Essay Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt
Was ist der Unterschied zwischen den
„Naturgesetzen“ von Kiplings Dschungelbuch
und Hermann Löns Tiergeschichten im
„Mümmelmann“, „Widu“ und „Alles was da
kreucht und fleugt“?
Peter Wolter
Einführungsseminar: Kinder- und Jugendliteratur von der Gründerzeit bis zum ersten
Welkrieg
2
Was ist der Unterschied zwischen den
„Naturgesetzen“ von Kiplings
Dschungelbuch und Hermann Löns
Kurzgeschichten?
1. Geschichtlicher Hintergrund
2. Naturgesetze
2.1 Innerhalb der Geschichten
2.1.1Kiplings Dschungelbuch
2.1.2 Typische Kurzgeschichten Löns
2.2 Außerhalb der Geschichte
2.2.1 Kipling
2.2.2 Löns
3. Zusammenfassung: Unterschiede der beiden Diskurse
3
1.Geschichtlicher Hintergrund
Sowohl Kiplings Dschungelbuch als auch die behandelten Tiergeschichten von Hermann Löns sind im Zeitraum um 1900 entstanden. 1 Zu dieser Zeit findet ein Boom in der Popularität von Tierdichtung statt. Grund hierfür ist die in Mittel- und Westeuropa stattfindende Technisierung. 2 Das neu gegründete Deutschen Reich entwickelt sich durch zunehmende Mechanisierung und Modernisierung vom Agrar- zum Industriestaat. In der Urbanisierung findet eine Entfremdung des Menschens von der Natur statt: Komplexität, Schnelligkeit und Anonymität des Lebens steigen im Vergleich zum vorherigen, eher dörflichen Leben steil an. Sehnsucht zu alten Werten und Lebensgefühlen, zur Natur ist die Folge, die sich neben der Gründung diverser Naturvereine unter anderem auch in der neuen Popularität heimischer Tierdichtung ausdrückt.
Ein weiterer, brisanterer Grund liegt in dem politischen/gesellschaftlichen Interesse, das in jener Zeit zu diesem Thema aufkeimt.
Nach dem Untergang der absolutistischen Ständegesellschaft setzt sich in der öffentlichen Meinung und Politik der europäischen Nationen ein naturrechtlicher Diskurs durch, der die Gleichheit von Menschen und Kulturen behauptet. Dieser Diskurs bleibt bis ins 18. Jahrhundert einflußreich und gipfelt in der Französischen Revolution. Da sich ab dem frühen
19. Jahrhundert wieder eine Ständegesellschaft zu etablieren beginnt, was sich mit dem
naturrechtlichen Diskurs nicht vereinbaren läßt, wird eine metaphysische Erklärung stärker, die Ungleichheiten und ständische Unterschiede als „gottgewollt“ legitimiert. Die Revolutionen des 19. Jahrhunderts kämpfen im Namen des naturrechtlichen Diskurses gegen diese neu errichtete Ständegesellschaft. Letztenendes entsteht im 19. Jahrhundert aber der Imperialismus: einige europäische Länder beherrschen im Prinzip den Rest der Welt. Da der metaphysische Diskurs abgesetzt wurde (unter anderem auch, weil die von den beherrschenden Staaten angerichteten Genozide sich nicht mit dem Christentum vereinbaren lassen), dieses Prinzip beherrschender und beherrschter Völker aber auch dem ehemaligen naturrechtlichen Diskurs widerspricht, wird eine neue Rechtfertigung für diese Situation benötigt.
1 „The Jungle Book“ 1894, „The New Jungle Book“ 1895 von Rudyard Kipling
Die Kurzgeschichten Sammlungen „Mümmelmann“, „Widu“ und „Was da kreucht und fleugt“ 1909 von
Hermann Löns
4
Neue Erkenntnisse der Biologie widersprechen dem naturrechtlichen Diskurs von der Gleichheit aller Wesen (Menschen), vielmehr erkennt man, daß in der Natur eine Selektion stattfindet, ein „survival of the fittest“. Diese Erkenntnisse übertragen sich auf Politik, Recht und Gesellschaft und rechtfertigen, daß die „stärkeren“, „besseren“ Rassen über die Übrigen herrschen sollen, was ein Vorläufer des sich entwickelnden Rassismus ist. Auch die Tierdichtung ist von den neuen Erkenntnissen inhaltlich, und somit auch vom gesellschaftlichen Interesse her betroffen: ist sie im späten 18. Jahrhunderts noch eher erzieherisch, moralisch und märchenhaft 3 , findet in der Zeit um 1900 ein Paradigmenwechsel zur realistischeren, biologischeren und damit darwinistischeren Beschreibung der Welt der Tiere statt. Somit enthalten Tiergeschichten dieser Zeit den latenten Gehalt eines Gegenentwurfes zu den bisherigen Werten, einen neuen Orientierungspunkt für die Gesellschaft.
Viele Autoren benutzen dieses Medium um ihr vitalistisches Denken auszudrücken. 4
2. Naturgesetze
Mit dem Naturgesetz ist hier nichts anderes gemeint als die Reglementierung, dem Status Quo des Zusammenlebens der wilden Geschöpfe, wie es von den beiden Schriftstellern dargestellt wird.
Welche Verhaltensmuster zeigen Tiere zueinander? Gibt es so etwas wie Gesellschaft unter den Tieren und gesellschaftliche Normen? Wenn ja, welche?
2 „Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870 - 1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende.“, Peter Sprengel, München: Beck, 1998 3 Die Tiere der Tiergeschichten dieser Zeit des Biedermeier sind sehr human, töten sich nicht gegenseitig usw. Um 1900 ist das vorbei.
4 Gesellschaftlicher Bezug der Tiergeschichte entnommen aus dem Seminar „Kinder- und Jugendliteratur in der Gründerzeit bis zum ersten Weltkrieg“, Prof. Hans-Heino Ewers, Johann Wolfgang Goethe-Universität, 26.11.2002
5
Quote paper:
Peter Wolter, 2003, Was ist der Unterschied zwischen den "Naturgesetzen" von Kiplings Dschungelbuch und Hermann Löns Tiergeschichten im "Mümmelmann", "Widu" und "Alles was da kreucht und fleugt"?, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Zur Bedeutung des Hörspiels "Träume" von Günther Eich - Ein...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 19 Pages
Romance Languages - Spanish Didactics
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Kontrastive Gesprächsanalyse von deutschen und ukrainischen Telefonges...
German Studies - Semiotics, Pragmatics, Semantics
Thesis (M.A.), 149 Pages
Türken - Vorurteile und Wirklichkeit
Sociology - Culture, Technology, Peoples / Nations
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 17 Pages
The Creation of Celluloid Frankenstein: - Intermediale Transformations...
English Language and Literature Studies - Comparative Literature
Scholary Paper (Seminar), 49 Pages
Grundlagen der generativen Sprachtheorie
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Geheimnis und Detektion - Edgar A. Poes "Die Morde in der Rue Mor...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Linguistische Gesprächsanalyse am Beispiel von Talkshows im Fernsehen
Examination Thesis, 96 Pages
Vorbereitung einer Unterrichtsstunde zum Thema 'Die ökologische Ka...
Geography / Earth Science - Didactics of Geography
Lesson Plan, 18 Pages
Wie arbeitet Alfred Döblin durch die Darstellung der städtischen Thema...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 37 Pages
Die Kriegserklärung in Pleiers "Garel von dem blühenden Tal"
Eine Untersuchung über möglich...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 22 Pages
Der Selbstfindungsprozess eines Schriftstellers in Martin Walsers Bild...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Gesprächswörter im gesprochenen Spanisch
Romance Languages - Spanish Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Film und Adoleszenz in den 90ern - Katja von Garniers "bandits&qu...
German Studies - Miscellaneous
Examination Thesis, 112 Pages
Constructing "Slaughterhouse-Five"
The Interplay between Fiction,...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Peter Wolter's text Was ist der Unterschied zwischen den "Naturgesetzen" von Kiplings Dschungelbuch und Hermann Löns Tiergeschichten im "Mümmelmann", "Widu" und "Alles was da kreucht und fleugt"? is now available as a printed book
Peter Wolter has published the text Was ist der Unterschied zwischen den "Naturgesetzen" von Kiplings Dschungelbuch und Hermann Löns Tiergeschichten im "Mümmelmann", "Widu" und "Alles was da kreucht und fleugt"?
Peter Wolter has uploaded a new text
Paul Maars Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstu...
In der Grundschule und Sekunda...
Günter Lange
Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt
Die lustigen Geschichten hinte...
Rolf-Bernhard Essig, Marei Schweitzer
Ich sehe was, was du nicht siehst
Die besten Kinderspiele für un...
Birgit Brauburger, Uta Lux
Mein erstes FotoBilderBuch
Hans-Helmut Brill, Arne Birkenstock, Steffie Becker
0 comments