Was sind Ausstellungen? Welche Ziele verfolgen sie? Was tragen Ausstellungen zu der Wissenschaft bei? Mit welcher Intention geht der Besucher in eine Ausstellung?
Einen Teil dieser Fragen möchte in diesem Essay auf den Grund gehen. Ich persönlich verbinde mit dem Begriff „Ausstellung“ immer einen wissenschaftlichen Diskurs, der durch Vergegenständlichungen Positionen dieses Diskurse erarbeitet und ansprechend aufzeigt. Gegenstände sind in einer Ausstellung Medien, die bestimmte Informationen an den Besucher weitergeben sollen. Doch wie äußert sich die Wissenschaftlichkeit in einer Ausstellung? Wissenschaftlichkeit äußert sich durch die methodische Herangehensweise an ein Thema oder einem Diskurs. Dabei spielt die Transparenz eine wichtige Rolle. Gerade in Ausstellungen muss diese Tranzparenz gegeben sein. Für den Besucher muss ersichtlich sein, auf was der Ausstellungsmacher oder Wissenschaftler hinaus will. Wissenschaft ist immer an eine Intention gebunden, sonst würde sie keinen Sinn ergeben. Meist eignen sich Fragestellungen für einen wissenschaftlichen Zugang zu einem Thema. Ausstellungen werden demnach oft mit einem Motto oder einer Überschrift versehen, die den Besucher auf das vorbereitet, was (auf-)gezeigt werden soll. Diese Überschrift oder dieses Thema zieht sich idealerweise wie ein roter Faden durch die Ausstellung und stellt somit die nötige Tranzparenz dar, die für die Wissenschaftlichkeit notwendig ist.
So behandelt die Ausstellung „Körperwelten“ die Anatomie des Menschen. Als eine Ausstellung, die in ihrer Art das erste Mal 1995 in Japan statt fand, will sie dem Besucher die Funktionsweisen des menschlichen Körpers durch Plastinate und Präperate näher bringen. Besonders das Konzept der Ausstellung „Körperwelten“ lebt davon das Dargestellte zu kontextualisieren und inszenieren. Im Gegensatz zu den Museen Anatomica, die eher einer wissenschaftlich- medizinischen Sammlung gleichen als einer Ausstellung, beruht „Körperwelten“ auf ein Konzept, dass den Besucher in erster Linie, neben der Bildung, auch unterhalten will. In einem Museum Anatomicum sind Plastinate und Präperate zu
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sehen, die zur Erforschung des menschlichen Körpers im Rahmen der Lehre angefertigt worden sind. Im Laufe der Jahre hat sich daraus eine Sammlung entwickelt, die auch für die Bevölkerung außerhalb des Lehrrahmens zugänglich gemacht wurden ist. Die Objekte, die im Museum Anatomicum zu sehen sind, bedürfen keiner Inszenierung und sprechen für sich selbt. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu der Ausstellung „Körperwelten“. Hier werden die Plastinate in einem lebensnahen Kontext gestellt, um diverse anatomische Prozesse zu vergegenwärtigen 1 . Diese Inszenierung steht in der Gefahr die Wissenschaftlichkeit in den Hindergrund geraten zu lassen. Gunther von Hagen bedient sich bei den Szenerien, in denen die Plastinate gezeigt werden, bekannten Motiven. So hat er einige Gestalt-Plastinate so zusammengestellt, dass sie eine Szene aus James Bond`s „Casino Royale“ zeigen 2 . Ich unterstelle dieser Kontextualisierung, dass sie in erster Linie dem Sensationseffekt dient. Hier werden Leichen in einer Pose gezeigt, die auf keine anatomische Besonderheit hinweisen soll. Dieser „Show-Effekt“ besitzt für den Besucher einen Wiedererkennungswert. Weil eine solche Inszenierung gerade nicht explizit für medizinische oder anatomische Fragestellungen geeignet ist, wirkt ein solches Vorgehen unwissenschaftlich. Natürlich sind solche Szenen dafür vorgesehen, um Besucher in die Ausstellung zu locken. Schließlich wird in den Ausstellungen „Körperwelten“ anatomisches Wissen an eine „normale“ und vielleicht weniger gut gebildete Bevölkerung herangetragen. „Körperwelten“ ermöglicht, auf eine unterhaltsame Art, medizinisches und anatomisches
1 Diese Darstellung nennt man Gestalt- Plastinate: ästhetisch- instruktives Ganzkörperplastinat. Siehe auch: Von Hagen, Gunther: Körperwelten. Die Faszination des Echten (= Ausstellungskatalog Körperwelten), Heidelberg 2003,S. 37 (13. überarb. Aufl.).
2 Siehe: http://p3.focus.de/img/gen/D/C/HBDCTnH7_Pxgen_r_467xA.jpg [letzter Zugriff: 23.06.2010]
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Wissen zu vermitteln. Gunther von Hagen sieht seine Ausstellungen als einen Schritt die Anatomie zu demokratisieren 3
Einen Großteil der Plastinate bezieht er aus freiwilligen Körperspenden, die in einem eigens dafür ins Leben gerufene Programm erfasst sind 4 . Mit der Freiwilligkeit der Körperspende sind natürlich auch rechtliche Fragen abgesichert. Schaut man sich jedoch die Statistik der Menschen an, die sich für eine Körperspende bereit erklärt haben, so fällt eines sehr schnell ins Auge: Oftmals sind es Personen, die nur noch einen sehr beschränkten oder garkeinen Familienkreis haben. Der Großteil der Begründungen geht darauf zurück, dass sie nach ihrem Ableben für die Nachwelt dienlich sein wollen. In diesen Absichten könnte man den Wunsch nach einem Nutzen für diese Welt ablesen. Hier findet, meiner Meinung nach, eine Verblendung der potentiellen Spender statt. Das Projekt „ Körperwelten“ vermittelt den Personen ein falsches Bild von Opferbereitschaft. Ein Stück weit ist es vielleicht auch der Fall, aber de facto wird der Körper nach dem Ableben im schlechtesten Fall zerstückelt präsentiert. Der Körper wird dann nicht als etwas individuelles dargestellt, sondern das Gegenteil ist der Fall. Für den Anatom Gunther von Hagen ist der Körper nach dem Tod nur noch ein Objekt, an dem „rumgeschnippelt“ werden kann. Selbst wenn eine Körperspende für diese Ausstellung von einem Hauch von Großzügigkeit, Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit zeugt, so ist dies in der Präsentation der Plastinate völlig irrelevant und damit entgegen der Idee des Körperspenders.
Neben der ehrbaren Idee die Anatomie für die „normale“ Bevölkerung zugänglich zu machen, lassen doch einige weitere Punkte Zweifel in mir aufkommen, dass diese Ausstellung den wissenschaftlichen Anspruch überhaupt gerecht wird.
Wie oben schon dargestellt, bedient sich Gunther von Hagen einer bestimmten Kontextualisierung, um seine Plastinate zu zeigen. In der 3 Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=cl7PrbuvK28&feature=related [letzter Zugriff: 23.06.2010]
4 Siehe: http://www.koerperspende.de/index.html [letzter Zugriff: 23.06.2010]
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Arbeit zitieren:
Katharina Schneider, 2010, Die Ausstellung „Körperwelten“, München, GRIN Verlag GmbH
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