

Gabrielle à Porta
typisch Mädchen? typisch Knaben?
kulturelle Geschlechterfabeln!
geschlechtsspezifische Sozialisation versus gleichberechtigte Pädagogik
Diplomarbeit, 2003
Carlo, meinem Sohn
und den Kindern, die nach ihm kommen
So wie die Schwingungen eines Tones
den Sand auf einer Platte
zu Figuren formen,
wirken alle Formen
die ein Mensch ständig erlebt,
ordnend und gestaltend
auf sein Wesen.
Besonders
auf das noch ganz
bildsame Wesen
eines Kindes.
Margarita Woloschin
in: die grüne Schlange
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ...4
Teil I: Exkurs in die Geschichte ...7
1.1 Geschlechterrollen im Wandel historischer Epochen ...7
1.1.1 Ursprung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ...7
1.1.2 Strukturwandel in der „Institution Familie“ ...8
1.1.3 Geschichte geschlechtsspezifischer Bildung und Erziehung > Koedukation
...10
1.1.4 Theorie und Geschichte von Gleichheit und Verschiedenheit ...12
1.1.5 Geschichte der Frauen > „Her-Story“ ...14
1.1.6 Persönliches Fazit ...15
Teil II: Theoretische Grundlagen ...18
2.1 Sozialisation aus soziologischer Perspektive ...18
2.1.1 Sozialisationseinflüsse ...18
2.1.2 Sozialisationsphasen ...19
2.1.3 Sozialisation, Lernen und Erziehung ...20
2.1.4 Normen, Erwartungen und soziale Rollen ...21
2.1.5 Biologisches und soziales Geschlecht ...22
2.1.6 Geschlecht: eine alltägliche Erfahrung ...24
2.1.7 Geschlecht als soziale Kategorie ...26
2.1.8 Die Polarisierung der Geschlechter ...26
2.1.9 Persönliche Fazit ...27
2.2 Sozialisation aus psychoanalytischer Perspektive ...28
2.2.1 Psychosexuelle Entwicklung und Geschlechtsidentität ...29
2.2.2 Theorie der Objektbeziehungen ...33
2.2.3 Persönliches Fazit ...36
2.3 Sozialisation aus pädagogischer Perspektive ...38
2.3.1 Die Bildung von Geschlechtscharakteren in der Pädagogik ...40
2.3.2 Die übergangene Geschlechterdifferenz ...41
2.3.3 Pädagogik der Gleichstellung ...42
2.3.4 Androgynitätspädagogik ...45
2.3.5 Persönliches Fazit ...46
Teil III: Gender Studies /Geschlechterforschung ...47
3.1 Geschlechterdifferenz und Differenztheorien ...48
3.1.1 Konstuktivismus-Theorie ...49
3.1.2 Feministischer Dekonstruktivismus ...50
3.1.3 Persönliches Fazit ...52
3.2 Wahrnehmung, Denken und Sprache ...53
3.2.1 „weiblich“ und „männlich“: Wahrnehmung und Denkstrukturen ...54
3.2.2 Sprache: Linguistische Geschlechterforschung ...58
3.2.3 Persönliches Fazit ...60
3.3 Einflüsse der Medien – Mediensozialisation ...61
3.3.1 Das Mädchen- und Jungenbild im Fernsehen ...62
3.3.2 Geschlechtsspezifische Medienpräferenzen ...64
3.3.3 Persönliches Fazit ...64
3.4 Geschlechtsspezifische Sozialisation und Statistik ...65
3.4.1 Physischer und psychischer Gesundheitszustand im Geschlechtervergleich
...66
3.4.2 Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Knaben ...68
3.4.3 Delinquentes Verhalten im Geschlechtervergleich ...69
3.4.4 Geschlechtsspezifische Unterschiede in Ausbildung und Berufsfindung ...70
3.4.5 Persönliches Fazit ...70
Teil IV: Schlussfolgerung ...72
4.1 Konsequenzen für die (sozial-) pädagogische Praxis ...72
4.1.1 Praxisbeispiele ...76
4.1.2 Thesen ...83
4.1.3 Pädagogische Möglichkeiten und Grenzen als weibliche Sozialpädagogin ...87
4.2 Schlusswort ...89
Glossar ...91
Personenverzeichnis ...95
Literaturnachweis ...97
Weiterführende Literatur und Internet-Seiten ...100
„Ich setzte den Fuss in die Luft und sie trug.“
Hilde Domin, in: Nur eine Rose als Stütze
Einleitung
Zum Thema Gender existiert eine erstaunliche Fülle an Literatur. Daneben entdeckte ich auch im Internet eine Menge brauchbares Material. Die Suchmaschine fand unter dem Begriff „gender“ (auf den deutschsprachigen Raum beschränkt) 65894 Links. Über diese Vielfalt war ich zunächst einmal sprachlos. Allein das Durchkämmen dieser Internet-Seiten würde Monate brauchen. Und wie das wohl die meisten kennen: jeder Link enthält Verweise auf weitere Links, und diese wiederum... und so weiter. Ein kafkaeskes Unterfangen, das mich vorerst in meinem eigenen kreativen Schaffen eher lähmte als beflügelte. Neben diesem Unmut, begleiteten mich andere, widerstreitende Gefühle. Zum einen war da die Freude über die bereits vorhandene Vielfalt, zum andern befiel mich auch ein immenser Ärger über die Diskrepanz zwischen so vielen wissenschaftlichen Untersuchungen, initiierten Projekten und institutionalisierten Fachstellen (z.B. für Gleichstellung), die jedoch in meinem Lebens und Berufsalltag so wenig spürbar vorhanden sind.
Ausgangslage, Vorgehen und Aufbau
Mein Ziel war es zunächst einmal besser zu verstehen
• worin die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, Männern und Frauen
gründen; wo sie herkommen und wie sie in Gedanken, Empfindungen und
Wahrnehmungen der Individuen verankert werden
• welchen jeweiligen Anteil der biologische Körper (oder: „die Natur“), die
Erziehung, das Umfeld, die Kultur und die Einstellung der Erwachsenen dabei
haben
• und wie wir als (Sozial-)PädagogInnen auf die Unterschiedlichkeit von Mädchen
und Knaben eingehen können, um beiden Geschlechtern gerecht zu werden.
Bei der Erwähnung meines gewählten Themas für die Diplomarbeit, werde ich oft gefragt, ob Gleichstellung denn heute überhaupt noch ein Problem sei. Die Geschlechterrollen sind zunehmend weniger starr und Mädchen und Frauen sind heute dem Gesetz nach gleichberechtigt. Viel ist schon erreicht worden und dies nicht zuletzt dank der neuen Frauenbewegung, die sich seit den 70er Jahren für die Anliegen der Frauen und Mädchen stark macht. Tatsächlich gilt meine „Sorge“ auch den Knaben: Wirft man/frau einen Blick in geschlechtsspezifische Untersuchungen, so sind die Forschungsergebnisse höchst beunruhigend. Durch die Konfrontation mit der Zahlenstatistik (der Genderforschung) habe ich mich mit diversen Fragestellungen auseinandergesetzt und meine Arbeit mittels dieser Ausgangsfragen in vier Teile gegliedert.
Fragestellung 1: Hat das Geschlecht eine Geschichte? Oder
hat jedes Geschlecht eine andere Geschichte bzw. andere Geschichten? Durch
welche Einflüsse haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte die
Geschlechterrollen gewandelt?
> Teil I: Exkurs in die Geschichte: 1.1 Geschlechterrollen im Wandel
historischer Epochen
Fragestellung 2: Kann über biologische Differenzen auf
naturgegebene, geschlechtsspezifische Wesens-und Charaktereigenschaften
geschlossen werden? Oder sind „typisch männliche" und "typisch weibliche"
Eigenschaften eher Fehlbenennungen, welche in Umlauf gebracht wurden und sich
etabliert haben? Was bedeuten die Begriffe „Geschlecht / Geschlechtsidentität“
und „sex / gender“ überhaupt?
> Teil II: Theoretische Grundlagen: 2.1 Sozialisation aus soziologischer
Perspektive; 2.2 Sozialisation aus psychoanalytischer Perspektive; 2.3
Sozialisation aus pädagogischer Perspektive.
Fragestellung 3: Wenn die „Kultur“, die
Geschlechtsidentität „konstruiert“, ist diese dann nicht ebenso determiniert und
festgelegt wie nach der Formel: „Biologie ist Schicksal“? Nur hätte hier die
Kultur an Stelle der Biologie die Rolle des Schicksals eingenommen. Ist
„Weiblich- oder Männlich-Sein“ eine kulturelle Performanz? Wie und wo vollzieht
sich die Konstruktion der Geschlechtsidentität? Welche Auswirkung respektive
Folgen hat die geschlechtsspezifische Sozialisation für Mädchen/Frauen und
Knaben/Männer?
> Teil III: Gender Studies / Geschlechterforschung: 3.1
Geschlechterdifferenz und Differenztheorien; 3.2 Wahrnehmung, Denken und
Sprache; 3.3 Einflüsse der Medien - Mediensozialisation; 3.4
Geschlechtsspezifische Sozialisation und Statistik. Nach dem Exkurs in die
Geschlechtergeschichte, der Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen
und den neuen Erkenntnissen der Geschlechterforschung, versuche ich aus dem
ermittelten Wissen Schlussfolgerungen für die (sozial-)pädagogische Praxis
abzuleiten. Ich werde Praxisbeispiele beschreiben und nach Lösungsansätzen
suchen, welche für mich und meine Arbeit mit Mädchen und Knaben (und in der
Auseinandersetzung mit erwachsenen Frauen und Männern) bedeutsam sind:
Fragestellung 4: Die einen fordern die stärkere Trennung
der Geschlechter, die anderen ein besseres Miteinander, manche betonen die
Verschiedenheit, andere möchten sie vor allem aufheben: Wie kann pädagogisches
Handeln der geschlechtlichen und individuellen Verschiedenheit gerecht werden?
Wie kann Pädagogik dabei das demokratische Prinzip der Gleichberechtigung
verwirklichen? Wo liegen meine persönlichen, pädagogischen Möglichkeiten und
Grenzen (als weibliche Sozialpädagogin) im Betreuungsalltag und in der Erziehung
von Knaben und Mädchen?
> Teil IV: Schlussfolgerungen: 4.1 Konsequenzen für die (sozial-)
pädagogische Praxis; 4.2 Schlusswort
Ich konzentriere mich in meinen Praxisbeispielen (Teil IV) auf die Altersgruppe von 7- bis 12- jährige Mädchen und Knaben, da ich in meiner beruflichen Tätigkeit vorwiegend mit Kindern der Grundschule zu tun habe. Im Geschichtsexkurs und den theoretischen Inputs war diese Abgrenzung nicht möglich, da sich auch die Fachliteratur selten auf eine Altersstufe beschränkt.
Information zur Schreibweise:
In meiner Diplomarbeit sind Frauen und Mädchen nicht einfach mit-gemeint. Nur wenn von Kindern die Rede ist, so sind Mädchen und Knaben gleichermassen betroffen resp. gemeint. Ich verwende in meinen Texten sowohl Paarformen (Bsp. Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen), als auch neutralisierende Begriffe (Bsp. Betreuende) und die Kurzformen (Bsp. LehrerInnen, BetreuerIn). Vielleicht ist diese Schreibweise für manche LeserIn noch ungewohnt oder sogar umständlich. Ich werde in Kapitel 3.2 Wahrnehmung, Denken und Sprache genauer erläutern, weshalb mir eine geschlechtergerechte Sprache ein Anliegen ist.
Teil I: Exkurs in die Geschichte
Hat das Geschlecht eine Geschichte? Oder hat jedes Geschlecht eine andere Geschichte beziehungsweise andere Geschichten? Durch welche Einflüsse haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte die Geschlechterrollen gewandelt?
1.1 Geschlechterrollen im Wandel historischer Epochen
„Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum
nennen.
Ein durch Zeit und Raum begrenzter Teil.“
Albert Einstein
Sozialisation bezeichnet einen lebenslangen Prozess, in dessen Verlauf ein Individuum in die Gesellschaft eingegliedert wird, beziehungsweise sich aktiv eingliedert. Der Mensch erlernt und verinnerlicht die in der Gesellschaft geltenden sozialen Normen, Werte, Regeln, Rollenerwartungen usw. Dieser Lernprozess geschieht immer in Abhängigkeit mit der dinglichmateriellen Umwelt, in welche der Mensch hineingeboren wird. Neben den individuellen Bedingungen (z.B. der Geschlechtszugehörigkeit) und den sozialen Faktoren (z.B. Milieu, Schicht) wandeln sich diese Einflüsse mit dem Geiste der Zeit und sind auch historisch zu betrachten. Auf diese historischen Einflüsse möchte ich in diesem Kapitel eingehen. Aus Platzgründen werde ich im Folgenden nur die, für meine Arbeit relevanten, Hauptthemen skizzieren und den Exkurs auf Europa eingrenzen.
1.1.1 Ursprung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung
Wir können davon ausgehen, dass in der frühen
Menschheitsgeschichte die Mehrheit der Bevölkerung den ganzen Tag damit
beschäftigt war, die notwendigen Lebensmittel zu beschaffen und zu produzieren.
Da es noch keine Möglichkeit zur Geburtenkontrolle gab, waren die Frauen -
solange sie aufnahmefähig waren - andauernd schwanger oder hatten einen
Säugling, der gestillt werden musste.
„Es muss damals ökonomischer und praktischer gewesen sein, dass die Frauen
jene Arbeiten übernahmen, die sich mit Schwangerschaft, Geburt und Stillen
vereinbaren liessen. Dies waren die Arbeiten, die im Haus und nahe am Haus zu
erledigen waren, also die Hausarbeit. Aus eben solchen ökonomischen Gründen
mussten wohl die Männer die Arbeit ausser Haus übernehmen. Das war zunächst die
Jagd, danach der Feldbau. Da diese Aufgaben gelernt werden mussten, muss es auch
ökonomischer gewesen sein, dass nicht alle Kinder für alles ausgebildet wurden,
sondern die Mädchen für die Arbeiten im Haus und die Jungen für die Arbeiten
ausser Haus. Die Hausarbeit war noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts eine Art
Wissenschaft gewesen: man musste wissen, wie man Nahrung konserviert, Kleidung
herstellt (also spinnen, weben, nähen), u.a.m. Auch die Pflege von Säuglingen
ohne Milchpulver, Säuglingskost in Gläsern, Papierwindeln usw. war etwas, was
einer Ausbildung bedurfte.“ Gisela Ulmann, in: Über den Umgang mit Kindern.
1987
Die Arbeit im und nahe beim Haus war also genauso langwierig zu erlernen wie die Arbeit ausser Haus. Damit eine gesellschaftliche Entwicklung stattfinden konnte, muss es damals notwendig gewesen sein, dass die Arbeit und die „Ausbildung“ geschlechtsspezifisch aufgeteilt wurden. Ob in der Urgesellschaft die hausnahe Arbeit (sammeln etc.) anders bewertet wurde als die Arbeit ausser Haus (z.B. jagen), ist schwer zu beurteilen. Viele WissenschaftlerInnen sind sich heute jedoch einig, dass unsere jagenden und sammelnden VorfahrInnen in nahezu gleichberechtigten Verbänden zusammenlebten. Es wird davon ausgegangen, dass diese Gleichheit mit der Erfindung des Pflugs und des damit verbundenen Sesshaftwerdens zerstört wurden. Erst mit dem Beginn der Landwirtschaft, der Anhäufung und Verteidigung von Privatbesitz ging der Frau ihre einstige entscheidende Rolle in der Produktion sowie ihre soziale Stellung verloren. vgl. Helen Fisher, in: Das starke Geschlecht. 2000
Ich kann mir auch vorstellen, dass die ökonomischen Notwendigkeiten in der Urgesellschaft zu Verselbständigungen führten, weil die männlichen Arbeiten mit gewissem Prestige und Macht verknüpft wurden, welche die Männer nicht mehr aufgeben wollten. In der Theoriebildung, wird der Begriff geschlechtsspezifische Arbeitsteilung jedoch erst mit der soziokulturellen Wende (> industrielle Revolution) angewendet, nämlich:
„In dem Masse, wie im 19. Jh. mit Bildungsrevolution und Industrialisierung die Berufsarbeit von der Wohnung abgetrennt wurde und sich die Berufstätigkeit professionalisierte, begann sich der weibliche Anteil am Erwerb des Familieneinkommens auf häusliche, reproduktive Tätigkeiten zu beschränken.“ Prof. Dr. Johannes Kramer, in: Metzler Lexikon. Gender Studies. 2002. S. 21
Ich gehe davon aus, dass diese (damals notwendige) geschlechtsspezifische Arbeitsteilung schon in der frühen Menschheitsgeschichte die geschlechtsspezifische Erziehung der Mädchen und Knaben beinhaltete. Diese ursächlichen Bedingungen führten zu den noch heute wirksamen geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen und den traditionellen Rollenbildern, obwohl eine derartige geschlechtsspezifische Arbeitsteilung heute nicht mehr notwendig wäre.
[...]
Arbeit zitieren:
Sozialpädagogin HFS Gabrielle à Porta, 2003, typisch Mädchen? typisch Knaben? kulturelle Geschlechterfabeln! , München, GRIN Verlag GmbH
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