werden - dem gilt sein Traum und Einsatz weiterhin. Vom Erbe alter Vorurteile
Offenheit war der bestimmende Ton der Podiumsdiskussion. Wie sehen die Deutschen die Italiener, welches Image pflegen wir bei den Italienern? Klar, dass bestehende Vorurteile zur Sprache kamen, die trotz aller Sympathien füreinander weder hier noch dort abgestritten werden können.
Über die italienischen Fahrkünste war man sich vollends einig. Ob im italienischen Straßenverkehr eine rote Ampel nur eine Empfehlung darstellt oder die italienische Verkehrsordnung nur pro forma existiert, derartige Fragen stellen sich manche deutsche Italiengäste. Das musste auch der ehemalige FAZ-Korrespondent Dietmar Polaczek feststellen, der sich auf seinem gestrigen Weg zum Flughafen Mailand-Malpensa „wie ein gehetzter Hase auf einer Treibjagd“ vorkam.
Wie schnell aber aus Vorurteilen, also vorab wertenden Urteilen, empfindlicher Ernst werden kann, zeigen jüngste Ereignisse. Man erinnere sich an die Verbal-Attacke Berlusconis auf Europaparlamentarier Martin Schulz (SPD), dem er prompt eine Filmrolle als KZ-Aufseher vorschlug. Wenig später wetterte der ehemalige Staatssekretär für Tourismus Stefano Stefani über deutsche Touristen, die er als “supernationalistische Blonde” titulierte. Die deutsche Handelskette Media Markt hingegen bediente sich dieses Jahr italienischer Stereotype für ihre Werbezwecke und schuf den Goldkettchen tragenden Kleinkriminellen Toni. Gekränkte Deutsche und Italiener waren die Folge. Obwohl die bilateralen Beziehungen als recht gut bewertet werden können und der akademische Austausch nicht besser sein könnte, bestehen auch politische Differenzen wie jüngst der Interessenkonflikt in der Frage der UN-Reform zeigte. Schleichende Entfremdung oder falscher Alarm?
Gian Enrico Rusconi schlägt Alarm. Der Politologe und Turiner Historiker meint politisch wie kulturell eine deutsch-italienische Entfremdung zu beobachten und beklagt vor allem das zunehmende politische deutsche Desinteresse an seinem europäischen Nachbarn. Die Gegenthese vertritt Hans Woller, der vor Rusconis Alarmismus und seinem „Mythos der schleichenden Entfremdung“ warnt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München wertet die bilateralen Beziehungen wesentlich optimistischer und kritisiert, Rusconi reduziere diese rein auf die Politik. Rusconi will entgegen dem ewigen deutschen Bild vom weintrinkenden, fröhlichen Italiener differenzierter gesehen werden. Aber es sei ein politischer Italiener, für den sich die Deutschen interessieren, bedeutete Woller.
Zweitrangig sei hier, wer Recht hat, geht es doch um die Freundschaft beider Nationen. Dies wurde deutlich im Verlauf der Diskussion. Da können auch zwei konträre Thesen gemeinsam in einem Sammelband veröffentlicht werden, wie es Rusconi, Woller und Thomas Schlemmer zusammen mit der Publikation „Schleichende Entfremdung? Deutschland und Italien nach dem Fall der Mauer” zeigen. Entscheidend ist das gemeinsame Ziel, die bilateralen Beziehungen zu beleben, die nämlich sieht Rusconi gefährdet. Mit kritischem Argwohn betrachten einige Deutsche die erneute Widerwahl Berlusconis zum Ministerpräsidenten. Alte Vorurteile würden so wiederbelebt, so der Politologe. Man solle auch versuchen „Berlusconi zu verstehen, nicht nur zu verteufeln“, rät Woller.
An Ministerpräsident und Medien-Tycoon Silvio Berlusconi scheiden sich nach wie vor die Geister. Gingen doch am Samstag zuvor hunderttausende Demonstranten auf Roms Straßen, um unter dem Motto „Ein anderes Italien ist möglich“ gegen die Regierung Berlusconis zu protestieren.
Appell an die Medien - Die Verantwortung der Meinungsmacher
Ungehemmt brachten auch die Deutschland-Italien-Experten in der regen Podiumsdiskussion zur Sprache, was sich ändern müsse. Der Appell richtet sich an Presse und Medien, denen Inszenierungshoheit zukommt, insbesondere an Chefredakteure, die sich immer wieder den gängigen Klischees bedienten. Doch von festgefahrenen Vorstellungen alla „So sind die Italiener“ und einer Berichterstattung, die sich vornehmlich auf Camorra und den stinkenden Müll in bella Napoli reduziert, hat man in Italien die Nase voll. Übereinstimmend kritisierten die Experten und Journalisten „das eklatante Versagen des deutschen und italienischen Journalismus“ und mahnten zu mehr Verantwortung in der Rolle als Meinungsbildner. Der „Sensationsaspekt des Gossip“ nehme zu, ist sich der ehemalige FAZ-Korrespondent Polaczek sicher und es brauche einen „besseren Journalismus, ein ernsthafteres Nachdenken, einen ernsthafteren Streit“ , fügte Woller hinzu. Um diesen Negativ-Tendenzen entgegenzuwirken sei Offenheit und Aufklärung gefragt, ein kultureller Austausch sowie intellektuelle Stimulation, denn Unwissenheit sei der Garant aller Vorurteile - so das Fazit des Abends.
Entfremdung, ja oder nein? Wie so oft scheint die Wahrheit irgendwo in der Mitte zu liegen. Die vorangestellte Frage von Moderatorin und Italienkennerin Luzia Braun, ob das deutschitalienische Verhältnis einem alten Ehepaar gleiche, kann nach dieser Diskussionsrunde bejaht werden. Es ist ein altes Ehepaar, das sich noch etwas zu sagen hat und es nicht verlernt hat, sich zu streiten.
Hinweis: Die Publikation „Schleichende Entfremdung? Deutschland und Italien nach dem Fall
der Mauer“ ist im Oldenbourg Wissenschaftsverlag erschienen.
Arbeit zitieren:
Michelle Eickmeier, 2008, Zwischen Anziehung und Entfremdung, München, GRIN Verlag GmbH
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