungsvergleich herangezogen wird.
Proust unterscheidet zwischen „mémoire volontaire“ / „souvenir“ und „mémoire involontaire“. Die ersten beiden Begriffe bedeuten „bewusstes Nachsinnen über Vergangenes“ und letzteres heißt soviel wie „durch eine Sinneswahrnehmung evozierte Wiedererweckung der Vergangenheit. Die Bedingung für die mémoire involontaire ist ein
3 Vgl. Teschke, Henning: Proust und Benjamin: unwillkürliche Erinnerung und dialektisches Bild. Königshausen & Neumann: Würzburg 2000.
4 Vgl. Teschke:2000.
3
„déjá connu“, d. h. „die Wahrnehmung des Sinneseindruckes ist ein Wiedererkennen“ 5 . Jauß zufolge gilt hier die Unterscheidung zwischen einem „Ich, das erlebt“ und einem „Ich, das rational denkt über das, was er selbst erlebt“. 6
Die petite phrase von Vinteuil in Un amour de Swann dient als ein Einführungsakt:
L’année précédente, dans une soirée, il avait entendu une oeuvre musicale exécutée au piano et au violon, D’abord il n’avait goûté que la qualité materielle de sons sécétés par les instruments.Et c’avait déjà été un grand plaisir quand, au- dessous la petite ligne du violon […]il avait vu tout d’un coup chercher à s’élever […]la masse de la partie de piano, […]. Mais à un moment donné, […] il avait cherche à receuillir la phrase ou l’harmonie - il ne savait lui- même - qui passait et qui lui avait ouvert plus largement l’âme […]. […]. Ainsi, à peine la sensation délicieuse que Swann avait ressentié était-elle expirée, que sa mémeoire lui en avait fourni séance tenante une transcription sommaire et privisoire […], elle n’était déjà plus insaisissable. 7
und wird im gesamten Roman thematisiert. Swann, der Protagonist, bezieht dieses Stück auf seine Liebe zu Odette und erinnert sich immer wider an sie, wenn er jenes Stück erklingen hört. Swann hat den harmonischen Zusammenklang bestimmter Elemente der Musik als bemerkenswert empfunden und Gefallen an ihnen gefunden. Deshalb versucht er sich diese in sein Gedächtnis einzuprägen und erkennt sie wieder, als er sie ein paar Mal mehr hört 8 . Swann verspürt beim Hören eine „amour inconnu“ und fühlt sich von der „petite phrase“ persönlich angesprochen:
[…]Sann trouvait en lui, dans le souvenir de la phrase qu’il avait entendue, […] la présence d’une de ces réalités invisibles auxquelles il avait cessé de croire et auxquelles, comme si la musique avait eu sur la secheresse morale dont il souffrait une sorte d’influence élective, il se sentait de nouveau le désir et presque la force de consacrer sa vie. 9
Swann erinnert sich an das Stück in der bewusst und gewollt erinnerten Form des souvenir. Er behält sie aber nicht im Bewusstsein:
Mais n’étant pas arrivé à savoir de qui était l’oeuvre qu’ il avait entendue, il n’avait pu se la procurer et avait fini par lòublier.[…] Puis il cessa d’y penser. 10
Er hat jedoch nicht die Musik und dessen Identifikation völlig vergessen, denn beim zweiten Hören der Vinteuil- Sonate im Salon der Verdurin geschieht es, dass Swann die Sonate wie eine alte Vertraute wieder erkennt:
5 Backhaus, Inge: Strukturen des Romans. Studien zur Leit- und Wiederholungsmotivikin Prousts „A la recherche du temps perdu“.Erich Schmidt: Berlin 1976. S. 31.
6 Vgl. Corbineau- Hoffmann, Angelika: Erträge der Forschung. Marcel Proust. Wissenschaftliche Buchgesellschaft : Darmstadt 1983. S.30-31.
7 Vgl. Proust, Marcel: A la recherche du temps perdu I.Du côté de chez Swann. Éditions Gallimard. 1954. S. 208 f..
8 Vgl. Proust, I: 1954. S. 210.
9 Vgl. Proust, I: 1954. S. 211.
10 Vgl. Proust, I: 1954. S. 211.
4
Arbeit zitieren:
Zeynep Özmen, 2011, „Erinnerung“ in Marcel Prousts „Eine Liebe Swanns“, München, GRIN Verlag GmbH
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