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Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung 3
1. Krankheit im Mittelalter 8
1.1. Sichtweisen von Krankheit im Mittelalter 8
1.2. Das Fürsorgewesen im mittelalterlichen Abendland 11
2. Der Umgang mit Lepra im Spiegel der Quellen 15
2.1. Religiöse Argumentation des Mittelalters 15
2.2. Medizinische Sicht und Therapie der Lepra 19
2.3. Reglementierungen 25
2.3.1. Die Lepraschau 26
2.3.2. Orte der Absonderung: Die Leprosorien 30
3. Fazit: Der Lepröse - ausgegrenzt oder umsorgt? 38
Literatur - und Quellenverzeichnis 41
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Einleitung
Die Lepra war der Schrecken des Mittelalters, denn sie entstellte den Infizierten auf grausame Weise und bedeutete ein langsames Dahinsiechen. Lange Zeit galt sie als hochinfektiös, was sie in den Augen der Menschen noch schrecklicher erscheinen ließ. Die mittelalterliche Medizin war mit ihr überfordert. Lediglich allgemeine Therapievorschläge nach diätischen Gesichtspunkten wurden unterbreitet, wie etwa bestimmte Nahrungsmittel oder Unkeuschheit zu meiden. Die einzige Möglichkeit, die Ausbreitung der Lepra zu verhindern und die Gesunden zu schützen, schien die Ausgrenzung der Erkrankten zu sein. Zum Vorbild nahm man sich das Alte Testament, in dem Aussätzige von der Gemeinschaft abgesondert leben mussten, da sie die Siedlungen nicht mit ihrer „Unreinheit“ verunreinigen sollten.
Lepra ist eine chronische, durch Tröpfchen und Schmutz übertragbare Krankheit, die nicht direkt zum Tode führt. An ihr leiden heute, Schätzungen der WHO zufolge, noch immer ca. 15 Millionen Menschen, vor allem in tropischen Gebieten wie Afrika, Indien und Mittel- und Südamerika. 1 Lepra war und ist vor allem eine Krankheit der Armen und ihrer unhygienischen Lebensverhältnisse. Obwohl jährlich etwa 600.000 Neuerkrankungen gemeldet werden, erfüllt Lepra nach den heutigen medizinischen Maßstäben jedoch keine Seuchenkriterien 2 . Inzwischen ist die Krankheit zwar heilbar, doch ist es immer noch nicht möglich den Erreger, das Mycobacterium leprae, in vitro zu kultivieren. Dadurch ergeben sich einige Probleme bei der Arzneimittelforschung, vor allem auch, da der vom Norweger Gerhard Henrik Armauer Hansen 1873 entdeckte Erreger nur für den Menschen pathogen ist. 3 Die Inkubationszeit ist eine weitere Besonderheit, sie kann von wenigen Monaten bis zu 40 Jahren reichen. 4 Ein gesundes Immunsystem kann den Erreger meist abwehren. Versagt allerdings die Immunabwehr, kommt es zu einer Erkrankung; die Lepra tritt in ihrer tuberkuloiden Form auf und befällt das Haut- und Nervengewebe. De- und hyperpigmentierte, meist gerötete und gefühllose Flecken entstehen. An Nacken und Gliedern bilden sich Knoten durch Aufreibungen der Nervenstränge. Geschwüre und Nekrosen können aufgrund mangelnder Versorgung des Gewebes
1 Winkle, Stefan: Geisseln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen, 3., verbesserte Aufl.,
Düsseldorf 2005, S. 1.
2 Jankrift, Kay Peter: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, Darmstadt 2003, S. 114. Definition
Seuche: Eine Seuche ist nach medizinischer Definition eine plötzliche Erkrankung vieler Menschen
an einer Infektionskrankheit. Es wird je nach zeitlicher und geographischer Ausdehnung in Endemie,
Epidemie und Pandemie unterschieden. Nach: Jankrift, Heilkunde, S. 79.
3 Jankrift, Kay Peter: Mit Gott und schwarzer Magie. Medizin im Mittelalter, Darmstadt 2005, S.
119.
4 Jankrift, Heilkunde, S. 115.
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zum Verlust von Fingern und Zehen führen. Die Lähmung ganzer Muskelgruppen kann eine Klauen- oder Krallenhand hervorrufen. Die Gefühlsempfindlichkeit für Schmerz und Temperatur nimmt stetig ab, bis der Erkrankte schließlich keinerlei Temperatur- und Schmerzempfinden mehr besitzt. Wenn das Immunsystem kaum oder gar nicht auf den Erreger reagiert, kommt es zur lepromatösen Form der Erkrankung. Der Bazillus kann sich ungehemmt im ganzen Körper verbreiten. Es entstehen knotige Einlagerungen und braunrote, gefühllose Flecken, zu Beginn insbesondere im Gesicht. Wenn die Knoten aufbrechen, bilden sich Geschwüre, die unter Narbenbildung nur langsam abheilen und so das Gesicht verzerren. Zusammen mit der geschwollenen Nase, den aufgedunsenen Lippen und dem Haarausfall, besonders an den Augenbrauen, kommt es zu einem völligen Verlust jeglicher Mimik. Der Erkrankte erhält starre maskenhafte, mitunter lüsterne Züge. Der Zerfall spielt sich auch im Innern, in Mund und Nase ab. Blutiger Schnupfen, Zahnausfall und eine raue, heisere Stimme sind die Folge. Durch den Zusammenfall der Nase erhält der Kranke eine Sattelnase, welche ihm zusammen mit den fehlenden Augenbrauen ein Löwengesicht (Facies leontina) verleiht. 5 All diese Symptome machen die Reaktionen der Menschen gegenüber Leprösen verständlich. Der Erkrankte bot nach einiger Zeit einen grausigen Anblick. Forschungsstand
Nicht viele Werke beschäftigen sich ausschließlich mit Lepra. Meist ist das Thema eingebettet in den Kontext von Krankheit und Medizin im Mittelalter, Seuchengeschichte und Gesundheits- und Fürsorgewesen von Städten. Lepra: Schon 1860 befasste sich der Mediziner und Begründer der Zellularpathologie 6 Rudolf Virchow mit der Geschichte des Aussatzes, vermutlich um den Zusammenhang zwischen der Krankheit und den hygienischen Verhältnissen zu erforschen. 7 Ebenfalls eines der älteren bekannten Werke ist die Dissertation von Johannes Asen über das Leprosorium Melaten bei Köln (1908). 8 In den Dreißigern erschienen Wilhelm Frohns Untersuchungen der Siechenhäuser (1932), des Aussatzes im Rheinland (1933) und der Lepradarstellungen in der Kunst des Rheinlandes (1936) 9 . Das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt zeigte 1982 eine Ausstellung mit dem Titel „Aussatz - Lepra - Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel“, die das komplexe Thema von allen Seiten zu beleuchten versuchte. Dazu wurden unter gleichnamigem Titel ein
5 Winkle, Geißeln, S. 1/2. Jankrift, Medizin, S. 119.
6 Krankheitserklärung aus Zellveränderungen, nach: Der Brockhaus auf CD-ROM, Mannheim 2002.
7 Virchow, Rudolf: Zur Geschichte des Aussatzes, besonders in Deutschland, in: Virchows Archiv
path. Anat. 18, 19, 20, 1860/61.
8 Siehe Literaturverzeichnis.
9 Siehe Literaturverzeichnis.
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Katalog- und ein Essayband herausgegeben (1982/1986) 10 . Letzterer enthält Aufsätze, die alle Felder des Themas berühren. Kay Peter Jankrift widmete sich 1996 dem Thema des Leprosen als „Streiter Gottes“ und dem Lazarusorden zu Jerusalem, dem ersten Leprosenorden 11 . In einem Beiheft zum geschichtlichen Atlas der Rheinlande beschäftigt sich Martin Uhrmacher mit den Leprosorien der Rheinlande im Mittelalter und der frühen Neuzeit (2000). 12 Fürsorgewesen/Spitalwesen: Ein bekanntes Werk aus den 1930er Jahren zu diesem Thema ist die zweibändige Studie Siegfried Reickes über das deutsche Spitalrecht im Mittelalter (1931/32) 13 . In den sechziger und siebziger Jahren erschienen vermehrt Werke zum Entstehen und Wirken des Hospitalwesens im Mittelalter, wie die Ausführungen zum Medizinalwesen des Deutschen Ordens von Christian Probst (1969) 14 und das Standardwerk von Adalbert Mischlewski über die Geschichte des Antoniterordens (1976) 15 . Auch in den achtziger Jahren widmete man sich dem Gesundheits- und Fürsorgewesen von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten und analysierte dies an Einzelstudien. Ulrich Knefelkamp untersuchte das Gesundheits- und Fürsorgewesen der Stadt Freiburg im Breisgau (1981) 16 , gefolgt vom Heilig-Geist-Spital Nürnberg (1989) 17 . Eines der neueren Werke ist der Aufsatzsammelband von Peter Johanek, der sich mit dem städtischen Fürsorgewesen vor 1800 beschäftigt (2000). 18 Seuchengeschichte: Wie in der gesamten medizinhistorischen Forschung, befassten sich Martin Dinges: Neue Wege der Seuchengeschichte (1995) 19 und Stefan Winkle: Geißeln der Menschheit (1997) 20 mit dem Thema der Seuchengeschichte vor allem unter sozialgeschichtlichen Aspekten.
Medizin/Krankheit: In den Sechzigern erforschte man zu diesem Thema unter anderem den Einfluss der arabischen Medizinalliteratur auf das lateinische Mittelalter, wie etwa die Werke von Heinrich Schipperges (1964) 21 und Gotthart Strohmaier (1969) 22 . Die medizinhistorische Forschung wandte sich in den neunziger Jahren den Kranken und der Krankheit im Mittelalter unter vermehrt
10 Aussatz-Lepra-Hansen-Krankheit, siehe Literaturverzeichnis.
11 Jankrift, K. P.: Der Leprose als Streiter Gottes, siehe Literaturverzeichnis.
12 Siehe Literaturverzeichnis.
13 Siehe Literaturverzeichnis.
14 Probst, C.: Der Deutsche Orden und sein Medizinalwesen in Preußen, siehe Literaturverzeichnis.
15 Siehe Literaturverzeichnis.
16 Siehe Literaturverzeichnis.
17 Siehe Literaturverzeichnis.
18 Siehe Literaturverzeichnis.
19 Siehe Literaturverzeichnis.
20 Siehe Literaturverzeichnis.
21 Schipperges, H.: Die Assimilation der arabischen Medizin durch das lateinische Mittelalter, siehe
Literaturverzeichnis.
22 Strohmaier, G.: Arabisch als Sprache der Wissenschaft in den frühen medizinischen
Übersetzungen, siehe Literaturverzeichnis.
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sozialgeschichtlichen Aspekten zu, so wie Heinrich Schipperges: Die Kranken im Mittelalter (1993) 23 . Im 2001 erschienenen Sammelband zum Thema Randgruppen im Mittelalter 24 umreißt Jürgen Belker in seinem Aufsatz kurz und prägnant, wie der Leprakranke zwischen positiven und negativen Zuschreibungen des Mittelalters hin und her gerissen wurde. In jüngster Zeit sind vermehrt Aufsatzsammelbände und kompakte Überblickswerke sozialgeschichtlicher Sicht zu den Themen Medizin, Heilkunde, Krankheit, Tod, Fürsorgewesen und Stadt erschienen, in denen sich immer auch Abschnitte zum Thema Lepra finden. Man konzentriert sich nicht mehr nur auf die Geschichte von Institutionen, sondern es geht viel mehr um den damaligen Menschen, seine Lebensumstände und Motive, um den Versuch, ihn durch die überlieferten Quellen hindurch zu betrachten. Allen voran ist hier Kay Peter Jankrift zu nennen, dessen Bücher über Krankheit (2003) 25 und Medizin (2005) 26 im Mittelalter ausführlich und dennoch für den interessierten Laien leicht zu verstehen sind. Quellenlage
Es sind kaum Selbstzeugnisse von Leprakranken überliefert. Von den Kranken des Mittelalters existieren generell nur wenige persönliche Niederschriften, es sei denn über die Pest, und auch erst mit Beginn der Verschriftlichung des Städtewesens im ausgehenden 14. Jahrhundert. Etwas mehr taucht das Thema Lepra dafür in erzählenden Quellen wie Annalen, Chroniken und Heiligen- und Wunderberichten auf. Sehr viele Viten enthalten mindestens eine Wunderheilung eines Leprösen. Solche Quellen sind allerdings aufgrund ihrer vorgegebenen Schemata und Stilelemente mit Vorsicht zu genießen, es sind eben keine objektiven Berichte. Aus ihnen kann man jedoch ersehen, welchen positiven und negativen Zuschreibungen die Leprösen ausgesetzt waren. Die mittelalterliche Dichtung bedient sich ebenfalls solcher Sichtweisen, wie etwa Hartmann von Aue in seinem „Armen Heinrich“ 27 . In dieser Prosalegende wird der wohlhabende Heinrich von Gott mit Aussatz gestraft; Heinrich nimmt die Krankheit schließlich an, verzichtet auf eine Heilung durch Jungfrauenblut und erweist sich dadurch würdig, von Gott geheilt zu werden. Woran es kaum mangelt, sind etwa Bildquellen mit religiösen Themen wie der vom Aussatz geschlagene Hiob, der arme Lazarus oder Jesus, der Aussätzige heilt, ebenso wie Darstellungen von Heiligen wie Elisabeth von Thüringen oder Martin von Tours, welche sich um Aussätzige gekümmert haben sollen. Diese passen zu
23 Siehe Literaturverzeichnis.
24 Hergemöller, Bernd-Ulrich: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, siehe
Literaturverzeichnis.
25 Jankrift, K. P.: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, siehe Literaturverzeichnis.
26 Jankrift, K. P.: Medizin im Mittelalter, siehe Literaturverzeichnis.
27 Siehe Literaturverzeichnis, gedruckte Quellen.
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den zahlreichen Bibelstellen, von denen wohl die Gesetze über Feststellung und Reinigung vom Aussatz im Alten Testament 28 , das Buch Hiob 29 und die Geschichte vom armen Lazarus 30 (Lk 16,19-31) sind. Allerdings ist hier zu beachten, dass nicht unbedingt Lepra gemeint sein muss, wenn von Aussatz die Rede ist; schließlich handelt Lev 15 von Aussatz an Häusern. Es sind auch einige medizinische Traktate überliefert, die sich unter anderem mit dem Thema Aussatz befassen 31 . Konzilbeschlüsse 32 und Leprosenordnungen sind sehr viele erhalten, sie sollten unter anderem das Leben der Leprösen regeln. Letztere Quellen lassen sich aufteilen in Landesordnungen, Ordnungen einzelner Leprosorien und Ordnungen, welche die Lepraschau betreffen.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der Lepröse in der mittelalterlichen Stadtgesellschaft. Ich werde mich deshalb auf die Städte konzentrieren, weil es hier Leprosorien und Lepraschauen gab, und somit auch ausreichend Quellen; auf dem Land wohnten die Leprösen meist in Feldhütten oder zogen als Wanderbettler umher. Zeitlich grenze ich das Thema auf das Hoch- und Spätmittelalter ein, da sich mit dem Aufblühen des Städtewesens ab dem 12. und 13. Jahrhundert vermehrt Quellen zu Leprösen und deren Reglementierung finden lassen. Ich kann aufgrund der Quellenlage nur von den obrigkeitlichen Maßnahmen und den medizinischen Sichtweisen auf das Leben der Leprösen schließen, folglich ist es ein Blick von außen. Ich hoffe dabei aber, von diesen auf die Lebensumstände des Leprösen schließen zu können. Meine Hauptfragen sind dabei: Wurde er in der mittelalterlichen Stadt ausgegrenzt oder eher umsorgt? Wie stark verhielt es sich mit der Ausgrenzung? War die Lepra etwas Besonderes für die Menschen im Mittelalter oder etwas Alltägliches?
Im ersten Kapitel werde ich mich mit Krankheit im Mittelalter allgemein auseinandersetzen, um dies später mit Lepra vergleichen zu können. Welche Sichtweisen von Krankheit gab es? Wie war das Fürsorgewesen beschaffen, insbesondere das bürgerliche Spitalwesen und die medizinische Versorgung? Und welche Motive gaben Anlass zur Fürsorge? Ökonomische? Religiöse? Das zweite Kapitel behandelt den Umgang mit Lepra im Mittelalter. Anhand von Quellen versuche ich die folgenden Fragen zu beantworten: Wie sah die medizinische Sichtweise aus? Welche religiösen Argumente wurden vorgebracht?
28 Lev 13 und 14.
29 Besonders Hiob 2, 1-7.
30 Lk 16, 19-31.
31 Wie beispielsweise ‚Das Feldbuch der Wundarznei’ von Hans von Gerstdorff (1517) oder
‚Heilkunde’ von Hildegard von Bingen (12. Jh.).
32 So zum Beispiel über die eherechtliche Stellung der Leprösen.
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Welche Reglementierungen gab es? Wie wurde das Leben der Leprösen reglementiert? Welchen Einfluss hatten hier medizinische und religiöse Sichtweisen? Weshalb gab es Ordnungen? Sind Unterschiede zu den allgemeinen Spitälern vorhanden? Ich werde mich, aufgrund der schon genannten Quellenlage, vornehmlich mit Leprosenordnungen beschäftigen, um meine Hauptfragen zu beantworten.
Im dritten Kapitel, welches gleichzeitig das Fazit bildet, trage ich die Ergebnisse aus den vorigen Kapiteln zusammen und versuche daraus die oben genannten Hauptfragen zu klären. Außerdem: Welchen rechtlichen Stand hatte der Lepröse? Welchen sozialen? Wurde er eingereiht in die allgemeine Fürsorgepflicht? Oder gab es Unterschiede zu den normalen Kranken? Sind Unterschiede zu allgemeinen Sichtweisen von Krankheit auszumachen?
1. Krankheit im Mittelalter
Krankheit und Tod gehörten unmittelbar zum Alltag der Menschen des Mittelalters und nahmen eine zentrale Rolle in der Gesellschaft ein. Der Mönch Notker im Kloster St. Gallen schrieb um das 9. Jahrhundert herum: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.“ Man war überzeugt, das Leben sei kurz und voller Krankheit und Leiden. 33 Etwas, dass im Spätmittelalter nicht unbedingt mehr negativ betrachtet wurde.
1.1. Sichtweisen von Krankheit
Im Mittelalter mischten sich abergläubische, medizinische und religiöse Vorstellungen über die Entstehung von Krankheiten. Zum einen galt Krankheit als von Gott gesandt, zum anderen konnte sie von bösen Kräften stammen oder, aus medizinischer Sicht, durch ein Ungleichgewicht der Säfte hervorgerufen werden. Oft traten diese Ansichten in gemischter Form auf, was im Mittelalter keinen Widerspruch darstellte.
a) Krankheit als Strafe für Sünden oder als Geschenk Gottes Die Krankheit als von Gott gesandte Sündenstrafe war fest integrierter Bestandteil der Glaubens- und Vorstellungswelt des Mittelalters: Gott strafte den Menschen mit Krankheit und nur durch Gottes Willen war Heilung möglich. Deshalb hatte der Kranke seit dem Laterankonzil von 1215 vor einer Behandlung die Beichte abzulegen. Ärzte durften erst nach der Beichte behandeln. Ebenso wie Gott, konnten auch gekränkte und erzürnte Heilige einen Menschen erkranken lassen, und zwar meist mit der Krankheit, für deren Heilung sie
33 Jankrift, Medizin, S. 9-11
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‚zuständig’ waren. Heilige wurden um Heilung angefleht, wenn die Heilkundigen versagten. Vom 9. Jahrhundert an ist ein Kult um vierzehn heilige Nothelfer belegt. 34
Allerdings schien sich im Hoch- und Spätmittelalter ebenfalls die Auffassung durchzusetzen, dass Gott den Menschen nicht bestrafe, sondern ihm seine Liebe zeige, wenn er ihn leiden lasse. Denn Jesus, sein Sohn, habe ebenso leiden müssen. 35 Armut und Krankheit erschienen als Geschenk Gottes, als eine Auszeichnung, als Nachfolge Christi. Durch die „väterliche“ Züchtigung wurde der Kranke von seinen Sünden gereinigt und vor neuen bewahrt. Krankheit als „geistliche Arznei“ zeigte die Schwächen des Körpers und machte die Seele stark. 36
b) Krankheit aufgrund böser Kräfte
Trotz religiöser Frömmigkeit konnte eine Krankheit in der mittelalterlichen Vorstellung auch die Folge eines bösen Zaubers sein. Man glaubte daran, dass Hexen und Zauberer durch die Magie sowohl Krankheiten herbeirufen wie auch verschwinden lassen konnten. Dadurch ergab sich aber auch für Herrscher die Möglichkeit, Erkrankungen oder gar plötzliche Todesfälle auf den Einfluss böser Kräfte zurückzuführen und eben nicht als Zeichen göttlicher Strafe anzusehen. Ärzte, Kleriker und Juristen beschäftigten sich über mehrere Jahrhunderte hinweg mit dem Thema „Krankheit und Hexerei“. Mönche und Heilkundige ersonnen komplizierte Rituale, welche mit zauberspruchähnlichen Gebeten und heilsamen Wirkstoffen dem bösen Zauber ein Ende bereiten sollten. Den Körperüberresten von Hingerichteten sagte man besondere Heilkräfte nach. Aus den so genannten „Mumien“ fertigte man wundersame Medikamente und schützende Amulette. 37
c) Krankheit durch Ungleichgewicht im Säftehaushalt
Die Grundlage der mittelalterlichen medizinischen Lehrmeinungen bildete die von Hippokrates (460 -370 v. Chr.) entwickelte Säftelehre (Humoralpathologie). Krankheit wurde demnach zurückgeführt auf ein Ungleichgewicht in den vier Körpersäften: Blut, Schleim, schwarze 38 und gelbe Galle. Diese Säfte entstammen, nach der Vorstellung des Menschen als verkleinertes Bild des Kosmos, je einem der vier Elemente Luft, Wasser, Erde und Feuer, und jedem von ihnen werden
34 Jankrift, Medizin, S. 15-20.
35 Johanek, Peter (Hg.): Städtisches Gesundheits- und Fürsorgewesen vor 1800, Köln/Weimar/Wien
2000, S. XI.
Probst, Christian: Das Hospitalwesen im hohen und späten Mittelalter und die geistliche und
gesellschaftliche Stellung des Kranken, in: Baader, Gerhard/Keil, Gundolf: Medizin im
mittelalterlichen Abendland, Darmstadt 1982, S. 270/271.
37 Jankrift, Medizin, S. 20-23.
38 Den heutigen Medizinern ist unklar, was mit ‚schwarzer Galle’ gemeint sein sollte.
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B.A. Christine Wagner, 2007, Zwischen caritas und Ausgrenzung?, München, GRIN Verlag GmbH
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