Kindertontr ager im Musikunterricht 1
Inhaltsverzeichnis
1 Theoretische Betrachtungen zu Musikgeschichte und deren
Vermittlung 2
1.1 Das Interesse wecken 3
1.2 Mehrdeutigkeit von Geschichte(n) 4
1.3 Unterscheidung von geschichtlichen Fakten und Mythen 5
1.4 Gegenwartsbezug anstatt eigenst andiger Geschichten 7
1.5 Der Einsatz verschiedener Medien 8
2 Vorstellung der verwendeten Medien 11
2.1 CD Wir entdecken Komponisten: Joseph Haydn“ 11
2.2 Radio-Episode Klassik f ur Kinder: Joseph Haydn“ 12
3 Unterrichtsbeispiel zu Joseph Haydn und der 94. Sinfonie 14
Quellenverzeichnis 18
2 Kindertontr¨ ager im Musikunterricht
1 Theoretische Betrachtungen zu Musikge-
schichte und deren Vermittlung
Neben einer Anzahl von Bereichen, die im Musikunterricht vermittelt werden wollen, z¨ ahlt auch der eher wissenschaftlich angelege Zweig der Musikgeschichte.
Die Entwicklungsgeschichte der Musik mit all ihren Eigenheiten und seltsamen Wandlungen im groben, aber auch konkrete Musikerschicksale im feineren spielen hierbei eine Rolle. Hinzu kommen zeitspezifische Voraussetzungen, etwa politischer Natur und auch der Stand der jeweiligen Wissenschaft und Technik, was Instrumente und deren Bau und Spielweisen betrifft. Schliesslich haben auch konkrete Kompositionen und Melodien, die ” man eben so kennt“
in der Musikgeschichte ihren Ankerpunkt, wiederum mit ihrer ganz eigenen Hi-storie. Geschichte im allgemeinen und Musikgeschichte im besonderen ist also etwas, das zu erfassen die Besch¨ aftigung mit einer Vielzahl von historischen Ereignissen und Betrachtungsweisen erzwingt. Erschwerend kommt hinzu, dass Kausalit¨ aten oft nicht eindeutig sind, da jeder Wendepunkt, jede Komposition, jeder Herrscher mit seinem Willen und jeder Musiker mit seinen pers¨ onlichen Eigenarten auf die Gesamtentwicklung der Musikgeschichte einwirkt. Einzel-vorkommnisse f¨ uhren zu Situationen, welche das Umfeld formen, in dem etwas musikalisches geschaffen wird, welches wiederum die Ausgangslage f¨ ur alle ¨ andert. Musikgeschichte ist also vergleichbar mit einem Netz von Ursachen und Wirkungen, die so dicht und undurchschaubar scheinen, dass besondere Sorgfalt geboten ist, um nicht falsche oder vereinfachte Schl¨ usse zu ziehen, sondern einen tats¨ achlichen Eindruck zu gewinnen, welche (Um-)Wege die Kunst der Musik zur¨ uckgelegt hat und immer noch zur¨ ucklegt. Neben diesen ganzen Schwierigkeiten bei der Besc¨ aftigung mit historischer musikalischer Entwicklung darf nicht vergessen werden, dass der Betrachter beim Studieren der Musikgeschichte viele andere Aspekte der Geschichte erf¨ ahrt, die nicht unbedingt direkt etwas mit Musik zu tun haben, aber als Hintergrundinformationen von Bedeutung sind. Somit erf¨ ahrt der Spurenleser der Musikgeschichte zus¨ atzlich etwas ¨ uber politische Geschichte, V¨ olkerkunde,
Kunstgeschichte und den Zusammenh¨ angen sonstiger historischer Ereignisse. Schlagen wir die Br¨ ucke zur¨ uck zum Musikunterricht, dann stellen wir fest,
3 Kindertontr¨ ager im Musikunterricht
dass die Umsetzung nicht so einfach ist. Die Sch¨ uler bringen unterschiedliches Vorwissen mit, auch unterschiedliches Interesse am Fach an sich. Um im Unterricht einige dieser Ziele den Sch¨ ulern nahezubringen und einige der angegebenen Erfolge zu realisieren, sollten ein paar bestimmte Gesichtspunkte bewusst wahrgenommen und beachtet werden.
1.1 Das Interesse wecken
Um sich intensiv mit Geschichte auseinanderzusetzen ist ein gewisses Grundinteresse an historischen Ereignissen und Zusammenh¨ angen hilfreich, wenn nicht sogar erforderlich. Dieses Interesse bringt nicht jeder mit, schon gar nicht jeder Sch¨ uler, die selbst h¨ aufig noch auf der Suche nach den eigenen Interessen sind und aus v¨ ollig verschiedenen Gr¨ unden im Unterricht sein k¨ onnen. Der Rostocker Musikdozent Dr. Hartmut M¨ oller spricht in seiner Er¨ offnungsrede der 24. Bundesschulmusikwoche 2002 sogar von einer europ¨ aischen Denktradition der Ablehnung von Geschichte und histrischem Bewusstsein. Er sieht dies in ¨ Ausserungen Nietzsches und anderen Philosophen und Dichtern begr¨ undet, die alle auf ¨ ahnliche Weise die Geschichte als Entwurzelung der Zukunft und damit Zerst¨ orung von Illusionen darstellen. Sie verhindert die heroische Anstrengung von einzelnen Menschen und m¨ usse demnach ernstlich verhasst sein. 1 Wie soll es also gelingen, junge Menschen f¨ ur das Herumkramen in den Tr¨ ummern der Vergangenheit zu begeistern?
Der Dozent f¨ ur Musikp¨ adagogik Hans B¨ aßler weist darauf hin, dass die Tradition der Schule, korrekte Fakten zu vermitteln, dem eher noch hemmend entgegensteht. Geschichte ist immer verschwommen, da es lange her ist und sich kaum einer ganz genau erinnern kann. Soll die Neugier der Sch¨ uler auf das Entdecken von l¨ angst Vergangenem geweckt werden, muss auch der Irrtum in gewissem Masse mit einkalkuliert und vor allem zugelassen werden. Beim Lesen von Tagebucheintr¨ agen einiger Komponisten kann man feststellen, dass der menschliche Eindruck, den der gew¨ ahlte Komponist bei den Sch¨ ulern bekommt, durchaus unterschiedlich sein kann. Betrachtet man zus¨ atzlich Zeichnungen oder die Briefe dritter ¨ uber die gewisse Person, so kann das entstandene
1 M¨ oller, Hartmut, Dr: Vortrag bei der Er¨ offnungsfeier der 24. Bundesschulmusikwoche
2002 in Hasse/Saale.
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Bild so widerspr¨ uchlich sein, dass grosse Verwirrung aufkommt. In der Psychologie ist eine ganze Reihe von Wahrnehmungsfehlern bekannt, die dazu f¨ uhren, dass leicht abgewandelte, ¨ ubertriebene, vermutete, halbwahre und tats¨ achliche Informationen entstehen, deren Wahrheitsgehalt schwer nachzuweisen ist. Werden diese miteinander vermischt bei dem Versuch, mehrere hundert Jahre sp¨ ater ein genaues Bild abzugeben, so wundert sich niemand mehr, dass Widerspr¨ uche auftauchen.
Viel spannender w¨ are es doch, mit den Sch¨ ulern zu fragen, welche Geschichten uns die Musik und deren Vergangenheit zu erz¨ alen hat von den Menschen in deren allt¨ aglichen Lebenssituationen. Dass diese Geschichten nicht immer 100% korrekt sind, hindert nicht daran, durch sie einen lebendigen Eindruck von dem Leben zu erhalten, welches Wegbereiter f¨ ur das eigene in der Gegenwart ist.
1.2 Mehrdeutigkeit von Geschichte(n)
Was soll oder kann man aus der Geschichte ¨ uberhaupt lernen? Es gibt doch
historische Beispiele f¨ ur alles m¨ ogliche!
Ist die Wissenschaft der Geschichte gleich der erz¨ ahlenden Geschichte? Wo liegt die Trennlinie bei der Besch¨ aftigung mit Geschichte im (Musik-) Unterricht?
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es in der Tat keine Geschichtswis-
senschaft
als solche. Wissen, Traditionen, Erfahrungen, historische ” wurden mit Hilfe von Erz¨ ahlungen, Geschichten ¨ ubertragen. Was wir heute
unter dem Begriff der Geschichte als humanwissenschaftlichen Zweig kennen, bestand aus den Dingen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.
Die Historie der Menschheit besteht also nicht aus einer konkreten, wahren, faktenbasierten Geschichte, sondern vielmehr aus unz¨ ahligen einzelnen Geschichten. Da diese durch die Jahrhunderte kontinuierlich bewusst und unbeabsichtigt gef¨ arbt, ¨ ubertrieben und verk¨ urzt wurden, sind die Fragmente unserer Vergangenheit h¨ aufig nicht deckungsgleich und es gibt verschiedene Diskripanzen. Es erscheint auch logisch, dass dies so ist, denn jede der Teil- Geschichten konnte gar nicht aus einer einzelnen Wahrheit bestehen, da sie
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regional unterschiedlich immer wieder die unmittelbare Sichtweise einer Person oder Gruppe wiederspiegelte. Ebenso wie den Einblick in den Sachverhalt selbst, liefern diese Erz¨ ahlungen ebenso Einblick in die Lebensumst¨ ande der entsprechenden Zeit.
Auf diese Weise kommt auch der franz¨ osische Dichter und Philosoph Paul Val´ ery auf die folgende Aussage: ” Die Geschichte rechtfertigt, was man will.
Sie lehrt nicht das Geringste, denn sie enth¨ alt alles und es gibt Beispiele f¨ ur alles.“
Und auch heute enth¨ alt die mit Hilfe der Geschichtsschreibung fixierte Geschichte nicht die reine Wahrheit. Wie fr¨ uher die einzelnen ¨ uberlieferten
Geschichten zu grossen Teilen vom Author abhingen, so ist die heutige Geschichtsschreibung abh¨ angig von der aktuellen politischen Lage, der allgemeinen Weltanschauung und von anderen Faktoren. Eine einzige wahre Version der Geschichte existiert nicht.
Die Kunst besteht also darin, die vielen Mosaikteilchen, welche die eine Geschichte bilden, so anzuordnen, dass ein Bild entsteht, welches der Vorstellung der Wahrheit so nah wie m¨ oglich kommt. Und das gilt f¨ ur den Fokus der Musikgeschichte wie f¨ ur alle anderen Blickrichtungen in die Vergangenheit. In der Schule sollte es also m¨ oglich sein, sich etwas von der Erwartung einer einzig richtigen“ Geschichte zu l¨ osen, und statt dessen einen Gesamteindruck
”
zu bekommen von der allgemeinen historischen Lage, zusammengesetzt aus den Blickwinkeln, die zur Verf¨ ugung stehen.
1.3 Unterscheidung von geschichtlichen Fakten und
Mythen
Wie im vorigen Abschnitt schon betrachtet, enthalten erz¨ ahlte Geschichten, die einen Grossteil der Basis unseres heutigen Wissens ¨ uber l¨ anger zur¨ uckliegende
Ereignisse bilden, immer auch fiktive Elemente. Es ist auch bekannt, dass dies meist nicht in b¨ oser Absicht geschieht, sondern eine nat¨ urliche Fehlerquelle ist, bei dem Versuch, historische Begebenheiten in erz¨ ahlender Form wiederzugeben. Es wird davon gesprochen, ” narrativ“ zu berichten, also mindestens
2 zeitlich verschiedene Ereignisse miteinander in Bezug zu setzen. Somit soll eine m¨ oglichst kontinuierliche Entwicklung des Geschehens deutlich werden.
Arbeit zitieren:
Bertram Becker, 2008, Der Einsatz von Kindertonträgern zur Vermittlung von Musikgeschichte am Beispiel der 94. Sinfonie Joseph Haydns, München, GRIN Verlag GmbH
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